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Full text of "Archiv für mikroskopische Anatomie"

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ARCHIV 


für 


Mikroskopische Anatomie 


I. Ahteilung 
für vergleichende und experimentelle 
Histologie und Entwicklungsgeschichte 
II. Abteilung 
für Zeugungs- und Vererhungslehre 


herausgegeben 
von 


O0. Hertwig und W. Waldeyer 


in Berlin 


Vierundachtzigster Band 
I. Abteilung 


Mit 21 Tafeln und 96 Textfiguren 


BONN 
Verlag von Friedrich Cohen 


1914 


FREUE TE ERS 


Inhalt. 


Abteilungl. 


Erstes Heft. Ausgegeben am 10. Januar 1914. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. Von ©. A,E. Bindewald, 
(Aus dem Zoologischen Institut der Universität Halle, Direktor 
Prof. Dr. V.Haecker.) Hierzu Tafel I und 28 Textfiguren.. . 
Ein neues Verfahren zur elektiven Färbung der Bindesubstanzen. Von 
Dr. Paul Krüger. (Aus dem Zoologischen Institut der Königl. 
Landwirtschaftlichen Hochschule zu Berlin.) Hierzu Tafel II 
Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte und Oxydationsorte 
in Geweben und Zellen. Von F.W.Oelze. (Aus dem Königl. 
Zoologischen Institut der Universität Breslau. Direktor: Prof. 
Draw. Köülsenthal.) Hierzu, Tate IR r. 8.2. 3 
Über Reizwirkungen von Ffremdkörpern auf die BE Schaan der 
Hündin. Von Dr. med. vet. Kuno Krainz, k. k. Militär-Unter- 
tierarzt. (Aus der k. und k. Geburtshilflichen Klinik der Tier- 
ärztlichen Hochschule in Wien.) Hierzu Tafel IV und 3 Textfiguren 
Der ı von Golei in den Zellen des Eierstockes. Von stud. 
.. Kulesch. (Aus dem Histologischen Laboratorium der Medizin, 
. für Frauen.) Hierzu Tafel V DE ARE: 
Über Becher- und Flimmerepithelzellen und ihre Beziehungen einander 
Zur Morphologie und Physiologie der Zentralkörperchen. Von 
Dr. med.S. Tschassownikow, Professor der Histologie an 
der kaiserlichen Universität zu nk Hierzu Tafel VI und VII 
Was sind die Plastosomen? Von G uns Retzius in Stockholm. 
Hierzu Tafel VIII ; 


Zweites Heft. Ausgegeben am 12. Februar 1914. 


Die anatomischen Grundlagen für eine myogene Theorie des Herz- 
schlages. Von Dr. W. Lange, Volontärarzt. (Aus dem Anat.- 
Biol. Institut |Geheimrat Prof. Dr. Hertwig] und der Ersten 
Medizinischen Klinik [Geheimrat Prof. Dr. His] der Universität 
Berlin.) Hierzu Tafel IX und X ae Ne, % 

Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgruntsubstanz Von 
K. von Korff. Hierzu Tafel XI und 7 Textfiguren . BER 

Über Regenerationserscheinungen des Muskelgewebes bei der Meta- 
morphose von Rana temporaria. Von W. Smirnowa (St. Peters- 
burg). Hierzu Tafel XII . 


Drittes und viertes Heft. Ausgegeben am 30. März 1914. 


Untersuchungen über den Bau und die Innervierung des Dentins. Von 
Dr. phil. ©. Fritsch, Zahnarzt. (Aus dem Neurologischen Institut 
zu Frankfurt a. M.) Hierzu Tafel XIII und XIV 


Seite 


75 


215 


263 


300 


307 


IV 
Seite 
Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse in der embryonalen Leber des 
Huhns. Von R. Haff. (Aus dem Histologisch-embryologischen 
Institut der Universität München.) Hierzu Tatel XV und XVI 321 
Zur Frage über die Entwicklung der grossen Gefässe (der Aorta und 
der Art. brachialis) beim menschlichen Embryo. Von Dr. 
M.S. Masloff. (Aus dem Patholog.-Anatom. Kabinett des Prof. 
Moiseeff in der Militär-Medizinischen Akademie in Petersburg.) 
Eherze Natel XVII .'. Ss Be oh 
Über den Einfluss erhöhter Temper a anf der Kerktenlenpertdin von 
Oyclops. Von Alfred Tobias. (Aus dem Zoologischen Institut 
der Universität Halle.) Hierzu Tafel XVIII und 53 Textfiguren 369 
Die Nervenendapparate im Pericardium des Menschen und der Säuge- 
tiere. Von Prosektor Dr. W.Martynoff. (Aus dem histolog. 
Laboratorium der medizinischen Hochschule für Frauen in 


St. Petersburg.) - Hierzu‘ Tafel XP Ind RX, 77.2 en 
Das zweite Fächertracheenpaar der mygalomorphen Spinnen. Von 

B: Haller. Hierzu 3 Textfiguren . . .,. 438 
Über die Abstammung der Ossa supracleithralia von der deren be 

der Rorellez Von B. Haller ZHherzu" Tafel ART 7 a er 


Physikalische Behandlung biologischer Probleme. Von Richard Geigel. 
Hierzu. 2 "Texthguren?.” ee NN 7. Ve 


Aus dem Zoologischen Institut der Universität Halle, Direktor 
Prof. Dr. V. Haecker. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum 


Von 
C. A. E. Bindewald, 


Hierzu Tafel I und 25 Textfiguren. 


Inhalt: Seite 
Ener EB EEE ASTERYRT il 
2aGeschichtlichese 22.222: AB HR N EEE TER SE 3 
3. Material und Technik . . ar Te 5 
4. Äussere Morphologie des ee denhirns na die Ventil ee Fe re N 
3 Zellansrinuner-imt Vorderbirn .. #2... N a a ae 7 
GmlDieyHaserzuser, ars near: EIN Te isch a TEL 70) 
7. Zur Histologie . .. . KERN ALEATAS 
8. Zusammenfassung der Baobaakungent nd Dissnssionen 1a AR Ae 6 
VEN HESRER IRB, on ee Pe a ET En ER Re RL Be er oje) 
INES EN A N er BE MESSE FAR GERFEHE WIGTIN, 

Einleitung. 


„Das Amphibiengehirn ist das einfachste Gehirn, das in der 
Vertrebratenreihe vorkommt“, schrieb bereits 1888 Edinger. 
Seither ist eine grosse Anzahl von Arbeiten über diesen Gegen- 
stand erschienen, die alle mehr oder weniger diesen aufgestellten 
Grundsatz bewiesen. Nun haben ja allerdings die meisten Forscher 
Anuren zum Gegenstand ihrer Forschung gehabt und verhältnis- 
mässig wenige Urodelen, eine wirklich umfassende Beschreibung 
eines Gymnophionen-Gehirnes ist überhaupt noch nicht gegeben 
worden.') 

Die Urodelen weisen aber einen noch einfacheren Bau ihres 
Gehirnes auf als die Anuren. Inwieweit und in bezug auf welche 
Organisation das Urodelengehirn überhaupt den einfachsten Zustand 
innerhalb der jetzt lebenden Wirbeltiere darstellt, mag hier un- 
beantwortet bleiben. Jedenfalls schien es wünschenswert zu sein, 


') Die umfassendste Arbeit ist meines Wissens die von Waldschmidt 
in der Jenaer Zeitschrift, Vol. 20, 1887. 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.84. Abt.I. 1 


2 GAR sBaindewzande 


dies so einfach gebaute Gehirn einer eingehenderen Untersuchung 
zu unterwerfen, zumal im hiesigen Institute gerade der Axolotl 
experimentell psychologisch beobachtet ist und noch wird.t) 

Es bestand die Absicht, zunächst das Vorderhirn zu unter- 
suchen, erstens als Zentrum der Riechfunktion und zweitens als 
Zentrum höherer Sinnesfunktionen in den allerersten Anfängen. 
Ist doch gerade die Frage, ob bei den Amphibien nur paläencephales 
Handeln, Reflexe und Instinkte, vorhanden sind, oder ob und wie. 
weit diese auch zu neencephalen Handlungen, also zum Knüpfen 
von Assoziationen, fähig sind, seit Edingers grundlegenden 
Forschungen ?) besonders brennend geworden. 

Herrn Prof. V. Haecker, auf dessen Anregung ich diese 
Arbeit unternahm, bin ich für die vielen freundlichen Unter- 
weisungen und die Überlassung des Materials, sowie für die durch 
ihn erlangten Verbindungen mit Geheimrat Anton und Prof. 
Edinger zu grossem Danke verpflichtet. Ebenso danke ich 
Herrn Prof. Brüel für die freundliche Unterstützung und die 
Ratschläge bei meiner Arbeit. Herrn Geheimrat Anton, Direktor 
der Nervenklinik der Universität Halle, habe ich vor allem für 
die freundliche Aufnahme in seinem Laboratorium und für die Er- 
lernung der zu vorliegender Arbeit nötigen Technik auch an 
dieser Stelle zu danken. Besonderen Dank schulde ich dem Alt- 
meister der vergleichenden Hirnanatomie, Herrn Prof. Edinger, 
Direktor des Frankfurter Neurologischen Institutes. Nicht nur 
konnte ich mich an seinem Institute in der Technik verfeinern, 
sondern bekam auch unter seiner freundlichen Anleitung an der 
Hand seines reichen Präparatenmaterials einen tiefen Einblick in 
den Bau und die Funktion des Wirbeltiergehirnes. Ich durfte 
in den Herbstferien 1911 und 1912 längere Zeit an seinem 
Institute arbeiten und habe auf seine Anregung eine kleinere und 
eine grössere Arbeit veröftentlicht.?) 


1), cf. Haecker: Über Lernversuche bei Axolotin. Arch. f. ges. Psychol., 
Vol. 25,-H- I und 2, 1912. 

?, Man vergl. vor allem Edinger, Vorlesungen ete., Bd.1, 8. Aufl., 
Leipzig 1911, 32. Vorl.: Zur Psychologie. 

®) Bindewald: Eine Commissura intertrigemina im Amphibiengehirn. 
Anat. Anz., Vol. 40, H. 8 und 9, 1911. 

Derselbe: Das Rhinencephalon von Elephas indieus., Zool. Jahrb., 
Vol. 35, 4. Heft, 1913. 


os 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 


Geschichtliches. 


Das Gehirn von Amblystoma ist schon mehrfach Gegenstand 
der Untersuchung gewesen. In älterer Zeit (1575) gab Stieda 
(33) eine mehr monographische Bearbeitung des ganzen Gehirnes, 
soweit dies bei der damaligen Technik möglich war. Dort finden 
wir auch die ältere Literatur verzeichnet. Ein paar Jahre später 
(1879) schrieb R. Wiedersheim (36) eine ähnliche Arbeit über 
Amblystoma Weismanni. Osborn (25) schreibt ebenfalls (1885) 
in seiner Arbeit „A contribution to the internal structure of the 
Amphibian brain“, Journ. ofMorph., Vol. 2, einiges über den äusseren 
Bau und die inneren gröberen Strukturverhältnisse von Siredon 
und gibt auch eine gute Zeichnung (Fig. 1 1. ce.) des Gehirnes 
von oben. Dann finden sich in der Literatur einige Arbeiten 
über einzelne Teile des Gehirnes, so Eycleshymer (10) über die 
Paraphyse und Epiphyse (1892), C. J. Herrick (16) über die 
Gehirnnerven von Amblystoma punctatum (1594), Coghill (6) 
über die Gehirnnerven von Amblystoma tigrinum. Ü. J. Herrick 
(18) behandelt in neuester Zeit (1910) in seiner grösseren Arbeit 
„Ihe Morphology of the Forebrain in Amphibia and Reptilia“ ') das 
Vorderhirn von Amblystoma eingehender. Ich werde auf diese 
Arbeit, in der zum ersten Male eine genauere Darstellung der 
Faserzüge im Vorder- und Zwischenhirne von Amblystoma (und 
im Anschlusse daran von anderen Urodelen, Anuren und Reptilien) 
gegeben worden ist, noch häufiger zurückzukommen haben. Das 
Entwicklungs- und stammesgeschichtliche Problem, das sich 
Herrick darin stellt, ist mit seinen eigenen Worten folgendes: 
„Our immediate problem is the relations of the first recognizable 
primordia of the cerebral cortex to the other elements of the 
evaginated cerebral hemisphere and of all of these structures to 
the more ancient tissues of the telencephalon medium and 
diencephalon“. Da ja meine Arbeit aus wesentlich anderen Motiven 
als die seine unternommen ist, so ist es mir wohl erlaubt, den- 
selben Gegenstand zu untersuchen, zu vervollständigen und nach- 


', Gewissermassen die „vorläufige Mitteilung“ zu dieser Arbeit findet 
sich in Anat. Anz., Vol. 36, 1910: „The morphology of the cerebral hemi- 
spheres in Amphibia“. Gleichzeitig möchte ich hier auf das umfassende Referat 
der beiden Arbeiten in Folia Neurobiol., Vol. 5, Nr. 6, 1911 verweisen von 
Ariöns Kappers, der auch auf einige Unstimmigkeiten aufmerksam 
macht. 


1* 


4 GC. A. E. Bindewald: 


zuprüfen. Ferner wurde Amblystoma noch von Me. Kibben (22) 
bei seinen Untersuchungen über den Nervus terminalis benutzt. 

Das Gehirn anderer Urodelen hat ebenfalls noch nicht allzu 
viele Bearbeitungen erfahren. Von Untersuchungen über das 
ganze Gehirn wären zu erwähnen: Osborn (24) Amphiuma (1883), 
derselbe (25) (siehe oben) ausser Siredon noch Amphiuma, Crypto- 
branchus, Necturus, Proteus und Siren (1588). Susanna Phelps, 
Gage (12) Diemyetylus (= Triton) viridescens (1593); Fish (11) 
Desmognatlus fusca (1595); Kingsbury (23) Necturus macu- 
latus (1895); Dodds (7) Plethodon glutinosus (1907); Hirsch- 
Tabor (19) Proteus anguineus.') Die Untersuchungen sind also 
bis auf eine von amerikanischen Forschern angestellt worden. 
Einzelne Teile des Gehirns wurden bearbeitet: Burckhardt (5) 
Untersuchungen am Geruchsorgan von Triton (und Ichthyophis) 
(1891), van Gehuchten (15) über das Basalganglion und die 
Commissura hab. bei Triton; C. J. Herrick (181. c.) hat ausser 
den Angaben in der Literatur für seine Untersuchungen am 
Vorderhirn noch Uryptobranchus und abermals Necturus (siehe 
Kingsbury) herangezogen. Das Vorderhirn von Salamandra 
mac. ist von Bochenek (3) behandelt (1899); ich werde auf 
diese Arbeit noch zurückzukommen haben. Faserzüge und Zell- 
anordnungen im Vorderhirn von Siren lacertina hat Röthig (30) 
gegeben (1911) und als Fortsetzung dieser Arbeit (31) seinen 
fünften Beitrag zum Studium des Zentralnervensystems der 
Wirbeltiere (1912), wo er von Urodelen Diemyetylus (= Triton) 
viridescens, Spelerpes fuscus, Hynobius, Neeturus maculatus, 
Cryptobranchus japonicus untersucht. Auf diese beiden Arbeiten 
werde ich noch öfters verweisen. Me. Kibben (221. ce.) beschreibt 
den Nervus terminalis noch bei Necturus, Diemyetylus, Amphiuma. 
Von der Beschreibung anderer Hirnteile bei Urodelen ist mir nur 
bekannt: Röthig (29) in seinem dritten Beitrag zum Studium 
des Zentralnervensystems der Wirbeltiere (1911) „Zur Phylogenese 
des Hypothalamus“, wo er dieselben Objekte wie in seinem fünften 
Beitrag (31) benutzt. Über das „Kleinhirn“ von Proteus habe ich 
selbst (2) geschrieben (1911). Einzelne Angaben sind noch in 
der Literatur zerstreut. Die entwicklungsgeschichtlichen Arbeiten 
habe ich, da nicht in den Rahmen meiner Arbeit passend, nicht 


') Eine monographische Arbeit über das Gehirn von Cryptobranchus 
hat noch Röthig angekündigt. 


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Tabelle I. Homologe Teile da, Vorderhirns der Amphibien. 
(Siehe die Anmerkugen auf Tabelle IIT.) 


P.Ramöon y Cajal| Gaupp Bochenek Edinger Kaoppers Snessarew eoleik Röthi Zn 
1896 1897/99 1599 1908 08 1908 1910 19a in u ald 
(Frosch) (Frosch) (Salamandra mae.) | (Vorlesungen Vol. II) (fnsch) (Frosch) (Amblystoma u. a.) ee) ee) 


onadnaneunde Formatio pallialis Pallium Dorsal-mediale Pars dorso-lateralis. | Pars dorso-lateralis E i 
la paroi externe du lateralis. Binde. . | Pars dorso lateralis. 
cerveau; Portion su- | # 
perior de la corteza. | "= 
Angle dorsal. = Formatio pallialis Pars dorso-medialis. | Pars dorso-medialis. | Pars dorso-medialis 
2 dorsalis } 
>] 
au) . . 5; 
Septum ou cloison. Formatio pallialis Septum. 
medialis. 
Region courbe; Regio arcuata Äusserer Zellenzug. Prominentia latera- | (Nicht vorhanden!) 
Portion curva 6 s. curva. ER 
arcuada 
Pars subpallialis. Striatum. Pars ventro-media- | Pars ventro-media- | Pars ventro-media- 
lis. lis. lis. 
| Pars ventro-latera- | Pars ventro-latera- | Pars ventro-latera- 
| lis. lis. lis. 
Septum ou lame du , Eminentia pallialis Septum Cortex des Epi- Archipilium, Prim- Cortex pallii. Primordium hippo- | Primordium hippo- | Primordium hippo- 
fornix (? Corpus | medialis. (Anlage derAmmons- sphaeriums. ordiumlippocampi. campi. campi. campi. 
d’Ammon desreptilis. windung). 
Suleus limitans Erwähnt, aber nicht Fissiß septo- Sulcus longus media- Suleus limitans Suleus limitans Suleus limitans 
medialis. benannt. colcalis. lis ventric. lateralis. hippocampi. hippocampi. hippocampi. 
Epistriatum. ‚„; Zentrales Grau Striatum. Septum. . Medialer längs ver- Eminentia post- | Eminentia septalis | Cellulae septales. 
Petit lobule olfac- | % des Septum. (Hintere Teil des | laufender Zellenzug. olfactoria (Cellulae septalis). 
tive. ; Eminentia sept. Septum 
a e ir 
Ganglion basal 3 Ganglion Nucleus medianus | Septum: Pars sexta, | Nuel.median septi, 
(Ganglion prim- > mediale septi. septi (Corpus prae- | Nuel. medialis septi, | , ?Nel.medial. septi, 
ordial). 2 commissurale). Nucleus later. septi. 3? Nucleus lat. septi. 
= 123 
o 
Teil des Fimbria- | Pars fimbrialis septi.|@ Pars fimbrialis 
komplexes septi. 
Corpus striatum, Ganglion basale. Striatum. Striatum. Corpistriatum. sog. Striatum. Nucleus basalis. Striatum 
Suleus limitans Suleus @dorhinalis. | Suleus longus late-  Fissura endorhinalis | Suleus endorhinalis | (Nicht vorhanden.) 
lateralis. ralis ventr. lat. (nur bei Anuren). (nur bei Anuren). 
Lobus oceipitalis. Polus oceipitalis. |  Oceipitalregion, Macht auf die Lobus oceipitalis Polus posterior. Polus posterior. 


falsche Bezeichnung 
Ocecipit. bei Am- 
phibien aufmerksam, 
aber ohne einen Na- 
men vorzuschlagen. 


ee u RR MR a 
Y j f l e.. I ' al ” REN Shore: 
Ba 00 Fr. Be N EAN DL Le Ye a) 


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Tabelle II. Zusammenstellung der beschriebeny sekundären Riechbahnen und ihre Homologie., 


(Siehe die Anmerkun, in nächster Tabelle.) 


nn a ——— 


Ramon y Cajal Gaupp Bochenek Edinger Snessarew Herrick Röthig Bindewald 
1896 1897/99 1899 1908 1908 1910 1911/12 1913 
(Frosch) (Frosch) (Salamandra mac.) | (VorlesungenVol. II.) (Frosch) (Amblystoma u. a.) (Siren lac. u. a.) (Amblystoma) 
Fasciculus bulbo- | t Fasciculus (Trac- | Radiatio olfactoria ° Tractus bulbo- Radix olfactoria la- | *Practus olf. dorso- + Tract. olf. dorsalis. | *Radiatio olfactoria | 
corticalis (Radiatio | tus) bulbo-corticalis | (3. Komponente). corticalis. teralis (die äussere lateralis. dorsalis. 
corticalis). (a und b Seite 113). Riechwurzel). S E 
?Fascic. cortico-med. Radix olf. dorsalis. 
zum Teil. * Tractus olf. medial. 


zum Teil. 


Radix olt. medialis. 


* Tract. olf. dorsolat. 


Radix olf. lateralis. 


Tractusbulbo-oceipi- | + Faseiculus (Trac- | Radiatio olfactoria Radix olfactoria ° Tractus olf. ventro- + Tractus olfactorius | ?? Teile der Radiatio 
talis. tus) bulbo-corticalis 1., 2. und lateralis lateralis. ventralis. olfactorius ventralis. 

(Von Kappers zum | (c. S.113, d. S 117 4. Komponente. (ventraler Teil) 

Teil bestritten; un- | Fasern zur Em post- *? Weil des Tractus | Radix olfactorius 

richtige Beschreibng. olfact.) olfact. medialis. Tentralse 

von Snessarew 

nachgewiesen. 
??? Fasciculus(Trac- | 7 2. (unbenannte) | ?1. Komponente der | ?? Tracetus bulbo-epi- Radix (Traetus) olf. | * Tractus olf. media- | + Tractus olf. media- | * Radix olfactoria 


tus) cortico-medialis 


Komponente des 
medialen Vhb. (aus 
den Mitraliszellen). 


Radiatio olfact. 


striaticus. 


medialis (die mittlere 
Riechwurzel). 


lis (ventrale Abtei- 
lung; Bestandteil des 
med. Vhb.). 


lis (Komponente des 

medial. Vhb., später- 

hin mit Fornixfasern 
vermischt). 


ventralis. 


Fasciculus olf. late- 
ralis. 


! Tr. bulbo-epistria- 
tieus. 


Bestandteil d. äusse- 

ren Riechwurzel von 

Ramön falsch dar- 
gestellt. 


Tract. olfacto- 
diencephal. 


Faseie. retrobulbaris. 


Fasecie. olfac. para- 
ventrieularis. 


?? Tract. olf. ventro- 
lateralis. 


* Radiatio olf. hori- 
zontalis. 


Pars interpeduncu- 

laris comm. anter. 

Wahrscheinlich eine 
Riechkreuzung. 


Fase. olf. commis- 
suralis 
(Komponente des 
med. Vhb.). 


7 Fase. olf. commis- 
suralis 


(Bestandteil desmed. 


Vorderhbil.). 


!Tractus olfacto 
commissuralis. 


?+ Kreazende Teile 


? Kreuzender Teil 
des med. Vhb. 


?+ Kreuzende Teile 
des med. Vhb. 


?rKreuzende Teile 
des med. Vhb. 


Tabelle II. Die Faserzüge des Vorderhirns und die Commissuren der Lamina terminalis und ihre Homologie 


I 


P. Ramon yCajal Gaupp Bochenek Edinger Kappers Snessarew Herrick Röthig Bindewald 
1396 189799 1899 1908 1908 1908 1910 1911 12 1913 | 
(Frosch) (Frosch) (Salamandra mac.) | (Vorlesungen, Vol. II) (Frosch) (Frosch) (Amblystoma u. a.) (Siren lac. u. a.) | (Amblystoma) 


7 Tract. cortico-haben. 
medialis (Fornix) 


Tractus cortico-hab. bei 
Reptilien (Fornix) 


| Tractus cortico-habe- 
nularis (Fornix) 


° Traet, cortico-haben. 
medialis 


° Tract. cortico-haben. 
medialis 


7 Tracet. cortico-haben. 
medialis 


" Tractus cortico- 
habenularis lateralis 


Fasciculus cortico- 
habenularis 


Tractus cortico- 
habenularis 


+ Traotus cortico- 
habenularis (Taenia) 


Tractus communis 
Commissurae supremae 
et habenulae 


T 
° Tractus cortico- | 


habenularis lateralis 


° Tractus cortico- 
habenularis lateralis 
(Tacnia) 


7 Tractus cortico- 
habenularis lateralis 
(Taenia) 


7 Tract, area-habenu- 
laris (auch bei Proteus) 


° Tractus septo- | 
habenularis | 


7! Traetus olfact 
habenularis medialis 


Nicht aufgefunden 


Tractus olfacto- 
habenularis 


+ Tractus olfacto- 
habenularis (Taenia) 


7 Tractus olfacto- 
habenularis (Taenia) 


1} 
l 


7 Tractus olfacto- 
habenularis lateralis 


® Tractus olfacto- 
Ihabenularis medialis 


| Anm. zu der Klammer: 


° Tractus olfacto- 


habenularis medialis 


Züge gehören nach 
meiner Einteilung nicht) 
dem Vorderhirn an 


° Tractus olfacto- 
habenularis lateralis 


° Tractus olfaoto- 
ı habenularis lateralis 


0??? Tractus cortico- 
hab. medialis oruciatus 


| 
Fornix longus | Fornix 


Fornix 
\(! Tr. cortico-mamillaris) 


|Tractus cortico-mamill 
(eigentlicher Fornix) 


Tractus oceipito- 
thalamicus 


Fornix 


Columna fornieis * 


Tr. cortico-thalamieus 7) 
(aberrante Col. Fornieis)) 


+ Tractus cortico-olf, , * Columna fornicis 


medialis Te 
(Kornix) 7 Tractus cortico- 


tlalamicus 


Fasc, peduncularis a) Basales Vhb, 7 


Fasern aus dem 


Ganglion basale 
| 
Fasern a. d. Formatio | 


| 
| 
| 
|  pall. Interalis | 


b) Mediales Vhb. 7 


Kasc. olfactorius- 


Fasc. olfuctorius- | 
| commissuralis | 
| | 


commissuralis 


Wasciculus cortico-med, Fasciculus cortico-med 
| 


| Fornix 


| 
| 
Fornix longus | 
| 


Tractus septo- 
nesencephalicus 


Tractus septo- 
diencephalicus 


+ Basales Vorderhirn- | + Basales Vorderhirn- 


j Basalbündel 


bündel bündel | 


| 
I 
Tractus striothalamieus) 


a) laterales Vhb. 


e} 


Komponente d, b. V. 


‚Sicher noch mehr Züge! 


idem b) mediales Vlıb. 


Traetus olfacto- 
commissuralis 


Tr. strio-infundibularis 


Tractus cortico-mamill,, Tr. cortico-mamillaris 
(Fornix) 


a) laterales Vhh 


Tractus striothalamicus 


Tractus olfacto- 
hypothalamicus 


Tract. hypothalamo-olf 
b) med. Vorderhirnbündl, 


? Tr. olf -hypothalamious 
erneiatus 


Fornix 


Basalvorderlirnbündel 


‚Medialvorderhbirnbündel 


I 
Pe EEE EEG ZZ — 


+ Ventraler Vorder- 
hirntractus 


+ Basales Vorderhirn- | 
bündel 


7 Basales Vorderhirn- 
bündel 


a) }lat.Vorderhirntract. 


Tractus striotlialamicus) 
| 

Auf- und absteigende 
Züge | 


Ventrale Komponente 
der Dract. olf, med. 


Eigenfasern 


Columna fornieis Dract 
eortico-tlialamnicus 


Mehrere Züge, die nicht‘ 


b) 7 med. Vorderhirntr. |b) f med Vorderhirnbd. 


a) + laterales Vhb, |a)+ lat. Vorderhirnbäl. 


Mehrere Komponenten 
auf- und absteigend 


idem 


identificiert sind 


b) 7 med, Vorderhirnbal, 


Tractus olf. medialis | Radiatio olf. ventralis 


Fasern aus d. Primord 
Fasern aus d. Septum 


Columnafornicis-Tasern 
Fasern des Tr. cortico- 


Tractus cortico-olf. 
medialis 


N Tr. oceipito-thalamic, thalamicus 
Tr. septo-mesencephalic.| ? Tr. septo-dienceph, ü 
| 3. Komp. des bas. Vhb,| | Tractus thalamo- 
| | (! aufsteigend) | | cortiealis 
0 Tractus bulbo- | Tract. bulbo-oceipitalis Tr. olfactorius septi | Von K für unwahr- Tract. olf. medialis 
oceipitalis | (Gaupp) scheinlich erklärt Radix olf. medialis 
Mractus cortico-medialis| Tractus cortico-med. | Tractus olfact. septi Tr. olt. septi (Reptilien) = ] ] 
Commissura pallii ou Commissura palli | Commissura pallii Psalterium Commissura pall Commissura palli |Commissura hippocampil * Commissura ° Commissura 
Psulterium | anterior (Psalterium) (Commissura pallii) Pars caudalis c. a. (c. p.) | hippocampi hippocampi 


1. Teil 


3. Teil 


® a) Comm. pallii anterior 


° b) Com. pallii posterior! 


|a) Comm. hipp anterior|a)® Comm, pallii anterior 


— (Com. hipp. post, +|b) 22" Pallii posterior 


‚Tr. cort. hab. lateralis) 


Ic) 22% Tr. cort, hab, 
b) 5 Com hipp. posterior) med. erueiatis 
(Fasern des Tr. cortico-. 


: £ d) ?2° X Commissur 
olf. medialis und eigene) 


Commissura anterior | Commissura anterior 
| 
Quatrieme &taze fasceau|Pars superior s. inter- 
peduneularis c. u 
Kreuzende Teile des 
bas, Vorderhirnbündels 


interp@donculaire om 
cortical införieur du 
Mractus införieur de la! 
vommissurn 


Verbindung zwischen 
beiden Ganglia basalia 
? Riechcommissur 


Paurs inferior 


Decussutio cortico- 


medial Kreuzung des med. Vhb. 


Deenssatio olfactoria 
Fascic, olfaot, medial 


commissur 


Deeussatio des fibres 
de Vepistriatum 


Kreuzung des med. Vhb 


Kreuzende Fasern des | 


| Commissura anterior | Commissura anterior 


| 


Partielle Decussation | 
des bas. Vorderhirnbäl.| 
| 


Commissura corporis | 
striati | 


Comm. interstriatia (?) 


? Kreuzende tertiäre 
| Riechbündel 


| Commissura anterior 


Zweiter Teil der Comm, 

\ (Pase, inferieur 

| Ramön) 
(Kreuzende olfact, 


| 
| Fasern bestri 


|  Praecommissura 


Pars medialis c. a. 


| Commissura anterior | 


| Commissura anterior 


Teilweise Kreuzung des 
lut. Vorderhirnbündel 


Commissura anterior |7 Commissura anterior 
| 
| 


| 
| | 
| | 
| | 
| | 


Teilweise Kreuzung des 
lat. Vorderbirnbündel 


Pars commissuralis des 


lat. Vhb. | 


\ Partielle Decussation 
|des bas. Vorderhirnbdl 


Pars olfactoria 
commissurae anterioris 


basales Vhb. 


Pars frontalis 
commissurae 


? Pars frontalis c. a, 
(e. p) 


Teilweise Kreuzung des 
med, Vorderhirntractus 


‚Teilweise Kreuzung des 
med. Vorderhirnbündel 


[Teilweise Kreuzung des 
med. Vorderhirnbündel 


j 
ße EEE VE EEE EEE I 


Anmerkung: Es bedeutet: 7 


möglicherweise, ? 


? fraglich, 22? schr fraglich, ! wahrscheinlich, ° marklos, 7 markhaltig, * gemischt. 


a er 


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oO 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 


berücksichtigt. Somit dürfte die Literatur über das Gehirn der 
Urodelen so ziemlich erschöpft sein. Dass mir die eine oder die 
andere Arbeit entgangen sein könnte, ist natürlich nicht aus- 
geschlossen.') 

Selbstverständlich musste ich auch zum Vergleich die Anuren 
heranziehen und zwar vor allem die grundlegende Darstellung 
Gaupps (13), von dessen Werk C. J. Herrick (S. 442) mit Recht 
sagt: „his excellent account should be the point of departure for 
all subsequent work“. Gaupp stützt sich vielfach auf P. Ramon 
y Cajal (27), den ich ebenfalls berücksichtigt habe. Von neueren 
Arbeiten kommen die Darstellungen von Kappers (20) in: 
„Phylogenese des Rhinencephalons etc.“ (1908) und die Arbeit 
Snessarews (34): „Über die Nervenfasern im Rhinencephalon 
beim Frosch“ (1908) in Betracht (Bielscho wskv-Methode!); 
auch sei auf die umfassende Literaturangabe in dieser Arbeit 
aufmerksam gemacht. 

Da nun bei den einzelnen Forschern die Nomenklatur sehr 
verschieden ist, so gebe ich am Schlusse dieses Kapitels die Namen 
homologer Gebilde in Form je einer Tabelle, um nicht in meiner 
Darstellung durch das fortwährende Zitieren allzulange aufgehalten 
zu werden. Ich selbst habe mich der Nomenklatur bedient, die 
ich für die gebräuchlichste und richtigste halte; ich habe mich 
selbst den Tabellen in letzter Rubrik angefügt. Die Tabellen 
schliessen folgende Forscher in sich: P. Ramön, 1596 (Frosch), 
Gaupp, 1897—99 (Frosch), Bochenek, 1599 (Salamandra mac.), 
Edinger, 1908 (Vorlesungen), Kappers, 1908 (Frosch), 
Snessarew, 1908 (Frosch), Herrick, 1910 (Amblystoma u. a.), 
Röthig, 1911 und 1912 (Siren lacertina u. a.). 


Material und Technik. 


Als Material dienten mir erwachsene und fast geschlechts- 
reife Tiere, die an unserem Institute gezüchtet wurden. An 
Methoden wurden fast alle gebräuchlichen, meist in Modifikationen, 
angewandt (siehe unten), wie die von Weigert, Golgi, Ramön 
y Cajal (Fibrillen), Bielschowsky (Silberfibrillen). Zellfärbungen 


!) Zu erwähnen wären vielleicht noch die Arbeiten über Gehirnanhänge: 
Warren (35), „Uber die Entwicklung der Paraphyse und der Pinealregion 
bei Necturus“ (1905); Bochenek (4), „Neue Beiträge zum Bau der Hypo- 


physis cerebri bei Amphibien (Triton taen. Salamandra mac.)“ (1902). 


6 


GC. A. E. Bindewald: 


fanden statt mit Cresylviolett (Bielschowsky), Thionin, Eisen- 
hämatoxylin (Heidenhain) nach vorheriger Behandlung nach 


Dreyer. 


Ich gebe zunächst eine Liste meines Materials in fort- 


laufenden Nummern mit Angabe über Färbung und Alter etc. und 
werde bei meinen Zeichnungen immer die betreffende Nummer der 
Serie angeben. Es wurden fast ausschliesslich Serien angefertigt. 


| Alter des, Schnitt- 


Nr | Signatur Methode ee en Bemerkungen 
1 | Aq.adul. 1-6 | Weigert erwachsen quer 
2 | Bqa.adul. 1-6 | 
3 | Cq.adul.1--7 | SEN DE PEN 
4 | Ag.ju. 1-4 2 ca.170 Te.|i) „(uk N 
| Ba. juv. 1—3 | 239 Zasn 5 ER. 
6 Cg. juv. 172 DEREN ee nn 
7 | Dg. juv. 14 343 | WRE Be, 
8 | Eg. juv. 1-2 | 35, |. sn 
9 | Fa. juv. 1-3 Saas 2 
Da A horse 37 239 ,, [horizontal 
19]. B.hori- 3 a x 
| Es fehlt ein kleiner 
12 | A. med. 1-3 n PadsHns median Teil einer 
| l Hemisphäre lateral 
13] Ag. 1—5 |Bielschowsky |200 „ quer Nachvergoldet 
14 | Bag. 1—5 = 200=14, =) x 
15 | Ca. 1—5 3 2003, en 
16 Doz Zn 
17 | Ahbor. 1-5 | e 251 ,, horizontal Etwas geneigt 
18 | Bhor 1-5] N 281, | , Stark ” 
19 | Ag. 1—5 Cajal 195, quer 
20. | Bag. 1—6 * 195% n 
21 A 1-3 | Golgi Zuoriles | > 0 u 
22 | B 13 | $ BAhı .. aUlz,, 
23 | C 1 ” 346 „, ; 505, 
24 |D =) # 346, 50 
25 | E 1—2 |346 „, a wer 
26 | F 1 i 346, 4 502, 
ZUG; 1—22 AUDrSN. N 60, 
28| H 1—20 * 475 .; (Er, 
29 1 1—20 73 475 , Me 60 ,, 
30 | K 1—15 £ FIN ;, N 607, 
3l|L 1—7 3 144 ,„ horizontal 90 ,, 
32|M 1—7 . 144 ,, 2 3055 
33 | N 1—7 e 145: ,, median 905% 
34 | 0 1—6 145 ,, ‚horizontal 9085 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. Y; 


| Alter des | Schnitt- 


Nr. Signatur | Methode N: 3 Bemerkungen 
: | Tieres | richtung | 

3a. P 1--5 Golegi ‚145 Tage| median YV u 

35|Q 5) ul 3 | 90 „ 

37 | R 1—2 147 , horizontal 30m 

3518 1—6 | 5 Aa median 9075 

39 ı 7 1-5 | 5 1a > | 90 „ 

4 U 1-5 | % 147 , horizontal| 307% 

4|V 14 | 147 „| median | 90. 

42 ı W 1—4 n 147 ,„ horizontal SU, 

43|X =, = 230  „ | quer | 90m 

4|Y 1-11 230 -,, Ba 90 „, 

45 ı Ag. 1—5 | Cresylviolett 190 Ä, 5 | 

46 Bo. 1—5 ER NOSD 5: 

47 | Ca. 1-6 .| n Babe a 

48 eAhor 8, R\ 1225 ,„ horizontal 

49 | A 1—17, Thionin 2600ER; quer 

50 |Aq. 1-4 |Heidenhain') 230 „, N OR 

51 | Be. 34-9 | A san... Sa ee 
22 | | | räger 

52 |Ca. 17 2agWl rn R 

53 | Dg. ie v DB | en Gehirn pathologisch 

942) Ahor. 2110| er 239 ,, horizontal 

55 | Am. 1 | % Day: median 


Alle diese Serien waren bis auf einzelnes Wenige brauch- 
bar. Die Färbungen waren oft mit grossen Schwierigkeiten ver- 
knüpft, so dass unzählige Versuche zuerst notwendig waren. Es 
scheint das (Gewebe des Axolotl eine besondere Struktur zu haben 
(eine sehr niedrig stehende embryonale?); denn gleichzeitig be- 
handelte Gehirne von Fröschen und ganz jungen Kaninchen er- 
gaben ganz gute Färbungen, während die Färbung bei Axolotl 
vollständig ausblieb. Auch andere Herren, die nach mir Färbungen 
anstellten, sind auf ähnliche Schwierigkeiten gestossen. Im grossen 
und ganzen habe ich gefunden, dass man die Reagenzien in stärkerer 
Konzentration und längere Zeit (mit Ausnahme der Golgi-Methode) 
als üblich einwirken lassen muss, so dass alles gut durchdrungen wird. 

Für die Weigert-Methode habe ich folgende Modifikation 
am günstigsten gefunden: 

Das Gehirn wird aus dem Schädel herauspräpariert und 
kommt auf drei bis fünf Tage in das übliche Formol (4 °/o). 


!) Die Färbung der Schnitte hat mein Freund Hans Leo Honig- 
mann übernommen, wofür ihm auch hier bestens gedankt sei. 


to) CA, Er Bin dewanld: 


Ich habe auch, wie in der alten Weigert- Methode angegeben, die 
Gehirne auf ca. 14 Tage in 5proz. Kaliumbichromat gebracht und dann 
weiter behandelt, bin aber wieder davon abgekommen; hauptsächlich aus 
zwei Gründen. Erstens spart man Zeit, zweitens werden die Gewebe sehr 
dunkel, während bei der einfachen Formol-Behandlung die Kontrastwirkung 
eine ungleich grössere ist, blassgelbes Gewebe, marineblaue Markscheiden, 
anstatt dunkelbraunes Gewebe, dunkelblaue Markscheiden. 


Darauf wurde mehrere Stunden in fliessendem !) Wasser aus- 
gewaschen. Das Gehirn kommt nun auf drei Tage im Wärmeofen 
bei 37°C. in eine Mischung von fünf Teilen 5proz. Kalium- 
bichromat und 100 Teilen 2proz. Fluorchromlösung, wobei es sich 
empfiehlt, die Fluorchromlösungen jedesmal frisch herzustellen. 
Das überflüssige Chrom wird wieder gut ausgewaschen, was in 
70 proz. häufig gewechseltem Alkohol in ca. 3 Tagen geschieht. 
Nun entferne man vorsichtig das Adergeflecht über der Oblongata. 
Es schlägt sich nämlich darin leicht Kalk und Flußsäure nieder, 
gewöhnlich sind auch noch die „Kalksäckchen“ daran, so dass ein 
Schneiden unmöglich wird. Nun wird das Gehirn in Zelloidin einge- 
bettet. Die zurecht geschnittenen Blöcke kommen auf 2X 24 Stunden 
zur Kupferung in die übliche Gliabeize bei Zimmertemperatur. 


Gliabeize: 'a)kCnhprum jacetrn .. .. „0 200, 21 30 
b)rEBimorchrom®F 72. 7 
c)., Aquandestıt2,% keanz Sur lRcEM 


Diese drei Reagenzien werden zusammen bis zum Sieden erhitzt. 
Sobald die Lösung aufwallt, löscht man die Flamme und gibt langsam 


f d) ‚Achdnaeetsgacr Era lkeet 
hinzu. 


!) Ich habe mich zum Auswaschen immer folgender einfacher Vor- 
richtung bedient, die ich gerade für so kleine Objekte, wie die Axolotl- 
Gehirne, gut empfehlen kann. Eine weithalsige, 
ca. 200 ccm fassende Flasche wird mit einem doppelt 
durchbohrten Kork versehen. In die eine Öffnung 
kommt eine mehrfach gebogene (siehe Figur) Glas- 
röhre, die bis zum Boden reicht und in eine Spitze 
ausgezogen ist. In die andere Öffnung kommt eine 
U-förmig gebogene Glasröhre, die einen Müller- 
gazeverschluss trägt, der einfach mit der Glas- 
röhre zusammen in den Kork geklemmt wird. 
Man richtet nun die bis zum Boden gehende 
Glasröhre so, dass der Wasserstrahl der Seiten- 
wand entlang streicht. So wird das Wasser bei 
richtiger Regulierung die Objekte in ständiger Be- 
wegung halten. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 3 


Man achte darauf, dass kein Bodensatz bleibt; man halte 
sich diese Gliabeize stets vorrätig, da sie langsam ausreift. 

Wiederum wird gut in 70 proz. mehrmals gewechseltem 
Alkohol ausgewaschen. Man zerlege nun in Schnitte von 30 my 
Dicke. 

Zur Herstellung der Serien habe ich mich als der praktischsten der 
Edingerschen Methode (in den Vorlesungen 1892 im Anhang angegeben, 
ältere Aufl.) bedient: Abziehen vom Messer mit Papierstreifen und Auf- 
kleben auf mit dünner Zelloidinschicht versehene Objektträger (doppelt eng- 
lisches Format 76x52 mm), dann Abtrocknen und abermaliges Ubergiessen 
mit sehr dünnem Zelloidin, so dass die Schnitte zwischen zwei Zelloidin- 
schichten liegen. 

Die fertigen Schnitte kommen nochmals auf 24 Stunden in 
die Gliabeize und werden kurz ausgewaschen. Die Färbung er- 
folgt nun in folgender Farbe: 


a) die übliche Hämatoxylinstammlösung (1:10 


make abs Nensola ..0, s Wale lON Teile 

IEpEOZF AKA SEEN RBAERLIONTE 
b) Eisenchloridlösung (Ph. G. Iv) VS ER DEU DE 

Nalardesesr nr Sul ah REN EN TR 


Beide Lösungen stelle man erst kurz vor dem Gebrauche le ennt 
her und gebe sie dann zusammen unter ständigem Schütteln. 
Die Farbe muss tief violettschwarz (nicht braun!) werden; man 
achte auf gutes Mischen. In dieser Farblösung lasse man die 
Objektträger über Nacht stehen. Gewöhnlich ist dann alles gut 
schwarz durchgefärbt, wenn nicht, so hat man zu dickes Zelloidin 
zum Übergiessen genommen. In diesem Falle stelle man am 
besten nochmals neue Farblösung her und lasse sie abermals bis 
zum nächsten Tage stehen. Die Objektträger werden dann in 
destilliertem Wasser abgewaschen und die Objekte in Borax — 
rotes Blutlaugensalz differenziert. 
Man halte folgende Mischung vorrätig: 


Boraxzı Wr A Meile 
Rotes Birnen ale en Nero 5; 
Aqua destapsa 72. 2er; 


Differenziert wird praktischerweise in Petrischalen, in die man die Mischung 
noch auf die Hälfte mit destilliertem Wasser verdünnt gibt. 

Man wasche nun mehrere Tage in öfters gewechseltem 
Leitungswasser aus. Dann bringe man die Objekte durch die 
Alkohole bis 96 proz. Alkohol abs. — Chloroform (1:3), Xylol, 


10 BASE. Binde wand: 


und bette unter Glimmerplatten in Dammarharz ein. Man be- 
schwere praktischerweise die Glimmerplatten mit Bleiklötzchen 
bis zum Trocknen des Harzes. 

Kriterium für das Gelingen der Methode: Markscheiden 
marineblau, weisse Schicht hellgelb, Zellen ocker- 
farbig. 

Bei der Darstellung der Nervenfibrillen habe ich durch die 
von Bielschowsky 1907 vorgeschlagene Vorbehandlung mit 
Pyridin und durch Anwendung sehr starken Formols auf längere 
Zeit ausgezeichnete Resultate erhalten. Die Modifikation ist kurz 
folgende: 

Die Gehirne werden auf ca. 3--4 Wochen in ca. 30 proz. 
Formol (12 Teile des käuflichen Formols, 28 Teile destilliertes 
Wasser), dem ein Tropfen Ammoniak zugefügt wird, gebracht. 
Nach Abspülen in destilliertem Wasser kommen sie auf mindestens 
45 Stunden in reines Pyridin, das dann in der oben beschriebenen 
Spülflasche solange ausgewaschen wird, bis sich der charakteristische 
Pyridingeruch verloren hat. Nach mehrmals gewechseltem destil- 
liertem Wasser kommen die Gehirne auf S Tage in eine 2 proz. 
Silberlösung, in die ammoniakalische Silberlösung (wie bekannt) 
auf 53—5 Stunden, darauf in 50proz. Formollösung auf zirka 
24 Stunden. Nach dem Auswaschen erfolgt Einbettung in Paraffın 
und Zerlegung in Schnitte von 6 my. Die Versilberung muss im 
Dunklen vorgenommen werden. 

Bei der Golgi-Methode hatte ich die besten Resultate bei 
je eintägiger Behandlung mit vier Teilen 5 proz. Kaliumbichromat 
und ein Teil 1proz. Osmiumsäure und ?/ı proz. Silbernitratlösung. 

Für die Färbung nach Heidenhain habe ich die Methode 
angewendet, die Dreyer!) in seiner Arbeit über das Blutgefäss- 
und Nervensystem einiger Nudi- und Prosobranchier anwendete 
(5. 350/81). Auch hier habe ich sehr schöne Resultate besonders 
vom Zwischenhirn und den weiter kaudal liegenden Partien er- 
halten. Im Vorderhirn sind eben zu wenige Markfasern vorhanden, 
die bei dieser Färbung kaum hervortreten. 

Die übrigen Methoden : Cajal-Silberfibrillen, Bielschowsky- 
Cresylviolett und Thioninfärbung habe ich, wie üblich, angewandt. 
') Dreyer, Über das Blutgefäss- und Nervensystem der Aeolididae 
und Tritoniadae. Z. f. w. Zool., Vol. 96, H. 3, 1910. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. LI 


Äussere Morphologie des Vorderhirns 
und die Ventrikel. 


Schon bei der makroskopischen Betrachtung des Vorderhirns 
von Amblystoma (Fig. AA)!) sieht man, dass von der Ausbildung 
eines Bulbus olfactorius, etwa wie bei den Reptilien, nichts vor- 
handen ist. 

Man wird daher besser gar nicht von einem Bulbus sprechen, sondern 
die ganze Hemisphäre in einen Lobus olfactorius und einen Lobus hemi- 
sphaerieus einteilen, wie dies auch schon früher (Snessarew) geschehen ist, 
und den Ausdruck Bulbus nur bedingt gebrauchen als den Teil, der den 
vorderen Abschluss der vier Wandteile Herricks (siehe unten) bildet. Der 
Lobus olfactorius würde dann die Formatio bulbaris, den „Bulbus“ und die 
Riechstrahlung umfassen (siehe später). 

Die Hemisphären setzen sich nach vorn glatt fort, der Lobus 
hemisphaericus geht also ohne sichtbare Grenze (Fovea limbica) 
in den Lobus olfactorius über (Fig. AA). Auch die mikrosko- 
pische Betrachtung (am besten in Horizontalschnitten) zeigt uns 
keine äussere Grenze (Fig. A,B). 

Auch beim Frosch ist kaum eine solche Grenze zu bemerken. 
Zwar beschreibt Gaupp noch eine Fovea limbica, aber jüngere 
Forscher, wie Kappers und Snessarew, haben eine solche 
nicht mehr auffinden können. Beim Frosch (Snessarew) „zeigt 
der Lobus olfactorius in seinem dorsalen Teil vorn eine Verdickung, 
die wie ein kleiner Kopf aussieht, dann nach hinten immer dünner 
wird (der Hals), um sich wieder zu verdicken und in den Lobus hemi- 
sphaericus überzugehen.“ Hiervon ist beim Axolotl nichts zu sehen. 

Die ganzen Hemisphären sind beim Axolotl länglichrund 
und weisen als einzige Unebenheit den kleinen dorsal gelegenen 
Bulbulus accessorius auf. Der Riechnerv setzt seitlich an (Fig. AA, O). 
Miteinander in Verbindung stehen die Hemisphären erst in der 
Lamina terminalis;: davor werden sie durch eine dünne Lamelle 
der Pia an den einander zugewandten Flächen median getrennt. 
Die Poli posteriores?) reichen nicht sehr weit über die Lamina 


') Figuren mit Doppelbuchstabenbezeichnung AA, BB ete. finden sich 
auf der Tafel. 

°) Die kaudal hinter der Schlussplatte gelegene (Gegend der Hemisphäre 
wird fälschlicherweise bei den Amphibien von vielen Autoren Polus oceipitalis, 
Oceipitalpol u.ä. genannt. Da aber bei den Amnioten bei dieser Bezeichnung 
an die Sehfunktion gedacht wird, so wird man bei den Amphibien mit ihren 
fast palaeencephalen Hemisphären den Namen besser nicht anwenden. Bereits 
Edinger macht auf diesen Irrtum aufmerksam (Vorlesungen Vol. 2, S. 302 
und 303), schlägt aber keinen Namen vor. 


12 C. A. E. Bindewald: 


terminalis hinaus, sie bilden mit dem Zwischenhirn eine tiefe 
di-telencephale Furche. Ich habe bereits!) eine Zeichnung des 
ganzen Gehirnes gegeben und bringe nun hier in Fig. AA, .: 
Photographien. 

Auch die Ventrikel sind sehr einfach gestaltet, wie die 
Horizontalschnitte (Fig. A, B) zeigen. Man kann vielleicht einen 
Ventriculus lobi olfactorii vorn und einen Ventriceulus lateralis 
(sive lobi hemisphaeriei) unterscheiden. Frsterer geht besonders 
ventral ziemlich weit nach vorn und wendet sich hier leicht 
medialwärts, wo er einen spaltförmigen Raum darstellt (Fig. A, B, 0). 
Snessarew hat beim Frosch diese vorderste Spitze Recessus 
medio-frontalis ventric. lob. olf. genannt, weil er an der medialen 
Wand liegt. Dieser läuft etwas schräg bogenförmig von vorn 
unten nach hinten oben und verbreitert sich je weiter er dorsal 
gelangt (Fig. A,D). Eine weitere medial gelegene Vertiefung 
ist der Recessus medio-caudalis ventr. lob. olf. (Snessarew), 
der eine ziemlich senkrechte Richtung inne hat und sowohl ven- 
tral als auch dorsal immer mehr verflacht, bis er ganz verschwindet. 
Er grenzt den Nucleus olfaetorius anterior (siehe unten) von dem 
Primordium hippocampi ab und bildet die hintere mediale Grenze 
des Ventrieulus lobi olfactorii. Die laterale Grenze wird (ven- 
tral am deutlichsten) von einem Recessus latero-frontalis v. 1. o. 
(mihi) gebildet. Er liegt an der lateralen Ventrikelwand gegen- 
über dem am weitesten kaudal gelegenen Glomeruli (siehe unten) 
und ist auch noch hinter dem dorsal gelegenen Bulbulus acces- 
sorius zu sehen (Fig. A, B). Er verflacht und verschwindet aber 
dorsal ganz so wie die medial gelegenen Recessus, ventral reicht 
er tiefer als der Recessus medio-caudalis. So können wir 
die Grenze zwischen dem Lobus olfactorius und 
dem Lobus hemisphaericus wenigstens in den Ven- 
trikelwänden feststellen. 

Fast bis an den Recessus medio-caudalis v. 1. o. reicht die 
einzige den Ventrieulus lateralis seiner ganzen Länge nach durch- 
laufende Furche, der Suleus limitans hippocampi (siehe unten) 
Herrick (Fig. F, H, I, Q, R). Im allgemeinen läuft er hori- 
zontal, nur oral senkt er sich nach unten; kaudal endet er über 
der Aula. 


!) Vgl. Haecker, Lernversuche bei AxolotIn (14 1. e.) Fig. 11. c. 


= > 3 2 
Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 15 


Cellulae bulbares ventrales 


Glomeruli 


Recessus medio-frontal.v.].o. 
Ventriculus lobi olfactorii 


Nucleus olfactorius anterior 


Recessus medio-caudal. v.1.o. 


Glomeruli 
Pia zwischen den Ventrikeln 


Recessus latero-frontal.v.].o. 
Ventriculus lateralis 
Nucleus medianus septis (?) 


Plexus chorioideus lateralis 
Cellulae septales 
-Septum ependymale Stratum 


Foramen interventriceulare 
Aula 


Lamina terminalis 


Recessus praeopticus 


Fig. A. (Serie 54.) Horizontalschnitt durch die Partes ventrales des Vorderhirns. 


14 CENFEI Bin die wald: 


Cellulae bulbares dorsales 
Pia 


Recess. med. front. v.].o. 
\ Glomeruli 
Ventrie. lobi olf. 


an Nucleus olf. anterior 


Bulbulus accessorius 
Recess. med. cand. v.1.o. 


Recess. lat. front. v.1.o. 


Primord. hippocampi 
Ventric. lateralis 


Plexus chorioid. lat. 


Pars fimbrialis septi 
Foramen interventr. 


Plexus chorioid. med. 
Commiss. hippocamp. 


Aula 


Ventriculus tertius 


Fig. B. (Serie 54.) Horizontalschnitt durch die Partes dorsales der Hemi- 
sphären, nicht viel oberhalb der Lamina terminalis und dem Sulcus limit. hipp. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 15 


Die beiden Ventriculi laterales vereinigen sich zur unpaaren 
Aula: die Foramina interventrieularia sind ausserordentlich weit 
(Fig. A). Die Aula steht oberhalb der Lamina terminalis mit 
dem Ventrieulus tertius in Verbindung (Fig. B). Der Ventriculus 
lateralis setzt sich nach hinten noch eine Strecke weit in den 
Polus posterior als Hinterhorn fort (cf. Haecker |. c. Fig. 3). 

So sehen wir, dass die Hemisphären ausserordentlich einfach 
gestaltet sind, dass uns die Figuren fast schematisch anmuten. 

Ehe ich auf die innere Morphologie zu sprechen komme, 
möchte ich eine kurze Bemerkung über die Einteilung des Vorder- 
hirns bringen. C. J. Herrick hat, gestützt auf Johnston 
und His, vorgeschlagen, ein mittleres — zwischen Lamina 
terminalis und Velum transversum bezüglich Chiasma-Wulst 
(siehe Figur bei Edinger, Vorlesungen Bd. 2, S. 203) gelegenes 
— und ein seitliches — die Hemisphären umfassendes — 
Telencephalon zu unterscheiden (siehe hinten Diskussion S. 64 
und 65). Diese Einteilung hat, wenn wir die Entwicklungsgeschichte 
betrachten, viel für sich. Zu der Zeit nämlich, in der der vordere 
Teil des Nervenrohres noch in drei Teile — Rhombencephalon, 
Mesencephalon, Prosencephalon — geteilt ist, ist schon zu beiden 
Seiten, bezüglich hinter der Lamina terminalis Olfactorius-Gewebe 
präformiert, dieses stülpt sich dann ganz ähnlich wie die Augen- 
becher aus und gibt so den ersten Anlass der Hemisphären- 
bildung. Die Gegend aber, von der die Ausstülpung ausgegangen 
ist, muss jetzt, da sie etwas ganz Neues darstellt, als besonderer 
Hirnteil angesehen werden und zwar, da sie hinter der Lamina 
terminalis gelagert ist, als ein Teil des Telencephalon (Telen- 
cephalon medium) betrachtet werden; der übrige Teil des Prosen- 
cephalon bleibt als Diöncephalon übrig (ef. Herricks schematische 
Fig. 72 [Fig. B’] und die schematischen Figuren Kupffers in 
Hertwigs Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte, Fig. 506 und 507). 
Die kaudale Grenze des Telencephalon geht also nach Herrick 
vom Chiasmawulst zum Velum transversum, fasst also den Nucleus 


praeoptieus und die Lamina terminalis in sich. 

Gerade die Verbindungen des Nucleus praeopticus scheinen dafür zu 
sprechen, dass er zum Telencephalon gehört (cf. auch Herrick, $. 467). 
Bochenek fand dort eine sekundäre Riechbahn endend. Auch Herrick 
beschreibt seine Traetus olfacto-habenularis, medialis und lateralis, 
von ihm ausgehend und zur Habenula laufend, genau so wie die Tractus 
cortico-habenularis medialis und lateralis von dem Ende der anderen 


16 C.A E. Bindewald: 


sekundären Riechbahn (Tractus bulbo-corticalis) kommen. Schliesslich sah 
auch Mc. Kibben von dem Nucleus praeopticus,. dass er in engster Ver- 
bindung mit dem Nervus terminalis steht, dessen Endverzweigungen er dort 
fand. Röthig (29) dagegen sieht ihn als echten Thalamuskern an und 
glaubt die Ganglia optica basalia und den Nucleus magnocellularis thalami 
der Säuger davon ableiten zu können. 

Trotz alledem ziehe ich es vor, die alte gebräuchliche Ein- 
teilung Edingers beizubehalten und das Telencephalon, das 
Vorderhirn, mit der Lamina terminalis abzuschliessen. Auch 
schon aus praktischen Gründen ist diese Einteilung zu bevor- 
zugen. Die Commissura anterior, die die Grenzlinie abgibt, 
gehört zu den konstantesten (Grebilden des Gehirns und ist un- 
gleich leichter aufzufinden als der Nucleus praeopticus oder das 
Velum transversum. Dass ersteren bei Amphibien ein leicht 
auffindbarer Suleus abschliesst, beweist wieder einmal den ein- 
fachen fast schematischen Bau des Amphibiengehirnes. 


Zellanordnungen im Vorderhirn. 


Lobus olfactorius. Der Anordnung der Schichten im 
vordersten Teile des Lobus olfactorius möchte ich den Namen 
Lobarformation geben. Sie fasste dann die Formatio bulbaris, 
die aus den Fila olfactoria und den Glomeruli besteht, und die 
weiter nach innen gelegenen Schichten zusammen. Die Formatio 
bulbaris nimmt nur die laterale Hälfte der Lobusspitze sowie 
einen Teil der lateralen mehr ventral gelegenen Lobus olfactorius- 
Wand ein (Fig. A—F). Ganz kaudal bildet sie einen dorsal 
gelegenen Bulbulus accessorius (Fig. AA, B, F, R), von dem noch 
unten die Rede sein wird. Der Riechnerv setzt seitlich an, und 
seine Fila erschöpfen sich langsam in den Glomeruli (Fig. M—P). 
Die Formatio bulbaris bildet hier also nicht. wie bei den meisten 
Tieren, einen Bulbus olfactorius. Trotzdem wird aber der Name 
Bulbus für den vordersten Teil des Lobus olfactorius gebraucht 
(Herrick, Röthig u. a... Legen wir in dieser vordersten 
Gegend einen Querschnitt durch den Lobus olfaetorius, so finden 
wir ihn aus den Fila olfactoria, den Glomeruli olf., den Mitralis- 
zellen!) und der Granula oder Körnerschicht bestehend (Fig. 0). 


ı) Rubaschkin (32) (1903, S. 217) bestreitet das Vorhandensein der 
Mitraliszellen bei den Amphibien, da diese für die Säugetiere typisch sind; 
es handelt sich hier vielmehr um die auch bei Säugern vorkommenden 
sogenannten sternförmigen Zellen. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 17 


Cellulae bulbares dorsales 


Cellulae bulb. mediales 


Cellulae bulb. ventrales 


5. Körnerschicht 


4. Schicht der Mitraliszellen 


3. Zona molecularis 


2. Glomeruli 
1. Fila olfactoria (Nervus olfactorius) 


Fig. ©. (Serie 2.) Querschnitt durch die vorderste Spitze des Lobus 
olfactorius. 


Cellulae bulbares dorsales 


R CGellulae mediales 
Cellulae laterales 


Ventriculus lobiolf. 


Letzter Rest der Oellulae 
bulbares mediales 
(Gegend der Con- 
crescentia bulbaris 
der Anuren) 


Cellulae bulbares 
ventrales 


Fig. D. (Serie 2.) Schnitt durch die vorderste Spitze des Ventriculus lobi 
olfactorii (Recessus medio-frontalis). 


Archiv f. mikr. Anat. Bd.S4. Abt. 1. 2 


18 GC. A. E. Bindewald: 


Zona limitans dorsalis 


Cellulae bulbares dorsales 


Nucleus olfacetorius anterior 
(Cellulae mediales) 


Ventriculus lob. olf. 


CGellulae laterales 


Cellulae bulbares ventrales 


Fig. E. (Serie 2.) Schnitt durch den mittleren Teil des Nucleus 
olfactorius anterior. 


Pr.di Pr.di. 
Tub. olf. 


Tub. olf. 


Prim. hipp. 


IBERVI age 


Fig. F. Schnitt durch den Bulbulus accessorius. 

1. Erwachsenes Tier (Serie 2). 2. Zirka einjähriges Tier (Serie 7). 
b.a. — Bulbulus accessorius; c.b.v. — Üellulae bulbares ventrales; n.o2 — 
Nervus olfactorius secundus; n.0.a. — Nucleus olfactorius anterior; Pr.dl. — 
Prominentia dorsolateralis; Pr. vl. — Prominentia ventrolateralis; Prim. hipp. 
— Erster Anfang des Primordium hippocampi; s.1. = Suleus limitans hippo- 
campi; st.s. — Stratum semilunare; Tub. olf. = Tuberculum olfactorium ; 

V. = Ventriculus lobi olf. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 19 


Die Mitraliszellen sind von den Glomeruli durch eine zellfreie 
Schieht, Zona moleeularis, getrennt. Wir haben demnach in dieser 
Gegend fünf Schiehten zu unterscheiden (von aussen nach innen): 
Fila olfactoria, 
Glomeruli olfaetorii, 
Zona molecularis, 
Schicht der Mitraliszellen, 
5. Körner oder Granulaschicht (Fig. C—F, M—R). 
Wir haben hier einen Unterschied gegenüber dem Frosch 
(ef. Fig. 27 und 30 bei Gaupp), wo sich (Gaupp, Rubaschkin, 
Kappers, Herrick) die Zona moleeularis zwischen Mitralis 
und Körnerschicht befindet. Röthig legt auf die Trennung ın 
Mitralis und Körnerschicht keinen Wert. Er schreibt (30) 
(1911, 8.5): „Die Zellulae mediales bilden am Rande der medialen 
Bulbusfläche eine dichte Lage, während sie sich lateralwärts in 
lockere Zellgruppen auflösten, so dassman danach noch zwei 
Unterabteilungen dieser Zellgruppen unterscheiden 
könnte; von einer Benennung derselben wird aber abgesehen“. 
1. Die Fila olfactoria bilden eine Masse wild durch- 
einander laufender Fibrillen, die teils einzeln, teils zu 
Bündeln vereinigt über-, unter- und durcheinander laufen 
(siehe unten Fig. M—(Q), um sich dann aufzulösen und 
2. die Glomeruli zu bilden. Zwischen und an diesen 
besonders an der Grenze zur 
. Molekularschicht liegen Zellhäufchen, die den sub- 
glomerulosen Zellen Rubaschkin’s (beim Frosch) und 
den intraglomerulären Neuronen P. Ramöns (27) (1596) 
(cellules panach6es intraglomerulaires) (beim Frosch) ent- 
sprechen. Sonst findet sich hier und da eine Mitralis- 
zelle verstreut. | | 
4. Die Schicht der Mitraliszellen bildet einen wohl abgrenz- 
baren Bezirk, der sich deutlich durch die weitere Lage 
der Zellen kennzeichnet (Fig. 0). Diese ziehen, wie 
gleich hier bemerkt, bei Färbungen mit Thionin und 
Uresylviolett rascher als die Körnerzellen aus und sind 
so an ihrer blasseren Färbung kenntlich; sie besitzen 
bedeutend weniger Chromatin als die Körnerzellen. Oft 
sieht man an ihnen Protoplasmafortsätze, die sich bald 
gabeln oder teilen (Näheres siehe unten). 


en 


u VE So) 


o 


ah 


20 C. A. E. Bindewald: 


5. Die Körnerschicht bildet am ganzen medialen und 
vordersten Rand (Fig. A—C) einen dichten Zellbelag und 
erstreckt sich besonders dorsal und ventral bis in die 
Glomeruli (Fig. C); man kann drei Abschnitte unter- 
scheiden: Zellulae bulbares ventrales, Zellulae bulbares 
mediales, Zellulae bulbares dorsales Röthig. 

Die Zellulae bulbares mediales bezeichnen da, wo 
sie sich denen des anderen Lobus olfactorius nähern, die Stelle 
der Concrescentia bulbaris, die sekundäre (Kappers) interbulbare 
Verwachsungskommissur, wie sie für die Anuren charakteristisch 
ist. Diese selbst oder nur eine Andeutung davon fand ich auf 
keinem einzigen meiner Präparate, während Röthig sie ver- 
schiedentlich (Siren lacertina, Spelerpes fuscus) schwach ent- 
wickelt fand. 

Die Zellulae bulbares dorsales und ventrales sind 
noch lange kaudalwärts als wohl abgrenzbare Bezirke zu unter- 
scheiden (Fig. D, E), besonders die ventralen sind stark ent- 
wickelt (ähnlich bei Spelerpes fuscus). 

Noch ehe der Ventriculus lob. olf. auftritt, rücken die 
Zellulae bulbares mediales von der medialen Wandung 
der Hemisphäre ab. Sobald dann der Recessus medio-frontalis 
l. o. auftritt (Fig. D), wird durch ihn die Zellmasse in zwei Lagen 
geteilt, die Zellulae mediales und laterales, je nachdem sie 
an den Ventrikel angrenzen. Immer weiter rücken die medialen 
Zellen von der medialen Oberfläche ab und ordnen sich eircum- 
ventrieulär; ventral zeigen sie noch durch ihre oberflächliche 
Lage die Gegend der interbulbaren Verwachsung an und gehen 
in die Zellulae bulbares ventrales über (Fig. D). 

Die ganze Masse der medialen (und die die dorsale Wölbung 
des Ventrikels umgebenden) Zellen, die die Ventrikelspitze um- 
geben und weiterhin die mediale Wand bekleiden (Fig. E, F), hat 
Herrick mit vollem Recht Nucleus olfactorius anterior 
genannt, weil er eine Menge markloser und auch markhaltiger 
Fasern aus den Mitraliszellen darin enden sah. Wir werden 
später sehen, wie die meisten Fasern der sekundären Riechbahnen 
hierhin gelangen. Mir will es scheinen, als ob dieser Kern 
ziemlich deutlich von den lateralen Zellen abzugrenzen wäre 
(wenigstens oral) und zwar hauptsächlich in der Nähe des Angulus 
dorsalis des Ventrikels, wo die beiden Zellmassen durch eine 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 2 


deutliche zellfreie Zone — Zona limitans dorsalis, wie ich sie 
nennen will — voneinander getrennt sind. Auch medial reichen 
die Zellen nicht ganz dicht bis an die Ependymzellen des Ventrikels 
heran (Fig. E). Ventral biegt die Zellmasse nach dem Angulus 
ventralis des Ventrikels zu um und grenzt dort an die Zellulae 
laterales, jedoch so, dass zwischen diesen und den Zellulae bulbares 
ventrales ein zellfreier Raum bleibt (Fig. E). Die kaudale Grenze 
des Nucleus olfactorius anterior lässt sich an den Zellanordnungen 
kaum feststellen; sie ist jedoch im Ventrikel durch den Recessus 
medio-caudalis v. l. o. (siehe oben) gekennzeichnet. Die Zellen 
setzen sich aber noch darüber hinaus fort, besonders dorsal, wo 
der Recessus m. c. verflacht, und so verliert sich der Nucleus o. a. 
wohl, wie bereits Herrick angibt, in die dorsale und mediale 
Wand des Ventriculus lateralis. 

Die Zellulae laterales breiten sich in der Gegend des 
Nucleus olfactorius anterior dorsal etwas weiter über die Hemi- 
sphäre aus. Auch die Zellulae bulbares dorsales werden hier 
wieder zahlreicher und bilden ein grösseres Zellenareal (besonders 
stark auch bei Siren), ein schwaches Tuberculum bulbo-laterale 
Röthig (Fig. F). Dicht dahinter finde ich einen nicht allzu 
deutlich ausgeprägten Bulbulus accessorius dorsalis. Es zieht ein 
starker Strang Fila olfactoria !) direkt dorsal und bildet sein eigenes 
besonderes Areal von Glomeruli. Dann folgt eine Molekularschicht 
und ein Stratum semicirculare Röthig von Mitraliszellen, das 
dann in die laterale Mitralisschicht der Lobarformation übergeht. 
Dann folgt natürlich die Körnerschicht (Fig. F, R). So finden 
wir beim Bulbulus accessorius nochmals alle Strukturen im kleinen 
wiederholt. Etwas deutlicher ausgeprägt finde ich den Bulbulus 
accessorius bei nicht ganz ausgewachsenen zirka einjährigen 
Tieren.?) 

Röthig findet einen Bulbulus accessorius auch bei Siren lacertina, wo 
er in der gleichen Gegend wie bei Amblystoma liegt, aber viel deutlicher 


ausgeprägt ist. Auch bei Spelerpes fuscus ist er vorhanden, liegt aber hier 
ventral wie bei den Anuren, wo auch mehrere Bulbuli (2—5) vorkommen 


!) Snessarew bezeichnet beim Frosch einen solchen Strang als Nervus 
olfactorius secundus. 

?®) Es hat fast den Anschein, als ob mit dem Auswachsen des Gehirns 
der Bulbulus in die Hemisphäre hineingedrückt wird (und sich hierdurch 
auch die übrigen scharfen Strukturgrenzen verwischen), da die Schädelkapsel 
keinen Raum für ihn bietet. 


22 GAB. Bindewakd: 


(Edinger); bei Necturus, Oryptobranchus lässt sich kein „distinkter Bulbulus“ 
abgrenzen (Röthig), ebenso nicht bei Salamandra ') und Triton.’) Wir hätten 
demnach folgende Reihe in der Ausbildung eines Bulbulus accessorius: 


1. Necturus, Uryptobranchus, Salamandra, Triton kein Bulbulus. 
Amblystoma schlecht ausgeprägter dorsaler Bulbulus. 

. Siren lacertina gut ausgeprägter dorsaler Bulbulus. 

. Spelerpes fuscus gut ausgeprägter ventraler Bulbulus. 

. Anuren ein bis mehrere gut ausgeprägte ventrale Bulbuli. 


Wo 00 & 


ot 


So sind wir denn auch lateral an das kaudale Ende des 
Lobus olfactorius gekommen, sobald kurz dahinter im Ventrikel 
der Recessus fronto-lateralis v. l. o. (siehe oben) auftritt. - Von 
der Riechstrahlung, die ebenfalls noch zum Lobus olfactorius 
gerechnet wird, wird später die Rede sein. Die sich bald aus- 
breitenden lateralen und die superficiellen Zellen, die gleich 
Erwähnung finden, gehören jedenfalls nicht mehr dem Lobus 
olfactorius an, bilden aber vielleicht eine Grenzlinie. 

Lobus hemisphaericus. Schon in: der Gegend des 
Bulbulus accessorius hat sich der Ventrikel dorsal stark ver- 
breitert, und mit ihm hat auch das dem Nucleus olf. ant. dorsal 
anliegende Grau stark an Breite zugenommen (Fig. H). Ventral 
wird innen am Ventrikel beginnend jetzt ein seichter Suleus 
sichtbar, der an der medialen Fläche im Bogen nach oben hinten 
aufsteigend und dann horizontal verlaufend die Hippocampus- 
Anlage (siehe unten) abgrenzt, der Sulcus Jimitans hippo- 
campi°) (Fig. F, H, I; Q, R). So wird die mediale Wand durch 
diesen Suleus in zwei: Teile geteilt. Nach Herrick bildet 
die ganze Hemisphäre in natürlicher Weise fünf Teile: Ganz 
oral den :„Bulbus olfactorius“ ; dann nach Auftreten des .Ventri- 
eulus lateralis vier Quadranten, die je nach ihrer Lage benannt 
werden: 


!) Bochenek erwähnt nichts von einem Bulbulus accessorius. 
>) Von einem Bulbulus accessorius sah ich an Präparaten von Triton 
(durch Herrn Schnakenbeck am hiesigen Institut hergestellt) keine Spur. 
>) Kappers (in dem Referat über. Herrick in den Filia Neuro- 
biologica, Vol. 5, Nr. 6, 1911) will den Namen Suleus limitans hippocampi 
durch den von ihm 1908. vorgeschlagenen Namen. Fissura septo-corticalis 
ersetzt wissen, weil der Name Sulcus limitans bereits für. eine Furche 
im Zwischenhirn angewendet wird, was. zu Irrtümern führen. könnte. 
Meiner Meinung nach ist der Zusatz „bippocampi‘ vollständig. ausreichend, 
um einen Irrtum zu vermeiden; ich finde den Namen. durchaus klar und 
zweckentsprechend. 


[85] 
> 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 


Fissura arcuata Gpp. 


Zona limit. medialis Gpp. 
Sule. limit. hippoc. Herrick 


Suleus limit. later. Gpp. 
Zon&a Y 


Fig. G. Frosch, Schema der vier Hemisphärenquadranten. 

II Pars dorsomedialis. 
III Pars dorsolateralis. 
IV Pars ventrolateralis. 

V Pars ventromedialis. 


( 
Pars pallialis Gaupp (oberhalb des Striches) ! 


Pars subpallialis Gaupp (unterhalb des Striches) \ 


Pr>dl> 


"Prim hipp 


i 


Cell.sup. 


Proyie 


Pr. med. 


Nuel. med.sept. 
Fig. H. (Serie 7.) Etwas schräger Querschnitt hinter dem Bulbulus acces- 
sorius. Die rechte Hemisphäre zeigt die superficiellen Zellen (siehe Text, 
Seite 25 und 26); auf der linken Hemisphäre ist bereits ein schwer abgrenz- 
barer Nucleus medianus sept. zu sehen. 
Cell. sept. — ÜCellulae septales; Cell. sup. = Cellulae superficiales; Prim. hipp. 


— Primordium hippocampi; Pr. dl. = Prominentia dorsolateralis; Pr. med. — 
Prominentia medialis; Pr. vl. = Prominentia ventrolateralis ; Nucl. med. sept. 
— Nucleus medianus septi; S.l.h. —= Sulcus limitans hippocampi; Z.l. = 


Zona limitans medialis. 


24 C. A. E. Bindewald: 


Fig. I, 1-6. (Serie 2.) Die Verhältnisse des Septum ependymale und die 
Verschmelzung der beiden Partes ventromediales (siehe Seite 28 und 29). 
Die Schnitte liegen je 60 „ auseinander. 

E.s. — Eminentia septalis; Par — Paraphyse; P.f.s. — Pars fimbrialis 
septi; P.m. — Prominentia medialis; Pr. v. — Prominentia ventralis; S.e. = 
Septum ependymale; S m. = Septum mediale; S.1 Sulcus limitans hippo- 
campi; T.t. — Taenia fornieis (Herrick); Z.1.h. — Zona limitans hippocampi. 


[80] 
U 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 


2. Pars dorso-medialis \ DH : i 
ei “. > Pars pallialis Gaupp (siehe Tab. ]). 
3. Pars dorso-lateralis ) 
4. Pars ventro-lateralis RE 

L 2 ONPars subpallialis Gaupp. 

5. Pars ventro-medialis ) 


(Gerade beim Frosch sind die vier Hemisphären-Quadranten 
besonders gut abgegrenzt, nicht nur durch innere und äussere 
Grenzen (Sulci, Fissurae), sondern auch noch durch besondere 
zellfreie Zonen, Zonae limitantes (Fig. G). 

Gleichzeitig mit dem Auftreten des Sulceus limitans hippo- 
campi sieht man medial vom Ventrikelgrau die ersten Zellen des 
Primordium hippocampi, die, wie gleich hier bemerkt, 
durch ihre lockere Anordnung gekennzeichnet sind (Fig. F); 
kaudal vermehren sie sich immer mehr und drängen nicht nur 
die Ventrikelzellen dorsalwärts, sondern drängen auch in den 
Ventrikel hinein (Fig. H), so dass wir zu Beginn eine deutliche 
Vorwölbung in den Ventrikel haben, die sich langsam wieder 
nach dem Foramen zu ausgleicht, verflacht. Als Grenze gegen 
die Pars ventro-medialis tritt eine breite zellfreie Zone, die 
Zona limitans medialis s. hippocampi, auf, dieneben dem 
oben genannten Sulcus limitans hippocampi herläuft (Fig. H, D. 
Die Zellen des Primordium hippocampi sind nicht adventriculär 
angeordnet, sie sind vielmehr bis zur Oberfläche diffus zerstreut 
und viel weitläufiger gelagert wie das übrige Grau, eine Tat- 
sache, worüber noch zu sprechen sein wird. Die gleiche Struktur 
bleibt über das Foramen hinaus bis zum Polus posterior bestehen 
(Fig. K). 

In der dorsalen Wand erhält sich das dem Nucleus 
olfactorius anliegende Grau auch weiterhin als undifferenzierte 
Masse. 

Lateral verwischen sich gegen das kaudale Ende der 
Lobarformation hin die scharfen Grenzen zwischen Mitralis und 
Körnerschicht (Zellulae laterales).. Die ventrolateralen Zellen 
haben sich schon vorher etwas weiter lateralwärts gestreckt als 
Prominentia ventrolateralis Röthig; ebenso die dorsolateralen 
am Bulbulus (siehe oben) als Prominentia dorsolateralis Röthig 
(Fig. H). Wenig weiter kaudal treten noch ganz lateral einige 
wenige oberflächliche Zellen auf, Zellulae superficiales (in be- 
deutend grösserer Menge z. B. bei Siren lacertina), und bilden 
mit den Ausläufern der Prominentiae dorso- und ventrolateralis 


26 C. A. EB. Bindewald: 


eine die ganze laterale Hemisphärenwand überdeckende Zell- 
schicht; ihre Zellen sind jedoch nicht so dicht angeordnet wie 
die Zellulae laterales, liegen auch vielmehr in einzelne Häufchen 
verteilt als gleichmässig diffus (Fig. H). So haben wir hier viel- 
leicht eine natürliche Grenzlinie des Lobus hemisphaericus gegen 
den Lobus olfactorius. 

Die weitgehende Differenzierung, die diese Gegend bei Amblystoma 
und mehr noch bei Siren lacertina zeigt, legt die Vermutung nahe, dass es 
sich hier um ein ganz distinktes Zentrum mit spezieller Funktion handelt. 
Vielleicht stellen spätere Untersuchungen heraus, dass es sich hier um eine 
Station des Oralsinnes handelt, der ja offenbar beim Axolotl eine grössere 
Rolle spielt (cf. Haecker [14] Lernversuche |. c.). Herrick hält zwar 
seinen Nucleus postolfactorius — Eminentia postolfactoria — vorderer Teil 
der Pars ventro-medialis mit der Prominentia medialis (Röthig und ich) 
mit dem Tuberculum olfactoriorum (der Säuger) — Lobus parolfactorius 
Edinger, der Sitz des Oralsinnes, für identisch (siehe unten). 

Weiter kaudal treten die Zellen wieder ganz an den 
Ventrikel zurück und bilden ein gleichmässig ausgedehntes 
Grau. Die Pars dorso-lateralis und ventro-lateralis 
sind keineswegs, nicht einmal durch eine schwache Andeutung 
einer Zona limitaus lateralis (wie beim Frosch), geschieden. 
Auch von einer Prominentia lateralis und ventralis, wie sie 
Röthig in seinen Arbeiten beschreibt, ist nichts zu sehen 
(Fig. H,1.Hem). Erst in der (Gegend, wo das Septum (siehe 
unten) sehr schmal geworden ist, lassen sich wieder besondere 
Areale abgrenzen. 


Die Pars ventromedialis, das Septum schlechthin, ist 
besonders von Röthig (31) bei Urodelen und Anuren eingehend 
untersucht worden. Zunächst wird sie oral von dem adventri- 
kulären Grau ohne jegliche Differenzierung eingenommen, eine 
unscharfe Grenze nach oben bildet der Suleus limitans hippocampi. 
Die ganze Gegend hat Herrick als Nucleus postolfactorius 
bezeichnet, Röthig nennt sie, da sie sich medialwärts etwas 
weiter als das übliche Grau erstreckt, Prominentia medialis 
(Fig. H,D). Bald wird die’ Grenze zwischen ihr und dem Pri- 
mordium hippocampi deutlicher durch die immer breiter werdende 
Zona limitans medialis s. hippocampi. Weiterhin kaudal. werden 
die Zellen hier lockerer gelagert und verbreiten sich mehr 
medialwärts. Röthig grenzt nun die medial gelegenen Zellen 
von denen um den Ventrikel gelegenen ab und unterscheidet 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 27 


zwei besondere Kerne, einen Nucleus medialis septi und einen 
Nucleus lateralis septi. Ich halte die Berechtigung dieser 
Abgrenzungen für: nicht genügend erwiesen, da die Grenzen 
auf allen vorliegenden Abbildungen von Urodelen zu unscharf 
erscheinen. 

wöthig geht nun noch weiter, indem er diesen medial 
gelegenen Bezirk der Septum-Kerne als sechsten Hauptteil 
— Septum — Pars sexta — unter Beibehaltung der fünf von 
Herrick aufgestellten, abgetrennt wissen will, so dass für den 
fünften Hauptteil (siehe oben), die Pars ventro-medialis, nur die 
Zellmasse der Prominentia medialis und die Zellen zwischen jenem 
Septum-Kern und dem Ventrikel übrig bleiben (Fig. H). Bemerkt 
sei hier, dass Röthig die letzteren bei Anuren (31, 1912, 
Fig. 29—32 1.c.) als Zellulae septales bezeichnet, dass er 
also damit die Bezeichnung Septum wieder in einem weiteren 
Sinne anwendet. Die Zellulae septales gewinnen in der Gruppe 
der Urodelen selbständigere Bedeutung, da sie sich mehr oder 
weniger in den Ventrikel hineinwölben ; sie bilden so die Eminentia 
septalis') Röthig (früher 1911 Eminentia postolfactoria Röthig 
[30]), die bei Siren, Spelerpes fuscus u. a. (siehe Röthig [31] 
1912, Fig. 4, 5, 8, 11, 13, 15a l. c.) besonders vor dem Septum 
ependymale deutlich gegen den Ventrikel vorspringt. Dorsal davon 
und unterhalb des Suleus limitans liegt die Pars fimbriales septi, 
die sich oberhalb des Septum ependymale kaudad bis, in die 
Nähe des Foramens ausdehnt (Fig.D). Zellen enthält sie wenige; 
die letzten verschwinden zu Anfang des Foramens (Fig. Iı). Alle 
diese Zellen sind ursprünglich aus der Prominentia medialis hervor- 
gegangen (Fig. H, 1). 

Ich möchte also die Röthigsche Abgrenzung einer Pars 
sexta°’) nicht akzeptieren und das „Septum“ als Komponente der 


'!) Eminentia septalis ist gleich einem Teil der Area praecommissuralis 
Kappers (20, 1908, 8. 203). Gaupps (13) zentrales Grau des Septums 
(8. 108 und 109) ist — Prominentia medialis — Eminentia septalis Röthie 
und ich, Gaupps Ganglion septi ist — Nucleus medialis et lateralis septi 
Röthig. Gaupps Eminentia postolfactoria idem Herrick (18) (Fig. 11 
l. c.) (er meint damit aber Nucleus postolfactorius, siehe oben) ist — Petit 
lobule postolfactif Ramon (27, 1896, Fig. II) L PO, S. 233. 

?) Röthig wendet sich hauptsächlich dagegen, die Pars ventromedialis 
gleich Septum zu setzen (Herrick [18], S. 453); damit hat er durchaus 
recht, man braucht aber deshalb nicht gleich für dieses — wenn auch 


2 


[0 0) 


@. A. E. Bindewald. 


Pars ventromedialis ansehen. Diese enthielte also die Prominentia 
medialis, das Septum (als ganzer Bezirk schlechthin) mit den 
Septumkernen und der Eminentia septalis (Zellulae septales), 
dorsal liegt über dem Septum ependymale die Pars fimbriales 
septi, mit anderen Worten: das Septum ist das Zellareal in der 
Mittellinie vor dem Foramen interventriculare zwischen den beiden 
lateralen Ventrikeln und den beiden dorsalen und ventralen 
medialen Hemisphärenteilen als Komponente der Pars ventro- 
medialis. Es wird dargestellt durch die Eminentia septalis, 
der vorn medial die Septumkerne anliegen; kaudal wird es 
ependymal und darüber liegt die Pars fimbrialis septi. Es ist 
hervorgegangen aus der Prominentia medialis, die ventral seine 
Basalplatte bildet und die die andere Komponente der Pars 
ventromedialis darstellt. Die Prominentia medialis bleibt noch 
weiterhin bestehen, um späterhin mit der der anderen Hemisphäre 
zu verschmelzen. 

Ich finde die ganzen Verhältnisse, so wie sie beschrieben 
sind, bei Amblystoma wieder (Fig. H), jedoch nicht allzu deutlich 
ausgeprägt. Die Zellen der Pars ventromedialis liegen lockerer 
als die der Pars ventrolateralis. Man sieht die „Zellulae 
septales“ in die Prominentia medialis übergehen und weiter 
kaudad medialwärts stärker und noch lockerer austreten. Einen 
Nucleus medialis und lateralis septi abzugrenzen, dürfte schwierig 
sein; Zellfärbungen geben auch keinen Aufschluss (Fig. H). Die 
Septumkerne liessen sich höchstens aus Analogieschlüssen ab- 
grenzen. Die Eminentia septalis ist nicht besonders entwickelt; 
die Pars fimbrialis septi ist deutlich zu sehen. 

Interessant sind die Verhältnisse des Septum ependymale 
und des Übergangs der beiden Prominentiae mediales. Sobald 
das Septum ganz membranös wird (Fig. Iı-s), dringt die Paraphyse 
in ventraler Richtung zwischen die Hemisphären vor. Sie ist 
einerseits durch ein schmales Band, die Taenia fornieis (Herrick) 
mit den dorsalen medialen Hemisphärenteilen verbunden; andern- 
teils schiebt sie ventralwärts eine ganz schmale Plexus-„Zunge“ 
vor, die fast an das Septum heranreicht (Fig. Is). Dieses wird 
sehr rasch so niedrig, dass es nur noch ein ganz schmales, ganz 


distinkte Gebiet zwischenPars dorso-und ventromedialis — 
einen neuen Hauptteil einzuführen. Das Septum ist und bleibt eben eine 
Komponente der Pars ventromedialis. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 29 


horizontal gelegenes Band, das ich „Septum ventrale“ nennen 
will, bildet. Dieses verbindet zunächst beide ventromedialen Teile 
der Hemisphären (Fig. Is). An seine Stelle tritt bald eine durch 
die Berührung und Verschmelzung der beiden medialen Prominentien 
entstandene Brücke (Fig. Is), Der Plexus hat sich zum „medialen 
Plexus“ in der Aula stark erweitert; von ihm gehen die lateralen 
Plexus aus, die sich weit nach vorn in die Seitenventrikel er- 
strecken.) 

Die Pars ventrolateralis ist die Gegend, in der sich 
das Striatum befinden muss. Röthig (30) beschreibt, dass 
bald hinter den superficiellen Zellen eine Massa ventrolateralis 
(l. c. Fig. 7) auftritt, aus der sich der Nucleus basalis — das 
Striatum, bildet. Die lateralen Zellen stellen eine laterale 
Prominentia, ebenso die ventralen eine Prominentia ventralis dar, 
so dass das Corpus striatum seine Begrenzung durch diese 
Prominentien erfährt; durch letztere werden auch die Areale des 
lateralen und medialen Vorderhirnbündels bestimmt. Weiterhin 
caudad glaubt der gleiche Autor auch bei Urodelen in dem dor- 
salen Teil der Pars ventrolateralis dicht unter der Prominentia 
lateralis eine Epistriatum-Anlage zu erblicken, die im Ventrikel 
auch durch einen schwachen Suleus strio-epistriaticus vom Striatum 
getrennt ist’ (31, 1912, Fig. 9, 16). 

Bei Amblystoma finden sich diese Bildungen zum Teil gar nicht 
(z. B. Massa ventrolateralis), zum Teil schwach entwickelt und 
relativ weiter kaudad als bei den von Röthig beschriebenen 
Urodelen. Eine schwache Prominentia ventralis tritt zuerst in 
der Gegend des „Nucleus medialis septi“ auf, Fasern des lateralen 
Vorderhirnbündels sind aber schon bedeutend früher sichtbar. 
Die Prominentia lateralis erscheint erst da, wo das Septum schon 
sehr schmal geworden ist (Fig. I). Weiter kaudad in der (regend 
des Foramen sehen wir ähnliche Verhältnisse, wie sie Röthig (31) 
bei anderen Urodelen beschrieben hat (Fig. K). 

Wenn wir uns der Schlussplatte nähern, nehmen die 
ventralen Zellen immer mehr ab, um in der Gegend der Commissura 
anterior ganz zu verschwinden. Die beiden dorsalen Teile (dorso- 
medialis und -lateralis) jeder Hemisphäre verschmelzen miteinander 
und bilden den Polus posterior. Die Zellen sind wieder ceircum- 
ventriculär angeordnet; medial bleibt noch die Struktur des 


'!) Man sehe Genaueres über die Plexus- Verhältnisse Warren (35). 


30 BA: BR, Bindewarld: 


Primordium hippocampi erhalten (Fig. L). Ganz kaudal bilden 
aber die Zellen eine undifterenzierte Masse. 


Nicht unerwähnt will ich im Anschluss an dieses Kapitel die polnische 
Arbeit von A. Bochenek (3) lassen: „Drogi nerwowe przcdm62dZa 
salamandry plamistej“ (siehe Literaturverzeichnis) ; da, wie aus dem deutschen 
Referat zu entnehmen ist, Verfasser ganz anders als neuerdings einteilt, so 
war seine Darstellung schwer oben einzureihen.') 


Nach ihm bildet der Riechlappen den vorderen kleineren Teil der 
Hemisphäre. Seine Schichten beschreibt er ziemlich richtig, sieht aber nur 
in den nahe den Glomeruli gelegenen Zellen Mitraliszellen und übergeht auf 
diese Weise die Molekularschicht. Dass sie aber deutlich vorhanden ist, 
zeigt sein Horizontalschnitt (Fig. 4 1. e.). Die innere Wand des Riechlappens, 
die inihrem Bau mehr der Rinde entspricht (wörtlich), nennt er Area 
(auch Lamina) postolfactoria (Fig. 4 1. c.). - Sie entspricht bei mir den 
vordersten Zellulae mediales, aber wohl nicht dem Nucleus olfaetorius anterior. 

Er unterscheidet am breiten Hirnventrikel vier Wände: eine untere, 
obere, äussere, innere, die alle durch eine innere zellreiche und eine äussere 
zellarme Schicht gekennzeichnet sind. Die ganze obere und der grösste ihr 
anliegende Abschnitt der äusseren Wand nennt er richtig Rinden- oder 
Mantelteil (Pallium). Den kleineren Abschnitt der äusseren, den unteren 
und den kleinen untersten Teil der Innenwand nennt er Corpus striatum, 
mit dem Hinweis, dass ja von diesen Gebieten das basale Vorderhirnbündel 
entspringt. Es ist die ganze Pars subpallialis Gaupps mit allen ihren 
einzelnen Teilen. Als Grenze der Innenwand. gibt er richtig eine vom 
Ventrikel her einschneidende Furche (Suleus limitans hippocampi) an, ohne 
sie zu benennen. Die Zona limitans hippocampi ist in seiner Fig. 1 vor- 
handen, aber nicht beschrieben. Den vordersten Teil des Corpus striatums 
nennt er Area olfactoria, die dem Lobus olfactorius dicht anliegt. Das 
Primordium hippocampi beschreibt er genau und richtig in jeder Einzelheit 
als Septum und sagt bereits davon, dass es seinen Nervenbahnen nach als 
Anlage der bei den Säugetieren so wichtigen Ammonswindung zu betrachten 
ist. Bei den Faserzügen werden wir noch öfters auf diesen. Autor zurück- 
zukommen haben. 


Die Faserzüge. 


Wenn wir die Faserzüge im Vorderhirn von Amblystoma 
betrachten wollen, so sind wir fast nur auf marklose angewiesen; 
die markhaltigen sind nicht allzu reich vertreten. Es mag dies 
seinen Grund haben in der niedrigen Stufe, die das Gehirn zeit- 
lebens beibehält, die Markscheiden sind nicht voll entwickelt. 


!) Die andere Einteilung Bocheneks ist anscheinend durch seine 
Anlehnung an Ramon (27) entstanden, dem ja auch Fehler infolge irriger 
Vergleichung des Reptiliengehirnes mit dem der Amphibien unterlaufen sind, 
worauf bereits Gaupp (13) (z.B. S. 102) aufmerksam macht. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 51 


Paläocort.? 
(Röthig) 


um hippo/Ventrit. 
campl. ‚/ lateralis 


OR IS 
A 
eh £ P 


Promi- ER RN. 
nentia Y 2 RO a 
lateralis N % X Areal es 
Epistriatuman- G VE ei lateralen 
lage (Röthig)? 9 :Vorderhirn- 
..... „bundels, 
Prominentia - Me ee 
ventralis Areal des 
medial.Vor: 
derhirnbdi. 


Fig. K. (Serie 2.) Schnitt durch die Striatumgegend kurz vor der Lamina 
terminalis. 


Polus 
posterior 


lateral. Vhbd. _ Commissura 

u.seine Kreuzung a 
mediales Vhbd. —- — Commissura 
u.seine Kreuzung ( ee) 


Fig. L. (Serie 2.) Schnitt durch die Schlussplatte (cf. Fig. 16 bei Herrick). 


32 C. A. E. Bindewald: 


Radiatio dorsalis 


Fig. M. (Serie 14.) Schnitt durch die vorderste Spitze des Lobus olfactorius. 
(Siehe Textfig. C.) 


Sure _ Cellulae bulb. 
£ dorsales 


Cellulae bulb. 
ventrales 


Fig. N. (Siehe Fig. M, C, D.) Serie 14. Zirka 110 „ weiter kaudad als M. 


© 
os 


Das Vorderhivn von Amblystoma mexicanum. 


Edinger (S) macht darauf schon 18585 aufmerksam. Man sieht 
auch auf meinen Präparaten gelegentlich die „braunen Reaktionen“ 
Edingers. 

Genau dieselben Resultate zeigte die Dreyersche Methode mit 
nachfolgender Heidenhain-Färbung. Auch hier habe ich in allen 
anderen Hirnteilen die klarsten Bilder, während im Vorderhirn wenig zu sehen 
ist. Ja diese Methode kann hier noch eher Verwirrung hervorrufen, da sich 
nämlich oft die langen Protoplasmafortsätze der Ventrikelependymzellen 
gefärbt haben, die Fasern vortäuschen, ja sogar manchmal färbten sich 
Dendrite, wie man sie nur bei Goleifärbungen sieht. 

Im Rhinencephalon müssen wir uns jedenfalls ganz auf die 
Fibrillenmethode beschränken, und auch sonst musste diese immer 
wieder, wo nicht volle Klarheit herrschte, zu Rate gezogen werden. 

Betrachtet man die Riechfaserung, so fällt sofort auf, dass 
von einer bestimmten Ordnung der Züge, etwa wie sie Snessarew 
(34) beim Frosch beschrieb, nicht die Rede sein kann. Schon an 
der äussersten Spitze des Lobus olfactorius sieht man zwischen 
den Zellen feine Fibrillen, die alle das Bestreben haben, von 
ventral nach dorsal zu laufen (Fig. M). Kommt man weiter nach 
hinten, so treten immer mehr Fibrillen auf, die oft zu kleinen 
Bündelchen vereinigt sind; jedoch laufen sie nicht mehr alle 
dorsalwärts, sondern ein Teil geht erst horizontal medialwärts, 
um dann nach dorsal abzubiegen. Die meisten laufen aber immer 
noch direkt dorsalwärts nach der Gegend dicht unterhalb der 
Zellulae bulbares dorsales (Fig. N), wo sie kaudal umbiegen. Auch 
von den mittleren Fibrillen biegt übrigens ein Teil nicht direkt 
dorsal, sondern wenigstens zunächst kaudal ab; besonders kurz 
ehe der Ventrikel auftritt, kommen noch besondere horizontale 
Züge hinzu (Fig. ©). Es laufen nämlich um die ganze Ventrikel- 
spitze, den Recessus medio-frontalis v. 1. o., eine Menge Fasern, 
die aus dem lateralen Lobus olfactorius selbst von weit kaudal 
gelegenen Zellen kommen, die horizontal nach vorn (orad) laufen, 
die vordere Spitze des Ventrikels umziehen und in den Nucleus 
olfacetorius anterior gelangen (Fig. ©, rad‘). Zu ihnen gesellen 
sich noch Fasern aus mehr oral vor dem Ventrikel gelegenen 
lateralen Zellen (rad‘') und besonders aus den Zellulae bulbares 
ventrales (Fig. O, rad’‘‘). 

Mit dem Auftreten des Ventrikels ändert sich das Bild (Fig. P). 
Eine Menge Fasern (b) (Fig. BB) laufen wohl noch dorsalwärts. 


um kaudal umzubiegen; allein jetzt beginnen die bereits früher 
Archiv f.mikr. Anat. Bd.84. Abt. I. 3 


34 CASE. Binde wald: 


kaudal umgebogenen Fasern (a), auf der medialen Wand nach der 
ventralen Seite zu laufen, um nun den grösseren Teil der zell- 
armen Zone der medialen Wand zu bedecken und dort frei oder 
zwischen den Zellen des Nucleus olfactorius anterior zu enden. 
Die ventralen Fasern (c) laufen jetzt nicht mehr nach dorsal, 
sondern laufen direkt um den Angulus ventralis des Ventrikels 
hauptsächlich durch den zellfreien Raum zwischen den Zellulae 
bulbares ventrales und Zellulae laterales (Fig. P) und gelangen 
so ebenfalls zur medialen Wand (man sehe das Schema — Fig. BB — 
für alle diese Verhältnisse). Eine Teilung derart, dass ventrale 
Fasern nur zu ventralen Teilen und dorsale nur zu dorsalen 
Teilen des Nucleus olfactorius anterior in Beziehung treten, findet 
nicht statt. Man sieht vielmehr die dorsalen und ventralen Fasern 
hier wirr durcheinander (Fig. P). Auch aus den Zellulae bulbares 
dorsales ziehen Fasern zu diesen (regenden, besonders aus deren 
kaudalem Rande. Auf den Querschnitten ändert sich das Bild 
nun nicht mehr viel. Sobald die Zellulae bulbares dorsales ver- 
schwunden sind, reichen die Fasern bis an die dorsale Oberfläche 
der Hemisphäre und nun sieht man auch, dass ein grosser Teil 
der Fasern (a, b’ Schema, Fig. BB) weiter kaudad zieht und nicht 
im Nucleus olfactorius endet. Diese sind noch eine weite Strecke 
kaudalwärts zu verfolgen; wo und wie sie enden, konnte ich nicht 
mit Sicherheit feststellen. Sie scheinen langsam in das dorso- 
laterale Dach der Hemisphäre auszustrahlen, das somit zum 
Lobus olfactorius hinzuzurechnen ist. Den Polus posterior, wie 
Herrick bei der Larve, nicht aber bei erwachsenen Tieren nach- 
weisen konnte, erreichen sie jedenfalls nicht. 

Besonders aus weiter kaudal gelegenen Partien des Lobus 
olfactorius und aus denen des Bulbulus accessorius ziehen Fasern 
diesem Gebiete zu, und zwar sind dies Fasern aus dem mehr 
frontal gelegenen Teil des Bulbulus accessorius (Fig. R). Viele 
Fasern enden in dem dem Nucleus olfactorius anterior anliegenden 
Grau des Daches der Hemisphäre, also dem „Mantel“. Wahr- 
scheinlich erreichen sie auch die dorsale Grenze des Primordium 
hippocampi. 

Ventral ziehen die Fasern (c‘ Schema Fig. BB) noch eine 
Zeitlang um den Ventrikel, erreichen hier jedoch nicht mehr 
die dorso-mediale Wand. Sie laufen vielmehr jetzt kaudal und 
sind nur spärlich zu Anfang des Primordium hippocampi zu sehen, 


Sb) 
ot 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 
N 


Nucleus | !0b. 
\olfactorius, 
‚anterior / 


Radiat. 
olf. ventr. 


Rec.med. | 
frontalis 


rad‘ 


Cellul. 
bulb. 
ventr. \ 
(med.) 


Fig. O. (Serie 18.) Horizontalschnitt (cf. Textfig. A) ungefähr in mittlerer Höhe 
der Hemisphäre, um die Radiatio olf. horizontalis (rad, rad’, rad’) zu zeigen. 


Radiatio olf. 
dorsalis 


Nucleus olf. 
anterior 


—— Radiatio olf. 
ventralis 


Fig. P. (Serie 14, ef. Fig. D.) Querschnitt kurz nach Auftreten des Ventri- 
eulus lobi olfactorii. 


36 CASE. Bindewald: 


Traetus bulbo-cortiealis (Radiatio olf. dorsalis) 


Tuberb. olf. Röth. 


Oralste Zellen d. 
Primordiums 
hippoe. 


Nervus olf. sec. 


Sule. limit. 
hipp. 


Radiat. olf. ventr. 
(Fasern z. Ge- 
biet des med. 
Vorderhirnb. 
u. z. Primord. 
bippoe.) 


Fig. @. (Serie 14.) Querschnitt kurz vor dem Bulbulus accessorius. 


(Siehe auch Fig. F.) 


Traetus bulb-ocortiealis 


Fasern zum Tr. bulbo-cort. 


Bulb. accessor. 


Fasern aus dem 
Bulbulus zum 
later. Vorder- 
hirnbündel 


Fasern z. med. 
Vorderhirnb. 


Fasern zum lat. Vorderhirnb. 


Fig. R. (Serie 14.) Aus mehreren Schnitten kombiniertes Bild der Bulbulus 


accessorius-Gegend. (Man sehe Text, Seite 21 und 34, 37 und vergleiche Fig. F. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 37. 


wie auch Herrick (18) angibt. Sicher erreichen sie das Gebiet, 
wo Fasern des medialen Vorderhirnbündels entspringen. Es sind 
aber sehr spärliche Fasern, wie ja die um den Angulus ventralis 
verlaufenden Züge ungleich geringer sind als die beiden anderen. 

Nun’ scheint es aber, dass nicht alle Fasern aus dem Gebiet 
des Bulbulus accessorius nach dorsal laufen. Manche (und zwar 
die aus mehr kaudal gelegenen Teilen des Bulbulus) treten in 
das Ventrikelgrau nach ventral zu ein und vermischen sich da mit 
den dort zerstreuten spärlichen Fasern. Diese bewegen sich dem 
(Gebiet des lateralen Vorderhirnbündels zu. Sicherlich sind unter 
diesen Fasern auch solche, die wohl dem Lobus olfactorius-, nicht 
aber speziell dem Bulbulus accessorius-Gebiet angehören. Also 
hätten wir auch eine Riechverbindung zum lateralen Vorderhirn- 
bündel (Fig. R). Ähnlich hat dies auch Röthig (30) bei Siren 
lacertina gefunden .(cf. seine Anmerkung 6, 1. c.). 

Fassen wir die Befunde der Riechfasern zusammen, so können 
wir drei Hauptrichtungen unterscheiden, in der die Fasern ver- 
laufen. Man könnte sie in folgende Züge einteilen (cf. Schema 
Fig. BB): 

Bine Radzatıo.olfscetoriardorsalisaa bar); 
der die meisten Fasern angehören. Sie kommen aus mehr 
dorsalen Teilen der Lobarformation und aus den Zellulae 
bulbares dorsales, nur an der Spitze des Lobus olfactorius 
kommen sie von allen Teilen. Ihre Richtung ist dorsal 
gerichtet, wo sie nach kaudal umbiegen, um zum grösseren 
Teil bald im Gebiet des Nucleus olfactorius anterior und 
dessen anliegenden dorsalen Grau zu enden, zum kleineren 
Teil ziehen sie nach hinten und bilden so einen echten 
Traetus bulbo-corticalis. Möglicherweise gelangen auch 
einzelne Fasern in den frontalen Teil des Primordium 
hippocampi (Fig. M, N, P—R). 

2. Eine Radiatio olfactoria horizontalis (d), deren 
Fasern horizontal verlaufen und um die Ventrikelspitze 
biegen. Sie kommen aus allen lateral gelegenen Gebieten 
der Lobarformation und den Zellulae bulbares ventrales 
(und mediales) und enden alle im Nucleus olfactorius 
anterior (Fig. O). 

Eine Radiatio olfactoria ventralis (c c‘), die 
schwächste, die aus mehr ventralen Teilen der Lobar- 
3* 


(8) 


Sb) 
an 


GC. A. E. Bindewald: 


formation kommt und den Angulus ventralis des Ventrikels 
umzieht. Der grössere Teil endet im Nucleus olfactorius 
anterior (ce); der kleinere (c’) erreicht die Gegend des 
medialen Vorderhirnbündels und auch anscheinend die 
frontalsten Teile des Primordium hippocampi von ventral 
her (Fig. P-R). 

Die Fasern aus dem Bulbulus accessorius (im 
Schema ohne Buchstabe) ziehen teils zum Tractus bulbo- 
corticalis, teils gelangen sie in das Gebiet des lateralen 
Vorderhirnbündels (Fig. R). 


Markhaltig sind sehr wenige Fasern, man sieht einzelne 


sowohl den Angulus dorsalis als auch den Angulus ventralis um- 
ziehen, auch aus der Bulbulus-Gegend einige spärliche ventral- 
wärts laufen. 


Hierzu ist aus der Literatur zu bemerken: 
Ra 


Die Radiatio olfactoria dorsalis entspricht vollständig dem 
Traetus olfactorius dorso-lateralis bei Herrick (18, S. 421 
und 422). „Der Bulbus olfactorius erstreckt sich über die 
ganze ventrolaterale Wand (gemeint ist zu Beginn des Ventrikels). 
Aus ihm kommen sekundäre markiose und markhaltige Fasern 
in den dorsalen Saum des Nucleus olfactorıus anterior und 
setzen sich in dieser Beziehung kaudad als Tractus olfactorius 
dorso-lateralis fort. Der Tractus olfactorius dorso-lateralis 
entspringt aus der ganzen Länge des dorsalen Bulbus olfactorius- 
Saumes. Die ganze Anzahl der markhaltigen Fasern ist in- 
folgedessen sehr gross (?) (Fig. 8S—11). Diese markhaltigen 
Fasern sind indessen alle kurz und endigen in dem anliegenden 
Grau des Nucleus olfactorius anterior und dem dorso-lateralen 
Teil der Hemisphäre. Der markhaltige Tractus nimmt aber 
nicht in dem Maße zu, wie wir uns dem kaudalen Ende des 
Bulbus nähern und alle seine Fasern endigen eine kurze 
Strecke weiter kaudad (Fig. 12). Die begleitenden marklosen 
Fasern dehnen sich zweifellos weiter kaudad aus und erreichen 
den Polus posterior wie bei der Larve und den Anuren, doch 
zeigten dies meine Präparate beim erwachsenen Amblystoma 
nicht.“ Die Bedeutung des Nucleus olfactorius anterior hat 
Herrick als erster richtig erkannt. 

Im Gegensatz zu ihm glaubt Röthig (30), dass aus 
dieser Gegend jedenfalls Faserzüge entspringen und sowohl 
nach dorsal (Radix olfactoria medialis des Tractus olfactorius 
dorsalis) als auch nach ventral ziehen (Tractus olfactorius 
medialis, der sich dem medialen Vorderhirnbündel zugesellt). 
Im übrigen stimmt meine Radiatio olfactoria dorsalis mit seinem 
Traectus olfactorius dorsalis überein und dessen drei Wurzeln — 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 39 


Radix olfactoria dorsalis, medialis und lateralis — werden bei 
mir durch die nach dorsal ziehenden einzelnen Faserbündel 
dargestellt. Bei Bochenek (3) wird meine Radiatio olfactoria 
dorsalis durch die dritte Komponente seiner Radiatio olfactoria 
dargestellt. Im übrigen verweise ich auf die Tabelle Il. 

ad 2. Sekundäre Riechfasern, die so verlaufen wie 
meine Radiatio olfactoria horizontalis, sind noch 
von keinem Forscher beschrieben worden. 

ad 3. Die Radiatio olfactoria ventralis stimmt mit Herricks (18) 
Traetus olfactorius medialis überein (S. 421 und 422): „Ähnlich 
wie beim Tractus olfactorius dorso-lateralis biegen marklose 
und markhaltige Fasern um den Angulus ventralis des Ventrieulus 
lateralis, um die dorsalen und ventralen Teile des Tractus 
olfactorius medialis zu bilden. Der ventrale markhaltige Tractus 
entspringt allein vom rostralen Ende des Bulbus. Alle seine 
Fasern, die wenig an Zahl sind, endigen bald im Nucleus 
olfactorius anterior. Die Ausdehnung der Verteilung der mark- 
losen Fasern habe ich nicht bestimmt, auf der dorsalen Ab- 
teilung treten sie in das rostrale Ende des Primordium hippo- 
campi ein und die ventrale Abteilung ist mit dem medialen 
Vorderhirntraetus vermischt.* Ferner entspricht sie dem 
Röthigschen Tractus olfactorius medialis und zum Teil dem 
Tractus olfactorius ventralis. Bei Bochenek (3) wird sie 
dargestellt durch die erste Komponente der Radiatio olfactoria, 
die zum vordersten Teil des Striatum, der Area olfactoria, 
verläuft. 

Noch verschiedene sekundäre Riechbahnen sind beschrieben worden, 
die ich weder auffinden noch identifizieren konnte. So beschreibt 
Herrick bei Amblystoma einen Tractus olfactorius ventro-lateralis 
(18, S. 422): „Der Tractus olfactorius ventro-lateralis entspringt vom 
kaudalen Ende des Bulbus olfactorius (er steht mit dem Bulbulus 
accessorius beim Frosch in Beziehung), und geht direkt rückwärts 
(wie beim Frosch) dicht am ventrikulären Ependym, um in einer Zell- 
verdiekung am kaudalen Ende der Pars ventro-lateralis gegenüber der 
Commissura anterior zu enden, das mit dem sogenannten Corpus striatum 
beim Frosch in Beziehung steht.“ Ähnlich Röthig (30) mit seinem 
Tractus olfactorius ventro-lateralis. Auch Bochenek (3) schreibt von 
einer zweiten Komponenten der Radiatio olfactoria, die zum hinteren 
Teile des Striatums läuft. Ich habe diesen Zug, den Herrick in keiner 
seiner Abbildungen von Amblystoma anzeigt, nicht finden können; 
höchstens wäre er zu identifizieren mit den Fasern aus dem Bulbulus 
zum Gebiet des lateralen Vorderhirnbündels Bochenek (3) beschreibt 
ferner einen Tractus olfacto-commissuralis und einen Tractus olfacto- 
diencephalicus, die beide im Nucleus praeopticus enden. Auch hiervon 
konnte ich bei Amblystoma keine Spur entdecken. Die vierte Kompo- 
nente der Radiatio olfactoria Bocheneks, die Ramöns Tractus 
bulbo oceipitalis entspricht, wird bereits von Kappers (20) für un- 


40 @sASH. Bindemald: 


wahrscheinlich erklärt. Auch ich kann nichts darüber sagen. Im 
übrigen verweise ich auf die Tabelle II (besonders für die Anuren), 


Aus dem vordersten Teil des Primordium hippocampi sehen 
wir einige kräftige markhaltige Fasern kommen, die ziemlich 
nahe der medialen Oberfläche an dem Nucleus medianus septi 
vorbeiziehen in das Areal des medialen Vorderhirnbündels (Fig. CC), 
mit dem sie zum Hypothalamus ziehen. Es ist dies die Columna 
fornicis Herrick, eine kaudale Verbindung des tertiären 
Riechzentrums, die zum ersten Male die Anlage des echten 
Fornix (Traetus cortico-mamillaris Edinger) darstellt. 


Die Klarlegung des Fornix ist nicht so einfach. Nach Edinger 
(9, Vorlesungen, 2. Bd., S. 316) werden gewöhnlich zwei Bündel unter 
dem Namen Fornix zusammengefasst. „Es ist aber zweckmässiger, sie 
nach ihren Endstätten zu trennen. Aus dem kaudalen Gebiete der 
Riechrinde hervortretend, ziehen sie zunächst eine kurze Strecke gemein- 
sam ventralwärts, bis etwa zur Höhe der Commissura anterior und 
dann wenden sie sich kaudal. Hier nun spaltet sich der nun meist 
geeinte Stamm in einen Zug zum Ganglion habenulae — Tractus 
cortico-habenularis — und einen solchen zum Corpus mamillare an 
der Basis des Hypothalamus, den Tractus cortico-mamillaris. Namentlich 
der letztgenannte ist ein kräftiges, in seinem Verlauf immer gut ab- 
scheidbares Bündel. Es verläuft ın gestrecktem Zuge nahe der Medial- 
ebene im zentralen Höhlengrau des Zwischenhirns kaudal und basal 
und senkt sich dann in das Corpus mamillare ein. Der ganze Verlauf 
ist in Fig. 242 (?) zu übersehen.“ 

Der Tractus cortico-habenularis bildet nun mit dem Tractus 
olfacto-habenularis die sogenannte Taenia thalami Edinger (siehe 9, 
Vorlesungen, 2. Bd., S. 212 und 213 und Fig. 189), davon wird noch 
später die Rede sein. 

Der Tractus cortico-mamillaris ist dagegen der echte Fornix, wie 
er hinauf bis zam Menschen erhalten bleibt (man vergl. Edinger, 
Vorlesungen, Bd. 1, S. 411 und das Schema auf derselben Seite). So 
liegen die Verhältnisse von den Reptilien an aufwärts. 

Bei den Amphibien lässt sich nun ein Corpus mamillare noch 
nicht abgrenzen. Seiner Topographie nach muss es aber in der Gegend 
liegen, wo das mediale Vorderhirnbündel im Hypothalamus endet. Die 
Züge also, die aus dem Primordium hippocampi kommen und mit dem 
medialen Vorderhirnbündel zusammen verlaufen, müssen als Fornix 
angesehen werden. Die Anlage eines solchen bedeutet entwicklungs- 
geschichtlich sicher einen Gewinn gegenüber dem Fischgehirn. 

Ein Fornix ist denn auch von verschiedenen Forschern beschrieben 
worden und zwar recht verschieden. Einen aberranten Fornix beschreibt 
noch Herriek (18) in seinem Tractus cortico-thalamicus, den er mit 
dem Fornix longus Ramöns (27) identifiziert. Er geht aus von dem 
kaudalen Ende des Primordium hippocampi und erreicht höchst wahr- 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 41 


scheinlich den Hypothalamus. Einen ganz ähnlichen Zug beschreibt 
Bochenek (3) in seinem Tractus oceipito-thalamieus. Den dritten 
Zug, den Bochenek (3) unter der Überschrift Fornix anführt, ist 
sein Tractus septo-mesencephalicus (Septum ist = Primordium hippo- 
campi!). Dies dürfte jedoch ein Irrtum sein und dieser Zug dem 
Traetus septo-diencephalicus Edinger (9) entsprechen, der bei Vögeln 
grosse Bedautung gewinnt und von Edinger auch bei Amphibien 
gesehen wurde, aber nicht sehr weit über das Vorderhirn verfolgt 
werden konnte. 

Auch Röthig (30) sieht aus dem Primordium hippocampi (und 
möglicherweise aus den Septumkernen) Fasern zum medialen Vorder- 
hirnbündel ziehen, die sich zunächst dem Tractus olfactorius medialis 
anschliessen, der ebenfalls zu diesem Bündel zielt. Er spricht diese 
Fasern jedoch nicht als Fornix an, sondern glaubt diesen in seinem 
Traetus eortico-olfactorius medialis, der aber kreuzend die Commissura 
hippocampi durchsetzt und zum medialen Vorderhirnbündel zieht, er- 
blicken zu müssen. Fr kommt zu dieser Ansicht im Anschluss an 
Kappers (20, S. 208), nach dem bei Rana ein Fasersystem aus der 
medialen Hippocampusrinde oberhalb der Pars frontalis commissurae 
anterioris, das sich nach hinten dem medialen Vorderhirnbündel an- 
schliesst, die erste Anlage des Fornix bildet. 

Über das mediale und laterale Vorderhirnbündel 
ist nichts Besonders zu sagen; es ist eben ein äusserst konstantes 
Bündel, das bereits von Stieda 1875 (33) richtig beschrieben 
wurde. Bei Amblystoma ist es das stärkste markhaltige Bündel 
des Vorderhirns (Fig. K,L,EE). Sowohl das mediale als das 
laterale entsteht in seinem besonderen Bezirk, ersteres in den 
mehr basalen Teilen der Prominentia medialis, letzteres in der 
ventro-lateralen Wand; beide haben so vor der Uommissura 
anterior ihr besonderes Areal (Fig. DD). Sie kreuzen beide zum 
Teil in der Commissura anterior und verlaufen dann mehr 
vereint zu weiter kaudal gelegenen Partien. Die kreuzenden 
Teile des medialen Vorderhirnbündels sind möglicherweise die 
des olfactorischen Anteils. Auch das laterale Vorderhirnbündel 
besteht sicher aus mehreren Komponenten, denn man sieht es oft 
nach der Kreuzung im Diencephalon in mehrere Stränge zerklüftet. 

Über die Bedeutung des basalen Vorderhirnbündels, worunter ich die 
beiden (mediales und laterales) zusammenfasse, wissen wir nicht allzu viel. 
Das laterale zieht hauptsächlich zum Thalamus und Mittelhirn. Herrick (18) 
sieht in ihm auf- und absteigende Bahnen, vor allem einen Tractus 
strio-thalamieus und einen Traetus thalamo-corticalis. Ahnliches schreibt 
Bochenek (3). Das mediale Vorderhirnbündel zieht zum Hypothalamus. Es 
enthält, wie wir gesehen haben, verschiedene Komponenten ausser seinen 
eignen Fasern, so einen olfactorischen Anteil und die Fornixfasern. 


42 C. A. E. Bindewald: 


Auch die Entwirrung der Commissuren ist nicht ein- 
fach. Wir haben oben gesehen, dass sowohl das laterale wie das 
mediale Vorderhirnbündel in der Commissura anterior kreuzen. 
Eine weitere Commissur ist nun die Commissura hippo- 
campi. Von allen Teilen des Primordium kommen Fasern, die 
ventral herabsteigen, um dann kaudal umzubiegen und in der 


@ 


Commissura hippocampi auf die andere Seite hinüber zu gehen. 
Wir haben also hier eine zweite Verbindung tertiärer Riech- 
zentren. Diese Commissur ist marklos (Fig. DD). 

Meine Präparate zeigen den Verlauf nicht allzu deutlich, trotzdem 
kann ich an Horizontalschnitten die schwach versilberten Fibrillen verfolgen. 

Herrick (18) teilt die Commissura hippocampi in zwei Teile, 
in eine Commissura pallii anterior und eine Commissura pallii posterior. 
Die erstere ist dadurch charakterisiert, dass sie nur Fasern enthält, 
die mit den dorsalen Teilen (Pars pallialis Gaupp [13]) der Hemi- 
sphären in Verbindung stehen. Somit sind sie als echtes Psalterium 
anzusehen, eine Verbindung neencephaler Teile. Die Commissura palli 
posterior enthält nach Herrick Teile, die von der ventralen Ober- 
fläche des Polus posterior der Hemisphäre aufsteigen und direkt medial- 
wärts ziehen, um sich mit der Stria medullaris Herrick (das ist die 
Zusammenfassung aller Fasern, die zur Habenula hinauf- und hinab- 
steigen; die Verhältnisse der Stria medullaris sind „very intrieate“) 
und von da zum Polus posterior der anderen Hemisphäre gehen, also 
durch die Commissura habenularis. Etwas Näheres über diese Commissur 
zu erforschen, war mir nicht möglich. Mit Recht wendet sich aber 
Kappers (siehe sein Referat über Herrick in Folia Neurobiol., 
Vol. 5, Nr. 6) dagegen, diese Commissur mit einem Namen zu belegen, 
der für einen echten Psalterinmanteil der Reptilien im Gebrauch ist. 
Der Polus posterior ist ja nach Herricks eigenen Worten zum 
mindesten auf der lateralen Seite ein sekundäres Riechzentrum, da ja 
sekundäre Riechneuronen dort endigen. Verbindet nun eine Commissur 
diese Zentren, so haben wir es eben mit einer Verbindung palaeencephaler 
Teile und nieht mit einem Psalteriumanteil zu tun. Herrick sast 
zwar ausdrücklich (18, S. 425): „Morphologically the dorsal commissure, 
or commissura pallii anterior, should be defined as containing only 
fibers, which connect with the dorsal part (pars pallialis) of the 
hemisphere.*“ Die Fortsetzung dieses Satzes „and all fibers related 
only with the ventral parts of the hemisphere should be classed with 
the anterior commissure regardless of their topographie position in the 
commissural complex at the median plane“ führt Kappers an, um 
Herrick mit eigenen Worten zu schlagen, da ja die Fasern der 
Commissura pallii posterior von ventralen Teilen herkämen, übersieht 
jedoch dabei, dass selbst die ventralen Teile des Polus posterior zur 
Pars pallialis gehören, da ja der Polus posterior durch Verwachsung 
von Pars dorso-lateralis und dorso-medialis entstanden ist. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 43 


Die Commissura hippocampi ist bei Amphibien überall marklos 
beschrieben worden. Ganz genauen Aufschluss, von welchen Zellen sie 
kommt, haben wir noch nicht, da selbst die Golgibilder versagten 
(ef. Ramön [27], Fig. 12, S. 248, 28, Fig. 4, Taf. XV). P. Ramön 
sagt ausdrücklich (28.8.1587 und 188): „No-nos ha sido posible comprobar. 
de un modo autentico, la continuidad de los eilindros-ejes de las pira- 
mides con Jas fribras de la eommissura intercerebral‘. 


Nun scheint es mir aber, dass in der Lamina terminalis 
dicht hinter der Commissura hippocampi noch eine andere liegt, 
die aus der sogenannten Eminentia thalami Herrick (cf. meine 
Fig. L mit Herricks (18) Fig. 17 und 18) kommt. 

Ich schliesse dies nicht nur aus Querschnittsbildern, sondern 
hauptsächlich aus Medianschnitten (Fig. DD). Da ich aber vor- 
läufig noch nichts Genaueres über diese Commissur sagen kann 
und sie ausserdem dem Zwischenhirn angehört, so will ich sie 
zwar erwähnen, ihr aber vorläufig noch keinen Namen geben 
(X-Commissur).') Möglicherweise zieht auch noch eine dritte Ab- 
teilung hinauf zur Habenula; denn ich vermag auch auf Median- 
schnitten noch eine dritte Komponente hinter der Commissura 
hippocampi wahrzunehmen (Fig. DD), die sich aber. dann mit der 
X-Commissur vereinigt. 

Ich muss trotzdem hier einige Bemerkungen über die Eminentia thalami 
Herricks machen, da diese wahrscheinlich einen Thalamuskern von grosser 
Bedeutung darstellt. Nach Herrick ist diese Eminentia dem ventralen Teil 
des Thalamus zuzurechnen; infolgedessen gehen Fasern aus dem Primordium 
hippocampi durch diesen Kern hindurch, um zur Habenula zu gelangen, so 
dass dieser Kern eine Zwischenstation bildet. Dies ist sowohl bei Amblystoma 
der Fall als auch ungleich deutlicher beim Frosch.”) „Die Fasern der 
Commissura palliı anterior (Commissura hippocampi) bilden so einen Traetus 
cortico-habenularis medialis cruciatus mit einer auf diesem Wege durch den 
Nucleus supra-commissuralis (d. i. Eminentia thalami) eingeschalteten Station.‘“®) 
Ist nun meine Beobachtung richtig, so haben wir höchst wahrscheinlich einen 
echten Tractus cortico-habenularis (medialis ?) eruciatus und die X-Öommissur 
würde dann eine Verbindung der beiden Eminentiae thalami darstellen. 


'!) Während der Drucklegung dieser Arbeit hat Herr cand. zool. 
Sehnakenbeck am hiesigen Institut Golgipräparate hergestellt, die das 
Vorhandensein dieser Kommissur bestätigen (vorl. Mitteil.). 

:) Bei Anuren ist die Eminentia thalami stark reduziert und zwar ist 
sie der Nucleus supra-commissuralis der Literatur, dem Herrick (18) direkt 
den Namen Nucleus der Öommissura hippocampi gibt. 

3) Mit Recht wendet sich Kappers (in seinem Referat) auch hier 
gegen die falsche Anwendung „Tractus“ ; diese Bezeichnung soll ein für allemal 
nur für einheitliche Bahnen zwischen zwei Stationen angewendet werden. 


44 CFAZBBindewald: 


Betrachten wir nun die Commissurenverhältnisse an einem 
Medianschnitt durch die Lamina terminalis (Fig. DD), so sehen 
wir zunächst die markhaltigen Kreuzungen des lateralen und 
medialen Vorderhirnbündels. Ersteres nimmt die mehr frontal 
gelegenen Partien ein und ist, abgesehen davon, dass es mehr 
Fasern als die kreuzenden des medialen Bündels enthält, in sich 
abgeschlossener. Die Fasern des letzteren kreuzen nicht so zu- 
sammen verlaufend, sondern viel verstreuter (Fig. DD) in mehr 
mittleren Teilen der Lamina. Über der Kreuzung des lateralen 
Vorderhirnbündels sieht man dann die marklose Commissura 
hippocampi (Fig. DD), deren Fasern sich weiter paramedian 
grösstenteils nach vorn wenden. Dahinter liegt die ebenfalls 
marklose X-Commissur, die in zwei Teile gespalten erscheint 
(Fig. DD). Der vordere Teil wäre dann als Traetus cortico- 
habenularis medialis eruciatus anzusprechen, da seine Fasern 
an der Eminentia thalami vorbeilaufen, der andere ist dann die 
Verbindung der beiden Eminentien. 


Verbindungen mit der Habenula. Um die Ent- 
wirrung der sehr komplizierten Habenularverbindungen hat sich 
Herrick (15) sehr verdient gemacht, und ich kann seine Befunde 
im grossen und ganzen bei Amblystoma bestätigen. Es laufen 
nämlich eine Unmenge Fasern eng gedrängt aneinander hinauf 
zur Habenula oder von ihr hinab und zwar haben wir, um es 
kurz anzuführen, Verbindungen mit folgenden Gebieten (nach 
Herrick): Septum, Striatum, Primordium hippocampi, Pars 
dorsolateralis hemisphaerii, Nucleus praeoptieus, Mittelhirn. 

Zunächst ist Herricks olfacto-habenularis-System zu nennen 
(man vergl. seine schematische Fig. 22). Es besteht aus fünf 
Zügen, die alle marklos sind: 

1. Tractus olfacto-habenularis lateralis, 

2. Tractus olfacto-habenularis medialis, 

Tractus septo-habenularis, 
Tractus cortico-habenularis lateralis. 
Tractus cortico-habenularis medialis. 


u sY 


or 


Ich konnte diese Züge nachweisen bis auf den Tractus septo- 
habenularis, den ich auf keinem meiner Präparate auffand. Dieser 
Zug ist aber zweifellos vorhanden, denn Kappers (20) sah ihn 
sogar markhaltig bei Proteus. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 45 


Die beiden Olfacto-habenularis-Züge kommen aus dem Nucleus 
praeopticus, gehören also nach unserer Einteilung bereits dem 
Zwischenhirn an.') 

Der Traetus cortico-habenularis lateralis ist der stärkste 
Zug des Systems. Er verläuft vom vorderen Teil des Polus 
posterior aus der Pars dorso-lateralis im Bogen hinein in die 
sogenannte Stria medularis, wie Herrick das Bündelkonglomerat 
von und zur Habenula im vorderen Epithalamus nennt (Fig. EE). 
Mit ihm zusammen kommen aus der Pars dorso-medialis des Polus 
posterior die wenigen Fasern des Tractus cortico-habenularis 
medialis und schliessen sich jenem zur Stria an (Fig. EE). 

Mit diesem Tractus cortico-habenularis medialis sollen nach 
Herrick die oben erwähnten Fasern der Commissura pallii posterior 
zusammen in die Stria verlaufen. Irgend welche Trennung Konnte ich 
nicht wahrnehmen. 

Im übrigen ist hierza zu bemerken: Röthig (30) findet bei 
Siren sowohl seinen Traetus olfacto-habenularis medialis als auch 
lateralis markhaltig; ersterer komnit aber aus dem Gebiet des medialen, 
letzterer aus dem Gebiet des lateralen Vorderhirnbündels, von wo beide 
zur Habenula hinaufsteigen. Von einem solchen Verlauf der Züge kann 
weder Herrick noch ich berichten. Ahnlich wie Röthig schreibt 
Bochenek (3), dass sein Tractus olfacto-habenularis im hinteren Teil 
des Striatum entspränge und zur Habenula steil hinaufziehe, in die er 
Collaterale abgebe; dann aber lässt er den Zug in der Commissura 
habenularis kreuzen und hinunter zum Thalamus ziehen. 

Der Tractus cortico-habenularis lateralis ist ein Bündel, das alle 
Forscher gleich verlaufend beschreiben. Es ist die eigentliche Taenia 
thalami Edingers (8, Vorlesungen, 2. Bd., S. 213, 267 und 268), 
eine Verbindung des kaudalen Riechgebietes mit dem Epithalamus, die 
keinem Tier fehlt. 

Von markhaltigen Zügen ist anzuführen der Traetus 
habenulo-striaticus. Ganz wenige Fasern ziehen zu dem 
kaudalsten Ende des Striatumgebietes. Dieses ist die graue 
Substanz, die sich lateral von der Commissura anterior ausbreitet 
und die Verbindungsbrücke zwischen Hemisphäre und Thalamus 
ventral darstellt. Kurz dahinter trennt sich dann die graue 
Zellmasse des Polus posterior. 

In dieser Gegend, die besonders von älteren Autoren als 
Corpus striatum bezeichnet wird, strahlen die wenigen Fasern 
dieses Zuges aus. 


') Der Nucleus praeoptieus ist ja wahrscheinlich ein sekundäres Riech- 
zentrum (siehe oben); daher der Name olfacto etc. 


46 OST Er Bindreswaanld: 


Ein kräftigerer markhaltiger Zug ist der Tractus habenulo- 
thalamicus, der aus der Habenula zum Gebiet des lateralen Vorder- 
hirnbündels im Thalamus zieht. Ich erwähne diesen Zug kurz, 
weil er auf seinem Wege von einem anderen markhaltigen Faserzug 
überkreuzt wird, der nicht mehr zum Habenularsystem gehört, 
sondern aus dem Polus posterior-Gebiet kommt; es ist der Tractus 
cortico-thalamieus (Fig. EE). Ich finde diesen deutlichen Zug 
fast genau so wieder, wie ihn Herrick (18) beschreibt: „Er 
besteht aus einer dünnen Sammlung markhaltiger Fasern, die 
den (marklosen) Traetus cortico-habenularis medialis zur Stria 
medullaris begleitet, sich aber dann rückwärts in den Thalamus 
fortsetzt.“ Herrick spricht die Möglichkeit aus, dass er den 
Hypothalamus erreicht und so als aberrante Columna fornieis 
(vom kaudalen Ende des Primordium) zu betrachten sei. Er stützt 
sich dabei auf P. Ramöns Beschreibungen des Fornix longus. 
Dieses kann ich nicht so ganz bestätigen, die Fasern ziehen eher 
mit dem Tractus cortico-habenularis lateralis zusammen bis zur 
Stria und biegen dann scharf nach unten um, um zum medialen 
Vorderhirnbündel zu ziehen !) (Fig. EE). 

Über die Eigenfaserung des Vorderhirns vermag 
ich wenig zu sagen. Jedenfalls aber ziehen Assoziationsfasern 
zwischen der Pars dorso-lateralis und Pars dorso-medialis 
(Primordium hippocampi), sicher zwischen dem Primordium hippo- 
campi und dem Nucleus medianus septi und der Septumgegend 
überhaupt. Herrick schreibt direkt: „Dass marklose Fasern 
das Primordium hippocampi auf seiner ganzen Länge zwischen 
dorso- und ventromedialen Teilen begleiten“. Höchst wahrscheinlich 
ziehen auch Assoziationsfasern zwischen Pars ventro-medialis und 
Pars ventro-lateralis. 

Hier möchte ich noch ein paar Worte über Herricks (18) Fimbria- 
Komplex anknüpfen. 

Es ist dies, kurz gesagt, die Gegend, die direkt unter dem Primordium 
hippocampi liegt und hauptsächlich an der Taenia thalami Herricks 
(siehe oben im Gegensatz zu Edingers Taenia!) eine Menge Fasern ver- 
schiedener Herkunft, meist Assoziationsfasern, enthält. Ganz oral gehören 
zu ihm die markhaltigen Columna fornieis-Fasern und die sie begleitenden 


marklosen Assoziationsfasern, die auch weiterhin kaudad an diesem Komplex 
teil haben. Weiter hinten herrschen dann die Commissurenfasern des Hippo- 


'!) Ganz ähnlich beschreibt Bochenek (3) seinen Fornix (Tractus 
cortico-mamillaris) 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 47T 


campus vor. Ganz kaudal sind dann die Fasern des Tractus cortico- 
habenularis medialis und lateralis und die markhaltigen Fasern des Tractus 
cortico-thalamicus in ihm einbegriffen. 


Fassen wir die Faserzüge im Vorderhirn kurz zusammen, 


so haben wir folgendes: 


I. 


Ur 


II. 


EV; 


Riechfaserung. 

«) Radiatio olfactoria dorsalis, die zum Teil im Nucleus 
anterior endet, zum Teil als Tractus bulbo-eorticalis (Riech- 
strahlung) in der Pars dorso-lateralis nach hinten zieht, 
wo sie im Archipallium endet. Möglicherweise erreichen 
auch Fasern das frontale Ende des Primordium hippocampi. 

#) Radiatio olfactoria horizontalis, die im Nucleus olfac- 
torius anterior endet. 


y) Radiatio olfactoria ventralis, die grösstenteils im Nucleus 
olfactorius anterior endet, aber auch Fasern zum vorderen 
Ende des Primordium hippocampi und zum medialen Vorder- 
hirnbündel sendet. 

Ferner ziehen noch Riechfasern aus dem Bulbulus acces- 
sorius zum Traetus bulbo-corticalis und zum Gebiet des 
lateralen Vorderhirnbündels. 

Verbindungen tertiärer Riechzentren. 
Columna fornieis, 

Commissura hippocampi, 

Tractus cortico-thalamieus (Fornix ?). 
Habenularverbindungen. 

a) Traetus olfacto-habenularis medialis*) 

Traetus olfacto-habenularis lateralis *) 

Traetus septo-habenularis 

Tractus cortico-habenularis lateralis 

Traetus cortico-habenularis medialis 

? Traetus cortico-habenularis medialis cruciatus. 

b) Traetus habenulo-striatieus 

Traetus habenulo-thalamicus *) 

Kaudale Verbindungen sekundärer Riechzentren geschehen 
wahrscheinlich auf dem Wege des lateralen und medialen 
Vorderhirnbündels (? gekreuzte Teile). 


*, Die mit * bezeichneten Züge gehören nach unserer Einteilung nicht 


dem Vorderhirn an. 


45 CEAFENEBIn diewalld: 


Zur Histologie. 

Für die Darstellung der Zellen kam in erster Linie die 
Golgimethode in Betracht, jedoch dienten Zellfärbungen mit 
Hämatoxylin, 'Thionin und Cresylviolett zur Ergänzung. Von 
Forschern, die hauptsächlich mit der Golgimethode operierten, 
sind für Amphibien hauptsächlich P. Ramön (27 und 25) und 
Rubaschkin (32) zu nennen (hauptsächlich Frosch) !. 

Die Neuroglia. Auf die Darstellung der Stützelemente 
habe ich keinen besonderen Wert gelegt, will aber anführen, was 
ich aus meinen Präparaten entnehmen kann. Den einen Teil des 
Stützgewebes, nach Rubaschkin den grösseren, bilden die 
Ventrikel-Ependymzellen; diese umkleiden den Ventrikel in einem 
meist einschichtigen Epithel, nur um den basalen Teil (Angulus 
ventralis) bilden sie auffallenderweise, besonders in der Gegend, 
wo das Septum schmäler wird, ein diekes mehrschichtiges Lager 
(Fig. S). 

Die Zellkerne sind länglich gestreckt, die der letztgenannten 
sogar sehr lang, und sind wurstförmig; sie werden dunkel 
gefärbt und enthalten anscheinend sehr viel Chromatin. So 
sind sie an ihrer Farbe und Form alle leicht zu erkennen (Fig. EE). 
Die Zellen entsenden lange Protoplasmafortsätze zwischen den 
nervösen Elementen hindurch, wie dies bei Färbungen mit 
Hämatoxylin besonders im Primordium hippocampi deutlich 
wurde, wo ja die Ganglienzellen weit auseinander liegen (Fig. GG). 
Diese Protoplasmafortsätze haben wohl alle Ependymzellen auf- 
zuweisen, wie es sich an gelegentlichen Silberimprägnationen dar- 
stellte (Fig. GG, T). Im allgemeinen finde ich dieselben Formen 
wieder, wie sie Rubaschkin gefunden hat (32. Fig. 1, 4) Dass 
die von mir im Vorderhirn gefundenen Ependymzellen nicht so 
reiche Verästelungen aufweisen, mag vielleicht an nicht genügender 
Imprägnation liegen; ich finde an anderen Stellen (z. B. Mittelhirn) 


!) Rubaschkin (32) hat auch Salamandra maculosa und Triton 
punetatus untersucht; er erwähnt aber diese im Text überhaupt nicht und 
gibt von Salamandra maculosa nur Abbildungen von Stützzellen. Auf einen 
Unterschied zwischen Urodelen und Anuren kommt er nicht zu sprechen. 
Auch Bochenek (3) benutzte die Golgimethode. Leider lag mir die polnische 
Originalarbeit nicht vor, doch scheint er mehr auf die Nervenbahnen ein- 
gegangen zu sein, da im Referat des Anzeigers der Krakauer Akademie von 
Zellformationen kaum die Rede ist: nur bei den Schichten im Lobus olfactorius 
wird auf das Original verwiesen. Doch biete dieses nichts Neues. 


49 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 


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Fig. S. (Serie 53.) Das mehrschichtige Ventrikelependym um den Angulus 
ventralis in der kaudalen Septumgegend (cf. Textfig. I, 1, 2) 


Fig. T. Ventrikelependymzellen golgifiziert. (Serie 23.) 


Archiv f. mikr. Anat. Bd.84. Abt.1I. 


50 C. A. E. Bindewald: 


Radiatio olf. 
dorsalis 


Nucleusolf. 
anterior 


ventralis 


Cell. bulk. ventr. 


Fig. U. Golgibild der Lobarformation (etwas kombiniert). Siehe Fig. D, E, P. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 54 


genau so reiche Verästelungen, wie sie Rubaschkin gibt. Ob 
die Verästelungen bis zur Pia reichen, vermochte ich nicht fest- 
zustellen, die meisten endigen jedoch ohne die Pia zu erreichen 
(Rubaschkin und ich). 

Das andere Stützelement bilden moosförmige Gliazellen, die 
ein sehr dichtes Netz von Verästelungen aufzuweisen haben, so dass 
sie an dicken Schnitten oft ein undurchsichtiges Schwarz dar- 
stellen. Die Gliazellen sind nicht nur im Zellgrau verteilt, sondern 
auch vielfach in der weissen Substanz; so sind die am Rande 
der Hemisphärenwand oder in der Zona limitans hippocampi 
liegenden Zellen immer als Stützelemente anzusehen (siehe auch 
Rubaschkin). Nicht nur auf Versilberungen, sondern zufälliger- 
weise aus einem mir unbekannten Grunde haben sich an einem 
sonst normalen Weigert-Präparat Gliazellen tingiert, so dass 
man ihre Form deutlich erkennen kann. Sie weisen genau den- 
selben Typus auf wie die versilberten (Fig. HH). Vielleicht 
kommt hier das moosförmige Aussehen noch deutlicher zur Geltung, 
da erstens die Weigert-Schnitte dünner sind als die Golgi- 
. Schnitte, zweitens sind die versilberten stark inkrustiert, so dass 
hierdurch vielleicht noch mehr Verästelungen zustande gekommen 
sind. Die üblichen „Astrocyten“, „Spinnenzellen“ habe ich nicht 
gesehen, nur diese moosförmigen, die nach Rubaschkin Über- 
sangsformen von Ependym- zu Spinnenzellen darstellen, auch wenn 
sie noch so weit vom Ventrikel entfernt sind (sieheRubaschkin, 32, 
Fig. 2 und 3). 

Die nervösen Elemente. Betrachtet man an Golgi- 
präparaten die Lobarformation, so finden wir alle Elemente 
wieder, wie sie längst aus den Arbeiten von P. Ramon (27, 23). 
Oyarzum (26), Rubaschkin (32), Edinger (9) bekannt sind 
(man vergl. besonders Rubaschkins Fig. 5, P. Ramöns (23) 
Fig. 5, 1905). Rubaschkin fügt der allgemein üblichen Ein- 
teilung in die fünf Schichten (für Rana) noch eine neue Schicht 
zwischen den Fila und den Glomeruli hinzu, die sogenannte 
subglomerulose Schicht. Ich möchte dieser Schicht jedenfalls 
bei Amblystoma nicht allzu grosse Bedeutung beilegen, da sie 
nicht viele Zellen enthält, die nur hie und da zwischen den 
Glomeruli zerstreut liegen, und die bei Säugern. überhaupt nicht 
vorkommen (cf. Rubaschkins Schema des Baues des Bulbus- 
olfactorius bei Amphibien und Säugern, 32, S. 217). Es sind 

4* 


- 


52 C. A. E. Bindewald: 


wohl dieselben Zellen, die P. Ramön als Cellules (panachees) 
intraglomerulaires beschreibt. Auch spricht Rubaschkin das 
Vorhandensein von Mitraliszellen den Amphibien ab. „Mitralis- 
zellen besitzen die Amphibien nicht.“ Diese seien vielmehr den 
sternförmigen Zellen des Stratum moleceulare zu vergleichen. 


Es sei nun ganz kurz der Aufbau der Lobarformation dargestellt 
(Fig. U). Die Fila olfactoria haben alle gleiches Aussehen und gleiche Dicke; 
sie laufen wild über- und durcheinander, oft zu einzelnen Bündeln vereinigt, 
ehe sie sich auflösen, um mit den ihnen entgegenkommenden Fortsätzen der 
Mitraliszellen die Glomeruli zu bilden. Zwischen diesen Glomeruli liegen 
einzelne Zellen, die auch am Aufbau der Glomeruli Anteil haben, mit kurzen 
Fortsätzen (Dendriten), die subglomerulosen Zellen (sbg. Fig. U) Rubaschkins. 
In den Glomeruli lassen sich meist deutlich die beiden Elemente, aus denen 
sie zusammengesetzt sind, erkennen: das Endbäumchen des Filum ist feiner 
als das der Mitraliszelle. Diese Zellen haben einen vielfach gestalteten Bau 
(Fig. V) mit vielen Verzweigungen; jede Zelle nimmt an einem oder mehreren 
Glomeruli Anteil: viele ihrer Dendrite endigen frei selbst zwischen den 
Glomeruli. Ihre Neurite durchlaufen die Körnerschicht und ziehen sowohl 
um den Angulus dorsalis und ventralis, um im Nucleus olfactorius zu endigen, 
oder sie wenden sich kaudad, wo ihr Schicksal unbekannt ist (siehe oben). 
In der Körnerschicht finden sich Zellen, die mehr birnförmige Gestalt und 
weniger Dendrite haben. Viele von ihnen besitzen anscheinend keinen Neuriten 
und sind deshalb als „apolare Zellen“ bezeichnet worden. Doch liegen in 
der Körnerschicht auch noch Mitraliszellen zerstreut. So weist die Lobar- 
formation ganz den üblichen Bau des Bulbus olfactorius anderer Tiere auf. 


Betrachtet man die Mitraliszellen auf Präparaten, die nach 
der Methode Dreyer mit Hämatoxylin gefärbt sind, so sieht 
man, dass sie einen grossen Kern mit deutlichem Chromatingerüst 
(grössere und kleinere Brocken) besitzen; der Protoplasmafortsatz 
des Dendriten ist oft noch bis zur Gabelung zu sehen. Die 
Kerne der übrigen Zellen sind viel dunkler und scheinen bedeutend 
mehr Chromatin zu enthalten. So sehen wir in dieser Gegend 
Zellen mit ziemlich hellen und solche mit dunklen Kernen (Fig. I]). 
Da nun die Mitraliszellen helle Kerne besitzen, 
ebenso alle Zellen des Primordium hippocampi (wo 
fast nur Ependymzellen das Stützgewebe abgeben), auch die 
motorischen Ganglienzellen des Oculomotorius z.B., 
alles unzweifelhaft nervöse Elemente, so haben 
wir in allen Zellen mit hellem Kern Nervenzellen 
zu erblicken, während wir inallenZellen mit dunkel 
gefärbtenKernen andere Elemente (Stützzellen, noch nicht 
ausgereifte Nervenzellen — Kappers (21) — zeitlebens auf der 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 


Fig. V. Drei typische Mitraliszellen aus der Mitralisschicht (an der mittleren 
sind die Glomeruli ergänzt). (Serie 27.) 


54 C. A. E. Bindewald: 


RT 


1 
Fig. W. Grosse Pyramidenzellen. 1. Aus dem Primordium hippocampi. 
2. Aus dem dorsalen Mantel (Zelle des Paläocortex). 


b 


Fig. X. Kleine Pyramidenzellen. a) Abweichen des Typus aus dem dorsalen 
Mantel; b) gewöhnlicher Typus. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 55 


Stufe der Neuroblasten stehen gebliebene Zellen — Edinger (8) — 
und ähnliches) zu sehen haben. So sind bei Färbungen nach 
Dreier sofort nervöse von anderen Elementen zu unterscheiden 
(Fig. II). Die Ependymzellen haben genau dieselbe Kernstruktur 
wie die dunklen Elemente, nur sind die Kerne länglich statt 
rund. Im übrigen sind die Grössenunterschiede zwischen „hellen“ 
und „dunklen“ Kernen gering, die „hellen“ sind vielleicht etwas 
grösser. 

Auch bei Färbungen mit Thionin kann man die Unterschiede wahr- 
nehmen, ebenso an vorher chromierten Weigert-Präparaten (siehe oben), 
obwohl ja hier die chromatische Substanz zerstört wird. Bei Färbungen 
mit Öresylviolett zeigen sich die Unterschiede sehr schön, die Nervenzellen 
sind hell, mit allerlei blauen Brocken und Körnchen (Chromatin, Nissl- 
schollen ?), während die anderen Elemente eine mehr homogene Struktur 
aufzuweisen haben. Selbst an Golgipräparaten, wo sich die Zellen nicht 
imprägnierten, waren die Unterschiede nachzuweisen; hier hat wieder wie 
bei den Weigertpräparaten wohl das Chrom Einfluss ausgeübt. 

Da alle Teile des ceircumventriculären Graues einen sehr 
ähnlichen Bau aufweisen, so will ich zunächst die Hauptzelltypen 
kurz beschreiben, ehe ich einige Bemerkungen über besondere 
Teile daran knüpfe. 

Als die am meisten differenzierten (ausgereiften Kappers, 
20) Zellen haben wir wohl die grossen reich verzweigten Zellen 
anzusehen, wie wir sie im Primordium hippocampi finden (Fig. W'). 
Sie werden gewöhnlich als „grosse Pyramidenzellen“ 
beschrieben. Sie finden sich jedoch nicht nur hier, sondern auch 
im dorsalen Mantel, wie wir gleich sehen werden (Fig. W?). 
Ihre Form ist recht verschieden, eckig, rund, oval; sie besitzen 
zahlreiche kräftige Dendrite, die sich reich verzweigen und meist 
bis zu oberflächlichen Schichten reichen (Fig. W, A’). Die Dendrite 
tragen überall kleine Appendices, die oft nach dem äusseren Ende 
hin reichlicher auftreten. Das dünne Axon setzt verschieden an, 
vielfach zwischen zwei Dendriten oder an der den Dendriten 
abgewandten Seite. 

Die am meisten vorkommende Form sind die „kleinen 
Pyramidenzellen; die sich von ersteren nur durch die Grösse 
unterscheiden. Sie sind mehr birnförmig, besitzen nicht so reich 
verzweigte Dendriten und oft nur einen einzigen, der sich aber 
sehr bald teilt. Das Axon setzt seitlich oder der dem dicken 
Dendriten abgewandten Seite an (Fig. X). Eine etwas abweichende 


C- A, E. Bindewald: 


[abi | 
@p) 


Form sind die Zellen, die speziellRubaschkin (32) als „kleine 
Pyramidenzellen“ beschreibt. Das Hanptcharakteristikum besteht 
nämlich darin, dass das Axon nicht an besonderer Stelle, sondern 
zunächst wie ein kurzer Dendrit ansetzt und dann erst als dünner 
Faden weiter läuft (Fig. Xa). 

Eine dritte ganz besondere Form sind die sogenannten 
„Tangential-, auch Cajalzellen“ genannt. Sie besitzen ge- 
wöhnlich zwei starke Dendriten (manchmal nur einen), die oft 
sehr weit tangential zur Gehirnoberfläche verlaufen und in einem 
Winkel von 180° voneinander abstehen. Das Axon entspringt 
der Mitte der Zelle und läuft mit einem Dendriten parallel. So 
entstehen Tangentialfasern, die wahrscheinlich Assoziationsfasern 
sind (Fig. Y). 

Betrachten wir einzelne besondere Teile des Vorderhirns, 
so finden wir die kleinen Pyramidenzellen des üblichen Typus 
vorherrschend. Grosse Pyramidenzellen und Tangentialzellen 
scheinen ganz auf die dorsalen Teile (Pars pallialis) beschränkt 
zu sein. Der Nucleus olfactorius anterior, das Septum, Pars 
ventro-medialis und -lateralis weisen nur kleine Pyramidenzellen 
auf. Besonders deutlich ist so das Corpus striatum charakterisiert 
(Fig. Z), wo man nur kleine Pyramidenzellen mit einem sich fast 
sofort gabelnden Dendriten findet (Fig. X, A‘). Die Axone dringen 
in das laterale Vorderhirnbündel oder in die Commissura anterior 
ein. Dass die Commissura anterior eigene Zellen hat (siehe 
Ramön, 28, Fig. 4), kann ich mit Bestimmtheit nicht sagen; 
doch hat es auf einem meiner Präparate den Anschein, als ob 
solche Zellen vorhanden wären; unmöglich ist es jedenfalls nicht. 

Bedeutend mehr Interesse gewinnen die dorsal gelegenen 
Teile. Haben wir doch bei den Amphibien zuerst eine gewisse 
Mantelbildung (Fig. A‘). Diese weist bei Amblystoma keinen 
anderen Bau auf, als wie es schon aus den Arbeiten Ramöns 
(27/28) Rubaschkins (32) u. a. beim Frosch bekannt ist. 
Eine bestimmte Anordnung der Zellen ist nicht zu erkennen, es 
liegen vielmehr alle Zelltypen durcheinander. Von besonderer 
Wichtigkeit ist es, dass wir ganz dorsal hier grosse Pyramiden- 
zellen finden, die ihre Axone anscheinend dicht über das Ventrikel- 
ependym senden — die erste Anlage eines subeorticalen Mark- 
lagers (Edinger) —; wohin sie gelangen, ist bei Amphibien 
unbekannt, auch ich vermochte nichts festzustellen. Weiterhin 


( 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 


m 


Fig. Y. Tangentialzellen. 


Fig. Z. Golgibild des „Striatums“ und des lateralen Vorderhirnbündels. 
(Serie 29) Vergleiche Fig. K. 


—] 


o1 
08) 


CG.A. E. Bindewald: 


Dorsaler Mantel 


Ss 
Primordium 


Cortex hippocampi 


hippo-\ 
campi 


Septumgegend 


Fig. A’. Golgibild des Lobus hemisphaericus cf. Fig. H. Aus fünf hinter- 
einander liegenden Schnitten kombiniert (Serie 23). 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 39 


finden wir dort die kleinen Pyramidenzellen des abweichenden 
Typus häufiger (Fig. A‘). Diese beiden bilden wohl eine Art 
Paläocortex im Sinne Kappers (21). Im übrigen herrschen 
auch hier die üblichen kleinen Pyramidenzellen vor; dazwischen 
finden sich Tangentialzellen. Die Achsenzylinder aller dieser Zellen 
und ihre Dendrite bilden am Rande ein dichtes Flechtwerk. So 
haben wir hier die Mantelbildung in ihren ersten Anfängen 
noch ohne jegliche Difterenziationen der Elemente — ein noch 
ganz isoliertes Archipallium, wie es Elliot Smith genannt hat. 
Dass aber späterhin hieraus weitere Gebilde hervorgehen, zeigt 
sich an der langsamen Ausreifung von grossen Pyramidenzellen 
zum Paläocortex. So kann man schliesslich dieses dorsal ge- 
legene Zellengrau — bei Anuren liegt es mehr dorsolateral — 
wohl als Paläocortex bezeichnen, wie dies Röthig (31, S. 10) 
getan hat. Die laterale Grenze des Paläocortex wird von einem 
lateralen Zellenvorsprung, Prominentia lateralis (siehe oben), dar- 
gestellt. Von einer solchen ist wohl bei anderen Urodelen 
(Spelerpes, Hynobius, Cryptobranchus), aber nichts bei Amblystoma 
zu entdecken, genau so wie nichts von einer Epistriatum-Anlage 
zu sehen ist: das eircumventrieuläre Grau geht gleichmässig 
über seine eventuelle Epistriatumanlage in den Paläocortex über, 
höchstens liegen hier bei diesen die Zellen nicht ganz so dicht 
(Fig. H, K), wodurch eben Platz zur Ausreifung grosser Pyramiden- 
zellen geschafft wird. Weiterhin in der Tierreihe rückt der 
Paläocortex immer weiter lateral und basal (ef. Röthig, 31, 
Fig. 30, 31, 42 bereits bei Anuren), bis er schliesslich ganz an 
den Grund des Paläencephalons kommt. 

Im Primordium hippocampi liegen die Zellen über 
die ganze Wand zerstreut und sind fast alle grosse Pyramiden- 
zellen, die eben Platz genug hatten, als solche auszureifen. So 
hat sich das Primordium hippocampi viel eher differenziert als 
der Paläocortex. Dessen Achsenzylinder begeben sich grösstenteils 
nach dem äusseren Rande, viele scheinen nach dem Septum zu 
gehen und müssen jedenfalls auch die Commissura hippocampı 
bilden. Wie dies zustande kommt, ist noch nieht mit Sicherheit 
nachgewiesen. Am äusseren Rande, an der medialen Wand, liegen 
eine grössere Menge Tangentialzellen, die ihre Dendrite und 
Axone sehr weit senden; sie stellen sicherlich Assoziationen 
zwischen einzelnen Gehirnteilen her, zumal man grosse Pyramiden- 


60 - G.A.E. Bindewald: 


zellen mit ihnen in Verbindung treten sieht. Da auch P. Ramön 
(25. Fig. 7 beim Frosch) eine solche tangentiale Schicht beschrieben 
hat, so glaubt Herrick diese direkt als Cortexhippocampi 
bezeichnen zu müssen, die also auch bei Amblystoma vor- 
handen wäre. 

Wie sich nach und nach aus diesen (Gegenden, Paläor- 
cortex und Primordium hippocampi, die ganze Ammonsformation 
entwickelt, ist ja aus den schönen Arbeiten von Kappers (21), 
Herrick (15) und de Lange (Das Vorderhirn der Reptilien, 
Folia Neurob. 1911, Bd. 5 Nr. 6) bekannt. 


Zusammenfassung der Beobachtungen und 
Diskussion. 

Das Vorderhirn von Amblystoma ist seiner äusseren und 
inneren Morphologie nach sehr einfach gebaut. 

1. Äusserlich erscheinen die Hemisphären als länglichrunde 
(ebilde (Fig. AA), die erst in der Lamina terminalis miteinander 
in Verbindung stehen (Fig. A, B). Eingeteilt sind sie in einen 
Lobus olfactorius und einen Lobus hemisphaericus, die ohne sicht- 
bare äussere Grenze ineinander übergehen (Fig. AA). Ein dorso- 
lateral gelegener Bulbulus accessorius ist die einzige Unebenheit 
an der äusseren Wand. Der Riechnerv setzt seitlich an (Fig. AA, B, 
P,R.).(Herricksusa). 

Ebenfalls sehr einfach gebaut sind die Ventrikel, die jedoch 
noch die Grenze zwischen Lobus olfactorius und Lobushemisphaericus 
durch zwei senkrechte Recessus (hecessus medio-caudalis und 
latero-frontalis v. l. 0.) anzeigen. So wird auch gleichzeitig 
der Ventrikel in einen Ventriculus lobi olfactorii und einen 
Ventrieulus lateralis (s. 1. hemisphaeriei) eingeteilt (Fig. A, B). 
Die vorderste Grenze des Ventrieulus lobi olfactorii bildet der 
Recessus medio-frontalis v. 1. o. (Fig. A, B). Sonst ist noch eine 
einzige längs verlaufende Furche, der Suleus limitans hippocampi 
(Herrick) zu erwähnen (Fig. F, H). 

Die Ventriculi laterales verschmelzen durch die sehr breiten 
Foramina interventricularia zur unpaaren Aula (Fig. A,B); kaudad 
setzen sie sich noch in die dorsal gelegenen Poli posteriores der 
Hemisphären fort, die noch ein Stück über die Lamina terminalis 
hinausragen und die mit dem Zwischenhirn aussen eine tiefe 
di-telencephale Furche bilden (Fig. EE). 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 61 


Die Herricksche Einteilung der Hemisphäre ist auch 
für den Amblystoma zu akzeptieren: Lobus olfactorius (entspricht 
dem Bulbus olfactorius Herrick), Pars dorso-medialis, Pars 
dorso-lateralis, Pars ventro-lateralis, Pars ventro-medialis (Fig. G). 
Die beiden medialen Teile sind scharf durch den Suleus limitans 
hippocampi und eine zellfreie Zone parallel dem Suleus, Zona 
limitans (medialis) hippocampi voneinander getrennt (Fig. H: I), 
während auf der lateralen Seite keinerlei Grenze zu bemerken ist. 

Im Lobus olfactorius finden wir die fünf charak- 
teristischen Schichten lateral (Fila olfactoria, Glomeruli, Molecular- 
schicht, Schicht der Mitraliszellen, Körnerschicht) wieder. 
(Fig. C—F, M—N, P—R). Die Körnerschicht reicht, ehe der Ven- 
trikel auftritt, bis an die mediale Wand des Lobus olfactorius, nach 
dessen Auftreten rücken die Zellen von der Wand ab und bilden 
an der medialen Ventrikelwand einen wohl abgrenzbaren Nucleus 
olfactorius anterior (Fig. E) (Herrick, Bindewald). 

Im übrigen sind die Zellen ziemlich eireumventrieulär 
angeordnet; eine Ausnahme macht hauptsächlich die Pars dorso- 
medialis, das Primordium hippocampi, dessen Zellen diffus verteilt 
sind (Fig. B, H, K). Sonst verbreiten sich die Zellen noch bis 
zum Rand (Zellulae suberficiales) kurz hinter dem Bulbulus 
accessorius (Fig. H), um weiter kaudad wieder eircumventrieulär 
angeordnet zu werden (Fig. Hl. Hem.); lockerer angeordnet 
sind sie auch in der Pars ventro-medialis, besonders der medial 
gelegenen Septumgegend (Fig. H). 

Diese baut sich auf einem basal gelegenen Grau der Promi- 
nentia medialis als Grundstock auf. Über ihr liegt adventrieulär 
(ander modialen Ventrikelwand) die Eminentia septalis oder Zellulae 
septales in etwas lockerer Anordnung als üblich. Medial davon, 
fast bis zur medialen Hemisphärenwand reichend, liegt der 
Nucleus medianus septi. der wohl kaum eine bestimmte Grenze 
gegen die Eminentia septalis aufzuweisen hat (Fig. H). Dorsal 
von beiden, nach dem Foramen zu, liegt die Pars fimbrialis septi, 
die sich noch über das Septum ependymale, zu welchem sich die 
ventro-mediale Wand weiter hinten verjüngt, erstreckt (Fig. ID). 
Die beiden Prominentiae mediales verschmelzen miteinander 
sobald der Ventrikel auftritt (Fig. Iı-s). 

2. Von Faserzügen sind zunächst zu erwähnen: die 
sekundären Riechbahnen aus der Lobarformation (Schema Fig. BB). 


62 OCAFBR- Bindewalde 


Diese werden dargestellt durch die Radiatio dorsalis, ventralis 
und horizontalis (Bindewald). Die meisten Fasern enden im 
Nucleus olfactorius anterior. Ein grösserer Teil der Radiatio 
dorsalis setzt sich als echte Riechstrahlung nach hinten fort 
(Traetus bulbo-corticalis) (Fig. Q, R). Möglicherweise erreichen 
Fasern davon das orale Ende des Primordium hippocampi wie 
bestimmt spärliche Teile der Radiatio ventralis, die neben diesen 
auch das (rebiet des medialen Vorderhirnbündels erreichen. Von 
dem Bulbulus accessorius gehen ausser zur Radiatio dorsalis 
Fasern nach dem Gebiet des lateralen Vorderhirnbündels, wohin 
sich höchst wahrscheinlich auch Riechfasern zweiter Ordnung aus 
dem kaudalen Ende der Lobarformation begeben, also auf diese 
Weise die orale Striatumgegend erreichen (Fig. R) (von Röthig 
bei Siren; Axolotl Bindewald). Die Verbindung mit der 
kaudalen Striatumgegend, dem Tractus olfactorius ventro-lateralis, 
den Herrick beschreibt, konnte ich nicht auffinden. Die Riech- 
fasern zweiter Ordnung sind grösstenteils marklos, wenige 
markhaltig. 

Im übrigen kann ich die Befunde Herricks so ziemlich 
bestätigen, besonders die Columna fornieis (Fig. CC) und die 
Habenularverbindung (Fig. EE), wovon ich nur den Traetus 
septo-habenularis Herricks nicht auffand. Ich verweise auf die 
Zusammenstellung auf S. 47. 

Die Verbindungen ventraler Teile der Hemisphären mit 
weiter kaudal gelegenen (rebieten vermitteln das laterale und das 
mediale Vorderhirnbündel, die beide sicher aus mehreren Kom- 
ponenten bestehen und beide teilweise in der Commissura anterior 
kreuzen (? Riechkreuzungen) (Fig. DD). 

DieGUommissuren bestehen aus verschiedenen Komponenten 
(Fig. DD): 

a) die Commissura anterior (markhaltig) als Kreuzung 

ventraler Hemisphärenteile (siehe oben); 

b) die Commissura hippocampi (marklos) als Kreuzung 

dorsaler Hemisphärenteile; 

c) anscheinend eine kreuzende Verbindung zur Habenula 

(Traetus cortico-habenularis eruciatus) (Bindewald); 

d) eine Commissur diencephaler Teile (der beiden Eminentiae 

thalami), die X-Commissur (Bindewald).') 


!) Siehe die Anmerkung auf 8. 43. 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 63 


3. AufHämatoxylinpräparaten sind die nervösen 
Zellen von nicht oder fraglich nervösen leicht zu 
trennen: die letzteren besitzen ein bedeutend dichteres 
Chromatingerüst, so dass sie dunkler als die nervösen 
erscheinen (Bindewald, Fig. Il). 

Das Stützgewebe wird hauptsächlich von Ependymzellen und 
moosförmigen Gliazellen, die Rubaschkins zweiter Übergangs- 
form von Ependymzellen zu Astrocyten sehr ähnlich sind, gebildet 
(Fig. GG, HH, T). Das Ventrikelependym ist meist einschichtig 
angeordnet, die Kerne sind länglich gestreckt (Fig. FF); nur in 
der hinteren Gegend des Septums um den breiten Angulus ven- 
tralis des Ventrikels wird das Ependym mehrschichtig (Fig. G) 
und besitzt hier sehr lange Kerne (Fig. FFe). Alle Ependym- 
zellen besitzen lange Protoplasmafortsätze, die sich nach dem 
äusseren Rande zu immer mehr verzweigen (Fig. GG, T) 
(Bindewald). 

Die Lobarformation weist an Golgipräparaten das 
typische Bild des Bulbus olfaetorius anderer Amphibien (und 
höherer Wirbeltiere) auf (Fig. U) (Bindewald). 

Von nervösen Zelltypen finden sich im Lobus hemisphaericus 
grosse und kleine Pyramidenzellen sowie Tangentialzellen (Fig. W-2). 
Die grossen Pyramidenzellen sind als ausgereifte Ganglienzellen 
zu betrachten; sie finden sich hauptsächlich im Primordium 
hippocampi (Fig. W). Ferner liegen auch einige in dem dorsalen 
Mantel (Fig. Ws, A‘), der ganz das typische Mantelbild der 
Amphibien aufweist; sie sind hier als erste Anfänge eines 
Paläocortex zu betrachten, sind aber noch nicht zu einer Platte 
angeordnet. Tangentialzellen finden sich gesondert am äusseren 
Rande des Primordium hippocampi und können vielleicht schon 
als Cortex hippocampi angesehen werden (Fig. Y). Tangential- 
zellen nehmen selbstverständlich auch am Aufbau des Mantels 
teil (Fig. A’). 

In allen anderen Teilen der Hemisphäre, auch im Nucleus 
olfactorius anterior, herrschen die kleinen Pyramidenzellen vor. 
Distinkte Zentren lassen sich nach Zelltypen nicht abgrenzen. 
Vielleieht sind die Zellen des Corpus striatum daran kenntlich, 
dass sie einen kräftigen, sich bald gabelnden Dendriten aufzu- 
weisen haben (Fig. 2). 


64 @. A. E. Bindewald: 


Es war die Absicht dieser Arbeit, eine Darstellung aller 
derjenigen Verhältnisse am Amblvstomagehirn zu geben, welche 
mit Hilfe der jetzigen Methoden mit einiger Sicherheit klargelegt 
werden können. Es sollte insbesondere der tierpsychologischen 
Untersuchung eine möglichst sichere anatomische Grundlage 
geboten werden. Ich möchte mich daher in Ermangelung eigenen 
Vergleichsmaterials auch nicht auf weitere theoretische Auseinander- 
setzungen einlassen, aber ich glaube doch einen Hinweis auf die 
Ergebnisse Herricks nicht versäumen zu dürfen, da diese ein 
neues Licht auf die in Frage stehenden Zusammenhänge werfen. 

Durch die schöne und umfangreiche Arbeit Herricks über 
das Problem, die ersten Uranfänge eines erkennbaren Cortex im 
(regensatz zu anderen Elementen der umgestülpten Hemisphären 
sowie die Uranfänge auch aller dieser anderen Elemente klarzu- 
legen, sind wir bedeutend weiter geführt worden in der Darlegung 
der Funktionen dieser Teile. Die Anschauungen Herricks 
sind im wesentlichen folgende: 

Dieser Forscher stützt sich zunächst auf His. Nach diesem 
wird der Neuraltubus durch den Suleus limitans seitlich in eine 
Lamina dorsalis (Flügel- oder epencephale Platte) und eine Lamina 
ventralis oder hypencephale Platte geteilt; in ersterer herrschen 
afferente (sensorische), in letzter efferente (motorische) Elemente 
für die spätere Entwicklung vor. Im vorderen Teil des Neuraltubus 
schwindet aber die ventrale Lamina, da hier keine peripherischen 
motorischen Nerven vorhanden sind; der Suleus limitans senkt 
sich nach unten, die dorsale Lamina wird hypertrophisch. Aus 
dieser vorderen Gegend stülpen sich nun, wie Herrick darstellt, 
ziemlich dorsal die Augenbläschen, weiter oral etwas tiefer die 
Hemisphären aus (Fig. B‘), erstere sehr früh vor Schliessung 
des Neuralrohres, letztere später. In diese Umstülpung der 
Hemisphäre wird sowohl primäres (der Bulbus olfactorius) wie 
sekundäres (rewebe hineingerissen; vielleicht gab es einmal eine 
Stufe in der Tierreihe, wo nur der Bulbus olfaetorius ausgestülpt 
war. Das sekundäre olfactorische Gewebe ist dann erst später 
mit der weiteren Umstülpung mit nach vorn gezogen worden. 
Ein Teil dieses sekundären olfactorischen Gewebes ist aber als 
Telencephalon medium (bei Amphibien zeitlebens als Nucleus 
praeopticus) liegen geblieben. So stellte zuerst die Hemisphäre 
ein primäres und ein sekundäres Olfactorius-Zentrum dar, wie 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 65 


wir es etwa noch im Lobus olfactorius als Lobarformation und 
Nucleus olfactorius anterior erhalten finden. 

Späterhin wurde mit der weiteren Umstülpung das olfactorische 
sekundäre Zentrum mit ebenfalls umgestülptem Gewebe der ven- 
tralen Lamina vermischt und in situ weiter differenziert. So 
entstanden Zentren für mehr motorische Tätigkeit, die mit dem 
ventralen Thalamus und Hypothalamus (durch das laterale und 
mediale Vorderhirnbündel) in Verbindung traten. Dadurch wurde 
(wie die Verbindungen dieser Zwischenhirngegend mit der Oblongata 
zeigen) eine olfacto-tactile und eine olfacto-viscerale Verbindung 


Mittelhirndach Habenula 


> Epiphyse 


Lamina dorsalis 


Sulcus limitans 


Lamına ventralis 


een! 
FL 


Chiasma Ursprung des Augenbechers 
Fig. B'. Schematischer Medianschnitt durch das Gehirn eines hypothetischen 
Wirbeltierahnen, der die Verhältnisse des ventralen Endes des Neuraltubus 
vor der Ausstülpung der Augenblasen und der Hemisphären zeigt. Nach 
Herrick Fig. 72 etwas vereinfacht. 


gebildet. die somit eine Station (Zentrum) in den Hemisphären 
bekamen. Indem besonders bei dem olfacto-tactilen die olfacto- 
rische Komponente immer mehr schwand, konnte sich dieses als 
besonderes Zentrum ausbilden, und dies ist das Corpus striatum, 
während wir das olfacto-viscerale in der ventro-medialen Wand 
zu suchen haben; wo es aber zu differenzieren ist, bleibt vorläufig 
fraglich. So konnte, wie Herrick (18, S. 472) schreibt, die 
rostrale Grenze dieses efferenten Korrelationsgewebes nicht bestimmt 
festgelegt werden; „zweifellos ist in dieser (regend ein allmählicher 
Übergang in den anstossenden sekundären Olfactoriuskern“ (besser 
(Gewebe). Betrachten wir, wie oben dargestellt, das Vorderhirn 
von Amblystoma, so ist absolut keine Grenze zwischen sekundären 
olfactorischen (Geweben und dem Corpus striatum zu sehen. Noch 
erreichen ja den vorderen und nach Herrick auch den hinteren 
Teil dieser Gegend sekundäre olfactorische Fasern. 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.S4. Abt.L 5 


66 @. Ar BE. Bin dewald: 


Die einfache gerade Verbindung der ventral gelegenen Teile 
der Hemisphäre und weiter kaudal gelegene Partien (Pars ven- 
tralis-thalami und Hypothalamus) beweisen, dass diese raschen 
einfachen stereotypen Reflexen dienen können (nach der Meinung 
Herricks). Anders liegen die Verhältnisse bei den dorsalen 
Teilen (Pars pallialis).. Hier ist keine Verbindung mit weiter 
kaudal gelegenen Partien möglich, da ja zwischen Hemisphäre 
und dorsalem Thalamus bezüglich Epithalamus bei Amphibien 
die tiefe di-telencephale Fissur liegt. So müssen alle Verbindungen 
auf einem Umwege geschehen (Septum, Habenula); also eine 
direkte Antwort auf einen Reiz ist hier nicht zu erwarten. S 
konnte sich aus diesen Teilen der echte Cortex cerebri in der 
Tierreihe entwickeln als Sitz charakteristischer, langsamer, (bei 
höheren Tieren) intelligenter Tätigkeiten. 

Es ist Herricks ganz besonderes Verdienst, nachgewiesen 
zu haben, dass die vier Teile der Hemisphärenwand ganz genau 
mit den vier Teilen des Diöncephalons korrespondieren: 


Pars ventro-medialis hem. —— Hypothalamus, 

Pars ventro-lateralis hem. — Pars ventralis thalami, 

Pars dorso-lateralis hem. — Pars dorsalis thalami, 

Pars dorso-medialis hem. — Epithalamus (ef. Fig. 85 und 84 


bei Herrick,). 

Ich verweise hier besonders auf S. 478—80 bei Herrick (18), 
wo er noch einmal zusammenfassend beim Frosch alle diese 
Beziehungen morphologisch und funktionell beschreibt. 

Besonderes Interesse haben ja die beiden pallialen dorsalen 
Teile. Man ist tatsächlich schon so weit gegangen, die Pars 
dorso-lateralis mit dem Lobus pyriformis der Säuger und die 
Pars dorso-medialis mit dem Hippocampus zu identifizieren und 
hat in letzterem sogar wieder Fascia dentata und (Gyrus hippo- 
campi abgrenzen zu müssen geglaubt (Elliot Smith). Gegen 
diese weitgehende Identifizierung haben sich aber mit Recht, wie 
ich glaube, Forscher wie Kappers und Herrick gewandt. 
Dass aus diesen Gebieten die erwähnten Gebilde hervorgehen, 
steht zweifellos fest, aber sie sind wohl noch nicht so deutlich 
präformiert und dienen bei den Amphibien noch ganz oder fast 
ganz dem olfactorischen Faktor. Forscher, wie Edinger und 
Kappers nennen daher auch das Primordium hippocampi der 
Amphibien tertiäres Olfactorius-Zentrum. 


67 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 51 


Dass sich das Primordium hippocampi gerade in der dorso- 
medialen Wand differenziert hat, hängt nach Herrick mit der 
Zusammengehörigkeit dieses mit den Septumteilen zusammen, die 
ja (via mediales Vorderhirnbündel) eine wichtige Zwischenstation 
zum Hypothalamus darstellen sollen (Herrick). 

Von Wichtigkeit ist es jedenfalls, worauf Herrick schon 
bei den Amphibien hinweist, dass alle Teile der Hemisphäre bei 
Amblystoma unter dem Einfluss olfactorischer Reize stehen. Trotz 
alledem ist dem Riechreiz nicht allzu grosse Bedeutung beizulegen, 
wie ich glaube. Die meisten sekundären Riechfasern reichen ja 
nicht weiter als bis zum Nucleus olfactorius anterior und nur 
ein geringer Teil gelangt weiter, wo er zum Schaften von Relationen 
Anlass geben kann. 

Bedeutungsvoller scheint mir die Tatsache, dass die Habenula 
beim Axolotl sehr stark ausgebildet ist und eine grosse Anzahl 
Bahnen empfängt und entsendet; vor allem ist die Taenia (Edingers) 
und das Meinertsche Bündel (Fascieulus retroflexus, im Text 
oben nicht erwähnt) sehr stark. Nun wissen wir durch die 
Untersuchungen Edingers, dass gerade dieses Ganglion und 
diese Züge (siehe Edingers schematische Fig. 274, Vor- 
lesungen Bd. 1) mit dem Oralsinn in engster Beziehung stehen. 
Wir können somit auf einen wohl ausgebildeten Oralsinn beim 
Axolotl schliessen, obwohl wir über die anderen in Frage 
kommenden Verbindungen und Zentren, besonders die Verbindung 
des Trigeminus mit dem Vorderhirn und das dort in Frage 
kommende (Parolfactorius-) Zentrum noch nichts wissen. Ich 
halte es für leicht möglich, nach meinen Untersuchungen bei 
Proteus (2) und der gegenwärtigen Vergleichung der Trigeminus- 
verhältnisse beim Axolotl, die mit denen von Proteus sehr über- 
einstimmen, dass eine direkte Trigeminusverbindung mit dem 
Vorderhirn gar nicht vorhanden ist, sondern dass ein solcher Reiz 
auf Umwegen vielleicht durch den von Herrick gefundenen 
Traetus thalamo-corticalis oder via laterales Vorderhirnbündel 
zum Vorderhirn gelangt. Auch die Versuche Haeckers (14) 
weisen übrigens darauf hin, dass der Oralsinn beim Axolotl eine 
grosse Rolle spielt, eine wesentlich grössere als die Riechfunktion, 
da die Tiere im Anfang ebensogut auf Fleisch wie auf das ganz 
anders riechende Holzstück (Maulbeerholz) reagieren, wenn dieses 
ihnen unter gleichen Umständen dargeboten wird. 


0, AB: Bindewarld: 


Literaturverzeichnis. 


Arbeiten mit * behandeln Gehirne oder einzelne Gehirnteile von Urodelen, 
Arbeiten mit ** solche von Amblystoma. Die Zahlen im Text hinter den 


-] 


J: 


16. 


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Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 69 


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Amphibian brain. Journ. of Morph., Vol. 2. 

Oyarzum: Über den feineren Bau des Vorderhirnes der 
Amphibien. Arch. f. mikr. Anat., Vol. 35. 

Ramön y Cajal, P.: L’enc&phale des amphibiens. Bibl. 
anat, Vol. 4. 

Derselbe: El enc&phalo de los batracios. Mem. Real. Soc. Espan. 
de Hist. Nat. Madrid, Tomo 3, Mem. 3. 


Röthig, P.: Beiträge zum Studium des Zentralnervensystems 
der Wirbeltiere Nr. 3: Zur Phylogenese des Hypothalamus. 
Fol. neurob., Vol.5, Nr. 9. 

Derselbe: Zellanordnungen und Faserzüge im Vorderhirn von 
Siren lacertina. Abh.d. Königl. Akad. d. Wiss. Anhang, Berlin. 

Derselbe: Beiträge zum Studium des Zentralvervensystems der 
Wirbeltiere. Nr. 5: Die Zellanordnungen im Vorderhirn der 
Amphibien mit besonderer Berücksichtigung der Septumkerne 
und ihr Vergleich mit den Verhältnissen bei Testudo und 
Lacerta. Verh. d. Kon. Akad. van Wetensch. te Amsterdam, 
Twede Sektie, Deel 17, Nr. 1. 

Rubaschkin, W.: Zur Morphologie des Gehirnes der Amphibien. 
Arch. f. mikr. Anat., Vol. 62. 

Stieda, L.: Über den Bau des Zentralnervensystems des 
Axolotl. Zeitschr. f. wiss. Zool., Vol. 25. 

Snessarew, P.: Über die Nervenfasern im Rhinencephalon 
beim Frosch. Journ. f. Psych. u. Neur., Vol. 13. 


70 


CA. E. Bindewald: 


35. 1905.* Warren, J.: The development of the Paraphysis and the 


pineal region in Necturus maculatus. Am. Journ. of Anat., 
Vol..5. 


36. 1879,** Wiedersheim, R.: Zur Anatomie des Amblystoma Weis- 


manni. Zeitschr. f. wiss. Zool., Vol. 32. 


Erklärung der Figuren. 


> 


Sämtliche Figuren sind mit Ausnahme von fünf (G, B’, AA, 1 und 2 BB) 
mit einem grossen Abbeschen Zeichenapparat der Firma Winkel, Göttingen, 


Fig. A. 


Fig. B. 


Fig. D. 


entworfen und gezeichnet. 


Textfiguren. 


Serie 54. Vergrösserung ca. 23. Horizontalschnitt durch die Partes 
ventrales des Vorderhirns. Cellulae ventrales bulbares. Glomeruli. 
Recessus medio-frontalis ventriculi lobi olfactorii. Ventriculus lobi 
olfaetorii. Nucleus olfactorius anterior. Recessus medio-caudalis 
ventriceuli lobi olfactorii. Pia zwischen den Ventrikeln. Recessus 
latero-frontralis v. l. o. Ventriculus lateralis. Nucleus medianus 
septi (?). Plexus chorioideus lateralis. Cellulae septales. Septum 
ependymale. Striatum. Foramen interventriculare. Aula. Lamina 
terminalis. Recessus praeopticus. 

Serie 54. Vergrösserung ca. 23. Horizontalschnitt durch die Partes 
dorsales der Hemisphären (nicht viel oberhalb der Lamina terminales 
und des Sulcus limitans hippocampi). Üellulae bulbares dorsales, 
Pia. Recessus medio-frontalis v.1.o. Glomeruli. Ventrieulus lobi 
olfactorii. Nucleus olfactorius anterior. Bulbulus accessorius. 
Recessus medio-caudalis v. l. 0. Recessus latero-frontalis v. 1. 0. 
Primordium hippocampi. Ventriculus lateralis. Plexus chorioideus 
lateralis. Pars fimbrialis septi. Foramen interventrieulare. Plexus 
chorioideus medialis. Commissura hippocampi. Aula. Ventriculus 
tertius. 

Serie 2. Vergrösserung ca. 23.. Querschnitt durch die vorderste 
Spitze des Lobus olfactorius. Cellulae bulbares dorsales. Cellulae 
bulbares mediales. Üellulae bulbares ventrales. 1. Fila olfactoria 
(Nervus olfactorius). 2. Glomeruli. 3. Zona molecularis. 4. Schicht 
der Mitraliszellen. 5. Körnerschicht. 

Serie 2. Vergrösserung ca. 23. Schnitt durch die vorderste Spitze 
des Ventriculus lobi olfactorii (Recessus medio-frontalis). Cellulae 
bulbares dorsales. Cellulae mediales. Cellulae laterales. Ventri- 
eulus lobi olfactorii. Letzter Rest der Uellulae bulbares mediales 
(Gegend der Concrescentia bulbaris der Anuren). Cellulae bulbares 
ventrales. 


Fig. 


Fig. 


Fig. 


Fig. 


E. 


r 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. Zi 


Serie 2. Vergrösserung ca. 23. Schnitt durch den mittleren Teil 
des Nucleus olfactorius anterior. Üellulae bulbares dorsales. Zona 
limitans dorsalis. Nucleus olfactorius anterior (Cellulae mediales). 
Ventrieulus lobi olfactorii. Cellulae laterales. Üellulae bulbares 
ventrales. 

Schnitt durch den Bulbulus accessorius. 1. Erwachsenes Tier 
(Serie 2). 2. Zirka einjähriges Tier (Serie 7). Vergrösserung ca. 23. 


b. a. = Bulbulus accessorius; c. b. v. = Üellulae bulbares ventrales ; 
n. 0.8. — Nervus olfactorius secundus; n. 0. a. — Nucleus olfactorius 
anterior ; Pr. dl. — Prominentia dorso-lateralis:; Pr. vl. = Prominentia 
ventro-lateralis; Prim. hipp. — erster Anfang des Primordium hippo- 
campi; s. 1. = Suleus limitans hippocampi; st. s. — Stratum semi- 
lunare; tub. olf. — Tuberculum olfactorium; V. — Ventriculus lobi 
olfactori. 


Frosch, Schema der vier Hemisphärenquadranten. 
f I Pars dorso-medialis. 
{ III Pars dorso-lateralis. 

IV Pars ventro-lateralis. 

V Pars ventro-medialis. 
Fissura arcuata Gaupp. Zona limitans medialis Gaupp. Sulcus 
limitans hippocampi Herrick. Sulcus limitans lateralis Gaupp. 
Zona limitans lateralis Gaupp. 
Serie 7. Vergrösserung ca. 23. Etwas schräger Querschnitt hinter 
dem Bulbulus accessorius. Die rechte Hemisphäre zeigt die super- 
ficiellen Zellen (siehe Text S. 22ff.); auf der linken Hemisphäre ist 
bereits ein schwer abgrenzbarer Nucleus medianus septi zu sehen. 


Pars pallialis Gaupp 


Pars subpallialis Gaupp 


Cell. sept. — Cellulae septales; Cell. sup. = Üellulae superficiales; 
Prim. hipp. — Primordium hippocampi; Pr. dl. = Prominentia 
dorso-lateralis; Pr. med. — Prominentia medialis; Pr. vl. = Promi- 
nentia ventro-lateralis; Nucl. med. sept. — Nucleus medianus septi; 
s.1.h. —= Suleus limitans hippocampi ; Z. 1. — Zona limitans medialis. 


1—6, Serie 2. Vergrösserung ca. 23. Die Verhältnisse des Septum 
ependymale und die Verschmelzung der beiden Partes ventro-mediales 
(siehe S. 24, 28 und 29). Die Schnitte liegen je 60 my auseinander. 
E.s. — Eminentia septalis; Par. — Paraphyse; P.s.f. = Pars 
fimbrialis septi; P.m. =- Prominentia medialis: P.v. = Prominentia 
ventralis: S. e. — Septum ependymale; S. m. = Septum mediale; 8.1. 
— Suleus limitans hippocampi; T. f. — Taenia fornieis Herrick; 
Z.1.h. = Zona limitans hippocampi. 

Serie 2. Vergrösserung ca. 23. Schnitt durch die Striatumgegend 
kurz vor der Lamina terminalis. Paraphyse. Primordium hippo- 
campi. Ventriculus lateralis. Plexus lateralis. Plexus medialis. 
Striatum. Areal des lateralen Vorderhirnbündels. Areal des medialen 
Vorderhirnbündels. Paläocortex ? (Röthig). Prominentia lateralis. 
Epistriatumanlage ? (Röthig). Prominentia ventralis. 

Serie 2. Vergrösserung 23. Schnitt durch die Schlussplatte 
(ef. Fig. 16 beiHerrick). Paraphyse. Polus posterior. Eminentia 


ig. M 


0: 


a. 


je. R. 


ig. W. 


GRASBE Bindiew ald: 


thalami. Plexus medialis. Laterales Vorderhirnbündel und sein 
kreuzender Teil. Mediales Vorderhirnbündel und sein kreuzender 
Teil. Schlussplatte. Commissura hippocampi (marklos). Commissura 
anterior (markhaltig). 
Serie 14. Vergrösserung ca. 52. Schnitt durch die vorderste Spitze 
des Lobus olfactorius (siehe Textfig. 0). Radiatio dorsalis. 

In Fig. M—R sind die Zellen absichtlich zu klein gezeichnet, 
um die Nervenfibrillen deutlicher machen zu können. 
Serie 14. Vergrösserung ca. 52. Siehe Fig. M, C, D ca. 110 my 
weiter kaudad als M. Cellulae bulbares dorsales. Cellulae bulbares 
ventrales. 
Serie 18. Vergrösserung ca. 104. Horizontalschnitt (cf. Fig. A). 
Ungefähr in mittlerer Höhe der Hemisphäre, um die Radiatio 


olfactoria horizontalis (rad‘, rad’, rad’) zu zeigen. Ventriculus 


lobi olfactorii. Nucleus olfactorius anterior. Radiatio olfactoria 
ventralis. Recessus medio-frontalis. Cellulae bulbares ventrales 
(mediales). Nervus olfactorius. 

Serie 14. Vergrösserung ca. 52 (cf. Fig. D). Querschnitt kurz nach 
Auftreten des Ventriculus lobi olfactorii. Radiatio olfactoria dorsalis. 
Nucleus olfactorius anterior. Radiatio olfactoria ventralis. 

Serie 14. Vergrösserung ca. 52. Querschnitt kurz vor dem Bulbulus 
accessorius (siehe auch Fig. E). Tractus bulbo-corticalis (Radiatio 
olfactoria dorsalis). Tuberculum olfactorium Röthig. Nervus 
olfacetorius secundus. Oralste Zellen des Primordium hippocampi. 
Sulcus limitans hippocampi. Radiatio olfactoria ventralis (Fasern 
zum Gebiet des medialen Vorderhirnbündels und zum Primordium 
hippocampi). 

Serie 14. Vergrösserung ca. 52. Aus mehreren Schnitten kombiniertes 
Bild der Bulbulus accessorius-Gegend (cf. Text S. 34 und vgl. Fig. F). 
Traetus bulbo-corticalis. Fasern zum Tractus bulbo-corticalis. 
Bulbulus accessorius. Fasern aus dem Bulbulus zum lateralen 
Vorderhirnbündel. Fasern zum lateralen Vorderhirnbündel. Fasern 
zum medialen Vorderhirnbündel. 

Serie 53. Vergrösserung ca. 270. Das mehrschichtige Ventrikel- 
ependym um den Angulus ventralis in der kaudalen Septumgegend 
(ef. Fig. I, 1 und 2). 

Serie 23. Vergrösserung ca. 135. Ventrikelependymzellen golgifiziert. 
Serie 27. Vergrösserung ca. 52. Golgibild der Lobarformation 
etwas kombiniert (siehe Fig. D, E, P). Üellulae bulbares dorsales. 
Radiatio olfactoria dorsalis. Nucleus olfactorius anterior. Radiatio 
olfactoria ventralis. Üellulae bulbares ventrales.. sbg. — sub- 
glomeruläre Zellen. j 

Serie 27. Vergrösserung ca. 135. Drei typische Mitraliszellen aus 
der Mitralisschicht (an der mittleren sind die Glomeruli ergänzt). 
Serie 23. Vergrösserung ca. 135. Grosse Pyramidenzellen. 1. aus 
dem Primordium hippocampi. 2. aus dem dorsalen Mantel (Zelle 
des Paläocortex). 


Fig. 


Fig. AA.. 
Fig. AA,. 


Fig. BB. 


IX 


BEN 


Das Vorderhirn von Amblystoma mexicanum. 73 


Vergrösserung ca. 135. Kleine Pyramidenzellen. a) Abweichender 
Typus aus dem dorsalen Mantel. 
Tangentialzellen. Vergrösseruug ca. 135. 
Golgibild des „Striatum“ und des lateralen Vorderhirnbündels. 
Serie 29. Vgl. Fig.K. 
Serie 23. Vergrösserung ca. 45. Golgibild des Lobus hemi- 
sphaericus (cf. Fig. H). Aus fünf hintereinander liegenden Schnitten 
kombiniert. Cortex hippocampi ? Dorsaler Mantel. Primordium 
hippocampi. Sulcus limitans hippocampi. Septumgegend. Striatum- 
gegend. 
Schematischer Medianschnitt durch das Gehirn eines hypothetischen 
Wirbeltierahnen, der die Verhältnisse des rostralen Endes des Neural- 
typus vor der Ausstülpung der Augenblasen und der Hemisphären 
darstellt. Nach Herrick Fig. 72 etwas vereinfacht. Lamina 
terminalis. Lamina ventralis. Sulcus limitans. Mittelhirndach. 
Habenula. Epiphyse. Paraphyse. Ursprung des Bulbus olfactorius. 
Recessus neuroporicus. Schlussplatte mit der Commissura anterior. 
Sekundäres Ölfactoriusgewebe Ursprung des Augenbechers. 
Chiasma. 
Tafelfiguren. 
Gehirn eines zirka einjährigen Tieres von oben. Vergrösserung ca.5. 
Gehirn eines erwachsenen Tieres von oben. Vergrösserung ca. >. 
(Photographien von G. Tatzelt.) 
Schema der sekundären Riechbahn bei Amblystoma. Erklärung 
des Schemas: Die linke Hemisphäre ist von links gesehen und 
durchsichtig gedacht. Der Ventrikel ist Orange eingezeichnet; 
vorn liegt der Recessus medio-frontalis, etwas weiter hinten der 
Recessus medio-caudalis; dahinter der vordere Teil des Sulcus 
limitans hippocampi. Der schwarz schraffierte Komplex deutet 
die Formatio bulbaris, in die der seitlich gelegene Nervus olfactorius 
einstrahlt, und den Bulbulus accessorius an. Rot schraffiert ist 
der medial gelegene Nucleus olfactorius anterior. Die sekundären 
Riechbahnen stellen sich folgendermassen dar (siehe Text 8. 37 
und 38): 
Die Radiatio olfactoria dorsalis vor dem Auftreten des Ventrikels. 
Die Radiatio olfactoria dorsalis nach Auftreten des Ventrikels (sie 
ist absichtlich von zu tief ventral kommend gezeichnet, um das 
Schema übersichtlicher zu gestalten). 
bilden den nach rückwärts laufenden Tractus bulbo-corticalis. 
die Radiatio olfactoria ventralis. 
die Radiatio olfactoria horizontalis. 

Die Fasern aus dem Gebiet des Bulbulus accessorius tragen 
keine Bezeichnung. 

Nervus olfactorius. Recessus medio-frontalis. Recessus medio- 
caudalis. Suleus limitans hippocampi. Bulbulus accessorius. Tractus 
bulbo-corticalis. 


Fig. DD. 


Fig. EB. 


Fig. FF. 


Fig. HH. 


Ele» 17. 


”. A. E. Bindewald: Das Vorderhirn von Amblystoma etc. 


Serie 3. Vergrösserung ca. 70. Querschnitt durch die beiden Partes 
ventrales in der Höhe der Columna fornieis (cf... Man vgl. etwa 
Fig. H linke Hemisphäre. Primordium hippocampi. Sulcus limitans 
hippocampi. Üellulae septales. Nucleus medianus septi. Mediales 
Vorderhirnbündel. Laterales Vorderhirnbündel. 
Transversalschnitt durch die Lamina terminalis. Serie 12. Ver- 
grösserung ca. 180. Chiasma. Recessus praeopticus. Kreuzung 
des medialen Vorderhirnbündels. Kreuzung des lateralen Vorder- 
hirnbündels X-Commissur ? Tractus cortico-habenularis medialis 
eruciatus. Commissura hippocampi. 

Serie 2. Vergrösserung ca. 30. Schnitt durch den Polus posterior 
und den oralen Teil des Diencephalon (etwas kombiniert). Habenula. 
Suleus dorsalis diencephali. Stria medullaris Herrick. ' Sulceus 
medius diencephali. Tractus habenulo-thamalamieus (markhaltig). 
Tractus cortico-thalamicus (markhaltig). Sulcus ventralis dien- 
cephali. Sulcus limitans diencephali. Di-telencephale Furche. Tractus 
cortico-habenularis lateralis und medialis (marklos). Tractus cortico- 
thalamicus (markhaltig). 

Serie 52. Vergrösserung ca. 550. Ventrikelependymzellen 1. Ge- 
wöhnlicher Typus. 2. Langgestreckte Form aus dem Angulus 
ventralis des Ventrikels (ef. Fig. I, 1 und 2; S. 48). 
Ventrikelependymzellen aus dem Primordium hippocampi. Darüber 
eine Ganglienzelle. Serie 52. Vergrösserung ca. 550. Links eine 
gleiche Zelle golgifiziert in bedeutend schwächerer Vergrösserung. 
Serie 23. Vergrösserung ca. 180. 

Vergrösserung ca. 180. Moosförmige Gliazellen. 1. Golgipräparat, 
Serie 26. 2. Weigertpräparat, Serie 7. 

Serie 23. Vergrösserung ca 1100. Mitraliszelle (1) und nicht 
nervöse Zelle (2); Hämatoxylinfärbung. 


—1 
oO 


Aus dem Zoologischen Institut der Königl. Landwirtschaftlichen Hochschule 
zu Berlin. 


Ein neues Verfahren 
zur elektiven Färbung der Bindesubstanzen. 


Von 


Dr. Paul Krüger. 


Hierzu Tafel 11. 


Mittel und Wege zur elektiven Färbung der Bindesubstanzen 
gibt es eine solch grosse Menge, dass es überflüssig erscheinen 
möchte, noch ein neues Verfahren zu empfehlen. Gerade in den 
letzten S—10 Jahren sind eine ganze Anzahl angegeben worden. 
Wenn ich nun doch noch diese um eines vermehren will, so hat 
das verschiedene Gründe, wie des weiteren dargetan werden wird. 

Überschaut man die Fülle der Methoden, so merkt man bei 
genauerem Studium der Vorschriften, dass es im Grunde nur drei 
Methoden sind, diese allerdings in der mannigfachsten Weise 
modifiziert. Von der Bielschowskyschen Versilberungsmethode 
und deren Varianten soll hier abgesehen werden, da sie auf ganz 
anderen Prinzipien beruht. Die eine, älteste, knüpft an den 
Namen van Gieson und empfiehlt vorwiegend Farbstoffe der 
Phenylbenzole (Triphenylmethangruppe), meist in Verbindung mit 
Pikrinsäure, die andere das Orcein. Ein drittes Prinzip spielt 
bei der letzten eine Rolle: die Affinität des Hämatoxylins zum 
Bindegewebe nach vorangegangener Beizung. 

Die sogenannte van Gieson-Färbung besteht in der 
gleichzeitigen Färbung mit Säurefuchsin (Bindegewebe) und Pikrin- 
säure (glatte Muskeln z. B.). Dieses ursprüngliche Rezept ıst 
mannigfach modifiziert worden. Von roten Farbstoffen wurden 
benutzt z. B.: basisches Fuchsin, Resorein-Fuchsin, Parafuchsine, 
Ponceau S extra, Ponceau 6 R, Ponceau 5 R, Azofuchsine G, 
Azorubine S; von violetten, blauen und grünen: Violet rouge 4 RS, 
Violet rouge 5 RS, Bleu diamine 2 B, Methylblau, Anilinblau und 
Wasserblau (triphenylrosanilintrisulfosaures Ca oder Na, das zuerst 
von Blochmann empfohlen wurde) und Methylgrün. Curtis 
und Lemoult haben eine ganze Anzahl Farbstoffe untersucht und 


76 Paul Krüger: 


empfohlen, auch einen schwarzen: Noir naphthol B. Kombiniert 
worden sind diese Farben meist mit Pikrinsäure. Daneben wird 
Ammoniumpikrat, Thionin und Toluidin gebraucht. Curtis und 
Lemoult geben an, dass an Stelle der Pikrinsäure alle Trinitro- 
verbindungen der Kresole und Phenole treten können. Es er- 
geben sich also eine ganze Menge von möglichen Kombinationen, 
von denen viele auch als „neue“ und unfehlbare Verfahren an- 
gepriesen worden sind. 

Die Färbungen mit Orcein (Unna-Taenzer) sind vor 
allem zur Darstellung der elastischen Fasern angewendet worden. 
Diese Methode hat gleichfalls mannigfache Modifikationen erfahren. 
E. Saviniund Th. Savini-Castano gebrauchen es zusammen 
mit Säurefuchsin-Ammoniumpikrat zur gleichzeitigen Darstellung 
von Bindegewebe und elastischen Fasern. 

In einer dritten Gruppe kann man die Methoden, die auf 
der Affinität der Bindesubstanzen zum Hämatoxylin nach voran- 
gegangener Beizung beruhen, zusammenfassen. Eine Anzahl von 
Autoren wendet die Beizung an, um ganz allgemein Bindesub- 
stanzen darzustellen, andere, um elastische Fasern sichtbar zu 
machen. Zur ersten Gruppe ‚gehören Mallory-Ribbert und, 
etwas modifizierend, Hueter. Ein anderes Verfahren empfiehlt 
Verocay, der die Schnitte zunächst mit 1proz. Chromsäure 
beizt, sie nur abspült und dann färbt. — Zur Darstellung der 
elastischen Fasern mittels Hämatoxylin sind mehrere Verfahren 
angegeben worden. Da ich in dieser Arbeit eine Methode der 
Bindesubstanzenfärbung schildern will, will ich nur auf eins ein- 
gehen. Verhoeff gibt folgende Vorschrift: „Hematoxylin erystals 
1 gm. Absolute alcohol 20 e. c. Dissolve in test-tube by aid of 
heat, filter, and add in order given: Aqueous solution (10 per 
cent) of ferrie chlorid 8 ce. e.; Concentrated Lugol’s solution 
(iodin, 2; potassium iodid, 4; water 100)8c.c.“ Er färbt fünf 
Minuten oder länger, differenziert in 2proz. wässeriger Lösung 
von Eisenchlorid „only a few seconds“, dann Aqua dest., 95°Jo 
Ale., Aqua dest. 5 Minuten, schliesslich in SOproz. Alkohol und 
Eosin, Origanumöl und Balsam. Es färben sich nur elastische 
Fasern. „ÜUonnective tissue, fibroglia, myoglia, etc. take the 
eosin stain.“ 

In Anbetracht der grossen Zahl von Färbungen erscheint 
es also fast unangebracht, diese noch um eine zu vergrössern. 


—I 
u | 


Verfahren zur elektiven Färbung der Bindesubstanzen. 


So grosse Vorzüge einzelne dieser Methoden besitzen und so 
schöne und klare Bilder sie, falls gelungen, liefern, so sind sie 
doch alle nicht ganz einwandfrei. 

Was zunächst die „ran Gieson*-Methoden anbelangt, so 
machen sich bei ihrer Anwendung eine ganze Reihe von Schwierig- 
keiten unangenehm bemerkbar. Vor allem ist fast für jedes 
Objekt das Mischungsverhältnis des roten Farbstoftes zur Pikrin- 
säure empirisch festzustellen. Hat man das glücklich heraus- 
gefunden, hält es schwer, die Farbe unversehrt durch die ver- 
schiedenen Medien zu bringen. Wie schwierig das ist, geht auch 
aus der Vorschrift, die Curtis für eine seiner vielen Modi- 
fikationen gibt, hervor: „Mettre la coupe dans l’eau 3 a 5 secondes. 
Aleool a 95°/o. Tres rapidement 5 a 10 secondes. Retirer des 
que des nuages violets se degagent. Verser sur la lame bleue 
2 a 3 gouttes d’alcool absolu. Essence de girofle a peine 2—3 
secondes. Xylol.“ Weitere unangenehme Eigenschaften, auch 
der gelungenen Präparate, sind die geringe Haltbarkeit (sie ver- 
blassen oft schon nach 2—3 Monaten, sicher nach Jahresfrist) 
und die Tatsache, dass die Kerne nicht gefärbt sind. Eine solche 
zu erzielen, ist wegen der Pikrinsäure nicht leicht. Es hat 
natürlich nicht an Versuchen gefehlt, dem abzuhelfen. Auch der 
Zusatz von Eisenchlorid soll nach Traina nichts fruchten. Er 
selbst nennt nun seine Methode eine „neue und einfache“, einer 
Bezeichnung, der man wohl nicht ganz beipflichten kann, wenn 
man seine Vorschriften durchliest: „1. 1—2 Stunden in 1proz. 
wässeriger Resoreinlösung, 2. rasches Auswaschen in Aqua dest., 
3. 10—20 Minuten in 1proz. wässeriger Acridinrotlösung, 4. sehr 
rasches Auswaschen in Aqua dest., 5. 1—3 Minuten in konz. 
wässeriger Pikrinsäure 95 cem + 1°/o wässeriges Wasserblau oder 
Anilinblau 5 ccm, 6. rasches Auswaschen in Aqua dest., 7. schnelles 
Entwässern in 2—3 mal gewechseltem Alec. abs., 8. Xylol, 9. 
Balsam“. Dazu kommt, dass die Lösungen am besten jedesmal 
frisch bereitet und in dunklen Gefässen aufgehoben werden 
müssen, da sie sonst leicht verderben. Ähnliche Bedenken lassen 
sich gegen die anderen Methoden zum Teil auch erheben. Das 
einzige Verfahren zur Darstellung des Bindegewebes mittels 
Hämatoxylin, von Verocay, leidet daran, dass Paraffinschnitte 
unter 15 a nicht geeignet sind. Auch diese noch erhalten bei 
der Vorbehandlung (10—16 Stunden in 1°/o Chromsäure bei 46°) 


[0 6) 


Paul Krüger: 


Risse. Celloidinschnitte schrumpfen stark. Nur durch ein ziemlich 
umständliches Verfahren ist dem zu begegnen. Auch hierbei 
bleiben die Kerne ungefärbt. 

Ehe ich nun dazu übergehe, meine eigene Methode zu 
schildern, möchte ich einem Verdachte begegnen, als ob ich sie 
für die alleinseligmachende hinstellen wollte. Ich behaupte nur, 
dass sie in Verbindung mit anderen Methoden, d.h. unter Be- 
nutzung der verschiedensten Methoden nebeneinander, gute Dienste 
leisten wird und dass sie gegenüber diesen einige nicht zu gering 
zu schätzende Vorteile besitzt: Einfachheit des Verfahrens, dabei 
gleichzeitige Färbung des Bindegewebes und der Kerne und 
Haltbarkeit (die ältesten Schnitte sind jetzt ein Jahr alt, dabei 
oft und anhaltend dem Licht ausgesetzt gewesen, ohne eine Spur 
einer Veränderung zu zeigen). Die Einschränkungen, die ich vor- 
läufig noch machen möchte, und auf die ich nachher zu sprechen 
komme, fallen dabei kaum schwer ins Gewicht. 


Die Methode verdanke ich durchaus dem Zufall. Gelegentlich 
fand sich auf Regenwurmschnitten, die ich für einen Kurs an- 
gefertigt hatte, das Bindegewebe auffallend deutlich gefärbt. ') 
Ich will zunächst das Verfahren schildern, ehe ich einige sonstige 
Beobachtungen an den Farbstoffen oder anderweitige Betrachtungen 
mitteile. 

Die Färbung gelingt am besten an Material, das mit 
Sublimat - Eisessig (5proz. Lösung + 5°/o) fixiert worden ist. 
Eingebettet kann sowohl mit Kohlenwasserstoffen oder ätherischen 
Ölen in Paraffin oder Celloidin werden. Die Schnitte kommen, 
gegebenenfalls nach Entfernung des Paraffins, in SO proz. Alkohol, 
dem soviel Jodjodkaliumlösung nach Mayer zugesetzt wird, bis 
er etwa kognakfarben aussieht. Hierin bleiben sie solange, bis 
sie eine kräftig gelbe Färbung angenommen haben, am besten 
über Nacht bis 24 Stunden. Man spült dann die Objektträger 
(oder Deckgläschen) flüchtig ab, ohne aber die Schnitte aus- 
zuwaschen. Dann bringt man sie in die Farblösung von folgender 
Zusammensetzung?) 


', Herrn Prof. Hesse, der mich zuerst darauf aufmerksam machte, 
möchte ich dafür, wie für manchen freundlichst erteilten Rat, auch an dieser 
Stelle meinen ergebensten Dank aussprechen. 

?) Das Rezept wird seit langer Zeit im Zoologischen Institut der 
Königl. Landwirtschaftlichen Hochschule zu Berlin benutzt. 


Verfahren zur elektiven Färbung der Bindesubstanzen. 9 


1. Kristallisiertes Hämatoxylin lösen in Alcohol abs. bis zur 
Sättigung, so dass immer ein Bodensatz bleibt. Die Lösung muss 
mindestens mehrere Tage stehen, ehe sie verwendet werden darf 
und kann unbeschränkte Zeit aufbewahrt werden. 

2. Ammoniakalaun, in der Wärme gesättigte Lösung in 
Aqua dest. 

3. Glycerin, dick wie es in den Handel kommt. 


4. Methylalkohol. 


Vonae zunehmen — . . ee 100 eem 
De EN 
a R EEE 02905 

5100 ccm 


Diese vier Flüssigkeiten werden alle zusammen in eine 
Flasche mit mögliehst grossem Durchmesser gegossen und ohne 
zu filtrieren mindestens 3 Monate offen stehen gelassen. Das 
Hämatoxylin muss hoch oxydiert sein, um mit der Jodbeize die 
gewünschte Bindegewebsfärbung zu geben. — Gefärbt wird dieses 
auch mit nicht so hoch oxydiertem Hämatoxylin, nur ist dann 
zwischen Kernen und Bindegewebe kein Farbunterschied vor- 
handen, ausserdem erhalten andere Substanzen, z. B. Plasma, 
Schleim, einen gleichen blauen Schimmer bezw. gleiche dunkel- 
blaue Färbung. Versuche, das Hämatoxylin mit oxydierenden 
Substanzen schneller zu oxydieren, habe ich nicht in genügender 
Zahl unternommen. Mit Wasserstoffisuperoxyd habe ich ganz 
befriedigende Resultate erhalten. Die Farbunterschiede waren 
nur nicht ganz so scharf ausgeprägt. 

In der Farblösung bleiben die Schnitte mehrere Stunden, 
am besten wiederum über Nacht bis 24 Stunden. Sie können 
natürlich in beiden Flüssigkeiten ohne Schaden auch 2 Tage 
bleiben. — Es ist das sicher auch ein Vorteil der Methode, dass 
alle Verrichtungen in Ruhe vorgenommen werden können, ohne 
überhastet zu werden und ein bisschen „Zuviel“ nicht schadet. — 
Spült man jetzt die Präparate mit Aqua dest. ab, was ohne 
Schaden für die Färbung auch sehr gründlich geschehen kann, 
so zeigen die Schnitte dunkelbraunes bis schwarzes Aussehen. Es 
ist das für die verschiedenen Objekte verschieden. Die Schnitte 
müssen nun differenziert werden und zwar mit Salzsäure-Alkohol 


s0 Paul Krüger: 


(70°/o Alkohol + 1°/o konz. Salzsäure), bis nur noch die Kerne 
gefärbt sind. Der Überschuss an Säure wird mit SO proz. Alkohol, 
dem !/a—1°/o konz. Ammoniak zugesetzt ist, entfernt. 


Falls eine Gegenfärbung angebracht ist, so erhält man mit 
Eosin sehr wirkungsvolle Gegensätze. Bei dieser Gelegenheit 
möchte ich bemerken, dass man eine sehr schöne und zarte 
Plasmafärbung, wobei oft nur die Muskeln usw. rot gefärbt sind, 
auf folgende Weise erhält: Man löst Eosin in Alcohol abs. und 
gibt von der ziemlich konzentrierten Lösung einige Tropfen in 
Xylol, so dass es eben rot erscheint. Hierin müssen allerdings 
die Schnitte oft mehrere Stunden bleiben, ehe die gewünschte 
Färbung erzielt wird. Zweckmässig ist es auch, sie nachher noch- 
mals in reines Xylol zu tun. 

Das Endresultat bei dieser zwar einige Zeit in Anspruch 
nehmenden Färbung ist: Kerne blau, plasmatische Substanzen rot, 
oft in den verschiedensten Tönen, Bindesubstanzen braun bis 
schwarz. 

Welche Bindesubstanzen gefärbt sind, werde ich in einem 
besonderen Abschnitt nachher besprechen. Jetzt möchte ich erst 
einige andere Bemerkungen anschliessen. 


(ualitativ ist diese Hämatoxylinlösung durchaus gleich der 
von Delafieid zusammengesetzt. Chemisch scheint mir aber 
ein nicht zu geringer Unterschied zu bestehen. Berechnet man 
die Bestandteile beider Lösungen auf gleiche Gesamtsumme, so 
erhält man folgende Zahlen: 


ae | Eigene Mischung Nach Delafield 
| ccm ccm 
Hämatoxylinlösung . . . |) °) 100 (10,19 gr H.) | 204 (32,064 gr H.) 
Giyeerues Na. el 625—12,255% | 816—16 Jo 
Methylalkoho)l . .... | 625=12,255% | 816=16 /o 
kone. Alaunlösung ... ı 3750— 73,53 %0 3264—=64°%;0 


| 
| 
5100 | 5100 


'‘) Ich habe zweimal den Rückstand, den eine bestimmte Menge Farb- 
lösung beim Eintrocknen hinterlässt, gewogen: 1) 5 cem Lösung, auf dem 
Thermostat bei 42° ©. und 12 Std. im Exicator, ergaben 0,512 gr — 100: 10,24; 
2) desgl., bei Zimmertemperatur (20° C.) und 12 Std. im Exicator, ergaben 
0,507 gr —= 100:10,14. 


Verfahren zur elektiven Färbung der Bindesubstanzen. sl 


Abgesehen von diesen quantitativen Unterschieden treten 
aber sicher noch chemische durch die weitere Behandlung auf. 
Nach dem Rezept von Delafield bringt man zunächst Ammo- 
niakalaun und Hämatoxylinlösung zusammen, lässt 3—4 Tage 
offen stehen und filtriert. Erst dann setzt man Glycerin und 
Methylalkohol zu und filtriert wieder. Durch dieses zweimalige 
Filtrieren wird der auf Zusatz von Glycerin und Methylalkohol 
auskristallisierende Alaun neben anderen Niederschlägen entfernt. 
Die Lösung ist also nicht mehr konzentriert hinsichtlich des 
Alauns. Im Verlauf des Reifungsprozesses bildet sich jedoch ein 
ganz feiner Niederschlag wieder, der in der Flüssigkeit suspendiert 
bleibt. — Im Gegensatz hierzu wird nach dem oben angegebenen 
Rezept der sich ausscheidende Alaun nicht abfiltriert, so dass die 
überstehende Flüssigkeit stets damit gesättigt ist. Dabei bleibt sie 
immer klar. Die Farbe ist nach 2 Monaten ein dunkles Weinrot, 
das, je älter die Lösung wird, immer mehr in Braun übergeht. 

Um möglichst zu erfahren, welcher Bestandteil die Färbung 
verursacht, habe ich sowohl das Glycerin wie auch den Methyl- 
alkohol weggelassen. Lösungen ohne Glycerin färben nicht so 
kräftig wie die mit Glycerin. Sie geben mehr eine reine Kern- 
färbung als letztere. 

Um die Wirkung der Beize zu studieren, sind gleichfalls 
alle möglichen Varianten versucht worden.!) Vorhergegangene 
Beizung mit konzentrierter Alaunlösung hat nur wenig Einfluss, 
ebenso die mit Jodlösung und frischer Jodkaliumlösung. In voller 
Schärfe und Deutlichkeit wird das Bindegewebe nur nach voran- 
gegangener Jodjodkaliumbeizung sichtbar. — Während ich diese 
Zeilen schrieb, kam mir auch die Arbeit von A. Pappenheim 
und F. Pröscher zu Gesicht. Sie schreiben S. 145: „Fügt man 
zu den HElastinfarbstoffen Jodtinktur tropfenweise hinzu solange, 
als unterschichtetes Chloroform noch kein freibleibendes Jod an 
sich nimmt und ein Tropfen auf Löschpapier keine Üellulose- 
reaktion zeigt, so resultieren jodierte Fuchseline und Jodorcein. 
Der Eintritt von Halogenen ins Farbstoffmolekül macht die 
betreffenden Farbstoffe unter Umständen ungemein farbtüchtig. 
So sind die brauchbarsten Fluoresceine die Halogenderivate, die 
gelblichen Chlor- und Brom- und die bläulichen Jodeosine. Ebenso 


!) Ich muss hier nachtragen, dass die meisten Versuche an Schnitten 
durch Eisenia foetida Sav., als dem mir bequemsten Objekt, unternommen wurden. 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.84. Abt. 1. 6 


Rn 


2 Paul Krüger: 


wirkt das Brom auf Resorufin, Resorufamin, Orcirufin und Oreiru- 
famin (Fluorescenzblau) und auch von dem Bromkarmin haben 
wir oben gesprochen. Der lackartigen Jodhämatoxylinverbindung 
werden ganz besonders färbetüchtige Eigenschaften nachgerühmt“. 
Leider habe ich nicht erfahren können, worauf sich diese 
Bemerkung stützt. Ich habe auf jeden Fall zu der oben ange- 
gebenen Hämatoxylinlösung in der vorgeschriebenen Weise Jod- 
jodkaliumlösung zufliessen lassen und dann auch fast dasselbe 
färberische Verhalten gefunden wie bei vorangegangener Beizung.') 

Von anderen Hämatoxylingemischen wurden ausser dem schon 
erwähnten Delafieldschen folgende benutzt. Hämalaun nach 
Mayer, Ehrlichs Alaunhämatoxylin, Friedländers Gemisch, 
Hämateinlösung I. A. nach Apäthy (sämtlich von Grübler, 
Leipzig), die Hämatoxylinlösung von Carazzi?’) und eine 1 proz. 
wässerige Hämatoxylinlösung. Von allen diesen (Gremischen lieferten, 
auch nach vorangegangener Beizung mit Jodjodkalium, die 1 proz. 
Hämatoxylinlösung, Ehrlichs Alaunhämatoxylin und die Häma- 
teinlösung eine reine Kernfärbung. Friedländers Gemisch 
färbte Kerne und Bindegewebe gleichmässig blau. Dagegen kam 
das Hämalaun von Mayer in der Wirkung der hier empfohlenen 
Lösung nahe. 

Von Fixierungsmitteln wurden versucht: 5proz. Sublimat- 
lösung + 5proz. Eisessig, 4proz. Formol, Carnoy, Zenker, 
Pikrinsalpetersäure, Bouin und Hermann. Die besten Resultate 
gab Sublimat-Eisessig, dann Carnoy und Formol. Die Pikrin- 
säuregemische gaben nicht so gute Farbtöne. Zenker lieferte 
mir eine reine Kernfärbung. Hermanns Gemisch eignet sich 
nicht wegen der Schwärzung durch die Osmiumsäure. 

Ich möchte nun dazu übergehen, einige Objekte anzuführen, 
um die fast unbeschränkte Verwendbarkeit der Färbung zu zeigen. 
Wie scharf die Unterschiede sind, sollen die beigegebenen Figuren?) 
demonstrieren. Ich werde mich sonst sehr kurz fassen und nur 
einige Bemerkungen dazu machen. 


!) Siehe Anmerkung am Ende der Arbeit (S. 90). 

?) Nach Carazzi soll seine Lösung nach 2 Stunden gebrauchsfähig 
sein und Schnitte schon in wenigen Minuten gefärbt haben. Nach meinen 
Erfahrungen braucht der Alaun 3 Tage, ehe er gelöst ist, die Schnitte 
waren erst nach einigen Stunden genügend gefärbt. 

°), Die Tafel gibt die Farbunterschiede nicht in voller Schärfe und 
Feinheit wieder. 


Verfahren zur elektiven Färbung der Bindesubstanzen. 83 


A. Coelenterata. 
I. Spongiaria. 
1. Sycandra raphanus 0. Schm. (Fig. 1). 
Um die etwas kleineren und etwas dunkler gefärbten Binde- 


zellen sind feine braune Fasern zu sehen. Braun gefärbt sind 
auch die Spicularscheiden. 


II. Cnidaria. 
2. Hydra grisea L. 
3. Cerianthus membranaceus Spall. 
4. Rhizostoma pulmo L. (Formolfixierung). 

Sehr deutlich, fast schwarz, wird die Grenzlamelle gefärbt, 
ebenso scharf und deutlich die feineren Bindefibrillen und elastischen 
Fasern in der Schirmgallerte der Meduse. Die Gallerte selbst 
nimmt einen hellgrauen Ton an. Die Zellen in der Gallerte 
zeigen einen blauen Kern umgeben von wenig rot gefärbtem 
Plasma. 

III. Ctenophora. 


5. Hormiphora plumosa Sars. 
Für diese Form gilt das bei den Cnidaria gesagte. 


B. Coelomata. 
IV. Zygoneura. 


a) Scolecida 
«) Platyhelminthes. 

. Planaria spez. 

I 7. Distomum hepaticum L. 

| 8. Gorgodera eygnoides Zed. 
9. Diplodiscus subelavatus Goeze, 

10. Ligula intestinalis L. 

Iıı. Taenia serrata Goeze. 


u er) 


— 


Bei allen diesen Arten ist die Grenzlamelle sehr deutlich 
dunkelbraun gefärbt, in gleicher Weise auch die Grenzlamellen 
gegen den Darm und die Geschlechtsorgane. Etwas heller braun 
sind die feinen Fibrillen zwischen den Muskeln der Saugnäpfe 


und des den übrigen Körper füllenden Bindegewebes. 
6* 


54 PaulKrüger: 


3) Coelhelminthes. 


12.Ascarıs’ lumbricondes kaEigN2): 
Die Cutieula lässt deutlich mehrere Schichten erkennen. 
Die äusserst feinfaserigen Bindefibrillen (in der Figur einheitlich 
dunkel gezeichnet) sind sehr scharf, schwarzbraun gefärbt und 
auch leicht zwischen Muskeln und Subeuticula (Epiderm) zu 
erkennen. 


13. Acanthocephalus ranae Schrank. 


Die Cuticula zeigt zwei Schichten, eine dunkelrote und eine 
innere hellere. Die Subeuticula enthält sich rosa färbende Fibrillen, 
die nach allen Richtungen verlaufen. Dazwischen liegen Kerne 
verstreut. Es folgt eine schwarzbraun gefärbte Grenzlamelle. 
Das gleiche Aussehen zeigen die Bindegewebsfibrillen zwischen 
der äusseren Ringmuskellage (rot) und der inneren Längsmuskel- 
schicht. Gegen die Leibeshöhle ist letztere durch einen derben 
Fibrillenzug abgetrennt. 


y) Nemertini. 


14. Cerebratulus marginatus Ren. 
Ich verweise hier auf die Darstellung von K. C. Schneider. 
Die dort gemachten Angaben lassen sich mit der Färbung leicht 
bestätigen. Nicht gefärbt sind die Gliafasern, die in den Faser- 
strang des Nervensystems eindringen. 


b) Annelida. 
15. Nereis spez. 
16. Branchiomma Köllikeri. 
Das Bindegewebe der Polychaeten ist wenig ausgebildet. Die 
feinen Fasern, z. B. um das Nervensystem, Darm, Muskeln, sind 
braun gefärbt. 


17. Eisenia foetida Sav. (Fig. 3). 
An diesem Objekt ist die Färbung zuerst gefunden worden. 
Es hat auch am meisten zu Versuchen gedient. Ich will aber 
auch hier nur Einiges bemerken. Sehr deutlich gefärbt sind die 
Grenzlamellen, die äusserst feinfaserigen Fibrillen (dunkelgrau) 
zwischen der Ringmuskelschicht. Äusserst scharf, fast schwarz, 


Verfahren zur elektiven Färbung der Bindesubstanzen. 59 


sind die Bindegewebsfasern zwischen den Fahnen der Längs- 
muskulatur. Wohl noch nie so deutlich sind die Bindegewebs- 
fasern und Gliafasern im Nervensystem dargestellt worden (Fig. 5). 
Zwischen den fast schwarzen Gliafasern sieht man bei starker 
Vergrösserung (Comp.-Oc. Ss und 12) kleine dunkle Zellkerne. 


18. Piscicola piscium Roes. 
19. Aulastomum gulo M.-Td. 


Bei Piscicola sind die Bindegewebsfasern, z.B. an den Darm- 
abschnitten, den Geschlechtsorganen, zwischen den äusseren Ring- 
muskeln, ziemlich derb und fast schwarz gefärbt. Bei Aulastomum 
hat das so überaus reichliche Bindegewebe einen braunen Ton 
angenommen. 


20. Sipunculus nudusL. 
Hautquerschnitte. 
c) Arthropoda. 
«) Branchiata. 
1. Chirocephalus (Branchipus) Grubii. Dyb. 
2. Calanus spez. 
23. Scalpellum scalpellum L. 
24. Lepas anatifera.L. 
25. Mysis spez. 
26. Palaemonetes varians Leach. 

Über das Bindegewebe der Cirripedien wird im Zusammen- 
hang mit anderen Untersuchungen an anderer Stelle berichtet 
werden. Bei den übrigen untersuchten Crustaceen wird das Binde- 
gewebe sehr deutlich schwarz gefärbt. Zwischen den Muskeln 
sind es zuweilen sehr dicke Scheiden und Stränge, die dann in 
feineren und feinsten Fasern auslaufen. In den dicken Strängen 
sieht man bei genügend dünnen Schnitten (5 «) Bindegewebszellen 
liegen. Das Chitin und die inneren Skeletteile färben sich schwarz- 
braun, wie die an ihnen ansetzenden Fasern. 


?) Eutracheata. 
27. Stilpnotia salicis L. (Raupe). 
Sehr deutlich sind die Zwischenstreifen und ihre Verbindungen 
mit dem Myolemm zu sehen. Sie sind braun gefärbt und heben 
sich dadurch von der rotgefärbten Querstreifung des Muskels ab. 


86 PaulKrüger: 


d) Meollusca. 
28. Chiton olivaceus Spengl. (Fig. 4). 

Entgegen anderen Angaben scheint das Bindegewebe bei 
Chiton doch nicht so spärlich zu sein. Abgesehen von den inneren 
Organen findet sich ziemlich reichlich Bindegewebe zwischen den 
Muskeln des Gürtels und Fusses. An dazwischenliegenden Partien 
sieht man eine sich grau färbende Grundsubstanz, in der sehr 
feine nach allen Seiten verzweigte Fibrillen (braun) und wenige 
Muskeln (rot) verlaufen. Man erhält mittels der Färbung ausser- 
ordentlich scharfe und klare Bilder, die bildlich allerdings sehr 
schwer darzustellen sind. 


29. Carinaria mediterranea Per. Lsr. 
In der Gallerte sind kaum Spuren von Fibrillen gefärbt. 
| 30. Creseis spez. 
| 31. Aeolis spez. 
[32. Unio pictorum L. 
133. Pecten jacobaeusL.. 
Das Bindegewebe der Gastropoden und Lamellibranchier ist 
spärlich entwickelt. Die vorhandenen Stränge und Fibrillen sind 
gleichfalls deutlich dunkelbraun gefärbt. 


34. Sepiola Rondeleti Leach. 
Das sehr reichliche Bindegewebe zwischen den Muskeln, am 
Darm usw. färbt sich schwarz. Die Grundsubstanz des Knorpels 
wird schwarzbraun und erscheint deutlich fibrillär. 


V. Ambulacralia. 
Echinodermata. 
35. Asterias tenuispina Lm. 
36. Holothuria stellati. 
Auch hier liefert die Färbung sehr klare und deutliche 
Bilder, wodurch Bindesubstanzen und plasmatische Gebilde leicht. 
zu unterscheiden sind, z. B. bei der Haut von Holothuria. 


VI Chordonia. 
a) l’unicata, 
37. Salpa spez. 
Die Mantelgallerte färbt sich grau, die Ausläufer der Binde- 
zellen dunkler. 


Verfahren zur elektiven Färbung der Bindesubstanzen. 37 


b) Acrania, 
38. Amphioxus lanceolatus Pall. 


Die Angaben, die Goldschmidt gemacht hat, kann ich 
durchaus bestätigen. Die Fibrillen lassen sich mit der Methode 
leicht darstellen. 

c) Vertebrata. 
39. Petromyzon fluviatilis L. (Ammocoetes 
branchialis) (Fig. 5). 

Dieses Objekt stellt geradezu ein Paradestück dar, um die 

Wirkung der Färbung zu demonstrieren. Ich verweise auf die Figur. 


40. Seyllium stellare L. 
41. Salamandra maculosa Laur. (Larve). 
Für diese gilt das gleiche wie für Ammocoetes. Die Knorpel- 
erundsubstanz färbt sich dunkelgrau, die Knorpelzellen rosa mit 
blauen Kernen. 


42. Rana temporaria L. 


Im Hoden färben sich sehr deutlich die Bindegewebsfibrillen 
zwischen den Hodenkanälchen. 


43. Testudo graeca L. (Övarium). 
44. Lepus cunieculus L. 

45. Mus musculus L. 

46. Welis domestica RD. 

47. Homo. 


Es wurden folgende Gewebe und Organe untersucht: Haut, 
Zwerchfell (Fig. 6), Magen, Darm, Leber, Pankreas, Niere, Hoden, 
Ovarium, Uterus mit Embryonen, Milchdrüse, Fett, Herz und 
Lunge. Hinweisen möchte ich nur auf einiges. Im Corium, 
subkutanem Bindegewebe, dem Bindegewebe der Submucosa, im 
Herzmuskel sind die feinsten Fibrillen sehr deutlich gefärbt. Auf 
Nierenschnitten hebt sich das interstitielle Bindegewebe scharf 
von dem übrigen Gewebe ab. ÖOvariumschnitte zeigen auf das 
schönste das Bindegewebe der Rindensubstanz und des Corpus 
luteum braun gefärbt. Vom Menschen wurde Kopfhaut, parauterines 
Bindegewebe und eine Geschwulst des Uterus untersucht. Auch 
hier sind die Bindesubstanzen leicht von dem übrigen (rewebe 
durch ihre braune bis schwarze Färbung zu unterscheiden. 


88 PaulKrüger: 


Literaturverzeichnis. 


Ein * bedeutet, dass mir die Arbeit nicht zugängig war. 


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Verfahren zur elektiven Färbung der Bindesubstanzen. 59 


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90 PaulKrüger: Verfahren zur elektiven Färbung etc. 


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zur Darstellung der Bindegewebsfibrillen. Zeitschr. f. wiss. Mikr., 
Bd. 25, 1908. 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel II. 


Sämtliche Figuren sind mit dem Zeissschen Zeichenapparat auf den Arbeits- 
tisch projiziert. 

Fig. 1. Sycandra raphanus O. Schn Stück einer Radialtube, längs. Hom. 
Im. 22mm, .n.. A, 1,3.>0c.1,22/r. 

Fig. 2. Ascaris lumbricoides L. Stück eines Querschnittes; Cuticula, Muskel- 
zellen, Mediallinie. Ihbid. ?/s. 

Fig. 3. Eisenia foetida Sav. Bauchmark, quer. Ibid. *>. 

Fig. 4. Chiton olivaceus Spengl. Stück einer Muskelpartie des Gürtels, 

quer. Ibid. !/ı. 

Petromyzon fluviatilis L. (Ammocoetes branchialis.) Querschnitt. 

Obj:7a3, De. Zur: 

Fig. 6. Mus musculus L. Zwerchfell (Diaphragma), längs. Hom. Im. 2 mm, 
I N I Okes Il, She 


> 

ir 
na) 

[| 


Anhang bei der Korrektur. 


Während die Arbeit im Druck war, habe ich noch Versuche 
mit Hämatoxylin, das volle sieben Monate gereift hatte, ange- 
stellt. Ich habe diesem Hämatoxylin nach der Vorschrift von 
Pappenheim Jodtinktur zugefügt bis unterschichtetes Chloro- 
form sich schwach rosa färbte, in gleicher Weise zu einer anderen 
Probe Jodjodkaliumlösung nach Mayer. In ihren Färbwirkungen 
sind beide Mischungen durchaus verschieden voneinander. Das 
Jod-Hämatoxylin färbt die Kerne nur schwach blau, Bindesub- 
stanzen und Muskulatur gelbbraun. Diese gelbbraune Farbe deckt 
auch die blaue der Kerne etwas zu. Im Gegensatz dazu ergab 
das Jodjodkalium-Hämatoxylin die gewünschten Farbunterschiede: 
Kerne blau, Bindesubstanzen schwarzbraun bis schwarz, Musku- 
latur fast farblos, so dass mit Eosin ein scharfer Kontrast erzielt 
wurde. Diese letztere Färbung ist schärfer und kontrastreicher 
als diejenige bei Beizung mit Jodjodkalium und nachträglicher 
Färbung mit Hämatoxylin. 


a 


Aus dem Königl. Zoologischen Institut der Universität Breslau 
Direktor: Prof. Dr. Willy Kükenthal. 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte 
und Oxydationsorte in Geweben und Zellen 


Von 


F. W. Oelze. 


Hierzu Tafel III. 


Inhalt. Seite 
I. Einführung .. . 5 rn! 
I. Unnas und Golodetz, Herkungen der‘ Bedalstunsoete mit 
Kaliumpermanganat, Eisenchlorid und rotem Blutlaugensalz und 
Tetranitrochrysophansäure . . . 2,93 
III. Berechtigen die erhaltenen ua zu ar Kuna) a nur 
das Protoplasma, im Gegensatz zum Kern, als Reduktionsort wirkt? 98 
IV. Unnas und Golodetz’ Färbungen der Sauerstofforte mit 
Rongalitweiss I und Il. ...... .. 2103 
V. Berechtigen die erhaltenen Harbenecn zu den Annan ae nur 
die Kerne, nicht aber auch das Protoplasma im allgemeinen 
Sauerstofforte sind? Kritik der Methode. Färbungen mit Natrium- 
hydrosulfit-Leuko-Methylenblau und Leuko-Nigrosin. Primäre und 
sekundäre Sauerstoffärbung. Oxydasen- und katalasenfreie Stoffe 


als Sauerstofforte im Sinne Unnas ... 5 109 
VI. Oxydasereaktionen an Gewebsschnitten nach Sch Elze: An 

von. Golodez.und Unna jun, und Leistikow . . =..-.,...115 
VII. Einschlussfärbung mit Leukobasen und Reagentien . . . 17 


VIII. Über spezifische Farbstoffwirkung und die Notwendigkeit iur: 
Berücksichtigung bei biochemischen Arbeiten mittels Farbstoffen 118 
NEU Sammentassungns pa A. FE li 
BE ILeTaturty: 7.4 2 10 ee ee Seren 20 


I. Einleitung. 

Seitdem wir wissen, dass die Tiere Sauerstoff einatmen und 
Kohlendioxyd ausatmen, hat man versucht, dem Verlaufe der 
Atmung im Inneren des Organismus auf die Spur zu kommen. 
Für das gesamte Verständnis der physiologischen Vorgänge ist 
eine Aufklärung über das Wesen der Atmung von grösster Be- 


92 F. W. Oelze: 


deutung, denn die Atmung ist ohne Zweifel einer der wesent- 
lichsten Punkte im Stoffwechsel der Zelle. Der Sauerstofferwerb 
kann, wie bekannt. auf zweierlei Weise, durch Erwerb freien 
Sauerstoffs oder durch intramolekulare Atmung, erfolgen. 

Man hat sich vom Bau der lebenden Substanz, gerade mit 
Rücksicht auf die Atmung, die verschiedensten Bilder gemacht. 
Das Protoplasma wird von Pflüger (1), Ehrlich (2), Verworn (3) 
als ein Riesenmolekül aufgefasst, das an seinen „Aussenposten“ 
Synthesen mit den Molekülen der Nährstoffe eingeht. Anderer- 
seits fasst Pfeffer (4) die Wirkung des Protoplasmas auf als 
bedingt durch eine besondere physikalische Gliederung, die eine 
grosse Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der chemisch wirk- 
samen Komponenten ermöglicht. Jacoby (5) vertritt aber in 
neuerer Zeit, entgegen der von Hofmeister (6) weiter aus- 
gebauten Ansicht Pfeffers, die Auffassung, dass nur relativ 
wenige verschiedene chemische Komponenten zur Erklärung der 
Zellwirkung nötig sind, indem er sich besonders auf Arbeiten 
von Pawlow und Parastschuk (7) stützt. 

Zur Erklärung der teils überaus starken Oxydationswirkung 
der Zellen wies Schönbein (5) auf die Oxydationsfermente hin. 
Traube (8) baute den Gedanken weiter aus. Er führte die Auf- 
fassung in die Biologie ein. dass in der Zelle Oxydationsfermente 
vorhanden sein müssen, die als Sauerstoffüberträger tätig sind, 
d. h. den den Zellen zuströmenden Sauerstoff wie ein Peroxyd auf- 
nehmen und an die zu oxydierenden Substanzen weitergeben können. 
Damit ist dem bereits Ausdruck gegeben, dass die zellulären 
Oxydationen und Reduktionen im engsten und untrennbaren Zu- 
sammenhange stehen müssen. Dieser enge Zusammenhang geht 
auch aus den Versuchen Ehrlichs hervor. Ich möchte hier die 
etwa dreissig Jahre nach der Veröffentlichung der Arbeit Ehrlichs 
geschriebenen Worte von Jacoby (5), dessen Darstellung ich hier 
gefolgt bin, wiederholen: „Die grossen theoretischen Gesichts- 
punkte, die Ehrlichs Arbeit neben dem experimentellen Material 
enthält, dürften wohl erst durch die physiologische Forschung der 
Zukunft hinreichend ausgebeutet werden.“ 

In physiologisch-chemischer Beziehung ist das vorliegende 
Problem für die Pflanzenphysiologie besonders von Bach und 
Chodat (9) gefördert worden, die auch in neuester Zeit zahl- 
reiche Arbeiten in den Berichten der deutschen chemischen 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte etc. 95 


Gesellschaft u. a. O. veröffentlicht haben. Bach und Chodat 
unterscheiden drei Arten von Oxydationsfermenten: 

1. Oxygenasen, eiweissartige Stoffe, die mit einem Abbau- 
paroxygen zu einer peroxydartigen Verbindung zu- 
sammentreten und ihr Oxygen wieder an andere Stoffe 
abgeben können, besonders mit Unterstützung: 

2. der Peroxydasen, die nur bei Gegenwart von Peroxyd 
oxydieren können; 

3. die Katalasen, welche Hydroperoxyd katalytisch unter Ent- 
wicklung molekularen Sauerstoffes zersetzen. Als 

4. Gruppe kommen hierzu noch nach Bach (26) die Perhy- 
dridasen, die, um den Anforderungen der Oxydation durch 
den gebundenen Sauerstoff des Wassers zu begegnen, 
hydrolvytische Oxydations-Reduktionsprozesse ebenso be- 
schleunigen, wie es Platinmetalle tun. 

„Alles, was vor oder nach den Arbeiten von Bach und 
Chodat von Oxydasen gegolten hat, ist in gleicher Weise auf 
trennbare Gemenge von Oxygenasen und Peroxydasen anzuwenden.“ 

Eine andere Einteilung der Fermente siehe in der während 
der Korrektur erschienenen Arbeit von Bach (26). 

Sehr wichtig sind die Arbeiten von v. Czyhlarz und 
v. Fürth (10), die tierische (und auch zum Vergleich pflanzliche) 
Peroxydasen qualitativ und quantitativ geprüft haben, und die 
insbesondere nachweisen, dass die peroxydaseähnliche Wirkung 
des Hämoglobins von der einer echten Peroxydase ganz ver- 
schieden ist. 

Batelli und Stern (11) haben die Versuche von 
v. Czylharz und v. Fürth mit anderer Methodik weitergeführt 
und folgende Tabelle über die Intensität der Peroxydasewirkung 
aufgestellt: Leber, Niere, Milz, Lunge, Pankreas, Lymphdrüse, 
Rindsmuskel, Gehirn, Hoden, Hundemuskel, Thymus, Nebenniere, 
Schilddrüse, Kaninchenmuskel, der am schwächsten wirkt. 

Sind somit von physiologisch-chemischer Seite aus bereits 
auf einer sicheren Methodik aufgebaute Untersuchungen gemacht 
worden, so wird doch eine wirkliche Klärung unseres 
Problems erst dann erfolgen können, wenn die Vor- 
gänge im mikroskopischen Bilde der Zelle selbst 
lokalisiert und verfolgt werden können. An solchen 
Arbeiten fehlte es bis vor kurzem. Die Arbeit Ehrlichs ist 


94 F. W. Oelze: 


organologischer, nicht mikroskopischer Natur, geniesst aber den 
Vorteil der vitalen Arbeitsweise. Auf eine spezielle Arbeit von 
Schultze werden wir noch unten zu sprechen kommen. 

P.G. Unna war es, der mit Hilfe einer schon seit einigen 
Jahren aufgestellten Methodik (12—15) eine die ganze Mannig- 
faltigkeit verschiedenster Organe umfassende Arbeit in diesem 
Archiv veröftentlichte. Seine Ausführungen gipfeln in dem Satze: 
„Die Kerne sind die Sauerstofforte, das Protoplasma die Reduktions- 
orte des Gewebes. Der Muskel ist ein Reduktionsort.“ 

Die Ansicht Unnas über den fermentativen Charakter der 
Oxydationsvorgänge stellen Golodetz und Unna jun. (16) 
folgendermassen dar: 


„Über die auf der Basis dieser Hypothese aufgebaute Er- 
klärung des Sauerstofistroms im tierischen Gewebe äussert sich 
Unna etwa wie folgt: Die aktiven Sauerstoff als Hydroperoxyd 
enthaltende Lymphe !) überschwemmt das nachgewiesenermassen 
reduzierende Zellprotoplasma, welches einen Teil des zugeführten O 
zu seiner eigenen Verbrennung gebraucht, einen anderen Teil 
aber der Wirkung der im Protoplasma sicher vorhandenen Kata- 
lase preisgibt. Die Folge ist, dass der das Protoplasma durch- 
wandernde Sauerstoff, seiner Aktivität beraubt, lediglich in mole- 
kularer Form in den Kern eintritt. Hier sind aber Kräfte vor- 
handen, die den molekularen Sauerstoff wieder aktiv machen, 
indem der molekulare Sauerstoff in Kontakt mit der von Bach 
angenommenen Oxygenase Peroxyde liefert. Diese Peroxyde mögen 
alsbald von den in Kernen sicher vorhandenen Peroxydasen zer- 
setzt werden, aber als Produkt erscheint hierbei, nicht wie bei 
der Katalase des Protoplasmas molekularer, sondern aktiver Sauer- 
stoff, welcher als solcher im Kern aufgespeichert wird. So entsteht 
das Bild von aktiven sauerstoffhaltigen Kernen inmitten eines 
reduzierenden Protoplasmas. Die Untersuchungen P. G. Unnas 
gipfeln also in der Gegenüberstellung reduzierender (Reduktions- 
orte) und sauerstoffhaltiger Gewebselemente (Sauerstofforte), und 
zwar sollen Reduktionsorte Katalase aber keine Peroxydase, Sauer- 
stofforte Peroxydase aber keine Katalase enthalten.“ 

Die Anschauungen Unnas weisen denen Ehrlichs gegen- 
über zahlreiche Widersprüche auf. Ich habe die Methoden Unnas 


!) Der Oxydasengehalt der Lymphe ist mir neu. 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte etc. 95 


selbst angewandt, und bin bereits hierbei zu Bildern gekommen, 
die ganz andere Schlüsse, wie die Unnaschen, zu ziehen ge- 
statteten. Dann habe ich die Methodik selbst kritisch geprüft 
und nach meiner Ansicht ihre völlige Haltlosigkeit bewiesen. Da 
die Methoden Unnas bereits vielfach, auch im akademischen 
Unterrichte, angewandt werden, und wohl auch noch weiteren 
Eingang finden würden, halte ich es für meine Pflicht, meine 
diesbezüglichen Untersuchungen hier zu veröffentlichen. Auch 
im neuesten Bande von Oppenheimers Handbuch der Bio- 
chemie geben Unna und Golodetz (27) in einer Arbeit 
„Biochemie der Haut“ die auf dieser Methodik beruhende Ein- 
teilung in System der Sauerstofforte und System der Reduktions- 
orte. An gleichem Orte erkennt Bach (26) die Methodik Unnas 
durchaus an, lehnt aber Unnas theoretische Anschauungen durch- 
aus ab. Auf diese während der Korrektur erschienenen Arbeiten 
werde ich später eingehen. Anschliessend gebe ich dann noch 
meine Auffassung über die „Einschlussfärbung mit Leukobasen“, 
sowie eine theoretische Auseinandersetzung über „spezifische Farb- 
stoffwirkung und die Notwendigkeit ihrer Berücksichtigung bei 
biochemischen Untersuchungen mittels Farbstoften“ wieder. 

Ich werde im folgenden zunächst jeden der beiden Haupt- 
teile der Unnaschen Arbeit, den Nachweis der Reduktionsorte 
und den Nachweis der Sauerstofforte, im Sinne Unnas kurz 
wiedergeben und zu jedem Teile eine Kritik anfügen. 


Die betreffenden Versuche wurden zum Teil in meinem 
Laboratorium in Braunschweig, in der Hauptsache aber im Königl. 
Zoologischen Institut der Universität Breslau ausgeführt. Meinem 
verehrten Lehrer, Herrn Professor Dr. Willy Kükenthal, 
möchte ich auch an dieser Stelle meinen tiefgefühlten Dank für 
die bereitwillige Unterstützung, die er meinen Arbeiten hat zu 
Teil werden lassen, aussprechen. 


II. Unnas und Golodetz’ Färbungen der Reduk- 
tionsorte mit Kaliumpermanganat, Eisenchlorid und 
rotem Blutlaugensalz u. Tetranitrochrysophansäure. 


Unna und Golodetz (12) geben im Jahre 1909 drei verschiedene 
Reagentien zum Nachweis der Reduktionswirkung der Gefrierschnitte an. 
Als Vorbedingung für die Brauchbarkeit eines derartigen Färbemittels werden 
vier Eigenschaften gefordert: 


96 F. W. Oelze: 


1. Das Färbemittel darf nicht in die Klasse der Farbstoffe gehören. 
sondern die Farbe muss erst durch den Kontakt mit dem Gewebe erzeugt 
werden. 

2. Dasselbe muss leicht durch das Gewebe reduziert werden, 

3. dabei mit dem Gewebe eine gefärbte Verbindung ergeben und 

4. dieses gefärbte Produkt muss eine andere Farbe besitzen wie das 
Färbemittel selbst, so dass der Farbumschlag die Reduktion bestimmt anzeigt. 

Indem wir gleich die Hauptarbeit Unnas mit berücksichtigen, finden 
wir drei solcher Färbemiittel: 

1. Kaliumpermanganat; welches durch das Gewebe zu Mangansuper- 
oxyd reduziert wird. 

2. Ein Gemisch von Eisenchlorid und rotem Blutlaugensalz; hier wird 
durch die reduzierende Kraft des Gewebes das Ferricyankalium zu Ferrocyan- 
kalium umgewandelt, das mit dem Eisenchlorid Berlinerblau ergibt, durch 
welches die für die Reduktionswirkung des Gewebes bezeichnende Blau- 
färbung hervorgerufen wird. 

3. Tetranitrochrysophansäure, von Liebermann und Seidler 
dargestellt; dieselbe ist leicht reduzierbar, zeigt dabei einen charakteristischen 
Farbenumschlag und die Eigenschaft, dass das Reduktionsprodukt das 
Gewebe in charakteristischer Weise anfärbt“. Es wird in Chloroform gefärbt. 
Untersucht werden unfixierte, sowie mit Formalin und Alkohol fixierte 
Gefrierschnitte. Bei Fixierung werden die Bilder eher noch schärfer und 
besser, als bei Benutzung frischen Gewebes. Als geringe Differenzen, die 
aber nicht die Hauptpunkte und diametralen Gegensätze betreffen, sind zu 
nennen das Fehlen der Knäuelkörner im Manganbilde nach Alkoholfixierung 
und das scharfe Hervortreten der roten Blutkörperchen nach Formalinfixierung. 

Es erhebt sich die wichtige Frage, ob die erhaltenen Bilder nur die 
Reduktionskraft der einzelnen Gewebe und Zellen versinnbildlichen, oder ob 
etwa auch die Alkaleszenz und Azidität der Stoffe und der Umgebung von 
Einfluss auf die erhaltene Färbung ist. 

Beim Manganbilde ist dies nicht der Fall. Man kann das KMnÖ, 
mit Essigsäure ansäuern oder mit NH; alkalisch machen, ohne dass die 
Färbung sich wesentlich ändert. Vielleicht sind kleine Intensitätsunterschiede 
vorhanden, diese beziehen sich aber auf alle Elemente gleichmässig. 

Ganz anders liegen die Verhältnisse beim Eiseneyanbild. Säuern 
wir das Gemisch von Eisenchlorid und rotem Blutlaugensalz mit etwas 
konz. Salzsäure!) oder Essigsäure an, so erhalten wir beispielsweise in 
der Oberhaut eine vollkommene Inversion der Färbung. Die normalerweise 
blass gefärbte basale Hornschicht wird zum am meisten gefärbten Bestand- 
teil des Schnittes. 

Wir sehen an der Verschiedenartigkeit des normalen Eisencyanbildes, 
dass bei diesem ausser der Reduktionskraft ganz wesentlich auch die 
Alkaleszenz und die Acidität der Gewebe eine Rolle spielen. Die feinen 
Differenzen, die sich unter anscheinend gleichartigen Hornsubstanzen (basale 
Hornschicht und Wurzelscheide) ergaben, liessen erkennen, dass schon das 


!) Von mir gesperrt. 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte etc. 97 


blosse Zusammenwirken dieser zwei Faktoren (Reduktionsvermögen einerseits, 
Alkaleszenz resp. Acidität andererseits) den Gegenstand in vorher ungeahnter 
Weise kompliziert. 

Beim Nitrochrysophanbild tritt ein bedeutsamer Widerspruch dadurch 
zutage, dass eine Inversion der Wurzelscheide nach Unnas Ansicht durch 
Ansäuern der Farblösung nicht eintreten darf, es in der Tat aber doch in 
ganz prägnanter Weise tut. Da ich auf die diesbezügliche Hypothese 
Unnas nachher nicht zurückzukommen brauche, will ich diesen Wider- 
spruch nicht näher erörtern, sondern verweise nur auf die zitierte Abhandlung. 


Da die Eiseneyanbilder und Nitrochrysophanbilder, wie wir 
gleich sehen werden, für die Entscheidung der Frage, ob wir es 
mit Reduktionsorten zu tun haben, oder nicht, belanglos sind, 
kann ich hier auf eine Wiedergabe der erhaltenen Befunde ver- 
zichten. Hervorheben will ich nur, dass im Eiseneyanbilde die 
Kerne im oberen Drittel der Stachelschicht und in der Niere, 
wenn auch schwach, gefärbt sind. Wir haben es also im Eisen- 
eyanbilde nicht mit einer ausschliesslichen Protoplasmafärbung, 
sondern wenigstens stellenweise mit einer Protoplasma- und 
Kernfärbung zu tun. 


Das Manganbild der menschlichen Fußsohlenhaut stellt sich folgender- 
masser dar: Am tiefsten gebräunt ist die gesamte Oberhaut und in dieser 
wieder am stärksten die basale Hornschicht, etwas weniger die oberen 
Teile der Stachelschicht, während die an die Cutis grenzende basale Stachel- 
schicht (Keimschicht) nur sehr schwach gebräunt erscheint und wie ein 
lichter Saum das Deckepithel begrenzt. Innerhalb der gesamten Stachel- 
schicht sind die Kerne wie helle Lücken ausgespart. Die mittlere und 
obere Hornschicht sind weniger stark gebräunt, als die basale Hornschicht, 
doch an manchen Präparaten durchsetzt von vertikalen, dunkelbraunen 
Partien an Stelle der Wellentäler der Hornschicht. Die Gänge der Knäuel- 
drüsen zeigen im Kleinen dasselbe Bild, wie das Deckepithel, d. h. die der 
Cutis zunächst liegenden basalen Ganglienzellen sind nur gelb gefärbt, 
die inneren, an die Cutieula angrenzenden dunkler und die Cuticula selbst 
ist so stark gebräunt wie die basale Hornschicht und daher im Bilde 
auffallend hervortretend.. Die Knäueldrüsen stechen von den Ausführungs 
gängen durch ihre schwache Färbung ab. Nur finden sich hier und da 
dunkelbraune Körnchen eingesprengt. Sowohl in den Knäueln wie in den 
Gängen sind alle Kerne ungefärbt, was natürlich in den Gängen durch den 
Kontrast auffallender zutage tritt als in den Knäueln. In der Cutis ist das 
Kollagen nur schwach gelblich gefärbt, ebenso das feine Elastin der oberen 
Cutispartien; die dickeren elastischen Fasern der tiefen Cutis und Subeutis 
treten dagegen etwas stärker gefärbt hervor, ebenso die markhaltigen Nerven. 
Alle Muskelfasern dagegen, sowohl die der Arterien und Venen wie die 
der Wandungen der Knäueldrüsen, sind stark gebräunt wie das Protoplasma. 
Das Fett der Fettzellen ist farblos. 

Archiv f. mikr. Anat. Bd.8S4. Abt.I. 7 


98 F. W. Oelze: 


Die menschliche Kopfhaut zeigt folgendes Bild: Die Hauptreduktionsorte 
sind die Stachelschicht und Wurzelscheide der Haare. Alle Kerne stellen 
sich als farblose Lücken dar. Neben den Knäuelgängen mit ihrer dunkeln 
Cutikula und den glatten Muskeln sind hier noch die Talgdrüsenepithelien 
ziemlich stark gebräunt mit Aussparung des ungefärbten Talgfettes. Das 
subeutane Fett ist farblos. 

Unna zieht nun aus den erhaltenen Färbungen folgende Schlüsse: 
Das wichtigste Resultat in mikrochemischer Beziehung, welches die sämt- 
lichen Reduktionsfärbungen ergeben haben, ist das hervorragende 
Reduktionsvermögen aller protoplasmatischen Elemente 
der Haut. Alle Zelleiber, sowohl der Bindegewebszellen wie der Knäuel- 
und Talgdrüsen, am meisten aber die voluminösen Zelleiber der Stachel- 
schicht, sowohl des Deckepithels wie der Haarbälge, reduzieren in hervor- 
ragendem Maße. An dieses Zellprotoplasma schliesst sich als nahezu gleich- 
wertig die Muskelsubstanz an. 

Dadurch tritt das Zellprotoplasma einerseits in einen Gegensatz zu 
den Intercellularsubstanzen, dem Kollagen und Elastin, andererseits in einen 
noch schärferen Gegensatz zur Kernsubstanz. Besonders die letztere 
Substanz ist neu und wichtig. Man nannte wohl bisher gewisse saure 
Färbungen, wie die mit Eosin, van Giesons Gemisch: Protoplasmafärbungen 
Doch waren sie es nicht in dem elektiven Sinne, dass die Kerne dabei ganz 
ungefärbt (als helle Kreise) hervortraten. Das kam daher, weil bestimmte 
Teile der Kernsubstanz (Kernsaft) auch saure Farben annehmen. Die 
veduktionsfärbungen sind aber solche echte, elektiv wirkende Protoplasma- 
färbungen, da die Kernbestandteile, wie es scheint, alle nicht zu reduzieren 
vermögen. 

Die Reduktionsfärbungen lassen also erkennen, dass — allgemein 
gesagt — zwei Orte im tierischen Gewebe vorhanden sind, welche das bisher 
demselben allgemein zugeschriebene Reduktionsvermögen nicht besitzen, 
die Kerne und das Fett. Diese Tatsache lässt von vornherein zwei 
verschiedene Deutungen zu, und daher brauchte die Ursache der Reduktions- 
unfähigkeit bei beiden Gewebselementen, den Kernen und dem Fett, auch 
nicht einmal dieselbe zu sein. Man kann entweder annehmen, dass diese 
Orte mit Sauerstoff nur gesättigt und daher nicht in der Lage sind, den 
Reaktionsflüssigkeiten Sauerstoff zu entziehen. Man kann aber auch die 
Hypothese‘ aufstellen, dass diese Orte ausserdem selbst Sauerstoff abgeben, 
sei es, dass sie aktiven Sauerstoff besitzen (Peroxyde) oder Sauerstoff zu 
aktivieren vermögen (Peroxydasen). 

Hier dürfte ich wohl auch auf den Unterschied zwischen Färbung 
und Fixierung verweisen. 


III. Berechtigen die erhaltenen Färbungen zu der An- 
nahme, dass nur das Protoplasma, im Gegensatz zum 
Kern, als Reduktionsort wirkt? Kritik der Methoden. 


Eine kritische Betrachtung der drei Methoden ist insofern 
sehr vereinfacht, als zwei derselben selbst von ihrem Urheber 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte etc. 39 


nicht für einwandfrei gehalten werden. Wir haben oben bereits 
gesehen, dass die Eisencyanfärbung stellenweise nach Unna die 
Kerne färbt, also gerade das (regenteil von dem beweist, was zu 
beweisen von Unna gewünscht wird. Der grosse Einfluss von 
Basizität und Acidität war auch von Unna selbst schon unter- 
sucht worden. Auch bei der Nitrochrysophanfärbung hatten wir 
Widersprüche kennen gelernt und besonders bemerkenswert ist 
noch der Einfluss der Alkalität auf die Färbung. L. Golodetz 
bespricht in dem Abschnitt „Die oxydierenden und reduzierenden 
Eigenschaften unserer mikroskopischen Reagenzien“, in dem 
Buche „Die Bedeutung des Sauerstoffs in der Färberei“ (25) diese 
beiden Färbungen folgendermassen: Ausgeschlossen für die Unter- 
suchung mit der Eiseneyanmischung sind stark basische und stark 
saure Stoffe, die auf das eventuell sich bildende Berlinerblau zer- 
setzend einwirken können (Bildung von Eisenhydroxyd bei Alkali 
und von ungefärbten Eisensalzen bei Säuren) und die Färbung 
auch dann verhindern, wenn eine Reduktion stattgefunden hat. 
Ausgeschlossen von der Prüfung mit Chrysophangelb sind basische 
Stoffe, weil hierbei auch ohne Reduktion ein Umschlag in Rot statt- 
findet, indem das Salz der Säure ebenfalls eine rote Farbe besitzt. 
Die Anwendung des Chrysophangelbs ist also im Gegensatz zu der 
Eiseneyanmischung auf die Untersuchung von neutralen und sauren 
Stoffen beschränkt. Hierzu möchte ich bemerken, dass auch saure 
Stoffe im Eisenceyanbilde keine reine Reduktionsfärbung ergeben. 

Unna selbst bespricht übrigens auch in seiner Hauptarbeit 
in diesem Archiv die Bedenklichkeit der beiden Färbungen. 
Wenn wir die Reduktionsfärbungen an frischen Hautschnitten 
kurz zusammenfassen wollen, sagt Unna, so müssen wir beachten, 
dass von den drei benutzten Methoden nur das Manganbild ein 
reines, unbeeinflusstes Reduktionsbild genannt zu werden verdient, 
da bei ihm die mehr saure oder alkalische Beschaffenheit der 
Gewebselemente ohne Einfluss auf die Tiefe der Färbung ist. 
Sowohl das Eisencyanbild wie das Nitrochrysophanbild sind solchen 
Einflüssen unterworfen und so lehrreich sie im einzelnen sein 
mögen, für die reine Darstellung der Reduktionsorte kommen 
nur die allen drei Bildern gemeinsamen Färbungs- 
resultate in Betracht und bei einer Divergenz der 
Bilder haben wir uns bis auf weiteresan das 
Manganbild zu halten. 


7* 


100 F. W. Oelze: 


Somit gibt Unna selbst zu, dass nur eine -seiner drei 
Färbungen, und zwar die mit Kaliumpermanganat, wirklich ein- 
wandfrei ist. Es könnte wohl die Frage aufgeworfen werden, 
warum denn überhaupt diese beiden Verfahren, die, wie auch aus 
der Arbeit von Unna und Golodetz aus dem Jahre 1909 er- 
sichtlich ist, den Gegenstand durch Aufzeigung ganz anderer 
Eigenschaften, als der in Frage kommenden „in vorher ungeahnter 
Weise komplizieren“, in einer Abhandlung über Reduktionsorte 
nicht mit Stillschweigen übergangen worden sind ? 

Wir kommen nun zu der einzigen Methode, die für die 
Entscheidung der Frage, ob ein Gewebselement ein Reduktionsort 
ist oder nicht, von Belang ist, nämlich zu der Färbung mit über- 
mangansaurem Kali. 

Kaliumpermanganat wird in der mikroskopischen Technik 
seit langem angewandt (17). Es ist eins unserer kräftigsten 
Oxydationsmittel, von ihm wird beispielsweise Oxalsäure zu 
Kohlendioxyd, die meisten organischen Stoffe zu Kohlensäure und 
Wasser oxydiert. Setzen wir eine (refrierschnitte eines Organes 
der Wirkung dieses starkwirkenden Oxydationsmittels aus, so ist 
es leicht erklärlich, dass durch diese höchst energische Wirkung 
alles im Gewebe oxydiert wird, was überhaupt nur zu oxydieren 
ist. Nun ist aber bei der Entscheidung dieser Unnaschen 
Methode vor allem der physiologische Gesichtspunkt massgebend. 

Ehrlich (2) nimmt für die Sauerstoffaffinität (des Proto- 
plasmas) drei Zonen an. Indem ich mich Ehrlich anschliesse, 
möchte ich für die Reduktionsorte im Gewebe auch diese drei 
Zonen ober Phasen annehmen, ausserdem aber noch eine vierte 
hinzufügen. Indem ich mich für einen Augenblick auf den 
Standpunkt Unnas begebe, der das Protoplasma als „nur-redu- 
zierende“ Substanz auffasst, liessen sich diese Phasen vielleicht 
folgendermassen formulieren: Die erste Phase reduziert im 
normalen Verlaufe der Tätigkeit nicht, erst im Notfall tritt sie 
in Aktion und vermag so die Zelle auch in diesem Falle, 
wenigstens eine Zeitlang, noch am Leben zu erhalten; die Zelle 
wird so in den Stand gesetzt, nicht allzu lange andauernde 
Störungen zu überwinden, denen sie sonst erliegen müsste. Die 
zweite Phase stellt denjenigen Reduktionsort dar, welcher im 
normalen Leben der einzige funktionierende ist. Die dritte 
Phase hat ein normalerweise nie befriedigtes Reduktionsbedürfnis, 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte etc. 101 


sie übt also eine kontinuierliche Zugkraft aus, und erhält so den 
ganzen Mechanismus im Gange; ihre Sättigung stellt eine schwere 
Gefahr für den Organismus dar. Als vierte Phase bezeichne 
ich diejenige, die zwar auch Reduktionswirkungen auszuüben 
vermag, oder mit anderen Worten, die auch oxydiert werden 
kann, die aber mit der Physiologie der reinen Oxydierung und 
Reduzierung nichts zu tun hat. Man kann hier auf die äusserst 
mannigfaltigen Vorgänge verweisen, die sich im Organismus ab- 
spielen, wie etwa Auf- und Abbau der Zeilsubstanzen und 
Nahrungsstoffe, Produktion von Sekreten und Exkreten usf., die 
aber mit dem Gaswechsel bei der Gewebeatmung nicht in direktem 
Zusammenhange stehen. 

Für den normalen Verlauf von Oxydation und Reduktion 
ist diese vierte Phase also ohne Bedeutung, da diese durch jene 
nicht direkt tangiert wird. Ich schliesse mich also für den nor- 
malen Verlauf dieser Reaktionen vollkommen Ehrlich an, welcher 
schreibt, „dass das funktionierende Protoplasma gleichsam ein 
Janusgesicht besitzen muss, indem es einerseits durch Vermittlung 
seiner sauerstoffgesättigten Orte bestimmte Verbindungen oxydieren 
und andere Verbindungen mit Hilfe der ungesättigten Gruppen 
reduzieren kann“. 

Von Wichtigkeit wird diese vierte Phase aber sofort, wenn 
wir die vitale Methodik Ehrlichs verlassen, und uns dem mit 
Wasser ab-, bezw. ausgespülten Gefrierschnitte Unnas zuwenden. 
Hier liegen die Verhältnisse doch wohl so, dass durch das äusserst 
energische Kaliumpermanganat alles oxydiert wird, was sich über- 
haupt oxydieren lässt. Durch diese brutale Oxydation wird zweifellos 
auch meine vierte Phase oxydiert und damit als Reduktionsort 
gekennzeichnet, genau wie die anderen drei Phasen auch. Es liegt 
auf der Hand, dass ein solches Bild uns über den normalen Verlauf 
der Reduktion im Gewebe keine einwandfreie Vorstellung vermitteln 
kann. Aus diesem Grunde erscheint mir auch diese letzte der 
Methoden Unnas schweren prinzipiellen Bedenken zu unterliegen. 

Ich brauche aber gar nicht näher auf diese Anschauungen 
einzugehen, da ich gleich zeigen werde, dass überhaupt die ganze 
Auffassung Unnas über das Protoplasma als einseitigen und 
alleinigen Reduktionsort nicht haltbar ist. 

Betrachtet man einige nach Unnas Vorschrift hergestellte, 
mit Kaliumpermanganat gefärbte, unfixierte Gefrierschnitte, so 


102 F. W. Oelze: 


wird man im allgemeinen eine absolute Nichtgefärbtheit der 
Kerne nicht feststellen können. Ich habe mich mit Vorliebe 
Schnitten durch Schnauzen (von Ratten) bedient, einmal, da die- 
selben sich unfixiert auf dem Gefriermikrotom recht gut schneiden 
lassen, und andererseits, weil eine solche Schnitte in sich eine 
reichhaltige Fülle der verschiedensten Gewebe enthält. Da auch 
Unna dieses Objekt benutzt hat, liessen sich ohne weiteres Ver- 
gleiche ziehen. Im Muskelgewebe wie auch im Bindegewebe habe 
ich nun das Fehlen von Kernen nicht daraus entnehmen können, 
dass an ihrer Stelle im (Gewebe farblose, helle Punkte lagen. 
Diese Gewebe bieten vielmehr durchaus das Bild 
einer gleichmässigen, also Kern- und Protoplasma- 
färbung dar. 

Unna selbst legt besonderen Wert darauf, dass in der 
Stachelschicht (der Haut), „je tiefer dieselbe gefärbt ist, die 
ungefärbten Kerne darin um so auffallender als runde Lücken 
erscheinen“. Auf der beigegebenen Farbentafel ist eine solche 
Schnitte dargestellt. Aus Fig. 5 dieser Tafel (die das frag- 
liche Bild darstellt) ist nun mit grosser Klarheit und 
völliger Sicherheit zu entnehmen, dass die Kerne 
schön gelb gefärbt sind. Da nun alles, was sich im 
Manganbilde gelb färbt, nach Unna als Reduktions- 
ort angesprochen werden muss, so folgt hier aus 
Unnas eigener Figur mit zwingender Logik, dass die 
Kerne Reduktionsorte sind! 

Ich lege Wert darauf, festzustellen, dass auf derselben Tafel 
alle anderen Gewebsteile und Gewebe, die nach Unna keine 
Reduktionsorte sind, in der richtigen weissen Farbe 
gehalten sind, so, um nur ein Beispiel zu geben, in Fig. 13 die 
basale Hornschicht. 

Ausdrücklich hebe ich hervor, dass ich nicht etwa annehme, 
dass die Kerne ebenso starke oder gar stärkere Reduktionswirkung 
erkennen lassen, wie das Protoplasma. Es kommt mir nur darauf 
an, zu zeigen, dass die die Reduktionswirkung verratende Mangan- 
färbung der Kerne überhaupt vorhanden ist und nicht etwa den 
Wert Null annimmt. 

Die Unnasche Hypothese der Lokalisation der Reduktions- 
orte und Sauerstofforte ist aber durchaus eine exklusive, sie 
beruht und steht und fällt auf und mit der Annahme, dass das 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte ete. 105 


Protoplasma nur Reduktionsort und der Kern nur Sauerstoff- 
ort sei. 

Es könnte vielleicht der Einwand erhoben werden, dass die 
Kerne doch ungefärbt seien und nur durch das über und unter 
ihnen liegende Protoplasma, welches ja gefärbt ist, gleichfalls 
gefärbt erschienen. Dieser Einwand ist aber nicht stichhaltig, 
einmal spricht Unna ausdrücklich von ungefärbten Kernen 
und zweitens würde etwa durch die Unmöglichkeit, mit dem Ge- 
friermikrotom genügend dünne Schnitten von unfixiertem Materiale 
zu erhalten, nur von neuem die Unfähigkeit der Methode, brauch- 
bare Unterlagen für wichtigste Schlussfolgerungen zu geben, in 
helles Licht gesetzt werden. 


IV. Unnas und Golodetz’ Färbungen der Sauerstoff- 
orte mit Rongalitweiss I und II. 


Unna und Golodetz (14) empfahlen im Jahre 1910 als Reagens 
auf Oxydation der Haut das „Rongalitweiss“. Methylenblau wird zur Leuko- 
base reduziert und zwar mittels „Rongalit“, einem in der technischen Färberei 
gebräuchlichen Ätzmittel, das aus einer Verbindung von Formaldehyd mit 
dem Natriumsalz der Formaldehydsulfoxylsäure besteht. Rongalit reduziert 
zunächst nur in der Wärme, durch Ansäuern der Farblösung geht nach 
Unna und Golodetz die Reduktion der Farblösung bereits in der Kälte 
vor sich. Die Darstellung geschieht folgendermassen: 1 g Methylenblau wird 
in Wasser gelöst, zu der Lösung etwa 2 & Rongalit zugesetzt und das 
Ganze aufgekocht. Nach kurzer Zeit wird die Flüssigkeit unter Abscheidung 
von Schwefel entfärbt. Nach dem Filtrieren resultiert eine schwach gelbe 
Lösung, die sauer reagiert und an der Luft sich nicht bläut. Selbstverständlich 
hat das Methylenweiss das Bestreben, sich an der Luft zu oxydieren, aber 
das überschüssige Rongalit verhindert jede Oxydation durch den Luftsauer- 
stoff. Kommt aber ein genügend starkes Oxydationsmittel (H2O:, Eisen- 
chlorid, Ferrieyankalium) hinzu, so wird der Einfluss des Rongalits über- 
wunden und es findet eine rasche Oxydation statt. 

Alkalien bewirken ebenfalls eine Bläuung, aber (wie es scheint) nicht 
direkt, sondern indirekt. Wir haben nämlich in der Lösung neben dem 
Methylenweiss die freie Formaldehydsulfoxylsäure, denn die gebildete Ameisen- 
säure oder H>OSı bindet einen Teil des Natriums des Rongalits und macht 
etwas Säure frei. Diese stark reduzierende Säure vermag schon in der Kälte 
der Oxydation seitens der Luft das Gegengewicht zu halten, da, wie gesagt, 
die Reduktion durch Rongalit bei Gegenwart von Säuren schon in der Kälte 
vor sich geht. Wenn aber Alkali hinzu kommt und diese Säure bindet, so 
kann der Luftsauerstoff ungehindert seine oxydierende Wirkung entfalten. 
In der Tat beginnt die Bläuung durch Alkalizusatz immer von der freien, 
der Luft ausgesetzten Oberfläche her und verstärkt sich an dieser ganz 
langsam. Also auch hier hat man darauf zu achten, ob die zu prüfende 


104 F. W. Oelze: 


Substanz sauer oder alkalisch ist, da in letzterem Fall möglicherweise eine 
Oxydation seitens der Luft vor sich geht. Ein Zusatz von Säure zum 
Reagens verhindert auch hier die störende Wirkung des Alkalis. 

In seiner Hauptarbeit in diesem Archiv, Festschrift für Wilhelm 
Waldeyer, bespricht Unna den Einfluss verschiedener Fixierungsmethoden. 
Da ich Sauerstoffärbungen an fixiertem Materiale wegen unserer zu geringen 
Kenntnis der hierbei stattgefundenen Vorgänge für nicht diskutabel halte 
und in ihnen nur eine weitere Komplikation der hier interessierenden Fragen 
erblicke, habe ich nur an unfixiertem Material gearbeitet, und da ich unten 
nicht auf Färbungen an fixiertem Material zurückkomme, kann ich mich 
wohl damit begnügen, darauf hinzuweisen, dass nach Fixierung mit Alkohol, 
Einbettung mit Gummischleim, Fixierung mit Formalin eine umfassende 
Verschiebung bezw. Vernichtung der Unnaschen Sauerstofforte stattfindet. 

Wichtig ist der Einfluss des Kochens auf die nachherige Rongalitweiss- 
Färbung. Keinesfalls zerstört dasselbe die Kernfärbung durchweg, aber doch 
an einzelnen Stellen (Knorpel, Muskel. An anderen Orten machen sich, 
offenbar durch partielle Abschwächung, regionäre Verschiedenheiten in der 
Stärke der Kernfärbung geltend (Leber, Niere). In letzteren Organen treten 
sogar beim Kochen besonders stark sauerstoffhaltige Tröpfehen oder Körnchen 
durch Kontrast besser hervor. Das Fett zeigt stellenweise eine leichte Färbung. 

Wie geht nun nach Unna eine Rongalitweiss-Färbung vor 
sich? „In der gelblich gefärbten Flüssigkeit findet 
zunächst noch keine Bläuung der Schnitte statt, da 
die Anwesenheit von Rongalit dieselbe verhindert. 
Bringt man aber so behandelte Schnitte in Wasser 
und sorgt durch rasche Bewegung für eine schnelle 
Auswaschung desRongalits, so wird dem Gewebe die 
Möglichkeit geboten, sein Oxydationsvermögen zu 
entfalten. Es bläuen sich daher nun alle Gewebs- 
elemente, welche eine Oxydation bewirken können.“ 

Auch in einer anderen Arbeit sprechen sich Unna und 
(olodetz ähnlich aus (21): Man braucht nur Gefrierschnitte von 
einer in Formalin fixierten Fußsohle anzufertigen und diese auf 
2 bis 5 Minuten in ein Schälchen mit Rongalitweiss zu legen. 
Sie färben sich in demselben nicht,!) da noch Rongalit 
zugegen ist, spült man aber die Schnitte mit Wasser ab, so be- 
ginnt sofort die Blaufärbung etc. 

Auch Leistikow (20) und P. Unna jun. (16) fassen den 
Vorgang in der gleichen Weise wie P.G. Unna auf. 

Auf diesen Umstand, dass die Schnitten nach über- 
einstimmenden Angaben von P.G. Unna, L. Golodetz, 


!, Von mir gesperrt. Leukomethylenblau ist ein Autoxydator! 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte etc. 105 


P. Unna jun. und L. Leistikow sich im Rongalitweiss 
nicht färben, möchte ich die besondere Aufmerk- 
samkeit lenken. 

Es erhebt sich nun die Frage, ob der zur Regeneration des Methylen- 
blaues nötige Sauerstoff von den Sauerstofforten der Schnitten direkt geliefert 
wird, oder ob diese etwa nur den Sauerstoff des Wassers, der Luft oder auch 
von Oxydationsmitteln übertragen. Unna spricht sich hierüber wie folgt aus: 
„Eine andere Unklarkeit, welche der empirischbewährten Methode!) 
anhaftet, betrifft die allmähliche Entwicklung der Blaufärbung in Wasser. 
Wir haben bisher angenommen, dass im Wasser das Rongalit aus dem Schnitte 
ausgespült und dadurch allein schon die Oxydation des imbibierten Leuko- 
methylenblaues des Schnittes ermöglicht wird. Eine andere Auffassung der 
Rolle des Wassers hierbei ist aber von vornherein ebenfalls möglich, nämlich 
die, dass erst der im Wasser gelöste Sauerstoff die Bläuung verursacht. 
während nach jener Auffassung die Sauerstofforte des Gewebes sich färben 
würden, sowie ihnen nur das überschüssige Rongalit entzogen wird, be- 
dürften sie nach dieser Auffassung dazu noch des von aussen an sie heran- 
gebrachten molekularen Sauerstoffes. In jenem Falle wären die Sauerstofforte 
selbst, selbst Quellen der Sauerstoffabgabe, in diesen nur die Überträger 
des Luftsauerstoffes. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Möglich- 
keiten ist einfach. Man hat nur nötig, den Luftsauerstoff von dem von 
Rongalit befreiten Schnitte fernzuhalten. Hierbei zeigt sich, dass in diesem 
Falle der Schnitt ungefärbt bleibt. Hieraus geht mit voller Sicherheit 
hervor, dass die Bläuung des von Rongalit befreiten Schnittes unter Mit- 
wirkung des Luftsauerstoffes vor sich geht und dass die Bläuung im (schwach 
kalkhaltigen) Leitungswasser, wie ich sie in der Praxis vornahm, nur des- 
halb gut ist, weil daselbst der im Wasser gelöste Luftsauerstoff und die 
schwache Alkaleszenz zusammenwirken. Da bei dieser Entwicklung in 
Leitungswasser mithin schon zwei unbestimmte Faktoren mitwirken, von 
denen nur einer notwendig ist, so ziehe ich es vor, die gut von Rongalit 
befreiten Schnitte einfach auf dem Objektträger feucht der Luft auszusetzen, 
bis die Bläuung vollendet ist.“ 

Mit ein paar Worten müssen wir noch auf die Veränderungen der 
resultierenden Färbung der Unnaschen Sauerstofforte eingehen, welche man 
erhält, wenn die Zusammensetzung des Rongalitweisses etwas geändert wird. 

„Wenn man einen Teil Methylenblau mit zwei Teilen Rongalit und 
fünfzig Teilen Wasser kocht, so wird das Gemisch entfärbt, während gleich- 
zeitig ein Teil des Leukomethylenblaues noch ungelöst zurückbleibt. Das 
klare Filtrat dieser trüben Mischung will ich RW nennen. 

Setzt man derselben Mischung einige Tropfen Salzsäure zu (bisherige 
Mischung), so wird schon bei mässigem Erhitzen das Methylenblau entfärbt 
und es entsteht direkt eine klare Lösung, die ich RW + HCl nennen will. 

Diese saure Lösung gibt natürlich auf Zusatz einer entsprechenden 
Menge Natronlauge (1°/o) wiederum eine Fällung. Man kann bei vorsichtigem 
Zusatz des Alkalis den Punkt erreichen, wo eben eine Fällung beginnt. 


!) Von mir gesperrt. 


106 F. W. Oelze: 


Wenn man jetzt filtriert, so erhält man eine neutralisierte Lösung, 
welche ich im folgenden RW neutral nennen will.“ 

Von den an verschiedenen Organen mit diesen drei Lösungen erhaltenen 
Färbungen will ich nur zwei hier wiedergeben. 

A. Mensch. Haut aus der Umgebung eines Lippencareinoms. Sofort 
nach der Exstirpation untersucht. Einige Minuten in Aqua destillata, Ge- 
frierschnitte in: 


RW |RW- HC | RW neutral 


( des Deckepithels il 2 al 
Kerne | der Stachelschicht der 
ı Lanugohaare il 6) 1! 
IM 
( des Deckepithels | 1 2 
Plan der Stachelschicht 
De \ der Lanugohaare| 2 1 2 
{ der Bindegewebsz. | 1 0 
| Protoplasma 3 1 0 
Mastzellen 2 Granula >. D) 
| Kerne _ ar 0 
Su “..n | Protoplasma 2 il 2 
Knäueldrüsen \ RR 9 9 1 
( Protoplasma 2 1 2 
ledrü 3 | 
Talgdzüsen ı Fett IA) 0 Fett blaurot 
( Huxleys Scheide — _- 2 
sr ; Henles Scheide —_ | _ | 0 
I 
dunkelblaue 
subkut: (0) 
Subkutanfett 0 | Kristalle 
Muskeln 0 0 | 0 


Die Zahlen bedeuten: O0 keine Bläuung. Die Stärke der Bläuung wird 
durch !/s, 1, 1'/e, 2 und 3 wiedergegeben. Das Zeichen — bedeutet: in den 
Notizen nicht vermerkt. 

Schon aus den ersten beiden horizontalen Rubriken (Kerne, Protoplasma) 
geht in evidenter Weise hervor, dass die Kerne sich am besten mit 
RW -- HCl, das Protoplasma im Gegensatz hierzu besser mit RW und 
RW neutral färbt. Bei den Mastzellen tritt ebenfalls ein Unterschied der 
Lösungen auf, indem die Granula nur mit RW neutral gut gefärbt werden, 
während das Protoplasma am besten bei RW zur Geltung kommt. Ob in 
letzteren Fällen die Granula und Kerne gefärbt sind, kann man wegen der 
verdeckenden Färbung nicht unterscheiden. 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte etc. 107 


B. Katze. Schnauze. Sofort nach dem Tode einige Minuten in 
Aqua destillata. Gefrierschnitte in: 


RW RW — HCl RW neutral 

| Epithel 0 1 1 

Kerne ! Haarbalg 0 1 0 
j 2 

( Sinus 1 2 il 

Protoplasma des Deckepithels 1 1 1 

(| Granula 1 | 0 2 

zellen | Protoplasma 1 | 2 2 

{ii 

Mastzellen der Sinushaare — — 3 

Nerven der Sinushaare 1 (0) 3 

Grosse Nerven der Subkutis 1 (0) 1 

2 einzelne 
it Fettzellen 0 : 
Wurzelscheide der Sinushaare — — 3 


In dieser Tabelle ist die starke Färbung einzelner Bestandteile der 
Sinushaare bemerkenswert (Mastzellen, Nerven, Wurzelscheide), eine Be- 
vorzugung, die übrigens den ganzen Sinushaaren zukommt 
und offenbar aufihren starken Blutgehalt zurückzuführen 
ist.!) Die Mastzellen sind mit RW neutral am besten gefärbt. 

Ich weise auf diesen von Unna selbst konstatierten 
Einfluss des Blutgehaltes und auf das Fehlen von 


Angaben über die Färbung von Muskeln besonders hin. 

Die Resultate, die Unna an Gefrierschnitten verschiedener Organe 
erzielt hat, wollen wir der Kürze wegen nur in zwei Beispielen anführen. 
Lunge des Kaninchens: Sämtliche Kerne sind gebläut, diejenigen des 
Alveolargewebes und peribranchialen Bindegewebes nur schwach, die des 
Bronchialbaumes dagegen bedeutend stärker. Auch die die Bronchien um- 
‘gebenden Schleimdrüsenzellen und Knorpelinseln zeichnen sich durch tiefe 
Bläuung aus. In den dunkelblauvioletten Knorpelinseln sind besonders die 
Kerne und die Knorpelgrundsubstanz gefärbt, das Zellprotoplasma dagegen 
fast farblos. Bauchmuskel des Kaninchens: Muskelfasern absolut 


!) Von mir gesperrt. 


105 F. W. Oelze: 


farblos. Kerne schwach gebläut. Von der Leiche eines alten 
Mannes, Kopfhaut: Vollkommen gleichmässige Kernfärbung aller 
Epithelien und Bindegewebszellen. Auch das Protoplasma der Stachelzellen, 
besonders der basalen, sowohl des Deckepithels wie der Haarbälge, Talg- 
drüsen und Knäueldrüsen ist blau gefärbt. Die älteren Stachelzellen, Horn- 
schicht, Haar und Wurzelscheide, Kollagen und Elastin sowie die Fettzellen 
sind ungefärbt. Die schrägen Hautmuskeln (Arrektoren) sind ungebläut, 
die subcutanen Muskeln dagegen schwach gebläut, während die Kerne der- 
selben gut gefärbt sind. Fußsohle: Die Stachelschicht der Oberhaut 
zeigt eine gute Kernfärbung und eine schwache Protoplasmafärbung der 
basalen Zellen. An den Knäueldrüsen sind die Kerne nur schwach, das 
Protoplasma dagegen stärker gefärbt, die Muskelmembran ist ganz ungefärbt. 
Viel stärker sind die Kerne der Knäuelgänge gebläut und auch ihr Proto- 
plasma zeigt eine gute Blaufärbung. Kollagen, Fett und Hornsubstanz sind 
farblos. Die stärkste Bläuung haftet, wie schon eine schwache Vergrösserung 
zeigt, an den Knäuelgängen. 

Bei späteren Wiederholungen der Färbungen an den gleichen 
Organen stellen sich nur „unbedeutende Differenzen“ heraus. Bei 
einem Kaninchen war sogar in der Haut des Ohres 
die Kerfnfärbung nicht oder nur unwesentlich 
stärker als die Protoplasmafärbung!), während sonst 
in allen Fällen die Kernfärbung weit überwog. Endlich war eine 
Differenz in der Bläuung der Muskelsubstanz wahrzunehmen, in- 
dem die Körpermuskeln und Arrektoren sich gar nicht, dagegen 
die subeutanen Muskeln des Kopfes beim Menschen und der 
Schnauze beim Kaninchen ganz schwach bläuten. 

Als Hauptresultat dieser Versuche ist zu bezeichnen, dass 
wirklich zwischen den beiden im allgemeinen nicht reduzierenden 
Elementen der Gewebe, den Kernen und dem Fett, der Unterschied 
besteht, dass die Kerne sich mit RW stets bläuen, das Fett nicht. 
Hiernach ist das Fett nur sauerstoffgesättigt, die Kerne sind 
dagegenimstande zu oxydieren. Die Muskelnsindim 
allgemeinen ungefärbt, nur selten sehrschwach ge- 
färbt. Einige Gewebe sind sowohl Reduktionsorte wie Sauer- 
stofforte, so das Bronchialepithel, das Leberparenchym, einzelne 
(ranglien u. a. m. 

Das Hauptresultat aller vorhergehenden Untersuchungen läuft 
also schliesslich auf den einfachen Satz hinaus, welchen die in 
der Einleitung erwähnte Beobachtung bereits ahnen liess: Die 
Hauptsauerstofforte des tierischen Gewebes sind die Kerne. 


!) Von mir gesperrt. 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte ete. 109 


An die Kerne schliessen sich im allgemeinen als weitere Sauerstofforte 
an: für das Bindegewebe die Mastzellen, für die Drüsenepithelien 
gewisse Granula, so die der Leberzellen und der Speichel- und Tränendrüsen, 
für das Zentralnervensystem das Protoplasma der Ganglienzellen und 
schliesslich als sekundärer, durch die Kernnähe beeinflusster Sauerstoffort : 
das Protoplasma aller basalen Epithelien, der Ausführungs- 
gangsepithelien und des gesamten Bronchialepithels. Ferner 
sind die sauerstoffhaltigen Granula in den Leukozyten des Blutes, der 
Milz und des Knochenmarks Sauerstofforte. 

Jedenfalls werden sowohl von P. G. Unna wie von allen 
mit seiner Methode Arbeitenden die Kerne als die Hauptsauer- 
stofforte bezeichnet, was ich hiermit besonders hervorgehoben 


haben möchte. 


V. Berechtigen die erhaltenen Färbungen zu der 
Annahme, dass nur die Kerne, nicht aber auch das 
Protoplasma im allgemeinen Sauerstofforte sind? 
Kritik der Methode. Färbungen mit Natriumhydro- 
sulfit - Leuko - Methylenblau und Leuko - Nigrosin. 
Primäre und sekundäre Sauerstoffärbung. Oxydasen- 
und katalasenfreie Stoffe, als Sauerstofforte im 
Sinne Unnas. 


Ehe ich in eine kritische Besprechung der Rongalitweiss- 
färbung als Methode zur Darstellung der Sauerstofforte eintrete, 
möchte ich erwähnen, dass die Rongalitweissfärbung für allgemeine 
histologische Zwecke unter Umständen mit Vorteil zu verwenden 
ist. So habe ich mit ihr in der Mesoglöa der Aktinien eine 
bisher unbekannte, weitgehende Differenzierung darstellen können, 
über die ich, zusammen mit dem eigenartigen Verhalten der 
Mesoglöa im polarisierten Licht, an anderer Stelle berichten werde. 

Das Rongalitweiss wird in zwei Modifikationen in den Handel 
gebracht (von Dr. Grübler). Einmal als Rongalitweiss I als 
Leukobase des Methylenblaues, und zweitens, wie ich aus einer 
liebenswürdigen Mitteilung von Herrn Dr. Hollborn in Leipzig 
erfahren habe, als Rongalitweiss II als Leukobase des „Blau 1900* 
von Unna. Beide Leukobasen sind mit Rongalit hergestellt. 

Zunächst werden wir untersuchen, ob die Färbung mit 
Rongalitweiss wirklich nur eine reine Kernfärbung liefert (abge- 
sehen von den von Unna selbst erwähnten Ausnahmen), und ob 
der Muskel sich durch fehlende Färbung als Reduktionsort dar- 


110 F. W. Oelze: 


stellt. Eine nach Unnas Vorschrift hergestellte Schnitte durch 
die Schnauze der Ratte liefert nun Bilder, die beiden Annahmen 
widersprechen. Ich habe in Fig. 1 eine mit Hämatein-van 
Gieson gefärbte und in Fig. 2 eine mit Rongalitweiss II ge- 
färbte Gefrierschnitte abgebildet. Während auf Schnitte 1 Binde- 
gewebe und Muskulatur ungefähr in derselben Intensität gefärbt 
erscheinen, ist auf der Rongalitweißschnitte ein ausserordentlicher 
Unterschied zu konstatieren. Das Bindegewebe ist fast farblos, 
die Muskulatur dagegen tief gefärbt und, wie aus dem Bilde er- 
sichtlich. überhaupt der hervorragendste Sauerstoffort des Gewebes. 
Nach Unna ist aber die Muskulatur „im allgemeinen ungefärbt, 
nur selten sehr schwach gefärbt“. Diesen Befund von der starken 
Färbung der mimischen Muskulatur habe ich gleichmässig an 
über hundert Präparaten erhalten ; irgendein pathologischer Zustand 
der betreffenden Oberlippen ist ausgeschlossen. Ich habe dann 
gleich noch die Extremitätenmuskulatur von der Ratte und dem 
Flusskrebs untersucht. Beidemale mit dem gleichen Erfolge, dass 
der Muskel auf Grund seiner deutlichen Färbung als Sauer- 
stoffort im Sinne Unnas angesprochen werden muss. In Fig. 5 
habe ich einen Querschnitt durch den Scherenmuskel des Fluss- 
krebses abgebildet. Diese Färbung ist in allen Fällen so deutlich, 
dass ich es mir nicht erklären kann, wie ein unvoreingenommener 
Beobachter dieselbe hat übersehen können. 

Wir kommen nun zu der Frage, ob die Protoplasmafärbung 
in den Rongalitweißschnitten den Wert Null und die Kernfärbung 
den maximalen Wert besitzt. Ich hebe ausdrücklich hervor, dass 
ich hier nur Wert auf den allgemeinen Befund lege, die von 
Unna selbst gekennzeichneten Abweichungen lasse ich hier ganz 
beiseite. Schon aus den Schritten, die in Fig. 1 und 2 bei nur 
40 facher Vergrösserung abgebildet sind, lässt sich ersehen, dass 
die Rongalitschnitte offenbar keine exklusive Kernfärbung zeigt. 
In Fig. 4 und 5 habe ich zwei Schnitten durch die Haut der Ratte 
abgebildet, Schnitte 4 ist mit Hämatein-Erythrosin, Schnitte 5 mit 
Rongalitweiss II gefärbt. Man sieht auf den ersten Blick, dass 
die Rongalitweissfärbung alles andere eher ist, als eine reine 
Kernfärbung. Plasmafärbung habe ich auf allen zahlreichen 
Präparaten erhalten. Besonders erwähne ich Schnitten durch die 
Lunge. Indem ich alle Eindrücke zusammenfasse, glaube ich mein 
Urteil dahin zusammenfassen zu können, dass das Protoplasma fast 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte etc. 4 


immer mit Rongalitweiss gefärbt wird und darum im allgemeinen 
als Sauerstoffort im Sinne Unnas angesprochen werden muss. 

Nicht bestreiten will ich, dass sehr häufig die Kerne stärker, 
oft weit stärker als das Plasma gefärbt sind, es handelt sich 
jedoch nur um graduelle Unterschiede. 

Brauchbare Mikrophotographien von nach Unnascher 
Methode hergestellten Präparaten anzufertigen, hat recht grosse 
Schwierigkeiten. Die Methode verlangt Schnitten von unfixiertem, 
lebendfrischem Gewebe. Diese erhält man nur mit dem (refrier- 
mikrotom. Die Vorteile des Gefrierverfahrens sind aber mit seinen 
Nachteilen untrennbar verknüpft. Insbesondere ist es wohl aus- 
geschlossen, Schnitten von wenigen u Dicke, wie sie für eine gute 
Mikrophotographie bei starker Vergrösserung Voraussetzung sind, 
zu erhalten. Auch dürfen die Schnitten nicht aufgeklebt werden, 
etwa nach dem sonst vortrefflichen Verfahren von Olt: hierdurch 
liegen die Schnitten natürlich nie plan, was wiederum die Bildschärfe 
recht unangenehm beeinträchtigt. Trotzdem habe ich die Fig. 4 
und 5, die bei 600 facher Vergrösserung hergestellt sind, bei- 
gegeben, da sie mir wenigstens nach der negativen Seite hin, 
also insofern, dass es sich nicht um eine reine Kernfärbung 
handelt, beweisend zu sein scheinen. Um einheitliche Bedingungen 
zu haben, habe ich alle Bilder bei Licht von der Wellenlänge 
500—600 u u aufgenommen. 

Unna verwendet zur Darstellung seiner Sauerstofforte eine 
Färbung mit einer später regenerierten Leukobase. Dass es sich 
dabei um Methylenblau oder Blau 1900 und um Rongalit handelt, 
ist nicht von prinzipieller Bedeutung. Jeder Farbstoft, der irgendwie 
zu einer Leukobase reduziert wird, muss bei seiner Regeneration 
die Sauerstofforte im Sinne Unnas aufzeigen. Wohin wir auf 
diesem Wege kommen, ist leicht einzusehen. Gelingt es uns, 
einen typischen Plasmafarbstoff in eine labile Leukobase überzu- 
führen, so werden in dem Schnitt, bei eintretender Regeneration 
des Farbstoffes voraussichtlich die Sauerstoftorte — das Proto- 
plasma sein. Wir werden auf die hierdurch ausgedrückte spezifische 
Wirkung der histologischen Farbstoffe und auf die eminente 
Wichtigkeit dieses von Unna ausser acht gelassenen Umstandes 
noch unten weiter eingehen. 

Ich habe nun noch ein Reduktionsmittel angewandt, das 
den Farbstoff bereits bei gewöhnlicher Temperatur und in reiner 


112 I, WE (Ola ihrzee 


wässeriger Lösung in die Leukobase überzuführen gestattet; es 
handelt sich um Natriumhydrosulfit. Versetzt man eine gesättigte 
oder annähernd gesättigte Lösung von Methylenblau in destilliertem 
Wasser mit Natriumhydrosulfit, so tritt sehr rasch Entfärbung 
ein. Ein grosser Teil des Leukomethylenblaues fällt aus, ein Teil 
bleibt aber gelöst zurück. Durch Filtrieren erhält man eine 
wasserhelle, fast farblose Flüssigkeit, die weit mehr als das 
Rongalitgemisch die Bezeichnung „Weiss“ verdient. Färbt man 
in der Unnaschen Weise, so erhält man Schnitten, die die Kerne 
in verschiedener Intensität, offenbar abhängig von der Menge des 
Natriumhydrosulfits in der Lösung, zeigen, stets ist aber das 
Protoplasma im allgemeinen wohl gefärbt. Bei Schnitten durch 
die Schnauze der Ratte tritt die Muskulatur sehr stark hervor. 
Die Ähnlichkeit dieser Färbung mit einer Rongalitweiss I und 
einer gewöhnlichen Methylenblaufärbung ist sehr gross. 

Ich habe dann noch mit Natriumhydrosulfit-Leuko-Nigrosin 
gefärbt, und wieder das Resultat erhalten, dass das Protoplasma 
wohlgefärbt erscheint. 

Wir wollen nun untersuchen, ob die ganze Auffassung der 
Färbung der Sauerstofforte von Unna überhaupt mit den Tat- 
sachen in Einklang steht. Nach Unna bleibt eine Schnitte 
im Rongalitweiss ungefärbt, es wird dann mit Wasser ab- 
gespült, um das überschüssige Reduktionsmittel zu entfernen und 
durch den Sauerstoff der Luft (bezw. des Wassers) tritt unter 
Vermittelung der Sauerstofforte des Gewebes die Regeneration 
von Methylenblau und damit die Darstellung der Sauerstofforte ein. 

Die Schnitten bleiben also nach Unna im Rongalitweiss 
ungefärbt. Gerade das Gegenteil habe ich gefunden! 
Legt man eine Gefrierschnitte in Rongalitweiss, so 
sieht man klar und deutlich, dass die Schnitte in 
der typischen Farbe des Farbstoffes gefärbt wird. 
Diese Färbung ist nicht etwa schwach, sondern auf- 
fällig und kräftig, eigentlich gar nicht zu über- 
sehen. Nach einiger Zeit verschwindet sie wieder, 
und zwar im Rongalitweiss I schneller als im Rongalitweiss II. 

Ich erkläre diese Erscheinung folgendermassen: Durch 
den Sauerstoff, welcher sich in der Schnitte be- 
findet, bezw. welcher durch die in dem Gewebe ent- 
haltenen Fermente aktiviert wird, wird eine ent- 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte ete. k1,3 


sprechende Quantität der Leukobasein den Farbstoff 
zurückverwandelt. Bei Leukobasen, die mit einem 
im Überschuss vorhandenen Reduktionsmittel her- 
gestellt sind, das auch schon bei gewöhnlicher 
Temperatur rasch und kräftig reduziert, wird diese 
kleine Quantität Farbstoff sofort‘ wieder: in die 
Leukobase übergeführt, eine Färbung ist also für 
das Auge nicht bemerkbar. Anders bei mit Rongalit 
hergestellten Leukobasen. Rongalit reduziert bei 
gewöhnlicher Temperatur nur schwer und langsam. 
Dieser partiellen Impotenz des Rongalits verdanken 
wir aber die Darstellung der „primären Sauerstoff- 
färbung“, wie ich sie bezeichnen will, der Gewebe. 
Nach wenigen Minuten ist jedoch auch hier die 
Färbung durch das in grosser Menge vorhandene 
Rongalit, durch Überführen der Farbe in die Leuko- 
base, vernichtet worden. Aller Sauerstoff ist dann 
aus der Schnitte entfernt; wenigstens aller Sauer- 
stoff, der unter den in Betracht kommenden Be- 
dingungen überhaupt entfernt werden kann. Diese 
Färbung bezeichneichalsprimäre Sauerstoffärbung; 
sie ist von Unna nicht beobachtet worden, und ich 
unterscheide sie scharf von der von Unna beob- 
achteten, gleich zu besprechenden, sekundären Sauer- 
stoffärbung. 

Wir entfernen nun nach Unna das überschüssige Reduktions- 
mittel durch Abspülen mit Wasser. Wir können durch Abspülen mit 
sehr grossen (Juantitäten Wasser den letzten Rest von Reduktions- 
mittel zu entfernen versuchen, es tritt auch nicht die Spur einer 
Bläuung ein. Erst wenn wir Sauerstoff künstlich zuführen, sei es durch 
Verwendung sauerstoffhaltigen Wassers, sei es dadurch, dass wir die 
Schnitte dem Sauerstoff der Luft aussetzen, dann tritt eine Bläuungein. 

Unna glaubt, dass diese Färbung durch Vermittelung der 
Sauerstofforte des Gewebes, die den molekularen Luftsauerstoff 
aktivieren sollen, erfolgt. Ich halte diese Annahme für unnötig. 
Leukobasen werden auch durch den molekularen Sauerstoff der 
Luft wieder regeneriert. Giesst man etwas Rongalitweiss I in 
eine Schale, so sieht man, dass nach einiger Zeit sich an der 


Oberfläche Methylenblau regeneriert, wo ist hier ein aktivierender 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.84. Abt. I. s 


114 F. W. Oelze: 


Sauerstoffort? Ich halte dieganzeRongalitweissfärbung 
für eine einfache Färbung durch Methylenblau bezw. 
Blau 1900. Unna beruft sich darauf, dass seine Färbung von 
der einer gewöhnlichen Methylenblaufärbung verschieden sei. In 
der Tat mag sie etwas verschieden sein, es wäre auch wunderbar, 
wenn das empfindliche Methylenblau in einer Lösung, die alles 
mögliche enthält, Rongalit, Säure, evtl. Alkali, und sicher noch 
Zwischenprodukte, genau so färben würde, wie in rein wässeriger 
Lösung. Trotzdem treten etwaige Verschiedenheiten hinter der 
ausserordentlichen Ähnlichkeit der Färbungen ganz zurück. 

Wenn ich somit behaupte, dass die Färbung auf Sauerstoff- 
orte von Unna nichts anderes sei als eine ordinäre Färbung, 
so wird man verlangen müssen, dass Rongalitweiss in der von 
Unna angegebenen Weise auch Stoffe färbt, die keine Peroxy- 
dase enthalten, also keine Sauerstofforte sind. Das ist in der 
Tat der Fall. Ich habe zu diesem Zwecke einen Stoft gewählt, 
der einerseits sich überhaupt färben lässt und andererseits eine 
gewisse gewebeähnliche Struktur besitzt. Es handelt sich um 
analysenreines Filtrierpapier. Dieses ist mit Salzsäure, Fluss- 
säure, Wasser ausgewaschen und auch entfettet und stellt Uellu- 
lose in denkbar reinster Form dar. Dass wir über die Art, wie 
Cellulose gefärbt wird, nicht unterrichtet sind, möchte ich hier 
bemerken (24). Für mich war der Umstand massgebend, dass 
dieses Filterpapier keine Peroxydasereaktion mit der von Unna 
jun. und Golodetz verwandten Benzidinreaktion gibt. Sollte 
sich wirklich für diese reinste Cellulose einmal eine Peroxydase- 
reaktion finden, so wäre damit zugleich der Arbeit von Unna 
jun. und Golodetz der Wert genommen. Ich bin aber über- 
zeugt, dass auch andere, noch zu suchende Stoffe, die keine 
Peroxydase enthalten, sich wie Cellulose verhalten. Für mich 
genügt es, wie gesagt, vollkommen, dass sich mit der Benzidin- 
reaktion keine Spur Peroxydase nachweisen lässt. 

Färben wirnun ein Stück in destilliertem Wasser 
eingeweichtes Filtrierpapierin Rongalitweiss in der 
Unnaschen Weise, so dokumentiert sich uns dieses 
durch die eintretende intensive Färbung als ein 
Sauerstoffort ersten Ranges. Woraus nach meiner An- 
sicht die Unhaltbarkeit der Unnaschen Anschauungen und die 
Übereinstimmung mit den meinigen zur Evidenz hervorgeht. 


Uber die färberische Darstellung der Reduktionsorte etc. 115 


VI. Oxydasereaktion an Gewebsschnitten nach 
Schultze. Arbeiten von Golodetz und Unna jun. 
und Leistikow. 

Paul Ehrlich wandte im zweiten Hauptteil seiner klassi- 
schen Arbeit (2) das Indophenolblau zur Bestimmung des Sauer- 
stoffbedürfnisses des Organismusan. F. Röhmann und W. Spitzer 
(19) benutzten die Synthese des Indophenolblaues aus «-Naphthol 
und Paraphenylendiamin zum Nachweis der Oxydasenwirkung von 
Organbrei. Die Reaktion ist dann in der Folge von einer grossen 
Zahl von Forschern angewandt worden. Für uns ist besonders 
eine Arbeit von W. H. Schultze (18) interessant, der an Gefrier- 
schnitten gearbeitet hat. Die Arbeit bietet im besonderen einen 
wertvollen Beitrag zur Differentialdiagnose der Leukämieen. Nach 
Schultze ist ein spezifisches Oxydationsferment, die Indophenol- 
oxydase, in den Leukozyten und ihren Abkömmlingen lokalisiert, 
und zwar gleicherweise beim Menschen, Kaninchen, Meerschweinchen 
und Frosch. Besonders interessant ist die Frage nach der speziellen 
Lokalisation des Fermentes in der Zelle. Es zeigt sich, dass es 
in seinem Vorkommen an die Granula der Zellen ge- 
bunden ist. Der Kern ist frei von Ferment. Ein Befund, 
der sich mit den Ansichten Unnas kaum in Einklang bringen lässt. 

Wir haben nun noch kurz zwei Arbeiten zu besprechen, die 
mit den Arbeiten Unnas im engsten Zusammenhange stehen und 
sie in vollkommenster Weise zu bestätigen suchen. L. Golodetz 
und P. Unna jun. (16) suchen an Vogelblut und Eiter mit der 
Benzidin- und Katalasenreaktion die Ansichten P. G. Unnas zu 
beweisen. Sie verdauen das Protoplasma des Vogelblutes und er- 
halten an dem so gewonnenen „reinen Kernmaterial“ eine, wenn 
auch geschwächte Peroxydasenreaktion, wohingegen die Katalase 
verschwunden ist. Hieraus glauben sie schliessen zu können, dass 
die Peroxydase im Kern, die Katalase im Protoplasma lokalisiert 
sei. Hierzu bemerke ich, dass Blut an sich ein ungeeignetes Ver- 
suchsobjekt ist, da ja die Gefahr vorliegt, dass durch die fer- 
mentähnliche Wirkung des Hämoglobins (10) ein falsches Resultat 
vorgetäuscht wird. Ferner können wir mit demselben Recht 
annehmen, dass auch im Kern Katalase enthalten war, dass sie 
aber, ebenso wie das Protoplasma, durch die Verdauung zerstört 
wurde. Die quantitativen Untersuchungen sind äusserst dürftig, 
sie beschränken sich auf eine Messung der Katalase nach dem 

8*+ 


116 F. W. Oelze: 


Volumen des aus Hs202 entwickelten Sauerstoffes. Aus dem Ver- 
halten von in Alkohol konserviertem Material schliessen Golodetz 
und Unna jun., dass „bei der Alkoholbehandlung sich eine all- 
mähliche, aber keineswegs starke Herabsetzung des Katalase- 
gehaltes bis zum 3. Tage etwa feststellen lässt. Von da ab bleibt 
der Katalasegehalt etwa gleich.“ Die betreffenden Zahlen sind: 
nachdem 1."Tag) "2 Tag, 3. Tag, 5: Tag, "ae 
O-Entwicklung 96,5 38 67,5 63 64,5 cem. 
Ich lese aus diesen Zahlen ganz etwas anderes heraus, wie 
Golodetz und Unna jun., nämlich dass der Katalasegehalt 
zunächst abnimmt, dann aber wieder zunimmt! Gewiss ein eigen- 
artiges Resultat, das sich auch beim Eiter wiederfindet, hier ist 
eine Zeitangabe nur durch die römischen Ziffern angedeutet, die 
Zahlen lauten: 
Ik I. IA: 
2,5 1,5 2,3. 


$) 


O in ccm 


Einer derartigen Arbeit messe ich keinerlei Beweiskraft zu. 

L. Leistikow (20) behandelt die Sauerstofiorte des tieri- 
schen Hautgewebes bei Anämie, venöser Hyperämie und Ödem. 
Leistikow weist nach, dass an Stellen im Gewebe, wo eine 
Störung in der Sauerstoffzufuhr stattfindet, auch die Rongalit- 
weissfärbung schlecht ausfällt, bezw. veränderte Resultate ergibt. 
Leistikow glaubt damit die Richtigkeit der Ansichten Unnas 
bewiesen zu haben. Ich gebe ohne weiteres zu, dass die Färbung 
tatsächlich variiert oder geschwächt wird, kann aber nicht an- 
nehmen, dass diese Erscheinung nun ohne weiteres einen Sauer- 
stoffmangel dokumentiert. Man kann da an alle möglichen Ver- 
änderungen im Gewebe denken, die die Methylenblaufärbung 
verändern. beispielsweise eine Ansäuerung. 

Auf einen Punkt möchte ich noch hinweisen. Auf der der 
Arbeit Leistikows beigegebenen Tafel findet sich ein Schnitt 
durch die normale Schnauze der Ratte abgebildet. In der Tiefe 
des Gewebes sind grosse tiefdunkle Stellen sicht- 
bar, die nachder Figurenerklärung Muskulatur dar- 
stellen. Hierdurch werden nach meiner Ansicht die 
Angaben P.G. Unnas widerlegt: „Muskeln im allgemeinen 
ungefärbt, nur selten sehr schwach gefärbt“, und meine An- 
gaben (siehe oben) bestätigt. 


- 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte etc. 117 


VI. Einschlussfärbung mit Leukobasen und 
Reagentien. 


Wir hatten gesehen, dass sich im Rongalitweiss die Schnitten 
zunächst färbten, um alsbald wieder entfärbt zu werden. Ich 
hatte diese, von Unna nicht beobachtete, Erscheinung als 
„primäre Sauerstoffärbung“ bezeichnet. Um die Färbung an 
der mikroskopischen Schnitte studieren zu können. gehe ich 
folgendermassen vor; ein Stück Gewebe wird dem narkotisierten 
Tier entnommen und ohne jeden Zusatz vereist und geschnitten. 
Das Gefrierenlassen in irgend einer Salzlösung, möge sie heissen, 
wie sie will, halte ich aus physikalisch-chemischen Gründen nicht 
nur für zwecklos, sondern sogar für schädlich. Die Schnitte wird 
mit dem Objektträger aufgefangen und auf dem Mikroskoptisch 
mit schwacher Vergrösserung eingestellt. Auf die Unterseite eines 
Deckgläschens wird ein Tropfen der Leukobase oder des betreffenden 
Fermentreagenz gebracht und die Schnitte damit bedeckt. Man 
kann nun vom ersten Augenblick der Einwirkung an die sich 
abspielenden Vorgänge beobachten. Läuft die Reaktion zu schnell 
ab, oder wünscht man ein bestimmtes Stadium wenigstens eine 
Zeitlang zu konservieren, so kann man dieses durch Gefrieren- 
lassen der Schnitte erreichen. Die Anwendung einer sehr ge- 
ringen Quantität Leukobase hat den Vorteil, dass auch nur eine 
geringe Menge Reduktionsmittel vorhanden ist. Hierdurch bleibt 
die primäre Sauerstoffärbung sehr lange bestehen, bezw. wird 
überhaupt nicht mehr durch Umwandlung in die Leukobase 
zerstört. 

Ich habe eine grosse Anzahl von Geweben mit den ver- 
schiedensten heagentien behandelt und recht interessante Resultate 
erhalten. Ich halte aber meine Untersuchungen durchaus nicht 
für abgeschlossen, hauptsächlich auch im Hinblick auf die im 
nächsten Abschnitt zu entwickelnden Gesichtspunkte. Ich möchte 
mir daher die Bekanntgabe für eine spätere Arbeit vorbehalten 
und erwähne hier nur, dass sich in der Lunge ein deutlicher 
Gegensatz zwischen oxydierendem und nicht oxydierendem Gewebe 
ergab, und dass sich die Hautmuskulatur mit verschiedenen 
Reaktionen als kräftig oxydierend erwies, eine Erscheinung, die 
mit den Arbeiten Unnas im Widerspruch, mit den Arbeiten 
Ehrlichs aber im Einklang steht. 


118 F. W. Oelze: 


VIII Über spezifische Farbstoffwirkung und die Not- 
wendigkeitihrer Berücksichtigung beibiochemischen 
Arbeiten mittels Farbstoffen. 


Die Histologie braucht Farbstoffe, die bereits auf kleinstem 
Raume eine grosse Mannigfaltigkeit der Färbungen ermöglichen. 
Über die Art und Weise, wie die histologischen Färbungen ent- 
stehen, ist noch keine einheitliche Auffassung erzielt (24). Wenn 
wir auch die Konstitution der Farbstoffe kennen, so ist uns doch 
diejenige der anderen in Betracht kommenden Komponente, des 
Protoplasmas, noch völlig verborgen. Eine sichere Eıklärung der 
Färbung wird sich daher auch in absehbarer Zeit kaum geben 
lassen. Für die allgemeine Auffassung einer Färbung sind die 
Gedanken Ehrlichs massgebend geworden. Ich setze sie als 
bekannt voraus. Ehrlich betont hauptsächlich die chemische 
Seite des Vorganges. Dass auch eine Betrachtung vom physikalisch- 
chemischen und kolloidehemischen Standpunkte aus wesentliche 
neue (resichtspunkte bringen kann, zeigen die Arbeiten von 
Bechhold (22), Evans, Schulemann und Wilborn (23). 
Die Gesamtheit der Wirkung eines Farbstoffes bezeichne ich als 
seine „spezifische Wirkung“, wahrscheinlich sind bei dieser spezi- 
fischen Wirkung noch viele unbekannte oder so gut wie unbe- 
kannte Komponenten wirksam. 

Wendet man nun die Leukobase eines Farbstoffes an, um 
durch die auftretende Farbstoffregeneration Auskunft über Sauer- 
stofforte im Gewebe zu erhalten, so ist ja ohne weiteres klar, 
dass der zur Regeneration nötige Sauerstoff wirklich dem Gewebe 
entstammt. Aus welchen Orten des Gewebes er aber stammt, 
lässt sich nach meiner Ansicht gar nicht ohne weiteres sagen: 
hier interkurriert die spezifische Farbstoffwirkung. Nehmen wir 
beispielsweise einen Farbstotf an, der eine ausgesprochene Affinität 
zum Hautmuskel hat, seine Leukobase wird durch die betreffenden 
Schnitte in den Farbstoff zurückgeführt. Der Muskel zeigt sich 
stark gefärbt. Können wir hieraus nun ohne weiteres schliessen, 
dass der Muskel den Sauerstoff hergegeben hat, das umliegende 
Bindegewebe aber nicht? Sicher nein. Es ist sehr wohl denkbar, 
dass der Farbstoff im Bindegewebe regeneriert wird, aber sofort 
in den Muskel übertritt und erst diesen färbt. Auch die mikro- 
skopische Beobachtung des Vorganges wird hier keine Auskunft 
geben können. Bei sukzessiver Entstehung des Farbstoffes im 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte ete. 198, 


Bindegewebe wird es ganz unmöglich sein, bei der beträchtlichen 

Vergrösserung, eine Färbung zu sehen, die nur schwach ist. 

Erst wenn sich die Färbung an einer Stelle akkumuliert, wird 

sie sichtbar werden. Ganz ähnlich können die Verhältnisse bei 

dem System Zellkern—Protoplasma liegen. 

Somit kommen wir zu dem Resultat, dass die ganze Methodik, 
gegen die allein sich meine Kritik richtet, der Dar- 
stellung von Oxydationsorten und Reduktionsorten mit den grössten 
Schwierigkeiten und Unklarheiten behaftet ist. Immerhin glaube 
ich, dass auch dieses negative Resultat und die Kritik der Unna- 
schen Arbeiten für die Entwicklung der Frage einen gewissen 
Wert hat. Sind die Schwierigkeiten erst einmal erkannt, so werden 
die künftigen Resultate um so wertvoller sein. 

Zum Schluss darf ich wohl darauf hinweisen, dass durch 
Einrichtung eines Raumes in zu erbauenden grossen Instituten, 
der mit einem beliebigen Gasgemisch gefüllt werden kann, wesent- 
lich zur rascheren Klärung des Problems beigetragen werden 
würde. 

IX. Zusammenfassung. 

1. Die einzige von Unna selbst für einwandfrei gehaltene 
Methode zur Darstellung der Reduktionsorte im Gewebe 
liefert keine Bilder, die das Protoplasma als alleinigen 
Reduktionsort im Gegensatz zum Kern darstellen. 

2. Unna selbst stellt die Kerne auf der in Betracht kommenden 
Abbildung seiner Arbeit als Reduktionsorte dar. 

3. Vier Phasen der Reduktionswirkung. Wertlosigkeit der 
Permanganatfärbung zum Nachweis normaler Reduktions- 
vorgänge. 

4. Die Rongalitweissfärbung liefert keine Bilder, die die 
Kerne als alleinigen Sauerstoffort im Gegensatz zum 
Protoplasma im allgemeinen darstellen. 

5. Erklärung von Unnas Sauerstoffärbung als ordinäre 
Methylenblau- (bezw. Blau 1900) Färbung. Primäre und 
sekundäre Sauerstoftärbung. 

6. Oxydasen- und katalasenfreie Stoffe als Sauerstofforte im 

Sinne Unnas. 

Der Muskel und im besonderen der Hautmuskel als Sauer- 

stoffort, entgegen der Annahme Unnas. Einschlussfärbung 

mit Leukobasen und Reagentien. 


1 


12 


us 


a er) 


10. 


1. 


13. 


0 


F. W. Oelze: 


Literaturverzeichnis. 


Pflüger, E.: Über die physiologische Verbrennung in den lebenden 
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49, 95, 1909. 

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Unna, P. G.: Die Reduktionsorte und Sauerstofforte des tierischen 
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Golodetz, L. und Unna, P. jun.: Über Peroxydase und Katalase 
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Schultze, W. H.: Die Oxydasereaktion an Gewebsschnitten und ihre 
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45, 127, 1909. 

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27. 


Über die färberische Darstellung der Reduktionsorte ete. 121 


. Unna, P. G. und Golodetz, L.: Zur Chemie der Haut VI. Die 


Oxydation des Chrysarobins auf der menschlichen Haut. Mitt. f. prakt. 
Dermat., 51, 1, 1910. 


2. Bechhold, J. H.: Die Kolloide in Biologie und Medizin. Dresden 1912. 
3. Evans, H. M.,, Schulemann, W. und Wilborn, F.: Die vitale 


Färbung mit sauren Farbstoffen. Schles. Ges. f. vaterl. Kultur, Breslau 
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Michaelis, L.: Die Theorie des Färbeprozesses. Oppenheimers 
Handbuch der Biochemie, 2, I, 193, 1910. 


. Unna, P. G. und Golodetz, L.: Die Bedeutung: des Sauerstoffes in 


der Färberei. Leipzig und Hamburg 1912. Dermatologische Studien, 
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. Bach, A.: Oxydationsvorgänge in der lebenden Substanz. Oppen- 


heimers Handbuch der Biochemie, Ergänzungsbd., 133, 1913. 
Unna, P.G. und Golodetz, L.: Biochemie der Haut. Oppen- 
heimers Handbuch der Biochemie, Ergänzungsbd., 327, 1913. 


Aus der k. und k. Geburtshilflichen Klinik der Tierärztlichen Hochschule 
in Wien. 


Über Reizwirkungen von Fremdkörpern auf die 
Uterusschleimhaut der Hündin. 
Von 


Dr. med: vet. Kuno Krainz, k. k. Militär - Untertierarzt. 


Hierzu Tafel IV und 3 Textfiguren. 


Über die Wechselbeziehung zwischen Endometrium und 
Ovarium bestehen bisher trotz mannigfacher Untersuchungen noch 
immer widersprechende Ansichten. Vielfach wird dem Ovarıum 
eine dominierende Rolle im Geschlechtsleben zuerkannt und von 
seinem Funktionszustand der des Endometriums abhängig gemacht. 
Bildet sich am Ovarium ein Graafscher Follikel, so tritt die 
Brunst ein; das Auftreten des Corpus luteum steht der Nidation 
und Entwicklung des Eies vor und verhindert den Wiedereintritt 
der Brunst während der Gravidität. Dieser Ansicht stehen Er- 
fahrungen entgegen, nach welchen direkt auf den Uterus wirkende 
Einflüsse den ganzen Geschlechtszyklus stören resp. beherrschen 
sollen. Diese letzten Beobachtungen sind gemacht worden beim 
Verweilen von Fremdkörpern im Uterus, wobei diese imstande 
waren, die Brunst zu sistieren und auf diese Weise die Sterilität 
des Tieres herbeizuführen. Es gibt in dieser Hinsicht Beobachtungen 
relativ alten Datums, welche Tiere betreffen, die mumifizierte 
Feten trugen und aus dieser Ursache steril blieben. 

Diese viel beobachtete Erscheinung suchte man insofern 
zu verwerten, als man durch die Einbringung von Fremdkörpern 
in den Uterus die Kastration durch Entfernung der ÖOvarien zu 
ersparen glaubte. Über die ersten Versuche dieser Art referiert 
Eloir im Jahre 1881. Der Fall betrifft eine Kuh, welcher kurz 
nach der Geburt eine Bleikugel in den Uterus eingeführt wurde 
und die sich seither wie eine kastrierte Kuh verhielt. Diese 
Beobachtung jedoch macht Cagny in der Diskussion insofern 
hinfällig, als er am vorgelegten Präparate eine chronische Metritis 
konstatiert, welche wohl für sich als alleinige Ursache der Sterilität 


Über Reizwirkungen von Fremdkörpern etc. 123 


angesehen werden konnte. Eloir erwähnt ferner Beobachtungen 
an Kühen, welche mit einer Bleikugel in der Bauchhöhle merk- 
würdigerweise ähnliche Erscheinungen zeigten. Auf gleiche Weise 
will, wie Eloir berichtet, ein Tierarzt des Departements Oise 
eine Hündin durch Einführen von Fremdkörpern in den Tragsack 
unfruchtbar gemacht haben. 

Auch die mumifizierte Frucht kann in ihrer Beziehung auf 
den Geschlechtstrakt als Fremdkörper angesehen werden. So ist 
es nach Frank „eine sehr alte Ansicht, die schon im vorigen 
Jahrhundert ausgesprochen wurde, dass eine Kuh, die einen 
mumifizierten Fetus hat, nicht rindrig werde. (La vache qui porte 
son veau racorni dans la veliere ou patiere ne demande pas le 
taureau. Le parfait bouvier par Boutrolle 1766.)“ 

Auch der von Schmaltz zitierte Fall von Figuier spricht 
im gleichen Sinne; andererseits liegen aber gegenteilige Berichte 
vor, die also besagen, dass die Brunst beim Vorhandensein 
mumifizierter Früchte sehr deutlich beobachtet wurde (Albrecht, 
Rossignol), und es wird sogar besonders darauf hingewiesen, 
dass die Ausstossung von Kalbsmumien während des Rinderns 
stattfindet. 
| In neuerer Zeit wurde, wie bereits erwähnt, das Einführen 
von Fremdkörpern in den Uterus zum Zwecke der Sterilisierung 
in grossem Maßstabe und zwar am Schweine vorgenommen. Ins- 
besondere ist die ungarische Literatur sehr reich an Publikationen 
über das Schroten der Säue. 

Kertecz, welcher augenscheinlich über die meisten Fälle 
zu verfügen hat, behandelte 296 Säue, von welchen nur bei 41 
die geschlechtliche Erregung ausgeblieben ist und, nachdem die 
übrigen nochmals behandelt wurden, nur 15 von ihnen nicht 
rauschten. Die übrigen wurden nachher zum dritten Male ge- 
schrotet, aber wieder ohne den gewünschten Erfolg, so dass ins- 
gesamt bei 19,19 Prozent der geschroteten Schweine die Brunst 
ausblieb, was auch ohne Schroten der Fall sein kann. Ausser 
diversen unangenehmen Nebenumständen beschreibt der Autor eine 
Wanderung der Fremdkörper, wie auch ich sie beobachten konnte. 
Von den geschroteten Schweinen untersuchte er 36 nach der 
Schlachtung. In der Gebärmutter fanden sich ebenso die Schrot- 
körner bei den Tieren, die brünstig waren, wie bei jenen, bei 
welchen die Brunst ausblieb. Die Körner waren meist in den 


124 Kuno Krainz: 


Uteruskörper gelangt, bei zwei Fällen sogar in die Harnblase. 
Das Schroten ist nach den Erfahrungen des Verfassers nicht ge- 
eignet zum Ausschalten der Brunst. 

Siefke beobachtet Wiederkehr der Brunst bei einer Hündin 
nach Schroten derselben während der vorletzten Brunst. 

Dies die klinischen Beobachtungen. Ihre Erklärung wäre 
theoretisch durch die Erwägung möglich, dass der Fremdkörper 
direkt auf die Uterusschleimhaut beispielsweise durch einen Druck 
wirkt, welcher Reiz reflektorisch zum Ovarium geleitet wird. Oder 
diese Wirkung wäre eine mittelbare, indem der Fremdkörper 
zunächst eine Umwandlung der Schleimhaut im Sinne einer Placenta 
hervorruft und dass hier abgebaute oder sezernierte Stoffe (innere 
Sekrete) im Wege der Blutbahn die Funktion der Ovarien beein- 
flussen. Dass genannte Schleimhautveränderungen wenigstens zum 
Teil möglich sind, geht aus der Arbeit Leo Löbs hervor. Dieser 
versuchte die Erzeugung einer Decidua am Uterus des Meer- 
schweinchens und des Kaninchens. Er ging in der Weise vor, 
dass er zwei bis neun Tage nach der Ovulation tiefe Einschnitte 
machte, welche die Kontinuität des Uterus vollkommen trennten. 
Ausserdem führte er sterile Fremdkörper ein. Er beobachtete 
keine Verhinderung der Deciduabildung bei Unterbindung der 
Tuben, im Gegensatze zu Versuchen, bei welchen eine Exstirpation 
der Ovarien vorgenommen wurde. Die Deciduabildung erfolgte 
unterhalb des intakten Uterusepithels. Vergleiche zwischen der 
natürlichen und künstlichen Deeidua nach Löb ergaben: Bezüg- 
lich des Epithels: Bei der ersteren Bildung von Plasmodien, bei 
der letzteren ebenfalls vorhanden. Bezüglich des Endothels der 
Blutgefässe: Bei der ersteren Wucherungen, bei der letzteren 
ebenfalls. Bezüglich des perivaskulären Gewebes: Bei der natür- 
lichen Deeidua: Bildung von mehrkernigen Zellen und Glykogen- 
zellen, bezüglich der künstlichen Decidua ein Fehlen derselben. 
Ebenso fehlte bei der künstlichen Deeidua die Bildung von Monster- 
cells (Minot) im subepithelialen Bindegewebe. Auch Löb erreichte 
keine Reaktion bei Vornahme der Operation vor der Ovulation. 
In einem Falle trat bei Löb eine Reaktion, im anderen Horne 
ein, wo Einschnitte nicht gemacht wurden, was er als Fernwirkung 
auffasst. Zusammenfassend gibt er als Ursache des (sewebs- 
wachstums im Uterus an: a) Eine chemische Substanz, die in 
rhythmischer Weise von einem Nebenorgan (Ovarium) ausgeschieden 


Uber Reizwirkungen von Fremdkörpern etc. 125 


wird. b) Reiz einer Wundfläche (auslösender Reiz). Nach Löb 
ist daher die Wirkung des Eies bei der Placentabildung keine 
spezifische, spezifisch ist nur die chemische Wirkung des Ovariums. 

Die Befunde von Löb am Meerschweinchen und Kaninchen 
sind bisher an anderen Tieren nicht bestätigt worden; ob sich 
beim Rind beispielsweise infolge der Einwirkung der Fremdkörper 
die Karunkeln vergrössern, wie bei der Evolutio graviditatis, ist 
nicht bekannt. Bei den übrigen Indeeiduaten dürfte eine Prüfung 
der Placentombildung überhaupt wenig Aussicht haben, da sich 
bei diesen Tieren nur wenig manifeste Veränderungen an der 
Uterusschleimhaut ausbilden. Eine Kryptenbildung wie bei der 
normalen Placentation infolge Einwirkung des Chorions ist wohl 
nicht anzunehmen und andere Kriterien wie typische Drüsen- 
veränderungen und Plasmodienbildung sind bekanntlich bei diesen 
Tieren nicht vorhanden. Aus diesen Erwägungen erschien mir 
die Prüfung dieser Frage am Hund am rentabelsten. Der Hund 
bildet einerseits eine sehr typische Placenta, deren Bau durch 
eine Reihe von Untersuchungen genau studiert ist (Bonnet, 
Duval, Strahl, Grosser etc.), andererseits sind die zyklischen 
Veränderungen der Uterusschleimhaut, nach deren Bearbeitung 
durch Keller, von allen Haustieren am besten bekannt. 


Material, dessen Gewinnung und Verarbeitung. 


Ich verwendete insgesamt zehn Hündinnen, läufige und nicht 
läufige, letztere um zu konstatieren, wie Fremdkörper überhaupt 
vertragen werden und operierte die Tiere zwecks Gewinnung des 
Materials für die histologische Bearbeitung sowie Gewinnung von 
physiologischen Beobachtungen nach folgendem Verfahren: 

Es wurde die Laparatomie ausgeführt und der Zustand 
beider Uterushörner und der zugehörigen Ovarien untersucht. 
Hierauf Exstirpation eines 1—2 cm langen Uterusstückes als. 
Kontrollstück. Hierbei musste in der Weise vorgegangen werden, 
dass sowohl eine grössere Blutung als auch eine gröbere Störung 
der Zirkulationsverhältnisse im Uterus vermieden wurden. Dies 
erreichte man dadurch, dass die im breiten Mutterbande zum 
Uterus verlaufenden Stämmchen der Arteria uterina zwischen 
dieser und dem Uterus in gewünschter Ausdehnung ligiert, das 
Mutterband an seiner Anheftungsstelle am Uterushorn durch- 
schnitten und das im so ligierten Gefässbezirk befindliche Uterus- 


126 Kuno Krainz: 


stück exstirpiert wurde (Textfig. I). Als Fremdkörper fungierten 
sterile, mit ebensolchem Paraffinöl bestrichene Porzellankugeln, 
welche nun durch die Öffnung des kaudalen Stumpfes des Uterus- 
hornes durch vorsichtiges Vordrücken in dieses und in das andere 
(unverletzte) Horn gebracht wurden. Dies ging in der Regel bei 
den läufigen Hündinnen wegen der Turgeszenz des Uterus nicht 


Fig.T. 


immer leicht von statten und es musste die Einbringung der Fremd- 
körper durch eine kleine Längsincission bis zum Uteruslumen 
erfolgen. Nach erfolgter Einbringung der Kugeln wurden beide 
Stumpfenden mit einigen Nähten geschlossen und beide Tuben 
doppelt unterbunden. Der Tragsack der Hündinnen III, V, IX 
wurde des wertvollen Materials wegen zum Teil durch eine zweite 
Operation gewonnen, während der Rest bis zur Vertilgung in der 
Bauchhöhle verblieb. Die übrigen Hündinnen wurden in be- 
stimmten Zeitabschnitten nach der ersten Operation vertilgt. Das 
gewonnene Material wurde teils in Formol, teils n Flemming 
konserviert. Nachstehend die Auszüge aus dem Versuchsprotokoll 
über die operierten Hündinnen und Zusammenstellung der Unter- 
suchungsbefunde: 


A. Nichtbrünstige Hündinnen. 
Hündin I. Jagdhündin, Deutsch - Kurzhaar, 3 Jahre alt, hat bereits 
geboren. Operation am 21. November 1911. Uterus und Ovarien im Ruhe- 
stadium. Gewonnenes Material: Ein 3 cm langes Uteruskontrollstück. 


- 


Über Reizwirkungen von Fremdkörpern etc, 127 


Fixierung: Formol. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. Vertilgt am 3. April 1912. 
Material: Der restliche Uterus samt Ovarien. Fixierung: Formol. Färbung: 
Hämatoxylin-Eosin. 


Befund: Kontrollpräparat. 


Uterus flach gedrückt, von sehr geringer Breite und Dicke, schlaffer 
Konsistenz, äusserlich blass. Typisch ruhender Uterus. Drüsen sehr wenig 
an ihren Enden aufgeknäuelt. Hauptverlauf leicht gewellt. Die Bischof- 
schen Krypten klein und birnförmig, Drüsenepithel und Oberflächenepithel 
sehr niedrig. Das Bindegewebe des Stromas ausserordentlich locker, Kerne 
stark tingierbar. 


Stück mit Fremdkörper. 
Uterusepithel sehr niedrig, Krypten abgeflacht; Drüsenlagen sehr 
dürftig, doch ist das Drüsenepithel höher als das der Oberfläche. In diesem 
finden sich einzelne Stiftchenzellen. Die Schleimhaut ist im ganzen sehr 


niedrig (passive Dehnung durch den Fremdkörper); das Bindegewebs-Stroma 
etwas lockerer als sonst am ruhenden Uterus. 


Zwischenstück. 

Drüsenlager spärlichh Hauptrichtung der Drüsen sehr wenig ge- 
schlängelt; Öberflächenepithel gerade so niedrig wie an Stellen mit Fremd- 
körper. Auch hier sind stiftchenzellenähnliche Gebilde nachweisbar. Drüsen 
und Uteruslumen sind mit eosingefärbtem Sekret ausgegossen. Schleimhaut ist 
etwas mehr aufgelockert als im ruhenden Uterus, Kapillaren sind gut gefüllt. 


Ovarıum. 

Dieses zeigt, dass der Hund öfters ovuliert hat, nachdem alte Corpora 
lutea vorhanden sind. Ausserdem zeigt er schön ausgebildete Primordial- 
Follikel. 

Resum&: Der Fremdkörper wurde ohne merkliche histologisch nach- 
weisbare Reaktion durch 3!’ Monate vertragen. Eventuell konstatierte 
Veränderungen sind offensichtlich auf die passive Dehnung der Uteruswand 
durch die Fremdkörper zurückzuführen. 


Hündin II. Schwarzer Zwergspitz, laut Angabe über 7 Jahre alt, 
nicht trächtig. Operation am 27. November 1911. Uterus und ÖOvarien im 
Ruhestadium. Material: Ein 1 cm langes Kontrollstück. Fixierung: Formol. 
Färbung: Hämatoxylin-Eosin. Vertilgt am 1. Dezember 1911. Material: 
Uterusrest. Fixierung: Formol. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. 


Histologischer Befund: Kontrollpräparat. 


Das Oberflächenepithel zum Teil zylindrisch mit regelmässiger Kern- 
stellung; grosse Inseln tragen verfettetes Epithel mit peripher gestellten 
zackigen Kernen. Schleimhautstroma locker, Drüsenepithel fast kubisch, 
einzelne Drüsenschläuche enthalten Sekret, andere sind stark erweitert und 


128 Kuno Krainz: 


tragen ein besonders niedriges Epithel. Ihre Verbreitung ist mässig reichlich, 
ihr Verlauf sehr stark geschlängelt. Das Bindegewebe um die Drüsen ist 
stark verdichtet. Der histologische Befund lässt auf das eben beginnende 
Ruhestadium schliessen. 

Stück mit Fremdkörper. 

An der Stelle, wo der Fremdkörper gelegen ist, bildet die Schleimhaut 
mehrere eng zusammengelegte Falten. Das Oberflächenepithel ist sehr niedrig, 
zum Teil fettig degeneriert, Schleimhaut im gesamten dünn, Drüsenlager 
regelmässig, reichlich entwickelt, die Drüsenlumina fast durchweg erweitert, 
einzelne Drüsen enthalten Sekret. Schleimhautstroma durch den Druck 
dichter gefügt. 

Resum£&: Keine Reaktion auf den seit 8 Tagen getragenen Fremdkörper. 


Hündin III. Vierjährige braune Dachshündin, nicht trächtig gewesen. 
Erste Operation am 20. Dezember 1911. Uterus und Ovarien im Ruhestadium. 
Material: Ein 1 cm langes Kontrollstück. Fixierung: Formol. Färbung: 
Hämatoxylin-Eosin. Zweite Operation am 9. Januar 1912. Weiterbestehen 
des Ruhestadiums. Material: Der Rest des rechten Hornes des Uterus mit 
Fremdkörpern. Fixierung: Formol. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. Vertilet 
am 24. Januar 1912. Ebenfalls Ruhestadium. Material: Linkes Horn mit 
Fremdkörpern. Fixierung: Formol. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. 


Histologischer Befund: Kontrollstück. 


Schleimhaut mässig hoch. Oberflächenepithel niedrig, kubisch, an 
einzelnen Stellen verfettet. Drüsen zeigen einen leicht gewundenen Verlauf. 
Zirkulärmuskulatur ist bezüglich der Protoplasmamasse der Zellen stark 
reduziert, Schleimhautstroma locker. In das Lumen ragt eine zufällige 
Drüsenzyste hinein. Der Uterus befindet sich im beginnenden Ruhestadium. 


Stück mit Fremdkörper nach der ersten Operation. 


Dieses bietet genau dasselbe histologische Bild. 


Stück mit Fremdkörper nach der zweiten Operation. 


Die gesamte Wand sehr verdünnt. Insbesondere die Zirkulärmuskulatur 
in ihrer Protoplasmamasse sehr stark reduziert. Schleimhaut ebenfalls sehr 
niedrig. Das Oberflächenepithel besitzt quer gestellte Kerne und ist direkt 
plattenepithelartig. Drüsen sind der Grösse und Zahl nach sehr reduziert. 

Resum6: Da die Uteruswandung im Ruhestadium, wie dies in diesem 
Falle bestand, an und für sich sehr reduziert ist, so ist die auffallende 
Verdünnung der einzelnen Schichten an der Stelle des Fremdkörpers wohl 
nur auf passive Dehnung zurückzuführen. 


Hündin IV. Französische Bulldogge, laut Angabe 10jährig. Dem 
Gesäuge nach häufig geboren, nicht trächtig. Operation am 8. Februar 1912. 
Ruhender Uterus und Ovarien. Material: Ein 1 cm langes Kontrollstück. 
Fixierung: Formol. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. Vertilgt am 2. April 1912. 
Uterus und Ovarien ruhend. Material: Uterusrest und Ovarien. 


Über Reizwirkungen von Fremdkörpern etc. 129 


Histologischer Befund: Kontrollstück. 


Uterus der Grösse der Hündin nach sehr klein. Schleimhaut ungemein 
reduziert. Epithel niedrig, plattenartig, Kerne quergestellt, basilar. Die 
stärkste Schicht ist die Gefäßschicht. Die Blutgefässe sind in ihren Wandungen 
sehr dick. Die Kreisfaserschicht ist hingegen weitgehend verdünnt mit sehr 
eng stehenden Kernen. Das Stroma des Endometrius zeigt ebenfalls zahl- 
reiche sehr dicht stehende Kerne. Drüsen sehr spärlich, Krypten nur vereinzelt. 


Stück mit Fremdkörper. 
Schleimhaut sehr stark verdünnt. Das Oberflächenepithel ist beinahe 
plattenepithelartig. Drüsen sehr spärlich, Lumen klein, enthält meist Sekret. 


Zwischenstück. 

Zeigt denselben histologischen Aufbau, nur ist besonders die Schleim- 
haut infolge Wegfalles der passiven Dehnung durch den Fremdkörper be- 
deutend höher. 

Ovarium. 

Dieses zeigt alte Corpora lutea, ferner Corpora albicantia, ausserdem 
finden sich neben kleinen Follikeln gut entwickelte Primordial-Follikel. 

Resume: Keine Reaktion auf den Fremdkörper. 


B. Brünstige Hündinnen. 


Hündin V. Weisser Spitz, 4 Jahre alt. Starke Blutung aus der 
Scham und Schwellung derselben seit mehreren Tagen. Erste Operation 
am 5. Dezember 1911. Uterus sehr turgeszent, stark blutreich, im ganzen 
stark kontrahiert; Verlauf geschlängelt. Lumen sehr eng. Beide ÖOvarien 
zeigen deutliche Follikelbildung. Exstirpation eines 2 em langen Uterus- 
stückes als Kontrollstück. Fixation: Formol. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. 
Zweite Operation am 19. Dezember 1911. Exstirpation des rechten Hornes, 
Es sind Adhäsionen vorhanden. Material: Ein 4 cm langes Kontrollstück. 
Fixation: Formol. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. Vertilet am 17. Januar 1912. 
Uterus hat im ganzen die Dicke eines Fingers ohne Ansatz zur Ampullenbildung. 
Material: Uterusrest. Fixierung: Formol. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. 


Histologischer Befund: Kontrollstück. 


Öberflächenepithel zylindrisch, Kerne dicht aneinander gereiht. Haupt- 
stämme der Drüsen haben einen gestreckten Verlauf. Die Enden sind stark 
aufgeknäuelt. Das Drüsenepithel ist zylindrisch von ziemlicher Breite. Stroma 
besitzt gleichmässig grosse Bindegewebskerne von schwacher Färbbarkeit. 
Das Bindegewebe ist gequollen. In den Drüsen vereinzelt Mitosen nach- 
weisbar. Blutungen in der Uterusschleimhaut sind schon zurückgegangen. 
Diese Befunde charakterisieren den Übergang des ersten Brunststadiums in 
das zweite (Keller). 


Stück mit Fremdkörper. 
Öberflächenepithel durchwegs zylindrisch; an jenen Stellen, wo es 


geschichtet pflasterartig erscheint, ist jedenfalls die Schnittführung eine zur 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.84. Abt.I. 9 


130 Kuno Krainz: 


Längsachse sehr steil gerichtete gewesen, welcher Schluss sich aus der 
Kernform ergibt. Die Schleimhaut ist infolge Dehnung durch den Fremd- 
körper dünner wie beim Zwischenstück. Die Drüsen sind in ihrer Haupt- 
richtung verzogen und reichen bis fast unter das Oberflächenepithel. Das 
Drüsenepithel ist in den Anfangsstücken der Drüsen niedriger als sonst. 
Einzelne Drüsenschläuche sind in der Tiefe ein wenig erweitert. 


Zwischenstück. 


Die Schleimhaut besitzt hohe Falten und ist überaus drüsenreich. 
Das Oberflächenepithel ist hoch; das Drüsenepithel doppelt so hoch. Das 
dichte Lager der enggefügten, stark geknäuelten Drüsen füllt fast die ganze 
Schleimhaut aus. Sie befinden sich im Stadium der Sekretion. Das Stroma 
ist noch saftig, Kerne schon mehr spindelförmig. 

Resume&: Stadium der Drüsenhyperplasie. 


Zwischenstück nach der zweiten Operation. 


Die freie Oberfläche der Schleimhaut besitzt ein zylindrisches Epithel 
mit zackigen Kernen und schaumig blasigem Protoplasma (Fettinfiltration). 
Die Drüsen sind in ihren geknäuelten Endstücken bedeutend erweitert. Das 
Schleimhautstroma bekommt dadurch einen wabigen Bau. Das Epithel dieser 
Drüsen ist sehr niedrig, beinahe pflasterartig, die Kerne mit ihrer Längs- 
richtung quergestellt. Die Stromazwischenwände sind ausserordentlich dünn. 
An die Oberfläche ragen sehr weite, von den Drüsen stammende Zysten vor, 
welche ein fädig klumpiges Sekret enthalten. In einzelnen Präparaten sind 
diese zystischen und gefächerten Blasen von den tiefen Lagen der Knäuel- 
drüsen förmlich durch eine differenzierte Bindegewebsschichte getrennt 
(Drüsendeckschicht). Das Epithel dieser Drüsenkammern unterscheidet sich 
merklich von dem der tiefergelegenen Drüsenzellen. Es ist höher, mindestens 
kubisch und es zeigt vielfach keulenförmige Vortreibungen der freien Zell- 
enden, jedoch ist eine Symplasmabildung an der Oberfläche der Schleimhaut 
nicht nachweisbar. Diese keulenförmigen Zellen erscheinen meist in Gruppen 
angeordnet. 


Stück mit Fremdkörper nach der zweiten Operation. 

Um den Fremdkörper selbst befindet sich ebenfalls ein hohes zylin- 
drisches Epithel mit wabigem Bau des Protoplasmas und ausgezackten peripher 
gestellten Kernen. Alles übrige wie beim Zwischenstück. 

Resume: Deutliche Rückbildungserscheinungen (Fettdegeneration des 
Epithels), zystische Entartung der Drüsen mit einiger Erinnerung an die 
echte Placenta. Eine weitere Ähnlichkeit mit der letzteren ist das Verhalten 
der tiefen Drüsenschicht und die oberflächliche Kammerbildung. Beide sind 
aber weniger typisch und undeutlich. 


Hündin VI. Weisser Spitz, 2 Jahre alt, am 3. März brünstig, 
zeigt typische Brunstblutung, starke Schwellung der Scham. Operation am 
6. März 1912. Ovarien zeigen wenig ausgebildete Follikel, Uterus stark 
hyperämisch. Material: Ein 1 cm langes Kontrollstück. Fixierung: Formol. 


Uber Reizwirkungen von Fremdkörpern ete. 151 


Färbung: Hämatoxylin-Eosin. Umgestanden am 14. März infolge diffuser 
Peritonitis auf Grund der Selbsteröffnung der Bauchhöhle am 8. Tage nach 
der Operation. Material: Uterusrest. Fixierung: Formol. Färbung: Häma- 
toxylin-Eosin. 


Histologischer Befund: Kontrollstück. 


Der Uterus befindet sich hier im Stadium der Brunstblutung. Man 
bemerkt ein zylindrisches Epithel mit dicht gedrängten Zellen. Der Drüsen- 
reichtum ist mässig, mit mittelhohem nicht sezierendem Epithel der Drüsen- 
lumina. Die Anfangsteile der tiefen Drüsen zeigen einen gestreckten Verlauf. 
Endlich finden sich ausser einem gleichmässig aufgelockerten Strome mit 
grossen Kernen zahlreiche subepitheliale Blutungen. 


Stück mit Fremdkörper. 

Das histologische Bild dieses Präparates ist durch zellige Infiltrate, 
welche ihre Ursache in einer Allgemeininfektion der Bauchhöhle haben, ge- 
trübt, weshalb sich dieser Fall zur genauen Besprechung nicht eignet. Eine 
vom Fremdkörper ausgelöste Reaktion war jedoch bestimmt nicht nachweisbar. 


Hündin VII. Kurzhaariger schwarzer Spitz, 5jährig, laut Angabe 
4 Tage brünstig, Scham stark geschwollen, rostfarbener Ausfluss. Operation: 
6. März 1912. Am rechten Ovarium deutliche Follikelbildung, Uterus stark 
hyperämisch. Von der Exstirpation des Kontrollstückes wurde wegen der 
deutlichen klinischen Erscheinungen und des sicheren Inspektionsbefundes bei 
der Operation Abstand genommen. Fremdkörper wurden nur in das linke 
Horn eingeführt. Vertilgt am 27. März. Material: Uterus und Övarien, 
welch letztere deutliche Corpora lutea zeigen. Die Fremdkörper befanden 
sich grösstenteils gegen das caudale Ende des Hornes zu. Ein Korn fand sich 
im rechten Horne, wohin es spontan gewandert ist. Fixierung: Flemming. 
Färbung: Heidenhain. 


Histologischer Befund: Stück mit Fremdkörper. 
Drüsenverlauf schief zur Oberfläche, das Epithel zylindrisch, das 
Stroma leicht faserig. 


Zwischenstück. 


Das Epithel etwas höher, Drüsenverlauf geschlängelt, die Enden ver- 
zweigt und stark aufgeknäuelt, Sekretion vorhanden. Der Uterus befindet 
sich im Stadium der Drüsenhyperplasie: Keine Reaktion auf den Fremdkörper. 


Hündin VIII. Französischer Bulldogg, 5 Jahre alt, seit etwa einer 
Woche brünstig, zeigt stark geschwollene Scham und rötlichen Ausfluss. 
Operation am 16. April 1912. Ovarien zeigen ziemlich entwickelte zahlreiche 
Follikel. Uterus stark gerötet, sehr turgeszent. Entnahme eines Kontroll- 
stückes. Fixierung: Formol. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. Hat am 18. April 
männlichen Hunden gestanden; es wurde ein Belegakt vermieden. Ebenso am 
folgenden und nächstfolgenden Tage. Vertilgt am 16. Mai 1912. Uterus 


zeigt deutliche Korkzieherwindungen. Schleimhaut von heller, gelb rötlicher 
9* 


132 Kuno Krainz: 


Färbung. Kein einziger Fremdkörper ist aufzufinden. In beiden Ovarien 
gut ausgebildete Corpora lutea. Material: Uterus und Ovarien. Fixierung: 
Formol. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. 


Histologischer Befund: Kontrollpräparat. 


Dieses bietet das Bild der abklingenden Brunstveränderungen. 


Uterus und Ovarien nach der Vertilgung. 


Die Uterusschleimhaut zeigt deutlich alle Kriterien, welche dem hyper- 
plastischen Stadium der Drüsen eigen sind: Hohes zylindrisches Epithel und 
starke Knäuelung der Drüsenendstücke, welche eine dicke Schichte der Schleim- 
haut ausmachen. In den Ovarien bemerkt man einige alte und mehrere gut 
ausgebildete, junge Corpora lutea. 


Ovarien. 
Man bemerkt einige alte und mehrere gut ausgebildete, junge 
Corpora lutea. 


Hündin IX. Braune Dachshündin, zur Zeit des ersten Versuches 
drei Jahre alt, wurde im nichtbrünstigen Zustande am 25. November 1910 
operiert, jedoch ohne Entnahme eines Kontrollstückes, ohne Tubenunter- 
bindung. Trotz eingeführter Schrote wurde selbige am 30. Juni 1911 läufig 
und von einem Bulldogg gedeckt. Am 4. August 1911 abermals operiert, 
wobei ein Ovarium und ein Stückchen Uterus mit Fremdkörper exstirpiert 
wurde. Gravidität war makroskopisch nicht nachweisbar. Am 20. Februar 1912 
wurde die Hündin abermals brünstig und am 22. Februar 1912 getötet, 
nachdem sie sich kurz vorher willig decken liess. Sowohl äusserlich als 
auch makroskopisch am Uterus und den Ovarien waren alle Zeichen der 
Brunst deutlich nachweisbar. Gewonnenes Material: Nach der zweiten 
Operation ein Stück Uterus mit Fremdkörper sowie ein Ovarium. Fixierung: 
Formol. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. Nach der Vertilgung der Uterusrest 
samt Ovarium. 


Histologischer Befund: Uterusstück mit Fremdkörper 
nach der zweiten Operation. 


Uterus gross, zeigt Längsfalten, Uteruslumen ebenfalls sehr weit. 
Neben dem kreisförmigen Hohlraum, welchen der Fremdkörper einnahm, 
zeigen sich noch vielfach verzweigte Spalten, die infolge Faltenbildung zu- 
stande kamen. Das Öberflächenepithel, welches überall unversehrt erhalten 
ist, zeigt ziemlich hohe zylindrische Zellen. Die Drüsen besitzen kleine 
steil-korkzieherartige Windungen, ihr Epithel ist teilweise mittelmässig hoch, 
teilweise schon niedrig. Kerne regelmässig, Mitosen fehlen. Das Stroma 
ist noch ziemlich durchsaftet und bildet breite Wände zwischen den Drüsen. 
In den Luminis bemerkt man mit Eosin färbbares Sekret. 


Zwischenstück nach der zweiten Operation. 
Dieses zeigt dieselben Verhältnisse. 


2. 0 0 & 299 
Uber Reizwirkungen von Fremdkörpern etc. 153 


Ovarium nach der zweiten Operation. 


Schön ausgebildete Corpora lutea. 

Resum&: Der Uterus befindet sich im Stadium der beginnenden Rück- 
bildung; der Befund ist der nach der Zeit zu erwartende. Das Zustande- 
kommen der Gravidität wurde jedenfalls durch ein enges Anliegen der 
Schleimhaut an die Fremdkörper während der Brunst verhindert. 

Die Hündin wurde wie berichtet ein zweitesmal läufig und um den 
Beweis geführt zu erbringen, dass es sich um eine physiologisch richtige 
Brunst handelt, wurde das Tier getötet und das Genitale histologisch unter- 
sucht. Die Gebärmutterschleimhaut zeigt alle Kriterien, wie sie der Brunst 
zukommen, in sehr ausgeprägter Weise und an dem nach der zweiten 
Operation noch zurückgebliebenen Ovar finden sich am ersten Beginne der 
Entwicklung stehende Corpora lutea (Fig. 1, Taf. IV). 


Hündin X. Mittelgrosser, schwarzer Jagdhundbastard (Vorstehhund), 
zeigt am 13. Juni 1912 eine deutliche Blutung aus der Vagina. Nach Angabe 
des Besitzers nicht gedeckt; operiert am 18. Juni 1912. Uterus sehr 
turgeszent, zeigt deutliche Windungen; an jedem Övar finden sich einige 
sprungreife und fast sprungreife Follikel. Es wurde aus dem rechten Horn 
ein Kontrollpräparat entnommen und in den Stumpf sechs Porzellanschrote 
eingeführt. Gewonnenes Material: Ein 1 cm langes Kontrollstück (Textfig. 2). 


Fixierung: Formol. Färbung: Hämatoxylin-Eosin. Die Tube des linken 
Ovars wurde doppelt ligiert. Getötet am 16. Juli 1912. An beiden Ovarien 
Corpora lutea. Die Lage der Fremdkörper ist vollkommen verändert (Textfig. 3), 
Gewonnenes Material: Uterusrest samt beiden Ovarien. Fixierung: Formol. 
Färbung: Hämatoxylin-Eosin. 


134 Kuno Krainz: 


Histologischer Befund: Kontrollstück. 
Uterus relativ gross. In der Schleimhaut keine Blutungen mehr 
nachweisbar. Die Dicke der letzteren ist mächtig. Das Oberflächen- und 
Drüsenepithel ist sehr hoch. Die Kerne zeigen deutliche Färbung. Ihr 


Fig. II. 


Chromatinnetz ist deutlich sichtbar. In der Tiefe der stark geknäuelten 
Drüsen finden sich neben zahlreichen Mitosen schöne Stiftchenzellen. Das 
Stroma ist stark durchsaftet, seine Kerne sind gross und blass. Der Uterus 
befindet sich demnach im Stadium der beginnenden Drüsenhyperplasie. 


Stelle mit Fremdkörper. 


Das ÖOberflächenepithel ist hoch zylindrisch mit schwach färbbaren 
Kernen, seine Zellen sind aber stellenweise aus dem Zusammenhang gerissen 
und zeigen bezüglich des Protoplasmas Schrumpfungserscheinungen. Die 
Oberfläche ist mit einer Sekretmasse von gleicher Tinktionsfähigkeit wie 
die Zelleiber des Epithels bedeckt und es sind in diesem Sekret auch einzelne 
Kerne nachweisbar. Ebenso ist in den Krypten und den Anfängen der 
langen Drüsen das Epithelrohr von der Bindegewebshülle teilweise manchmal 
auch ganz isoliert und die zylindrischen Zellen derselben besitzen dem Ober- 
flächenepithel ähnliche grosse, schwach färbbare Kerne. In manchen Krypten 
und Drüsenanfängen ist die Lockerung der Epithelzellen noch weiter ge- 
diehen, ihre Leiber erscheinen wie zerschmolzen und die Kerne liegen mehr 
oder weniger frei mit der Sekretmasse vermischt im Drüsenlumen. In der 
Tiefe sind die Drüsenzellen besser erhalten. Sie sind niedriger, zylindrisch, 
die Kerne besser tingierbar und sind die Zellen sowohl untereinander wie 
mit dem Bindegewebe in gutem Zusammenhange. Ob nun der defekte Zu- 
stand der oberflächlich gelegenen Epithelschicht auf physiologische Vorgänge 


Über Reizwirkungen von Fremdkörpern ete. 135 


oder ungeeignete Fixierung zurückzuführen ist, kann ich nicht bestimmt 
entscheiden. Das angewendete Fixierungsmittel (Formol) hat sich im all- 
gemeinen als relativ sehr befriedigend erwiesen; ich glaube annehmen zu 
dürfen, dass die beschriebenen Epithelveränderungen auf eine übermässige 
Empfindlichkeit desselben, wie eine solche in anderen Stadien des endo- 
metralen Zyklus nicht vorkommt, zurückzuführen sind, wenn nun demzufolge 
die genannten Epithelveränderungen auch tatsächlich artifizieller Natur wären, 
so scheinen sie doch für ein gewisses Stadium des Zyklus bei genannter 
Fixierung charakteristisch zu sein und sie werden in diesem Sinne auch 
eingehend von Keller als wahrscheinlicher Beginn des Rückbildungsstadiums 
beschrieben. Die Annahme, dass es sich um eine verschiedene Empfindlich- 
keit der Zellen gegen das angewandte Fixierungsmittel handelt, wird insofern 
plausibel, als sich an einer Stelle des Präparates neben den beschriebenen 
bereits stark reduzierten Drüsenknäuel auch einige kleine Drüsenpakete finden, 
bei welchen die Zellen noch jene Eigenschaften besitzen, die ihnen zu Beginn 
des hyperplastischen Stadiums zukommen. Sie sind hoch, besitzen grosse, 
leicht tingierbare Kerne und ausserdem sind zahlreiche Mitosen nachweisbar. 
Wenn man von diesem Befund, dem nur eine ausnahmsweise Bedeutung zu- 
kommen dürfte, absieht, so mus man den Funktionszustand des Uterus als 
beginnende Rückbildung bezeichnen. 


Zwischenstück. 


Hier ist das histologische Bild vollkommen kongruent. Zwischen den 
Schleimhautfalten finden sich faserig klumpige Sekretmassen. 


Stellemitdrüsigen Erweiterungen (Fig. 2 und 3, Taf. IV). 

Hart anschliessend an die Operationsnarbe des verletzten Hornes zeigt 
dieses eine schon äusserlich bemerkbare Anschwellung, welche sich auf ein 
ungefähr 1 cm langes Stück erstreckt. Beim Einschneiden kann man an 
diesem Gebilde schon mit freiem Auge einen fächerigen Bau erkennen. Die 
mikroskopische Untersuchung ergibt, dass die oberflächlichen Anteile der 
Drüsen bedeutend erweitert sind, so dass zwischen den Zellen nur ganz 
schmale Stromawände stehen geblieben sind. Diese oberflächliche, sozusagen 
eystös entartete Schichte der Schleimhaut ruht auf einem tieferen Anteil der 
Schleimhaut, dessen Drüsen etwas erweitert sind, jedoch besitzt die Schleim- 
haut eine reiche Bindegewebslage, welche insbesondere an den Grenzen der 
beiden geschilderten Schichten sich als zusammenhängende Platte (Drüsen- 
deckschichte) präsentiert. Das Epithel der erweiterten oberflächlichen Drüsen 
ist nur an wenigen Stellen ein wohlerhaltenes Zylinderepithel. Man findet 
vielfach ein niedriges, fast plattes Epithel mit quergestellten Kernen. Am 
reichlichsten vertreten ist aber eine oberflächliche Lage von keulenförmig 
gestalteten Epithelien. Diese eigentümliche Sonderform ist besonders auf- 
fallend an den freien Enden der Scheidewände, welche die Drüsenhohlräume 
teilweise unterteilen. Die Drüsenlumina selbst sind reichlich mit gekörntem 
und faserigem Sekret ausgefüllt, dem stellenweise reichlich Zelltrümmer bei- 
gemischt sind. Das Epithel der tiefen Drüsenschicht ist annähernd kubisch, 
die Zellen sind meist sehr regelmässig gestellt, doch finden sich auch Ein- 


136 Kuno Krainz: 


stülpungen der Wandungen in das Lumen vor. Diese Drüsen enthalten 
ebenfalls reichlich Sekret. 

tesum&e: Das histologische Bild hat mit einer normalen, jungen 
Placentaranlage Ähnlichkeit wegen der Bildung einer oberflächlichen spongiösen 
Schicht, in welcher auch die bei der Placentation auftretenden Gestaltver- 
änderungen der Epithelien, wie sie bei der Placentation nachweisbar sind, 
vorkommen. Fernerhin ist eine ziemlich deutlich differenzierte tiefe Drüsen- 
schicht und Drüsendeckschicht vorhanden und endlich wurden in einzelnen 
Drüsenschläuchen Wucherungen nachgewiesen, wie solche ebenfalls bei der 
Bildung einer normalen Placenta sich entwickeln. 


Besprechung der Befunde. 


In meiner Versuchsreihe ist wie ersichtlich nur in einem 
Falle (Hündin IX) das physiologische Verhalten des Uterus, welcher 
Fremdkörper in sich trug, über eine Zeitdauer hinaus beobachtet 
worden, die ein mehrfaches beträgt von der durchschnittlichen 
Länge der dem Hund eigentümlichen Geschlechtsperioden. Die 
genannte Beobachtungszeit betrug 1'/»2 Jahre, innerhalb welchen 
Zeitraumes die Brunst ungefähr dreimal hätte auftreten sollen. 
Tatsächlich wurde sie von mir zweimal beobachtet. Es ist nun 
bekannt, dass bei der Hündin die einzelnen Geschlechtsperioden 
durchaus nicht sechs Monate umfassen müssen, sondern dass 
auch länger dauernde Intervalle von einer Brunst zur andern sehr 
häufig zu beobachten sind. Wenn diese also nach dem Einführen 
der Fremdkörper scheinbar verspätet eingetreten ist, muss darin 
kein ursächlicher Zusammenhang liegen. Die erste Brunst muss 
insofern als echt betrachtet werden, als sie in ihrem klinischen 
Verlauf ein vollkommen typisches Bild zeigt und auch der Oestrus 
durch stattgehabte Belegakte erwiesen ist. Ausserdem wurden 
bei der folgenden Operation in den Ovarien die beweisenden, 
frischentwickelten Corpora lutea nachgewiesen. Das Ausbleiben 
einer Gravidität lässt sich wohl zwanglos in der Art erklären, 
dass die von der Schleimhaut eng umschlossenen Fremdkörper 
ähnlich wie ein Occlusivpessar das Vordringen der Spermien zu 
den gewiss vorhandenen befruchtungsfähigen Eiern verhinderten. 
Die Echtheit der zweiten Brunst aber wurde nicht bloss klinisch - 
symptomatisch, sondern auch durch die histologische Untersuchung 
des restierenden Genitaltraktes sowohl am Ovar als auch an der 
Uterusschleimhaut einwandfrei bewiesen. 

Wenn ich also auch nur über diesen einzigen Fall verfüge, 
so glaube ich ihm doch wegen der genauen Sicherstellung der 


Über Reizwirkungen von Fremdkörpern etc. 137 


Symptome eine ganz besondere Beweiskräftigkeit beimessen zu 
dürfen: Die eingeführten und am Schluss der Untersuchung noch 
vorhandenen Fremdkörper waren nicht imstande, den normalen 
Ablauf der Geschlechtsperioden zu sistieren. 

Wenn nun entgegen diesen Erfahrungen beim Tragen muni- 
fizierter Früchte, wie authentische Berichte sagen, ein Sistieren 
der Brunst beobachtet wurde. so besteht wohl der Grund zur 
Annahme, dass in diesem Falle Sonderverhältnisse ursächlich mit- 
spielten. Es ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass die 
ursprünglich aseptisch munifizierten Früchte durch späteres Ein- 
dringen von Keimen zu einer chronischen, wenn auch nicht äusser- 
lich sehr auffallenden Erkrankung der (Gebärmutterschleimhaut 
Anlass gegeben haben. Ob nun eine solche Endometritis an und 
für sich oder mit dem Umweg der Persistenz des Corpus luteum 
im Ovar zum Sistieren der Brunst führt, kann ich weder aus 
fremden noch aus eigenen Erfahrungen erklären. Es kann aber 
vorläufig doch nicht von der Hand gewiesen werden, dass in der 
von mir entworfenen Hypothese die richtige Ursache der Störung 
in der Genitalfunktion getroffen ist. Wenn wir nun absehen von 
pathologischen Zuständen der Gebärmutterschleimhaut, bei welchen 
die Fremdkörper vielleicht als Ursache oder sekundär als ein die 
Heilung hemmender Faktor Sterilität hervorriefen, so scheint im 
Gegenteil dazu der unter aseptischen Kautelen in den Uterus 
eingebrachte und ebenso darin verharrende Fremdkörper reaktions- 
los vertragen zu werden. Dieser Ausspruch bedarf aber insofern 
einer Einschränkung, als, wie Loeb in seinen Untersuchungen 
an Meerschweinchen und Kaninchen erwiesen hat, ein Sensibilitäts- 
stadiunm vorkommen kann, in welchem der frisch einsetzende Reiz 
fremder Körper eigenartige Umwandlungen des endometralen 
Gewebes anregt. Diese bewegen sich im Sinne der Placentom- 
bildung und sind, wie der genannte Autor ebenfalls gefunden hat, 
von relativ nur kurzer Lebensdauer; sie kämen also voraussicht- 
lich für die Erklärung eines dauernden Brunstausfalles nicht in 
Betracht. 

Nach meinen eigenen vorstehend geschilderten Unter- 
suchungen konnten keine solchen Veränderungen auf blosser Grund- 
lage des Fremdkörperreizes zustande gebracht werden. Jedoch 
wurden in zwei Fällen den von Löb beschriebenen artifiziellen 
Placentomen ähnliche Reaktionen erzielt, welche ich auf die 


138 Kuno Krainz: 


relativ starke Reizwirkung infolge der Operation am Uterus, wie 
den Amputationsschnitt, eventuell die Naht der Amputationsstelle, 
zurückführen zu müssen glaube. Der auslösende Reiz traf den 
Uterus in beiden Fällen zu einer Zeit, in welcher er sich in 
einem Stadium exzessiven Wachstums befand und welches von 
Keller als Stadium der Drüsenhyperplasie bezeichnet wurde. 
Die von mir bei der Hündin auf diese Weise erzielten endo- 
metralen Wucherungsprozesse zeigen folgende Eigentümlichkeiten 
in ihren gröberen Strukturverhältnissen: Die Schleimhaut ent- 
wickelt oberflächlich gelegene, zystisch aussehende, gefächerte 
Drüsenerweiterungen, die in ihrem Inneren von keulenförmig ge- 
stalteten sezernierenden Epithelzellen ausgekleidet sind. Durch 
eine mehr oder weniger zusammenhängende und differenzierte 
Bindegewebslage sind die am Grunde der Schleimhaut gelegenen 
Drüsenknäuel von der beschriebenen zystösen Schichte geschieden. 
Die in der Tiefe gelegenen Drüsenabschnitte sind ebenfalls über 
die Norm (mit dem nicht trächtigen Uterus verglichen) erweitert 
und tragen ein homogen gestaltetes sehr niedriges Epithel. Auf 
die weitesten Details einzugehen, wie beispielsweise auf eine in 
Betracht kommende Symplasmabildung, gestatten mir die ver- 
arbeiteten Präparate nicht. Nichtsdestoweniger glaube ich aber, 
dass die angegebenen Befunde tatsächlich eine gewisse Ähnlich- 
keit mit einer normal zustande gekommenen Placentaranlage nicht 
verkennen lassen. Die oberste zystös entartete Schleimhautpartie 
kann mit der Drüsenkammerschichte Bo nnets (spongiöse Schichte 
Duwals), die darunter liegende Bindegewebsmembran mit der 
sogenannten Drüsendeckschichte und die erweiterten peripheren 
Drüsen mit der sogenannten tiefen Drüsenschichte in Parallele 
gesetzt werden. Ich glaube auch Bilder in den Drüsen gesehen 
zu haben, die als Invagination nach Bonnet gedeutet werden 
können. Dass die beschriebenen Veränderungen nicht durch den 
Reiz des Fremdkörpers, sondern durch den Reiz der Operation 
hervorgerufen wurden, glaube ich aus folgenden Gründen an- 
nehmen zu dürfen: In dem einen Falle (Hündin V) war nicht 
bloss jene Stelle, an welcher der Fremdkörper lag, sondern das 
Endometrium in toto entartet. Eine besonders reichliche Drüsen- 
wucherung fand sich sozusagen extrauterin, indem nämlich die 
Schleimhaut durch die Amputationswunde reichlich in Form eines 
haselnussgrossen Knotens hervorwucherte. Im zweiten Falle 


Über Reizwirkungen von Fremdkörpern etc. 159 


(Hündin X) war die Schleimhaut überall, wo die Fremdkörper 
lagen, bereits in Rückbildung begriffen und die entartete Schleim- 
hautzone lag wie erwähnt knapp angrenzend der Amputations- 
stelle. Es ist damit nicht gesagt, dass der durch die Fremd- 
körper allein verursachte Reiz, wenn er in der sensiblen Periode 
unvermittelt einsetzt, nicht ebenfalls Anlass zu Veränderungen 
der Schleimhaut geben kann. Aber den Beweis hierfür zu er- 
bringen, ist bei der Hündin sehr schwierig, da der Fremdkörper 
in diesem Stadium ausschliesslich wohl nur im Wege der Lapar- 
atomie eingebracht werden kann, während seine Einführung per 
vaginam wegen der bedeutenden Enge des Uteruslumens im 
hyperplastischen Stadium auf überaus grosse technische Schwierig- 
keiten stossen dürfte. Es scheint, dass in dem genannten Stadium 
überhaupt jeder Reiz imstande ist, die Uterusschleimhaut zum 
Wachstum in bestimmter Richtung anzuregen, auch der Ent- 
zündungsreiz. So hat mir zum Beispiel Herr Professor Dr. Keller 
Präparate von Hündinnen gezeigt, die mit Pyometra behaftet 
waren. Am Endometrium derselben fand sich eine oberflächliche 
Drüsenwucherung mit stark sezernierenden Epithelien und er- 
weiterten Drüsenknäueln mit einiger Ähnlichkeit an die beob- 
achteten Bilder. 

Eine Prüfung der speziellen Lokalwirkung der Fremdkörper 
auf die Uterusschleimhaut stösst entschieden auf einen Übelstand, 
der darin liegt, dass die Fremdkörper den Platz, der ihnen im 
Uterus gegeben wurde, nicht beibehalten. Ich habe fast in allen 
meinen Präparaten kleine Ortsveränderungen der Fremdkörper 
verschiedenen Grades konstatieren können. In einem Falle 
(Hündin VIII) wurden ja, wie bekannt, alle Fremdkörper aus- 
geschieden. Hierzu muss ich aber bemerken, dass die verwendeten 
Porzellanschrote von einer solchen Grösse gewählt wurden, dass 
sie gerade noch ohne allzugrosse Gewaltwirkung an den für sie 
bestimmten Platz geschoben werden konnten. Gewöhnlich waren 
die Schrote gegen den Gebärmutterkörper zu gewandert, in einem 
Falle (Hündin VII) bewegte sich ein Korn sogar spontan vom 
operierten Horn in das ursprünglich von Fremdkörpern freige- 
haltene (innere Überwanderung). Kert&sz beschreibt, wie ein- 
gangs ersichtlich, ähnliche Phänomene, eine Bestätigung der längst 
gemachten Erfahrungen, dass der Uterus die Tendenz hat, Fremd- 
körper zu eliminieren. 


140 


Kuno Krainz: 


Zusammenfassend lassen sich meine Ergebnisse in folgende 


kleiden: 
1E 


1: 


JUBE 


Iy; 


Schlußsätze 


Die ruhende Schleimhaut des Hundeuterus reagiert auf 
eingebrachte Fremdkörper nicht mit histologischen Ver- 
änderungen. 

Während der Brunst eingebrachte Fremdkörper stören 
den normalen Ablauf des endometralen Veränderungs- 
zyklus in keiner Weise. Unter den angegebenen Be- 
dingungen scheinen sie also keine dem befruchteten Ei 
ähnliche Reizwirkung auszuüben. 

Während des Stadiums der Drüsenhyperplasie ist bei der 
Hündin eine erhöhte Sensibilität der Schleimhaut vor- 
handen, welche sich darin äusserst, dass zu dieser Zeit 
einsetzende grobe Reize (Einschnitte) cystische Drüsen- 
entartungen hervorrufen. Man kann diese Erscheinung, 
insoweit sie sich auf die Reaktibilität allein bezieht, mit 
den von Löb am Kaninchen und Meerschweinchen ge- 
machten Befunden in Parallele ziehen. Bezüglich der 
von dem genannten Forscher festgestellten Placentom- 
bildung, hervorgerufen durch Reizwirkung (Verletzung 
und Fremdkörper), trifft die erwähnte Parallelstellung mit 
meinen Befunden bei der Hündin insofern nicht zu, als 
die Regelmässigkeit der Drüsenumbildung bei den experi- 
mentell erzeugten Wucherungszuständen vermisst wurde. 
Die länger im Uterus verbleibenden Fremdkörper sind 
nicht imstande, die Einleitung neuer Geschlechtsperioden 
zu verhindern. 

Der Uterus hat die Tendenz, in seinem Inneren vorhandene 
Fremdkörper auszuscheiden. 


sw 


=] 


Fig. 


Fig. 


Über Reizwirkungen von Fremdkörpern etc. 141 


Literaturverzeichnis. 


Bonnet: Beiträge zur Embryologie des Hundes. Anatomische Hefte, 
IFA: 1903. 

Eloir: Bulletin de la Societ&e centrale. 13. Juli 1882. 

Frank: Tierärztliche Geburtshilfe. IV. Auflage, 1901. 

Grosser, Otto: Vergleichende Anatomie und Entwicklungsgeschichte 
der Eihäute und der Placenta. 

Keller: Über den Bau des Endometriums beim Hunde, mit besonderer 
Berücksichtigung der zyklischen Veränderungen an den Uterindrüsen. 
Anatomische Hefte von Fr. Merkel in Göttingen und R. Bonnet in 
Bonn, Bd. 39. 

Kertesz: Ist das Schroten der Schweine geeignet, die Brunst zu 
verhüten? Allatorvosi Lapok Nr. 47, 1911, Ref. Berlin. Tierärztl. Wochen- 
schrift, XXVII. Jahrg. 1912. 

Löb: Beiträge zur Analyse des Gewebswachstums. Arch. f. Ent- 
wicklungsmechanik v. Roux, XXVII. Jahrg. 1909. 

Rossignol: Journal de med. vet. de Lyon, 1850. 

Schmaltz: Harms, Lehrbuch der tierärztlichen Geburtshilfe. 
Siefke: Das Verhüten des Geschlechtstriebes der Hündinnen. B. T. 
W.XXVINH. Jahrg. 1912. 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel IV. 


1. Uterusschleimhaut von Fall IX. Das Präparat wurde nach Tötung 
des Tieres im Stadium der Brunst gewonnen. Das Oberflächen- 
epithel wie das Drüsenepithel ist überall unverletzt und unverändert 
(mit der zur Zeit der Brunst eigentümlichen Höhe) vorhanden, das 
Bindegewebe des Stromas erscheint so gequollen wie bei normaler 
Brunst. Vergrösserung 1:70. 

2. Plazentomähnliche Bildung von Fall X. Das Präparat zeigt eine 
Zone der Kreismuskulatur, daran angrenzend eine Drüsenschichte, 
die mit der tiefen Drüsenschichte der Plazenta Ähnlichkeit hat und 
darüber eine spongiöse Schichte, zustande gekommen durch eine 
übermässig starke Erweiterung der Drüsen, so dass nur sehr dünne 
Scheidewände zwischen den Drüsenhohlräumen stehen geblieben sind. 
Die spongiöse Schichte und die tiefe Drüsenschichte sind durch eine 
ziemlich stark ausgebildete Bindegewebslage (Drüsendeckschichte) 
voneinander geschieden. Vergrösserung 1: 25. 

3. Diese zeigt Details aus dem vorhergehenden Bilde. In der Ober- 
flächenschichte das geblähte, teilweise keulenförmig gestaltete Epithel 
der Spongiosa mit seinem wabigen Protoplasma, darunter einige 
Querschnitte aus der tiefen Drüsenschichte, die stark erweitert sind 
und ein sehr niedriges, zum Teil plattenartiges Epithel besitzen. 
Vergrösserung 1: 250, j 


142 


Aus dem Histologischen Laboratorium der Medizinischen Hochschule für Frauen. 


Der Netzapparat von Golgi in den Zellen des 
Eierstockes. 


Von 
stud. L. Kulesch. 


Hierzu Tafel V. 


Im Jahre 1598 hat, wie bekannt, Golgi') als erster darauf 
aufmerksam gemacht, dass auf Präparaten, die mit salpetersaurem 
Silber imprägniert worden waren, in verschiedenen Nervenzellen 
ein besonderes Grebilde klar hervortritt, welches er als „Apparato 
reticolare interno“ bezeichnete. Dasselbe besteht aus feinen Fäden, 
die sich mannigfach winden, miteinander verbinden und den Zell- 
kern umgeben. Diesen Apparat fand Golgi?) in Zellen des Rücken- 
markes und des verlängerten Markes, in den Purkinjeschen 
Zellen, in den Spinalganglienzellen usw. In der Folge sind gleiche 
Apparate von ihm?) in den Magenepithelzellen des Frosches 
beschrieben worden. Seit der Zeit ist der Netzapparat von zahl- 
reichen Forschern (Neigri, Gemelli, Marenghi, Strofeni, 
Decio, Barinetti, Maccabruni, Veratti und vielen 
anderen), hauptsächlich Golgis Schülern, nicht nur in Nerven- 
zellen, sondern auch in verschiedenen anderen Zellen verschiedener 
Tiere gefunden worden. In letzter Zeit haben schliesslich Pensa®) 
und Pilat?) auf den engen Zusammenhang des Apparates mit 
£ !) Intorno alla struttura delle cellule nervose. Arch. ital. de Biol,, 
vol. 30, 1898. 

?, Di nuovo sulla struttura delle cellule nervose dei gangli spinali 
(communicatione fatta alla societa medico-chirurg. di Pavia nella seduta 
20 gen. 1899). 

°), Di una minuta particularitä di struttura dell’ epitelio della mucosa 
gastrica ed intestinalis di alcuni Vertebrati. Arch. per le scienze med., 
vol. 33, 1909. 

*) Sopra una fina particolaritä di struttura di alcune cellule delle 
capsule soprarenali. Boll. Soc. Med. Chir. Pavia 1899. 

5) Der „Apparato reticolare interno“ in den Epithelzellen der Neben- 


niere des Igels (Erinaceus europ.). Travaux de la Soc. Imp. des Naturalistes 
de St. P&tersbourg, t.43, livr. 1, 1912. Arch. f. mikr. Anat., Bd. 50, 1912. 


Der Netzapparat von Golgi in den Zellen des Eierstockes. 143 


der Sphäre hingewiesen, während Perroncito®) und Deineka’) 
die Aufmerksamkeit auf gewisse Veränderungen, die der Netz- 
apparat während der mitotischen nnd amitotischen Teilung er- 
leidet, gelenkt haben. Über die Natur des Apparates werden die 
widersprechendsten Ansichten ausgesprochen, die ich jedoch hier 
nicht anführen werde, da sie ausführlich in der Mitteilung von 
J. Duesberg°) besprochen werden. Es sei hier nur die Meinung 
Duesbergs über den Apparat angeführt: „Ich schliesse daraus, 
dass der Netzapparat nicht, wie Golgi und seine Schule glauben, eine 
spezielle Örganelle der Zelle ist, sondern dass er einfach das Resultat 
der Silberimprägnierung sehr verschiedener Formationen ist“ (8.889). 

Auf den Rat von Herrn Prof. Dr. A. D. Dogiel habe ich 
zum Studium des Netzapparates den Eierstock von Säugetieren 
(Katze, Hund, Kaninchen, Meerschweinchen, weisse Ratte, Igel) 
gewählt, da in den Zellen dieses Organs der Netzapparat noch 
sehr wenig untersucht worden ist. In dieser Hinsicht sind nur 
kurze Hinweise von A. Neigri”) auf sein Vorhandensein in den 
Epithelzellen des Eierstockes, sowie eine ausführlichere Beschreibung 
desselben in den Luteinzellen (bei der Kuh) aus der letzten Zeit 
von Riquier!®) vorhanden. 

Bei meinen Untersuchungen habe ich mich ausschliesslich 
des Verfahrens von Golgi bedient, nach der von Riquier an- 
gegebenen Weise, und habe nur geringe Abweichungen in Ab- 
hängigkeit vom Material gemacht. Vermittelst dieses Verfahrens 
ist es mit gelungen, in den Zellen des Keimepithels, des Follikel- 
epithels, sowie in jungen Eizellen, in Bindegewebszellen des 
Eierstockes der oben angeführten Tiere Gebilde darzustellen, die 
den in Zellelementen verschiedener anderer Organe beschriebenen 
Netzapparaten vollkommen analog waren. 


6) Beiträge zur Biologie der Zelle (Mitochondrien, Chromidien, Golgi- 
sches Binnennetz in den Samenzellen). Arch. f. mikr. Anat., Bd. 47, 1911. 

”) Der Netzapparat von Golgi in einigen Epithel- und Bindegewebs- 
zellen während der Ruhe und während der Teilung derselben. Anat. Anz., 
Ar Bd., Nr.11, 1912. 

®) Plastosomen, „Apparato reticolare interno“ und Ohromidialapparat. 
Ergebn. d. Anat. u. Entw., herausg. von Fr. Merkel u. R. Bonnet, Bd. 20, 1911. 

®) Di una fina particolaritä di struttura delle cellule di aleune ghiandole 
dei Mammiferi. Boll. Soc. Med. Chr. Pavia, 1899. 

!0) L’apparato reticolare interno nelle cellule del corpo luteo. Boll. Soc. 
Med. Chr. Pavia, 1910. — L’involuzione dell’apparato reticolare interno nelle 
cellule del corpo luteo, ebenda 1910. 


144 L. Kulesch: 


Keimepithel. 


Zwecks Darstellung des Netzapparates in den Zellen des 
Keimepithels verfuhr ich folgendermassen: Der ganze Eierstock 
wurde für eine Stunde in arsenige Säure eingelegt (am zweck- 
mässigsten ist es, den Eierstock mit dem umgebenden Bindegewebe 
herauszuschneiden und in dieses das Organ einzuwickeln, um das 
Keimepithel vor Silberniederschlägen auf seiner Oberfläche zu 
schützen), darauf für zwei Stunden in die Silberlösung. Alsdann 
wurde das Präparat sorgfältig in Wasser ausgewaschen und für 
vier Stunden in das reduzierende (Gemisch übergeführt, aber- 
mals in Wasser abgespült und in Alkohol von allmählich auf- 
steigender Konzentration gehärtet. Ferner kam das entwässerte 
Präparat in ein Gemisch von Alkohol und Äther für zehn Minuten 
und wurde darauf für einige Minuten in Kollodium eingelegt; 
sobald letzteres genügend fest geworden war, wurde dasselbe von 
der Oberfläche des Eierstockes abgezogen. Gewöhnlich wurde auf 
diese Weise mit den Kollodiumstücken auch die Keimepithelschicht 
abgezogen. — Die Kollodiumstücke mit dem Keimepithel wurden 
weiter verarbeitet, schliesslich in Xyloldamarlack oder Xylol- 
Kanadabalsam zwischen zwei Deckgläschen eingeschlossen. 

Bei Durchsicht derartig angefertigter Präparate treten die 
vieleckigen Zellen des Keimepithels mit dem gleichmässig ge- 
färbten runden Kerne, dem der Netzapparat dicht anliegt, deut- 
lich hervor (Fig. 1). Hat der Kern die Form eines lang aus- 
gezogenen Ovals, so liegt der Apparat an einem der Kernpole 
(Fig. 2). 

Der Apparat besteht aus verschieden dicken Fäden, die sich 
miteinander verbinden und einen recht dichten Knäuel bilden; 
bisweilen ist der Apparat in zwei bis drei kleinere Knäuel geteilt, 
zwischen denen feine, die einzelnen Knäuel verbindende Fäden 
ausgespannt sind. Zwischen den Zellen des Keimepithels werden 
selten solche in Teilung angetroffen, infolgedessen habe ich die 
Veränderungen des Apparates während der Teilung nicht be- 
obachten können; ich kann nur die Angabe machen, dass der- 
selbe sein ursprüngliches Aussehen verliert und in einzelne 
Körnchen zerfällt. 

Auf diesen Präparaten sind desgleichen häufig die die 
einzelnen Zellen verbindenden Interzellularbrücken (Fig. 3) 
sichtbar. 


Der Netzapparat von Golgi in den Zellen des Eierstockes. 145 


Follikelepithel. 

Im Follikelepithel ist der Netzapparat in sämtlichen Zell- 
schichten vorhanden (Fig. 4). In der Zylinderzellenschicht mit 
ovalen Kernen liegt der Apparat an dem dem Follikelzentrum 
zugewandten Kernpole und zwar in einiger Entfernung vom Kern. 
Bisweilen in Abhängigkeit von der Schnittrichtung kann jedoch 
der Apparat scheinbar dicht dem Kerne anliegen und sogar den- 
selben umfassen. In den folgenden Epithelschichten sowie in der 
der Zona pellucida anliegenden Schicht mit unregelmässig viel- 
eckigen Zellen und grossen Kernen liegt der Apparat an ver- 
schiedenen Kernpolen in geringer Entfernung von demselben. 
Gewöhnlich hat der Kern an der Stelle, an welcher ihm der 
Apparat anliegt, eine tiefe Delle, bisweilen ist um den Apparat 
eine helle Protoplasmazone, die möglicherweise der Sphäre ent- 
spricht. sichtbar (Fig. 5). Enthält der Follikel bereits den Liquor 
follieuli. so liegt in den den Hohlraum umgebenden, radiär gegen 
denselben gelagerten Zellen der Netzapparat an dem dem Hohl- 
raum zugekehrten Kernpole. Die Form des Apparates bleibt in 
allen Zellen des Follikelepithels im wesentlichen dieselbe: er 
stellt einen Knäuel dar, der aus miteinander verbundenen und 
mannigfaltig durchflochtenen Fäden besteht. Die Form des Knäuels 
kann zum Teil in Abhängigkeit von der Zellform variieren. Bald 
ist er in der Längsachse der Zelle ausgezogen, bald liegt er 
nicht am Pole, sondern seitwärts, bald treten einige Fäden des 
Knäuels aus seinem Bereiche aus usw. 

Die Grösse des Knäuels ist verschieden: zuweilen entspricht 
dieselbe der Grösse des Kernes, d. h. in Zellen mit grossen 
Kernen hat auch der Apparat eine gestreckte Form, bisweilen 
sind jedoch die Apparate bei gleich grossen Zellen von ungleicher 
(srösse. 

Bei jungen Tieren sind die Follikelepithelzellen kleiner als 
bei erwachsenen, gleichzeitig ist auch der Apparat bei ihnen von 
unbedeutender (Grösse und einfach gebaut; seine Grösse erreicht 
ungefähr den zehnten Teil des Kernes, während er in erwachsenen 
Zellen bereits dem Dritteil des Kernes entspricht. 

In vielen Schichten des Follikelepithels wurden Zellen in 
verschiedenen Stadien der karyomitotischen Teilung angetroffen, 
infolgedessen konnten schrittweise die Veränderungen des Netz- 


apparates während der Karyokinese verfolgt werden. 
Archiv f.mikr. Anat. Bd.84. Abt.I. 10 


146 LReull.essichh:: 


In den grossen, zur Teilung sich anschickenden Zellen mit 
grossem, gleichmässig gefärbtem Kerne hat der Apparat das Aus- 
sehen eines schwach gefärbten Netzes (Fig. 6), das aus feinen 
Fäden besteht. Bei stärkerer Vergrösserung (Oc. 12, Obj. homog. 
Immers. !/ı2) erweist es sich, dass jedes Fädchen aus äusserst 
feinen, in einer Reihe angeordneten Körnchen, die durch deut- 
liche Zwischenräume voneinander getrennt sind, besteht (Fig. 6). 
Weiterhin nähern sich die Körnchen einander, wobei gleichzeitig 
die Fäden verkürzt werden und der ganze Knäuel kleiner, jedoch 
dichter und intensiver gefärbt wird (Fig. 7). Jetzt sind die 
einzelnen Körnchen in den Fäden des Knäuels nicht mehr wahr- 
nehmbar, da die Zwischenräume zwischen ihnen geschwunden sind. 
Die Fäden des Knäuels zerfallen darauf allmählich in kurze, 
kompaktere Stäbchen, wobei im Stadium des dichten Mutterknäuels 
der ganze Apparat bereits in Körnchen zerfallen ist, zwischen 
denen hier und da noch Stäbchen liegen (Fig. 5). Um diese Zeit 
beginnt auch eine Verteilung der Teilchen des Apparates an der 
Peripherie des Knäuels. Im Stadium des lockeren Knäuels ordnen 
sich die Körnchen des Apparates zeitweilig an den beiden Polen 
des Knäuels an (Fig. 9), bald jedoch, im Stadium des Mutter- 
sternes, verschwindet diese polare Anordnung der Körnchen, sie 
ordnen sich um die Chromosomen an (Fig. 10). einige derselben 
liegen auch den Spindelfasern an. — Weiterhin folgen die Körn- 
chen des Apparates den auseinander ziehenden Chromosomen (Fig.11) 
und gruppieren sich im Stadium der Tochterkerne um diese (Fig.13). 

In den geteilten Tochterkernen ist der Apparat zunächst 
noch in Körnchen zerfallen (Fig. 14), allmählich jedoch sammeln 
sich die Körnchen in kleinen Schollen (Fig. 15), die sich an den 
beiden Polen der Tochterknäuel konzentrieren und darauf aufs 
Polfeld übergehen: hier ordnen sie sich wieder zu Fäden an und 
bilden Tochterapparate (Fig. 16). Ob sich bei diesem Prozesse 
auf jede Tochterzelle gleiche Körnchenmengen verteilen, worauf 
Perroneito hingewiesen hat, ist schwer zu sagen, da sowohl 
die Zellen als auch die Körnchen, aus denen späterhin der 
Apparat zusammengesetzt wird, zu fein sind. 

In den sich teilenden Zellen des Follikelepithels macht 
somit der Apparat die gleichen Veränderungen durch, wie sie 
Deineka für die Zellen des Hornhautepithels, der Haut usw. 
beschrieben hat. Eine Zellteilung wird in sämtlichen Schichten 


Der Netzapparat von Golgi in den Zellen des Eierstockes. 147 


des Follikelepithels sowohl bei jungen als auch bei erwachsenen 
Tieren beobachtet. 

In den Zellen des Corpus luteum ist der Netzapparat bereits 
von Riquier beschrieben worden, ich möchte hier nur auf einige 
Unterschiede desselben mit den Netzapparaten in anderen Zellen 
des Eierstockes hinweisen. 

Die Zellen des Corpus luteum sind bedeutend grösser als 
die Zellen des Keim- und Follikelepithels; sie enthalten einen 
relativ kleinen, runden, etwas exzentrisch gelegenen Kern. Ent- 
sprechend der Grösse der Zellen ist auch der Apparat in ihnen 
relativ grösser; bisweilen liegt er dem Kern bloss an, bisweilen 
umgibt er fast denselben. Die Struktur des Apparates ist dieselbe 
wie in den anderen Zellen des Eierstockes: derselbe stellt einen 
Fadenknäuel dar. jedoch einen lockereren, infolgedessen seine 
Fäden besser wahrnehmbar sind. In den Zellen des Corpus luteum 
werden desgleichen Zellen in mitotischer Teilung angetroffen, in 
denen auch die Teilung des Apparates zu erkennen ist; dieselbe 
verläuft in genau derselben Weise wie in den bereits be- 
schriebenen Zellen. 

Eizellen. 

Bei jungen Tieren liegt in den unmittelbar unter der Keim- 
epithelschicht, im sogen. primären Follikel, gelagerten Eizellen der 
Netzapparat irgendwo neben dem Kern; er stellt einen dichten, 
aus intensiv gefärbten Fäden bestehenden Knäuel vor; er ist noch 
recht klein und kommt ungefähr einem Drittel des Kernes gleich. 
In etwas grösseren Eizellen aus tiefer gelegenen Follikeln tritt 
der Netzapparat sehr deutlich hervor; hier ist er neben dem 
Kerne gelagert. Er stellt bereits nicht einen dichten Knäuel mit 
kaum wahrnehmbaren Fäden, sondern ein im Protoplasma in 
einiger Entfernung vom Kerne gelegenes Netz dar. In den Zellen 
des Follikelepithels selber sind die kleinen Apparate, die dem 
einen Kernpol anliegen, deutlich zu erkennen. 

Bei erwachsenen Tieren liegt in den von einer Reihe 
Follikelzellen umgebenen Eizellen der Netzapparat desgleichen 
neben dem Kern und stellt bereits einen grossen Fadenknäuel 
vor (Fig. 17), wobei sich die Fäden mannigefach winden und mit- 
einander anastomosieren; in ihnen ist deutlich eine Körnelung 
sichtbar. Ob diese das Resultat der Behandlung der Präparate 


ist oder ob die Fäden aus einzelnen Körnchen zusammengesetzt 
10* 


148 L. Kulesch: 


sind, ist schwer zu sagen. In den Eizellen der Graafschen Follikel 
ist es mir nicht gelungen, einen typischen Netzapparat nachzu- 
weisen. Statt dessen sind im Protoplasma der Eizelle, besonders 
in der Nähe der Zona pellucida, kleine, unregelmässig eckige 
Ringe wahrnehmbar, sowie gebogene Fädchen und Schollen, die 
durch salpetersaures Silber schwarz gefärbt sind. 

Zum Schluss will ich noch bemerken, dass die beschriebenen 
Apparate nicht nur in der Eizelle und in den Zellen des Follikel- 
epithels vorhanden sind, sondern dass sie auch deutlich in allen 
Zellen der Theca fulliculi als auch des Stromas sichtbar sind. 

Auf Grund des hier über den Netzapparat im Eierstock 
Mitgeteilten können folgende Schlüsse gezogen werden: Der Netz- 
apparat ist in den Zellen des Keimepithels vorhanden und bleibt 
in sämtlichen aus diesen entstehenden Zellen erhalten, d.h. in 
jungen Eizellen, im Follikelepithel und in den Zellen des Corpus 
luteum. In allen Zellen behält er seine allgemeinen Merkmale bei: 
er erscheint als ein aus feinen, verschiedenartig gebogenen und 
miteinander verbundenen Fäden bestehender Knäuel und liegt 
neben dem Kern oder in einer geringen Entfernung von demselben. 
An der mitotischen Teilung nimmt der Netzapparat tätigen Anteil: 
die Veränderungen, die er bisher durchmacht, verlaufen in gleicher 
Weise sowohl im Keimepithel als im Follikelepithel. Der Apparat 
ist zweifellos in allen jungen Eizellen vorhanden und fehlt oder 
kann nicht nachgewiesen werden in den Eizellen der Graafschen 
Follikel. Dem Netzapparat kommen einige konstante Eigenschaften 
zu: er wächst mit der Zelle: macht eine Reihe aufeinander 
folgender Veränderungen durch bei der Zellteilung, vermehrt 
sich, wobei er seine Form und Lage ändert, d.h. er vollführt 
eigenartige Bewegungen. Der Netzapparat lebt somit ein gemein- 
sames Leben mit der Zelle. 


= 


oo 


2: 


: 


Der Netzapparat von Golgi in den Zellen der Eierstockes. 149 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel V. 


Eierstock der Katze. Keimepithelzellen. a— Netzapparat; n—Kern. 
Eierstock der Katze. Keimepithelzellen. a = Netzapparat. 
Eierstock eines Kaninchens. Keimepithelzellen. n= Kern; b = Zell- 
protoplasma ; e — Intercellularbrücken. 

Eierstock eines Kaninchens. Auf der Figur ist ein Teil eines grossen 
Follikels abgebildet. t —= Theca folliculi; b —= Zellen des Follikel- 
epithels: a — Netzapparat; z — Zona pellucida. 

Eierstock eines Kaninchens. Follikelepithelzellen. a = Netzapparat, 
um denselben ist ein heller Hof im Protoplasma sichtbar. 
Eierstock eines Kaninchens. Follikelepithelzellen. a = Netzapparat, 
in dessen Fäden eine Körnelung zu erkennen ist. 

Eierstock eines Kaninchens. Follikelepithelzellen. a — Netzapparat. 
Eierstock eines Kaninchens. Follikelepithelzellen. Der Netzapparat 
während der karyokinetischen Zellteillung. a = Schollen des 
"Apparates: b —= dichter Knäuel. 

Eierstock eines Kaninchens. Follikelepithelzellen. Netzapparat 
während der karyokinetischen Teilung. a=lockeres Knäuel. 
Eierstock eines Kaninchens. Follikelepithelzellen. Netzapparat 
während der karyokinetischen Zellteilung. a = Mutterstern. 
Eierstock eines Hundes. Follikelepithelzelle. Netzapparat während 
der karyokinetischen Zellteilung. a — auseinander ziehende Chromo- 
somen. 

Eierstock eines Hundes. Follikelepithelzelle. Netzapparat während 
der karyokinetischen Zellteilung. a Fäden der achromatischen 
Spindel. 

Eierstock eines Meerschweinchens. Follikelepithelzellen. Netzapparat 
während der karyokinetischen Zellteilung. n — Tochterkerne. 
Eierstock eines Kaninchens. Follikelepithelzellen. Netzapparat 
während der karyokinetischen Zellteilung. a — Tochterzellen. 
Eierstock eines Meerschweinchens. Follikelepithelzellen. Netz- 
apparat während der karyokinetischen Zellteilung. a = Tochter- 
zellen. 

Eierstock eines Kaninchens. Follikelepithelzellen. Netzapparat 
während der karyokinetischen Zellteilung. a= Tochterzellen. 
Eierstock eines Kaninchens. Eine junge Eizelle eines Primär- 
follikels. a — Netzapparat. 


Sämtliche Zeichnungen sind vermittelst eines Zeichenapparates nach 
Abbe bei einer Vergrösserung mit Reicherts homog. Immers. !ı: Oc. 4 
gezeichnet worden. 


150 


Über Becher- und Flimmerepithelzellen und ihre 
Beziehungen zueinander. 
Zur Morphologie und Physiologie der Zentralkörperchen. 
Von 


Dr. med. S. Tschassownikow, 
Professor der Histologie an der kaiserlichen Universität zu Tomsk. 


Hierzu Tafel VI und VII. 


Ungeachtet äusserst sorgfältiger Beobachtungen vieler her- 
vorragender Histologen sind die morphologischen und physiologischen 
Eigentümlichkeiten der Zentralkörperchen noch keineswegs ge- 
nügend aufgeklärt. So behaupten einige Forscher (Joulin, 
Brauer, Rückert, Lawdowsky, Carnoy und Lebrun, 
Van der&tricht, Schockaert, R. Hertwig, Calkins, 
Schaudinn, Marcus, Poljakoff) bezüglich der Frage über 
die Lage dieser Körperchen oder der Zentrosomen in ruhenden 
Zellen, dass sie diese Gebilde innerhalb der Kerne gefunden 
haben, während andere Autoren weit begründeter sie als im Zell- 
körper befindlich beschreiben und sich veranlasst sehen dieses 
als allgemeine Regel aufzustellen. In der Literatur (Flemming, 
M. Heidenhain) lassen sich sogar Hinweise finden, dass der 
Ort, wo sich die Zentrosomen befinden, wenigstens für gewisse 
Zellen recht charakteristisch ist. So liegen in Leukozyten bei 
abgerundeter oder ovaler Form der Kerne diese Gebilde im Zell- 
körper unweit des einen Kernpols, bei nierenförmigen Kernen 
liegen sie in jenem Teil des Protoplasmas, der in die Vertiefung 
des Kerns vorspringt; endlich, wenn die Kerne in der Mitte 
durchbohrt sind, findet man die Zentralkörperchen in dem vom 
Kernring umschlossenen Abschnitt der Zelle. 

Wenden wir uns aber zu zylindrischen Epithelzellen, so er- 
weist es sich nach den Beobachtungen von M. Heidenhain und 
Zimmermann, dass in diesen Elementen, auch wenn sie dem 
gleichen Typus angehören und die gleiche physiologische Arbeit 
leisten, die Zentrosomen bald an der freien Oberfläche der Zelle 
lagern, bald sich näher zum Kerne befinden, oder endlich zwischen 
diesen Grenzpunkten alle möglichen Übergangslagen einnehmen ; 


bit 
ar 


Über Becher- und Flimmerepithelzellen etc. 15 


kurz man erhält beim Studium der Zylinderepithelien unwillkür- 
lich den Eindruck, dass die Verteilung der ihnen eigentümlichen 
Zentralkörperchen keinerlei Regel- oder Gesetzmässigkeit aufweist. 

Jedoch jeder, der sich mit dem Studium der Karyokinese 
befasst hat, weiss aus Erfahrung sehr gut, dass in sich teilenden 
Zellen gewisser Kategorie eines bestimmten Tieres die Zentro- 
somen eine derart beständige Lage einnehmen, dass man allein 
danach, auch ohne auf dem Schnitte die Chromatinelemente des 
Kernes zu erblicken, das betreffende Stadium der Mitose fehlerlos 
bestimmen kann. Und diese Beziehung zwischen der Lage der 
Zellzentren und einem bestimmten Stadium der sich teilenden 
Zellen ist so konstant und so augenfällig, dass sich unwillkürlich 
der Gedanke aufdrängt, ob es nicht zulässig wäre, diese Auf- 
fassung auch auf die im Zustand der sogenannten Ruhe befind- 
lichen Zellen auszudehnen, ob nicht auch in ihnen die Lage der 
Zentrosomen in bestimmten Beziehungen zu dem Gange der 
Lebensprozesse stände. 

Bedauerlicherweise verfügen wir bei der Lösung der Frage 
über den physiologischen Zustand der Zellen fast durchweg über 
keine faktischen Tatsachen und können auf Grund des mikro- 
skopischen Bildes in der Mehrzahl der Fälle nicht angeben, ob 
die betreftende Zelle sich in der Periode der Nahrungsaufnahme 
befindet oder ob sie in diesem Moment die in ihr angesammelten 
Produkte des Stoffwechsels ausscheidet, oder endlich, ob beide 
Prozesse mit gleicher Intensität in ihr gleichzeitig und parallel 
verlaufen. Eine Ausnahme von dieser Regel bilden bloss die 
Drüsenzellen. Seit der Zeit der klassischen Beobachtungen von 
R. Heidenhain, welche von anderen Forschern bestätigt und 
bedeutend erweitert wurden, steht fest, dass man bloss nach dem 
Aussehen der sekretorischen Elemente urteilen kann, ob sie im 
Zustand der Ruhe, in der Periode der Sekretion oder in dem der 
völligen Erschöpfung sich befinden. Daraus folgt, dass Drüsen- 
zellen sich besonders zum Studium der Lage der Zentralkörperch en 
unter verschiedenen physiologischen Bedingungen eignen, aber 
gerade in dieser Beziehung sind sie am wenigsten untersucht. 

In der Literatur finden wir im ganzen vier Arbeiten, die die uns 
interessierende Frage behandeln, die von K. W. Zimmermann (1898), 
M. Heidenhain (1900), H. Joseph (1903) und Fr. Heiderich (1910). 


Der erste der genannten Autoren fand Zentralkörperchen oder „Diplosomen* 
in den Zellen verschiedener Epithelien und Drüsen des Menschen, wobei er 


152 S. Tschassownikow: 


sie einer besonders sorgfältigen Untersuchung in den Elementen der Tränen- 
drüse unterwarf. Seiner Beschreibung nach haben die Zentrosomen hier das 
Aussehen von einem Paar kurzer und dünner Stäbchen, welche in hohen 
Zellen, wenn diese mit dem Sekret angefüllt sind, in der Mitte des Zell- 
körpers sich befinden, in jenen Elementen aber, welche ihr Sekret ausgeschieden 
haben, nach innen rücken und sich in der Nähe der freien Oberfläche lagern. 
In Becherzellen beobachtete Zimmermann die Zentrosomen in Form ein- 
zelner Körner, im Epithel der Magengrübchen jedoch in der Form von doppelten 
Körnern, wobei in beiden Fällen die Zentralkörperchen, wie überall von hellen 
Randsphären umgeben, in der Mitte des schleimigen Abschnittes des Zell- 
körpers liegen. Auf Grundlage seiner Untersuchungen über die Drüsenzellen 
spricht er den Gedanken aus, dass „das Mikrozentrum (Zentrosomen) wahr- 
scheinlich das Zentrum für die das Austreiben des Sekrets aus der Zelle ver- 
ürsachende Protoplasmakontraktion in der Sekretsammelstelle sei“. 

Etwas später erwähnt M. Heidenhain beiläufig, dass es auch ihm 
gelungen sei, in dem die innere Oberfläche des menschlichen Magens aus- 
kleidenden Epithel Zentralkörperchen zu finden, welche sich gleichfalls im 
schleimigen Abschnitt der Zellen befanden und infolge Zusammenklebens 
besonders deutlich in der Form ziemlich grosser Klümpchen hervortraten. 

Im Gegensatz zu den erwähnten Autoren zeichnet Joseph, welcher 
die oberflächlichen Epithelzellen des Magens, sowie die Becherzellen von 
Torpedo- und Salamanderlarven untersuchte, die Zentralkörperchen überall 
als paarige Körnchen nnd betont besonders den Umstand, dass diese Diplo- 


somen, obgleich im inneren schleimigen Teil der Zellen liegend, dennoch in- 


direkter Verbindung mit dem Faserapparate der letzteren stehen und zwar 
derartig, dass von dem tiefer liegenden Protoplasma in den mit Schleim 
erfüllten Sack ein relativ dicker protoplasmatischer Strang eindringt, welcher 
in sich die Zentrosomen enthält. 


In letzter Zeit endlich lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich } 


eine Mitteilung von Heiderich, dass man die hellen Sphären (oder Zentro- 
somen nach der Terminologie des Autors) auch bei der Untersuchung frischer 
lebender Zellen, die z. B. der Schleimhautoberfläche des Froschmagens ent- 
nommen sind, sehen kann, und dass es zuweilen sogar gelingt, innerhalb 
dieser Sphären kleine Körnchen wahrzunehmen, welche den Zentralkörperchen 
entsprechen. 


Das sind jene wenigen und teilweise sich widersprechenden 
Beobachtungen, welche wir bezüglich der Frage über die Zentro- 
somen in Drüsen-, resp. Schleimzellen fanden. Aber gehen wir 
weiter und werfen wir die Frage auf, ob man wirklich jene scharf 
konturierten. gewöhnlich doppelten Körnchen oder Diplosomen, 
welche sowohl von den erwähnten Autoren, als auch von vielen 
anderen, die das Zylinderepithel untersuchten, für Zentralkörperchen 
halten darf. Es wäre ungerecht, zu behaupten, dass in der Wissen- 
schaft schon unzweifelhafte Beweise für die Identität beider 
Bildungen vorliegen. Gewiss wird niemand daran zweifeln, dass 


Über Becher- und Flimmerepithelzellen ete. 153 


die von Flemming und M. Heidenhain in Leukozyten und von 
Ballowitz im Epithel der Salpen gefundenen Diplosomen echte 
Zellzentren darstellen, da in allen diesen Fällen ein Paar in der Nach- 
barschaft des Kernes gelegener Körnchen schon beim Ruhezustand 
des letzteren als Insertionspunkt von Strahlungen dienen. Ballowitz 
konnte an seinem Objekt sogar Schritt für Schritt verfolgen, wie die 
Diplosomen im Anfange der Mitose auseinanderrückten, um später- 
hin als Zentrosomen an den Polen der Achromatinspindel zu stehen. 

Bezüglich der uns beschäftigenden Elemente des Zylinder- 
epithels jedoch ist die Sachlage eine etwas andere. Die vollständige 
Übereinstimmung ihrer Diplosomen mit den Zentralkörperchen der 
Leukozyten oder der Salpenzellen, sowie ihr beständiges Vor- 
handensein in den Zellenelementen des gegebenen Typus machte 
es natürlich wahrscheinlich, dass auch diese Bildungen zentro- 
somaler Natur!) sind. Diese Wahrscheinlichkeit wurde um so 
grösser, weil in Übereinstimmung mit den Beobachtungen von 
Zimmermann, Lenhossek, Fuchs u. a. in sich teilenden 
Epithelzellen Diplosomen überhaupt nicht angetroffen werden. 
woraus sich von selbst die Folgerung aufdrängt, dass bei der 
Karyokinese sie sich zum Kern verschieben. ‚Jedoch ist es bis 
jetzt keinem der Forscher gelungen, die dabei vor sich gehenden 
aufeinanderfolgenden Veränderungen, welche den Übergang der 
Diplosomen in Zentrosomen begleiten, zu konstatieren, obgleich 
z. B. A. Gurwitsch diesem Gegenstand besondere Aufmerk- 
samkeit schenkte. Nachdem dieser Autor negative Resultate er- 
halten hatte, hielt er es für wahrscheinlicher und richtiger, diese 
beiden Bildungen als nichts miteinander gemeinhabend zu erklären. 
Zu derselben Schlussfolgerung gelangte auch Z.F. Jeleniewski, 
welcher zur Bekräftigung seiner Anschauung Bilder von sich 
teilenden zylindrischen Epithelzellen (aus dem Nebenhoden) anführte, 
wo zusammen mit den Zentrosomen, welche an den Polen der Spindel 
lagen, auch Diplosomen beobachtet wurden und zwar an ihrem ge- 
wöhnlichen Orte, d. h. unweit der freien Oberfläche des Zellkörpers. 

Im Grunde genommen wird die berührte Frage auch nicht 
durch die späteren Untersuchungen von H. Wallengren und 
H. Erhard gelöst, welche versichern, dass es ihnen gelungen sei. 


‘) Dem Umstande, dass in der Nähe der Diplosomen besondere Sphären 
gefunden wurden, lege ich aus Gründen, von denen weiter unten die Rede 
sein wird, keinerlei Bedeutung bei. 


154 S. Tsehassownikow: 


den genetischen Zusammenhang der. Diplosomen und Zentral- 
körperchen während der Teilung zylindrischer Flimmerzellen 
lückenlos zu verfolgen. Die Beobachtungen des ersteren verlieren 
bedeutend an Wert durch den Umstand, dass es unaufgeklärt 
bleibt, in welchen Zellen die von ihm beschriebenen mitotischen 
Teilungen vor sich gehen. Wallengren untersuchte das die 
kiemen von Anodonta bedeckende, einschichtige Zylinderepithel, in 
welchem zwischen Flimmerzellen auch nicht tliimmernde Elemente 
vorkommen, welche sich von den ersteren bloss durch das Fehlen 
von Wimpern nebst Basalkörperchen sowie des intrazellulären 
„Fadenapparates“ unterscheiden. Da alle diese Ditferenzierungen 
des Flimmerepithels schon bei Beginn der Teilung nach der Be- 
schreibung des Autors verschwinden, so ist es vollkommen un- 
möglich zu entscheiden, ob die vonihm dargestellten karvokinetischen 
Figuren sich nur auf die flimmernden, oder bloss auf die nicht 
flimmernden Zellen oder auf beide Bildungen zusammen beziehen. 
Ferner kann nicht ausser acht gelassen werden, dass die von 
Wallengren untersuchten Zellen so klein sind, die von ihm 
angewandten Behandlungsmethoden (die Flüssigkeiten von Carnoy 
und Pereny) jedoch derart wenig deutliche mikroskopische Bilder 
geben, dass ich persönlich auf eigenen Kontrollbeobachtungen 
fussend, mich nicht entschliessen könnte, aus auf diese Art ge- 
wonnenen Bildern irgendwelche bestimmte Folgerungen zu ziehen. 
Ausserdem erweckt es sogar Zweifel, ob er immer echte Zentral- 
körperchen gesehen hat, wenn man die der Arbeit dieses Autors 
beigegebenen Zeichnungen miteinander vergleicht. Denn während 
diese (rebilde im Ruhezustande der Zellen gross sind, werden 
sie bei der Karyokinese bedeutend kleiner in ihren Dimensionen, 
eine Erscheinung, die den wirklichen Verhältnissen diametral 
entgegengesetzt ist. Endlich — und das ist besonders wichtig 
— wurden die Anfangsstadien der Mitose in den Anodontenzellen 
von Wallengren seinen Angaben nach relativ selten ange- 
troffen, und dieser Umstand hinderte den Verfasser, kontinuierlich 
zu verfolgen, wie die an der Oberfläche der Zellen liegenden 
Diplosomen im Verlaufe dieses Prozesses allmählich nach innen 
rückten, bevor sie sich an den Polen der Spindel lagerten und 
zu unzweifelhaften Zentrosomen wurden. 

Noch weniger begründete Angaben enthält die Abhandlung 
von Erhard. Hier kann geradewegs behauptet werden, dass 


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Über Becher- und Flimmerepithelzellen ete. 15 


die von diesem Forscher in einfacher oder doppelter Zahl im 
Körper der Flimmerzellen von Anodonta und Helix pomatia dar- 
gestellten ziemlich grossen Schöllchen in keinerlei Beziehung zu 
den Zentralkörperchen stehen, welche in Wirklichkeit viel kleiner 
sind (vergl. seine Abb. 1, 11, 12, 18). Was die von ihm be- 
schriebenen karyokinetischen Figuren betrifft, so glaube ich auf 
Grund meiner Präparate, dass sie schwerlich den Flimmerzellen 
angehören und setze sie zu den ihnen zwischengelagerten Basal- 
elementen in Beziehung. In diesen Zellen, welche sich bezüglich 
der Zentralkörperchen den Leukozyten nähern, finden wirklich 
fortwährend Vermehrungsprozesse statt, wodurch ihre andere Be- 
zeichnung, als „der Ersatzzellen“, hinlänglich motiviert wird. 
Indem ich die angeführten Literaturangaben zusammenfasse, 
sehe ich mich genötigt, zu konstatieren, dass 1. das Verhalten 
der Diplosomen in drüsigen und überhaupt in zylindrischen 
Epithelelementen zu ihren Zellzentren noch lange nicht genügend 
aufgeklärt ist; 2. es völlig unbekannt ist, ob sich nicht die Lage 
der Zentrosomen bei verschiedenen funktionellen Zuständen der 
Drüsenzellen verändert und 3. die Rolle der Zentralkörperchen 
im Sekretionsprozesse noch rätselhaft ist, da in dieser Beziehung 
nur die ungenügend begründete Voraussetzung von Zimmer- 
mann vorliegt. | 
Von dem Wunsche ausgehend, die erwähnten Lücken in 
der Lehre von den Zellzentren nach Möglichkeit auszufüllen, 
untersuchte ich das die innere Oberfläche der Schleimhaut der 
Speiseröhre, des Magens und teilweise des Darmes auskleidende 
Epithel verschiedener Amphibien (Frösche, Tritonen, Salamander, 
besonders des Axolotls), wobei ich eine eigene Behandlungsmethode 
benutzend, höchst instruktive Bilder erhielt. Meine Methode 
bestand darin, dass die Speiseröhre und der Magen in toto, der 
Darm in grossen Stücken für die Dauer von 24 Stunden in eine 
fixierende Mischung von Sublimat, Osmium und Essigsäure gelegt 
wurden (30 Teile konzentrierte Sublimatlösung in physiologischer 
Kochsalzlösung, 10 Teile 2°/o Osmiumsäurelösung in Wasser und 
1 Teil Eisessigsäure), darauf sorgfältig mit tliessendem Wasser 
gewaschen und in kleine Stückchen zerschnitten wurden. Letztere 
wurden längere Zeit in Alkohol von gesteigertem Gehalt (mit 
Zusatz von Jodtinktur) gehärtet und in Paraffın eingebettet. Die 
von ihnen angefertigten und aufgeklebten Schnitte von einer Dicke 


156 S. Tschassownikow: 


von 3—4 «u wurden nach einer vorläufigen Behandlung mit einer 
schwachen wässrigen Kalihypermanganatlösung und Entfärbung 
mittels stark verdünnter Palescher Flüssigkeit in gewöhnlicher 
Weise mit Eisenhämatoxylin gefärbt und darauf sehr kurze Zeit 
mit einer alkoholischen Lösung von saurem Fuchsin behandelt 
(zu 40 cem 90° Alkohols wurden S—12 Tropfen einer gesättigten 
wässerigen Lösung des Farbstofis hinzugesetzt. Diese sukzessive 
Bearbeitung erwies sich als sehr nützlich, da das Säurefuchsin 
den Schleim färbte, indem es sogar kleinen Schleimtröpfehen 
einen ziemlich intensiven gelblichbraunen oder sogar ziegelroten 
Ton mitteilte. Zu Kontrollzwecken wurden Stücke der Organe 
auch in Sublimat mit Essigsäure und Zenkerscher Flüssigkeit 
konserviert, worauf die von ihnen angefertigten dünnen Schnitte 
zuerst mit Eisenhämatoxylin und darauf mit Mucikarminsäure 
nach Rawitz gefärbt wurden. Diese parallelen Beobachtungen 
gaben mir die Möglichkeit, mich davon zu überzeugen, dass auf 
Präparaten, die nach meiner Methode behandelt sind, das Säure- 
fuchsin bei richtiger Handhabung in Becher- und Flimmerzellen 
nur den Schleim tingiert. 

Beginnen wir mit der Speiseröhre der Amphibien, der 
Tritonen, Salamander und der Axolotl. Das Epithel, das innen 
die Schleimhaut dieses Organs überzieht, ist ein mehrreihiges 
zylindrisches und besteht aus Flimmer- und Becherzellen, sowie 
aus Übergangsformen zwischen ihnen. In der Tiefe der Epithel- 
schicht zwischen den verjüngten Füsschen dieser hohen Elemente 
liegen kleine, unregelmässig-polyedrische „Basal- oder Ersatzzellen“ 
mit scharf konturierter, grösstenteils rundlichen oder ovalen 
Kernen und mit in deren Nachbarschaft gelagerten paarigen 
Zentralkörperchen. In den Vertiefungen der Schleimhautfalten 
wird dieses mehrreihige Epithel merklich niedriger und wird nicht 
selten durch ein einreihiges Zylinderepithel ersetzt. An diesen 
Stellen hauptsächlich befinden sich zahlreiche karyokinetische 
Figuren, welche ausschliesslich den Becherzellen angehören. In- 
folgedessen drängt sich unwillkürlich der Gedanke auf, diese 
Vertiefungen als Bildungen anzusehen, die ihrer Funktion nach 
den Lieberkühnschen Darmdrüsen der höheren Wirbeltiere 
analog sind, da diese Drüsen gleich den Grübchen der Speiseröhre 
den Amphibien als Vermehrungsherde der Schleimzellen dienen, 
welche sich auf der Oberfläche der Zotten fast niemals teilen. 


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Über Becher- und Flimmerepithelzellen ete. 157 


Wenden wir uns nun zu den Becherzellen, so ist vor allem 
zu konstatieren, dass deren Bau recht ausführlich erforscht ist. 
So ist schon längst bekannt (siehe F. E. Schulze, 1867), dass 
eine jede derartige Zelle in der Periode der Sekretansammlung 
aus einem unteren protoplasmatischen Teile, der den Kern enthält, 
und einem oberen gewöhnlich blasigen, mit einer Membran ver- 
sehenen Abschnitt, welcher mit Schleim gefüllt ist, besteht. Ferner 
ist auch die Tatsache festgestellt (zuerst von J. H. List, 1886), 
dass dieser obere Abschnitt keineswegs einen einfachen Sack mit 
Schleim darstellt, sondern dass in ihn aus der Tiefe Protoplasma 
eindringt, welches das Aussehen eines Netzes oder eines mikro- 
skopischen Schaumes erhält, indem es sich zwischen die Schleim- 
tropfen lagert und diese voneinander scheidet. Dazu kann hin- 
zugefügt werden, dass bei den von mir untersuchten Tieren das 
Verhältnis beider Abschnitte je nach der Form der Zellen ein 
ungleiches sein kann, indem in hohen und schmalen Zellen der 
Schleim bis dicht an den Kern herantritt, während in Elementen 
mit erweitertem oberen Abschnitte das Protoplasma etwas nach 
oben dringt und den Kern von allen Seiten umgibt. Auf meinen 
Präparaten erscheint der protoplasmatische Teil der Becherzellen 
gleichmässig — und feinkörnig; was den schleimigen Abschnitt 
betrifft, so können darin in Abhängigkeit von den Fixierungs- 
bedingungen entweder Sekrettröpfchen bemerkt werden oder ein 
undeutliches Netzwerk, das aus feinsten Plättchen besteht. welche 
einen Bestandteil der protoplasmatischen wabigen Masse bilden. 
Übrigens können neben feinen Plättchen stellenweise auch dickere 
Septen angetroffen werden, welche dabei mehr oder weniger weit 
in den schleimigen Abschnitt vordringen können. 

In der Tiefe des schleimigen Abschnittes jeder dieser Becher- 
zellen fällt ein Paar dunkel tingierter Körner stark in die Augen, 
welche offenbar den „Diplosomen*“ der Autoren entsprechen und 
mit nichts anderem verwechselt werden können, da ihnen ähnliche 
Bildungen auf meinen Präparaten fast niemals zur Beobachtung 
gelangen. Diese Diplosomen sind, wie das schon von Zimmer- 
mann und Joseph erwähnt, immer den Bälkchen des proto- 
plasmatischen Gerüstes eingelagert, was besonders deutlich in 
den Fällen zu bemerken ist, wenn sie in dicken Strängen liegen 
(Fig. 1). Sind letztere aber sehr dünn und daher schwer zu 
bemerken, so scheint es, als ob die tingierten Körnchen im 


158 S. Tsehassownikow: 


Schleime selbst liegen. Im (Gegensatz zu Zimmermann und 
M. Heidenhain habe ich niemals die Diplosomen durch einfache 
Körner ersetzt gefunden und meiner Meinung nach beruhen die 
von diesen Autoren gegebenen Bilder einfach auf einer unge- 
nügenden Fixierung der Objekte, bei welcher beide Körnchen zu 
einem gemeinsamen Schöllchen verkleben.'). 

In der Umgebung der Diplosomen kann man hier, wie über- 
haupt in den Elementen des Epithels, nichts derartiges finden, 
was wenn auch nur entfernt an die Attraktionssphären erinnerte, 
welche so deutlich von Zimmermann in den Becherzellen und 
besonders den Schleimzellen des Magens abgebildet sind ?). Weil 


!) Die Untersuchung von Präparaten, die nach meiner Methode be- 
arbeitet wurden und verschiedene Epithelzellen, Bindegewebszellen, glatte 
Muskelzellen und Leukozyten darstellen, lässt es mir sehr zweifelhaft er- 
scheinen, dass das Mikrozentrum irgendwo {mit Ausnahme von Riesenzellen, 
vielkernigen und pathologisch veränderten Zellen) aus einem, drei oder mehr 
Zentralkörperchen und nicht aus zweien bestände. Nach meinen recht zahl- 
reichen Beobachtungen decken sich die Begriffe Mikrozentrum und Diplosoma. 

?) Auf Präparaten, welche ich aus den verschiedensten Organen der 
Amphibien und teilweise auch von Säugetieren verfertigte, fand ich um die 
Diplosomen vorzüglich ausgebildete Sphären nur in den Elementen der Ge- 
schlechtsdrüsen, in einigen Embryonalzellen und in Leukozyten, wobei die 
Sphären in diesen Zellen das Aussehen von rundlichen oder unregelmässigen 
Anhäufungen einer besonderen Substanz hatten, welche sich mit Eisen- 
hämatoxylin schwach färben liess. Ebensolche Sphären, aber viel weniger 
entwickelte, finden sich nach meinen Beobachtungen in den Zellen der 
Orbitaldrüse, in einigen Zellelementen der Schilddrüse, sowie in den Neben- 
nieren und in der Hypophyse. Alle meine Versuche, solche Gebilde in den 
anderen Zellen verschiedener Epithelien aufzufinden, endeten dagegen regel- 
mässig mit negativen Resultaten. Wie wir gesehen haben, befinden sich die 
Diplosomen in den Becherzellen in dünnen protoplasmatischen Strängen, 
welche die Schleimtröpfehen voneinander trennen. Dieselbe Lage nehmen 
sie auch in anderen drüsigen Elementen, z.B. in den Schleimzellen der Magen- 
drüsen der Amphibien und der Speicheldrüsen der Säugetiere nur mit dem 
Unterschiede ein, dass hier an dieser Stelle zuweilen eine kleine und unregel- 
mässig konturierte Anhäufung von Protoplasma bemerkbar wird, an welche 
von allen Seiten mit Sekret erfüllte helle Waben herantreten. Nehmen wir 
ferner die Zellen des Darmepithels, so schliessen sich in ihnen grösstenteils 
an die Diplosomen direkt Protoplasmakörnchen an, und mehr als Ausnahme- 
fali gelingt es zu beobachten, wie von den Diplosomen in einer oder mehreren 
Richtungen auf äusserst kurze Entfernung hin Körnchenreihen abgehen, 
quasi eine Art rudimentärer Strahlung repräsentierend. Noch seltener (in 
den Ausführungsgängen des Pankreas, im Nierenepithel) erweisen sich die 
Diplosomen einem protoplasmatischen Faden eingelagert, welcher sich höher 


Über Becher- und Flimmerepithelzellen ete. 159 


aber derartige Sphären vor kurzem von Heiderich bei der 
Untersuchung frischen, lebender Materials beschrieben wurden, 
hielt ich es für notwendig, sein Hauptuntersuchungsobjekt, 
nämlich das Schleimepithel des Froschmagens, an meinen fixierten 
Präparaten zu studieren. Dabei erwies es sich, dass in diesen 
Zellen innerhalb ihres schleimigen Abschnittes wirklich sehr häufig 
helle Räume von sphärischer, ovaler oder sogar unregelmässiger 
Form anzutrefien sind, welche sich bald in dem axialen Teile des 
Zellkörpers, bald näher zu seinen Seitenflächen lagern (Fig. 12, 
13, 14 und 15). In einer Zelle können ihrer mehrere angetroffen 
werden, wobei sie untereinander zusammenfliessen können und, 
indem sie sich gegen die freie Zelloberfläche verbreitern, eröffnen 
sie sich endlich nach aussen. Zieht man die erwähnten Beziehungen 
in Betracht, so muss man unbedingt zu der Schlussfolgerung 
kommen, dass diese hellen Felder keineswegs Anhäufungen von 
Archiplasma sind, sondern in Beziehung zu eigenartigen Ver- 
änderungen des Schleimes und zu seiner Ausführung aus den 
Zellen stehen. Ist das aber der Fall, so ist es schon a priori 
schwer zulässig, anzunehmen, dass derart beständige (rebilde, wie 
die Diplosomen, innerhalb des von der Zelle auszuscheidenden 
Sekrets liegen. Und wirklich befinden sich in überwiegender 
Mehrzahl der Fälle die Diplosomen weit entfernt von den hellen 
Räumen, überaus häufig sogar im tiefen protoplasmatischen Teile 
der Zellen (Fig. 13). Wenn sich jedoch die Diplosomen im schleimigen 
Abschnitte des Zellkörpers befinden, kommen sie bisweilen bei ver- 
schiedenen Lagen der hellen Felder in Berührung mit letzteren, indem 
sie an deren Peripherie zu liegen kommen. In solchen Fällen können 
bei gewisser Schnittrichtung natürlicherweise Bilder entstehen, 
ähnlich den von Heiderich und mir abgebildeten, auf welchen 
die Diplosomen von hellen Säumen umgeben erscheinen (Fig. 15). 


erhebend, gleich einer Geissel, über der freien Zellenoberfläche hervorragt 
(„Zentralgeissel“ von Zimmermann). Aus den angeführten Beispielen, 
durch welche im Grunde genommen die zu beobachtenden Beziehungen der 
Diplosomen zu ihrer Umgebung in ruhenden Epithelzellen erschöpft werden, 
erhellt, dass für sie um die Diplosomen herum kein freier Raum übrig bleibt, 
denn er ist von gewöhnlichem Protoplasma eingenommen. Endlich bin ich 
bezüglich der Strahlungen, die sich so häufig in einigen Elementen, z.B. 
den Leukozyten, an den Zentrosomen wahrnehmen lassen, zu der Überzeugung 
gelangt, dass diese Astrosphären als untrügliche Andeutungen dessen zu 
deuten sind, dass deren Zellen sich zu einer Teilung vorbereiten. 


160 S. Tsehassownikow: 


Das wäre die Morphologie der Diplosomen in den Becher- 
zellen. Was ihren physiologischen Charakter betrifft, so wäre zu- 
vörderst festzustellen, ob sie in direkter Beziehung zu den Zell- 
zentren stehen. Es ist selbstverständlich, dass das Studium der 
Karyokinese der einzige Weg ist, der zur Lösung der aufge- 
worfenen Frage führt, wobei zu verfolgen ist, ob sich die Diplosomen 
bei Beginn dieses Prozesses in echte Zentralkörperchen verwandeln 
und andererseits, ob aus letzteren bei Wiederherstellung des Ruhe- 
zustandes der Zellen wiederum Diplosomen entstehen. Zu diesem 
/weck erscheint unser Untersuchungsobjekt besonders geeignet, 
denn 1. teilen sich in der Speiseröhre der Amphibien die Becher- 
zellen sehr häufig und es gelingt bisweilen auf einem Präparate 
fast alle Teilungsstadien zu finden: 2. findet man in diesen 
Elementen, wie wir das schon gesehen, ausser den Diplosomen 
keine anderen Körperchen, welche an sie in Grösse, Lage und 
Färbung erinnerten: 3. endlich, obgleich hier gleichzeitig mit 
den Becherzellen sich auch die Basalzellen vermehren, gestattet 
das Vorhandensein oder das Fehlen intensiv tingierbaren Schleimes 
jederzeit eine gegebene karvokinetische Figur mit Sicherheit auf 
eine der beiden Zellenformen zu beziehen. 

Fig. 2 stellt eine Zelle dar, welche, sich zur Teilung an- 
schickend, von den benachbarten Elementen (vergl. Fig. 1) scharf 
durch den gequollenen Kern und vergrösserten Gehalt an Chromatin- 
substanz unterscheidbar ist. In dieser Zelle befindet sich das 
Diplosoma wie früher auf einem protoplasmatischen, in diesem 
Falle etwas verdickten Strange sitzend, noch in dem schleimigen 
Abschnitte, doch sind seine Körner etwas grösser geworden, 
wodurch sie deutlicher hervortreten als in ruhenden Zellen, und 
nähern sich dem unteren protoplasmatischen Teile des Zellkörpers. 
Fig. 3 zeigt das Anfangsstadium der Karyokinese. Der Kern 
dieser Zelle hat seine Membran verloren und enthält die sich 
bildenden Chromatinschleifen; die Körner des Diplosomas sind 
noch grösser geworden und wandern, indem sie auseinander zu 
weichen beginnen, definitiv in den protoplasmatischen Abschnitt 
der Zelle über. Doch auch in diesem Abschnitte bleiben die 
Beobachtungsbedingungen für das Schicksal der Diplosomen 
äusserst günstig, da ausser ihnen in dem Zellkörper nur kleine 
und relativ schwach färbbare Protoplasmakörnchen bemerkt 
werden. 


Über Becher- und Flimmerepithelzellen ete. 161 


Die weitere und dabei sukzessive Entwicklung der Prophasen 
der Mitose zeigen die Fig. 4, 5 und 6. Hier sehen wir, dass 
die immer mehr voneinander weichenden Diplosomakörner während 
dieses Zeitraumes ihre definitive Grösse erreichen und als Zentren 
von auf Kosten des Protoplasmas sich bildenden Strahlungen 
dienen, welche ein untrügliches Dokument des innigsten, genetischen 
Zusammenhanges der Diplosomen und Zentrosomen darstellen. 
Die Strahlungen sind ursprünglich schwach entwickelt, erweisen 
sich jedoch späterhin als aus einer relativ grossen Anzahl proto- 
plasmatischer Fasern zusammengesetzt. Irgend eine Zentrodesmose 
zwischen den sich trennenden Körnern der Diplosomen ist nicht 
vorhanden und erst dann, wenn die typische Knäuelfigur verloren 
geht und die Chromosomen sich zur Bildung des Muttersterns 
anzuordnen beginnen, bildet sich auf Kosten eines Teiles der 
Strahlen die Kernspindel, welche in das von den Chromatin- 
schleifen eingenommene (Gebiet eindringt und entsprechend dem 
Auseinanderrücken der Zentrosomen allmählich schärfer begrenzt 
erscheint. 

Das Stadium des Muttersterns veranschaulicht Fig. 7, welche 
unter anderen dadurch interessant ist, dass die entsprechende 
Zelle, obgleich sie den komplizierten Zyklus der mit dem Ver- 
mehrungsprozesse verbundenen Veränderungen erkennen lässt, 
gleichzeitig ihre gewöhnliche Arbeit, die Schleimabsonderung, 
nicht unterbricht. In diesem Stadium, während dessen auch die 
Längsspaltung der Chromosomen erfolgt, lagern sich dieselben 
äusserst selten in der typischen Weise. Gewöhnlich gruppiert sich 
ihr grösster Teil im unteren Teile der Spindel, während im 
oberen Teil nur wenige Chromatinschleifen lagern, — ein Umstand, 
welcher offenbar in Beziehung zu dem Druck steht, den die 
kolossale Schleimmasse, welche den oberen Abschnitt der Zelle 
erfüllt, auf die karyokinetische Figur ausübt. Zweifellos erscheint 
auch häufig die Achromatinspindel unter dem Einfluss desselben 
mechanischen Insultes gebogen und richtet sich mit ihrer Konkavität 
zum freien Ende des Zelleibes. In diesem Stadium, selten früher 
und nur als Ausnahme später, teilen sich die Zentralkörperchen 
an den Polen der Spindel in je zwei kleine Körnchen. Darauf 
verschieben sich die Tochterchromosomen gegen die Pole und 
bedingen in einiger Entfernung von ihnen die Bildung typischer 


Tochtersterne (Fig. ). 
Archiv f.mikr. Anat. Bd.$4. Abt.I. 11 


162 Ss. Tschassownikow: 


In dem Endstadium der Mitose, welche auf den Fig. 9, 10 
und 11 dargestellt ist, beobachten wir die Teilung des Zelleibes, 
welche in dem Aquator der Spindel parallel der Längsachse der 
Zellen verläuft, indem sie an deren Basis beginnt, und sehen 
die Rückkehr der Kerne in den Ruhezustand. Dabei liegen die 
Zentralkörperchen, solange die Kerne das Aussehen von Tochter- 
knäueln haben, noch in den entsprechenden Polgegenden, doch 
wenn in den Kernen das gewöhnliche Chromatinnetz sich zu 
bilden beginnt, rücken die Körperchen langsam und allmählich 
nach oben, treten in den schleimigen Abschnitt der Zellen über 
und repräsentieren dort von neuem die Diplosomen. 

Somit folgt aus dem soeben beschriebenen Verlaufe des 
karyokinetischen Prozesses unleugbar der wesentliche Schluss, 
dass die den entsprechenden Gebilden anderer zylin- 
drischer Epithelelemente identischen Diplosomen der 
Becherzellen echte Zellzentren sind und darum voll- 
auf die Benennung „Zentralkörperchen“ verdienen. 

Doch wie sind mit dieser Schlussfolgerung die Behauptungen 
von Jelenjewski in Einklang zu bringen, dass in ein und der- 
selben sich teilenden Zelle gleichzeitig sich sowohl ein Diplosoma 
am freien Ende des Zellenleibes, als auch Zentralkörperchen an 
den Polen der Spindel befinden können? In dieser Beziehung 
kann es keinem Zweifel unterliegen, dass die Schlussfolgerungen 
meines Kollegen auf einem einfachen Missverständnisse beruhen. 
Unanfechtbare Bilder, die diese Anschauung bestätigen könnten, 
habe ich weder auf meinen Objekten, noch auf seinen Präparaten 
aus den Nebenhoden finden können. Und noch mehr! Bei auf- 
merksamem Studium der Stelle, welche von Jelenjewski ın 
Fig. 7 (siehe S. 637 seiner Arbeit) abgebildet ist, gewann ich die 
Überzeugung, dass das Diplosoma hier nicht der sich teilenden 
Zelle, sondern einem Schnitt einer anderen benachbarten Zelle 
angehört, welche übrigens von jener durch eine recht undeutliche 
Grenze geschieden Ist. 

Die Mitose ist jedoch keineswegs die einzige Bildungsart 
der schleimsezernierenden Becherzellen. Diese können, wie es 
heute beinahe von allen Histologen anerkannt wird, auch aus 
den benachbarten zylindrischen Epithelelementen, in unserem 
Falle den Flimmerzellen, entstehen. Sehen wir uns daher den 
Bau des Flimmerepithels in der Speiseröhre der Amphibien an. 


Über Becher- und Flimmerepithelzellen ete. 165 


Es sind hohe zylindrische Zellen, welche von den benachbarten 
Becherzellen stark zusammengedrückt und deshalb unverhältnis- 
mässig schmal sind. Aus demselben Grunde haben zweifelsohne 
ihre in der Längsrichtung ausgestreckte Kerne häufig eine 
unregelmässige Form und weisen eine sehr seltsame Verteilung 
des Chromatins auf. An der freien Oberfläche der Flimmerzellen 
treten deutlich Basalkörperchen auf, von denen ein jedes sich 
auf genügend tingierten Präparaten als aus einem Paar dicht 
aneinander gelagerter Körnchen bestehend erweist. Von jedem 
Basalkörperchen tritt nach aussen je ein relativ kurzes Flimmer- 
haar. Über den Basalkörperchen, folglich an der Basis der 
Flimmern, existiert ein schmaler Kutikularsaum, welcher ge- 
wöhnlich kaum unterscheidbar ist und daher auf den Abbildungen 
weggelassen wurde. Das Protoplasma der Zellen ist feinkörnig und 
enthält keine Spuren eines intrazellulären Fadenapparates, welcher 
sich mit so überraschender Deutlichkeit bei der von mir angegebenen 
Behandlung im Flimmerepithel des Darmes von Anodonta und der 
Gallengänge von Helix pomatia und hortensis nachweisen lässt.!) 


'!) Mit dem Studium der Struktur der Flimmerzellen beschäftigt, ge- 
langte ich in letzter Zeit im Gegensatz zu Koladev zu der Anschauung, 
dass ihr interzellulärer Apparat aus echten Fasern besteht und dass 
folglich die in dieser Frage noch von Engelmann (1880) geäusserte An- 
sicht zu Recht bestehen bleibt. Jedoch finden sich zwischen den Fasern 
nicht selten Einschlüsse, welche die Form von sphärischen Klümpchen haben, 
und wenn diese sich in den Fixierungsmitteln auflösen, so können innerhalb 
der Flimmerzellen Bilder einer wabigen Struktur in der Art der von Kolacev 
abeebildeten erhalten werden. Unter anderen äussert dieser Verfasser die 
Vermutung, dass der genannte Fadenapparat zur Leitung von Nahrungs- 
flüssigkeit diene, welcher Anpassung der Flimmerzellen ihrer grossen 
Dimensionen wegen bedürften. (Vergl. auch M.Heidenhain: Plasma und 
Zelle, 2. Lieferung 1911). Mit dieser Anschauung kann ich mich jedoch nicht 
einverstanden erklären. Die Flimmerzellen der Amphibien, die eines solchen 
Apparates entbehren, sind fast ebenso hoch, wie die Darmzellen von Anodonta 
oder wie die Zellen der Gallengänge der Schneckenleber. Anderseits weisen 
einen Fadenapparat kleine Flimmerzellen auf, welche die Kiemen von 
Anodonta bedecken, besonders die in der Tiefe der Kiemenblättchen beftind- 
lichen. Berücksichtist man die strukturellen Eigentümlichkeiten der Zellen 
der genannten Objekte, so kommt man eher zu der Annahme, dass die An- 
wesenheit oder das Fehlen von intrazellulären Fasern in Beziehung zu der 
Grösse der Flimmerhärchen steht. Wo letztere lang sind, bedürfen sie zu 
ihrer Biegung einer Stütze und sind in diesem Falle durch Vermittlung von 
Basalkörperchen mit protoplasmatischen Fäden innerhalb der Zellen ver- 
bunden ; wo die Wimpern jedoch kurz sind, wie bei den Amphibien, existiert 
ein Fadenapparat überhaupt nicht, ungeachtet der bedeutenden Grösse der 
Zellenelemente selbst. 

10 


164 S. Tschassownikow: 


Existieren in ihnen Zentrosomen ? Diese Frage ist bis jetzt 
der (Gegenstand eines Streites, in welchem eine Gruppe von 
Forschern (Henneguy, Lenhossek, Zimmermann, Heiden- 
hain, Fürst und Joseph), welche mit grösster Aufmerksamkeit 
die Flimmerzellen studierten, die Anwesenheit von Zentrosomen 
in letzteren leugnen, während andere (Studnicka, Fischel, 
senda. Fuchs, Ikeda, Wallengren und Erhard) solche 
beschreiben und abbilden, dabei aber sehr verschieden, bald dicht 
an der freien Oberfläche der Zellen, bald etwas tiefer: bald sind 
diese Gebilde grösser, bald kleiner. Wie weit sich die Angaben 
der einzelnen Verfasser in dieser Hinsicht widersprechen, erhellt 
z. B. daraus, dass Fischel Zentralkörperchen in den Flimmer- 
zellen von Salamanderlarven beschrieb, während Joseph, der 
seine Präparate einer Kontrolldurchmusterung unterwarf, zu 
necativen Resultaten gelangte. Offenbar sind die strukturellen 
Verhältnisse hier äusserst verwickelt, und das erklärt sich daraus. 
dass der Körper der Flimmerzellen aus Körnchen besteht, welche 
ihrer Grösse und teilweise sogar auch ihrer Färbung nach nicht 
selten sich den Zentralkörperchen nähern. Übrigens treten auf 
meinen Präparaten die Zentrosomen in den Flimmerzellen der 
Amphibien mit genügender Deutlichkeit in Form von Körnchen 
auf, welche etwas schräg zu der Längsachse der Zellen und etwas 
nach unten von der freien Oberfläche, zuweilen dicht unter den 
Basalkörperchen (Fig. 21), gelagert sind. Dass unsere Doppel- 
körperchen, resp. Diplosomen, nicht dem Protoplasma selbst an- 
sehören und keine einfachen Einschlüsse darstellen, dafür spricht 
ausser ihrem charakteristischen Aussehen und ihrer Lage der 
Umstand. dass sie sich in die Zentralkörperchen der Becherzellen 
bei der Verschleimung der Flimmerelemente verwandeln. 

Als erstes Anzeichen einer Schleimmetamorphose treten 
am oberen Ende der Flimmerzellen, folglich in der Nachbarschaft 
der Zentrosomen, Körner auf, welche etwas grösser sind und sich 
mit Eisenhämatoxylin dunkler färben lassen als die Protoplasma- 
körnchen.!) Da eine Verminderung der Anzahl dieser Körner 
mit der Bildung von Schleimtröpfehen an denselben Stellen Hand 


') Bezüglich der Frage über die Bildung und Ausscheidung des Schleimes 
führe ich nicht die ganze spezielle Literatur an. Die von mir beschriebenen 
Verhältnisse bilden nur den Rahmen für das mich mehr interessierende Bild 
der eigentümlichen Veränderungen in der Lage der Zentralkörperchen. 


Über Becher- und Flimmerepithelzellen etc. 165 


in Hand geht, ist es vollkommen natürlich, in ihnen das erste 
Stadium der Bildung von Schleimsubstanz zu erblicken, sie für 
„Präprodukte“ des Mucins zu halten.) Die aus diesen Körnern 
entstehenden Schleimtröpfehen, welche sich nach meiner Be- 
handlung mit Säurefuchsin, nach Bearbeitung durch Zenkersche 
Flüssigkeit mit Mucikarminsäure färben lassen, erweisen sich 
zuerst im Protoplasma des oberen Teiles des Zellkörpers zer-- 
streut (Fig. 16). Bald vergrössert sich jedoch die Zahl dieser 
Tropfen bedeutend; sie nehmen den ganzen oberen Teil, die 
Hälfte der Flimmerzellen, ein und nähern sich soweit einander, 
dass sie in die Maschen eines protoplasmatischen Gerüstes zu 
liegen kommen, welches sich von dem Gerüst der Becherzellen 
nur insofern unterscheidet, dass seine protoplasmatischen Scheide- 
wände etwas dicker sind und daher auf Präparaten deutlicher 
hervortreten (Fig. 17). Um diese Zeit bleibt von der früheren 
Anhäufung von Körnern bloss eine relativ schmale Zone an der 
freien Oberfläche der Zellen übrig, wobei man beobachten kann, 
wie von dieser Körner abgehen und mehr oder weniger tief in 
den Zellkörper eindringen, indem sie längs der protoplasmatischen 
Septen gleiten. 

Früher oder später wird diese Körnerzone jedoch auf- 
gebraucht und verschwindet; jetzt erscheinen die Zellen in ihrer 
oberen Hälfte erweitert, doch besitzen sie noch immer die Basal- 
körperchen mit den Flimmerhaaren; die Tropfen des Sekretes 
erreichen, indem sie sich in grosser Menge ansammeln, den Zell- 
kern (Fig. 18). Noch ein Schritt weiter und die Schleimtropfen 
erreichen ihre definitive Grösse und liegen fast dicht aneinander; 
der Kern rückt zur Basis der Zelle und wird von oben durch 
eine Schicht Protoplasma bedeckt. An den Seiten des Zelleibes 
bildet sich eine Membran und die Flimmern zusammen mit den 
Basalkörperchen fallen ab, indem sie eine oberflächliche Schicht 
der Zelle freilegen, welche bei den Amphibien beständig offen 
bleibt. Als Resultat erhalten wir eine typische Becherzelle. 

Während der beschriebenen Veränderungen, welche die Ver- 
wandlung der Flimmerzellen in Becherzellen begleiten, bleiben 


!) Schon Biedermann (1886) wies auf die Existenz von „Präpro- 
dukten“ bei der Schleimbildung in Becherzellen der Frösche hin. Seine Unter- 
suchungen sind unter anderen auch dadurch interessant, dass sie an völlig 
trischem, lebendem Material ausgeführt wurden. 


166 Ss. Tschassownikow: 


die Zentralkörperchen nicht an einer Stelle. Man kann Schritt 
für Schritt verfolgen, wie die Zentrosomen, die sich in typischen 
Flimmerzeilen unweit ihrer freien Oberfläche befinden, je mehr 
Schleim gebildet wird, desto mehr nach unten längs der proto- 
plasmatischen Septen rücken und somit den unteren Teil des 
schleimigen Abschnitts der Becherzellen erreichen. Doch auch 
hier behalten die Zentrosomen ihre Lage nicht unverändert bei 
und können innerhalb des Schleimes bald etwas höher, bald etwas 
niedriger beobachtet werden. Es erscheint sehr wahrscheinlich, 
dass die Verschiebungen der Zentrosomen in Beziehung zur 
Schleimabsonderung stehen, dass sie dabei tiefer rücken und 
sich dem protoplasmatischen Teile des Zelleibes nähern. Die 
Becherzellen in der Speiseröhre der Amphibien scheiden beständig 
Schleim ab, wobei er in gewissen Fällen die Zelle in kleinen 
Portionen verlässt, in anderen Fällen jedoch ganz auf einmal 
ausgestossen wird. In letzterem Falle rücken die Zentrosomen 
immer schnell aus dem schleimigen in den unteren protoplas- 
matischen Abschnitt der Zellen (Fig. 18 und 19). 

Ob der Absonderung geringer Schleimmengen eine parallele 
Bildung neuen Schleimes entspricht, kann ich nicht definitiv ent- 
scheiden. Doch erscheint es mir wahrscheinlicher, dass dieser 
Prozess erst beginnt, nachdem eine mehr oder weniger beträcht- 
liche Menge des Schleimes die Zelle verlassen hat und wenn der 
obere Teil des Zelleibes kollabiert, bisweilen sogar etwas in den 
übrigen Teil der Becherzelle eingezogen wird und die freie Ober- 
fläche der Schleimhaut nicht mehr erreicht. In diesem Falle kann 
man erblicken, dass am oberen Pole des Kernes eine Anhäufung 
einer grossen Anzahl dunkel tingierter Körner auftritt, welche 
allmählich zur Mitte des Zellkörpers rücken und dort in Schleim- 
tropfen verändert werden. Bei ihrem Entstehen befindet sich 
eine derartige Anhäufung der Zentrosomen, rückt jedoch später 
von ihnen fort, wobei jedoch ein Zusammenhang mit ihnen durch 
protoplasmatische Stränge unterhalten wird, welche mit eben- 
‚solchen Körnern besetzt sind (Fig. 20). 

Besonders interessante Bilder bieten jedoch diejenigen Zellen, 
welche auf einmal das ganze in ihnen angesammelte Sekret ent- 
leeren. In ihnen geht die Schleimbildung besonders energisch vor 
sich und die Zentralkörperchen, welche schon früher in den 
unteren protoplasmatischen Teil des Zelleibes übergetreten waren, 


—1 


Über Becher- und Flimmerepithelzellen ete. 16 


werden von allen Seiten von Tröpfchen des neuen Sekrets um- 
geben. In dem Maße, wie der Schleim sich in der kollabierten, 
erschöpften Becherzelle ansammelt, rücken die Zentrosomen 
wiederum nach oben, bis sie die für diese Zellelemente gewöhn- 
liche Lage erreichen. 

Dass die Becherzellen, nachdem ihr ganzes Sekret ab- 
geschieden ist, sich wiederum in Flimmerzellen verwandeln könnten, 
habe ich niemals beobachtet und halte eine solche Möglichkeit 
für vollkommen ausgeschlossen. 

Was andere von mir untersuchte Organe der Amphibien 
betrifft, so erwiesen sich zum Studium der Schleimmetamorphose 
die Zellen des Saumepithels des Darmes weniger geeignet. Übrigens 
konnte ich die ersten Stadien dieses Prozesses, welche bis zur 
Bildung von typischen Becherzellen völlig ähnlich den beschriebenen 
Verhältnissen verlaufen, deutlich im Darme völlig entwickelter 
Axolotl und an grossen Salamanderlarven beobachten. 

Wenden wir uns nun zu dem die innere Oberfläche des 
Magens von Amphibien (Axolotl, Salamander und Tritonen) aus- 
kleidenden Epithel, wo die soeben besprochenen Prozesse der 
Schleimbildung einfacher erscheinen und darum besonders lehr- 
reich sind. Das Epithel ist überall ein einschichtiges, zylin- 
drisches, wobei seine in Grübchen oder Trichtern liegenden Zellen 
etwas kleiner sind, als diejenigen, welche unmittelbar die Magen- 
höhle begrenzen. Auf meinen Präparaten habe ich gesehen, dass 
die Schleimzellen gleich den Becherzellen beständig ihr Sekret 
ausscheiden, in einigen Fällen langsam, nach und nach, in anderen 
Fällen energischer, und nur die niedrigeren Zellen der Magen- 
grübchen erwiesen sich bisweilen im Ruhezustande. Entsprechend 
einem solchen Zustande befinden sich auch die Zentralkörperchen 
hier in der Tiefe des oberen schleimigen Abschnittes, während 
der untere protoplasmatische Teil des Zelleibes, wie überall in 
den Elementen des Deckepithels des Magens, aus gleichmässig 
verteilten kleinen Körnchen besteht (Fig. 22). Doch ändert sich 
das Bild stark, sowie die Schleimabsonderung der Zellen beginnt 
(Fig. 23). Die Zentrosomen rücken in den unteren Teil der Zellen 
und im mittleren Drittel des Zelleibes erscheint eine Anhäufung 
verhältnismässig grosser und dunkeltingierter Körner, welche 
otfenbar dieselbe Rolle spielen, wie die ihnen ähnlichen Körner 
in den Flimmer- und Becherzellen, d. h. ein vorläufiges Stadium 


16 


[® 6) 


Ss. Tschassownikow: 


in der Entwicklung des Mucins darstellen. Unter dieser Körner- 
schicht erblickt man im Raume zwischen ihr und dem Kerne in 
der Längsrichtung der Zelle verlaufende Körnerfäden, hinsicht- 
lich deren Entstehung man vermuten darf, dass das feinkörnige 
Protoplasma eine solche Anordnung unter dem Drucke der nach 
oben dringenden Nahrungsflüssigkeit erhalten hat. Im weiteren 
Verlaufe des Ausscheidungsprozesses (Fig. 24) gehen die Zentral- 
körperchen schon definitiv in die mittlere körnige Zone über und 
um sie beginnt bald die Bildung von Schleimtröpfehen, welche 
darauf allmählich nach oben geschoben werden.!) Dabei geht 
die Sekretion nicht selten derart stürmisch vor sich, dass von 
der Zelle der an der freien Oberfläche gelegene Endteil des Zell- 
leibes samt den protoplasmatischen Septen abgerissen wird. In 
solchen Fällen ist die Schleimbildung eine besonders lebhafte 
(Fig. 25). 

Damit beschliesse ich die Beschreibung der von mir er- 
haltenen Befunde. Durch sie wird vor allem die wichtige Tat- 
sache festgestellt, dass in Becherzellen, sowie auch in 
Flimmerzellen, die Zentralkörperchen bei der 
Schleimmetamorphose nicht an einer Stelle ver- 
harren, sondern ihre Lage beständig in strenger 
Übereinstimmung mit den verschiedenen funktio- 
nellen Zuständen der Zellelemente ändern. 


Bei der Beschreibung der Verwandlung der Flimmerzellen 
in Becherzellen und der verschiedenen funktionellen Veränderungen 
von letzteren haben wir gesehen, dass die Zentralkörperchen bei 
diesen Prozessen sehr bedeutende Lageveränderungen erleiden. 
Es fragt sich nun, welche Kräfte bewirken diese Bewegungen der 
Zentrosomen und wozu dienen sie? Was die erste Frage betrifit. so 
unterliegt es zuvörderst keinem Zweifel, dass die Ortsveränderungen 
der Zellzentren in keinerlei Beziehung zum Drucke des Schleimes 
stehen, da inden Becherzellen während der Bildung des Sekrets und 
besonders bei dessen Ausscheidung der im Zelleibe herrschende 

1) Die auf Fig. 24 in der Zelle links abgebildeten Zentrosomen liegen 
natürlich nicht innerhalb des Schleimtropfens, sondern berühren diesen bloss, 


wobei das Sekretklümpchen selbst sich im Präparate hinter dem Diplosoma 
befindet. 


Über Becher- und Flimmerepithelzellen etc. 169 


Druck in der Richtung nach oben, d. h. in einer der Bewegung 
der Zentrosomen entgegengesetzten Richtung wirken müsste. 
Eher könnte man annehmen, dass letztere eine Zusammenziehung 
des protoplasmatischen Gerüstes hervorrufen, welches bei der 
Ausscheidung des Schleimes in die Tiefe des Zelleibes gezogen 
wird und die Zentrosomen nach sich zieht. Aber abgesehen da- 
von, dass eine derartige Deutung für die Flimmerzellen voll- 
ständig unanwendbar ist, in welchen bei der Bildung von Schleim 
die Zentralkörperchen gleichfalls Bewegungen ausführen, glaube 
ich, dass auch für sezernierende Zellen die Voraussetzung einer 
Kontraktilität des Protoplasmas unter dem Einfluss der Zentral- 
körperchen — ein von Zimmermann ausgesprochener (Ge- 
danke — vollkommen unbegründet ist. Denn an einigen Becher- 
zellen und den Schleimzellen des Magens konnte ich mich davon 
überzeugen, dass ihr protoplasmatisches Gerüst, obgleich bei 
der Sekretion kollabierend, dennoch das frühere Niveau erreicht, 
wobei ein Teil desselben sogar von der Zelle abgeschieden und 
ausgeworfen werden kann. Überhaupt unterliegt es keinem Zweifel, 
dass in ruhenden Zellen die Bewegungen der Zentrosomen eine 
ihnen selbst eigene Funktion darstellen, welche unabhängig ist 
von irgend welchen morphologischen Bildungen, die sich in den- 
selben Zellelementen befinden. Somit liegen hier Verhältnisse 
vor, die völlig analog dem sind, was ich an sich teilenden Zellen 
(Spermatozyten von Helix pomatia) konstatieren konnte, wo gleich- 
falls ein Auseinandergehen der Zentralkörperchen weder mit der 
Kontraktion der radiären protoplasmatischen Fäserchen, noch mit 
dem Wachstum der Zentralspindel in Zusammenhang gebracht 
werden konnte. 

Doch wenn ich auch die Hypothese Zimmermanns ab- 
lehne, so glaube ich immerhin, dass die Bedeutung der Zentral- 
körperchen lange nicht durch ihre Beziehungen zu dem Ver- 
mehrungsprozess der Zellen erschöpft wird, dass sie vielmehr auch 
beim Ruhezustand derselben eine grössere Rolle spielen. Wir 
müssen nicht vergessen, dass die Zentralkörperchen sich immer 
am Orte der Sekretbildung befinden. Bildet sich das Sekret an 
dem oberen Ende einer Flimmerzelle oder einer Saumzelle des 
Darmes, so finden wir an demselben Ende auch die Zentrosomen; 
rücken letztere in den unteren protoplasmatischen Teil der Becher- 
zellen oder der schleimbildenden Elemente des Magens, so finden 


170 S. Tschassownikow: 


wir auch hier in ihrer Nähe die Bildung von Schleimtropfen. 
Diese Beziehungen, welche sehr augenfällig und beständig sind, 
zwingen zu der Annahme, dass die Zentrosomen Organe 
sind, unter deren Mitwirkung die Schleimbildung 
vor sich geht. Ist dem aber so, so können wir in unseren 
Schlussfolgerungen noch weiter gehen. Wenn der Ernährungs- 
prozess ursprünglich mit dem Protoplasma allein in Verbindung 
gebracht wurde, wenn derselbe bis jetzt für eine koordinierte 
Funktion des Kernes und des Protoplasmas gehalten wurde, so 
müssen wir nun behaupten, dass an dem Stoffwechsel der Zellen 
alle ihre wesentlichen Bestandteile, auch die Zentralkörperchen 
nicht ausgenommen, teilnehmen. 

Wie soll man sich aber eine derartige Rolle der Zentrosomen 
theoretisch vorstellen? An einem anderen Objekte, nämlich den 
sich teilenden Blastomeren des Axolotls, gelang es mir Schritt 
für Schritt zu verfolgen, wie um die Zentralkörperchen herum 
die Bildung von jungem, primärem Protoplasma vor sich geht. 
Es versteht sich von selbst. dass dieser Prozess nur auf Grund 
einer Zufuhr von Nährmaterial stattfinden kann. Es unterliegt 
wohl kaum einem Zweifel. dass auch in ruhenden Zellen eine 
derartige Zufuhr von Nahrungsflüssigkeit zu den Zentralkörperchen 
stattfindet, doch wird sie in diesen schnell in Sekretionsprodukte 
verwandelt. 

Indem ich zum Schlusse der Arbeit gelange. halte ich es 
für nicht überflüssig, zu erwähnen, dass die Becherzellen nach 
Bildung und mehr oder weniger lange andauernder Ausscheidung 
des Schleimes abgenützt werden, umkommen und durch neue 
ersetzt werden.') Dabei geht die Erneuerung der schleimbildenden 
Elemente, wie wir gesehen haben, auf zweierlei Art vor sich: einer- 
seits durch Verwandlung der benachbarten zylindrischen Epithel- 
zellen in Schleimzellen, andererseits durch mitotische Teilung der 
verbleibenden Becherzellen. Im Gegensatz dazu habe ich in 
Flimmerzellen, ungeachtet dessen, dass ich mehrere Tausend 
Schnitte der Speiseröhre erwachsener und larvaler Amphibien 
sorgfältig studiert, keine einzige karyokinetische Figur gefunden 


!, Auf diesen Zerstörungsprozess weisen die nicht selten vorkommenden 
Bilder von Karyolyse in den Becherzellen hin. Es ist sehr wahrscheinlich, 
dass im Zusammenhang damit auch die Anwesenheit einer grossen Anzahl 
grober polymorpher Leukozyten (Phagozyten) zwischen den Epithelzellen steht. 


Über Becher- und Flimmerepithelzellen etc. 171 


und neige ich wegen dieser Befunde zu der Ansicht, dass die 
Erneuerung der Flimmerzellen auf Kosten der basalen oder der 
sog. Ersatzzellen vor sich geht, wo immer karyokinetische Figuren 
in grosser Menge angetroffen werden.') Somit bin ich durch 
meine Untersuchungen zu dem Hauptpunkt der Lehre Lenhosseks 
und Henneguys geführt worden, dass die Flimmerzellen 
sich nicht vermehren, kann gleichzeitig deren Ansicht jedoch 
nicht teilen, dass diese Zellen der Teilung nicht fähig sind, und 
zwar aus dem Grunde, weil alle notwendigen Organe, der Kern, 
das Protoplasma und die Zentrosomen, in Flimmerzellen unzweifel- 
haft vorhanden sind. 


Literaturverzeichnis. 


Die mit Sternchen bezeichneten Arbeiten konnten im Original nicht erhalten 
und werden nach Referaten zitiert. 


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10. Derselbe: Diplosomen und Mitosen im eilientragenden Ependym eines 
Haifischembryo. Anat. Anz., Bd. 38, 1911. 


-] 


') Die vor kurzer Zeit von Erhard publizierte Beschreibung der 
Mitose im Flimmerepithel des Ependyms eines Acanthiasembryos kann meine 
Ansicht nicht ändern. Seine Zeichnung ist wenig überzeugend und kann 
in dem Sinne gedeutet werden, dass die abgebildete karyokinetische Figur 
nicht der Flimmerzelle, sondern einer der tiefer liegenden Basalzellen angehört. 


29. 


30. 


al. 
32. 


Ss. Tschassownikow: 


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Arch. d. Biol., t. 15, 1897. 

Wallengren, H.: Zur Kenntnis der Flimmerzellen. Zeitschr. f. allg. 
Phys., Bd. 5, 1905. 

Zimmermann, K. W.: Beiträge zur Kenntnis einiger Drüsen und 
Epithelien. Arch. f. mikr. Anat., Bd. 52, 1898. 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel VI und VII. 


Sämtliche Abbildungen sind von mir nach den Präparaten entworfen, welche 
nach Fixierung der Objekte mit einer Mischung von Sublimat, Osmium und 
Essigsäure und Färbung der Schnitte mit Eisenhämatoxylin und Säurefuchsin 
erhalten waren. Sie wurden mit Hilfe des Abbeschen Zeichenapparates 
mit Zeiss’ Ölapochromat 1,5 mm und Kompens.-Okular 4 angefertigt. Die 


Fig. 


Fig. 


Fig. 


Fig. 


Projektion auf den Objekttisch. 


1—11. Becherzellen aus der Speiseröhre von Triton. Ruhende, sich 
zur Mitose anschickende und sich teilende Zellen. Verwandlung 
der Diplosomen in Zentrosomen. 

12-15. Schleimzellen von der inneren Oberfläche des Froschmagens. 
Vakuolen (Sphären oder „Zentrosomen* von Heiderich) und 
Diplosomen. 

16. Aus der Speiseröhre des Axolotls. In den Flimmerzellen beobachtet 
man die Bildung von Schleim; in der Zelle links sieht man das 
erste Stadium dieses Prozesses. 

17. Aus der Speiseröhre des Axolotls. Weitere Stadien der Schleim- 
metamorphose in Flimmerzellen. 


174 


ILS). 


DV 
[80] 


S. Tschassownikow: Becher- und Flimmerepithelzellen ete. 


Aus der Speiseröhre des Axolotls. In der Flimmerzelle ist die 
ganze obere Hälfte mit Schleimtröpfehen erfüllt, welche in den 
Maschen eines protoplasmatischen Gerüstes liegen; in der benach- 
barten Becherzelle bemerkt man die Ausscheidung des Sekretes. 
Aus der Speiseröhre des Axolotls. In zwei Becherzellen (links) 
findet energische Schleimabsonderung statt. 

Aus der Speiseröhre des Axolotls. In beiden Becherzellen, welche 
teilweise ihr Sekret ausgeschieden haben, bemerkt man die Bildung 
des neuen Schleimes. 

Aus der Speiseröhre des Axolotls. Im Becherzellen, welche ihr 
ganzes Sekret ausscheiden, erscheinen um die Zentrosomen Tröpfchen 
neuen Schleimes; daneben eine Flimmerzelle ohne jegliche Merk- 
male schleimiger Metamorphose. 

Schleimzellen von der inneren Oberfläche eines Magengrübchens 
des Axolotls. Keine Schleimabsonderung. 


'Schleimzellen von der inneren Oberfläche des Axolotlmagens. Beginn 


der Schleimabsonderung. 

Schleimzellen von der inneren Oberfläche des Axolotlmagens. Aus- 
scheidung des Sekretes und Bildung neuen Sekretes innerhalb der 
Zellen. 

Schleimzellen von der inneren Oberfläche des Axolotlmagens. Die 
Ausscheidung des Schleimes und die Bildung neuen Sekretes gehen 
energisch vor sich; mit dem Schleime zusammen reisst das obere 
Ende des Zellkörpers ab. 


Was sind die Plastosomen? 


Von 
Gustaf Retzius in Stockholm. 


Hierzu Tafel VII. 

Die grosse Bedeutung, welche die Enthüllung des Problems 
der Struktur des Zellprotoplasmas für die biologische Wissenschaft 
besitzt, macht es den Forschern zur Pflicht, immerfort den 
aktuellen Stand dieser Frage kritisch zu prüfen. 

Eine eingehende Prüfung ist vor allem dann nötig, wenn 
eine auf angeblich neuen Befunden fussende neue Auffassung oder 
Theorie hervortritt und merkbar zahlreiche Anhänger erwirbt. 
In der letzten Zeit ist nun eine solche Theorie entstanden und 
hat sich recht weit verbreitet. Weil ich von Anfang an den ver- 
schiedenen Phasen ihrer Ausbildung mit Interesse gefolgt und 
mit ihren Ergebnissen nicht einverstanden war, habe ich schon 
einigemal in den in meinen Biologischen Untersuchungen 
(Bd. XV— XVII) veröffentlichten Abhandlungen einige kritische 
Bemerkungen gemacht. 

Weil dann im 80. Bande, Abt. II, dieses Archivs der eigent- 
liche Führer der Anhänger dieser Lehre, der hervorragende 
Histologe in Kiel, Herr Professor Friedrich Meves, in seiner 
Abhandlung über die „Verfolgung des sogenannten Mittelstückes 
des Echinidenspermiums im befruchteten Ei bis zum Ende der 
ersten Furchungsteilung“ in einem Kapitel (IV.) unter dem Titel 
„a. Retzius und meine Darstellung der Protoplasma- 
struktur im allgemeinen“ meine genannten Bemerkungen 
sehr ablehnend beantwortet hat, ist es auch meine persönliche 
Pflicht, wenn möglich in diesem Archiv, meinen Standpunkt in 
dieser Frage zu verteidigen und meine Gründe genauer anzugeben. 
Hierzu wäre es eigentlich nötig, die Entwicklung der neuen, 
hauptsächlich durch Meves selbst und seine Schüler gegründeten 
und ausgebildeten neuen Lehre vom Protoplasmabau Schritt für 
Schritt zu verfolgen. Und ich habe schon längst eine solche ge- 
schichtliche Zusammenstellung der Äusserungen und Anschauungen 
von Meves selbst ausgearbeitet, welche im Manuskript vorliegt. 
Dieselbe ist in der Tat recht interessant und lehrreich: sie würde 


176 Gustaf Retzius: 


aber „in extenso“ in diesem Archiv gar zu viel Platz einnehmen 
und ich muss mich diesmal auf die wichtigsten Hauptpunkte 
beschränken, um, falls es sich als nötig erweisen sollte, später 
an anderer Stelle auf eine ausführlichere Wiedergabe der Data 
und der Akten zurückzukommen. Es hat sich aber gezeigt, dass 
auch in dieser kleinen Revue der verwickelten Geschichte, um 
möglichst objektiv zu sein, die Data durch Zitierung der eigenen 
Äusserungen Meves’ wiedergegeben werden müssen. 

l. Was ist das Neue in der neuen Lehre und wie ver- 

hält sie sich zu den früheren Anschauungen ? 

2. Wie lassen sich die Grundprinzipien der neuen 

Lehre definieren und formulieren ? 

Bekanntlich hat man schon lange im Protoplasma eine 
Struktur postuliert und in verschiedener Weise auch wahrgenommen 
oder angenommen. Je nach den verschiedenen Anschauungsarten 
hat man also eine Netztheorie, eine Wabentheorie, eine 
Granulatheorie und eine Filartheorie aufgestellt. Zwischen 
diesen verschiedenen Theorien haben die Meinungen der einzelnen 
Forscher bis in die letzte Zeit geschwankt, und einzelne unter 
ihnen glaubten, dass das Protoplasma selbst wechselnde derartige 
Strukturverhältnisse darbieten könne. 

Der letztgenannten Theorie. der Filartheorie, welche 
wesentlich von Walter Flemming (von dem Jahre 1882 an) 
stammt, als er durch Untersuchungen der frischen (resp. lebenden) 
Substanz im Zellkörper feine Fäden (Fila oder Mitom) und 
eine unstrukturierte Zwischensubstanz (Interfilarmasse 
oder Paramitom) wahrnehmen und sie dann auch an gut 
fixiertem Material bestätigen konnte, schlossen sich auf Grund 
mehr oder weniger umfassender Zellstudien verschiedene andere 
Zytologen an. Mir ist es auch immer erschienen, als ob diese 
von Flemming vor mehr als drei Dezennien aufgestellte 
Theorie hinsichtlich der grossen Mehrzahl der Zellarten den 
richtigen Pfad angegeben hätte, auf dem man weiter vordringen 
könne. Zwar lässt sich bemerken, dass der vorsichtige und 
kritisch Flemming selbst in der Auffassung der einzelnen 
Strukturverhältnisse hin und wieder etwas schwankend war und 
seine Ansicht nicht immer scharf präzisierte; man möchte aber 
betonen, dass die histologische Technik damals weniger aus- 
gebildet war als jetzt und dass der Forscher in den späteren 


Was sind die Plastosomen ? ER 
Jahren seines Lebens infolge Krankheit immer weniger weiter- 
arbeiten konnte. Ganz besonders hat man auch eingewendet, dass 
er den in den Fäden des Mitoms von ihm selbst gesehenen und 
mehrmals abgebildeten Körnern, die er auch unter dem Namen 
„Mikrosomen“ erwähnt, so verhältnismässig wenig Aufmerksamkeit 
gewidmet hat. Dieser Bemerkung kann ich mich auch anschliessen. 
Ich will aber doch betonen, dass Flemming noch in seiner 
letzten übersichtlichen Darstellung „Über den morphologischen Bau 
der Zelle, speziell des Zelleibes“ (vom Jahre 1899) in seiner 
Polemik gegen die Altmannsche Bioblastenlehre selbst äusserte: 
„Ich sehe nicht bloss aufgereihte Körner, sondern continuirliche 
Stränge; es kommt mir nicht in den Sinn, das Vorhandensein 
von Körnchen darin, die man bekanntlich jetzt meistens Mikro- 
somen nennt, zu bestreiten, vielfach sehe ich solche an meinen 
eigenen Präparaten; aber es muss dann eine zusammenhängende 
Grundmasse geben, in welche die Körnchen eingelagert sind 
und welche sie in Fadenform zusammenhält. Ich halte also dieser 
wie anderen Anschauungen gegenüber daran fest, dass die Substanz 
der Zelle aus zwei von einander verschiedenen Substanzen besteht, 
einerseits Fadengerüsten oder irgendwie anders angeordneten 
Fadenstructuren und andererseits Zwischensubstanz, Interfilar- 
substanz“. 

Ähnlichen Anschauungen huldigten auch Forscher wie 
Ed. Van Beneden, Wilh. His und Martin Heidenhain, 
um nur einige der vornehmsten damaligen Zytologen zu nennen. 
His z B. welcher sich der damals viel besprochenen Bütschli- 
schen Wabenlehre nicht anschliessen wollte, äusserte u. a. bei 
der Darstellung seiner Ergebnisse von der Untersuchung des 
Forelleneies: „Das Protoplasma besteht aus feinen, mit Körn- 
chen besetzten Fäden“ und: „Ein feinmaschiges Faden- 
gerüst, mit zahlreichen Mikrosomen besetzt, bildet 
die Grundlage“, sowie auch die Mikrosomen oder die Plasmo- 
somen J. Arnolds, die in dem Hyaloplasma (dem Paramitom 
Flemmings) liegen, sind längs der Fäden des Gerüstes in mehr 
oder weniger unregelmässigen Abständen verteilt, man darf daher 
nicht sagen, dass die Fäden aus aneinander gereihten Körnern 
bestehen. Und Martin Heidenhain äusserte (1892) hinsicht- 
lich der Leukozyten u. a.: „Ich habe gefunden, dass das Zellen- 


protoplasma der Leukocyten durchweg aus Fäden besteht 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.84. Abt. I. 12 


178 Gustaf Retzius: 


und dass diesen Fäden eine besondere innere Struktur zukommt. 
Die Fäden weisen eine Quergliederung auf, sie zerlegen sich 
bei der Färbung in Biondischer Lösung an gut gelungenen 
Präparaten in färbbare und achromatische bez. weniger färbbare 
Glieder... Die färbbaren Glieder des Zellenfadens bezeichne ich als 
Zellenmikrosomen“. Diese mikrosomalen Körner dürfen nach 
ihm nicht mit den Altmannschen Bioblasten und nicht mit den 
verschiedenen, in der Interfilarsubstanz befindlichen paraplasma- 
tischen Körnern verwechselt werden. „Die Quergliederung der 
Zellenfäden“, fügt Heidenhain hinzu, „ist schon vielfach be- 
schrieben worden. Man bekommt sie nach den verschiedensten 
Vorhärtungen zu sehen: mittelst Chromsäure oder Flemming- 
scher Mischung bei nachfolgender Hämatoxylinfärbung können die 
Mikrosomen distinkt schwarz dargestellt werden... . Jetzt tritt 
mir diese Erscheinung besonders schön an den mit Sublimat 
fixierten und in Biondischer Lösung gefärbten Präparaten ent- 
gegen. Bei schwächerer Vergrösserung erscheint die Zelle schön 
gleichmässig granuliert, bei starken Vergrösserungen gewahrt 
man, dass achromatische (oder weniger färbbare) Bindeglieder die 
Zellenmikrosomen zu Zellenfäden aneinanderreihen. Meiner An- 
sicht nach.“ sagt Heidenhain weiter, „besteht nicht nur das 
Protoplasma der ruhenden, sondern auch das der sich teilenden 
Zelle durchweg aus quergegliederten fädigen Elementen. Dass die 
Polarstrahlen und der grösste Teil der Spindelfasern aus Fäden 
besteht, welche einen mikrosomalen Bau aufweisen, kann über- 
haupt nicht bezweifelt sein.“ Heidenhain gesteht aber zu, 
dass nicht alle Zellen diese Mitomstruktur haben, sondern dass 
auch Zellen mit vakuolärem wabigem Bau ohne Fäden vorkommen. 
Ich habe diese Darstellung Heidenhains vom Jahre 1892 
so eingehend angeführt, weil sie ganz besonders scharf die Lehre 
vom Bau der morphologisch distinguierten Elemente des Proto- 
plasmas, der gekörnten Fäden, betont, welche Flemming schon 
mehr oder weniger ausgesprochen während einer Reihe von Jahren 
vertrat, obwohl dieser Forscher das Vorhandensein der Mikro- 
somen in den Fäden zu wenig beachtete und betonte. 
Zusammen mit den Darstellungen von Flemming, Van 
Beneden, His und anderen Forschern, deren Anschauungen 
wesentlich mit den ihrigen übereinstimmten, geben die hier an- 
geführten Worte Heidenhains den wesentlichen Inhalt, 


Was sind die Plastosomen ? 179 


die eigentlichen Prinzipien der Lehre von der Protoplasma- 
struktur an, welcher in wenigstens zwei Dezennien die Mehrzahl 
der speziellen Zytologen mehr oder weniger bestimmt zu huldigen 
schien. Ich werde diese Lehre. welcher ich auch selbst seit langem 
huldige und zu der ich eine Reihe stützender und vielleicht auch 
weiter führender Beweise gefügt habe, um sie von der neuen 
Lehre zu unterscheiden, als die alte oder die Flemmingsche 
Mitomlehre hier bezeichnen. 

Was enthält nun die neue Lehre in betreff der morpho- 
logischen Struktur des Protoplasmas ’? 

Die neue Lehre ist von einigen Befunden ausgegangen, 
welche C. Benda mittels seiner eigenen Methode in den männ- 
lichen Sexualzellen gemacht hatte. In diesen Zellen fand nämlich 
Benda (vom Jahre 1897 an) Körner, welche er als für diese 
Zellen spezifisch betrachtete und mit den neuen Namen 
Mitochondrien und Chondriomiten (Fadenkörner und 
Körnerfäden) bezeichnete. Später fand er aber mit derselben 
Methode gleichartige Körner in manchen anderen Zellarten (Eiern, 
Nierenepithel usw.). Also waren diese Körner nicht für die 
männlichen Sexualzellen spezifisch und bald zeigte es sich 
auch, dass seine neue Methode nicht spezifisch wirkt, 
indem diese Körner sich im Protoplasma der verschiedenen Zell- 
arten mit anderen Methoden nachweisen lassen. Benda selbst 
und seine Anhänger glaubten aber noch immer, dass die von 
ihm gefundenen Körner, die „Mitochondrien“ und „Chondrio- 
miten“, ein neuentdecktes Zellelement seien. Mir, wie 
wahrscheinlich auch manchen anderen Histologen, welche schon 
seit langem das Flemmingsche Mitom mehr oder weniger genau 
kannten, war es aber von Anfang an offenbar, dass diese von 
Benda gefärbten Körner in der Tat schon lange vorher von 
einer Reihe von anderen Zytologen gesehen und beschrieben 
worden waren. Und man wunderte sich, wie es möglich sei, dass 
dies nicht von den meisten Fachmännern eingesehen wurde. 

Diese also eigentlich von Benda inaugurierte Mitochon- 
drien- resp. Chondriomitenlehre, nach welcher die im 
Protoplasma der meisten Zellarten nicht nur mit der Bendaschen, 
sondern auch mit den anderen gewöhnlichen Methoden darstell- 
baren Körnerbildungen als ein neues, allgemein vorkommendes 


Zellelement aufzufassen seien, wurde nun. wie es scheint vom Jahre 
12* 


150 Gustaf Retzius: 


1907 an, also ein Dezennium nach der „Entdeckung“ Bendas, von 
Meves und seinen Schülern akzeptiert und in derselben Richtung 
weiter geführt und ausgebildet. Mir ist es von Anfang an un- 
begreiflich gewesen, dass der so erfahrene Kieler Histologe nicht 
sofort erkannte, dass diese Mitochondrien grössten- oder wenigstens 
grossenteils mit den Flemmingschen Fila, oder dem Mitom, 
identisch sind. 

Im Jahre 1907 äusserte also Meves in einer vorläufigen 
Mitteilung im Anatom. Anzeiger u. a. folgendes: „Benda hat 
das grosse Verdienst, in den von ihm sogenannten Faden- 
körnern oder Mitochondrien zuerst!) einen weitverbreiteten 
spezifischen!) Bestandteil der Zellen erkannt zu haben. 
Nachdem er in den Jahren 1897 —98 Mitochondrien in sämtlichen 
Generationen der Samenzellen bei vielen Tieren, Wirbellosen und 
Wirbeltieren, durch ein besonderes Färbungsverfahren dargestellt 
hatte, hat er 1899 auch andere Zellarten auf das Vorkommen 
von Mitochondrien untersucht und dabei ‚den Eindruck ge- 
wonnen, dass alle protoplasmareichen Zellen die entsprechend 
färbbaren und entsprechend angeordneten Körner wenigstens 
spurenweise enthalten. Nur in den Ganglienzellen (Rücken- 
mark einer Kaulquappe) konnte er nichts Entsprechendes sehen.“ 
Meves führt dann die verschiedenen Gewebsteile an, in welchen 
;>enda Mitochondrien gefunden hatte (jugendliche, quergestreifte 
Muskelfasern, glatte Muskelzellen, die Wimperwurzeln der 
Flimmerzellen, polynukleäre Leukozyten des Menschen“ usw.). In 
weiterer „Fortsetzung seiner Untersuchungen fand Benda weiter 
(1899)*, fügt Meves hinzu, „Mitochondrien in den Ovarialeiern 
und Zellen älterer Blastulastadien von Triton sowie in den Ei- 
und Follikelzellen der Maus. 1903 studierte er genauer den An- 
teil der Mitochondrien an den Strukturen der Nierenepithelien“. 

Ein jeder, welcher eingehender die Struktur der von Meves 
also genannten Gewebsteile kennt und untersucht hat, sieht ja 
leicht ein, dass die in mehreren derselben (z. B. den Eiern und 
Nierenepithelien) von Benda gefundenen Körner nicht neu- 
entdeckte „spezifische* Zellelemente, sondern die in 
dem Flemmingschen Mitom befindlichen, lange gekannten 
Mikrosomen waren. Dass aber ausserdem unter den anderen 
„Gewebsteilen“ ganz andersartige, Körnergebilde enthaltende Teile 


') Von mir gesperrt. 


Was sind die Plastosomen ? 181 


mit aufgenommen sind, ist charakteristisch für die Unklarheit 
des Mitochondrienbegriffes schon von Anfang an. Dies wird aber 
noch mehr otftenbar, als Meves hier hinzufügt, dass „möglicher- 
weise“ auch die von Golgi, Negri, Ballowitz, Pensa, 
Kopsch und v. Bergen beschriebenen „Netzapparate“ unter 
dem Begriffe der Mitochondrien gehören und mit ihnen zusammen- 
zufassen seien ! 

Meves fand nun die von Benda geschaffenen Bezeichnungen 
Mitochondrien und Chondriomiten nicht hinreichend; 
für die letzteren führte er deshalb, wenn sie stab- oder faden- 
förmig sind, die Benennung „Chondriokonten“ ein. „Verfolgt 
man nun“, sagt er, „die Mitochondrien bezw. Chondriokonten in 
den Zellen von Embryonen im weiteren Verlauf der Entwicklung, 
so konstatiert man, dass sie das Bildungsmaterial für zahlreiche 
Faserstrukturen abgeben, die man bisher der Filarmasse Flem- 
mings zugerechnet hatte.“ Nach Meves bilden die Chondrio- 
konten das Material für die primitivsten Fibrillen der querge- 
streiften Muskeln, in der Regel nicht in der Form von Körnchen, 
sondern in der von Fäden: diese Fäden sind „Chondriokonten“. 
Ferner stammen nach ihm die Neurofibrillen von solchen, 
möglicherweise ebenso die Neurogliafasern, vielleicht auch im 
jungen Bindegewebe die präkollagenen Fasern von Golowinski. 
„Auch die Wimperwurzeln der Flimmerzellen, die Stäbchen- 
strukturen der Nierenepithelien, die Kopulationsfäden der Fuss- 
zellen im funktionierenden Hoden sind“, fügt Meves hinzu, 
„meines Erachtens ausschliesslich mitochondrialer Her- 
kunft“ usw. 

Nachdem also eine grössere Anzahl von Gewebsteilen unter 
der Herrschaft der Mitochondrien resp. Chondriokonten eingeführt 
worden war, warf schliesslich Meves die Frage auf, wie eigent- 
lieh die Mitochondrien sich zu der Filarmasse (dem Mitom) 
Flemmings verhalten. Er kam hierbei diesmal zu dem folgenden 
Schluss: „Wenn wir“, sagter, „nun alle Zelistrukturen, 
die in irgend einer Weise auf das Chondriom zu- 
rückzuführen sind (unter diesem Namen verstehe ich die 
(resamtheit der in einer Zelle vorhandenen Mitochondrien bezw. 
Chondriokonten), von der Filarmasse, zu der wir sie 
bisher gerechnet haben, abziehen, so werden als 
Repräsentanten dieser letzteren wohl überhaupt 


182 Gustaf Retzius: 


nur verhältnismässig wenige übrig bleiben.!) Als 
Beispiele seien genannt: Die Spindelfasern und Pol- 
strahlungen in sich teilenden Zellen; inruhenden Zellen 
die Strahlungen, welche in manchen Zellarten, wie in den 
Leukocyten, von den Centriolen ausgehen.“ Er fügt aber noch 
hinzu: „Es lässt sich nun vermuten, dass auch diese und andere 
Fadenstrukturen, welche sich uns als gewöhnliche 
Filarmasse darstellen, nur eine andere Erscheinungs- 
form des Chondrioms sind“ usw. 

In der Tat blieben als Repräsentanten der Flem- 
mingschen Filarmasse sehr wenige Strukturen übrig! 

Indessen hatte Meves diesmal die Nomenklatur mit zwei 
neuen Namen bereichert: die Chondriokonten und das 
Chondriom. 

Nach dieser „Überführung“ eines grossen Teils der Filar- 
masse Flemmings zum Gebiet seiner Öhondriokonten machte im 
Jahre 1907/05 Meves eine gewiss auch für ihn selbst unerwartete 
„Entdeckung“, wie er sie nennt! Er hatte nämlich nun ent- 
deckt, was wir anderen — als Anhänger der alten Mitomlehre — 
schon lange wussten — dass seineÖhondriokonten wenigstens 
zum grossen Teil mit den Fila Flemmings identisch 
sind. In der V. Abteilung seiner in diesem Archiv (Band 72) ver- 
öftentlichten Abhandlung vom Jahre 1908 behandelte er also von 
neuem u. a. auch „Die Chondriosomen in ihrem Verhält- 
nis zur Filarmasse Flemmings“ und „Über Proto- 
plasmastruktur“. Bei erneuerten Untersuchungen über die 
Zellen der Salamanderlarven „machte ich“, sagte er, „nun 
die Entdeckung, dass die von Flemming in lebenden 
Zellen der Salamanderlarve beobachteten Fäden, .... welche 
ich als Chondriokonten in den Zellen junger Embryonen 
beschrieben habe“, Filarmasse im Sinne Flem- 
mings sind.!) „Die Feststellung“, fügt Meves hinzu, „dass 
die Flemmingschen Filamit Chondriokonten identisch 
sind, ist geeignet, eine höchst erwünschte Klärung in unseren 
Anschauungen über die Struktur der Zellsubstanz herbeizu- 
führen. Diejenige Substanz, welche die Fäden oder Chondrio- 
konten bildet, kann, wie wir nunmehr wissen, auch in Form von 
Körnern vorkommen. Diese Körner,die Mitochondrien, 


‘) Von mir gesperrt. 


© 


Was sind die Plastosomen ? 18 


verlieren damit die Sonderstellung, die ihnen bis- 
her zuerkannt werden musste, sie sind nur eine 
andere Erscheinungsform der FlemmingschenFila“.') 

Aus diesen und anderen Zugeständnissen und Äusserungen 
geht es klar und deutlich hervor, dass Meves von einem über- 
zeugten Anhänger der Bendaschen Mitochondrienlehre, nach 
welcher die Mitochondrien neu entdeckte, spezifische Zellelemente 
seien, zu der Überzeugung gelangt war, dass dieselben sowie 
seine eigenen „Chondriokonten“ mit den Flemming- 
schen Fäden (den Filaoder dem Mitom) identisch sind! 

Zugleich hatte er aber nun gefunden, dass auch den Alt- 
mannschen DBioblastenkörnern dasselbe Schicksal zuteil ge- 
worden sei. „Nach meiner Meinung“, sagt er, „lässt sich mit 
Sicherheit behaupten, dass ein grosser Teil der von Altmann 
beschriebenen Granula (wahrscheinlich fast alle, soweit sie nicht 
veagentienprodukte sind) mit Mitochondrien identisch sind.“ 

Was war nun von der von verschiedenen Seiten her so viel- 
fach ausposaunten Mitochondrienlehre übrig geblieben? Eigentlich 
nur die neuen Namen! Dies hatten wir anderen, die Anhänger 
der alten Protoplasmalehre, schon lange gewusst, und wir er- 
warteten also, dass auch die neuen Namen, die „Mitochondrien“, 
die „Chondriomiten“ von Benda, die „Chondriokonten‘“, 
das „Öhondriom“ usw. von Meves, welche von Anfang an für 
ganz andere Begriffe, für neue Zellelemente geschaffen waren, 
ausgemerzt, und die alten, für die echten, längst bekannten Zell- 
elemente geltenden Bezeichnungen zu ihrem Recht kommen 
würden. Dies wollte man aber offenbar nicht. Man versuchte 
nicht nur die neuen Namen auf die alten Begriffe zu über- 
führen, indem man die alten Bezeichnungen, welche das Prioritäts- 
recht hatten, ganz überging, sondern man schuf bald noch mehr 
solche neue Namen. 

Weil ich diese Behandlung sowohl der hervorragenden Vor- 
gänger als der Geschichte der Wissenschaft nicht billigen kann, 
habe ich gegen dieselbe mehrmals protestiert. Dann bekam ich 
aber die Antwort, dass ich die Sache nicht richtig aufgefasst 
habe. Ich hätte nämlich nicht bemerkt, dass die „Entdeckung“ 
Meves’ darin bestand, dass die von Flemming an lebenden 
Tierzellen (bei der Salamanderlarve) beobachteten Fäden, und 


!) Von mir gesperrt. 


154 Gustaf Retzius: 


nur diese Fila, mit den Mitochondrien identisch seien, nicht 
aber die fixierten Fila Flemmings. Dies wäre dann eine 
grosse Restriktion. Flemming selbst rechnete aber zu seinen 
Fila, seinem Mitom, auch die vonihm mit geeigneten Fixier- 
mitteln (z.B. seinem eigenen Gemisch) nachzuweisenden Fila, und 
ich bin mit ihm darin seit langem ganz einverstanden. Ich werde 
unten auf diese wichtige Frage, bei der Besprechung meiner neuen 
Untersuchungen über die Protoplasmastruktur, zurückkommen. 

Die Äusserungen Meves’ hinsichtlich des Verhaltens der 
Flemmingschen Filarmasse oder des Mitoms zu den mito- 
chondrialen Elementen sind übrigens so eigentümlich, dass ich 
gestehen muss, dass ich seine Meinung nicht sicher verstehe. 
Ich habe eine Anzahl solcher Äusserungen von ihm zusammen- 
gestellt, will aber des Platzes wegen sie hier nicht sämtlich mit- 
teilen. Nur eine solche Äusserung (vom Jahre 1908) sei, im 
Anschluss an die schon oben zitierten, als Beispiel angeführt: 
„Die Entwicklung, welche unsere Kenntnisse der Plasmastruktur 
in den letzten Jahren genommen haben, lässt es vielleicht 
gerechtfertigt erscheinen, wenn wir die Flemming- 
schen Bezeichnungen Filarmasse oder Mitom auf 
die Strahlungen und die bezüglich ihrer vitalen 
Existenz noch zweifelhaften, ihnen eventl. gleich- 
wertigen feinen Faden- oder Netzwerke beschränken. 
Dagegenkönntedie Gesamtheit der in einer embryo- 
nalen Zelle vorhandenen Uhondriosomen als Chon- 
driom bezeichnet werden. Man kann übrigens die 
Vermutung haben, dass zwischen dem Chondriom 
einerseits und der Filarmasse oder dem Mitom im 
obigen Sinne andererseits Wechselbeziehungen vor- 
handen sind in der Weise, dass das Chondriom sich 
inFilarmasse und eventuellumgekehrt umwandelt.“') 

Also: die Flemmingschen Bezeichnungen Filarmasse oder 
Mitom seien hier auf die Strahlungen und die bezüglich ihrer 
vitalen Existenz noch zweifelhaften, ihnen eventuell gleich- 
wertigen feinen Faden- oder Netzwerke beschränkt usw. 
Dagegen wird noch eine neue Bezeichnung von Meves einge- 
führt: die „Ohondriosomen“, welche die Mitochondrien 
und die Chondriokonten umfassen sollen. 


!) Von mir gesperrt. 


Was sind die Plastosomen ? 155 


In einer im Jahre 1910 in diesem Archiv (Band 75) ver- 
öffentlichten Abhandlung „Über Strukturen in den Zellen des 
embrvonalen Stützgewebes“ etc. behauptet Meves, dass seine 
Chondriosomen allen Differenzierungsprodukten in den Organen 
und Geweben des Embryonalleibs zugrunde liegen: „Zu den 
Differenzierungsprodukten der Chondriosomen gehören, wie ich 
angeführt habe,“ sagt er, „erstens die verschiedenen Faser- 
strukturen, zahlreiche fibrilläre Bildungen in Epithelzellen, wie 
z. B. die ‚Protoplasmafasern‘ der Epidermiszellen, die Fibrillen der 
glatten und quergestreiften Muskelfasern, die Neurofibrillen und 
Neurogliafasern, die Bindegewebsfasern; zweitens wahrscheinlich 
auch die verschiedensten auffälligen chemischen Erzeugnisse 
des zellulären Stofiwechsels; wie z. B. die Sekretkörner, das Fett, 
die Pigment- und Dotterkörner.“ 

Dies wäre in der Tat eine stattliche Wirksamkeit der 
Chondriosomen ! 

Dass das Zellprotoplasma und dessen zusammensetzende 
Elemente hierbei beteiligt seien, ist wohl von den Biologen lange 
eingesehen, und man hat sich auch lange bemüht, die feineren 
Prozesse hierbei zu erforschen. Man ist dabei aber im allgemeinen 
vorsichtig und kritisch vorwärts gedrungen, weil man gefunden 
hat, dass diese feinen Lebensprozesse in den Zellen sehr kompli- 
ziert und schwer zugänglich sind, sowie dass man durch plötz- 
liche Annahmen und Hypothesen oder durch neue 
Benennungen allein die Probleme nicht löst. 

Meves scheint aber von vornherein zu wissen, dass es 
seine „Uhondriosomen“ sind, welche alles dies tun, alle diese 
Ditferenzierungsprozesse bewerkstelligen ! 

Und was sind denn eigentlich seine „Chondrio- 
somen“” Die Chondriosomen sind „die Mitochondrien“ und 
„die Chondriokonten“, hat er selbst vorher versichert. Da ich 
aber auf diese Fragen unten zurückkomme, werde ich hier nicht 
weiter auf ihre Besprechung eingehen. 

Es soll aber hier nun auch betont werden. dass Meves 
selbst in der folgenden Darstellung doch nicht ganz so sicher 
zu sein scheint, wie aus den angeführten Worten hervorging. Er 
fügte nämlich folgendes hinzu: „Wenn eine derartige Rolle 
der Chondriosomen in der Histogenese tatsächlich 
nachgewiesen wäre, würde es vielleicht angemessen 


156 GursıtartaRrert zumulse 


sein,') sie in der Bezeichnung zum Ausdruck zu bringen: 
man könnte!) statt von Chondriosomen von Plastosomen 
(Plastochondrien, Plastochondriomiten oder kürzer 
Uhondriomiten, Plastokonten)!) sprechen.“ 

Also: „Wenn ... . tatsächlich nachgewiesen wäre, würde 
es vielleicht angemessen sein, sie in der Bezeichnung... usw. 

Auf so starken Gründen führte nun Meves die neue, so 
viel voraussetzende und dann so viel benutzte Bezeichnung 
‚Plastosomen' ein.“ 

Und „was sind die Plastosomen“? 

Sie sind „Plastochondrien, Plastochondriomiten oder kürzer 
CUhondriomiten, Plastokonten“. Sie sind auch Chondriosomen. 

Seitdem ist ja nun in die histologische Nomenklatur, in 
Verbindung mit den anderen Namen, die Bezeichnung Plasto- 
somen eingeführt worden! 

In einer im Jahre 1911 in diesem Archiv (Band 76) ver- 
öffentlichten Abhandlung „Über dieBeteiligung der Plasto- 
chondrien an der Befruchtung des Eies von Ascaris 
megalocephala*, wobei er zu seinen Untersuchungen, wie 
die Gebrüder Zoja, nach der Altmannschen Methode be- 
handeltes Material angewandt hatte, kam er wieder auf seine 
neue Körner- und Fadenlehre zurück. 

In der Einleitung betont er nämlich wieder, dass er neuer- 
dings die Fadenlehre Flemmings und die Granulalehre Alt- 
manns in der Theorie der Uhondriosomen oder Plastosomen 
vereinigt hat, „dass sie bald in Form von Fäden, Chondriokonten 
oder Plastokonten, bald in derjenigen von Körnern, Mitochondrien 
oder Plastochondrien, auftreten. Die Chondriokonten oder Plasto- 
konten sind mit den Fila Flemmings von 1882, die Mito- 
chondrien oder Plastochondrien mit den Körnern Altmanns 
identisch“. Bisher wurde eine Verständigung besonders dadurch 
erschwert, fügt Meves hinzu, „dass Flemming irrtümlicher- 
weise die Fadenwerke, die hauptsächlich nach 
saurer Fixierung in den Zellen sichtbar sind, mit den 
von ihm am lebenden Objekt beobachteten Fäden, 
welche die Grundlage seiner Filartheorie bilden, 
identifizierte“.') 


!) Von mir gesperrt. 


Was sind die Plastosomen ? 187 


„Weiter fand ich selbst“, sagt Meves, „dass Chondrio- 
somen oder, wie ich sie von nun an ausschliesslich nennen 
werde, Plastosomen (d. h. Plastokonten oder Plasto- 
chondrien),!) in allen embryonalen Zellen gegenwärtig sind, 
und kam zu der Überzeugung, dass sie die Anlagesubstanz für 
die verschiedensten Differenzierungen bilden, die im Lauf der 
Ontogenese auftreten. Daraufhin habe ich dann meinerseits die 
Plastosomen als die Vererbungsträger des Protoplasmas oder als 
protoplasmatisches Idioplasma angesprochen.“ 

Was die Struktur des Protoplasmas in den Ascariseiern 
betrifft, so fand Meves in den Altmannschen Präparaten die 


scharf rotgefärbten „Plastochondrien* — die Gebrüder Zoja 
beschrieben dieselben Körner im Jahre 1891 als „Plasti- 
dulen“ — durch den ganzen Zelleib, stellenweise Gruppen 


bildend, verstreut, ohne sie verbindende Fäden, wie es andere 
Forscher beschrieben haben. „Ich habe meinerseits“, sagt Meves, 
„von derartigen Fäden nichts gesehen, und scheint mir ihre 
Existenz durch die Art und Weise, wie die Plastochondrien im 
Zellkörper verteilt sind (besonders aber auch durch ihr späteres 
Verhalten), so gut wie ausgeschlossen zu sein.“ „Von einem 
Faden- oder Netzwerk in der Grundsubstanz“ hat er also nichts 
wahrgenommen. „Das ist“, fügt er hinzu, „allerdings durchaus 
kein Beweis gegen seine Existenz, denn es wäre leicht möglich, 
dass es infolge starker Osmierung unsichtbar ge- 
worden!) wäre.“ Von den „sehr kleinen regellos zerstreuten 
Körnchen, deren Boveri Erwähnung tut, ist es möglich, dass sie 
den Mikrosomen Van Benedens,also Plastochondrien, 
entsprechen“.') Was nun das Verhalten der Bestandteile des Proto- 
plasmas des Eies und der Eizelle bei der Befruchtung betrifft, 
so kam Meves zu der Überzeugung, dass die Plastochondrien 
des ins Ei eingedrungenen Spermiumkopfes sich in dem Proto- 
plasma des Eies verteilen, und dass sie mit den weiblichen 
Plastochondrien „wahrscheinlich“ verschmelzen. „Aus 
theoretischen Gründen“, sagt er, „muss angenommen 
werden, dass, nachdem die männlichen und weib- 
lichen Plastochondrien sich gemischt haben, früher 
oder später je ein männliches und weibliches Korn 
miteinander verschmelzen“.t) 


») Von mir gesperrt. 


er 
[0 0) 


GustarRet ziuls: 


Schliesslich hat Meves auch mit der Altmannschen 
Methode die Echinideneier untersucht (dieses Archiv, Bd. SO, 1912) 
und hat — meinen Ergebnissen mit anderen Methoden gegen- 
über, wobei ich in diesen Eiern ein echtes kornführendes Mitom- 
getlecht fand — nicht wahrnehmen können, dass die Plasto- 
chondrien durch feine Fasern verbunden sind. „Dies beweist 
zwar“, sagt Meves, „nichts gegen die Existenz der 
Fasern. Ich bin aber durch das Studium anderer Objekte 
immer mehr zu der Überzeugung gelangt, dass die Plasto- 
chondrien stets frei in der Grundsubstanz liegen.') 
Dagegen habe ich oben für das Seeigelei ebenso wie früher für 
andere Zellarten die Möglichkeit offen gelassen, dass neben den 
Plastochondrien ein Faden- oder Netzwerk in der Grundsubstanz 
als präformierte Bildung existiert.“ 

Um die Richtigkeit seiner Ansichten meinen Bemerkungen 
über die Namen gegenüber zu beweisen, wählte Meves nun als 
Beispiel unter anderen die weissen Blutzellen in der Iympha- 
tischen Randschicht der Salamanderleber, in welchen er schon 
früher das Vorhandensein seiner Plastokonten näher beschrieben 
hatte. Ich will hier unten diese Frage eingehender behandeln, 
und zwar im Zusammenhang mit seiner wiederholten Bemerkung, 
dass ich für die Darstellung der betreffenden Protoplasmastruktur, 
bezw. der Plastochondrien, nicht geeignete Fixierungsmethoden 
angewandt habe. 

Nach dieser Durchmusterung der wichtigsten Äusserungen 
und Angaben von Meves betreffs der neuen Lehre von der 
Struktur des Protoplasmas ist es nun meine Aufgabe, aus den- 
selben das „Fazit“ zu ziehen und die Grundprinzipien derselben 
herauszufinden. Aus den betreffenden Mevesschen Schriften, 
welche einen Zeitraum von etwa 5 Jahren (1907—1912) um- 
fassen, erfahren wir erstens, dass diese Lehre von Anfang bis zu 
Ende recht. verschiedene Stadien durchlaufen hat. 

Von der irrtümlichen Bendaschen Mitochondrienlehre 
ausgegangen, nach welcher die von Benda in den männlichen 
Sexualzellen gefärbten Mitochondrienkörner zuerst als nicht nur 
neuentdeckte, sondern als für diese Zellen spezifische 
/ellelemente proklamiert wurden, um dann in einer Anzahl 


!) Von mir gesperrt. 


Was sind die Plastosomen ? 159 


anderer Zellarten wiedergefunden, aber noch als neuentdeckte, 
spezifische Elemente hervorgehoben zu werden (Mevesu.a.), 
ging die Lehre dazu über, zu erkennen, dass diese Elemente weder 
neu noch spezifisch sind. Dies war schon längst mir und 
manchen anderen Zytologen offenbar, indem es uns klar und deutlich 
war, dass die Mitochondrien und Chondriomiten Bendas wenigstens 
grösstenteils dieselben Zellelemente waren, welche von manchen 
früheren Zytologen, Flemming, Van Beneden, His, 
M. Heidenhain, J. Arnold, zum Teil auch Altmann u.a, 
schon lange gekannt, beschrieben und bezeichnet worden waren. 

Im Jahre 1907/08 machte nun aber Meves, wie er selbst 
sagt, die „Entdeckung“, dass die Körnerfäden, welche er als 
Chondriokonten beschrieben hatte, mit den Flemmingschen 
Fila identisch sind: „Die Mitochondrien“, sagt er, „verlieren damit 
die Sonderstellung, die ihnen bisher zuerkannt werden musste, sie 
sind nur eine andere Erscheinungsform der Flemmingschen 
Fila“. Zugleich fand aber Meves auch, dass „die Mitochondrien 
und Chondriokonten den ‚Körnern und Fäden‘ Altmanns ent- 
sprechen“. Hierdurch würde also auch die so viel betonte „neue“ 
„Mitochondrienlehre“ mit der „alten“ Protoplasmalehre „identisch“ 
sein. Doch nicht ganz! Meves machte bald eine bestimmte 
testriktion. Die Fäden der neuen Lehre seien nur mit den 
Fäden identisch, die Flemming am lebenden Gewebe wahr- 
genommen und beschrieben hatte, und Meves betonte sogar 
(1911), dass Flemming „irrtümlicherweise die Fadenwerke, die 
hauptsächlich nach saurer Fixierung in den Zellen sichtbar sind, 
mit den von ihm am lebenden Objekt beobachteten Fäden, welche 
die Grundlage seiner Filartheorie bilden, identifizierte“. Diese 
Restriktion scheint offenbar für Meves äusserst wichtig zu sein. 
Auf Grund derselben wollte er von der Identität seiner Fäden 
mit den Flemmingschen Fila einen höchst bedeutenden Teil 
ausschliessen. Er scheint sogar „die Flemmingschen Bezeich- 
nungen Filarmasse oder Mitom auf die Strahlungen und die 
bezüglich ihrer vitalen Existenz noch zweifelhaften, ihnen eventuell 
gleichwertigen feinen Faden- oder Netzwerke beschränken“ zu 
wollen! Aus solchen Gründen scheint also Meves nicht geneigt zu 
sein, die Flemmingschen Bezeichnungen in dem Sinne aufrecht 
halten zu wollen, wie Flemming und wir anderen sie auf- 
fassen, und Bendas und seine eigenen neuen Bezeichnungen 


190 Gustaf Retzius: 


zu verwerfen. Im Gegenteil! Er hat eine ganze Reihe neuer 
Termini technici geschaften, welche teilweise miteinander synonym 
sind und, wie ich schon früher betont habe, jedenfalls grössten- 
teils unnötig, ja sogar unnütz sind, und dies um so mehr, als 
die Begriffe. denen sie entsprechen sollen, sehr unklar sind. 

Es ist deshalb an der Zeit, nachzusehen, welche diese Be- 
griffe und die ihnen beigelegten Bezeichnungen sind. 

Nachdem Meves im Jahre 1907 die Bendaschen Namen 
Mitochondrien und Chondriomiten für dessen Fadenkörner 
und Körnerfäden akzeptiert hatte, fügte er unter der neuen 
Bezeichnung Chondriokonten eine Art anscheinend meist 
homogener Stäbe oder Fäden hinzu, welche bei Embryonen 
vom Huhn und Meerschweinchen reichlich vorkommen. 

Im Jahre 1908 führte Meves die Bezeichnung „Ühondrio- 
somen“ ein, indem er damit Mitochondrien und Chondrio- 
konten zusammenfasste, wozu noch der Name „Uhondriom“ 
hinzukam. 

Im Jahre 1910 fand sich Meves wieder veranlasst, die 
Bezeichnung Uhondriosomen durch diejenige der Plasto- 
somen zu ersetzen. Er hatte nämlich behauptet, dass diese 
Zellelemente den Difterenzierungsprozessen zugrunde liegen und 
motivierte, wie oben erwähnt, diese neue Benennung folgender- 
massen: „Wenn eine derartige Rolle der Chondriosomen in der 
Histogenese tatsächlich nachgewiesen wäre, würde es viel- 
leicht angemessen sein, sie in der Bezeichnung zum Ausdruck 
zu bringen; man könnte statt von Chondriosomen von Plasto- 
somen!) (Plastochondrien, Plastochondriomiten oder kürzer Chon- 
driomiten, Plastokonten) sprechen“. 

Ich habe diese „Motivierung“ von Meves hier wieder an- 
geführt, um zu betonen, wie schwebend und schwach dieselbe 
war, um diese neue so viel präsumierende Bezeichnung, die dann 
nachher als ein „fait accompli“ galt, in die Wissenschaft einzu- 
führen und dort als eine Art Siegesfahne zu behalten. 

Weil Meves „behauptet“ hatte, dass die Chondriosomen 
allen Differenzierungsprozessen ...... zugrunde liegen, würde es — 
vielleicht angemessen sein, sie als „Plastosomen“ zu bezeichnen. 

Meinesteils bin ich im ganzen kein Freund von präsu- 
mierenden Schlagwörtern in der Wissenschaft. Leider sind wir 


!) Von mir gesperrt. 


Was sind die Plastosomen ? 191 


noch nicht so weit gekommen, dass wir sicher wissen, wie und 
durch welche Elemente im Protoplasma die von Meves auf- 
gezählten Differenzierungsprozesse zustaudekommen. Dass die in 
der Plasmasubstanz vorkommenden Körner, oder wenigstens ein 
Teil derselben, dabei wirksam sind, hat man sich ja schon lange 
gedacht; man braucht aber noch viel sicherere Observationen, 
als die bisherigen, die wir hinsichtlich der Rolle der Körner be- 
sitzen, um dies in den Bezeichnungen auszudrücken und festzu- 
halten. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat nicht nur das Mitom 
(die Fäden mit ihren Körnern), sondern auch die Zwischen- 
substanz, das Paramitom, welche in den Mevesschen 
Betrachtungen eine gar zu geringe Rolle zu spielen scheint, 
bei allen diesen verschiedenen Prozessen eine sehr wichtige Auf- 
gabe. Mir erscheint deshalb die Mevessche Bezeichnung 
Plastosomen als gar zu verfrüht, und ich kann nur vor 
dieser ihrer Anwendung warnen. Es ist, bis auf weiteres, viel 
besser, eine indifferente, nach den morphologischen Charakteren 
gewählte Bezeichnung zu benutzen. Julius Arnold, welcher 
doch seit langem schon, vom morphologischen Standpunkte aus, 
zum Teil die physiologisch-chemischen Prozesse im Zellprotoplasma 
studiert hat, nannte die von ihm beschriebenen Körner, welche 
wohl in manchen Fällen und Beziehungen mit den Mevesschen 
(rebilden identisch sind, Plasmosomen, und es wäre viel 
richtiger, diese Bezeichnung wieder aufzunehmen. 

Nach dieser Besprechung der fraglichen Mevesschen 
Bezeichnungen komme ich aber zu den ihnen entsprechenden 
Begriffen zurück: 

Was sind die Plastosomen? 

Dass sie eine Art im Zellplasma vorhandener „Faden- 
körner“ oder „Körnerfäden“ oder nur homogene „Fäden“ sind, 
ist keine hinreichende Definition, besonders wenn man bedenkt, 
dass Meves unter diese seine Gebilde nur die von Flemming 
in lebenden Zellen wahrgenommenen Elemente einreihen will. 
Was sind dann alle die anderen schon von Flemming und auch 
von einer Reihe anderer Zytologen (Van Beneden, His, 
M. Heidenhain usw.) nach geeigneter Fixierung gesehenen 
und beschriebenen Körner und Fäden? Ich habe selbst seit langem 
diese Strukturen eingehend untersucht und noch in den letzten 
Jahren nach den verschiedensten Methoden kritisch geprüft und 


192 Gustaf Retzius: 


auch beschrieben, so dass ich meine, recht viele Erfahrungen auf 
diesem (Gebiete zu besitzen. Im Gegensatz zu seinem früheren 
Lehrer Flemming will Meves, wie erwähnt, alle diese Bildungen 
nicht mit den von Flemming in der lebenden Plasmasubstanz 
sesehenen Elementen zusammenführen. Was sind dann die anderen? 
Meves’ Versuch, das Flemmingsche Mitom, wie man es in 
den guten Präparaten in schöner Weise studieren kann, auf die 
„Strahlungen“ usw. zu beschränken, gelingt jedenfalls nicht und 
kann nur zu der Ansicht Veranlassung geben, dass Meves dies 
Mitom in guten Präparaten nicht kennt. Nach meinen, 
ich darf wohl sagen, umfassenden und eingehenden Studien 
solcher Präparate bin ich schon längst zu derselben Ansicht wie 
Flemming gelangt, dass dies Mitom in solchen Präparaten einer 
echten, wahren, natürlichen und der schon 1882 von Flemming 
in der lebenden Zelle wahrgenommenen Struktur entspricht. 
Eine wahre, wirkliche Definition der Plastosomen habe 
ich in den Mevesschen Schriften vergebens gesucht. Es scheint 
mir, dass unter dieser und seinen übrigen Bezeichnungen eine 
Anzahl verschiedener Bildungen aufgenommen worden sind, von 
denen wahrscheinlich mehrere nicht als eigentliche Plasma- 
elemente zu betrachten sind, sondern eher als zu seinen eigenen 
paraplastischen Gebilden zu gehören scheinen. Hier liegt offenbar 
noch ein grosses, aber schwieriges Gebiet vor, auf welchem noch 
manches zu erforschen ist. Man darf aber auf demselben nicht 
zu schnell urteilen, sondern nur vorsichtig und streng kritisch, 
unter Benutzung verschiedener Untersuchungsmethoden, vorwärts 
dringen. Ich betone dies, weil es mir scheint, dass Meves 
und seine Schule gar zu schnell zu Wege gehen und Schlüsse 
ziehen. Wie gefährlich die Anwendung nur einer einzelnen 
Fixierungs- und Färbungsmethode sein kann, lernt man z. B. aus 
einigen der letzten Arbeiten von Meves. So hat er mit der 
Altmannschen Methode in den Eiern von Ascaris megalocephala 
und von Echinus nur die Körner seiner Plastosomen, nicht die 
sie verbindenden Fäden wahrgenommen und aus dieser fehlenden 
Beobachtung den Schluss gezogen, dass keine verbindenden Fäden 
vorhanden sind. Er zog aber zugleich den gar zu schnellen 
Schluss, dass alle die Forscher, die solche Fäden gesehen und 
beschrieben haben, irrten! Die Plastochondrien sind nach Meves 
— und er scheint sogar diesen Satz verallgemeinern zu wollen — 


Was sind die Plastosomen ? 195 
nicht durch Fäden verknüpft; sie sind also nur freie Körner oder 
Körnerreihen. „Dass die Plastochondrien nicht durch Fäden ver- 
knüpft sein können,“ sagt er (1912), „wird meines Erachtens 
dadurch bewiesen, dass sie sich häufig auf einen bestimmten, 
relativ kleinen Bezirk des Cytoplasmas konzentrieren, nachdem 
sie vorher in der ganzen Zelle verstreut waren. .... Ferner 
kann ich auf die Lageveränderungen hinweisen. welche die 
Plastochondrien des Ascariseies nach dem Eindringen des Sper- 
miums erleiden.“ 

Es ist leicht zu verstehen, dass, wer solche Anschauungen 
von der Struktur des Protoplasmas hegt, nicht mehr der Mitom- 
lehre Flemmings huldigen kann — und umgekehrt! 


Nachdem ich also in den Schriften des eigentlichen Führers 
der neuen Protoplasmastruktur-Lehre keine hinreichend erläuternde 
Darstellung, und besonders auch keine wirkliche Definition der 
Plastosomen entdecken konnte, versuchte ich in der schon um- 
fangreichen Literatur über die Mitochondrienfrage eine bessere 
Antwort hierüber zu finden. Aber vergebens! Überall nur 
schwebende, schwankende oder sogar ganz strittige Angaben. 
Dann hoffte ich doch in der so umfassenden Besprechung des 
vornehmsten Schülers von Meves, J. Duesberg, welcher unter 
dem Titel: Plastosomen, „Apparato reticolare interno“ 
und Chromidialapparat, kürzlich in den Ergebnissen 
Merkel-Bonnets veröffentlicht worden ist, die exakte Antwort 
auf meine Frage zu finden. Der Erfolg blieb aber ebenso negativ. 
Obwohl der Verfasser dieser gross angelegten Revue sich als ein 
entschiedener Anhänger seines Lehrers Meves und dessen Proto- 
plasmalehre zeigt, erklärt er selbst (Seite 769), keine eigentlich 
anwendbare Definition des Begriffs „Plastosomen“ abgeben zu 
können. Er äussert sich wie folgt: 

„Welche ist in der Tat die richtige Definition 
der Plastosomen der erwachsenen Zellen nach dem 
jetzigen Stand unserer Kenntnisse? Die chemische 
ist es nicht... Auch die morphologische ist es nicht, 
weder die von Benda, die in dem einen Wort: ‚Mitochondria‘, 
Fadenkörner, ausgesprochen ist, noch die von Champy (1911): 


‚granulations susceptibles de se grouper en filaments granuleux 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.84. Abt.1. 13 


194 Fustaf Retzius: 


ou lisses et viceversa (S.147)‘. Einzig die histogenetische‘) 
Definition bietet alle Garantien: Die Plastosomen der er- 
wachsenen somatischenZellen sind Elemente,welche 
von den Plastosomen der Embryonalzellen stam- 
men; und um einen Unterschied zwischen den Plastosomen und 
ihren Differenzierungsprodukten zu machen, muss man hinzufügen: 
und die alle mikrochemischen Eigenschaften dieser 
Plastosomen beibehalten haben.“ 

„Eine solche Definition“, fügt nun Duesberg hinzu, „be- 
gegnet in Wahrheit in der Praxis grossen Schwierigkeiten.“ 

Nachdem ich dieses Zugeständnis des vornehmsten und tief 
eingeweihten Herolds der neuen Plastosomenlehre gelesen hatte, 
fand ich es natürlich unnütz, nach weiteren Dokumenten und 
Aussprüchen in der betreffenden Frage zu suchen. Duesberg 
hätte ebenso gern zugestehen können: „Eine solche Definition ist, 
bis auf weiteres, unmöglich anzuwenden, und wenn oder wann 
dies möglich wird, lässt sich nicht voraussagen“. 

Nachdem ich nun diese übersichtliche Revue der ziemlich 
verwickelten Akten, auf welche die neue Plasmosomenlehre 
gegründet ist, gemacht habe, bleibt mir diesmal noch übrig, die 
Bemerkungen zu behandeln, welche Meves gegen meine eigenen 
Darstellungen der Protoplasmastruktur veröffentlicht hat. Wesent- 
lich fallen diese seine Bemerkungen natürlich mit denen zusammen, 
welche im ganzen die Mitomlehre betreffen. so dass ich sie hier 
nicht direkt zu repetieren brauche. Es sind aber noch einige 
besondere Angriffe, die ich berühren muss. Sie betreffen die von 
mir angewandten Fixierungsmethoden. Von diesen hängt 
es nach Meves ab, dass ich nicht die neue Plastosomenlehre an- 
erkannt habe. Ich hätte mit Essigsäure gesäuerte Fixierungs- 
semische gebraucht und nicht die für die Darstellung der Plasto- 
somen geeigneten Methoden, unter anderem die Altmannsche 
und seine eigene modifizierte Flemmingsche Methode 
benutzt. 

In meiner im XVII. Bande der Biologischen Untersuchungen 
(1912) Nr. 5 veröffentlichten Mitteilung „Zur Frage von dem 
Problem der Protoplasmastruktur* habe ich schon teilweise diese 
Anmerkung Meves’ besprochen und beantwortet, indem ich be- 
tonte, dass ich bei meinen betreffenden Untersuchungen zwar 


') Von mir gesperrt. 


Was sind die Plastosomen ? 195 


nicht die Altmannsche, aber doch die Flemmingsche Methode, 
auf deren Anwendung sich Meves selbst zum Teil gestützt hatte, 
angewendet habe. Ehe ich aber mein Schlusswort zu diesen 
seinen so stark betonten Bemerkungen abgäbe, wünschte ich, die 
von Meves hervorgehobenen Methoden genauer prüfen zu können. 
Dies habe ich nun auch während des letzten Frühlings und 
Sommers getan, und zwar teilweise an verschiedenen Zellgeweben. 
Ganz besonders habe ich aber einige solche Gewebsteile, welche 
den Gegenstand der Kontroverse zwischen mir und Meves 
bildeten, von neuem sehr eingehend untersucht. In erster Linie 
betraf dies die Zellen der Iymphatischen Randschicht 
der Salamanderleber und die Eier verschiedener 
Wirbeltiere und Wirbellosen, sowie die Nervenzellen, 
die Sinneszellen und das Nierenepithel; ferner auch die 
verschiedenen Zellarten der Hühnerembryonen in ver- 
schiedenen Stadien. 

Die Ergebnisse dieser meiner neuen Untersuchungen, welche 
ich ausführlicher in dem nächsten Bande meiner Biologischen 
Untersuchungen mit einer hinreichenden Anzahl von Bildern ver- 
öffentlichen werde, von denen ich aber hier ein kurzes Resumee 
mit einigen Bildern gebe, lassen sich dahin zusammenfassen, dass 
die Altmannsche Methode, wie ich aus früheren Erfahrungen 
von derselben voraussehen konnte, zwar eine prachtvolle Färbung 
der Plasmakörner hervorruft, die übrige Plasmastruktur, unter 
anderem die Fäden, aber nur ganz verwischt oder gar nicht zeigt, 
noch weniger sie distinkt hervorhebt. Mittels der Mevesschen 
Methode lassen sich aber sowohl die Körner als die Fäden 
deutlich darstellen, ungefähr ebensogut, wie mit dem gleichartigen, 
nur etwas stärkeren Flemmingschen Gemisch. Besonders 
interessant ist es- hierbei, in denselben Schnitten den Übergang 
von den stärker osmierten zu den schwächer von der Osmium- 
säureeinwirkung getroffenen Partien zu verfolgen. Dass die Fäden 
und ihre Körner in den weniger stark osmierten Partien distinkter 
hervortreten, war ja für einen jeden, der die Einwirkung der 
Ösmiumsäure auf das Zellplasma seit langem kennt, im voraus 
einzusehen. Wenn man aber die verschiedenen Stadien, von 
schwacher Einwirkung bis zu der starken, verfolgt, kann man 
die feineren Plasmastrukturen auch bis in diese letzteren, obwohl 


oft nicht besonders klar und deutlich, gut studieren. 
13* 


196 Gustaf Retzius: 


Nach dieser allgemeinen Orientierung werde ich nun einige 
Beispiele der also untersuchten Zellarten, mit Abbildungen, vor- 
führen und kurz besprechen. 

Ich wähle dazu als Vertreter der Eistruktur ganz be- 
sonders die der Eier von Gobius niger aus, teils deshalb, 
weil diese Eier ein wundervoll reines Protoplasma dar- 
bieten, teils auch weil ich von der Struktur derselben, wie sie 
sich durch andere Fixierungsmethoden beschaffen zeigt, schon 
eine ausführliche und eingehende Darstellung geliefert habe, und 
die Vergleichung mit den durch die Mevesschen Methoden ge- 
wonnenen Resultaten dadurch sehr erleichtert wird. 

In dem XVI. Bande meiner Biologischen Untersuchungen, 
N. F., habe ich also (Nr. 4, B, mit den Taf. XVI—XVIII) die 
Struktur der Eier sowohl in den Ovarien als nach ihrer Abgabe 
ins Meereswasser und nach Fixierung in Carnoyschen, Zenker- 
schen und anderen bewährten Gemischen dargelegt. In den ganz 
reifen, abgegebenen Eiern fand ich also in dem Keimhügel das 
reine, grösstenteils von den Dotterkörnern befreite Protoplasma, 
in wunderschöner Weise ein echtes Flemmingsches Mitom 
darbietend, mit in den Fäden des (Grerüstes reihenweise einge- 
fügten Körnern, Mikrosomen, und in einer homogen er- 
scheinenden Zwischensubstanz, dem Paramitom, gelegen. Die 
(serüstfäden, welche streckenweise recht weit verfolgt werden 
konnten, schlängelten sich umeinander, ohne netzartig verbunden 
zu sein, höchstens mit wiederholten dichotomischen Teilungen 
während ihres Verlaufes. In den sich teilenden Eiern konnte 
ich in sehr klarer Weise wahrnehmen, wie in den dabei um die 
Zentralkörper gebildeten Strahlungen die einzelnen Strahlenfäden 
in die gewundenen Fäden des übrigen Protoplasmas direkt über- 
gingen (siehe die Fig. 9 der Taf. XVII und die Fig. 2 der Taf. XVIII 
in der angeführten Abhandlung im XVI. Bande meiner Biologischen 
Untersuchungen). Bei der fortgesetzten Teilung des Eies ging 
immer mehr das gesamte Protoplasmagerüst der Blastomeren zur 
Bildung von Strahlungsfäden über (siehe die Taf. XVIII derselben 
Abhandlung). 

Im ganzen hatte ich vor mir eine grosse Anzahl über- 
zeugender Bilder eines echten Mitoms. Ganz ähnliche Resultate 
habe ich dann noch bei der Untersuchung der Eier zahlreicher 
anderer Tiere, sowohl Wirbeltiere als Wirbellosen, bekommen. 


Was sind die Plastosomen ? 197 


in den Eiern der Echinodermen und Ascariden hatte ich auch 
früher hiermit übereinstimmende Ergebnisse gewonnen und be- 
schrieben. 

Meves scheint indessen alle diese meine Ergebnisse als 
sehr geringwertig und nicht beweiskräftig betrachtet zu haben, 
und zwar mit der Erklärung, dass er im allgemeinen meine 
Fixierungsmethoden als für diese Untersuchungen ungeeignet 
halte. Es blieb mir also noch übrig, an den Eiern von Gobius 
und einer Anzahl anderer Tiere die von Meves rekomman- 
dierten Fixierungsmethoden zu prüfen und die Bilder 
mit meinen früheren Ergebnissen zu vergleichen Dies habe ich 
nun in eingehender Weise getan und bin dadurch zu solchen 
Resultaten gekommen, dass ich entschieden an meiner 
früheren Darstellung festhalten muss. Die von Meves 
berührten Methoden gaben mir nämlich Resultate, die gar nicht 
in Widerspruch zu denjenigen stehen, welche ich mit den von 
mir vorher angewandten Methoden erreicht hatte. Zwar gab 
mir auch hier, wie schon erwähnt, die Altmannsche Methode 
nur das, was ich erwartet hatte, nur die Körner, nicht die 
Fäden. Mit dem Mevesschen Gemisch, welches als ein 
schwächeres, modifiziertes Flemmingsches Gemisch aufzufassen 
ist, bekam ich dieselben Bilder, die ich früher mit dem eigent- 
lichen Flemmingschen, mit dem Carnoyschen, dem Zenker- 
schen und dem Boverischen Gemische gewonnen hatte; nur 
sind die mit den letztgenannten Gemischen gewonnenen Bilder in 
der Regel schärfer und klarer. Aufder Taf. VIII (h. u.) sind einige 
solche teils mit dem Flemmingschen, teils mit dem Meves- 
schen Gemisch fixierte und mit Eisenalaun-Hämatoxylin nach 
M. Heidenhain gefärbte Präparate bei starker Vergrösserung 
(Zeiss Apochr. 1,30, Apert. 2 mm, Komp.-Ok. 12 und die Fig. 1 
und 5 noch dazu in doppelter linearer Vergrösserung) wieder- 
gegeben. Ich teile zuerst in Fig. 1 die Partie von dem Keim- 
hügel eines in Flemmingschem Gemisch fixierten Gobiuseies 
mit, wo man eine der ersten Teilungsspindeln bemerkt, von deren 
einer polaren Sphäre die radiierenden Strahlenfasern ringsum 
direkt in das gekörnte Mitomgerüst des umgebenden, nicht in 
die Strahlung eingezogenen übrigen Protoplasmas übergehen. 
Ich hätte nun aus den mit dem Mevesschen Gemisch fixierten 
Eipräparaten eine Reihe sehr ähnlicher Figuren mitteilen können, 


198 Gustaf Retzius: 


beschränke mich aber darauf, in den Fig. 2—6 einige Partien 
verschiedener Art aus Präparaten zu liefern, welche sämtlich in 
dem Mevesschen Gemische fixiert waren. Fig. 2 gibt also (in 
geringerer Vergrösserung als Fig. 1) eine Partie des Vertikal- 
schnittes vom Keimhügel eines Gobiuseies (mit der Eioberfläche 
rechts) wieder, in welchem man die gekörnten gewundenen 
Gerüstfäden verfolgen kann; im Paramitom sind einige kleine 
schwarzgefärbte Dotterkörner vorhanden Fig.3 stellt den Vertikal- 
schnitt eines Ovarieneies mit den im Paramitom befindlichen ge- 
körnten Mitomfäden, welche grosse dunkelgefärbte Dotterkörner 
umspinnen, dar: die sieben runden weissen Stellen sind Höhlen, 
aus welchen Dotterkörner bei der Präparation ausgefallen sind: 
das obere schwarze Band ist der Durchschnitt der Zona radiata, 
und nach oben davon bemerkt man die konischen Durchschnitte 
der Follikelepithelzellen mit den zwischen ihren Füssen gelegenen 
schwarzgefärbten Durchschnitten der für die Gobiuseier eigen- 
tümlichen Fäden der Follikelepithelschicht. 

In der Fig. 4 ist aus dem Vertikalschnitt des Keimhügels 
eines schon mehrfach geteilten Gobiuseies eine Gruppe von acht 
verschiedentlich in dem Schnitte getroffenen Blastomeren wieder- 
gegeben; rechts liegt der Aussenrand des Schnittes, wo die 
stärkste Ösmierung, obwohl in etwas verschiedenem Grade, gewirkt 
hat: bei den zwei obersten Blastomeren, welche nur in kleinem 
Maßstab getroffen sind (in dem rechten ist der Kern gar nicht 
getroffen), findet man die stärkste Dunkelfärbung von der Osmium- 
säure; in den übrigen ist dieselbe in verschiedenem Grade ge- 
ringer: in den sechs Blastomeren, in denen die Kerne getroffen 
sind, war aber in allen diesen Kernen eine starke Osmiumwirkung 
vorhanden. In dem Zellkörper aller dieser Blastomeren war ein 
radiierendes gekörntes Mitom im Protoplasma in verschiedener 
Weise wahrnehmbar, obwohl in mehreren auch das Paramitom 
durch die Osmiumsäure mehr oder weniger dunkel gefärbt war; 
aber noch in den beiden dunkelsten obersten liessen sich solche 
sekörnte Mitomfäden nachweisen, obwohl sie in dem sehr dunklen 
Paramitom sich teilweise versteckten oder wie Fäden oder Stäbchen 
aussahen; in den beiden unter ihnen rechts liegenden Blastomeren, 
in denen eine geringere Dunkelfärbung des Paramitoms vorhanden 
ist, nimmt man schon viel deutlicher die gekörnten Fäden des 
Mitoms wahr, und in den anderen treten sie scharf hervor; in 


Was sind die Plastosomen ? 199 


der links oben.befindlichen, in dem der Kern nicht getroffen ist, 
findet man in der Mitte runde Körner, welche Querschnitten von 
ausstrahlenden Mitomfäden entsprechen. In allen diesen Blasto- 
meren sind schwarzgefärbte kleine Dotterkörner in dem Para- 
mitom vorhanden. 

Schliesslich ist in starker Vergrösserung in Fig. 5 aus einem 
in Flemmings Gemisch fixierten Präparat eine sich teilende 
Blastomere eines mehrfach geteilten Gobiuseies dargestellt, in 
welcher um die beiden polaren Zentralkörpersphären je eine 
schön ausgeprägte Strahlungssonne gekörnter Mitomfäden sichtbar 
ist. Und in Fig. 6 zeigt sich in geringerer Vergrösserung eine 
andere sich teilende Blastomere, welche aus einem in dem 
Mevesschen Gemisch fixierten Ei stammt. Auch hier nimmt 
man in schöner Weise die von den Sphären ausstrahlenden ge- 
körnten Fäden des Mitoms wahr, während die Spindel, an deren 
beiden Enden die beiden Uhromosomgruppen und die Sphären 
liegen, eine dunkelgraue Farbe darbietet. 

Als zweites Beispiel der mit dem Mevesschen Gemisch 
fixierten Zellstrukturen wählte ich, wie oben erwähnt, die 
phatrsechhens Zellen der- Randschruchtr. der 
Salamanderleber, welche Meves als ein besonders ge- 
eienetes Zellgewebe, in dem man die Plastosomen nachweisen 
könne, hervorhebt. In meiner oben angeführten Mitteilung „Zur 
Frage von dem Problem der Protoplasmastruktur“, welche im 
XVII. Bande meiner Biologischen Untersuchungen, N. F., 1912 
veröffentlicht worden ist, habe ich schon diese Zellstruktur be- 
sprochen und dargetan, dass in den Zellen dieser Schicht stets 
ein echtes Flemmingsches Mitom vorhanden ist, obwohl Meves 
dies nicht anerkennen will. Dagegen konnte ich in diesen Zellen 
seine Plastosomfäden oder Stäbe nicht finden; nur in degenerierten, 
solchen Zellen verhungerter Tiere, konnte ich einigemal Gebilde 
finden, welche den Mevesschen Plastosomen etwas ähnelten. Da 
aber Meves auch hinsichtlich dieser meiner Befunde gewiss meint, 
dass ich ungeeignete Fixierungsmethoden benutzt habe, welche 
die Plastosomen nicht zeigen, habe ich mich nun auch bemüht, 
in reichlichem Umfang die Mevesschen Methoden hierfür zu 
prüfen. Ich habe deshalb die Lebern von zwölf neuen, frisch ein- 
gefangenen erwachsenen Salamandra mac. und von einer nicht 
geringen Anzahl von Larven in verschiedenen Entwicklungsstadien 


200 Gustaf Retzius: 


mittels der von ilım rekommandierten Methoden von neuem 
untersucht. Die nach der Altmannschen Methode behandelten 
Präparate gaben mir auch hier nur dieselben Resultate: nur rote 
Körner, zwar teilweise in deutlicher Reihenanordnung gruppiert, 
aber ohne jede deutliche fädige Verbindung, indem die Zwischen- 
substanz, in welcher sie lagen, fast homogen und kompakt, ohne 
eigentliche Struktur, aussah; von den Mevesschen Plastosom- 
fäden sah ich aber hier auch nichts. Die mit dem Mevesschen 
Gemisch fixierten Lebern, welche nach Vorschrift etwa S Tage 
(oder mehr) in einer reichlichen Menge der Flüssigkeit fixiert 
waren, um ihnen eine hinreichende Einwirkung der Osmiumsäure 
zu geben, zeigten mir nach der Färbung mit Eisenalaun-Häma- 
toxylin prinzipiell dieselbe Struktur, wie die von mir früher an- 
gewandten Fixierungsflüssigkeiten: ein echtes Mitomwerk, wie 
ich dies auf Taf. XIII im XVII. Bande meiner Biologischen Unter- 
suchungen wiedergegeben habe. Schon damals hatte ich ja auch 
das Flemmingsche Fixiergemisch geprüft und die gleiche 
Struktur erhalten. Es war deshalb sehr wahrscheinlich, dass 
das Mevessche Gemisch dieselbe Strukturart gäbe, obwohl die 
starke Osmiumbehandlung natürlich diese Struktur in einem 
weniger scharfen und deutlichen. mehr verwischten Zustande 
darbieten möchte. Dies trat auch ein. Wie in den Gobiuseiern, 
macht die OÖsmiumsäure zuweilen die ganze Zwischensubstanz der 
Zellen so undurchsichtig, dass man keine deutliche Struktur wahr- 
zunehmen vermag: in anderen Zellen gewahrt man zwar, obwohl 
nicht scharf, hier und da längere oder kürzere, ganz dunkle 
Fäden, welche den von Meves geschilderten ähnlich sind; in 
einzelnen von ihnen bemerkt man aber bei scharfem Nachsehen 
Reihen von Körnern; in noch anderen Zellen, in denen die 
Struktur weniger dicht gedrängt liegt, kann man, trotz der auch 
hier ziemlich dunklen Zwischensubstanz, doch deutlich Körner- 
reihen und hier und da die Körner verbindende Fäden wahr- 
nehmen. Weil die Dichtigkeit des Protoplasmas in diesen Zellen 
gewöhnlich recht gross ist, unter den zahlreichen, übrigens gleich- 
beschaffenen Zellen aber hier und da solche vorkommen, in 
denen es in verschiedenem Grade undichter ist, so kann man 
bald Stellen finden, wo die Körnerfäden leichter zu verfolgen 
sind; ganz besonders ist dies in sich teilenden Zellen der Fall, 
aber auch in einer Anzahl anderer. In der Fig. 7 der Taf. VII 


Was sind die Plastosomen ? 201 


habe ich nun eine Gruppe von Zellen der Iymphatischen Leber- 
randschicht, die nach der Mevesschen Methode behandelt 
worden sind, wiedergegeben. In der obersten dieser Zellen sieht 
man also den Schnitt einer sich teilenden Zelle, in welcher 
fünf Chromosomen getroffen sind und nach aussen von ihnen 
einzeln liegende Körnerfäden von ausgesprochener Mitomnatur. 
Rechts von dieser Zelle liegt eine, in welcher der Kern nicht ge- 
troffen ist; hier ist ein ganz deutliches Mitomgeflecht mit ziemlich 
weiten Paramitommaschen vorhanden. In fünf der unten von 
diesen Zellen belegenen Zellen, in denen die charakteristischen, 
verschieden gestalteten, dunkelgefärbten Kerne, von denen einige 
halbkreisförmig angeordnet sind, erkennt man neben diesen den 
schwarz gefärbten Zentralkörper und von ihm als Zentrum aus- 
strahlende Körnerfäden. In diesen Zellen aber ist hier und da 
die Osmiumeinwirkung so stark gewesen, dass das Paramitom 
mehr oder weniger verdunkelt ist und die Körner, besonders wo 
sie dicht liegen, nur wenig distinkt hervortreten. In der Fig. 8 
ist dann eine Gruppe, in demselben Gemisch fixierter, solcher 
Zellen abgebildet, in denen die Mitomstruktur und die Strahlungen 
um die Zentralkörper sich noch viel schärfer und schöner dar- 
bieten; in zwei von diesen Zellen sind die Kerne im Schnitte 
getroffen, in zwei anderen nicht; in der anliegenden kleineren Zelle 
rechts, wo auch der Kern sichtbar ist, erkennt man deutlich das 
Mitom, aber keine eigentliche Strahlung. Zum Vergleich mit 
diesen Zellen führe ich dann noch die in Fig. 9 abgebildete Zelle 
aus einem sehr stark osmierten Präparat an, in deren Zellkörper 
die um die den Zentralkörper enthaltende Sphäre vorhandene 
Strahlung keine eigentlichen Mitomfäden zeigt, sondern nur als 
radiär angeordnete Körnerreihen erscheint. 

Nach dieser erneuerten Untersuchung der Iymphatischen 
Zellen der sog. Randschicht der Salamanderleber, die ich, wie 
erwähnt, an reichlichem Material, und zwar ganz besonders mit 
Anwendung der von Meves empfohlenen Methoden und nach 
seinen Anweisungen ausgeführt habe, bin ich also zu dem Schluss 
gelangt, dass ich meine frühere Auffassung und Beschreibung 
bestimmt aufrecht halte. Ich habe dabei nur eine Bestätigung der- 
selben gewonnen. Ich habe in diesen Zellen ein echtes, mit 
Körnern, Mikrosomen, besetztes Mitomgerüst gefunden, welches 
zwar sehr fein und die höchsten Vergrösserungen erfordernd, 


202 Gustaf Retzius: 


gewöhnlich auch sehr dicht ist, aber nach guter Fixierung und 
Färbung sehr deutliche Bilder gibt. Dagegen habe ich keine 
Plastosomen, wie sie Meves in diesen Zellen geschildert 
und abgebildet hat, angetroffen. Nur in offenbar kranken, wahr- 
scheinlich vom Hunger degenerierten Zellen sah ich früher einige 
solche Zellen mit Fäden und Stäben, diesmal aber auch solche 
nicht. In den ganz überosmierten Zellen, wo die Zwischen- 
substanz des Plasmas ganz dunkel und scheinbar homogen ge- 
worden war, konnte man durch die undeutlich hervortretenden 
Körnerreihen der Strahlungen verleitet werden, solche Fäden und 
Stäbe anzunehmen; bei genauerem Nachsehen liess sich aber 
auch in solchen Fällen nachweisen, dass keine wirklichen Fäden 
vorhanden waren, sondern nur Körnerreihen. 

Mir erscheint es jedenfalls sonderbar, dass Meves nicht das 
Flemmingsche Mitomgeflecht in diesen Zellen gefunden hat. 
Doch einmal hat er es, aller Wahrscheinlichkeit nach, gesehen 
und abgebildet. In seiner Abhandlung vom Jahre 1910 „Zur 
Einigung zwischen Faden- und Granulalehre des Protoplasma“ 
(dieses Archiv, Bd. 75) hat er in Fig. 23 eine solche Zelle mit 
strahlenförmig angeordnetem, körnertragendem Mitom abgebildet; 
er will aber die Beweiskraft dieser Figur nicht anerkennen: 
„Strahlung und Chondriosomen bestehen im Cytoplasma der 
weissen Blutzelle nebeneinander!); die Chondriosomen sind 
zwischen den Fäden der Strahlung!) gelegen“, sagt er. 
Und weil diese Körner in den Fäden der Strahlung lagen, 
konnten sie nur „Macerationsprodukte“ der Chondriosomen dar- 
stellen. Die Besprechung dieser Zelle und der damit zusammen- 
hängenden hochwichtigen Frage, welche Meves hier gab, ist 
deshalb von besonderem Interesse, weil sie zeigt, dass er von 
seinen theoretischen Anschauungen so stark beherrscht war, dass 
er auch. als er eine offenbar richtige Beobachtung gemacht hatte, 
dieselbe nur wegzuerklären und sie auf zu geringer Ösmierung 
beruhend zu betrachten suchte. 

Ich könnte nun noch eine Reihe von anderen Beispielen 
vorlegen, in denen ich dartun könnte, dass sich die Struktur der 
Zellen nach der Fixierung in Flemmings und Meves’ Gemischen 
derjenigen ähnlich zeigte, die ich nach der Fixierung in Carnoy- 
schem und Zenkerschem sowie in anderen Sublimatgemischen 


!) Von mir gesperrt. 


Was sind die Plastosomen ? 205 


und in Pikrinessigsäuregemischen gefunden habe; so verhält es 
sich mit verschiedenen Tiereiern (auch den Echinideneiern) und 
Drüsenzellen, z. B. der Niere. Es würde dies aber hier zu weit 
führen und wohl auch nicht nötig sein, so dass ich es für eine 
spätere Mitteilung reserviere. 

Aus den schon angeführten Verhältnissen dürfte es wohl 
für einen jeden, der sich nicht durch andere Theorien ganz ge- 
bunden hat, klar bewiesen sein, dass das Protoplasma der 
hier näher besprochenen Zellartenauseinem echten 
Mitom von Körner (Mikrosomen) tragenden, nicht 
netzförmig vereinigten Fäden und einer scheinbar 
strukturlosen Zwischensubstanz (Paramitom) be- 
steht. Dagegen wurden bei diesen Zellarten keine Plastosomen 
im Sinne von Meves’ gefunden. Die von mir für diese Unter- 
suchungen benutzten Methoden haben im ganzen dieselben Resultate 
gegeben. 

Ich halte infolgedessen an meiner früheren Darstellung hin- 
sichtlich der Protoplasmastruktur entschieden fest. Diese Dar- 
stellung bestätigt im wesentlichen die alte Lehre von dieser 
Struktur, wie sie von Flemming, Van Beneden, His, 
J. Arnold, M. Heidenhain, K. Cam. Schneider u.a. auf- 
gefasst und geschildert worden ist. 

Dagegen steht die neue, hin und her schwankende und 
unklare Mitochondrien-Plastosomenlehre nach der oben gegebenen 
Beleuchtung auf einem sehr unsicheren Boden. Es hat sich zwar 
gezeigt, dass ihre Anhänger allmählich gefunden haben, dass die 
vorher als neu ausgegebenen Befunde der neuen Lehre zum 
grossen Teil mit den schon lange gekannten Befunden der alten 
Lehre „identisch“ sind. Die neuen Lehrsätze der Plastosomen- 
Lehre sind aber noch zu unsicher und zu unklar, um Vertrauen 
zu verdienen. Man weiss sogar nicht, welche Gebilde im Zell- 
plasma als Plastosomen zu bezeichnen sind, oder wie sie sich zu 
den eigentlichen Plasmafäden verhalten. Liegen sie in diesen 
Fäden oder zwischen ihnen? Dass Korn- und Fadenbildungen 
im Plasma mancher verschiedener Zellarten vorkommen, hat man 
ja lange gewusst. Welche von diesen Bildungen gehören nun zu 
den echten Plastosomen, und welche nicht? Man spricht auch 
von paraplastischen Bildungen, aber die Abgrenzung dieser Gruppe 
von den echten Plastosomen ist sehr unklar und unsicher. 


204 Gustaf Retzius: 


Seitdem Meves in Hühnerembryonen seine Chondrio- 
konten als aus Fäden oder Stäben bestehend beschrieb, hat 
sowohl er selbst als mehrere seiner Schüler und Anhänger in 
verschiedenen Zellarten (Knorpelzellen, Bindegewebszellen, Epithel- 
zellen usw.) solche Zellelemente dargestellt. Dass bei gewissen 
Zellarten solche fadenförmige Gebilde vorkommen, wusste man 
schon lange. Es ist aber gewiss ein Verdienst von Meves und 
den Schülern, das Studium derselben aufgenommen und weiter 
geführt zu haben. Was sind aber nun diese Fäden oder Stäbe, 
die man bald als homogen, bald als mehr oder weniger in Körner 
zerfallend beschrieben hat? Meves hat ja dieselben schon von 
Anfang an mit den Mitochondrien zur Gruppe der Chondrio- 
somen (resp. Plastosomen) zusammengeführt und sie später 
als zum Teil mit den von Flemming schon längst (in lebenden 
Zellen) gesehenen Fäden identisch aufgefasst. Ob nun dies richtig 
ist, will ich bis auf weiteres offen lassen. Ich habe diese Fäden 
in gewissen Zellarten, auch nach Fixierung mit Carnoy schen 
und Sublimatgemischen, gesehen. Wie sie sich zu dem Mitom 
verhalten, blieb mir aber unklar. Falls sich beweisen lassen 
würde, dass sie eine besondere Art von Plasmaeinschlüssen bilden, 
könnte es ja geeignet sein, für diese Bildungen die Mevessche 
Bezeichnung Chondriokonten zu behalten (sie Plastokonten, resp. 
Plastosomen, zu benennen, halte ich aus oben angegebenen 
Gründen, da man von ihrer Rolle bei den Differenzierungen 
nichts Sicheres weiss, also ihre „plastische“ Rolle nur eine 
Vermutung von Meves ist, für ganz ungeeignet). In den von 
mir untersuchten Eiern der verschiedenen Tierarten, in den 
Iymphatischen Zellen, den Nierenzellen usw., sah ich sie nie, 

Was schliesslich die Mikrosomen des Mitoms der 
alten Plasmalehre betrifft, so sind sie, wie ich und andere 
schon lange betont haben, sicherlich auch sehr verschiedener Art 
und Zusammensetzung, deren Beschaffenheit noch sehr wenig auf- 
geklärt ist. Und was ihre biologische Rolle und Wirksamkeit 
angeht, so kann man zwar sich denken, dass diese für das Zell- 
leben und den Organismus, nicht nur, wie J. Arnold u.a. nach- 
gewiesen haben, sehr bedeutungsvoll, sondern auch sehr ver- 
schiedenartig und wechselnd sei — wir wissen aber noch gar zu 
wenig von dieser Rolle, um Theorien hierüber aufzustellen. Wie 
verhalten sie sich in dieser Beziehung zu den Fäden, denen sie 


Was sind die Plastosomen ? 205 


angefügt sind, und zu der eigentlichen Zwischensubstanz, dem 
Paramitom? Wie sind die Rollen zwischen diesen drei Bildungen 
verteilt? Davon wissen wir äusserst wenig, um so mehr, als in 
‚verschiedenen Zellarten diese Rollen auch sehr verschieden sein 
können. Man muss sich deshalb noch lange hüten, die fraglichen 
Bildungen mit bestimmten, biologisch eine gewisse Rolle an- 
gebenden Bezeichnungen zu belegen. Es ist deshalb, wie 
oben betont worden ist, ganz verfrüht, eine solche Bezeichnung 
wie „Plastosomen“ für noch so unbekannte Gebilde zu wählen. 

Es möchte auch hier hervorgehoben werden, dass es in ge- 
wissen Zellarten auch ein Protoplasma gibt, in welchem weder 
Mikrosomen, noch distinkte Fadenbildungen, noch weniger 
solche „Plastosomen“, die von der neuen Plasmalehre beschrieben 
wurden, gefunden worden sind. In meiner hier oben mehrmals 
angeführten Abhandlung „Zur Frage von dem Problem der 
Protoplasmastruktur“ (Biol. Unt., Bd. XVII, 1912) habe ich das 
Vorkommen dieser Protoplasmaart sowohl bei niederen Wirbel- 
losen, wo sie besonders von Hjalmar The&el in den Iymphati- 
schen Zellen, den Amoebozyten, der Körperhöhle der Echino- 
dermen (1896) genau beschrieben worden ist, als auch in gewissen 
weissen Blutzellen der Wirbeltiere, hervorgehoben. Ich hatte 
schon damals diese Zellarten mit denselben Fixierungs- und 
Färbungsmethoden (Carnoysche, Zenkersche, Flemmingsche 
Gemische, Heidenhainsche und Biondische Färbung) ein- 
gehend untersucht und in ihnen kein Mitom mit Mikrosomen ge- 
funden, sondern nur ein anscheinend unstrukturiertes Protoplasma, 
dann und wann mit sehr undeutlicher Streifung, schwacher un- 
bestimmter Körnelung und Vakuolenbildung in der Umgebung des 
Kerns: an den Rändern können sich zwar diese Plasmaschollen 
„fädig“ verästeln, aber offenbar ohne sichtbare Struktur: das 
ganze Plasma dieser Zellen ist ja beweglich und ändert im Leben 
hin und wieder in ganz wechselnder Weise seine Form, so dass 
es scheinbar als bewegliche Fäden ausschiessen kann. Hier liegt 
also eine Art Protoplasma vor, in dem kein mit Mikrosomen 
besetztes Mitomgerüst sich entwickelt. Ich zog aus diesem Ver- 
hältnis den Schluss, dass für den Protoplasmabegriff das Mitom 
nicht ganz nötig ist, obwohl es für die allermeisten Zellen der 
Tierwelt doch eine Grundbedingung ihrer Wirksamkeit zu sein 
scheint. Die Mitomfäden mit ihren Mikrosomen dienen gewisser- 


206 Gustaf Retzius: 


massen als eine Art für die allermeisten Zellen der Organismen 
nötiger „Organellen“. 

Ich habe in diesem Sommer nun die erwähnten Mitom 
entbehrenden Zellarten noch einmal nach verschiedenen Methoden 
untersucht und dieselben Resultate erhalten. Auch mit der 
Mevesschen Methode sowie mit der Altmannschen konnte 
ich in diesem Protoplasma nichts weiteres finden. Ich betone 
aber auch hier, dass dasselbe mit den Essigsäure haltenden 
(semischen (Carnoyschem, Zenkerschem. Boverischem) ganz 
gleichartige „Strukturverhältnisse“ wie mit dem Mevesschen 
und dem Altmannschen zeigte. Die Essigsäure ruft also 
in diesem Protoplasma keine fädige Struktur, keine 
sogenannten „Artefakte“ hervor, was wichtig ist, noch einmal 
hervorzuheben. 


Zusammenfassung und Schlüsse. 


Nachdem ich also eine Zusammenstellung und teilweise auch 
eine Beleuchtung der wichtigsten Äusserungen und Angaben 
Fr. Meves’ hinsichtlich der neuen Lehre von der Struktur des 
Protoplasmas, der Plastosomenlehre, hier oben geliefert und 
im Zusammenhang damit meine eigenen Ergebnisse hinsichtlich 
der Bedeutung der von mir angewandten Fixierungsflüssigkeiten 
gegenüber denjenigen von Meves geschildert habe, will ich hier 
noch versuchen, in einzelnen Punkten die wichtigsten Resultate 
dieser Untersuchung zusammenzufassen. 

1. Die Mitochondrienlehre Ü. Bendas ist von Anfang 
an (vom Jahre 1897) von der irrtümlichen Auffassung ausgegangen, 
dass die von Benda in den männlichen Sexualzellen gefundenen 
Körnerbildungen, die Mitochondrien und die Chondrio- 
miten, neuentdeckte und für diese Zellen spezifische 
Zellelemente seien. Nachdem Benda später diese Bildungen in 
verschiedenen anderen Zellarten (Eiern, Nierenepithel usw.) ge- 
funden hatte und es also deutlich war, dass sie für die männ- 
lichen Sexualzellen nicht spezifisch sind, hielten er und seine 
Anhänger sie noch immer für ein neuentdecktes Zellelement, 
dem Benda selbst eine motorische Aufgabe zuschrieb. 

2. Als Fr.Meves ungefähr ein Dezennium nach dem Hervor- 
treten der Mitochondrienlehre diese Lehre aufnahm, äusserte er 
(im Jahre 1907): „Benda hat das grosse Verdienst, in den von 


Was sind die Plastosomen ? 207 


ihm sogenannten Fadenkörnern oder Mitochondrien zuerst 
einen weitverbreiteten spezifischenBestandteil der Zellen erkannt zu 
haben“. Meves, welcher nun für stab- oder fadenförmige Bildungen 
dieser Art auch einen neuen Namen, die Chondriokonten, schuf, 
hielt offenbar die fraglichen Zellelemente für neue, von Benda 
entdeckte Zellteile.. Meves hatte noch nicht eingesehen, dass 
wenigstens ein grosser Teil dieser Elemente von verschiedenen 
Zytologen (Flemming, E. van Beneden, M. Heidenhain, 
His, Altmann, J. Arnold u. a.) schon längst gekannt und 
beschrieben war. Die Mitochondrien resp. Chondriokonten stellen 
nach Meves das Bildungsmaterial für zahlreiche Faserstrukturen 
dar, und für die Filarmasse Flemmings blieb nach ihm ver- 
hältnismässig wenig übrig (als solche Reste nannte er die Spindel- 
fasern und die Polstrahlungen). 

3. Im Jahre 1907/08 machte nun, wie er selbst sagt, Me ves 
„die Entdeckung“, dass seine Chondriosomen, unter welcher 
neuen Bezeichnung er die Mitochondrien und die Öhondriokonten 
zusammenfasste, wenigstens zum grossen Teil mit den Fila (dem 
Mitom) Flemmings und auch mit den Granula Altmanns 
identisch sind, wodurch schliesslich auch für ihn die Mito- 
chondrien „die Sonderstellung, die ihnen bisher zuerkannt werden 
musste“, verloren. Dann betonte Meves bestimmter, dass er 
mit den Fila Flemmings nur die von diesem in lebenden 
Zellen gesehenen Bildungen, nicht die von Flemming im 
fixierten Material beschriebenen Fäden meine. 

4. Nachdem, wie erwähnt, Meves die Mitochondrien und 
die Chondriokonten unter der Bezeichnung Chondriosomen zu- 
sammengefasst und von ihnen behauptet hatte, dass sie allen 
Ditferenzierungsprozessen in den Organen und (Geweben des 
Embryonalleibes zugrunde liegen, gab er ihnen deshalb (1910) 
noch eine neue Bezeichnung: „Plastosomen“, und zwar mit 
folgender Motivierung: „Wenn eine derartige Rolle der Chondrio- 
somen in der Histogenese tatsächlich nachgewiesen wäre, würde 
es vielleicht angemessen sein, sie in der Bezeichnung zum Ausdruck 
zu bringen; man könnte statt von Uhondriosomen von Plasto- 
somen!) (Plastochondrien, Plastochondriomiten oder kürzer Chon- 
driomiten, Plastokonten) sprechen“. Also: wenn ihre grosse 
Rolle in der Histogenese tatsächlich nachgewiesen wäre, 


!) Von mir gesperrt. 


208 Gustaf Retzius: 


würde es vielleicht angemessen sein, sie als „Plastosomen“ 
zu bezeichnen! Die ganze Sache ist demnach sehr problematisch. 

Ich habe dieser meiner kritischen Mitteilung den Titel ge- 
geben: „Was sind die Plastosomen?“ Es ist deshalb meine 
Pflicht, zu untersuchen, was die Plastosomen eigentlich sind. 
Eine eigentliche Definition dieses so prätendierenden Begriffes 
habe ich aber weder in den Schriften von Meves noch in der 
grossen Abhandlung seines vertrauten Schülers J. Duesberg 
(in Merkel-Bonnets Ergebn., XX. Bd., 1911 resp. 1912), welche 
gerade den Titel „Plastosomen“ etc. führt, finden können. 
Duesberg hat offenbar auch versucht, eine „Definition“ zu 
finden, gesteht aber unter anderem zu, dass eine solche in Wahr- 
heit in der Praxis „grossen Schwierigkeiten begegnet“. 

5. Im Jahre 1911 kam Meves in seiner Abhandlung 
„Über die Beteiligung der Plastochondrien an der 
Befruchtung des Eies von Ascaris megalocephala“, 
in welcher er seine, ursprünglich schon von Benda stammende 
Lehre, dass diese Körner die Vererbungssubstanz des Protoplasmas 
darstellen, zu der „Überzeugung“, dass die Plastochondrien des 
Spermiumkopfes sich in das Protoplasma des Eies verteilen, und 
dass sie mit den weiblichen Plastochondrien „wahrscheinlich“ ver- 
schmelzen. „Aus theoretischen Gründen“, sagt Meves, „muss 
angenommen werden, dass, nachdem die männlichen und weib- 
lichen Plastochondrien sich gemischt haben, früher oder später 
je ein männliches und weibliches Korn miteinander verschmelzen.“ 

Wie man „aus theoretischen Gründen“ einen so bedeutungs- 
vollen und weittragenden Schluss aufstellen kann, ist wenigstens 
mir unbegreiflich! 

6. In derselben Abhandlung vom Jahre 1911 erklärte auch 
Meves gegen uns andere, welche im Plasma der Ascariseier die 
die Körner verbindenden Fäden gesehen und beschrieben hatten, 
dass er selbst in seinen Altmannschen Präparaten von der- 
artigen Fäden nichts gesehen habe, und dass ihm ihre Existenz 
„so gut wie ausgeschlossen zu sein“ scheine. 

Dass Meves diese Fäden in seinen Altmannschen 
Präparaten nicht gesehen hat, ist meiner Ansicht nach aus 
oben angegebenen Gründen leicht erklärlich, weniger leicht 
aber, dass er daraus einen so bestimmt verneinenden Schluss 
ziehen konnte. 


Was sind die Plastosomen ? 209 


7. In derselben Abhandlung (1911) findet man auch die für 
den Inhalt und die Begrenzung seiner Plastosomenlehre be- 
deutungsvolle, bestimmt ausgesprochene Verurteilung einer wesent- 
lichen Partie des von Flemming (und anderen Forschern) 
beschriebenen Mitoms (Fila). „Die Chondriokonten oder Plasto- 
konten“, sagt Meves. „sind mit den Fila Flemmings von 
1882, die Mitochondrien oder Plastochondrien mit den Körnern 
Altmanns identisch.“ Bisher wurde eine Verständigung be- 
sonders dadurch erschwert, fügt Meves hinzu, „dass Flemming 
irrtümlicherweise die Fadenwerke, die hauptsächlich nach saurer 
Fixierung in den Zellen sichtbar sind, mit den von ihm am 
lebenden Objekt beobachteten Fäden, welche die Grundlage seiner 
Filartheorie bilden, identifizierte.“ 

Wie Meves diese Verurteilung des Flemmingschen 
Mitomgerüstes, welches nach „saurer“ Fixierung in den Zellen 
sichtbar ist, so kategorisch proklamieren konnte, erscheint mir 
unbegreiflich. Er verurteilte hiermit nicht nur eine ganze Reihe 
von zytologischen Arbeiten und Entdeckungen (sowohl seines so 
kritischen früheren Lehrers Flemming selbst als vieler anderen 
bedeutenden Zytologen), sondern auch die Flemmingsche und 
die meisten histologischen Fixiermethoden, von denen ja die aller- 
meisten „sauer“ sind. Seine eigene Modifikation des Flemming- 
schen Gemisches ist ja auch „sauer“ (Chromsäure und Essigsäure 
enthaltend). 

Ich muss mich ganz entschieden gegen diese Mevessche 
kategorische Verurteilung aussprechen. Ohne alle sauren Fixie- 
rungen wären wir in der Zytologie sicherlich nicht so weit ge- 
kommen, wie wir es jetzt sind. Und für die Erforschung der 
Struktur des Protoplasmas sind sie auch sehr nützlich. 

8. Bei seinen Untersuchungen über die Echinideneier (1912) 
nach der Altmannschen Methode konnte Meves nicht die von 
mir beschriebenen, die Plasmakörner verbindenden Fäden finden. 
Er war nun immer mehr „zu der Überzeugung gelangt, dass 
die Plastochondrien stets freiin derGrundsubstanz 
liegen“. Er dachte sich aber die Möglichkeit, „dass neben den 
Plastochondrien ein Faden- oder Netzwerk in der Grundsubstanz 
als präformierte Bildung existiert“. 

Dass Meves in seinen Altmannschen Präparaten von 


Echinuseiern die Fäden des Mitomwerkes nicht sah, ist ganz 
Archiv f.mikr. Anat. Bd.84. Abt. I. 14 


210 Gustaf Retzius: 


natürlich, weil diese Methode, wie oben schon für die Ascariseier 
betont wurde, dazu ganz ungeeignet ist. 

9. Was nun Meves’ Darstellung der Plasmastruktur in den 
Iymphatischen Zellen der Randschicht der Sala- 
manderleber betrifft, so bin ich nach einer wiederholten ein- 
gehenden Untersuchung dieser Zellen zu einer ganz anderen Auf- 
fassung als er gelangt. In diesen Zellen gibt es, wie ich früher 
und nun auch nach der Anwendung des Mevesschen Gemisches 
zur Fixierung gefunden habe, ein echtes Mitomwerk. 

10. Aus den in seinen letzten Arbeiten ausgesprochenen 
Ansichten scheint hervorzugehen, dass Meves sich der Alt- 
mannschen Bioblastenlehre immer mehr genähert hat, indem er 
nunmehr im Protoplasma nur die nach dessen Methode färbbaren, 
„frei“ liegenden Körner, die Granula, anerkennt und zu seinen 
„Plastosomen“ rechnet, welchen Gebilden er nicht nur die Rolle 
der Differenzierungen, sondern auch der Vererbung, ja sogar eine 
Verschmelzung (eine Art Kopulation) von männlichen und weib- 
lichen Elementen usw. zuerteilt. Durch seine erwähnte kategorische 
Verurteilung anderer („saurer“) Fixiermethoden meint er an- 
scheinend von seinen Plastosomen die übrigen mit diesen Methoden 
nachweisbaren Elemente ausgeschlossen zu haben und lässt einen 
Vergleich, eine Konfrontation, mit ihnen nicht zu. Die Flemming- 
schen „Fila“ (mit Ausnahme der im lebenden Gewebe wahrnehm- 
baren) existieren für Meves kaum mehr als natürliche Elemente, 
höchstens die Spindelfasern und die Polstrahlungen in sich 
teilenden Zellen, in ruhenden Zellen die Strahlungen, welche in 
manchen Zellarten, wie in den Leukozyten von den Zentriolen 
ausgehen, welche er wenigstens doch früher noch als Repräsen- 
tanten der Filarmasse betrachtet haben wollte. Was sind dann 
für ihn alle die mit „sauren“ Fixiermitteln im Plasma der Zellen 
nachgewiesenen Mitomstrukturen Flemmings und anderer 
Forscher? Wahrscheinlich hält er sie für Kunstprodukte! 

Ich und andere, welche Anhänger der alten Lehre von 
der Protoplasmastruktur sind und vor etwa drei Jahrzehnten, 
nach dem Vorgange von Flemming und mehreren anderen 
/ytologen jener Vorzeit, uns dieser Lehre, der Mitoml’ehre, 
angeschlossen und dieselbe auch weiter ausgebildet haben, meinen 
nun, nachdem wir die alten und die neuen Richtlinien eingehend 
und kritisch miteinander verglichen und geprüft haben, dass die 


Was sind die Plastosomen ? >11 


neuere Lehre, die Plastosomenlehre, auf falsche Wege ge- 
raten ist; was in ihr richtig sein kann, ist nicht neu, und was 
in ihr als neu erscheint, ist nicht richtig, aber unklar und 
schwankend. Es wäre deshalb zeitgemäss, dass man allgemein 
darüber klar wird, was richtig und was irrtümlich in der Plasma- 
lehre im ganzen ist, damit nicht die zytologische Forschung, 
beeinflusst durch scheinbar lockende Schlagworte, wie Plasto- 
somen und dergleichen, in unrichtige Bahnen hineingleite, was 
unserer Wissenschaft für lange Zeit schaden kann. 

12. Weil ich mich durch vieljährige Untersuchungen in ver- 
schiedenen Gebieten der Zytologie davon überzeugt habe, dass 
im allgemeinen die vor allem von Flemming inaugurierte 
Mitomlehre richtige Grundprinzipien enthält, obwohl er gewisse 
Partien in denselben, z. B. das Vorkommen der Körner, der 
Mikrosomen, gar zu wenig beachtet und betont hat, so habe 
ich in den letzten Jahren versucht, an verschiedenen Objekten, 
und vor allem an Eiern, in denen man doch, neben dem Dotter. 
teilweise aber auch von diesem frei, das reinste Protoplasma 
höherer Ausbildung trifft, die Struktur desselben, sowohl im 
frischen lebenden Zustande als nach verschiedenen Fixierungen 
und Färbungen zu erforschen. In dem lebenden Zustande be- 
kommt man indessen keine so distinkten Bilder, dass man aus 
ihnen sichere Schlüsse zu ziehen vermag. Mit Fixierungen und 
scharfen Färbungen gelingt aber dies oft in schöner Weise. 
Wenn dann die verschiedenen Methoden in jedem einzelnen Falle 
zu gleichartigen Ergebnissen führen, so hat man wohl als in 
hohem Grade wahrscheinlich anzusehen, dass man das möglichst 
Richtige getroffen hat. Und wie ich schon vorher hervorgehoben 
habe, sind wohl Forscher, die eine lange Übung auf solchen 
Gebieten und ihre Kritik „bis nahe zur Skepsis“ ausgebildet 
haben, doch ziemlich befähigt, die echten Strukturen von den 
falschen, die natürlichen von den artifiziellen zu unterscheiden. 

13. Weil ich nun auch selbst nach vieljähriger Arbeit auf 
diesem (rebiete zu der bestimmten Auffassung gelangt bin, dass 
im Protoplasma der Eizellen und vieler anderer Zellarten die 
Mitomstruktur, — die ich auch als die Flemmingsche Plasma- 
lehre bezeichnete, — in verschiedenen Variationen herrscht, so 
halte ich immerfort an ihr als einem leitenden Grundprinzip 


fest, indem ich das Protoplasma als aus folgenden Teilen be- 
14* 


212 Gustaf Retzius: 


stehend betrachte: aus einer scheinbar strukturlosen, aber wahr- 
scheinlich in wechselnder Weise sehr kompliziert zusammengesetzten 
Zwischensubstanz, dem Paramitom (der Interfilarmasse) 
Flemmings, und einem Fadengerüst aus mehr oder weniger 
dicht umeinander sich windenden, nicht netzförmig zu- 
sammenhängenden, zuweilen aber dichotomisch geteilten Fäden, 
in denen sich reihenweise angeordnete feine Körner, die seit 
langem bekannten Mikrosomen, finden: dem Mitom (der Filar- 
masse) Flemmings. Offenbar entsprechen die genannten Körner 
grösstenteils den Plasmosomen J. Arnolds, den Granula (den 
„Bioblasten“) Altmanns sowie auch den Mitochondrien 
Bendas und den Uhondriosomen-Plastosomen von 
Meves, obwohl der letztgenannte Forscher nicht die im „sauer“ 
fixierten Material nachweisbaren Körner als mit seinen Gebilden 
identisch anerkennen wollte; er scheint sogar nunmehr seine 
Körner nicht in den Fäden liegen zu lassen, sondern alle frei 
in der Substanz, höchstens, wenn Fäden vorhanden sind, als 
zwischen den Fäden belegen, anzunehmen; Meves scheint 
aber immer mehr die Fadenstruktur aus dem Protoplasma 
wegerklären zu wollen und befasst sich im ganzen sehr wenig 
sowohl mit ihr als mit der Zwischensubstanz. 

Was nun aber die Körner im Protoplasma der Zellen be- 
trifft, soll auch hier hervorgehoben werden, dass, wie man seit 
langem gekannt hat, dieselben offenbar von verschiedener Natur 
sein können und eine wechselnde Rolle spielen, sowie dass in 
manchen Zellarten, z. B. in gewissen Epithel-, Drüsen- und 
Sinneszellen, neben den echten Mikrosomen des eigentlichen 
Mitoms auch andere Körner vorkommen, die also zwischen den 
Fäden des Mitoms liegen und mit den Mikrosomen nicht ver- 
wechselt werden mögen, z. B. alle die Sekretkörner der Drüsen- 
zellen, die Dotterkörner der Eizellen usw. Mehrere Forscher 
haben zwar diese Körner direkt aus den Körnern der Mitomfäden 
herleiten wollen, ja sogar Flemming meinte die Dotterkörner 
durch weitere Ausbildung aus den Mitomkörnern herleiten zu 
können. Nach allem, was ich in dieser Beziehung zu ermitteln 
vermochte,» ist aber dies nicht der Fall: die Dotterkörner 
und die Sekretkörner entstehen in der Zwischen- 
substanz, dem Paramitom, wo sie sich auch weiter 
ausbilden. 


Was sind die Plastosomen ? 213 


In gewissen Drüsenzellen zeigen sich ferner eigentümliche 
faden- oder stabförmige Gebilde: dies ist ganz besonders in den 
Zellen der Pankreasdrüse der Fall, wo sie auch ziemlich lange 
gesehen und in letzter Zeit oft beschrieben worden sind: man 
hat solche Gebilde oft mit dem Mevesschen Namen „Chondrio- 
konten“ bezeichnet, und sie verdienen bis auf weiteres gerne 
eine besondere Benennung: ihre Natur ist aber noch nicht klar: 
sie scheinen in den Pankreaszellen in verschiedenen Funktions- 
zuständen aufzutreten und dann wieder zu verschwinden; wie sie 
sich zu dem Mitom verhalten, ist noch nicht sicher entschieden. 
Diese „Chondriokonten“ mit den in gewissen Knorpel- und Binde- 
gewebszellen vorkommenden Faden- und Stabbildungen zu einer 
Gruppe zusammenzuführen, scheint mir aber ganz unnatürlich zu 
sein; noch weniger ist es, wie ich oben schon näher betont habe, 
geeignet, solche Bildungen, deren Rolle uns noch so unbekannt 
ist, als „Plastosomen“ aufzuführen. Nach ihren Form- und Färb- 
barkeitsverhältnissen allein lässt sich die Natur solcher Zell- 
elemente nicht sicher bestimmen. 

Meiner Ansicht nach wäre es nun in der Tat für die Wissen- 
schaft am glücklichsten. wenn man alle diese neuen Namen — 
von den Mitochondrien an bis auf die Plastosomen — 
deren Begriffe teils mit denen von schon längst bekannten und 
benannten Zellelementen mehr oder weniger zusammengehören, 
teils untereinander synonym, teils und vor allem sehr schwankend 
und unklar sind, fallen lassen wollte. Ich werde aber diesmal 
nicht näher auf diese Frage eingehen. 

Dass man im Protoplasma der verschiedensten Zellarten 
noch immerfort nach Strukturen sucht, ist ja vom histologisch- 
zytologischen Standpunkt nicht nur berechtigt, sondern auch 
indiziert, vor allem wenn man hierbei alle mögliche Kritik an- 
wendet und alle bewährten Methoden prüft. Allmählich lernt 
man wohl dadurch, die wahren Bilder von den falschen zu unter- 
scheiden. Mit nur hypothetischen Annahmen kommt man nicht 
weiter. Man muss aber, wie manche Forscher meinen, noch 
an die Möglichkeit denken, dass die Protoplasmastruktur nicht 
überall ganz gleichartig sei. Was meine eigene Erfahrungen 
betrifft, habe ich ja, wie erwähnt, nicht nur das in weitester 
Ausdehnung und in etwas wechselnder Anordnung vorkommende 
mito mhaltige Protoplasma gefunden, sondern auch in gewissen 


214 Gustaf Retzius: Was sind die Plastosomen ? 


Arten von Lymphzellen bei Wirbellosen und Wirbeltieren ein 
Protoplasma gesehen, in dem ein derartiges Mitom und sogar 
jede distinkte Struktur fehlt. Es lässt sich als möglich denken, 
dass in anderen Zellformen noch andere Verhältnisse vorkommen 
können. Leider steht man aber auch auf diesem Gebiete, wie 
überhaupt bei der Untersuchung der feinsten Strukturen so oft, 
an der Grenze des Wahrnehmbaren: was unter dieser (Grenze 
liegt, gehört vielleicht — oder wahrscheinlich — für immer der 
unbekannten Welt an. 


Wie in meiner vorigen Schrift über diesen Gegenstand (1912), 
wünsche ich auch hier zu betonen, dass ich gar nicht aus Lust 
zur Polemik, sondern ausschliesslich aus Interesse für die Wissen- 
schaft die obigen Bemerkungen veröffentlicht habe. Ich habe 
diesmal, nachdem ich nun auch an den betreffenden Objekten die 
von meinem hochverehrten Gegner empfohlenen Fixierungs- 
methoden geprüft und seine Anmerkungen hinsichtlich meiner 
früheren Ergebnisse noch genauer studiert habe, meine Ansichten 
nur bestätigen und infolgedessen hier noch bestimmter und 
kräftiger formulieren können. 

Und ich zitiere hier die Schlussworte meiner angeführten 
früheren Mitteilung: „Ich bin auch davon überzeugt, dass nicht 
nur ich selbst, sondern auch mein hochverehrter Gegner von dem 
Wunsche beseelt ist, hier, wie überall, dem alten Baconschen 
Satze zu dienen: ex contentione veritas“. 

Ich will auch hier gerne hervorheben, dass ich, obwohl ich 
in den vorliegenden Fragen einer anderen Anschauung huldige, 
doch gerne anerkenne, dass mein verehrter Gegner und seine 
Schule, durch ihre Arbeiten, der Wissenschaft einen Dienst ge- 
leistet haben, indem sie die Frage von der Struktur des Proto- 
plasmas mehr in den Vordergrund der histologischen Forschung 
gerückt und zum Gegenstand verschiedener Meinung SAULZT EU Eu 
gemacht haben. 


Die Erklärung der Figuren der zu dieser Abhandlung ge- 
hörenden Taf. VIII ist oben im Texte S. 197—201 gegeben. 


Aus dem Anatom.-Biolog. Institut (Geheimrat Prof. Dr. Hertwig) und der 
Ersten Medizinischen Klinik (Geheimrat Prof. Dr. His) der Universität Berlin. 


Die anatomischen Grundlagen für eine myogene 
Theorie des Herzschlages. 


Von 


Dr. W. Lange, Volontärarzt. 


Hierzu Tafel IX und X. 


Eine physiologische Theorie hat nur dann ein Recht, gehört zu 
werden, wenn für sie anatomische Grundlagen entweder vorhanden 
oder zum mindesten nicht ausschliessbar sind. Dieser wohl selbst- 
verständliche Satz scheint in dem Streite über die myogene oder 
neurogene Theorie des Herzschlages nicht immer beachtet worden 
zu sein. Der Befund von Nervenfasern überall im Herzen genügt 
nicht, um die Wahrscheinlichkeit einer neurogenen Leitung zu 
begründen, so wenig wie die Tatsache, dass das ganze Herz aus 
Muskulatur besteht, zur Annahme einer muskulären Leitung be- 
rechtigt. Man muss vielmehr nachsehen, ob auch in allen Einzel- 
heiten die physiologischen Ergebnisse mit den anatomischen in 
Einklang zu bringen sind. Dadurch, durch genaue Berücksichtigung 
der Anatomie, wird sich manches unsichere physiologische Resultat 
genauer bewerten, in seiner Bedeutung auf das richtige Maß ein- 
schränken lassen. Ein Beispiel: In der Hirnphysiologie war es 
lange Zeit ungewiss, welche von beiden Zentralwindungen als das 
eigentlich motorische Zentrum anzusprechen sei. Eigentümliche 
anatomische Struktur entspricht eigentümlicher Funktion. In 
diesem Falle fand sich nur in der vorderen Zentralwindung ein 
eigenartiger histologischer Aufbau, charakterisiert unter anderem 
durch die Betzschen Riesenpyramiden. Es war wahrscheinlich. 
dass nur ihrem Gebiete die besondere Funktion, die elektrische 
Erregbarkeit zukam, was später auch bestätigt wurde. Anatomie 
war der Physiologie vorausgeeilt, hatte ihr Richtlinien zu ge- 
nauerer Arbeit gegeben. 

Die Berücksichtigung der Anatomie ist ferner das sicherste 
Mittel, um Analogieschlüsse in ihrer Tragweite richtig einzu- 

Archiv f. mikr. Anat. Bd.S4. Abt. I. 15 


216 W. Lange: 


schätzen. Zahlreiche Versuche zur Begründung der myogenen 
wie der neurogenen Theorie sind nicht am Wirbeltierherzen, 
sondern an ganz anderen Objekten gemacht worden, mit oft nur 
sehr entfernt ähnlicher Funktion. ohne Rücksicht darauf, ob diese 
Gebilde morphologisch überhaupt verglichen werden dürfen. So 
wurden zur Begründung der neurogenen Theorie Versuche am 
Arthropodenherzen herangezogen, die den ziemlich sicheren Nach- 
weis der nervösen Reizerzeugung und Reizleitung bei jenen 
Objekten erbrachten. Eine solche Sachlage hätte aber auf Grund 
einfacher anatomischer Überlegungen erschlossen werden können. 
Denn den einzelnen Abschnitten des Arthropodenherzens, deren 
Tätigkeit zum Teil durch ganz ausserhalb des Herzens gelegene 
Muskelmassen bewirkt wird, fehlt ja gänzlich der innige musku- 
löse Zusammenhang, der für eine myogene Reizleitung Grund- 
bedineung ist. Die morphologischen Bedingungen für gleiche 
Funktion sind in der Natur sehr verschieden untereinander. 
Man denke daran, auf wie verschiedene Weise das Problem des 
Sehens in all seinen besonderen Einrichtungen gelöst ist. (Linsen- 
camera der Wirbeltiere — Lochcamera der Nautiliden: die ver- 
schiedenen Einstellvorrichtungen der Wirbeltieraugen.) 
Genauere anatomische Darstellungen des Baues von Arthro- 
podenherzen, die ich zur Prüfung dieser Ansicht hier anführen 
könnte, sind nicht zahlreich vorhanden. Carlson hat für das 
Limulusherz, bei dem er physiologisch eine rein neurogene Leitung 
festgestellt hatte, zwar angegeben, dass das Myokard genau so 
histologisch zusammengesetzt sei wie das der Wirbeltiere. Es 
stellt nach seinen und Meehs Untersuchungen ein Syneytium dar: 
tatsächlich aber sind die Fasern dieses Syneytiums hauptsächlich 
in der Querrichtung des Herzens, also als Ringfasern, angeordnet. 
Es geht aus seinen Angaben auch nicht hervor, ob die einzelnen 
Abschnitte dieses Syneytiums, die den verschiedenen hinter- 
einander sich kontrahierenden Teilen des Limulusherzens ent- 
sprechen, auch untereinander muskulös verbunden sind. Dass 
dies bei manchen Arthropoden sicher nicht der Fall ist, geht 
z. B. hervor aus der Untersuchung von Lawarzin über das 
Herz der Aeschnalarven. Hier besteht das Myokard aus Muskel- 
zellen, die teilweise zu Synceytien verschmelzen. Aber durch 
(Juerleisten, die dargestellt werden durch Nähte zwischen der 
Intima und der Adventitia des Herzens, wird das ganze Myokard 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. LT 


sowohl in der Längs- wie in der Querrichtung in einzelne Muskel- 
einheiten abgegrenzt, die gar keine Verbindung miteinander haben. 
Eine myogene Reizleitung ist bei diesen Larven von vornherein 
auf Grund der anatomischen Verhältnisse eben ausgeschlossen. 
Die jüngsten interessanten Feststellungen von Hofmann 
durch das Elektrokardiogramm bei den verschiedenen Wirbellosen 
haben in unzweideutiger Weise gezeigt, dass die Erregungs- 
vorgänge im Limulusherzen in keiner Weise zu vergleichen sind 
mit denen beim Säuger. Das Elektrokardiogramm des Limulus- 
herzens zeigt eine ganz andere Form als die des Säugerherzens. 
Aus ihr geht hervor, dass sich das Limulusherz ähnlich verhält 
wie ein willkürlicher, vom zuleitenden Nerven abhäneiger, quer- 
gestreifter Muskel der Wirbeltiere. 
. Die Berücksichtigung der Anatomie in dem Streite um die 
Physiologie des Herzens denke ich mir in dem Sinne, wie es 
His zuerst getan, als er durch vergleichend anatomische und 
entwicklungsgeschichtliche Untersuchungen die Bedeutung be- 
sonders der Atrioventrikularverbindung als selbständigem und 
daher wahrscheinlich auch mit besonderer Aufgabe betrautem 
(rebilde im Herzen allgemein nachwies, und im besonderen im 
Froschherzen durch genaue Berücksichtigung des Verlaufes und der 
Struktur der muskulösen Verbindungen zwischen den einzelnen 
Herzabschnitten die widersprechenden Ergebnisse der Stannius- 
schen Versuche einheitlich deuten konnte. Die Weiterverfolgung 
der Hisschen Entdeckungen (Aschoff-Tawara, Keith und 
Flack) ist für die Physiologie des Herzens von grösstem Nutzen 
gewesen. Überall erwies sich die Anatomie als ein sicherer 
Führer. Reizbildungsfähigkeit kam besonders den wegen ihrer 
Struktur dafür bezeichneten spezifischen Muskelsystemen zu 
(Sinus-, Aschoff-Tawaraknoten. System der Purkinjefäden), 
keizleitung folgte aufs genaueste den ihr zugewiesenen Bahnen. 
His hatte zuerst gezeigt, dass durch die Durchschneidung 
des von ihm entdeckten Bündels beim Säugetier die Erregungs- 
überleitung von Vorhof auf Kammer unterbrochen wird. Seine 
Befunde wurden in ausgiebiger Weise bestätigt durch Erlanger, 
Hering u.a. Sie ergaben, dass die Reizleitung aufs genaueste 
auf dem dafür angenommenen Wege vor sich ging. Wie wertvoll 
die Anatomie als Führerin der Physiologie sein kann, zeigt die 
Entdeckung des Sinusknotens. Vor der Kenntnis von spezifischem 


” 15* 


218 W. Lange: 


Gewebe im Gebiete der oberen Hohlvene wusste man nicht ge- 
nau, wo der normale Ausgang der Herzerregung im Herzen liegt. 
Die Anatomie fand spezifische Struktur in dem Gebiete des 
Sinusknotens. Die neuesten Untersuchungen der Physiologen 
(Hering, Ganter und Zahn, Hoffmann und Brandenburg, 
Lewis, Wybauw) haben mit Sicherheit erwiesen, dass der 
Sinusknoten der Schrittmacher des Herzens ist. 

Die Anatomie hatte sich nur an das Muskelgewebe gehalten. 
Dass ihre Befunde in diesem allein für die Physiologie von Be- 
deutung, war natürlich von grosser Werbekraft für myogene 
Anschauungen, und blieb es lange, bis namentlich die Unter- 
suchungen am Limulusherzen und Überlegungen aus der allge- 
meinen Physiologie, Wahrscheinlichkeitsgründe von nicht grösserer 
Überzeugungskraft wie der: sonst überall (?) ist Reizbildung und 
teizleitung nur an das Nervengewebe gebunden, wieder neu- 
rogene Anschauungen zur Geltung brachten. Dazu kam, dass 
in jüngster Zeit auch in den der Reizleitung dienenden Systemen 
von spezifischer Muskulatur Ganglienzellen und Nerven gefunden 
wurden. Unter Missachtung aller anatomischen Überlegungen 
sprach man diesen (Gebilden die Hauptbedeutung zu, ohne zu 
untersuchen, ob Lage, Verlauf und ihre Anordnung sie überhaupt 
dazu befähigten. Anatomische und experimentelle Untersuchungen 
von His sprachen dagegen. 

Entschieden ist nun der Streit um myogene oder neurogene 
Theorie noch immer nicht mit Sicherheit. Da ein Weg zu 
experimenteller Entscheidung vorläufig nicht vorhanden, schien 
es mir zweckmässig, wieder die Anatomie zur Führerin zu nehmen. 
Im Folgenden will ich zunächst die anatomischen Grundlagen 
für die myogene Theorie auf Grund eigener vergleichend 
anatomischer, histologischer und entwicklungsgeschichtlicher 
Untersuchungen darstellen, während die nervösen Verhältnisse 
späterer Arbeit überlassen bleiben. 


Material und Methoden. 


Untersucht wurden: 

a) Säugetiere: Känguruh, Pferd, Zebrastute nebst acht- 
monatlichem Fötus, Nilpferd (neugeboren), Hausschwein, 
Meerschweinchen, Klippschliefer, Giraffe, Rind, Schaf, 
Ziege, Reh, indischer Elefant (erwachsen und vier- 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 219 


wöchentliches Tier), Kaninchen, Ratte, Maus, Fledermaus, 
brauner Bär, malaischer Bär, Hunde, Katzen, Affen. 
b) Vögel: Taube, Fasan, Ente, Sperling, Bergfink. 
ec) Reptilien: Ringelnatter, griechische Landschildkröte, 
Eidechse, Alligator (jung). 

d) Amphibien: Frosch und Axolotl, in verschiedenen 
Entwicklungsstadien, Kröte, Unke. 

e) Fische: Forelle (vollständige Entwicklungsreihe), Aal, 
Thunfisch, Sägefisch, Goldfisch, Engelrochen. 

Das Material wurde auf die verschiedenste Weise fixiert 
und nach den für feinere Untersuchung üblichen histologischen 
und embryologischen Methoden weiter verarbeitet. Für die Er- 
langung dieses mannigfaltigen und z. T. sehr seltenen Materials 
bin ich besonders Herrn Prof. Dr. Heck, Direktor des Zoolo- 
gischen Gartens in Berlin, und Herrn Dr. Heinroth zu grossem 
Danke verpflichtet. 


Die Reizleitung im Herzmuskelgewebe überhaupt bringe 
ich in Beziehung zu der Streitfrage über den zelligen oder 
syvncytialen Aufbau des Myokards. Denn wenn auch Engelmann 
eine Leitung von Zelle zu Zelle ohne Vermittlung des Nerven- 
systems für wohl möglich hält, so scheint doch der Befund eines 
Syneytiums mit überall vorhandener Kontinuität der Muskelsubstanz 
eine bessere Grundlage für eine muskulöse Leitung. 

Bekanntlich setzt sich das Herz aus Muskelfasern zu- 
sammen, die netzförmig verzweigt sind. Leeuwenhoek hatte 
diese Zusammensetzung entdeckt, sie wurde von Kölliker 
bestätigt. Längere Zeit hindurch hielt man dann die Fasern des 
Myokards denen der Skelettmuskulatur gleichwertig, bis Weis- 
mann auf Grund von Isolationspräparaten an niederen Wirbel- 
tierherzen für die Zusammensetzung dieser aus dünnen, ein- 
kernigen Zellen von Spindelform eintrat. Bei höheren Wirbeltieren 
sollten die Herzzellen in seitlicher und in der Längsrichtung 
teilweise miteinander verschmelzen, in um so höherem Maße, 
je älter die Tiere und je höher sie in der Wirbeltierreihe stünden. 
Andere Forscher waren anderer Meinung. Über die Einzelheiten 
des nun einsetzenden Streites sehe ich hinweg (genauere Zu- 
sammenstellung darüber findet man bei Marceau, Heidenhain 
und von Ebner). Die Frage konnte erst einer einwandfreien 


220 W. Lange: 


Lösung entgegengeführt werden, nachdem die Unbrauchbarkeit 
der alten Isolationsmethoden erkannt war und moderne technische 
Hilfsmittel unter Berücksichtigung der Entwicklungsgeschichte 
angewendet wurden. von Ebner wies die durch den Patho- 
logen Eberth mittels Versilberung dargestellten Zellgrenzen als 
Kunstprodukte nach. Heidenhain gab zuerst das richtige 
Schema für die plexusartige Verzweigung der Herzmuskelfasern 
im Meuschenherzen an. Er fasste das Myokard als Syneytium auf. 
Zu gleichem Resultat kam für das Wirbeltierherz überhaupt 
Marceau. In jüngster Zeit glaubten Zimmermann und seine 
Schülerinnen indessen doch wieder im Säugerherzen Zellen, wenn 
auch anderer Art und Form als früher angenommen wurde, dar- 
gestellt zu haben. 

Die Entscheidung beim Säuger hängt ab von der Deutung 
der in ihm zu findenden, als Zellgrenzen oder Kittlinien be- 
zeichneten Gebilde. Diese sind bekanntlich an Stelle der Zwischen- 
scheibe Z auf seltsame Weise in den Längsverlauf der Fasern 
eingeschaltet. Es sind Platten von verschiedener Breite und sie 
sollen folgende Anordnung haben. Sind sie so schmal, dass eine 
allein ein ganzes Bündel nicht durchschneiden kann, so unter- 
stützen sich mehrere. Die durch eine erste nur zum Teil 
bewirkte (uertrennung einer Faser soll vervollständigt werden 
durch eine um mehrere Muskelfächer ın der Längsrichtung ver- 
schobene zweite, oder gar eine dritte und vierte. So kommen 
die zackigen, treppenförmigen Kittlinien zustande. Es fragt 
sich nun, ob durch diese Schaltlinien wirklich Zellen begrenzt 
werden. Bei einfacher Untersuchung eines Schnittes scheint dies 
nicht der Fall, denn sie begrenzen oft völlig kernlose Faser- 
abschnitte. Nach Zimmermann sind diese Fragmente nur 
Anschnitte einer Nachbarzelle. Völlig sicher ist der Beweis für 
eine solche Ansicht noch nicht erbracht. Aber selbst wenn es 
so wäre, so ist es noch fraglich, ob die begrenzten, verzweigten, 
seltsam ineinander verhakten Abschnitte wirklich Zellen sind, 
enthalten sie doch oft zwei, vier bis dreissig und mehr Kerne. Was 
sollen die Kittlinien denn sonst sein? Nach Heidenhain 
stehen sie in Beziehung zum interkalaren Wachstum der Fasern, 
zur Faserspaltung usw. Letzterer Möglichkeit widerspricht eigent- 
lich die Tatsache, dass sie gerade jungen und sich neubildenden 
Herzen fehlen. Französische Autoren nehmen deshalb an, es wäre 


DD 
[0 
N 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 


eine Art Zwischensehnen. Obwohl von Ebner solche nicht selbst 
kontraktile Zwischensehnen für unzweckmässige Bildungen hält, 
da sie eine für den Herzmuskel nicht gleichgültige Kraftvergeudung 
bedeuten, ist mir die Deutung als Zwischensehnen sehr wahr- 
scheinlich. Man bedenke, bei der Kontraktion eines netzfürmig 
verzweigten Plexus treten Kräfte auf, die das Bestreben haben, 
die Fasern zu spalten. Um diesen Bestrebungen entgegen zu 
wirken, sind als Verstärkungen der Grundmembranen die Schalt- 
stücke angebracht. Wie dem nun auch sei, für unsere Frage 
von Wichtigkeit ist, dass die Kittlinien, selbst wenn sie Zellen 
begrenzen, sie diese nicht voneinander isolieren, denn die 
Fibrillen gehen ungehindert durch sie hindurch (Browice 1892, 
Przewoski 1897, Mac Callum, Hoche 1897, von Ebner 
1900, Hoyer 1901, Marceau 1902). Besonders deutlich ist 
dieser ungehinderte Fibrillenübergang an solchen Präparaten, wo 
die Schaltstücke, was sehr häufig vorkommt, sich nicht färben 
lassen. Trotz sorgfältigster Untersuchung konnte ich da nirgends 
eine Veränderung der Fibrillen nachweisen. Imehanitzky hat 
zwar auf Grund ihrer Untersuchungen am flimmernden Herzen 
behauptet, die Schaltstücke trennen die einzelnen Faserabschnitte 
oder Zellen, indem sie für die Fortpflanzung der Kontraktions- 
wellen ein Hindernis bilden. Tatsächlich beobachtet man häufig. 
dass am fixierten Präparat eine Kontraktionswelle genau mit 
einem Schaltstück abschneidet. Doch macht demgegenüber Cohn 
darauf aufmerksam, dass am fixierten Präparat solch scharfes 
Auflösen einer Kontraktionswelle auch im Skelettmuskel häufig 
zu beobachten ist, dass ferner beim Herzen häufig die Kontraktions- 
wellen über ein Schaltstück hinausgehen. 

Genau so wie das Säugetierherz ist, wie Marceau nach- 
gewiesen, im Prinzip das Myokard in der gesamten Wirbeltier- 
reihe zusammengesetzt. Überall stellt es ein Synzytium dar, 
was um so leichter nachzuweisen ist, weil die Kittlinien mit 
Ausnahme der Vogelherzen, bei denen sie zum ersten Mal in der 
Entwicklungsreihe auftreten. fehlen. Marceau fand bei den 
niederen Wirbeltieren viele freie Endigungen in dem Plexus. 
Diese Behauptung kann ich nicht bestätigen und stütze mich 
dabei besonders auf die Befunde am Fischherzen. Dieses bot der 
Untersuchung einige Schwierigkeiten dar, weil die Muskulatur 
des Herzens eine sehr unregelmässige Anordnung der feinsten 


222 W. Lange: 


Elementarbestandteile aufweist. Besonders bei kleinen Objekten 
ist es daher nicht möglich, auf einem Schnitt in dem Wirrwarr 
der in allen Richtungen getroffenen Fasern, eine richtige Vor- 
stellung von ihrem Verhalten zu erlangen. Mir gelang dies erst, 
als ich die grossen Herzen eines 2 m langen Thunfisches und 
eines Sägefisches bearbeitete. Fussend auf der bei Säugern ge- 
machten, physiologisch verständlichen Beobachtung, dass die 
Muskelfäserchen in ihrer Anordnung durchaus die der gröberen, 
makroskopisch sichtbaren Fleischfasern und -balken nachahmen, 
suchte ich nach Stellen, wo die Ventrikelwand einen möglichst 
regelmässigen Aufbau hatte. Besonders geeignet hierfür schienen 
mir Teile der gleich unter dem Perikard gelegenen, äussersten 
Muskelschichten, deren regelmässige Struktur durch eine feine, 
makroskopisch gerade sichtbare Streifung sich verriet. Solche 
Stellen wurden sorgfältig orientiert eingebettet und dann mög- 
lichst genau die Fasern längs treffende Schnitte angefertigt. 
Solche Schnitte ähneln bei oberflächlicher Betrachtung in hohem 
Maße solchen durch ein Säugerherz. Die oft ziemlich breiten 
Plasmastränge teilen sich, geben schmälere Seitenfasern ab, die 
wieder in benachbarte Hauptfasern übergehen. Die Fibrillen sind 
an vielen Kernen entlang ohne Unterbrechung zu verfolgen. Es 
liegt unzweifelhaft Syneytiumbildung vor, ganz ähnlich wie sie 
beim Säuger nachzuweisen. Kittlinien fehlen völlig. Die von 
Marceau beobachteten blind endigenden Verzweigungen sind 
nicht festzustellen. Das Isolationsverfahren, dem Marceau seine 
Beobachtungen verdankt, ist gerade für das Fischherz nicht ge- 
eignet, weil leicht neben den Querbrüchen der Fasern Längs- 
spaltung und Zerfall in Fibrillen auftreten, wodurch spitze freie 
Enden vorgetäuscht werden. 

Zu gleichem Resultat wie die Histologie führt auch die 
Embryologie. Nicht nur dass, wie erwähnt, dem jungen Säugetier 
die Kittlinien fehlen, findet man in allen früheren Stadien keine 
Andeutung von Zellen. Ich gebe eine kurze Darstellung der Ent- 
wicklung des Herzmuskels unter Berücksichtigung allein der Frage 
nach der zelligen oder nicht zelligen Zusammensetzung. 

a) Säugetiere. Untersucht man das Herz eines jungen 
neugeborenen Säugetieres oder eines älteren Fötus, so vermisst 
man zunächst vollständig die sogenannten Kittlinien. Die Spalten 
zwischen den einzelnen Plasmazügen sind bei guter Fixation kaum 


[0 
[8] 
oo 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 


wahrzunehmen und oft nur an den Kernen des sie ausfüllenden 
Bindegewebes nachzuweisen. Dennoch lässt sich leicht der beim 
ausgebildeten Herzen geschilderte Bau feststellen. Wie dort. ist 
es auch hier unmöglich, Anhaltspunkte für eine zellige Zusammen- 
setzung zu finden. Die Fibrillen lassen sich ungehindert ohne 
irgend welche Veränderung in der (uerstreifung auf sehr lange 
Strecken hin an mehreren Kernen vorbei verfolgen. Die Kerne 
selbst sind lang gestreckt, ziemlich zahlreich und liegen näher 
beieinander, als beim gänzlich ausgebildeten Tiere. Von diesem 
unterscheidet sich das vorliegende überdies noch durch die be- 
deutend geringere Dicke der Fasern. Die Fibrillen sind mehr 
in der Peripherie angeordnet und bilden so einen Mantel von 
kreisförmigem (Querschnitt, der das verhältnismässig reichliche 
Sarcoplasma umhüllt. Gehen wir über zur Untersuchung jüngerer 
Herzen, nach Kölliker bestehen diese aus sternförmigen Zellen. 
Der Unzuverlässigkeit der Isolationsmethode, mittelst welcher 
dieser Forscher zu seiner Ansicht gelangte, ist schon Erwähnung 
getan. Es sei nur darauf hingewiesen, dass Eckhard durch das- 
selbe Verfahren überaus verschiedene, ganz unregelmässig ge- 
formte und daher morphologisch gar nicht eindeutig bestimmbare 
(rebilde erhielt. Die Untersuchung im Schritt gibt nirgends Bilder, 
die denen Köllikers entsprechen könnten. Sie finden sich nicht 
in den Herzen von etwa 15 cm langen Schweineembryonen. Diese 
unterscheiden -sich vielmehr in ihrem Bau prinzipiell nicht von 
dem für das ausgebildete Säugerherz gültigen. Ein Unterschied 
liegt nur in der viel geringeren Dichte des Sarcoplasmanetzes. 
Das Gewebe erscheint wie aufgelockert, die Spalten zwischen den 
Fibrillen sind weiter, oft von Blut erfüllt. Die Fibrillen selbst 
sind spärlicher: ihre Anordnung zu längeren Bündeln im Schnitt 
oft undeutlich. Diese schwammartige Auflockerung ist die Haupt- 
ursache für die in gewissen Stadien der Embryonalentwicklung 
so auffällige Grösse des Herzens im Verhältnis zur Körpergrösse. 

Bei den jüngeren meiner Schweineembryonen, denen von 
2—4 cm Steissnackenlänge, hat sie noch nicht stattgefunden. Die 
nähere Beobachtung zeigt hier folgendes: Die Untersuchung im 
Schnitt gewährt ohne weiteres keine deutliche Vorstellung von 
den vorliegenden Verhältnissen. Das Protoplasma zeigt sich 
nirgends in Zellen oder auch nur in zellenähnliche Gebilde zer- 
lest. Es stellt eine gleichmässige, nur undeutlich zu Strängen 


224 W. Lange: 


angeordnete Masse dar. Die Fibrillen zeigen im allgemeinen bei 
oberflächlicher Betrachtung eine ausserordentliche Unregelmässig- 
keit. Nur dort, wo sie ganz quer getroffen sind, erkennt man, 
dass sie in lockeren Bündeln beieinander liegen, die wegen der 
starken Krümmung, der Unregelmässigkeit der Herzwandung nur 
selten ihrer Länge nach im Schnitt getroffen werden. 

Die jüngsten Säugerherzen, die zur Untersuchung kamen, 
gehörten Embryonen von 6—7 mm Länge an. 

Die Ventrikelmuskulatur erinnert bier in ihrer gröberen 
Struktur an diejenige eines Amphibienherzens. So ist die Kammer- 
wandung sehr dick, sie wird dargestellt durch ein schwammiges 
Balkenwerk gröberer und feinerer Stränge, zwischen welchen 
grössere Spalträume als Ausbuchtungen des Kammerlumens ein- 
dringen. Die feinere mikroskopische Struktur ist unklar. Das 
Sarkoplasma ist nur an wenigen Stellen zu leicht erkennbaren 
Strängen angeordnet. Im übrigen erweist es sieh als eine ziemlich 
einheitliche Masse, in die eine sehr grosse Anzahl kleiner, dicht 
beieinander liegender Kerne eingebettet sind. Fibrillen sind zahl- 
reich entwickelt, sie sind sehr dünn und hindern, indem sie ein 
dichtes Geflecht bilden, die einfache Beurteilung Auf Grund ein- 
gehendster Prüfung muss indessen behauptet werden, dass eine 
zellige Zusammensetzung nicht vorliegt. 

Herzen, bei denen das Myokard in der ursprünglichsten 
Anlage vorhanden ist, konnte ich nicht untersuchen. Indessen 
finden sich in dem eben erwähnten jüngsten Herzen Stellen, bei 
denen unzweifelhaft die erste Differenzierung des Muttergewebes 
in jüngste Herzmuskulatur stattfindet Bei etwas fortgeschrittener 
Entwicklung zeigt sich folgendes Bild: Kerne, die sich nicht wesent- 
lich von denen des schon Fibrillen enthaltenden (rewebes unter- 
scheiden, sind eingebettet in Protoplasmastränge von geringerer 
Länge, die in dünne Ausläufer endigen. Diese stehen überall mit- 
einander in Verbindung. Bei blosser Berücksichtigung der gröberen 
Gestalt könnte man also das Gewebe wohl in zellenähnliche Gebilde 
zerlegen, indessen lässt sich zeigen, dass das Protoplasma überall 
in den feineren Verästelungen kontinuierlich zusammenhängt. 

Diese Tatsache gilt auch von dem jüngsten mir vorliegenden 
Herzmuskelgewebe, wo das Protoplasma sehr schwach entwickelt, 
nur um die Kerne in grösserer Menge vorhanden ist und sonst 
durch ganz dünne Fäden dargestellt wird. 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 225 


b) Vögel. Eine ziemlich eingehende Arbeit über das embryo- 
nale Vogelherz verdanken wir Eckhard. Seine Resultate fasst 
er dahin zusammen, dass sich zu keiner Zeit embrvonaler Ent- 
wicklung im Hühnerherzen Zellen nachweisen lassen, dass dessen 
Protoplasma vielmehr stets eine überall zusammenhängende Masse 
darstellt. Besonders leicht festzustellen ist dies bei ganz jungen 
Herzen, bei denen die ersten Muskelfibrillen auftreten. Zu dieser 
Zeit, am Anfange des 3. Bebrütungstages, lässt sich nirgends eine 
Zellgrenze nachweisen. Die Fibrillen sprechen durch die Art 
ihres Auftretens gegen das Vorhandensein solcher, indem sie von 
vornherein an vielen Kernen entlang verfolgbar sind. Es sei 
hierzu an einen vielfach abgebildeten Tangentialschnitt Heiden- 
hains durch das Herz eines dreitägigen Embryos erinnert. 

Ich selbst fand in Schnitten durch ein 4—5 Tage altes 
Hühnchen verschiedene Bilder der Entwicklung. Fibrillen sind 
schon überall vorhanden. An fortgeschritteneren Stellen ist das 
Protoplasma dicht, die Kerne liegen nahe beieinander. Eine 
Andeutung von Zellgrenzen ist nicht zu beobachten. Dort, wo 
das Myokard in der Entwicklung zurück ist, erinnert es an 
dasjenige, welches ich als die früheste Anlage des embrvonalen 
Säugerherzens bezeichnet habe. Man gewinnt den Eindruck von 
sehr kleinen, sternförmig verästelten, aber überall in Zusammen- 
hang stehenden Zellen. Von allerjüngsten Herzen kamen ebenfalls 
viele zur Untersuchung. Wegen der Dünne der Herzwandung 
ist die Beobachtung im Schnitt schwierig. Eine Andeutung von 
Zellgrenzen war nirgends zu sehen. 

c) Amphibien. Die Muskulatur wird hier gebildet durch 
lange schmale Sarkoplasmastränge, die miteinander in Verbindung 
stehend den Ventrikel netzförmig durchsetzen und in einzelne 
Abteilungen zerlegen. Fibrillen sind deutlich vorhanden. Zellen 
sind nicht vorhanden. 

Von jüngeren Froschlarven hat Hoyer gute Präparate 
erhalten, indem er die ganz dünne Herzwandung auf dem Objekt- 
träger ausbreitete und dann färbte. Er vermisst an solchen Präpa- 
raten jegliche Zelle. Die Fibrillen selbst konnte er auf Strecken ver- 
folgen, die die Länge der von Pohl-Pinecus für die angeblichen 
Herzzellen des erwachsenen Frosches angegebenen überschreiten. 

Flemming konnte bei ganz jungen Salamanderlarven 
ebenfalls eine zellige Zusammensetzung des Myokards nicht 


226 W. Lange: 


beobachten. Die Fibrillen sah er ein unregelmässiges Netzwerk 
bilden, ohne dass in ihrer Anordnung Andeutungen für Zellgrenzen 
segeben waren. Amphibien sind für die ersten Stadien deshalb so 
ungeeignet, weil das Myokard noch sehr viel Dottersubstanz enthält. 

d) Fische. Die Untersuchung erstreckte sich auf eine fort- 
laufende Reihe von Forellenlarven bis zur Grösse von 1'/2 cm. 

Untersucht man eines der ältesten Tiere, die in ihrer inneren 
und äusseren Entwicklung schon sehr weit fortgeschritten sind, so 
findet man das Herz in seinem gröberen Bau schon ziemlich aus- 
gebildet. In seiner mikroskopischen Struktur erinnert es ausser- 
ordentlich an diejenige des Myokards ausgewachsener Fische. Die 
Kammermuskulatur ist sehr dick, sie bildet, ähnlich wie es vom 
Froschherzen allgemein bekannt ist, eine schwammige Masse, 
deren Lücken und Poren mit Blut gefüllt sind und überall mit dem 
ziemlich kleinen freien Kammerlumen in Verbindung stehen. Das 
Sarkoplasma ist zu deutlichen, verhältnismässig dicken Strängen 
ausgebildet. die ein noch sehr unregelmässiges Netzwerk darstellen. 
Fibrillen sind zahlreich vorhanden, sie sind dick und deutlich 
quergestreift. Dort, wo sie quer getroffen sind, erkennt man 
ihre Anordnung zu Bündeln von kreisförmigem @nerschnitt in 
der Peripherie der Plasmazüge. Ihr Verlauf ist stark geschlängelt, 
so dass sie in längerer Ausdehnung nur selten zu beobachten sind. 

Je jünger die Herzen sind, zu denen man sich in der 
Untersuchung wendet, um so schwieriger wird die Deutung der 
Verhältnisse. Dies liegt zum Teil daran, dass die Herzwandung 
bei den jüngsten Tieren sehr dünn ist. Ohne auf eine ausführliche 
Beschreibung der einzelnen Stadien einzugehen, lässt sich vor 
allem feststellen, dass mit abnehmendem Alter der Tiere das 
Sarkoplasma des Myokards immer dichter wird Schliesslich stellt 
es eine durchaus einheitliche, nirgends zu besonderen Strängen 
angeordnete Masse dar, in die nahe beieinander liegende Kerne 
und zahlreiche Fibrillen eingebettet sind. Der Verlauf letzterer 
ist unmöglich näher festzustellen, so unregelmässig ist er. 

Sehr interessant sind die Befunde, die bei Untersuchung 
der jüngsten Anlage des Myokards sich darbieten. Dieses 
besteht hier aus einer dünnen, oft kaum die Dicke eines Kernes 
erreichenden Schicht um das Endothel des Herzschlauches. Hier 
und da sind schon Fibrillen ausgebildet. An noch jüngeren 
Stellen fehlen sie und statt dessen ist das Protoplasma mit stark 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 22 


färbbaren Körnchen erfüllt. Ein wesentlicher Unterschied zwischen 
der Muskelanlage des Forellenherzens und der des Schweine- 
herzens fällt sofort auf. Hier kann man nirgends zellenähnliche, 
sternförmige Gebilde im Bau des Plasma erkennen. Dieses ist 
vielmehr ganz einheitlich zusammenhängend, die Kerne liegen 
dicht beieinander. Ähnlich gebaut ist auch das Gewebe des 
benachbarten Mittelblatts, aus dem das Myokard seinen Ursprung 
nimmt und unterscheidet sich so wesentlich von dem gallerartigen 
Mesenchymgewebe, das sich beim Schweineherzen zur muskulösen 
Herzwandung entwickelt. 

Die jüngste Anlage des Forellenherzens stellt also ein 
Syneytium dar. 


Vielfach sind die Purkinjeschen Fäden, d.h. eigentümliche. 
unmittelbar unter dem Endokard gelegene Gebilde, die man haupt- 
sächlich bei Huftieren findet, angeführt worden, um die zellige 
Zusammensetzung des Herzmuskels zu erweisen. Man ging hier- 
bei aus von der Annahme, dass die Purkinjeschen Fäden 
embryonal gebliebene Herzmuskulatur darstellten. Manche nehmen 
sogar an, dass aus ihnen beim erwachsenen Tier das physio- 
logische und pathologische Wachstum des Herzens hervorginge. 
Diese Ansicht ist deshalb nicht richtig, weil die Purkinjeschen 
Fäden, wie ich mit Sicherheit feststellen konnte, schon bei 9 mm 
langen Schafembryonen als etwas Besonderes von der übrigen 
Herzmuskulatur unterscheidbar werden. Sie stehen in keiner 
Beziehung zum Wachstum des Herzens, zur Erneuerung dieser 
Muskelfasern, sind auch keine embryonal gebliebenen Teile des 
Myokards, sondern es kommt ihnen eine besondere Funktion zu: 
sie gehören, wie später noch näher auseinander gesetzt wird, 
zu dem sogenannten hReizleitungsapparat des Herzens. Die 
Purkinjeschen Fäden erscheinen bei den Huftieren in der 
Tat zuweilen in der Form von Zellen, und selbst Forscher, die 
den syneytialen Bau des Herzmuskels verteidigen, lassen die 
Purkinjeschen Fäden sich aus Zellen zusammensetzen. Beim 
Schaf z. B. erscheinen die Purkinjeschen Fäden zusammen- 
gesetzt aus zahlreichen, sehr grossen, rundlichen „Zellen“, die 
einen oder mehrere Kerne enthalten, welche von einer grossen 
Menge Protoplasma umgeben sind, das allerlei tropfige, in den 
Fixations- und Einbettungsmitteln lösliche Einschlüsse enthält, 


225 W. Lange: 


in dessen Peripherie Muskelfibrillen enthalten sind. Die Form 
der scheinbaren Zellen ist sehr wechselnd, oftmals handelt es 
sich um walzenförmige, oft mehr um kugelige Gebilde, und 
zwar findet man erstere Anordnung meist in dünneren, längeren 
Fäden. ebenso in den beiden Hauptschenkein der Vorhof-Kammer- 
verbindung und im Hisschen Bündel selbst, während mehr rund- 
liche Formen an den Knotenpunkten des Netzes gefunden werden, 
welches die Purkinjeschen Fäden während ihrer Verbreitung an 
der Innenfläche der beiden Ventrikel bilden. Die zellige Natur 
ist indessen streng genommen nur eine scheinbare. Tatsächlich 
sind die Verhältnisse folgende: Das ganze System der Purkinje- 
schen Fäden stellt ein einheitliches Sarkoplasmanetz dar: dieses 
wird durch die Anordnung von Fibrillen in mehr längliche Stränge 
oder rundliche kugelige Gebilde geteilt. Die länglichen Stränge 
zeigen vielfach Einschnürungen, durch welche sie in hintereinander 
gereihte zellenähnliche Stücke zerlegt werden. Die Einschnürungen 
werden bewirkt durch unregelmässig verlaufende Fibrillen, sie 
sind oft nur auf die Peripherie der Fasern beschränkt. In solchen 
Fällen täuschen Tangentialschnitte echte Zellengrenzen vor. Bei 
axialen Schnitten sieht man hingegen, wie die Fibrillen konti- 
nuierlich verlaufen, sieht man auch den Zusammenhang des Proto- 
plasmas. Dort, wo eine grössere Sarkoplasmamasse durch die 
Fibrillen zu vielen mehr kugeligen, meist einen oder höchstens 
zwei dicht beieinander liegende Kerne enthaltenden „Zellen“ ab- 
geschnürt werden, ist die Entscheidung oft wirklich schwer, ob 
es sich um Zellen handelt oder nicht. Dagegen spricht der 
ausgiebige, völlig ungehinderte Übergang von Fibrillen zwischen 
den einzelnen Zellen. Als Beispiel diene Fig. 2, ein Schnitt durch 
den Knotenpunkt von Purkinjeschen Fäden aus dem Herzen 
eines jungen Elefanten. Die zusammenhängende Sarkoplasma- 
masse wird durch die äusserst unregelmässig verlaufenden Fibrillen 
in rundliche zellenähnliche Gebilde eingeteilt, die meist ein bis 
zwei Kerne enthalten. Die Fibrillen lassen sich an vielen Kernen 
entlang von einer zur anderen Zellenmasse verfolgen. Kittlinien 
sind in den Purkinjeschen Fäden nicht beobachtet worden. 
Heidenhain und Zimmermann geben an, an den Nachbar- 
teilen zweier Plasmaterritorien in die Fibrillen eingeschaltete 
kleine Körnchen gesehen zu haben, die sie als Analoga der Kitt- 
linien des übrigen Myokards ansehen. 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 22,9 


Seine Struktur als Syneytium mit überall gewahrter Konti- 
nuität der Fibrillen und des Plasmas lässt das Herz besonders 
geeignet erscheinen, heize ohne Vermittlung des Nervensystems 
leiten zu können. Dadurch unterscheidet sich das Wirbeltierherz 
von allen anderen mit ihm verglichenen neurogen tätigen musku- 
lösen Gebilden, z. B. auch von den Herzen der Wirbellosen. Diese 
Struktur des Wirbeltierherzens bedeutet mehr als nur die Möglich- 
keit einer muskulösen Leitung. Sie spricht vielmehr sehr gegen 
eine nervöse. Denn man kann sich schwer vorstellen, wie die 
vielen einzelnen, von jeder Nervenendigung nach zwei entgegen- 
gesetzten Richtungen ungehindert fortschreitenden, vielfach auf- 
einander stossenden Kontraktionswellen sich zu einer zweck- 
mässigen Zusammenziehung des Gesamtmuskels vereinigen sollen. 
Überdies noch so, dass diese Zusammenziehung wieder eine 
wellenartig fortschreitende ist. 


Die Grundlagen für die muskulöse Herzleitung im Herz- 
tleisch selbst sind also gegeben in seiner Struktur. Sind sie 
auch vorhanden, um die Überleitung zwischen den selbständig 
tätigen einzelnen Herzabschnitten in Übereinstimmung mit den 
Forderungen der Physiologie zu erklären? Bekanntlich werden 
für diese Überleitung von den Myogenikern die sogenannten 
spezifischen Muskelsysteme angegeben, die Venensinus mit Vorhof, 
Vorhof mit Ventrikel, Ventrikel mit Aortenbulbus verbinden. 
Von diesen Verbindungen muss mindestens erwiesen sein, dass 
sie immer vorhanden sind. dass sie ausnahmslos bei allen Wirbel- 
tiergattungen und in jedem Falle gefunden werden. Das wurde 
vielfach bestritten (Imchanitzky, Kronecker, Dogiel, 
Keith, Mackenzie, Gaetani, Argaud). 

So hatte Imcehanitzky von dem Eidechsenherzen be- 
hauptet, dass die Vorhofsmuskulatur durch Bindegewebe völlig 
von der Kammermuskulatur getrennt sei. Ähnliches hatte 
Kronecker für mehrere Seeschildkröten angegeben. Dogiel. 
dem wir eine genauere Anatomie des Schildkrötenherzens ver- 
danken, hat nirgends irgend welche Verbindungen zwischen 
Vorhofs- und Kammermuskulatur finden können und glaubt, 
dass, wenn solche Verbindungen gesehen worden sind, sie nur 
Kunstprodukte darstellten, die durch die Verschiebung einzelner 
Muskelfäserchen beim Schneiden vorgetäuscht seien. Keith und 


230 W. Lange: 


Mackenzie fanden keine deutliche Vorhofs-Kammerverbindung 
bei den Vögeln. 

Hatten diese Forscher das Vorhandensein einer muskulösen 
Atrioventrikularverbindung geleugnet. so gab Bethe an. dass 
Kammer und Bulbus beim Froschherzen, die doch funktionell in 
Abhängigkeit voneinander schlugen und demnach eine muskulöse 
Verbindung besitzen mussten, derselben völlig ermangelten. Durch 
die Untersuchungen von Keith und Mackenzie, von Keith 
und Flack, von Gaskell, Stanleykent, Bräunig, Retzer, 
Aschoff-Tawara, Külbs, Külbs und Lange ist es sicher- 
gestellt, dass Muskelverbindungen zwischen allen funktionell von- 
einander abhängigen Herzabschnitten bei allen untersuchten Tieren 
vorhanden sind. Ich selbst fand sowohl Sinus-Vorhof, wie Vorhof- 
Kammer, wie endlich Bulbus-Kammerverbindung an den noch 
nicht untersuchten Herzen folgender Kaltblüter: griechische Land- 
schildkröte, Alligator, Unke, Kröte, Axolotl, ferner beim Aal, beim 
Thunfisch, der Forelle, bei der Kegelrobbe. Das Hissche Bündel 
nebst Ausläufern suchte und fand ich bei folgenden Säugern: bei 
der Fledermaus, der Kegelrobbe, dem Moschusochsen, dem Nil- 
pferd, bei zwei Elefanten, dem sibirischen und einem deutschen 
Reh, einem braunen, einem malaiischen Bären, der Giraffe, dem 
Zebra. dem Klippschliefer und dem Känguruh. 

Auf Grund dieser Untersuchungen stellt sich der grobe 
Verlauf der muskulösen Verbindungen in der Wirbeltierreihe 
folgendermassen dar: Bei den Fischen findet im gaızen Bereich 
der Sinusmündung in den Vorhof ein ausgiebiger Übergang von 
quergestreiften Muskelfasern der Sinuswandung in die des Vorhofs 
statt. Die Atrioventrikularverbindung besteht in zahlreichen 
Muskelfasern, die im ganzen Umkreis des Atrioventrikularringes 
vom Vorhof zur Innenschicht der Kammermuskulatur ziehen. 
Da in diesem Gebiete zum Teil ziemlich ausgebildete Klappen 
vorhanden sind, deren bindegewebige Grundlage hervorgeht aus 
dem fibrösen Gewebe, das die Muskulatur von Vorhof und Kammer 
im Gebiete der Atrioventrikularfurche trennt, stellt der musku- 
löse Vorhofs-Kammerring keine zusammenhängende Masse dar, 
sondern setzt sich aus vielen einzelnen Bündelchen und Fasern 
zusammen, die durch Lücken in dem Bindegewebsapparat hin- 
durchziehen. Bei denjenigen Fischen, die einen deutlichen Öonus- 
abschnitt aufweisen, steht dieser in ausgiebigster Weise in 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 231 


muskulöser Verbindung mit der Kammermuskulatur, nur der 
Aortenbulbus, der ja aber auch aus glatter Muskulatur besteht, 
ist oft völlig durch Bindegewebe von der Conusmuskulatur ge- 
trennt. Der Bau des Reizleitungssystems bei Amphibien ist 
am genauesten von Külbs beschrieben. Sowohl Venensinus und 
Vorhof, wie Vorhof und Kammer, als auch Kammer und Bulbus 
sind miteinander sicher muskulös verbunden. Die Untersuchungen 
von Külbs sind gemacht worden am Froschherzen. Ich kann 
sie bestätigen für die von mir untersuchten Amphibien. Die 
spezifischen Muskelsysteme bei den Amphibien unterscheiden sich 
in ihrem Bau von denen der Fische durch kompliziertere An- 
ordnung. Der Übergang der Vorhofsmuskulatur in den Ventrikel 
besteht nicht in dem einfachen Austausch von zahlreichen Bündeln. 
die im ganzen Umfange der Atrioventrikularmündung durch den 
sehnigen Ring hindurchziehen, sondern die Vorhöfe setzen sich 
in Gestalt eines Trichters bis tief in den Ventrikel fort. Sie 
sind hierbei in ihrem oberen Teil durch eine dem fibrösen (rewebe 
der Atrioventrikularringe entstammende Bindegewebslage von der 
Muskulatur der Ventrikel getrennt. Erst in der Tiefe der Ventrikel 
findet ein allmählicher Übergang in deren Muskulatur statt. Das 
Verhalten der Atrioventrikularverbindung wird dadurch noch 
komplizierter, dass durch die Anheftung des Klappenapparates 
und des Vorhofsseptums stellenweise Einteilungen erzeugt werden. 
Die einzelnen Abschnitte unterscheiden sich voneinander auch 
durch verschiedene Dicke der Muskelmassen, ihr Übergang in 
die Ventrikelmuskulatur findet nicht überall in gleicher Höhe statt. 
Auch bei Reptilien sind mit Sicherheit alle Herzabschnitte 
muskulös miteinander verbunden. Die Sinus -Vorhofsverbindung 
besteht in dem Übergang von quergestreifter Sinus- in Vorhofs- 
muskulatur am freien Ende der bei diesen Tieren rein musku- 
lösen Venensinusklappen. Die Verbindungen sind bei der Eidechse, 
wie Külbs und ich genauer beschrieben haben, sehr reichliche. 
Ganz ähnlich ist der Bau bei der Schildkröte und dem Alligator. 
Die Vorhofs-Kammerverbindung ist bei Eidechse und Schildkröte 
noch komplizierter gestaltet wie bei den Amphibien. 

Wichtig ist die Tatsache, dass nicht Vorhofs- und Kammer- 
muskulatur einfach ineinander übergehen, dort, wo sie einander 
ganz nahe kommen, nämlich im Bereiche der Atrioventrikular- 


grenze, sondern die Vorhöfe schicken über den sehnigen Atrio- 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.84. Abt.l. 16 


ar r 
232 W. Lange: 


ventrikularring zwei halbtrichterförmige Fortsetzungen (eine 
vordere und eine hintere) in das Ventrikelinnere hinein. Erst 
in der Tiefe des Ventrikels und in wechselnder Höhe findet der 
eigentliche Übergang von Muskulatur zu Muskulatur statt. Sehr 
interessant wäre die Kenntnis der Atrioventrikularverbindung 
bei denjenigen Reptilien, die schon ein Kammerseptum zum Teil 
besitzen. Leider bestehen hierüber noch keinerlei genauere Unter- 
suchungen, sie wären wichtig, weil sie uns zugleich Klarheit 
schaffen könnten über die merkwürdigen Verhältnisse bei den 
Vögeln. 

Bei diesen sind bis in neueste Zeit muskulöse Verbindungen 
zwischen Vorhof und Kammer geleugnet worden. Durch die Unter- 
suchungen von Külbs an Tauben- und Hühnerherzen ist eine 
Atrioventrikularverbindung mit Sicherheit nachgewiesen. Sie 
kommt dadurch zustande, dass an der Hinterseite des Herzens 
die Vorhöfe sich in das Innere der Ventrikel fortsetzen und mit 
deren Muskulatur verschmelzen. Eine weitere Verbindung ent- 
steht, indem von der Stelle, wo die Hinterwandungen der beiden 
Vorhöfe auf das Septum stossen, ein kleines Muskelbündel sporn- 
artig den sehnigen Atriovertrikularring durchbricht, um sich mit 
der Kammermuskulatur zu verbinden. 

Bei den Säugern bestehen die spezifischen Muskelsysteme 
aus dem sogenannten Sinussystem und aus dem Atrioventrikular- 
system. Der Sinusknoten stellt eine Muskelmasse dar, die 
im Gebiete der Grenze zwischen Vorhof und Kammer gelegen 
ist, sich aus histologisch besonders gekennzeichneten Muskelfasern 
zusammensetzt, die sowohl mit der oberen Hohlvene wie mit dem 
rechten Vorhof durch zahlreiche Fasern in ausgiebige Verbindung 
treten. Die Vorhof-Kammerverbindung entsteht, indem im hinteren 
Teil des Vorhofsseptums zahlreiche Fasern, die der Muskulatur 
beider Vorhöfe entstammen, sich vereinigen zu einem eigentüm- 
lichen muskulösen Gebilde, dem sogenannten Aschoff-Tawara- 
knoten. der durch Bindegewebe von der benachbarten Muskulatur 
deutlich abgegrenzt wird. Aus ihm geht ein dünner Muskelstrang 
hervor, der schräg nach vorne zieht, den sehnigen Atrioventrikular- 
ring durchbricht und sich bald im Septum der Ventrikel in zwei 
Äste gabelt. Diese verlaufen nach der Innenfläche des rechten 
resp. des linken Ventrikels, indem sie durch ihren Verlauf immer 
durch Bindegewebe von der Ventrikelmuskulatur getrennt sind. 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlaees. 239 


Erst allmählich splittern sie sich auf in feinste Endverzweigungen, 
die dann in die Herzmuskulatur übergehen. 

Die muskulösen Verbindungen zeigen das Eigentümliche, 
dass sie aus Muskulatur bestehen, die sich in ihrer genaueren 
Struktur vom gewöhnlichen Myokard unterscheidet. Bei den 
Kaltblütern ist der Unterschied nicht auffallend. Er äussert sich 
darin, dass die Fasern der Verbindungssysteme sarkoplasmareicher, 
fibrillenärmer sind. Bei den Säugern ist der Sinus und der 
sogenannte Vorhofsabschnitt des Tawaraknotens aus verzweigten, 
zarten, sehr unregelmässig gestalteten Fasern zusammengesetzt. 
die sehr viel Sarkoplasma und nur spärlich Fibrillen aufweisen. 
Die Fasern des Sınusknotens enthalten überdies normalerweise 
Glykogen. Das Hissche Bündel und die Ausläufer innerhalb der 
Ventrikel setzen sich aus breiten Fasern zusammen, die bei manchen 
Tieren die Form der Purkinjeschen Zellen annehmen. 


Wenn ich mit der eben gegebenen Schilderung dafür eintrete, 
dass bei allen Tieren die selbständig tätigen Abschnitte muskulös 
miteinander verbunden sind, so muss ich doch wohl kurz die 
entgegengesetzten Angaben der Literatur erklären. Dies ist 
nicht nötig in bezug auf die Behauptungen von Imchanitzky. 
Dogiel, Kronecker, die sich auf ganz oberflächliche Technik 
zurückführen lassen. 

Die Feststellungen von Gaetani sind ohne jegliche 
Berücksichtigung der Literatur und früherer Feststellungen 
erfolgt. Seine makroskopischen Befunde erklären sich mit 
Leichtigkeit aus einer mangelhaften Technik, er hätte sich an 
den besseren Präparaten Holls überzeugen können, wie unrichtig 
seine Angaben sind. Seine mikroskopischen Feststellungen über 
die verschiedene Ausbildung der beiden Schenkel bei Mensch 
und Tier sind darauf zurückzuführen, dass er den Unterschied 
in dem histologischen Aufbau der Ausbreitungen beider Schenkel 
bei den verschiedenen Tierarten nicht kannte. Er verfiel in 
denselben Fehler, dem Fahr bei seinen ersten Nachprüfungen 
der Tawaraschen Angaben verfallen war, dass er die Schenkel 
viel früher als es tatsächlich der Fall ist, schon in die übrige 
Herzmuskulatur übergehen liess. In der Tat konnte er den von 
Tawara angegebenen Verlauf des Bündels ungefähr bestätigen in 


den Herzen der Huftiere, wo ja die Reizleitungsfasern in ihrer 
16* 


234 W. Lange: 


Struktur sich so deutlich unterscheiden, dass sie selbst ein 
ungeübter und fahrlässiger Beobachter nicht übersehen kann, 
während sie beim Menschen, beim Hunde, wo sie nur durch 
genaueres Hinzusehen unterschieden werden können, ihm völlig 
entgingen. Die nie fehlende Ausbildung des Hisschen Bündels 
und der Ausläufer beim Menschen ist jetzt durch viele hunderte 
von Einzelnachprüfungen, hauptsächlich durch pathologische 
Anatomen anlässlich der Untersuchung von an Reizleitungs- 
störungen erkrankten Menschen, bestätigt worden. 

Argaud glaubte die Angaben Gaetanis bestätigen zu 
können auf Grund seiner mikroskopischen Untersuchungen der 
sogenannten „anse bourelette“ bei Mensch, Hund, Kalb, Schwein 
und Pferd. Die „anse bourelette“ stellt einen bei den verschiedenen 
Tierarten, aber auch individuell sehr verschieden gestalteten 
Muskelbalken dar. der, vom Septum quer durch den seitlichen 
Teil der Ventrikelhöhle verlaufend, zur Basis des vorderen rechten 
Papillarmuskels zieht. Tawara nannte dieses Muskelband den 
trabekulären Hilfsschenkel des Papillarmuskels (moderator band, 
Leonardo da Vincischer Muskelbalken) und gab an, dass in ihm 
der rechte Schenkel des Bündels verlaufe. Argaud vermisste 
nun beim Menschen und Hund in diesem Muskel Purkinjesche 
Fasern und schliesst hieraus, sowie aus der Tatsache, dass bei 
den Huftieren die Fasern des Schenkels nicht sehr zahlreich waren, 
auf das Fehlen des rechten Schenkels beim Menschen und auf seine 
unregelmässige Ausbildung beim Tier überhaupt. Argaud weiss 
nicht, dass beim Mensch und Hund die Ausbreitungen des Reiz- 
leitungssystems sich nur wenig in ihrer histologischen Struktur 
von gewöhnlicher Herzmuskulatur unterscheiden und fand deshalb 
den rechten Schenkel nicht. 

Keith und Mackenzie vermissten muskulöse Verbindungen 
zwischen Venensinus und Vorhof und zwischen Vorhöfen und 
Kammern im Vogelherzen, weil sie erwarteten, dass die Ver- 
bindungen aus besonders histologisch differenzierter Muskulatur 
(Knotengewebe) bestehen müssten. Weshalb beim Vogel die 
histologische Differenzierung nicht ausgesprochen ist, wird später 
erklärt werden. Vorhanden sind die Verbindungen, wie Külbs 
nachwies, sicher. 

Die Untersuchungen von Külbs sind allerdings auf den ersten 
Blick sehr unwahrscheinlich. Es ist fraglich, ob es sich in dem an 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 235 


der Rückwand gelegenen breiten Übergang der Vorhofsmuskulatur 
in die Kammermuskulatur nicht etwa um einfache, zufällige Nach- 
barschaft beider Muskulaturen handelt. Der tatsächliche Übergang 
von Muskulatur zu Muskulatur müsste noch genauer erwiesen 
werden. Külbs gibt an, dass diese Verbindungen übergehen in 
Fasern von Purkinjeschem Typ. In der Tat sieht man fast auf jedem 
Querschnitt durch die Ventrikel eines Vogelherzens, besonders bei 
der Taube, unterhalb des Endokards sehr breite, sehr protoplasma- 
haltige Fasern, die an die Purkinjeschen Zellen der Säuger 
erinnern. Schon Tawara hatte diese Wahrnehmung gemacht. 
Es wäre sehr wichtig festzustellen, dass wirklich diese Purkinje- 
schen Fäden aus den von Külbs angegebenen Systemen an der 
Hinterwand des Herzens hervorgehen. Die Befunde von Külbs 
scheinen deshalb so unwahrscheinlich, weil man sie ohne weiteres 
nicht mit den Verhältnissen bei niederen Tieren (Reptilien) in 
Beziehung setzen kann (hier würden vielleicht die Untersuchungen 
von Krokodilen Aufklärung bringen), weil man anderseits sich die 
Verhältnisse bei den Säugern nicht daraus ableiten kann. Indessen 
habe ich neuerdings in der Entwicklung des Säugerherzens Stadien 
gefunden, wo das Reizleitungssystem und der Vorhofskammer- 
trichter ähnlich aussehen. Das ist dann der Fall, wenn der Knoten 
des Hisschen Bündels sich noch nicht deutlich von der Muskulatur 
des Vorhofsseptums absetzt, die Reste des ursprünglichen Ohrkanals 
nur an der Hinterseite des Herzens in Gestalt zweier Halbrinnen 
als Fortsetzung der Vorhöfe in die Ventrikel sich einsenien. Der 
Unterschied gegenüber dem Vogel besteht aber darin, dass das 
Hissche Bündel in dieser Zeit schon deutlich isoliert im 
Kammerseptum verläuft und auch die typische Teilung in zwei 
Schenkel zeigt. 

Die Angaben von Gaetani, von Dogiel, es handele sich 
um degenerierende Fasern, brauchen auch nicht ernst genommen 
zu werden. Es können sich nicht Fasern schon von frühester 
Entwicklung ab weiter bilden und dabei die Merkmale zeigen, 
die als Degenerationsmerkmale angegeben sind. Solche Merkmale 
der Degeneration sind ja auch gar nicht vorhanden. Es steht 
wohl ziemlich fest, dass der von Tawara angegebene Verlauf 
des Atrioventrikularsystems, aber ebenso auch Lage und Aus- 
dehnung des Sinusknotens, im wesentlichen im Herzen des Neu- 
geborenen dieselben sind wie beim Erwachsenen. Mönckeberg 


236 W’Lange: 


konnte das Herz eines fast Hundertjährieen untersuchen und 
beschreibt keine Abweichung der Reizleitungssysteme bei diesem. 
Dieses Verhalten kennzeichnet die der Reizleitung dienenden 
tatsächlichen Übergänge der Muskulatur zweier verschiedener 
Herzabschnitte auch gegenüber den zufälligen Berührungen von 
Muskelteilen zweier benachbarter Herzabschnitte, die von einigen 
Forschern fälschlich als Übergänge beschrieben wurden. Kent 
gibt von den von ihm beschriebenen, an der Aussenseite der 
Atrioventrikularfurche gelegenen Vorhofs - Kammerverbindungen 
an, dass sie bei der jungen Hatte zahlreich sind, um beim er- 
wachsenen Tiere spärlicher zu werden. Es sind diese scheinbaren 
Verbindungsbrücken Teile des ursprünglichen Ohrkanals, die durch 
das später sich stärker entwickelnde Bindegewebe der Annuli 
fibrosi verdrängt werden. In diesen Fasern mögen Degenerationen 
zu beobachten sein. In den echten Fasern der Reizleitungs- 
systeme fehlen sie mit Sicherheit. 

Der Verlauf des Atrioventrikularsystems, namentlich der- 
jenige seiner Ausläufer im Ventrikel wird von Einthoven und 
Nicolai als Basis genommen für die Deutung des Elektrokardio- 
gramms. Nicolai nimmt dabei an, dass der Reiz durch die 
Schenkel zu dem Papillarsystem geführt werde, von dorten aus 
durch die intramuralen Fasern (Albrecht) in das Triebsystem, 
d.h. die mehr zirkulär verlaufenden Muskelfasern des Herzens, 
gelange. Die tatsächlichen Verhältnisse sind folgende: 

Die Schenkel des Hisschen Bündels führen die Reizleitungs- 
fasern, ohne dass diese Verbindungen mit der Septum- und 
Kammermuskulatur eingehen, geschlossen bis zum Ansatz der 
’apillarmuskeln. Von hier aus geht ein Teil der Fasern zu den 
Papillarmuskeln, ein anderer Teil breitet sich unterhalb des 
Endokards, in der Spitze des Herzens und rückläufig an den 
Seitenwänden und dem Septum entlang aus. Ich glaube, es ist 
nicht richtig, von einer Verbindung der Reizleitungsfasern mit dem 
Papillarsystem zu sprechen und hierbei die inneren Längsschichten 
inklusive der Ausbreitung der Fasern allein zu diesem zu rechnen. 
Die letzten Ausläufer treten wohl in ausgiebige Verbindung mit 
allen übrigen Fasersystemen des Herzens. Die scharfe Scheidung 
zwischen den einzelnen Fasersystemen, wie sie Albrecht an- 
genommen auf Grund anatomischer Präparation und wie sie in bezug 
auf die Reizleitung von Nicolai vertreten wird, gilt wohl sicher nicht. 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 231 


Thorel hatte zuerst die Vermutung ausgesprochen, dass 
der Sinusknoten mit dem Aschoff-Tawaraknoten durch be- 
sondere spezifische Muskelfasern verbunden sei. Er nahm an, 
dass in dem Herzen ein System bestände, welches von der 
oberen Hohlvene bis in die Ventrikel sich fortsetzt. Die Thorel- 
schen Untersuchungen sind von Nachuntersuchern nicht bestätigt 
worden. Insbesondere ist noch nicht der Nachweis erbracht, dass 
ein ausgiebiger Zusammenhang zwischen Sinussystem und His- 
Tawarasystem besteht durch Vermittlung von histologisch be- 
sonders strukturierten Fasern. Die von Thorel gefundenen, 
Purkinjeschen Zellen ähnelnden Fasern, im rechten Vorhof 
gehören meiner Ansicht nach in der Tat zu den spezifischen 
Systemen. Die vergleichende Anatomie zeigt sehr nahe Be- 
ziehungen sowohl zwischen der Venensinus-Vorhof-, wie zwischen 
der Vorhof-Kammer- und der Kammer-Bulbusverbindung. Am 
klarsten sind die Verhältnisse bei den Amphibien und Reptilien. 
Hier sieht man, wie der Vorhofstrichter, der sich in den Ventrikel 
einstülpt, um sich in dessen Tiefe mit ihm zu verbinden, in enge 
Nachbarschaft zu der Muskulatur der Sinusvorhofsmündung tritt. 
Die Sinusvorhofsmündung liegt an der hückseite des rechten 
Vorhofes und zwar an dessen unterer Wand. 

Sehr deutlich ist der Zusammenhang mit dem bulbus. Ein 
Teil der vorderen Trichterhälfte klappt sich um und vereinigt sich 
mit der Muskulatur, die von der Kammer auf den Konus überzieht. 
Die nahlen Beziehungen zwischen den einzelnen Verbindungssystemen 
erklären sich wohl am einfachsten auf Grund der Keithschen Vor- 
stellung wie über die Entwicklung der Reizleitungssysteme über- 
haupt. Nach Keith sind die Reizleitungssysteme Reste des ursprüng- 
lichen Herzschlauches. Auf diese Frage beabsichtige ich in meinen 
Untersuchungen über die Entwicklung der Reizleitungssysteme 
näher einzugehen. Es ist natürlich im Sinne der myogenen 
Theorie durchaus nicht erforderlich, dass die Reizleitungssysteme 
durch besonders strukturierte Fasern miteinander in Verbindung 
stehen. Nimmt man an, dass die abweichende Struktur der 
Systeme mit ihrer besonderen Funktion, nämlich der besonderen 
Art der Reizleitung und Reizbildung zusammenhängt, so sind 
solche aus besonderer Muskulatur zusammengesetzten Verbindungen 
nicht erforderlich. Sie können dargestellt sein durch die gewöhn- 
liche Muskulatur des Vorhofes resp. der Kammer, da sie ja in 


258 W. Lange: 


ihrer Reizleitungs- und Reizbildungsfähigkeit sich von derjenigen 
des Vorhofes und der Kammer nicht unterscheiden. 

Es ergibt sich also, dass die muskulösen Reiz- 
leitungssysteme in allen Wirbeltierklassen vor- 
handen sind. 

Aber nicht nur stets vorhanden sind die Verbindungen, 
ihre Topographie stimmt auf das genaueste mit der Lokalisation 
der Reizleitung zusammen. Das muskulöse anatomische Substrat 
für die Tatsache, dass der Reiz innerhalb des Herzens bestimmten 
Bahnen folgt, ist in ihnen gefunden. Am auffälligsten ist diese 
Übereinstimmung wohl bei den Säugern, in deren Ventrikel der 
Erregungsablauf ein komplizierter ist und dem genau entsprechend 
das muskulöse Reizleitungssystem gebaut ist. Diese Uberein- 
stimmung findet sich aber auch, wie aus den neueren Unter- 
suchungen über den genaueren Verlauf der muskulösen Ver- 
bindungen hervorgeht, bei den niederen Tieren. Die Atrio- 
ventrikularverbindung z. B. ist nicht ein einfacher Übergang der 
Vorhofs- in die Kammermuskulatur im Gebiete der Atrioventrikular- 
grenze. Die Verbindung der beiden Muskulaturen erfolgt erst 
in der Tiefe der Ventrikel auf komplizierte Weise. 

Die Vergleichung meiner zahlreichen Einzelbefunde macht 
es mir wahrscheinlich, dass aus der Anatomie der Reizleitungs- 
systeme viel mehr herauszuholen ist, als bisher geschehen. Das 
Hissche Bündel zeigt bei niederen Wirbeltieren so wesentliche 
Unterschiede innerhalb der einzelnen Gattungen, eine so eigen- 
artige Anordnung innerhalb desselben Herzens, die nicht als 
blosse morphologische oder entwicklungsgeschichtliche Eigentüm- 
lichkeiten gedeutet, sondern in Zusammenhang mit besonderer 
Funktion gebracht werden müssen. 

Hierfür sprechen die Untersuchungen von Laurens, der beim 
Eidechsenherzen die verschiedenen Teile des Atrioventrikulartrichters auf 
ihre Funktionen untersuchte Mit Hilfe von Durchschneidungsversuchen 
stellte er fest, dass den einzelnen Abschnitten des Atrioventrikulartrichters 
eine verschieden hohe Bedeutung für die Übertragung des Reizes von 
Vorhof auf die Kammer zukommt. Leider hat der Verfasser die von Külbs 
und mir gegebene genaue Darstellung des Verlaufes der Atrioventrikular- 
verbindung bei der Eidechse an der Hand eines Modells nicht richtig ver- 
standen, sonst wäre er zu genauerer Prüfung des Zusammenhanges zwischen 
anatomischer Struktur und physiologischer Wertigkeit näher eingegangen. 
Soweit sich aus seinen Versuchen schätzen lässt, wurden diejenigen Abschnitte 


als wichtiger befunden, die durch ihre Dicke, durch die Ausgiebigkeit der 
Verbindungen zwischen Vorhof- und Kammermuskulatur sich auszeichneten. 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 239 


Allerdings ist zur Feststellung solcher Befunde eine sehr 
sorgfältige Untersuchung mit dazu geeigneten Methoden er- 
forderlich. Oberflächliche Untersuchung findet z. B. leicht einen 
muskulösen Zusammenhang zweier Abschnitte auf, der tatsächlich 
vielleicht nur eine zufällige innige Nachbarschaft bedeutet. Ver- 
wertbar ist indessen für die Theorie nur ein Übergang der 
Elementarbestandteile. Bekanntlich sind bei Säugern vielfach 
noch andere Atrioventrikularverbindungen als das Hissche Bündel 
gefunden, die wahrscheinlich nur solche Berührungen darstellen. 
So hat Stanley Kent zahlreiche muskulöse Verbindungen 
zwischen Vorhöfen und Kammern ausser im Septum auch an der 
Aussenseite des Herzens gesehen. 

Curran will beim Kalb, beim Schaf und beim Menschen 
durch makroskopische Präparation noch eine andere Verbindung 
zwischen Vorhof und Kammer gefunden haben, als die durch die 
beiden Schenkel des Reizleitungssystems dargestellte. Er sah 
aus dem Knoten kurz vor dem Hauptbündel durch das Trigonum 
tibrosum ein kurzes Muskelbündel treten, welches einige Fasern 
an das septale Segel der Trikuspidalis schickte; die übrigen 
traten unter dem Ursprung des Segels hinweg in die Ventrikel- 
muskulatur des hinteren Septumabschnittes und der angrenzenden 
Wandpartie. sie versorgten dann diejenigen Stellen des rechten 
Ventrikels, die der rechte Schenkel des Hisschen Bündels nicht 
berührt. 

Diesen Angaben sind wohl auch die Befunde Mackenzies 
einzureihen, der bei Echidna Verbindungen als Reste des Ohr- 
kanrals im ganzen Umfang des Atrioventrikularringes sah. 

Im Gegensatz dazu täuscht oberflächliche Untersuchung 
auch über den Grad inniger Verschmelzung. So hat z. B. Lydia 
de Witt versucht, eine plastische Rekonstruktion der Ausläufer 
des Hisschen Bündels innerhalb der Ventrikel zu geben. Solch 
eine Darstellung gibt aber nicht entfernt eine Vorstellung von 
der Menge der tatsächlich vorhandenen Ausläufer, von ihrem 
allmählichen vollkommenen Übergang in das Myokard. Ich ver- 
schaffte mir darüber Auskunft an dem Herzen des Elefanten, 
das dafür besonders geeignet ist, wegen seiner Grösse und wegen 
der von den gewöhnlichen Myokardfasern stark abweichenden 
Struktur seiner Elemente. Ich machte Tangentialschnitte durch 
dicke Trabekel aus dem unteren Drittel des Ventrikels. Besser 


240 W. Lange: 


als auf einem senkrecht zur Oberfläche geführten Schnitt sieht 
man hier nebeneinander Endokard, Reizleitungsfasern und Myo- 
kard. Die Reizleitungsfasern sind in Schichten von verschiedener 
Struktur angeordnet, die obersten stark, die untersten wenig von 
der gewöhnlichen Muskulatur abweichend. Erstere sind Fasern, 
die erst später, letztere solche, die bald in das Mvokard über- 
gehen sollen. Der Übergang selbst lässt sich mit Sicherheit 
vielfach nachweisen (siehe Fig. 3). 

Es ist von vielen Untersuchern als fraglich hingestellt 
worden, ob wirklich die Purkinjeschen Fäden übergehen in 
gewöhnliche Herzmuskulatur, genau so wie sie bezweifelten. dass 
die Fasern des Vorhofs in die des Tawaraknotens oder die 
Elemente des Sinusknotens in die der Hohlvene einerseits, in 
die der Vorhöfe andererseits übergehen. Wie schon näher aus- 
geführt, kann man bei sorgfältiger Untersuchung Übergänge der 
einen Faserart in die andere mit Sicherheit nachweisen. Es 
ist oft deswegen nicht leicht, weil die Fasern ja ganz allmählich 
ihre spezifische Struktur verlieren und erst dann in gewöhnliche 
Muskulatur übergehen. Man beobachtet aber selbst an gut 
fixierten und mit Heidenhain gefärbten Präparaten oft auch 
ganz schroffe Übergänge, besonders in den Herzen der Huftiere, 
von denen ich auch ein Bild (Fig. 4, Taf. IX) gebe. Dort, wo 
die Übergänge auch nicht jedesmal festgestellt werden, müssen 
sie doch angenommen werden. Das geht aus der vergleichenden 
Untersuchung hervor, dafür sprechen auch die entwicklungs- 
geschichtlichen Feststellungen. Bei ganz jungen Embryonen ist 
ja anfänglich der Unterschied in der Struktur der Reizleitungs- 
fasern und des Kammer- und Vorhofsmyokards ein sehr geringer. 
Der Zusammenhang derjenigen Teile des Atrioventrikulartrichters, 
die sich später zum Hisschen Bündel, seinen Schenkeln und den 
interventrikulären Ausbreitungen entwickeln, mit der Ventrikel- 
muskulatur, andererseits derer, die zum Tawaraknoten und 
seinen Wurzeln in der Vorhofsmuskulatur werden, mit der Vorhofs- 
muskelmasse, ist ein ungehinderter, gleichmässiger. 

Tawara hatte das Reizleitungssystem verglichen mit einem 
Baum, der aus vielen Wurzeln im Vorhof entspringt, dessen 
Stamm durch das Hissche Bündel dargestellt wird, und dessen 
Verästelungen die Purkinjeschen Fäden darstellen. Es ist 
noch nicht genügend darauf hingewiesen worden, wie sich in den 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 241 


einzelnen Abschnitten des Systems der Faserquerschnitt verhält. 
Für die Physiologie wäre diese Feststellung sehr wichtig, da ja. 
wie wir wissen, Reizleitungsverlangsamung bewirkt werden kann 
allein durch Verengerung der Bahn, auf welcher der Reiz sich fort- 
pflanzt. Wenigstens gilt dieser Satz für künstliche Einengung 
durch Quetschung oder durch Einschnitte. (Versuche von von 
Kries lassen es indessen möglich scheinen, dass durch solche Ein- 
eriffe qualitative Änderungen in der Muskulatur erzeugt 
werden, die die Leitungsverlangesamung nach sich ziehen.) Nach 
meinen Untersuchungen, die besonders leicht an den Herzen 
grosser Tiere nachgeprüft werden können, ergibt sich, dass im 
Bündel eine sehr starke Reduktion der einzelnen Fasern statt- 
findet. Es sind hier also nicht, wie der Name Bündel vor- 
täuschen könnte, die vielen aus dem Vorhof stammenden und 
im Knoten vorhandenen Fasern einfach zusammengerafft auf einen 
geringeren Querschnitt, sondern es findet eine tatsächliche Ver- 
minderung der Fasern statt. Umgekehrt ist auch in beiden 
Ventrikeln die Zahl der Purkinjeschen Fasern ausserordentlich 
viel grösser als die im Bündel und in den beiden Schenkeln. Es 
muss also eine Teilung der Fasern zustandekommen, je mehr 
man im System nach den Übergängen zu fortschreitet, und zwar 
werden sowohl die Fasern, wie auch die Fibrillen vermehrt. Es 
ist also sehr wahrscheinlich, dass auch die Fibrillen sich häufig 
teilen. Diese Feststellung ist für unsere Vorstellungen über Reiz- 
leitung zweifellos sehr wichtig. Über die genauere Art der Aus- 
breitung der letzten Endigungen geben Flächenschnitte durch 
solche Stellen, wo ein dickerer Purkinjescher Faden liegt, 
gute Aufklärung. In einem makroskopisch sichtbaren Faden sind 
zahlreiche Querschnitte von Fasern vorhanden, aus ihnen spalten 
sich neue Fäserchen ab, die nach allen Seiten allmählich in die 
Muskulatur übergehen. Der Übergang findet meist in den obersten 
Schichten des Myokards statt, nur selten dringen Fäden mehr in 
die Tiefe, um sich dort mit den Muskelfasern zu vereinigen. 
Über die Ausbreitung der letzten Endigungen in den 
Ventrikeln gibt Mönckeberg beim Menschen genauere An- 
gaben. Nach ihm fehlen Fasern von Purkinjeschem Typus 
konstant am oberen hinteren Abschnitt des muskulären Ventrikel- 
septums, an der ganzen oberen Hälfte der Hinterwand und im 
oberen Drittel des hinteren Papillarmuskels; ebenso entbehrt der 


242 W. Lange: 


obere vordere Abschnitt des Ventrikelseptums der Purkinje- 
schen Fasern, so dass also im erwachsenen Menschenherzen der 
ganze obere Septumabschnitt nur die unterhalb des Septum 
membranaceum und der rechten vorderen Atrioventrikularklappe 
nach abwärts ziehenden Hauptbündel des linken Schenkels ent- 
hält, dagegen keine von unten herkommenden rückläufigen Fasern 
aufweist. Am vorderen Papillarmuskel sind die Verhältnisse ähn- 
lich wie hinten, also im oberen Drittel keine Purkinjeschen 
Fäden, an der Vorder- und Mittelwand erreichen die Endaus- 
breitungen von unten herkommend ungefähr die gleiche Höhe 
wie an der Hinterwand, so dass auch hier die oberen Partien 
frei von Purkinjeschen Fäden sind. Die Verteilung der 
Purkinjeschen Fäden im Menschenherzen erstreckt sich also 
auf das Gebiet, welches dem interpapillären Raum Ehrenfried 
Albrechts entspricht, während der suprapapilläre Teil, die 
sogenannte Ausflussbahn, davon frei bleibt. Es liegt nahe, diese 
Verteilung in Zusammenhang zu bringen mit besonderer Funktion, 
man könnte denken, im Menschenherzen wären die beiden Räume 
in bezug auf ihre Erregung voneinander verschieden. Solche 
Schlüsse sind indessen ohne weiteres nicht gestattet. Die letzten 
Endigungen des Reizleitungssystems im Herzen brauchen eben 
nicht mehr histologisch deutlich unterschieden zu sein, da ja hier 
der allmähliche Übergang in gewöhnliche Herzmuskulatur statt- 
findet, mit anderen Worten, es kann funktionell das Reizleitungs- 
system in seinen Endigungen viel ausgiebiger sein, als aus der 
histologischen Zusammensetzung allein zu erschliessen wäre. 
Sicher stimmen die Mönckebergschen Angaben vom Menschen- 
herzen nicht für die Ilerzen der grösseren Säuger. Dies geht 
schon insbesondere aus den Angaben von Holl, die ja nur durch 
makroskopische Präparation gewonnen wurden, sowie aus der 
Modellierung der Reizleitungsfasern im Kalbsherzen von Lydia 
de Witt hervor. Ich habe mich durch mikroskopische Unter- 
suchungen davon überzeugt, dass beim Pferd z. B. und ebenso 
beim Elefanten, wo eben die Purkinjeschen Fäden überhaupt 
sehr viel deutlicher zu unterscheiden sind von gewöhnlicher Herz- 
muskulatur, deshalb auch die Übergänge noch leichter erkennbar 
sind als beim Menschen, das Verbreitungsgebiet an der Innen- 
fläche der Ventrikel ein viel grösseres ist. Purkinjesche Fäden 
sind zum Teil bis an die Spitze der Papillarmuskel unter dem 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 245 


Endokard zu finden, desgleichen reichen sie am Septum und den 
übrigen Teilen der Seitenwand viel höher. als dem interpapillären 
Raume Ehrenfrieds entspricht. 

Der Einwand von Mönckeberg, dass man nicht jeden 
kleinen Sehnenfaden in dem Gebiete der Ausbreitung des Reiz- 
leitungssystems als zum Reizleitungssystem gehörig ansprechen 
darf, ist sicher richtig. Man darf aber nicht mit ihm glauben, 
dass, wenn in falschen Sehnenfäden keine Fasern von Purkinje- 
schem Typ vorhanden sind, diese nicht zum Reizleitungssystem 
gehören, es kann sich hier eben auch um Endausläufer handeln, 
über deren Zugehörigkeit eigentlich nur Serienuntersuchung Auf- 
klärung geben kann, indem sie zeigt, ob der betreffende Faden 
im Zusammenhang steht mit den Ausbreitungen der Schenkel. 


Im einzelnen ist der Verlauf und die Zusammensetzung bei 
den verschiedenen Säugern nicht völlig übereinstimmend. Es ist 
wichtig, zu untersuchen, ob diese Unterschiede des Baues im 
Sinne der myogenen Theorie in Beziehung zu Unterschieden in 
der Reizbildung und Reizleitung zu setzen sind. 

Ins einzelne gehende Beschreibungen des Verlaufes der 
Systeme insbesondere der Ausläufer des Bündels bei den ver- 
schiedenen von mir untersuchten und bisher noch nicht be- 
schriebenen Säugern beabsichtige ich nicht zu geben. Solche 
Schilderungen halte ich deswegen nicht für angebracht, weil sie 
für die hier zu behandelnde Frage nicht in Betracht kommen. 
Im übrigen bestehen in der Ausbreitung der beiden Schenkel 
des Hisschen Bündels innerhalb der Ventrikel relativ grosse 
individuelle Schwankungen. Es wäre mir nicht möglich, die 
etwa in einem Falle gefundene eigentümliche Anordnung in einem 
bestimmten Herzen ohne weitere Nachprüfung als typisch für die 
betreffende Art anzugeben, da ich ja im Einzelfalle nie angeben 
kann, ob die Eigentümlichkeit nicht eine individuelle war. Ich 
berücksichtige in meiner Schilderung nur die Verhältnisse, wie 
sie durch den jetzigen Stand unseres Wissens wichtig erscheinen. 
Ich möchte hierbei die Bedeutung der Anatomie als Führerin in 
der Frage nach der Reizleitung im Herzen auch nicht über- 
schätzen. Solche Überschätzungen haben oft genug zu ganz 
falschen physiologischen Vorstellungen geführt. Manche scheinbar 
funktionell wichtigen anatomischen Merkmale verdanken ihre 


244 W. Lange: 


Eigentümlichkeit Gründen, die durch die Entwicklung, Wachstums- 
vorgänge und ähnliches bestimmt sind, denen keine funktionelle 
Bedeutung zukommt. 

Beim Elefanten verläuft der linke Schenkel anfangs 
ziemlich weit subendokardial, um erst in der Höhe der Papillar- 
muskel sich aufzusplittern in zahlreiche Fasern, die unter dem 
Endokard verlaufen und zunächst hauptsächlich zu den Papillar- 
muskeln ziehen, um sich dann hier weiter zu verbreiten auf die 
dem Septum gegenüberliegende Wand. Makroskopisch sind die 
Purkinjeschen Fäden als ein graues Flächenwerk von sehr 
verschiedener Dicke der einzelnen Fäden wahrzunehmen. Sehr 
häufig, namentlich im unteren Teil des Herzens, ist die Über- 
brückung tieferer Furchen zwischen einzelnen Trabekeln in Gestalt 
von falschen Sehnenfäden. Feinere Fasern sind im Konusteil, in 
der ganzen Ausflussbahn mit Sicherheit vorhanden. Beim Bären 
(Fig. 6) ähnelt der makroskopische Verlauf sehr den Verhältnissen 
beim Menschen. Der linke Schenkel breitet sich frühzeitig fächer- 
förmig unter dem Endokard aus, er ist hierbei in seinem obersten 
Verlauf, ebenso wie es ja beim Menschen der Fall, nur undeutlich 
durchscheinend. Der untere Verlauf wird deutlicher durch das 
Auftreten von falschen Sehnenfäden. Die Bildung des Netzwerkes 
der Purkinjefäden und der Übergang in die Muskulatur der 
Papillarmuskel erfolgt in der Höhe des Ansatzes der Papillar- 
muskel. 

Für die Huftiere ist kennzeichnend, dass der linke Schenkel 
frühzeitig, etwa in der Höhe der Spitze der Papillarmuskeln. das 
Endokard erreicht und nun in Gestalt eines falschen Sehnenfadens 
von erheblicher Dicke frei in das Lumen hervorspringt. Hier 
teilt er sich in zwei Äste, die zur Basis oder mehr zur Mitte 
der Papillarmuskeln streben. Kurz vordem sie diese erreichen, 
spalten sie sich häufig schon in viele kleine Unteräste und bilden 
dann teils auf den Papillarmuskeln, teils in dem tiefsten Teil 
des Ventrikels das Netz der Purkinjefäden. Am schematischsten 
fand ich diesen Verlauf in dem Herzen eines erwachsenen Zebras, 
sowie in einem achtmonatlichen Fötus (Fig. 8 und 8a, Taf. X). 
Meist ist der Verlauf unregelmässiger, indem nicht nur zwei 
Äste zu den Papillarmuskeln ziehen, sondern stärkere Teilung 
stattfindet. Solche Teiläste springen dann auf das Septum über, 
wurzeln also zwischen Papillarmuskeln. Beim Raubtier und 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 245 


Menschen geht der linke Schenkel breiter, fächerförmig aus- 
einander, sowie er die Endokardumfläche erreicht. Er besteht 
aus vielen Bündeln, die in der Höhe der Papillarmuskelansätze 
auseinander gehen, um auf die Papillarmuskel und in die End- 
verästelungen der Spitze überzugehen. Eigentümlich ist der Ver- 
lauf des linken Schenkels bei der Kegelrobbe. Kurz nach seiner 
Teilung vom rechten Schenkel springt er ins Lumen des Ventrikels 
und splittert in ein Netzwerk von falschen Sehnenfäden auf. 

Diese Unterschiede im groben Verlauf der Schenkel sind 
wohl sicher in Zusammenhang zu bringen mit der verschiedenen 
(restalt und dem entsprechend verschiedenen Erregungsablauf der 
verschiedenen Herzen. (senaueres über diesen Zusammenhang 
kann ich noch nicht sagen. Denn wir wissen zwar ziemlich 
viel über Massenverhältnisse, relative Gewichte bei den ver- 
schiedenen Tieren, aber sehr wenig über die Unterschiede in 
der Form des Gesamtherzens und seiner Teile. Und doch be- 
stehen zweifellos grosse Unterschiede. Ich denke hierbei z. B. 
an das verschiedene Verhältnis zwischen rechtem und linkem 
Ventrikel, bei Vögeln einerseits, bei Säugern andererseits. In 
den verschiedenen Säugetierklassen selbst fand ich ziemliche 
Unterschiede in der äusseren Form, sehr verschiedene Beteiligung 
der Ventrikel an der Herzspitze und ähnliches. So lässt sich das 
Bärenherz gar nicht mit dem Herzen des Schafes oder gar der 
Kegelrobbe vergleichen. 

Die Grösse allein ist wohl sicher auch ein Faktor, der auf 
die Ausbildung des Reizleitungssystems bestimmend wirkt. Durch 
ihn wird wohl der Unterschied erklärt in der Ausbreitung der 
letzten Endigungen bei Elefant einerseits, Maus und Ratte anderer- 
seits. Die Elemente des Herzmuskels. die Muskelfasern sind als 
Zellgebilde an bestimmte Grösse gebunden, so kommt es zu einem 
Missverhältnis zwischen der Berührungsfähigkeit von Reizleitungs- 
system einerseits, Mvokardfläche andererseits. 

Diese Behauptung bedarf wohl einer kurzen Erläuterung Bekanntlich 
ist die Frage der Abhängiekeit der Grösse der Zellen, von der Grösse 
des Organismus, welchem sie entstammen, der Gegenstand vielfacher Unter- 
suchungen gewesen. Man neigt im allgemeinen der Ansicht zu, dass zwischen 
Grösse der Organe und der ihrer Zellen keine Proportion besteht, dass viel- 
mehr die Grösse homologer Organe lediglich proportionell der Zahl ihrer Zellen 
ist. Indessen hat Lewi neuerdings darauf aufmerksam gemacht, dass dieser 
Satz zwar für die Zellen der Epithelien, der Haut, des Darmes gilt, nicht 


246 W. Lanee: 


aber für manche Organe, z. B. Nervensystem und Herz. Lewi erklärt dieses 
abweichende Verhalten des Herzens dadurch, dass dessen Zellen nur bis zu 
einem gewissen Zeitabschnitt der Entwicklung sich teilen können. Das 
weitere Wachstum des Organs kann nur stattfinden durch eine Vergrösserung 
der Zellen selbst. Die Richtigkeit dieser Erklärung, für die in neuester Zeit 
Hahn bestätigende Beobachtungen an Riesenlarven vom Frosch gemacht 
hat. steht noch aus. Für die Muskulatur des Herzens kann ich kurz hier 
mit Sicherheit feststellen (was a. a. 0. noch ausführlicher gelegentlich der 
Darstellung der vergleichenden Anatomie der Wirbeltierherzen geschehen 
soll), dass die Muskelfasern grösserer Tiere dicker sind als diejenigen kleiner. 
Von Zellen kann man, wie vorher ausgeführt, ja im Wirbeltierherz nicht gut 
sprechen. Hält man sich zur Beurteilung an die Breite der Fasern, an den 
Abstand der Kerne, eventuell an die Länge unverzweigter Abschnitte einer 
Muskelfaser in der Nachbarschaft eines Kernes, so weisen zweifellos die 
Herzen grösserer Tiere im allgemeinen viel grössere Verhältnisse auf als 
diejenigen kleiner. Die Unterschiede sind aber sicher lange nicht so gross 
wie diejenigen in der Grösse des ganzen Herzens. 

Sicher ist die Ausbreitung der Endfasern des Atrioventrikular- 
systems bei kleinen Tieren eine viel geringere, als bei grösseren 
Herzen. wie mich die Untersuchung an Maus und Fledermaus 
lelırte. So erklärt sich wohl, dass His, der an kleinen Tieren 
arbeitete, das System der Endfasern nicht fand, während Tawara 
an dem günstigeren Objekt, nämlich dem ausgewachsenen Menschen 
und dem Schaf, es nicht übersehen konnte. Die geringe Aus- 
bildung bei kleinen Tieren ist vielleicht auch bedingt dadurch. 
dass bei diesen infolge der viel günstigeren Beanspruchung die 
Muskulatur nicht so zweckmässig koordiniert zu arbeiten braucht, 
während mit der Zunahme der Herzgrösse die Bewältigung seines 
Blutinhaltes viel schwieriger wird und zu sparsamster Ausnutzung 
durch zweckmässigen Kontraktionsablauf zwingt. 


Auffälliger noch als die Unterschiede im makroskopischen 
Verlauf sind diejenigen in der mikroskopischen Struktur der Reiz- 
leitungssysteme. Bekanntlich weichen die spezifischen Muskel- 
verbindungen histologisch ab von der gewöhnlichen Herzmusku- 
latur. Das hatten schon Gaskell, Engelmann und His 
gefunden. Tawara zeigte, dass bei Huftieren die Endigungen 
innerhalb der Ventrikel aus den wegen ihrer eigentümlichen 
Struktur schon lange bekannten Purkinjeschen Fäden und 
Zellen sich zusammensetzen. 

Über die Definition der Purkinjeschen Zellen waren sich 
die Histologen nie einig. Nach den einen sollten sie nur den 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 247 
Huftieren eignen, nach den anderen bei allen Tieren zu finden 
sein. Auch jetzt, wo wir wissen, dass die typischen Formen 
nur im Verlauf des Reizleitungssystems vorkommen, können sich 
die verschiedenen Untersucher nicht einigen. Solcher Streit ist 
überflüssig. Eine typische Purkinje-Struktur gibt es nicht. 
Ich habe im Elefanten-, im Nilpferd-, im Bärenherzen Reiz- 
leitungsfasern gefunden, die noch viel mehr von der gewöhnlichen 
Herzmuskulatur unterschieden sind als die Purkinjefasern 
des Schaf- oder Pferdeherzens. Die Unterschiede sind, wie die 
verschiedene Ausbildung innerhalb desselben Herzens und die 
vergleichende Histologie lehrt, nur graduelle, nicht prinzipielle. 
Was ist denn «das Charakteristische der Purkinjefasern? Als 
eigentümlich wurde für sie angegeben grössere Dicke der Fasern. 
relativ reichlicher Protoplasmagehalt bei geringer Menge unregel- 
mässig verlaufender Fibrillen, Glycogengehalt, Zusammensetzung 
aus zelläbnlichen Elementen. Kein einziges dieser Merkmale gilt 
für jeden Fall. Sie wechseln innerhalb desselben Herzens in 
hohem Maße. Will man deshalb die Reizleitungssysteme auf Grund 
ihrer Struktur vergleichen, so darf man sich nicht auf wenige 
Fasern beschränken, sondern muss den Gesamteindruck berück- 
sichtigen. Dieser Gesamteindruck ist nun bei den verschiedenen 
Tiergattungen ein sehr verschiedener. Die schönste Ausbildung fand 
ich beim Elefanten, dem Nilpferd und dem amerikanischen Bären. 

Beim erwachsenen Elefanten (Fig. 2 und 5, Taf. IX) sind 
die Purkinjeschen Fäden von denen des Schafes unterschieden 
durch die viel grösseren Unregelmässigkeiten in der Anordnung 
der Fibrillen. Diese sind nicht nur in der Peripherie der Fasern 
angeordnet, sie dringen zum Teil auch in das Innere derselben ein. 
Während in den längeren Fasern, die aus hintereinander gereihten, 
walzenförmigen Stückchen zu bestehen scheinen, der grösste Teil 
der Fibrillen in der Längsrichtung parallel der Achse und im spitzen 
Winkel mit ihr verläuft, zum Teil in Spiraltouren, verlaufen andere 
quer zu der Achse. Ganz unregelmässig ist die Anordnung an 
Knotenpunkten von Fäden, es entstehen so Bilder, wie sie besser 
als alle Beschreibung durch die Fig. 2 gegeben wird. Beim 
jugendlichen Tier ist diese Struktur auch schon deutlich (vier- 
wöchentliches Tier), deshalb sind meine Befunde bei einem neu- 
geborenen Nilpferd auch auf das erwachsene Tier zu über- 
tragen. 

Archiv f.mikr. Anat,. Bd.84. Abt. 1. 7 


248 W. Lange: 


Beim Bären (Fig. 5) fielen mir die zahlreichen Ein- 
schnürungen der Sarkoplasmastränge zu zellenähnlichen Gebilden 
auf. Bei günstigen Schnitten werden diese Einschnürungen sehr 
dentlich, man sieht, wie die Fibrillen an diesen Einziehungen 
entsprechend sich krümmen, um in die nächste „Zelle“ überzu- 
gehen. Der Verlauf in der Peripherie der Fasern und im Innern 
der Zelle ist ein äusserst unregelmässiger. Die Figur stellt einen 
längeren Faden dar, der zu vier hintereinander gelegenen kurzen, 
kugeligen Zellen anschwillt. Ähnlich schöne Bilder findet man 
beim Pferd, dann folgt Kalb und Schaf. Verhältnismässig 
deutlich ausgebildete Purkinjezusammensetzung zeigt das 
Schwein. Sehr gering, oft nur bei besonderer Aufmerksamkeit 
und an geeigneten Stellen nachweisbar sind die Unterschiede 
zwischen Reizleitungs- und gewöhnlichen Herzmuskelfasern bei 
allen kleinen Säugern und bei den niederen Wirbeltieren. Der 
Mensch und der Hund stellen eine Zwischenstufe zwischen Huf- 
tieren und Nagern dar. Im Vogelherzen kommen zwar vereinzelt, 
wie Külbs gezeigt hat, innerhalb der Ventrikel deutliche 
Purkinje-Strukturen vor, doch besteht die Hauptmasse der 
Reizleitungssysteme aus gewöhnlicher Muskulatur. 

Sollen diese auffälligen Unterschiede nicht irgend eine 
physiologische Bedeutung haben”? Seltsamerweise hat diese Frage 
nach Feststellung der Tatsache, dass die Purkinjefäden nur 
im Reizleitungssystem vorkommen, keinen Forscher interessiert, 
während sie früher von den vergleichenden Histologen vielfach 
gestellt wurde. Da man fälschlich annahm, die typischen Purkinje- 
fäden seien hauptsächlich den Huftieren eigen, begnügten sich 
viele mit der Annahme, es wäre eben eine zufällige morphologische 
Eigentümlichkeit dieser Tiere. Nur Marceau war es aufgefallen, 
dass unter den Huftieren die grossen, z. B. das Pferd, ganz be- 
sonders schöne und zahlreiche Purkinjesche Fasern aufweisen. 
Dies schien ihm, der noch nichts von Reizleitungssystemen wusste, 
eine Stütze für die von Reichert zuerst gemachte Annahme, 
das System der Purkinjefäden hätte die physiologische Be- 
deutung eines M. tensor endocardii; denn die grossen Huftiere 
und besonders das Pferd besässen ein sehr viel diekeres Endokard, 
als die kleinen, das dementsprechend schwerer zu spannen ist. 
Die Purkinjeschen Fäden sind nun, wie schon erwähnt, sicher 
keine Eigentümlichkeit des Ungulatenherzens. Ich fand sie 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 249 


ebenso schön beim Raubtier, besonders beim amerikanischen Bär, 
andererseits sind sie beim Schwein und Meerschweinchen viel 
weniger ausgebildet. Viel richtiger ist die Behauptung Marceaus, 
dass die Grösse des Herzens von Bedeutung ist. Was lässt sich 
denn auf Grund unserer neuen Kenntnis von der Beziehung der 
Purkinje-Struktur zur Reizleitung angeben, um die verschiedene 
Ausbildung zu erklären? Die Fähigkeit, den Reiz überhaupt leiten 
zu können, verlangt nicht die eigentümliche Struktur; denn leiten 
überhaupt soll ja vom Standpunkt der Myogeniker die gewöhn- 
liche Muskulatur auch. Aber anders leiten die Systemfasern, 
und zwar sollen sie langsamer leiten. Der Reiz wird durch die 
Fasern blockiert. Ist es nicht naheliegend. anzunehmen, die selt- 
same Struktur hängt mit der Blockierungsfähigkeit zusammen. 
Verwertbare experimentelle Untersuchungen über den Grad der 
Blockierung des Reizes in den verschiedenen Herzen gibt es 
nicht. Ich selbst konnte leider auch keine anstellen. Wahr- 
scheinlich ist in grossen Herzen die Reizleitung langsamer als 
in kleinen. Denn mit der Grösse der Herzen nimmt bekanntlich 
die Pulszahl ab. Man erklärt dies damit, dass in grossen Herzen 
das Verhältnis: @uerschnitt der Aorta zu Blutinhalt ein viel 
ungünstigeres ist, so dass der Abfluss ein viel langsamerer sein 
muss. ‚Je langsamer aber das Herz schlägt, um so grösser ist 
auch die Pause zwischen Vorhofs- und Ventrikelsystole, d. h. die 
Zeit, während welcher der Reiz von Vorhof zur Kammer über- 
geht. Bei der grossen Geschwindigkeit, die an sich die Fort- 
pflanzung der Erregung im Herzen besitzt, spielt die mit Zu- 
nahme der Herzgrösse auch wachsende Länge des Reizleitungs- 
systems keine Rolle. Die notwendige grössere Blockierungsfähigkeit 
findet ihren anatomischen Ausdruck in ausgebildeterer Purkinje- 
Struktur. Die Befunde am Vogelherzen sprechen sehr dafür, dass 
die absolute Reizverlangsamung in Zusammenhang zu bringen 
ist mit ausgeprägter Purkinjebildung. Vögel haben bekanntlich 
den schnellsten Puls, somit die kürzeste Pause zwischen den 
Kontraktionen der einzelnen Herzabschnitte. In der Hauptmasse 
weichen, wie die Külbsschen Versuche zeigen, die Elemente der 
Reizleitungssysteme dort am geringsten, von denen des gewöhn- 
lichen Myokards ab. 

(Interessant sind für die Beurteilung dieser Frage wohl die 
Feststellungen von Buchanan über die Frequenz des Herz- 

ANGE 


250 W. Lange: 


schlages bei Vögeln und bei kleinen Säugern. Er fand, dass die 
Vögel sieh auszeichnen durch einen enorm häufigen Herzschlag. 
So betrugen die Maximalwerte für den Dompfaff bis 925 Schläge 
in der Minute, beim Grünfink über 840, beim Sperling 850, beim 
Huhn 390, bei der Taube 225. Es sei hingewiesen auf die relativ 
niedrige Frequenz bei der Taube, und erinnert an die Tatsache, 
dass bei der Taube die deutlichste Purkinjesche Struktur ge- 
funden wird.) 

Indessen kommt es bei der Vergleichung der verschiedenen 
Reizleitungssysteme wahrscheinlich nicht auf die absoluten Unter- 
schiede in der Blockierung an, sondern auf relative. So pflanzt sich 
die Erregung in der Kaltblüterherzmuskulatur viel langsamer fort 
wie beim Säugetier. Infolgedessen genügt eine relativ geringe 
Hemmungsfähigkeit der Reizleitungsfasern, namentlich bei der 
yelativ grossen Länge der spezifischen Verbindungen, um die 
zum zweckmässigen Zusammenarbeiten nötigen Pausen zwischen 
der Tätigkeit der einzelnen Herzabschnitte zu bewirken. Als 
anatomischen Ausdruck der relativ geringen Verlangsamungs- 
fähigkeit finden wir bei den Kaltblütern auch relativ geringe 
Unterschiede zwischen Reizleitungs- und gewöhnlichen Herz- 
muskelfasern. 

Es wäre sicher von Bedeutung, nachzuprüfen. ob der von 
mir angenommene Zusammenhang zwischen histologischer Struktur 
und physiologischer Funktion wirklich besteht. 

Die Leitfähigkeit der Purkinjeschen Fäden untersuchte Erlanger 
im Kalbsherzen und berechnete die Schnelligkeit der Leitung in ihnen auf 
0,06 cm pro Sekunde. Vergleicht man diese Geschwindigkeit mit den bisher 
gegebenen, allerdings unsicheren Angaben über die Schnelligkeit der Reiz- 
leitung im gewöhnlichen Myokard (Schleuter berechnet sie auf 600 cm 
pro Sekunde, Clement gibt an, dass alle Teile der Herzoberfläche zu 
gleicher Zeit erregt werden, was also für sehr grosse Geschwindigkeit der 
Reizleitung spricht), so spricht dies auch für die Annahme, dass typisch 
gebaute Purkinjesche Fäden langsam leiten. 

Diese Ansicht, der Grad der strukturellen Abweichung hänge mit 
dem Grade der Blockierungsfähigkeit zusammen, widerspricht eigentlich den 
Feststellungen von Hering, wonach die Reizleitungsverzögerung nicht in 
den Ausläufern des Hisschen Bündels, also im System der Purkinjeschen 
Fäden zustande kommt, sondern hauptsächlich im Tawaraschen Knoten 
stattfindet. Hierfür gibt es zwei Erklärungsmöglichkeiten, entweder wird 
die Reizverlangsamung bedingt durch die eigentümliche Anordnung der sehr 
schmalen Vorhofsfasern, welche den Übergang eines in der Vorhofsmuskulatur 
angebrachten Reizes auf das Reizleitungssystem erschweren, andererseits ist 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 251 


zu bedenken, dass gerade der Hund, bei dem Herings Versuche angestellt 
wurden, nur in geringem Maße Purkinjestruktur des rechten und linken 
Schenkels und seiner Ausläufer zeigt. 


All diese Überlegungen müssen für diejenigen sinnlos er- 
scheinen, die die eigentümliche Struktur der Reizleitungsfasern 
ganz anders deuten wollen. So stützen sich viele auf die alte 
Auffassung, dass die Purkinjeschen Fäden embryonale Rück- 
bleibsel aus der Entwicklung des Herzens sind. Es ist seltsam, 
warum dann der Verlauf dieser (Gebilde so genau mit der physio- 
logischen Lokalisation der Reizleitung übereinstimmt. Man könnte 
sich höchstens vorstellen, die muskulösen Verbindungen zwischen 
den einzelnen Herzabschnitten sind aer Leitweg für die nervösen 
Gebilde gewesen. Hatte doch His gezeigt, dass die Anordnung 
der von aussen in das Herz einwandernden Ganglienzellenhaufen 
den Eindruck macht, als ob gewisse Teile des Herzens der 
Wanderung grösseren Widerstand entgegensetzen als andere. 

Nun sind aber die Purkinjeschen Fasern gar nicht embryo- 
nale Bildungen, denn sie unterscheiden sich durch Grösse und 
Form durchaus von embryonalen Herzmuskelzellen. Häufiger 
Glykogengehalt, der ja übrigens gerade einem Teil der aus- 
gebildeten Reizleitungsfasern oft fehlt, und grösserer Sarko- 
plasmagehalt allein können sie dazu nicht stempeln. Übrigens 
hatte schon Schmaltz gefunden, dass in ganz jungen Embryonen- 
herzen die Purkinjeschen Fasern schon deutlich als von der 
gewöhnlichen Muskulatur durch Lage und Form abweichende 
Bildungen angelegt sind. Schmaltz arbeitete mit der Isolations- 
methode. An sorgfältig fixiertem Material und bei Anwendung 
der Heidenhainschen Fibrillenfärbung konnte ich diese Fest- 
stellung viel leichter machen. In Schafherzen von 8—10 mm 
ist das Bündel schon ganz deutlich durch seine Zusammensetzung 
von der gewöhnlichen Herzmuskulatur zu unterscheiden. Der 
Grad des Unterschiedes geht ganz parallel den Beobachtungen 
am erwachsenen Tier. Beim entsprechend jungen Menschenherzen 
ist ein Unterschied der Atrioventrikularverbindung nur schwer 
zu erkennen; noch schwieriger bei gleich alten und selbst viel 
älteren Hunden, Kaninchen, Katzenembryonen. 

Aber auch der Gesamtaufbau der Atrioventrikularverbindung 
z. B. spricht gegen die Annahme, dass sie lediglich ein Rest des 


[&6) 
So 
| 085) 


W. Lange: 


ursprünglichen Atrioventrikulartrichters ist. Sicher ist das His- 
sche System vergleichend anatomisch zwar aus dem Öhrkanal 
abzuleiten, ist jedoch bei den Säugern zu einer selbständigen 
Bildung geworden, die auch frühzeitig als solche angelegt wird. 
Verschiedentlich fand ich, dass bei Embryonen schon der makro- 
skopische Verlauf der Schenkel des Hisschen Bündels genau 
demjenigen beim erwachsenen Tier gleicht. Besonders auffällig 
war diese Übereinstimmung in dem linken Schenkel bei einem 
achtmonatlichen Zebrafötus und seiner Mutter, obwohl im übrigen 
z.B. in der Ausbildung der Trabekel der Ventrikelinnenfläche 
Unterschiede bestanden. 

Wenn Nicolai und Kraus den Unterschied in der histo- 
logischen Struktur der spezifischen Systeme gegenüber den ge- 
wöhnlichen Myokardfasern damit erklären, dass sie sagen, die 
Fasern wären eben in Beziehung zu den reizbildenden Apparaten 
getreten, worunter sie sich vorstellen, die Fasern brauchten 
nicht mehr der Kontraktion zu dienen, und hätten daher die der 
Kontraktionsfähigkeit besser entsprechende Struktur normaler 
Herzmuskulatur verloren, so würde diese Annahme wohl stimmen, 
wenn bei allen Säugern die spezifischen Systeme einfach gleich- 
mässig abweichend gebaut wären. Nicht zu verstehen wäre in- 
dessen der von mir betonte sehr wechselnde Grad der Abweichung 
bei den verschiedenen Tieren, der nicht als eine Arteigentümlich- 
keit aufzufassen ist, für dessen Beziehungen zu verschiedenen 
Funktionen vielmehr zahlreiche Gründe sprechen. 

Wichtig für die Bedeutung des Reizleitungssystems als eines 
wesentlichen funktionbegabten Bestandteiles des Herzens sind 
auch die Untersuchungen von Mönckeberg, der in allen von 
ıhm untersuchten Herzmissbildungen das Reizleitungssystem in 
seiner typischen Anordnung niemals vermisste 

Man könnte die verschiedene Struktur der Reizleitungs- 
systeme bei den einzelnen Tiergattungen, wenn man sie nicht als 
Ausdruck verschiedener Funktion auffassen will, vielleicht erklären 
durch den Hinweis auf die nicht unbedeutenden Unterschiede, 
die indem Aufbau des Myokards überhaupt bei den verschiedenen 
Tieren bestehen. Auf solche Unterschiede haben in jüngster 
Zeit die Untersuchungen von Zimmermann wieder aufmerksam 
gemacht, die z. B. die schon von Solger gemachte Feststellung 
bestätigen konnten, dass beim Schwein die Herzmuskelfasern 


Grundlagen für eime myogene Theorie des Herzschlages. 255 


gegenüber denen anderer Herzen gekennzeichnet sind durch die 
Tendenz, lange Kernreihen zu bilden. Man beobachtet in den Muskel- 
fasern vom Schwein zentral eine lange Anhäufung von Sarko- 
plasma, in ihr liegen hintereinander 2, 4, 8, 16, ja selbst 32 Kerne. 
Dementsprechend findet man abweichende Anordnung der Kitt- 
linien und, wie Zimmermann annimmt, damit andere Form 
der Herzzellen. Es ist mir indessen nicht gelungen, einen Zu- 
sammenhang zwischen Grad von Purkinjescher Struktur und 
Bau des Myokards zu finden. 


Eine andere Deutung für die seltsame Struktur der Elemente 
der spezifischen Muskelverbindungen, wonach diese auch nicht 
der Reizleitung im Sinne der myogenen Theorie dienen, haben 
neuerdings Keith und Mackenzie gegeben. Sie gehen bei 
ihren Überlegungen von den Befunden in Säugerherzen aus. in 
dem bekanntlich die der eigentlichen Überleitung zwischen den 
verschiedenen Herzabschnitten dienenden muskulösen Verbindungen 
hervorgehen aus einer grösseren Ansammlung von spezifischer 
Muskulatur, den sogenannten Knoten (Sinus oder Keith und 
Flackscher Knoten an der Grenze zwischen Vorhof und oberer 
Hohlvene, Aschoff-Tawaraknoten im Vorhofseptum). In diesen 
Knoten sind zahlreiche Ganglienzellen zu finden, auch werden sie 
reichlich von Nerven versorgt und durchsetzt. Vom Aschotf- 
Tawaraknoten aus gelangen mit dem Hisschen Bündel Ganglien- 
zellen und Nerven in die Ventrikel, wo sie sich zusammen mit 
dem System der Purkinjeschen Fäden ausbreiten. Es lag nahe. 
anzunehmen, dass an diesen Stellen inniger Berührung von Nerven 
mit muskulösem Reizleitungsapparat der Ort zu suchen sei, wo 
die Beeinflussung der Herztätigkeit durch von aussen kommende 
Nerven stattfindet. (Untersuchungen von Flack beweisen die 
Richtigkeit solcher Annahme.) 

Keith und Mackenzie meinen nun, es handele sich bei 
diesen Knoten um mehr als nur nahe Berührung und Vermischung 
von Reizleitungsmuskulatur mit nervösen Elementen, sondern es 
beständen die Knoten aus einem neuromuskulären Gewebe, das 
einen Übergang zwischen Muskel- und Nervengewebe darstellt, 
in dem ein direkter Übergang von Nervensubstanz in Muskel- 
substanz stattfände. Die nach dem Purkinjeschen Typus ge- 
bauten Muskelelemente halten sie für den Sherringtonschen 


254 W. Lange: 


Muskelspindeln ähnliche Gebilde: sie sollen, wie diese Muskel- 
und Sehnenspindeln, für Druckschwankungen, nämlich für Blut- 
druckschwankungen innerhalb des Gefäßsystems, empfindlich sein. 
Hierfür spräche auch die Lage der Knoten in unmittelbarer Nähe 
der grossen Ostien und der Purkinjeschen Fasern gleich unter- 
halb des Endokards. In ihrer Gesamtmasse sollen die Purkinje- 
fasern und besonders die Knoten Koordinationszentren im Sinne 
der Volkmannschen Lehre von der Koordination der Skelett- 
muskeln sein. Für die Natur der Purkinjeschen Fasern als 
nervöse Endapparate sprechen nach Keith und Mackenzie 
ihre undeutliche, oft fehlende Querstreifung und mangelhafte 
Myosinreaktion des Plasmas bei van Gieson-Färbung. Den 
direkten Übergang, die allmähliche Umwandlung von Nervenfasern 
in Muskelfasern, zeigt eine Abbildung von Mackenzie aus dem 
Herzen des Ameisenigels (Echidna): Eine Nervenfaser schwillt 
ziemlich rasch an zur Breite eines Muskelprimitivbündels und ihre 
Substanz wird quergestreift. Mackenzie stützt die Lehre von 
der Koordination weiter durch die Befunde beim Taubenherzen. 
Dort konnte er überhaupt keine spezifischen Muskelverbindungen 
tinden. An Stelle der Atrioventrikularverbindung sah er nur spär- 
liche Muskelbrücken zwischen Vorhof und Kammer, die aber 
durchaus nicht in ihrer Struktur von der des übrigen Myokards 
abwichen, die deshalb seiner Meinung nach auch nicht mit den 
teizleitungsfasern der übrigen Tiere verglichen werden können. 
Auch keine Knoten neuromuskulären Grewebes fand er, doch statt 
dieser in der Nähe der Aorten- und Pulmonaliswurzel eigentüm- 
liche, nieht näher beschriebene Gebilde, die durch ihre Färbung 
und ihre Versorgung mit Nerven deutlich als nervöse Endapparate 
sich kennzeichneten. | 

Die Anschauungen von Keith und Mackenzie über die 
Bedeutung der spezifischen Muskelsysteme haben wohl sehr wenig 
Berechtigung, denn die zum Beweis ihrer Richtigkeit angeführten 
Beobachtungen sind teils ungenau oder geradezu falsch, teils 
werden sie falsch verwertet. 

So ist der Einwand, dass die spezifischen Muskelsysteme 
nicht der Reizleitung dienen können, weil sie ja z. B. beim 
Vogel gar nicht immer vorhanden sind, hinfällig geworden durch 
die Untersuchung von Külbs, der eine ausgedehnte Atrio- 
ventrikularverbindung bei Huhn und Taube festgestellt hat. Für 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 2,55 


die Tatsache, dass bei den Vögeln diese Verbindung aus gewöhn- 
lieher Muskulatur besteht, habe ich oben eine Erklärung gegeben. 

Keith und Mackenzie überschätzen die Bedeutung der 
Knoten. die ja nur Teile der spezifischen Muskelverbindungen 
und nur den Säugern eigentümlich sind. Sie geben an, das von 
ihnen sogenannte Knotengewebe auch bei allen niederen Wirbel- 
tieren gefunden zu haben. Ihre Angaben, die leider durch Figuren 
nicht begründet werden, sind mir unverständlich. Die Verbindungen 
zwischen den einzelnen Herzabschnitten sind so gestaltet, wie sie 
Külbs und Lange, Külbs, Bräunig beschrieben haben. 

Mikroskopisch unterscheiden sich bei den niederen Tieren 
die Muskelverbindungen nur in geringerem Maße von der Mus- 
kulatur des übrigen Myokards. Keith und Mackenzie haben 
ihre Befunde bei Säugern. wo eine gewisse Berechtigung zur 
Annahme eines besonderen Knotengewebes vorhanden ist, durch- 
aus auf die niederen Wirbeltiere übertragen wollen. Ganglien- 
zellen und Nervenfasern sind bei den niederen Wirbeltieren in 
reichlicher Menge, oft auch in unmittelbarer Nähe des Reiz- 
leitungssystems vorhanden. Die Berechtigung, ein besonderes 
neuromuskuläres Gewebe anzunehmen, ist aber bei diesen Tieren 
noch viel weniger gestattet, als bei den Säugern. 

(Eine genauere histologische Beschreibung der Fasern im 
Sinusknoten ist nirgends gegeben worden. Die Untersuchung ge- 
staltet sich auch sehr schwierige. Es handelt sich wohl um eine 
zusammenhängende Sarkoplasmamasse mit eingestreuten Kernen, 
ein Syneitium. Dieses wird durch das sehr reichlich vorhandene 
Bindegewebe und durch Blutgefässe und Nervenfasern in ein ganz 
unregelmässiges Netzwerk von verschieden dieken Strängen und 
Balken eingeteilt. auf dem (Querschnitt zeigen die Protoplasma- 
balken eine sehr unregelmässige Anordnung der Fibrillen. Die 
Fibrillen sind sehr spärlich, sie liegen teils in der Peripherie, 
teils mehr im Zentrum der Fasern. Die Darstellung der Fibrillen 
mit besonderen Methoden (Eisenalaunhämatoxpylin. Heidenhains 
Neutralfärbungen für Muskeln, Bielschowskysche Methode) 
zeigen, dass die Fibrillen deutliche Querstreifung besitzen und 
genau so zusammengesetzt sind wie diejenigen des übrigen 
Myokards. Zwischenscheibe Z und Mittelscheibe M sind kennt- 
lich, meist tritt die Querscheibe (u in der Form zweier durch 
die Mittelscheibe getrennter Kügelchen (Dyaden von Schlater) 


256 W. Lange: 


auf. Kittlinienähnliche Gebilde konnte ich nicht finden. Bei 
zweckmässiger Fixation erhält man mit der van Gie son methode 
sehr deutliche Myosinreaktion des Sarkoplasmas. Die dazwischen 
selegenen grösseren Nervenfasern färben sich hierbei mit dem 
für sie charakteristischen mehr bräunlichen Ton. Irgend welche 
Anzeichen für die Keith-Mackenziesche Ansicht von einem 
neuromuskulären Zwischengewebe fand ich nicht. Die abweichende 
Zusammensetzung des Sinusknotens entspricht meist dem Ver- 
halten der Purkinjeschen Fasern. Von Purkinjeschen Fasern 
unterscheiden sich die Elemente des Sinusknotens durch die relative 
Schmalheit der Sarkoplasmastränge und Züge (siehe Fig. 1, Taf. IX \. 

Es besteht gar kein Grund zu der Annahme, dass die 
spezifischen Fasern der Reizleitungssysteme einzeln oder in ihrer 
(resamtheit den Sherringtonschen Muskelspindeln gleichzu- 
stellen seien. Untersuchungen mittelst spezifischer Nervenfärbungen 
sind von Wilson, von A. und S. Oppenheimer, Morrison 
gemacht worden. Sie haben gezeigt, dass im Reizleitungssystem 
der Säuger Nervenzellen und Fasern sehr reichlich vorhanden 
sind. Die Achsenzylinder dringen zwischen die Purkinjeschen 
Fasern und zwischen die Muskelfasern des Sinus- und des 
Tawaraknotens ein und endigen zum Teil an ihnen mit kleinen 
Knötchen, nirgends aber sah man die Nerven in die Faser selbst 
eindringen, um in ihnen, wie es bei den verschiedenen Arten 
der Muskelspindeln der Fall ist, mit komplizierten Verästelungen 
aufzuhören. Die von Mackenzie gegebene, schon erwähnte 
Darstellung von der direkten Umwandlung von Nervenfaser in 
Muskelfaser wird wohl kein Histologe ernst nehmen. 

Es ist auch nicht der Fall, dass die Purkinjeschen Fasern 
schlechte (uerstreifung zeigen. Zwar in ihrer ganzen Breite sind 
die Fasern, besonders bei unregelmässigem Fibrillenverlauf, oft 
nicht gleichmässig quergestreift. Bei Anwendung der gewöhn- 
lichen pathologisch-anatomischen Färbemethoden, die Keith und 
Maekenzie bei ihren Untersuchungen anscheinend allein ange- 
wendet haben, wird schlechte Querstreifung auch oft vorgetäuscht, 
wenn die Fibrillen sehr spärlich sind oder im Kontraktionszustande 
sich befinden. Tatsächlich sind die Fibrillen bei Heidenhain- 
färbung genau so zusammengesetzt aus isotroper und anisotroper 
Substanz, wie die Fibrillen der gewöhnlichen Herz- und Skelett- 
muskulatur. Das Sarkoplasma gibt bei zweckmässiger Fixation 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages 2 


und bei Anwendung dünner Schnitte ausgesprochene Myosin- 
reaktion, bei dieken Schnitten kommt sie infolge der starken 
Rotfärbung des die Fasern so reichlich umgebenden Binde- 
gewebes nicht zur Geltung. Wie Arnold gezeigt hat, erstreckt 
sich die Übereinstimmung in der Struktur von gewöhnlichen 
Herzmuskelfasern auch im einzelnen auf die Anordnung der ver- 
schiedenen Plasmosomen und der Glykogengranula. Ich selbst 
babe auch alle Veränderungen, die als Kontraktionserscheinungen 
an den gewöhnlichen Fibrillen auftreten, in den Fibrillen der 
Reizleitungsfasern nachweisen können. 

Was Mackenzie unter den aus angeblicher glatter Musku- 
latur bestehenden Knoten der Fische meint, ist mir nicht klar 
geworden. Einen Knoten, d. h. eine besondere Ansammlung von 
spezifischer Muskulatur als Ausgangsort für eine Muskelverbindung, 
gibt es bei den Fischen nicht, genau so wie es bei ihnen kein 
strangförmiges Hissches Bündel gibt. Eine muskulöse Verbindung 
zwischen Venensinus und Vorhof, Vorhof und Kammer besteht 
aber sicher. Die Ilemente dieser Verbindungen sind deutlich 
quergestreift. 

Die Knoten sind wahrscheinlich Stellen mit besonders grosser 
Reizbildungsfähigkeit. Sie stellen Zentren mit erhöhter Automatie 
dar. Erst bei den Säugern weist die Physiologie solche ganz 
umschriebene Zentren nach. Erst bei den Säugern finden wir 
dementsprechend grössere Anhäufungen von spezifischer Musku- 
latur in Gestalt der Knoten. Bei den Vögeln fehlt ein Sinus- 
und ein Atrioventrikularknoten, dementsprechend lässt sich auch 
keine Stelle besonderer Reizbildungsfähigkeit physiologisch nach- 
weisen. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei Kaltblütern, bei denen 
z. B. nicht eine Stelle des Sinus, sondern der ganze Sinus, nicht 
eine Stelle an der Vorhof-Kammergrenze, sondern der ganze Atrio- 
ventrikularring, besonders leicht automatisch tätig sein kann. 
Die genauere Untersuchung der Knoten gäbe vielleicht die 
Möglichkeit, das anatomische Substrat für die Reizbildungsfähig- 
keit zu finden. Sucht man im Sinne der myogenen Theorie diese 
Fähigkeit in der Muskulatur, so muss einem der Unterschied in 
der Anordnung und in der Struktur der muskulösen Elemente 
der Knoten auffallen, im Gegensatz zum Bau der der eigentlichen 
Reizleitung dienenden Teile der spezifischen Muskelverbindungen. 
Schon Tawara hatte solche Unterschiede gefunden. Nach ihm 


258 W. Lange: 


sollen die Fasern der Knoten relativ viel schmäler sen. Nagayo 
hatte ferner auf den Unterschied im Glykogengehalt des Vorhofs- 
und Kammerteils des Reizleitungssystems aufmerksam gemacht. 

Dass nicht den innerhalb der Knoten auch reichlich gelegenen 
(ranglienzellen die hohe Automatie zugesprochen werden muss, 
macht die vergleichende Anatomie wahrscheinlich. Dort, wo die 
Knoten fehlen (Kaltblüter, Vögel), sind trotzdem an den ent- 
sprechenden Stellen die grossen Ganglienhaufen zu finden, ohne 
dass diesen Stellen erhöhte Automatie zukäme. Hier wäre der 
Ort, wo experimentelle Arbeit, gestützt auf genaue Kenntnis 
einerseits der muskulösen, andererseits der nervösen Verhältnisse 
entscheidende Ergebnisse im Sinne der myogenen oder neurogenen 
Theorie erzielen könnte. 

Gerade die Untersuchung des Venensinus bei Kaltblütern 
verspricht wichtige Ergebnisse für die Entscheidung, ob myogen 
oder neurogen. Die Angaben über den Ausgangspunkt der Er- 
regung beim Kaltblüter (Frosch, Schildkröte) sind noch sehr 
widersprechend. Eine genaue Lokalisation des Ausgangspunktes 
nach denselben Prinzipien, wie sie in jüngster Zeit für das 
Säugetierherz möglich war, ist in den Herzen der Kaltblüter zu 
bestimmen nicht versucht worden. Die letzten Versuche stellen 
die von Garry bei der Schildkröte dar. Er fand, dass der 
Herzschlag für gewöhnlich in einem diffusen Bezirk an der Ver- 
einigung der rechten vorderen und hinteren Hohivene seinen 
Ausgang nimmt und sich einerseits gegen den Sinus, ar.derer- 
seits gegen die Mündung der Lebervenen richtet. Der Ausgangs- 
punkt der Erregung wechselte bei verschiedenen Versuchen, es 
schien oft, dass er in den Venen selbst entstand, dass die Venen 
unabhängig und vor dem Sinus schlugen, so dass Garry sie als 
ebenso selbständige Abschnitte des Herzens auffasst, wie Sinus, 
Vorhof, Kammer und Bulbus es sind. Genauere, insbesondere 
auch elektrographische Untersuchungen über den Ausgangspunkt 
und die Richtung der Erregung in solchen Herzen im Vergleich 
mit anatomischen Untersuchungen, die namentlich auch die Ver- 
teilung der Ganglienzellen und Nervenfasern zu berücksichtigen 
hätten, sollen hier endgültig Aufschluss geben. 

/unächst würden Untersuchungen über das Verhalten des 
Nervensystems in den verschiedenen Wirbeltierabteilungen voraus- 
sichtlich wichtige Aufklärung bringen. Es wäre interessant, fest- 


Grundlagen für eine myogene Theorie des Herzschlages. 259 
zustellen, ob in den verschieden ausgebildeten spezifischen Muskel- 
systemen auch verschiedene Zusammensetzung des Nervensystems 
entsprechend der verschiedenen Funktion gefunden wird. Ins- 
besondere erwarte ich von embryologischen Untersuchungen über 
die Entwicklung des Nervensystems wichtige Aufschlüsse. Pflüger 
und neuerdings Müller haben die Vermutung ausgesprochen. 
dass es mit genaueren histologischen Methoden gelingen müsste. 
auch im embryonalen Herzen Nervenfasern nachzuweisen und 
so einen wichtigen Einwand gegen die neurogene Theorie zu 
beseitigen. Ein negatives Ergebnis an embryonalen Herzen könnte 
bei unseren noch immer unvollkommenen Methoden zur Darstellung 
des Nervensystems lediglich auf die mangelhafte Technik zurück- 
geführt werden. Eine Entscheidung würde dann die Untersuchung 
der Entwicklung der Nervenfasern bringen. Denn wenn wir sehe: . 
wie zu einer bestimmten Embryonalzeit, etwa dann, wenn das 
Herz schon lange schlägt, erst Nervenfasern von aussen in das 
Herz hinein sich entwickeln, wird der Einwand, es könnten doch 
vorher schon Fasern vorhanden sein, erleaigt werden. 


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Erklärung der Abbildungen auf Tafel IX und X. 


Tafel IX. 


Fig. 1. Schnitt durch Sinusiinoten des Pferdeherzens Heidenhains 
Eisenhämatoxylin, van Gieson. Leitz, Obj. 6, Okul. 2. 

Fig. 2. Flachschnitt Endocard des Elefantenherzens. Leitz, Obj. 6, Okul. 3. 
Eisenhämatoxylin. 

Fig. 3. Flachschnitt Papillarmuskel des Elefantenherzens. Leitz, Obj. 3, 
Okul.2. e = Endocard; Pf = Purkinjefasern; m — gewöhn- 
liche Herzmuskulatur. 

Fig. 4. Herz Schaf Eisenhämatoxylin. Obj. 6, Okul.3. Pf= Purkinje- 
fasern: m = gewöhnliche Herzmuskulatur, dazwischen Übergänge: 
K = Kern einer Purkinjefaser. 

Fis. 5. Flachschnitt durch Endocard des Bärenherzens. Eisenhämatoxylin, 
Obj. 6, Okul.2. Purkinjefaser. 


Tafel X. 
Fig. 6. Bärenherz 
. Kalbsherz. 
Fig. 8. Herz eines weiblichen erwachsenen Zebras. 
Fig. 8a. Herz eines 8monatlichen Zebrafötus; rot gezeichnet der makro- 
skopisch sichtbare Verlauf des linken Schenkels der Atrioventrikular- 
verbindung. 


Er 
gs 
-1 


263 


Über die Histogenese 
und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 


Von 


K. von Korff. 


Hierzu Tafel XI und 7 Textfiguren. 


I. Einleitung, 


Die erste erkennbar zwischen den heranwachsenden Knorpel- 
zellen liegende Substanz, aus der später die Knorpelgrundsubstanz 
hervorgeht, wird als prochondrale Substanz (Hasse, 1879) oder 
auch als Vorknorpel (Studnicka, 1903) bezeichnet; ihrer Struktur 
und Herkunft nach wird sie sehr verschieden beurteilt. Die 
meisten Autoren sehen die prochondrale Substanz als struktur- 
lose Masse an, die durch Umwandlung oder Sekretion des 
Protoplasmas der sich bildenden Knorpelzellen, welche ich als 
Vorknorpelzellen bezeichne, entsteht und eine mit den Zellen zu- 
sammenhängende (syneytiale) Masse bildet. 

Die Frage nach der Bildung der Grundsubstanzfibrillen, ob 
primär (intracellulär) von den Bindegewebszellen oder sekundär 
(extracellulär) aus einer homogenen Intercellularsubstanz wird 
meist von den Autoren nicht erörtert oder nur vermutungsweise 
gestreift. Über das Verhalten der definitiven Knorpelzellen zur 
Intercellular- oder Knorpelgrundsubstanz, über das Wesen der 
sogenannten Knorpelkapseln, über ihre Zugehörigkeit zur Zelle 
oder Intercellularsubstanz sind die Angaben der Autoren ver- 
schieden. 

Nach Ü. Hasse (1579) stellt die zwischen den Zellen des 
Blastems gelegene erste Anlage, die „prochondrale Grundsubstanz“, 
ein Maschen- oder Alveolenwerk dar und geht aus einer „Um- 
wandlung von Zellprotoplasma“ hervor. Die wirkliche Knorpel- 
grundsubstanz tritt aber erst später „in Form von Höfen (oder 
Kapseln) um die Knorpelzellen herum auf“. 

Strasser (1879) bearbeitete die (Genese des hyalinen 
Knorpels der Salamanderlarven, er fasst die erste Intercellular- 


substanz als eine einheitliche, durch Umwandlung von Protoplasma 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.S4. Abt.IL. 18 


264 K. von Korff: 


entstandene Substanz auf: „Zwischen den Kernen kommt nur 
eine verhältnismässig geringe Menge hellen Protoplasmas“, das 
„wenig optisch differenziert erscheint,“ vor. „Erst später treten 
in diesem nicht weiter differenzierten Protoplasma zwischen den 
einzelnen Kernen die Zellgrenzen auf, indem hier die ersten 
Grundsubstanzen auftreten.“ 

Josef Schaffer (1901) untersuchte genauer den „Zellen- 
knorpel“ in den Flossenstrahlen von Petromyzon. Seine ge- 
wonnenen Anschauungen fasst Josef Schaffer im wesentlichen 
dahin zusammen: 

1. „Die erste Anlage der morphologisch als Knorpel sich 

aberenzenden Zellmassen ist eine syneytiale.“ 

2. „Die in diesem Syneytium deutlich werdenden Zellgrenzen 
stellen ein Fach- oder Wabenwerk dar, dessen Lücken 
von den kernhaltigen Zellkörpern ausgefüllt werden. 
Dasselbe geht teilweise aus einer unmittelbaren Um- 
wandlung (Verdichtung) des Protoplasmas hervor. verhält 
sich färberisch zunächst wie dieses und nimmt auch 
ferner an den Wachstumserscheinungen und Stoffwechsel- 
vorgängen desselben teil. Dieses Fachwerk, welches bereits 
eine dem Wachstumsdrucke entsprechende funktionelle 
Anordnung zeigt. bildet die prochondrale Grund- oder 
Kittsubstanz.“ 

Studni@ka (1903) untersuchte Teleostier (Lophius) und 
Selachier (Torpedo, Pristiurus, Spinax). Es entsteht nach 
Studnid@ka (Lophius) durch Zusammenwachsen der Zellen mit 
ihren Ausläufern, die kürzer und dicker werden. und schliesslich 
auch mit ihrem Zelleib ineinander übergehen, ein Syneytium. 
Sobald dies geschieht, treten Scheidewände auf. „In diesem 
Moment erscheinen Scheidewände und die Individualität der Zellen 
ist gerettet.“ Wenn ich Studnitka recht verstehe, so wird 
auch die sich zu Scheidewänden verdichtende Masse der ersten 
Intercellularsubstanz als Exoplasma aufgefasst. 

Verschieden von den histogenetischen Differenzierungen 
müssen die Vorgänge im Innern des schon entwickelten Knorpels 
aufgefasst werden, die zu einem inneren oder interstitiellen 
Wachstum führen. Ich meine die Vermehrung der eben differen- 
zierten Knorpelzellen, die von den fertigen Knorpelzellen bewirkte 
Sekretion, die Bildung der sogenannten Knorpelkapseln, die Ver- 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 265 


mehrung der einmal angelegten Grundsubstanzfibrillen durch sich 
selbst (Teilung). Diese für die inneren Wachstumsvorgänge wichtigen 
Fragen kommen naturgemäss für uns weniger in Betracht. Wir 
suchen hier das Entstehen der ersten Anlage, den morphologischen 
und histologischen Charakter derselben, die Differenzierung der 
Grundsubstanzfibrillen, der Knorpelzellen aus dem Bindegewebe 
zu erkennen. 

Vielfach wurde den inneren Wachstumserscheinungen histo- 
genetische Bedeutung beigelegt, was zu einer grossen Verwirrung 
und zu falschen Auffassungen führen musste. 

Ähnliche Unklarheiten existieren über das Verhalten der 
(rundsubstanzzellen. die vielfach noch heute als Grundsubstanz- 
bildner, „Chondroblasten“, angesehen werden, zur Grundsubstanz. 

Die alte Schwannsche Ansicht ist noch heute für viele 
Autoren massgebend.- Nach Schwann (1839) wird die Zwischen- 
substanz dadurch hervorgebracht, dass die Wände der Zellen sich 
verdicken und verschmelzen oder, was viel häufiger ist, dadurch, 
dass sich die Intercellularsubstanz in grosser (Qualität entwickelt 
und eine Verschmelzung der unverdickten oder wenig verdiekten 
Zellenwände mit der Intercellularsubstanz eintritt.“ 

Histogenetische Bedeutung haben nur die im lockeren Binde- 
gewebe vor sich gehenden Differenzierungsprozesse des Binde- 
gewebes, welches noch nach vielen Richtungen hin differenzierungs- 
fähig ist. Hier finden wir die ersten Anfänge der Histogenese. 
Hier können wir von Stufe zu Stufe die dicht nebeneinander 
liegenden Entwicklungsstadien der Grundsubstanz verfolgen. Nicht 
aber können wir, wie es vielfach geschehen ist, in einem mehr 
oder weniger fertigen Knorpelgewebe mit Betrachtungen der 
Knorpelzellen, die Chondrogenese verfolgen. 

Die Knorpelbildung im Perichondrium, die ich hauptsächlich 
untersuchte, können wir mit Koelliker als indirekte Chondro- 
genese bezeichnen gegenüber einer direkten oder primären Ent- 
wicklungsart. Koelliker fasst seine Ansicht über die beiden 
Entwicklungsarten folgendermassen: „Bei der direkten Entstehung 
wandeln sich embryonale Zellenmassen dadurch in Knorpelgewebe 
um, dass die Zellen sich vergrössern und deutliche Membranen 
erhalten. Entwickeln sich die Zellen in dieser Art weiter, so 
entsteht der Zellenknorpel; in den meisten Fällen jedoch tritt 
zwischen denselben eine Zwischensubstanz auf, die in entfernter 

18* 


266 K. von Korff: 


Linie von der alle Gewebe durchtränkenden Ernährungsflüssigkeit 
herzuleiten ist, aber unzweifelhaft auch unter einer gewissen 
Mitwirkung der Knorpelzellen sich bildet...“ „Bei der indirekten 
Bildung des Knorpelgewebes ist der Ausgangspunkt ein bereits 
fertiges (Gewebe und zwar entweder eine Art Bindegewebe mit 
kleinen Zellen oder ein Faserknorpel. Beide dieser Gewebsformen 
können, wie ich zuerst bei Fischwirbeln nachwies, in echten 
hyalinen Knorpel sich umwandeln, was später auch Hasse be- 
stätigte. Ganz Ähnliches findet sich an den Stellen, an denen 
Perichondrium in Knorpelgewebe sich umbildet.“ 


II. Hyalinknorpel. 
1. Bildung der prochondralen fibrillären Grund- 
substanz im lockeren Bindegewebe. 

Sehr geeignet für histogenetische Untersuchungen des Hyalin- 
knorpels ist der Salamanderknorpel seiner Grosszelligkeit wegen. 
Ich habe in erster Linie sich flach ausbreitende Knorpel von 
Salamanderlarven (Sternum, scapula und den Kiemenknorpel) 
untersucht. Die instruktivsten Bilder geben flach oder schräg zur 
Oberfläche geführte Schnitte der in Zenkerscher Flüssigkeit, 
Sublimat, Sublimat - Alkohol-Eisessig (v. Lenhossek) fixierten 
Knorpelstücke. Gefärbt habe ich vor allem mit der M. Heiden- 
hainschen Eisenalaunhämatoxylinmethode allein oder mit nach- 
folgender Färbung mit Azokarmin, den Chromotropen, und der 
von Mallory angegebenen Bindegewebsfärbung. 

Die oberflächlichen Schichten des Perichondriums der ge- 
nannten hyalinen Knorpel vom Salamander bestehen aus lockerem 
Bindegewebe, sie enthalten zahlreiche junge gut färbbare, meist 
langgestreckte Bindegewebszellen und zwischen denselben sehr 
viele Bindegewebsfibrillen. 

Die Zellen vermehren sich durch mitotische Teilung. Zell- 
leib wie Kern imponieren durch ihre Grösse: die Kerne haben 
in der Aufsicht platte, der Knorpeloberfläche parallel gestreckte 
Flächen, in der Kantenansicht sind sie länglich oval (Fig. 1, 2 der 
Taf. XI). Nach der Knorpeloberfläche zu liegen die Zellen dicht 
gedrängt übereinander. Der Zelleib ist später wenig färbbar, mit 
der M. Heidenhainschen Eisenalaunhämatoxylinmethode dar- 
gestellt erscheint er blassgrau, seine Konturen treten wenig deut- 
lich hervor. Im Protoplasma entwickeln sich jetzt sehr zahlreiche 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 267 


Körner, die mit der genannten Methode deutlich hervortreten, 
auch mit der C. Bendaschen Kristallviolettmethode dunkelviolett 
in dem sonst rötlichbraun gefärbten Plasma erscheinen. An vielen 
Stellen legen sich die Körner zu kettenförmigen Längsreihen dicht 
aneinander und durchsetzen in verschiedenen Richtungen, meist 
in der Längenausdehnung, den Zelleib. Wie es scheint. wachsen 
sie zu Plasmafibrillen zusammen. Denn in vielen Zellen sieht 
man nur wenig Plasmakörner, desto mehr Plasmafibrillen, die 
man vielfach durch mehrere mit ihren Fortsätzen anastomosierende 
Bindegewebszellen verfolgen kann. Das deutliche Hervortreten 
dieser Gebilde, ihre spezifische Färbung spricht dafür, dass hier 
spezifische Bestandteile des Zelleibes, die Bendaschen Mito- 
chondrien, zur Bildung von Plasmafibrillen verwandt werden. 

Die intracellulär gelegenen Fibrillen verhalten sich färberisch 
basophil, später, wenn sie ausserhalb des Zelleibes liegen und 
selbständige Elemente geworden sind, werden sie acidophil. Sie 
liegen jetzt als ein für die Entwicklung der Knorpelgrundsubstanz 
wesentlicher Bestandteil des Perichondriums in den Lücken zwischen 
ihren Mutterzellen (Fig. 2 der Taf. XI) oder auch ihren Mutter- 
zellen an. 

Ihrem chemischen Verhalten nach fasse ich sie als präcollagene 
Bindegewebsfibrillen auf, die mit dem Stoffwechsel ihren chemischen 
Charakter ändern und sich durch Teilung vermehren. 

Auf Fig. 2 der Taf. XI (Querschnitt durch die knorpelige 
Schädelkapsel der Salamanderlarve) sind sie fachwerkartig in den 
Lücken zwischen den Bindegewebszellen angeordnet als besondere 
tibrilläre Intercellularsubstanz. Sie bilden hier die erste und zwar 
tibrilläre Anlage der Knorpelgrundsubstanz. Dieselbe besteht aus 
sich durchflechtenden Fibrillenzügen, die in den tieferen Schichten 
des Perichondriums sich bedeutend vermehren. 

In den Lücken des prochondralen fibrillären Fachwerkes 
liegen die Bindegewebszellen, die, wie wir gleich sehen werden, 
sich zu Knorpelzellen allmählich differenzieren. 

Unter dem Einfluss der sich vergrössernden Vorknorpel und 
Knorpelzellen erweitern sich die Maschenräume, in denen sie 
liegen. An der Peripherie sind sie länglich und schmal, im Vor- 
knorpel schon breiter und geräumiger, im Knorpel noch breiter 
mehr abgerundet. Bei dieser allmählich sich machenden Aus- 
dehnung und Abrundung der Knorpelzellen und Maschenräume 


265 Kıyvonskoor tif: 


tinden deutlich in Erscheinung tretende Verschiebungen der acido- 
philen Bindegewebsfibrillen statt, aus der ursprünglich lang- 
gestreckten Lage werden sie in bogenförmig oder auch ringförmig 
die Knorpelzellen umkreisende Züge verlagert. Die den Knorpel- 
höhlen näher gelegenen zeigen jetzt häufig das Bild einer nest- 
artigen Durchflechtung. Die in der Mitte zwischen den Knorpel- 
zellen liegenden belialten mehr die Längsstreckung. 

Sehr interessant ist die Anordnung der jungen Binde- 
zewebstfibrillen der pronchondralen Substanz in den oberflächlichen 
Schichten des Perichondriums platter Knorpel (Fig. 3, 4 der 
Taf. XI). Die acidophilen Bindegewebstibrillen legen sich zu 
platten, der Oberfläche zunächst mehr oder weniger parallel ver- 
laufenden Lamellen zusammen. Die Lamellen liegen in der Peri- 
pherie dichter übereinander, als in der Tiefe, sind verschieden 
dick, und scheinbar leicht wellig gebogen. Höchstwahrscheinlich 
werden die Fibrillen in den Lamellen durch eine zunächst noch 
wenig dichte homogene Masse, in der sie eingebettet sind, wenn 
auch nur locker, zusammengehalten. 

Innerhalb der fibrillären Lamellen findet eine Überkreuzung 
der Fibrillen und Fibrillenbündel, die wahrscheinlich sich hier noch 
bedeutend vermehren, in verschiedenen Richtungen statt. Von den 
sröberen Lamellen zweigen sich feinere Seitenlamellen ab, die die 
Hauptlamellen verbinden oder auch geflechtartig durchsetzen. So 
entsteht ein Fachwerk sich durchflechtender Bindegewebslamellen. 
In dem Fachwerk liegen die Bindegewebszellen. Je mehr die 
Zellen sich zu Knorpelzellen vergrössern, findet eine Erweiterung 
der Fächer durch eine Dehnung oder ein Auseinanderweichen 
der Lamellen an den betreffenden Stellen statt. 

Bei Haifischen zeigen die platten Knorpel ähnliche An- 
ordnungen der Bindegewebsfibrillen im Perichondrium. Fig. 5 der 
Taf. XI bezieht sich auf den Flachschnitt des knorpligen Schädel- 
daches eines ca. 15 cm langen Acanthias vulgaris. Man sieht 
die zahlreichen übereinander liegenden, mit der Mallory-Methode 
blau gefärbten Lamellen, die obersten Schichten zeigen eine 
deutlichere Blaufärbung der sie zusammensetzenden Bindegewebs- 
fibrillen, als die tiefer liegenden, welche kontinuierlich in die Grund- 
substanz des Knorpels übergehen. An den schräg zur Oberfläche 
getroffenen Stellen zeigen die Lamellen wellenartige Erhebungen 
und Tiefen. Sich abzweigende Seitenlamellen und die Haupt- 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 269 


lamellen durchsetzende Nebenlamellen kommen auch hier wie 
beim Salamander vor. Die in den Lücken zwischen den Lamellen 
liegenden Bindegewebszellen verhalten sich ebenso wie beim 
Salamander. Es sind plasmaarme Zellen, die sich ganz allmählich 
zu Knorpelzellen entwickeln. 

Die Lamellenbildung ist, glaube ich, eine vorübergehende 
Erscheinung, van der Stricht (1887) beschreibt sie auch im 
fertigen Knorpel. Die lamellenartige Anordnung verschwindet 
scheints beim Übergang der Lamellen in die Knorpelgrund- 
substanz, wo die Zellen zwischen denselben grösser werden. 

Studnicka (1905) teilt über die Entstehung der Grund- 
substanzfibrillen des Selachierknorpels. über die ich an meinen 
Präparaten nichts Bestimmtes aussagen kann, Näheres mit. Die 
Mesenchymzellen von Torpedo ocellata (12 mm lang) und Spinax 
niger (ca. 4 em lang) differenzieren in ihrem Zelleib und Protoplasma- 
fortsätzen Fasern, die sich mit Säurefuchsin und anderen sauren 
Farbstoffen intensiv färben, sie gehen von einer Zelle in die andere 
über und lassen sich auf diese Weise (nicht so die einzelnen Fibrillen 
wie eher die ganzen Bündel derselben) im Gewebe auf weite Strecken 
verfolgen, sie sind die ersten Andeutungen der collagenen Binde- 
gewebsfasern. „Die jungen Bindegewebsfasern verlieren sich auf 
der Oberfläche des Knorpels in der Grundsubstanz, die ebenfalls 
eine doch etwas feinere Faserung aufweist.“ Die Zelleiber der 
Mesenchymzellen und deren anastomosierende Fortsätze fliessen 
dann nach Studnickas Vorstellung zu einer Art von Syneytium 
zusammen, das die erste Anlage vorstellt. Die im jungen Binde- 
gewebe befindlichen feinen Faserungen werden in dem erwähnten 
Syneytium eingeschlossen und liegen, da sie sich unterdessen 
noch vermehrt haben, sehr dicht aneinander und bedingen die 
eigentliche Struktur der Grundsubstanz des jungen Knorpels 
(Fig. 5 und 6, Studnicka, 1905). In die Grundsubstanz des 
Knorpels übergehende Bindegewebsfibrillen hat auch Josef 
Schaffer an vielen Stellen beobachtet. An den Knorpelflossen- 
strahlen von Petromyzon fluviatilis beschreibt Schaffer (1901) 
dies Verhalten: „Hier kann man den Schnittrand der Knorpel- 
substanz sich fortsetzen sehen in blasse Bündelchen, welche 
hier leicht als leimgebende Fasern des Perichondriums erkannt 
werden. Zwischen ihnen, sie verbindend, sieht man mit Orcein 
dunkel gefärbte Streifen, welche manchmal leicht körnig erscheinen- 


270 K. von Korff: 


Weiter in den Knorpel hinein verliert sich diese Unterscheidbarkeit 
der zwei Längsstreifen, die Grundsubstanz nimmt das bekannte 
homogene Aussehen an.“ Josef Schaffer gibt über dies 
Verhalten die Deutung, „dass von Zellen des Perichondriums 
zwischen die umgebenden Fibrillenzüge hinein eine mit Orcein, 
Hämalaun etc. färbbare Kittsubstanz abgeschieden wird, welche 
schliesslich die collagenen Bündel so durchtränkt, dass sie 
unsichtbar werden und mit der Kittsubstanz eine homogene 
Masse bilden; es ist dies ein Assimilationsvorgang ... .*“ An 
anderer Stelle spricht Schaffer von einer chondrogenen 
Metamorphose der Bindegewebsfibrillen. Auf Seite 136 (l. e.) 
werden die zwischen den Vorknorpelzellen liegenden Fibrillenzüge 
als „fremdartige Scheidewände“ aufgefasst, die nach Schaffers 
Auffassung durch die assimilatorische Fähigkeit der jungen 
Knorpelzelle der „chondrogenen Metamorphose“ zugeführt werden. 

Wir müssen vermuten, dass mit den Assimilationsprozessen 
Schaffers Auflösungsprozesse gemeint sind, wodurch die Fibrillen 
zu einer einheitlichen homogenen Masse zusammenfliessen, um zur 
(‚rundsubstanz zu werden. 

Wir wissen aber, dass die Knorpelgrundsubstanz fibrillär 
ist. Um das fibrilläre Stadium zu erlangen, würde sich also nach 
der Schafferschen Ansicht eine fibrilläre Masse in eine homo- 
gene und dann wieder in eine fibrilläre umwandeln müssen. Zu 
dieser sonderbaren Annahme liegt jedoch kein Grund vor. 

Bei Besprechung des aus verschiedenen Bindegewebsarten 
hervorgehenden postembryonalen Knorpels von Uyclostomen ist 
Studnidka (1897) bezüglich der Bedeutung der zwischen den 
Vorknorpel- bezw. Knorpelzellen beobachteten fibrillären Inter- 
cellularsubstanz in den einzelnen Fällen verschiedener Ansicht. 

Im „festen fibrösen Bindegewebe“ (den Fascien, Studnicka 
l. c.) geraten die Bindegewebsfasern am Anfang der Knorpelbildung 
weiter voneinander „und werden endlich zwischen den dicht 
aneinander anliegenden Knorpelzellen ganz aufgelöst, an ihrer 
Stelle entwickelt sich zwischen den Zellen, aber erst später, die 
Grundsubstanz des Knorpels“. 

Auf Seite 627 ff. wird dagegen von Studnitka der direkte 
Zusammenhang von Bindegewebsfasersträngen des lockeren Binde 
gewebe mit den Fasern der Knorpelgrundsubstanz konstatiert und 
als histogenetisch aufgefasst. „Es ist vielleicht nicht nötig, hier 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 271 


besonders zu bemerken, dass es sich da um eine Bildung des 
Knorpels aus dem Bindegewebe und nicht um einen umgekehrten 
Prozess handelt.“ 

Sehr bald geht das von mir beschriebene erste fibrilläre 
Stadium der prochondralen Substanz in ein zweites, homogen 
aussehendes über. Diese Veränderung geht mit einem Wechsel 
der mikrochemischen Reaktion vor sich, d. h. die Acidophilie 
verschwindet, es tritt eine Basophilie auf. Bevor ich auf diese 
mit der Bildung der Kittsubstanz und der Chondroitinschwefelsäure 
(©. Hansen, 1905) zusammenhängende chemische Veränderung 
der Grundsubstanz eingehe, wollen wir das Schicksal der Binde- 
gewebszellen, die sich zu Knorpelzellen differenzieren, ins Auge 
fassen. 


3. Die Differenzierung der Bindegewebszellen zu 
Knorpelzellen, Wachstum des Knorpels. 

Wie wir erwähnten, verlieren die Bindegewebszellen während 
der Bildung der Bindegewebsfibrillen ihren Zelleib ganz oder bis 
auf einen kleinen Rest. So liegen sie als „nackte Kerne“ (Stud- 
nicka, 1903) oder plasmaarme Zellen zwischen ihrem Produkt, 
den Bindegewebsfibrillen des Perichondriums (Fig. 2,3 der Taf. XI). 
Sehr bald findet jedoch eine Regeneration ihres Zelleibes statt, 
wobei wohl nur die plasmaarmen Zellen in Betracht kommen. 
Dieser Vorgang, der zur Bildung von Knorpelzellen in den Lücken 
der sich durchflechtenden Fibrillenzüge führt, lässt sich in den 
Einzelheiten schwer verfolgen. Bei Salamanderlarven geht die 
Differenzierung in den Hauptzügen folgendermassen vor sich. Der 
länglich ovale grosse Kern verkleinert sich bedeutend; früher 
sehr dünn, mit platten breiten Flächen, wird er jetzt mehr und 
mehr abgerundet. Ob hierbei ein Teil durch Abschnürung 
verloren geht, oder nur eine Verdichtung des CUhromatin- und 
Liningerüstes unter gleichzeitiger Umlagerung und Verschiebung 
der Kernsubstanzen vor sich geht, lässt sich nicht mit Bestimmt- 
heit sagen. Viele Kerne zeigen Einbuchtungen. Nach erfolgter 
Abrundung und Verkleinerung des Kernes wird ein heller, schmaler, 
wenig färbbarer Hof als primäre Masse des Zelleibes der zukünftigen 
Knorpelzelle sichtbar. In dieser Plasmasubstanz, die wahrscheinlich 
aus dem Plasmarest der Fibroblasten hervorgegangen ist, ent- 
wickeln sich mehr und mehr sehr feine Körner, die sich mit der 


272 K.von Korff: 


Mallory-Methode rot, mit Eisenalaunhämatoxylin schwärzlich 
färben. Bei weiterer Differenzierung erfolgt eine Vergrösserung 
des Zelleibes, eine Vermehrung der Plasmakörner und schliesslich 
erscheinen Plasmafasern {Filarsubstanz), welche meist radiär an- 
geordnet sind (Textfig. 1). 

Bigetow (1879) beschreibt die Veränderungen der Knorpel- 
zellen in der Knorpelanlage der Scapula von Triton folgendermassen: 
„In den mittleren Schichten haben die Zellen wie die Kerne im 

b allgemeinen eine rundliche 

Form und sind reich an Proto- 
plasma, weiter gegen die 
Oberfläche hin erscheinen sie 
mehr und mehr abgeplattet 
ce mit ihren breiten Flächen 
der Oberfläche parallel ge- 
lagert; die Kerne werden 
im Verhältnis zum  Zell- 
protoplasma immer grösser, 
so dass hier zahlreiche Zellen 
vorhanden sind. bei denen 
das Protoplasma kaum zu er- 


Fig. 1. 

y R { kennen ist und die Kerne fast 
Bildung der Knorpelzellen aus Binde- £ Sale 
gewebszellen. a — plasmaarme Binde- denganzen Zelleib einnehmen. 
gewebszellen; b — Vorknorpelzelle ; Dieht unter dem Perichon- 
e — Knorpelzelle der Salam: »rlarve . Sl ale 7 

m Da e alamanderlarve — drjum wird die Form der Zellen 

(Kiemenknorpel). 


eine ganz unregelmässige.“ 

Die Regeneration des Zelleibes tritt jedoch nur bei wenigen 
Zellen ein; die meisten Bindegewebszellen und die Kerne der- 
selben zerfallen nach der Fibrillenbildung und werden, wie es 
scheint, resorbiert. Man findet verschiedene Anzeichen des Ver- 
falles, besonders an den Kernen, die „nackt“ erscheinen, Verlust 
der Färbbarkeit des Chromatins, Auflösung des Chromatinnetz- 
werkes, tiefe Einschnürungen, die zu Abtrennungen von Kern- 
substanz führen. Die Regelmässigkeit der Form, das längliche 
Oval des Kernes verliert sich vor dem Zerfall. neben stark ein 
geschnürten Kernen finden sich solche mit langen dünnen lappigen 
Fortsätzen. 

Der Auffassung Studni@kas (1911), dass „nackte Kerne“ 
(Kerne ohne Plasma) des Bindegewebes unter direkter Neubildung 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 2 
des Zelleibes zu Knorpelzellen heranwachsen, kann ich nicht 
ohne weiteres beistimmen. Den Prozess beschreibt der Autor 
im einzelnen: „An der Oberfläche des Zellkernes erschemt auf 
einmal eine feine äussere Membran, welche sich von ihm immer 
mehr abhebt, so dass zwischen beiden ein im Leben wohl mit 
einer Flüssigkeit ausgefüllter Raum zustande kommt. In diesem 
sieht man, nachdem der Zellbildungsprozess etwas weiter fort- 
geschritten ist, spärliches Protoplasma. Es ist an der Kernober- 
fläche angehäuft und verbindet in der Gestalt von feinen, kaum 
sichtbaren Strängen den Kern mit der früher erwähnten Membran, 
welche nichts anderes ist, als die primäre Kapsel der neuen 
Knorpelzelle ...“ „Dass die auf einmal massenhaft erscheinende 
und jene Kapsel spannende Zellflüssigkeit vom Kern produziert 
wird, ist so wie so sicher, und von dem Zellplasma der Knorpelzelle 
muss man schliesslich dasselbe annehmen.“ Ich habe unlängst 
für diese Tätigkeit des Zellkernes den Namen „eytoblastische 
Funktion“ angewendet und ich bleibe dabei. 

Studnidka zitiert die Beobachtungen Goettes über 
diese Art von Zellregeneration, aus denen hervorgeht, „dass die 
Embryonalzellen dem späteren Knorpelgewebe nur die Zellkerne 
unmittelbar überliefern, nicht aber zugleich die zugehörigen 
Zellenleiber*. 

Zellteilungen finden in dem fertigen Knorpel nicht mehr 
statt, dagegen trifft man die Vorknorpelzellen oder die eben 
differenzierten Knorpelzellen nicht selten in mitotischer Teilung. 
Nach der Teilung liegen die Tochterzellen in einer gemeinsamen 
Höhle meist zu zweien, bei weiterer Teilung der Tochterzellen 
zu Vierer- oder Achtergruppen sich gegenüber. Das von diesen 
Zellgruppen besetzte Gebiet ist das Zellterritorium der Autoren. 

Nach den Untersuchungen von Clapariede (1557), 
R. Heidenhain (1861, 1863) und Schleicher (1879) werden 
die Knorpelhöhlen durch eigenartige Zelldifferenzierung der sich 
teilenden Knorpelzellen, aus welcher Scheidewandbildungen hervor- 
gehen, in zwei, vier, acht usw. Fächer geteilt. Es ist nämlich 
eine Eigentümlichkeit des Knorpels, dass die Teilung des Zelleibes 
seiner Zellen „nicht durch Einschnürung geschieht, sondern dass 
zuvor eine Scheidewand sich bildet, die sich später in zwei Blätter 
spaltet“ (Schleicher 1. e.). Bei dem von mir untersuchten 
Salamander- wie Selachier - Hyalinknorpel, dem elastischen Netz- 


274 Ksvzon RSomBr: 


knorpel des Ohres von jungen Kaninchen, kommen fast regelmässig 
nur einmalige Teilungen der jungen Knorpelzelle in einer gemein- 
samen Knorpelhöhle (Grundsubstanzlücke) vor. Die Knorpelhöhle 
ist meist länglich oval, die sich bildende Scheidewand steht dann 
senkrecht zur Längsachse. 

Die Einzelheiten bei der Scheidewandbildung innerhalb der 
Knorpelhöhle entnehme ich den Mitteilungen Schleichers, der 
an lebenden Knorpelzellen diesen sehr interessanten und eigen- 
artigen Prozess schrittweise sich abspielen sah: „Die erste Anlage 
zur Bildung der künftigen Scheidewand sehen wir durch eine 
längliche Reihe von feinen, seitlich aneinander gelegenen Fädchen 
dargestellt. Ausnahmsweise erscheint sie zuweilen sehr spät, 
wenn die beiden Kerne schon am Ende ihrer Teilung stehen: 
meist tritt sie jedoch kurz nach der Teilung auf, in einer Ebene, 
die in der Mitte zwischen den sich bildenden neuen Kernen liegt. 
Dass die Elemente zur Scheidewandbildung dem Plasma entlehnt 
werden, lassen uns Beobachtungen voraussetzen, in welchen wir 
amöboiden, im Protoplasma gelegenen Fädchen eine Richtung zur 


k' Fig. 2. u 


Mittelebene des Zellkörpers zuerkennen müssen. Auch sahen wir 
solche Fädchen den schon entstandenen sich anschmiegen. Es 
entstand auf diese Weise eine doppelt konturierte Membran, in 
welcher eine einfache Linie erschien, welche sich in zwei gleich 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz, 275 


dicke parallele Blätter teilte. Die Trennung dieser Blätter beginnt 
mit dem Auseinanderweichen an ihren beiden Enden, und an diesen 
divergierenden Enden sieht man nun die beiden Blätter sich mit 
einer inzwischen formierten Tochterkapsel in Verbindung setzen.“ 

Die nebenstehend wiedergegebenen Figuren g’—l‘ der 
Schleicherschen Arbeit geben die Bildung der Knorpelhöhlen- 
scheidewand während der Endstadien der mitotischen Teilung 
(Telophase) wieder. 

Hiernach will es allerdings scheinen, als ob nach der Spaltung 
der Scheidewand die beiden Teilungshälften derselben ganz in die 
Kapselsubstanz der Tochterzellen aufgenommen werden und dann 
keine Scheidewand in der Knorpelhöhle der Mutterzelle mehr 
existiert, sondern nur eine einheitliche Knorpelhöhle. 

Nach diesen Beobachtungen Schleichers sind die so- 
genannten Knorpelkapseln als Difterenzierungsprodukt des Zell- 
leibes und zum Teil als Produkt der Zellteilung der jungen Knorpel- 
zellen aufzufassen. 

Sollen wir nun die Vorknorpel oder jungen Knorpelzellen 
und deren Teilungen in Beziehung zur Grundsubstanzbildung 

bringen? Fraglos führen sie zur Vermehrung der Zellen, zur Bildung 

_ der Knorpelscheidewände, bei mehrfacher Teilung zur Bildung der 
Knorpelzellennester, der Zellterritorien, welche vielfach der Grund- 
substanz das charakteristische Aussehen geben. Über die so- 
genannten Knorpelzellenkapseln, ihre Natur, ihre Herkunft habe 
ich trotz vieler Beobachtungen nichts ausmachen können. Ich 
muss annehmen, dass in vielen Fällen, wo die Autoren die Kapsel 
beschreiben, nur ein chemisch difterenter Teil der Grundsubstanz 
vorhanden ist. Viele Autoren nehmen an, dass die Knorpelzellen 
periodisch eine geschichtete Kapselsubstanz ausscheiden, die nach 
und nach zur Grundsubstanz wird, sie gehen sogar in der Theorie 
so weit, dass sie den Knorpelzellen — sie werden direkt als 
Chondroblasten (Schaffer |. ec.) bezeichnet — die alleinige Bildung 
der Knorpelgrundsubstanz zuschreiben. Die Autoren vermuten, 
dass die Knorpelzellen eine homogene Intercellularsubstanz bilden, 
die später in die Grundsubstanzfibrillen zerfällt. Ich bezeichne 
diese Theorie der Autoren als „Chondroblastentheorie“. Diese 
Theorie entbehrt jeglicher Begründung, sie ist mit den von mir 
gemachten Beobachtungen unvereinbar, vor allem sieht man nichts, 
was als Sekret der Knorpelzellen aufgefasst werden muss. 


DAB K: von Kortt: 


Koelliker unterscheidet (Gewebelehre, 6. Autl., I. Bd., S. 107) 
an den Knorpelzellen zwei Teile, die eigentliche Zelle wird Proto- 
blast (Knorpelkörperchen der Autoren) genannt und ist ein membran- 
loses Gebilde mit hellem Protoplasma, zu dieser Zelle gehört als 
zweiter Teil „die äussere Zellmembran oder die Knorpelkapsel, eine 
durch Ausscheidung des Protoblasten gebildete feste helle oder 
gelbliche Lage, welche diesen dicht umgibt und durch fortgesetzte 
Ausscheidung der Protoblasten, die an ihrer inneren Oberfläche sich 
ansetzen, ein geschichtetes Ansehen und eine sehr bedeutende 
Dicke erlangen kann. Derartiges habe ich an den Knorpelzellen 
nicht erkennen können. 

Dass die definitiven Knorpelzellen keine Grundsubstanz im 
histogenetischen Sinne bilden können und überhaupt nicht mehr 
teilungsfähig sind, geht aus den Beobachtungen Peyrands 
(Comptes rendus, .t. 84, p. 1308, 1877) hervor, nach denen 
zwar eine Regeneration wahren Knorpels vorkommt, aber nicht 
von den alten Knorpelzellen, sondern stets vom Perichondrium 
aus erfolgt. 

Mit den Erfahrungen Peyrands stimmen die genauen und 
interessanten Untersuchungen Schwalbes über Knorpelregene- 
ration (1578) überein. Zu diesem Zwecke wurden in Kaninchenohren 
mit dem Locheisen runde Löcher geschlagen. Die Löcher wurden 
durch Zuwachs von dem Wundrand aus verengt und schliesslich 
ganz geschlossen. Das junge Gewebe bestand aus jungem Knorpel- 
gewebe. Die mikroskopische Untersuchung ergab, dass sich das 
neugebildete Knorpelgewebe scharf gegen den alten Knorpel absetzt 
und an der Grenze keine Zellteilungen des alten Knorpels vor- 
kommen. Dagegen fand Schwalbe, dass das Perichondrium 
des alten Knorpels sich kontinuierlich in das junge Knorpelgewebe 
tortsetzt: „seine zelligen Elemente gehen ganz allmählich unter 
Umwandlung ihrer Form in Knorpelzellen, seine Grundsubstanz 
unter Aufhellung in Knorpelgrundsubstanz über. 

Mit diesen Ergebnissen stimmen die exakten Beschreibungen 
F. Marchands (1901) über die bei der Heilung der Knorpel- 
wunden beobachteten Knorpel-Neubildungsprozesse, wie wir später 
sehen werden, überein. 

Über den Modus des Knorpelwachstums gaben folgende 
Versuche Schwalbes Aufschluss. Es wurden in Kaninchenohren 
mehrere Löcher mit dem Locheisen geschlagen und deren Ent- 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 277 
fernung gemessen, gleich nach der Operation und viele Wochen 
später. Hierbei ergab sich, dass der Abstand der Löcher, von 
Mitte zu Mitte gemessen, stets dieselbe Entfernung beibehält, 
während die Ohrmuschel selbst an Umfang zunimmt. Hiermit 
war der Beweis erbracht, dass das Flächenwachstum des Ohrknorpels 
jedenfalls nicht interstitiell erfolgt. sondern durch Apposition an 
den Randpartien. 

Schwalbe räumt indessen ein, dass er nicht gewillt sei, 
die am elastischen Ohrknorpel gewonnenen Resultate ohne weiteres 
auf alle Knorpel zu übertragen, dass vielmehr das Wachstum 
der embrvonalen Skelettknorpel ein anderes sei und hier neben 
einem appositionellen ein interstitielles Wachstum vorkommt, 
das sich sowohl in der Zunahme der Intercellularsubstanz, als 
in der Vermehrung der in dieselbe eingebetteten Knorpelzellen 
ausspricht. 

Nach meinen histogenetischen Untersuchungen findet jedoch 
auch im embryonalen Knorpel, sobald derselbe ein bestimmtes 
Alter und völlig entwickelte „grossblasig“ aussehende Knorpel- 
zellen hat, kein nennenswertes interstitielles Wachstum mehr statt, 
sondern auch hier bedingt die Apposition das Wachstum der 
Grundsubstanz so gut wie ganz allein. 

Man kann hier nun einwenden, die Zellnester, die doch 
aus den Teilungen der Knorpelzellen hervorgegangen sind, finden 
sich nicht nur in den äusseren perichondralen Appositionsschichten, 
sondern auch mehr mitten im Knorpel selbst. Trotzdem haben 
die Zellteilungen der zentral gelegenen Zellnester in den Rand- 
partien des Knorpels stattgefunden, nur durch die Verbreiterung 
des Knorpels durch Appositionsschichten sind die Zellnester mehr 
und mehr zu zentral liegenden geworden. Die so bewirkte, mehr 
gleichmässige Verteilung der Zellnester der Grundsubstanz ist 
deshalb nicht als Beweis dafür aufzufassen, dass die Zellteilung 
auch bei alten Knorpelzellen statt hat. 


63 ] 


3. Das sekundäre, homogen aussehende Stadium der 
Chondrogenese, die Kittsubstanz der Autoren, die 
Basophilie der Knorpelgrundsubstanz. 

Die histochemisch und farbanalytisch sehr wertvollen Arbeiten 
von Mörner (1888, 1589), Hammar (1894), Hansen (1905) 
ergaben, dass die ausgesprochene Basophilie (Färbbarkeit mit 


278 K.von Korff: 


Hämalaun, Hämatoxylin) der definitiven Grundsubstanz an die 
Kittsubstanz gebunden ist. Entfernt man mit 10°/o Kochsalz- 
lösung, mit Kalk- oder Barytwasser die Kittsubstanz (Hammar, 
l. c.), so verschwindet die Tingibilität für Hämatoxylin. Die Unter- 
suchungen von Hansen (l. c.) ergaben, dass hauptsächlich in der 
Kittsubstanz, ein Speeificum des Knorpelgewebes, die Chondroitin- 
schwefelsäure lokalisiert ist und die Basophilie der Knorpelgrund- 
substanz bedingt. Hansen äussert sich darüber folgendermassen: 
„Da die Affinität des Knorpels zu basischen Farbstofften durchweg 
bedeutend grösser war als die des Kernchromatins, dessen Baso- 
philie wohl von der Nucleinsäure herrührt, und da der Gedanke 
a priori eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, dass eine so ent- 
schiedene Affinität eines Gewebes zu exquisit basischen Farbstoffen 
von dem Vorhandensein einer Säure im Gewebe, die Färbung mit- 
hin wahrscheinlich von einer Art Salzbildung herrührt, und da 
ferner Mörner und Schmiedeberg ja eben im Knorpel das 
Vorhandensein reichlicher Uhondroitinschwefelsäure nachgewiesen 
haben, und da keiner der anderen chemischen Hauptbestandteile 
des Knorpels, weder Albumin (Albumoid), noch Kollagen, besonders 
starke basophile Eigenschaften besitzt, so lag mir der Schluss. 
nahe: Die Basophilie der Knorpelgrundsubstanz ist wahrscheinlich 
dem Vorhandensein der Chondroitinschwefelsäure zu verdanken.“ 

Zum Beweise wurden von Hansen (l. e.) frischen oder 
fixierten Knorpelschnitten in schonender Weise, so dass die Inter- 
fibrillarsubstanz erhalten blieb, durch Zusatz von Reagentien 
1Y/—3°/o Kali oder Natronlauge oder durch jahrelanges Liegen- 
lassen in ca. 45 ”/o Alkohol die Chondroitinschwefelsäure entzogen. 
Die so behandelten Schnitte hatten ihre Basophilie verloren; sie 
wurden dann mit einer Lösung von Chondroitinschwefelsäure imbi- 
biert und die Basophilie trat wieder auf (Hansen, ].c., S. 587 ft.). 

Hansen glaubt, dass die Chondroitinschwefelsäure in erster 
Linie an die Eiweißstoffe oder Albumine der „Kittsubstanz“ ge- 
bunden sei. 

Gegenüber den beschriebenen Fibrillen ist die Kittsubstanz 
ein sekundäres Produkt: sie maskiert die Fibrillen, so dass die 
Grundsubstanz schon sehr bald homogen erscheint. Ich möchte 
glauben, dass dies sowie das Nichtanwenden von zuverlässigen 
Bindegewebsfärbungen die Autoren über die wahre Natur der 
Knorpelanlage getäuscht hat. 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 279 


Wie ich erwähnte, ist das erste fibrilläre Stadium der 
Chondrogenese acidophil, was offenbar auf die präcollagenen oder 
collagenen Bindegewebsfibrillen, die im wesentlichen die prochon- 
drale Substanz zusammensetzen, zurückzuführen ist. Sobald eine 
Verdichtung des fibrillären Geflechtes durch Ablagerung der Kitt- 
substanz der Autoren (Homogenisierung der Grundsubstanz) ein- 
tritt, verliert sich die Acidophilie, das Gewebe zeigt immer 
srössere Affinität zu basischen Farbstoften. Dies ist das sekundäre 
Stadium der Chondrogenese (Fig. 6 der Taf. XI). 

Über die Bildung der Kittsubstanz sagen meine Präparate 
nichts aus. Doch liegt die Vermutung nahe, dass sie ein Produkt 
der Vorknorpel- und Knorpelzellen ist. Die Maskierung der acido- 
philen Bindegewebstibrillen geht nämlich immer erst an denjenigen 
Stellen vor sich. wo die Vorknorpelzellen in die Knorpelzellen über- 
sehen. Ferner ist in der Nähe der Knorpelzellen die Basophilie 
und Maskierung der Fibrillen meist stärker als in den entfernter 
liegenden Teilen der Intercellularsubstanz. 

Bei Knochenfischen finden sich dieselben Verhältnisse der 
Histogenese wie bei Haifischen und Amphibien. Textfig. 3 illustriert 
die allmählich vor sich gehende Differenzierung des Bindegewebes 
in Knorpelgrundsubstanz in den Hauptzügen bei einem ca. 3 cm 
langen Forellenembryo (Hyalinknorpel der Schädelkapsel, Fixierung 
v. Lenhosseck sches Sublimat-Alkohol-Eisessiggemisch, Mallory- 
Färbung). 

Zwischen den plasmaarmen Bindegewebszellen des Perichon- 
driums liegt eine acidophile fibrilläre Intercellularsubstanz, die 
nach der Peripherie mit den Bindegewebsfibrillen des umgebenden 
Bindegewebes zusammenhängt. Sie bildet ein Fachwerk von sich 
durchflechtenden Fibrillenzügen als erste Grundsubstanzanlage. 
Nach dem Knorpel hin geht das Fachwerk in die Grundsubstanz 
des Knorpels über. Währenddessen vergrössern sich die Binde- 
gewebszellen in den Lücken des Fachwerkes. Die Lücken werden 
zu Knorpelhöhlen, die Zellen unter starker Vergrösserung zu 
Knorpelzellen. Die fibrilläre Struktur der prochondralen Grund- 
substanz verschwindet bei der Umwandlung zur Knorpelsubstanz. 
Es tritt eine Maskierung der Fibrillen durch die Kittsubstanz 
ein, die Grundsubstanz erscheint homogen. 

Ich möchte hier kurz auf die Schaffersche Ansicht von 


dem Knorpelbildungsprozess bei Petromyzon eingehen. Die Zellen 
Archiv f.mikr. Anat. Bd.S4. Abt. I. 19 


280 K. von Korff: 


der Anlage der knorpeligen Flossenstrahlen von Ammocoetes 
liegen nach Schaffer (1901) so dieht aufeinander gepresst, dass 
„von Zellgrenzen keine Spur zu sehen ist und die Kerne sich 
oft mit ihren Membranen unmittelbar berühren“. Die Zellen 
nehmen an Grösse zu, „erscheinen teils wie aufgequollen, so dass 
der Kern derselben rings von einem deutlichen, wenn auch schwach 
färbbaren Protoplasmakörper umgeben wird und werden durch 
scharfe Grenzen voneinander getrennt“. „Diese Grenzen werden 


durch eine verdichtete und stärker lichtbrechende Rindenzone des 
Protoplasmas, die sich mit Eosin stärker rot färbt, gebildet und 
sind stets zwei benachbarten Zellen gemeinsam, so dass sie wie 
ein Fachwerk oder Alveolensystem die Zellkörper umschliessen.“ 
Schaffer sieht diese balkenartig angeordnete Substanz als Inter- 
cellularsubstanz an, die von den „Zellkörpern gebildet wird und 
die Zellkörper wie ein lebendiger Kitt verbindet“ und zur prochon- 
dralen Substanz wird. 

Wenn wir genauer diese Beschreibung ins Auge fassen, so 
ergibt sich, dass nach Schaffer Intercellularsubstanz dasselbe 
ist wie Synevtium! Intercellularsubstanz müsste sich aber gegen 
die Zellen abgrenzen. Wie soll aus einem Syneytium eine Inter- 
cellularsubstanz werden? Wir können uns deshalb nichts Bestimmtes 
unter der von Schaffer geschilderten Intercellularsubstanz, die 
auch als „Kittsubstanz“ bezeichnet wird, vorstellen. 

Allerdings müssen wir zugeben, dass die Knorpelanlage der 
Schwanzflossenstrahlen von Ammocoetes histologisch schwer zu 
deuten ist. Meiner Meinung nach gehört überhaupt dies blasige 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 251 


Gewebe nicht zum Knorpelgewebe:; jedenfalls dürfen wir es nicht 
mit dem Hyalinknorpel in eine Gruppe stellen. Auch Studnicka 
hat sich, wenn ich recht erinnere, in seinen Arbeiten über die 
Histogenese der Cyelostomenknorpel gegen diese Auffassung 
Schaffers ausgesprochen. 

Meine Petromyzon-Präparate betreffen den Schwanztlossen- 
knorpel von 5—12 cm langen Ammocoetes Planeri (Fixierung 
Zenkersche Flüssigkeit und Sublimat). Bei den verschiedensten 
Färbungen (Delafieldsches Hämatoxylin. Malloryfärbung, 
Eisenalaunhämatoxylin ohne oder mit Bindegewebsfärbung, Resorein- 
methode nach Weigert) ist es mir nicht gelungen, eine besondere 
Intercellularsubstanz, die man etwa als erste Grundsubstanzanlage 
auffassen kann, färberisch darzustellen, wenigstens nicht auf den 
Stadien, wo Schaffer die erste Anlage beschreibt. Was hier 
von den blasigen Zellen differenziert wird, ist weiter nichts als 
eine membranartige Aussenschicht. Dieselbe färbt sich intensiv 
mit Resorein, ähnlich der Elastica interna der Chorda dorsalis. 
Ein Übergang derselben in eine Intercellularsubstanz findet 
nicht statt. Ob dieses eigenartige (rewebe als sogenanntes vesiku- 
löses Stützgewebe aufzufassen ist, vermag ich einstweilen nicht zu 
sagen. In seiner Struktur zeigt es infolge der Zusammensetzung 
aus blasig aussehenden Zellen viel Ähnlichkeit mit dem Chorda- 
gewebe, das ja auch verkehrterweise von vielen Autoren als 
Knorpelgewebe angesehen wird. 


III. Elastischer Netzknorpel. 
1. Embryonale Anlage. 


Bei der noch wenig entwickelten Knorpelanlage der Ohr- 
muschel von Kaninchenembryonen (ca. 10 em lang) und Schweins- 
embryonen (ca. 12 cm lang) zeigt sich folgendes: Das noch sehr 
junge Bindegewebe hat sich in der Mitte zu einer wellig gebogenen 
muschelförmigen Bindegewebsplatte verdichtet, der Anlage des 
elastischen Knorpels. In derselben liegen die sehr kleinen Binde- 
gewebszellen dicht gedrängt. Ihr Zelleib ist stark reduziert, wahr- 
scheinlich nach vorhergegangener Fibrillenbildung:; die Kerne sind 
abgerundet, die Zellen trifft man vielfach in mitotischer Teilung. 
In dem in Textfig. 4 wiedergegebenen Präparate wurde die 
Mallorysche Bindegewebsfärbung angewandt. Sie zeigt deutlich, 
dass zwischen den kleinen plasmaarmen Vorknorpelzellen schon 

19* 


282 K. von Korff: 


eine differenzierte Intercellularsubstanz gebildet ist. Es ist dies 
eine deutlich fibrilläre bindegewebige Substanz, mit geschlängelt 
verlaufenden Bindegewebszügen, auch einzeln verlaufenden Binde- 
gewebsfibrillen, die Fibrillen färben sich nur schwach mit Anilin- 
blau (Mallory): mit der Resorein- Säurefuchsinfärbung nach 
Weigert tritt auch nur eine geringe Farbreaktion auf. Hiernach 
will es scheinen, dass die Intercellularsubstanz der Anlage des 
elastischen Netzknorpels aus Fibrillen besteht, die noch keinen 
bestimmten chemischen Charakter haben. 


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In der Umgebung der Knorpelanlage beginnt die Difteren- 
zierung des Bindegewebes zum Perichondrium = a. Die in ihm 
liegenden Bindegewebszellen sind plasmareich, meist spindelförmig, 
die zwischen den perichondralen Bindegewebszellen liegenden 
Fibrillen und Fibrillenzüge färben sich stärker mit Anilinblau 
als die des umgebenden Mesenchymgewebes; an vielen Stellen 
gehen sie über in das fibrilläre Fachwerk der ersten Knorpel- 
anlage = b. Eine anders geartete Intercellularsubstanz, die man 
als erste Grundsubstanzanlage auffassen könnte, lässt sich an den 
zahlreichen Präparaten, die ich anfertigte, nicht nachweisen. 
Färbungen mit den von M. Heidenhain eingeführten Chromo- 
tropen, Azokarmin, Benzo-Lichtbordeaux, lassen ebenfalls den 
fibrillären Charakter der Intercellularsubstanz erkennen (Textfig. 4). 

Für die von vielen Autoren, z. B. Heinrich Müller, 
Reichert, Koelliker, Frey, Leydig (die betreffende 
Literaturangabe findet sich in der Arbeit O0. Hertwigs, 1873), 
vertretene Anschauung, dass sich die elastischen Fasern aus 
einer homogenen Intercellularsubstanz durch eine Art Härtung 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 283 
und Verdichtung bilden sollen, findet in meinen Untersuchungen 
xeinen Anhaltspunkt, weder bei embryonalem noch postembryonalem 
OÖhrknorpelgewebe. 

O0. Hertwig (1573) schliesst aus seinen Beobachtungen an 
sich entwickelndem Ohrknorpelgewebe von neugeborenen Kaninchen 
und menschlichen Embryonen, dass es sich bei der Bildung der 
elastischen Fasern nicht um die Umwandlung einer vorher ge- 
bildeten homogenen Knorpelgrundsubstanz handelt, sondern um 
eine formative Tätigkeit des Protoplasmas. Seiner Ansicht nach 
entstehen die elastischen Fasern an der Oberfläche der Zellen in 
dichter Anlagerung an das Zellprotoplasma, sie laufen über die 
quergestellten Reihen der Knorpelzellen weg. Ich möchte glauben, 
dass an den Stellen, wo O. Hertwig die elastischen Fasern zu- 
erst sah, dieselben nicht mehr primär sind, sondern bereits verdickt 
in der Intercellularsubstanz liegen; wenigstens sind die noch ganz 
jungen, im postembryonalen Perichondrium gelegenen elastischen 
Fasern meiner Präparate eines 6 Wochen alten Kaninchens sehr 
dünn und lassen sich im ungefärbten Zustande nicht erkennen, was 
bei den älteren und verdickten Fasern jedoch bei ihrem starken Licht- 
brechungsvermögen (in Wasser oder Glycerin) leicht möglich ist. 

Prinzipiell dagegen stimme ich mit den O0. Hertwigschen 
Ergebnissen, dass die elastische Faser ein Produkt des Proto- 
plasmas der Zellen ist, überein. ‚Jedoch wird sie nach meinem 
Dafürhalten nicht in ihrer Eigenschaft als elastische Faser von den 
Knorpelzellen gebildet, sondern als indifferente Bindegewebsfibrille 
von den gewöhnlichen Bindegewebszellen und wandelt sich erst 
später in die elastische Faser um. 


2. Die postembryonale Bildung. 

Bei älterem postembryonalem Ohrknorpel des Kaninchens 
(ca. 6 Wochen alt) untersuchte ich in Zenkerscher Flüssigkeit 
und Sublimat fixierte Präparate. Als beste Färbung erwies sich 
Vorfärbung mit Boraxkarmin 24 Stunden, Nachfärbung mit 
Resorein — Säurefuchsin nach Weigert. Die Präparate zeigen, 
wie schon Schwalbe (l. e.) und Sieveking (1892) experimentell 
nachwiesen, dass das Knorpelwachstum hier ein rein appositionelles 
ist, indem das Bindegewebe des Perichondriums unter Umwand- 
lung seiner Zellen in Knorpelzellen kontinuierlich in die Grund- 
substanz des Knorpels übergeht. 


284 Ko von Korft: 


Im Perichondrium liegen in der äussersten Schicht zahl- 
reiche collagene Bindegewebsbündel, in der inneren Schicht fast 
nur elastische Fibrillen. Mit der Resorein-Säurefuchsinmethode, 
besonders nach längerem Liegenlassen der gefärbten Schnitte in 
Wasser, treten die collagenen Fasern wenig in Erscheinung, um 
so deutlicher die elastischen Fasern. 

Die Bindegewebsfasern des Perichondriums sind mit denen 
der Knorpelgrundsubstanz kontinuierlich. Bei diesem Übergang 
geht dem färberischen Verhalten nach eine mikrochemische Ver- 
änderung, ferner eine Vermehrung und ein Dickenwachstum der 
Bindegewebsfasern vor sich. In den äusseren Schichten des 
Perichondriums sind sie nur schwach färbbar mit Resorein, sehr 
dünn und spärlich, nach dem Knorpelrande zu in der Gegend 
des Vorknorpels sind sie zahlreicher, dicker, ihr netzartiges Gefüge 
oder Zusammenwachsen wird deutlicher; sie bilden hier eine 
besondere Intercellularsubstanz, durchsetzen die Lücken zwischen 
den sich entwickelnden Knorpelzellen fachwerkartig. Nach der 
Differenzierung der Knorpelzellen aus den Bindegewebs- resp. 
Vorknorpelzellen bilden die elastischen Fasern die geformten Be- 
standteile der Netzknorpelgrundsubstanz. Zur Zeit der definitiven 
Verhältnisse entwickelt sich zwischen den Knorpelzellen eine anders 
färbbare homogene Intercellularsubstanz, in welche die elastischen 
Fasern eingelassen sind. Ich fasse diese homogene Masse als Ana- 
logon der Kittsubstanz des Hyalinknorpels auf, welche jedoch die 
elastischen Fasern nur umgibt. nicht, wie es scheint, durchtränkt. 
Ein „Maskieren“ der elastischen Fasern durch diese Kittsubstanz 
findet nicht statt. Dies Verhalten gibt Kopsch in „Rauber- 
Kopsch“, Lehrbuch der Anatomie, wieder (9. Aufl., I. Abt., Fig. 120). 

Dass diese Kittsubstanz erst nach der Differenzierung der 
Knorpelzellen und zwar in ihrer unmittelbaren Nähe sichtbar 
wird, spricht für die Annahme, dass die Knorpelzellen diese färbbare 
homogene Substanz bilden. Die Zellen des Ohrknorpels nehmen in 
der postembryonalen Wachstumsperiode bedeutend an Umfang zu, 
nach OÖ. Hertwig (l. c.) bis zum fünffachen ihres ursprünglichen 
Volumens. Zellteilungen finden nur in den jungen, am Rande 
liegenden Knorpelzellen statt, nicht aber bei den alten, völlig 
entwickelten Knorpelzellen. 

Das elastische Fasernetz wird in späteren Differenzierungs- 
stadien der Knorpelgrundsubstanz durch eine homogene, kapsel- 


Uber die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 285 


artige Substanz, die an Breite zunimmt, immer weiter von der Zelle 
entfernt. Nach O. Hertwigs Untersuchungen besteht diese breite 
ringförmige Masse aus abwechselnd helleren und dunkleren Streifen 
und ist ein Produkt des Protoplasmas. Auch nach meinen Unter- 
suchungen gehört diese kapselartige Masse nicht zur Intercellular- 
substanz, sondern ist als eine Art Exoplasma der Knorpelzelle 
aufzufassen, das in der sich erweiternden Knorpelhöhle liegt, 
was auch, wie mir scheint, die O0. Hertwigschen Abbildungen, 
Fig. 7, 14, zeigen. 


IV. Faser- oder Bindegewebsknorpel. 


Die Bindegewebsknorpelbildung habe ich im Discus inter- 
vertebralis von ca. 30 cm langen Kalbs- und ca. 17 cm langen 
Schweinsfeten näher untersucht. Die noch sehr weichen Zwischen- 
wirbelscheiben wurden in Zenkerscher oder Flemmingscher 
Flüssigkeit fixiert, die Schnitte wurden mit Eisenalaunhämatoxylin 
vor- und mit Chromotrop nachgefärbt. Nach Fixierung mit 
Zenkerscher Flüssigkeit wurde auch die Mallorysche Färbe- 
methode angewandt. 

In der Umgebung des als Nucleus pulposus persistierenden 
mittleren Abschnittes der Zwischenwirbelscheibe liegen noch in- 
differente, meist sternförmige, weniger zahlreiche spindelförmige 
Bindegewebszellen. In ihrem Zelleib differenzieren sich zahlreiche 
Bindegewebsfibrillen. Dieselben verlieren sehr bald ihren Zu- 
sammenhang mit dem Protoplasma, sie liegen dann als besondere 
Masse zwischen den Bindegewebszellen und bilden ein Fachwerk 
sich filzartig durchflechtender Fibrillenbündel. In den Fächern 
der fibrillären Intercellularsubstanz wachsen die Bindegewebszellen 
ganz allmählich zu Knorpelzellen heran. Hierbei findet eine 
Abrundung des Protoplasmas statt, welches an Volumen zunimmt 
und sich mit einer kapselartigen Substanz umgibt. Die zwischen 
ihnen liegende fibrilläre Intercellularsubstanz wird zur Grund- 
substanz des Bindegewebs- oder Faserknorpels unter Beibehaltung 
ihres fibrillären Charakters. Eine färbbare Kittsubstanz oder 
homogene Grundsubstanz wird also beim Faserknorpel nicht ge- 
bildet. Daher ist es im allgemeinen viel leichter, die Chondro- 
genese des Faserknorpels zu verfolgen, als die des Hyalinknorpels. 
Den Bindegewebsknorpel können wir nach den obigen Betrachtungen 
als eine Vorstufe des hyalinen Knorpels auffassen ; Hyalinknorpel geht 


286 K. von Korff: 


aus Faserknorpel dort hervor, wo sich die knorplig präformierten 
Wirbelkörper der Wirbelsäule plazieren. Schon Koelliker (l. c.) 
erwähnt, dass beim Fischwirbel der Faserknorpel sich in echten 
Hyalinknorpel umwandelt. Dieselben Übergänge kann man sehr 
deutlich auf Längsschuitten durch sich entwickelnde Hirschgeweih- 
stangen (Baststangen) erkennen, bei der Entwicklung der Substantia 
spongiosa, der die Bildung eines Hyalinknorpels vorausgeht. 

Die zirkulär annähernd parallel zur äusseren Oberfläche 
verlaufenden Lamellen des Discus intervertebralis, die durch schräg 
verlaufende Faserzüge sich verbinden, entstehen hauptsächlich 
durch Apposition von innen nach aussen unter gleichzeitig vor sich 
gehendem interstitiellem Wachstum; die einzelnen Appositions- 
lamellen werden weiter und breiter, was nur durch eine selb- 
ständige Vermehrung und das Längen- und Dickenwachstum der 
Fibrillen zu erklären ist. Eine Differenzierung oder Prägung der 
Grundsubstanzfibrillen aus einer homogenen Intercellularsubstanz, 
wie die Anhänger der extracellulären Genese der Bindegewebsfibrille 
annehmen, ist hier ausgeschlossen. Denn es kommt hier überhaupt 
nicht zur Bildung einer besonderen färbbaren Intercellularsubstanz. 

Der als Nucleus pulposus bezeichnete Teil des discus inter- 
vertebralis ist nicht als Rest der Chorda dorsalis — dieselbe 
verschwindet schon sehr früh im Zentrum der Zwischenwirbel- 
scheibe — aufzufassen, wie es die Lehrbücher tun, sondern als 
Rest der skelettogenen Schicht der Uhorda, welcher nach vollendetem 
Wachstum der Zwischenwirbelscheibe sich nicht weiter zum Faser- 
knorpel differenziert, sondern seinen primären Charakter, den des 
lockeren Bindegewebes, bewahrt. Während des Wachstums der 
Zwischenwirbelscheibe differenziert sie immer neue Appositions- 
lamellen, den annulus tibrosus, von innen nach aussen. 

An vielen anderen Stellen kann man den kontinuierlichen 
Übergang von Bindegewebsfibrillen einer präformierten Binde- 
gewebsart in die Grundsubstanzfibrillen des Knorpels konstatieren. 
So bei der Achillessehne der Frösche. Die Fibrillen und Fibrillen- 
züge derselben laufen hier durch die Lücken zwischen den Knorpel- 
zellen des „Sesamschen Knorpels“ und werden so zu Grundsubstanz- 
fibrillen des Knorpels; andere Grundsubstanzfibrillen existieren 
nicht. Die Knorpelzellen sind auch hier histogenetisch modifizierte 
Bindegewebszellen. die einen grossen blasig aussehenden Zelleib ent- 
wickeln. Soviel ich an den einzelnen mit Eisenalaunhämatoxylin 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 287 


gefärbten, in Sublimat fixierten Schnitten sehen kann, tragen die 
grossen Zellen nicht den typischen Knorpelzellencharakter, d. h. 
sie differenzieren keine als Knorpelkapsel zu bezeichnende Aussen- 
schicht, sondern nur eine sehr dünne, scheinbar elastische Membran, 
liegen nicht in Knorpelhöhlen. Die Fibrillen der Grundsubstanz 
laufen in starken, meist weit getrennten Bündeln und werden 
nicht durch Bildung einer homogenen Kittsubstanz maskiert. 

Dieses eigenartige Gewebe hat immer Schwierigkeiten be- 
züglich der Klassifizierung gemacht. Stadelmann (1878) 
bezeichnet den „Sesamschen Knorpel“ als Pseudoknorpel, Renaut 
(1893) als „Tissu fibrohyalin“. 

Studnidka reiht diesen Knorpel ein in eine besondere 
Gruppe, die des „Vorknorpelgewebes“. Zur Präzisierung des 
„Vorknorpelgewebes“ führt Studnitka (1905) an, dass es 
„einmal nur schnell vorübergehend bei der Chondrogenese auf- 
tritt, ein anderes Mal wieder etwas länger bleibt, in vielen Fällen 
sogar lebenslang erhalten bleibt. Durch das Auftreten von Binde- 
gewebsfasern zwischen den Zellen, die zu einer Festigung des 
Gewebes dienen, kann das Gewebe im letzteren Falle mehr oder 
weniger modifiziert werden, ohne deshalb die charakteristischen 
Eigenschaften zu verlieren. Immer bemerken wir, dass ein 
bleibendes Vorknorpelgewebe aus denselben Geweben seinen Ur- 
sprung nehmen kann, aus denen unter anderen Umständen sich 
ein Knorpel entwickelt. und auch im bleibenden Vorknorpelgewebe 
können wir in sehr vielen Fällen noch immer die Tendenz der 
einzelnen Zellen, sich in Knorpelzellen. umzuwandeln, bemerken.“ 

Ein weiteres Beispiel des Überganges und der Umwandlung 
von faserigem Bindegewebe in die Grundsubstanz des hyalinen 
Knorpels ist der Gelenkknorpel. Dieses Verhalten demonstriert 
ein Schnitt durch den Gelenkknorpel eines neugeborenen Hundes 
(Fig. 7 der Taf. XI). Am Rande des hyalinen Knorpels haben 
sich die Bindegewebsfibrillen des Perichondriums lamellenartig 
der Oberfläche parallel gelagert. Die so verlaufenden Hauptzüge 
geben seitlich sich abzweigende Fibrillenbündel ab oder werden 
von anderen Fibrillenzügen in verschiedenen Richtungen fachwerk- 
artig durchsetzt. So entsteht ein Trabelwerk. In dem Fachwerk 
der sich durchflechtenden Fibrillenzüge und Lamellen liegen nach 
der Peripherie noch spindelförmige Bindegewebszellen; nach dem 
Knorpel zu runden sie sich ab und werden zu Knorpelzellen. Die 


283 K. von Korff: 


Räume (Fächer) zwischen den sich kreuzenden Fibrillenzügen 
werden grösser, sie werden zu Knorpelhöhlen, welche von den 
heranwachsenden Knorpelzellen ausgefüllt werden. Gleichzeitig 
mit der Entwicklung der Knorpelzellen findet eine Vermehrung 
der beschriebenen Fibrillenzüge, die wir als fibrilläre prochondrale 
Intercellularsubstanz des (relenkknorpels ansehen müssen, statt. 
In die eigentliche Knorpelgrundsubstanz lassen sich nun in diesem 
Falle die Fibrillen der prochondralen Intercellularsubstanz auf 
weite Strecken hin verfolgen und liegen hier in einer anders- 
gearteten Masse, der homogenen Kittsubstanz. 


V. Zusammenfassung. 

Die erste Anlage der Knorpelgrundsubstanz, der „Vorknorpel“ 
oder die „prochondrale Substanz“, ist nicht homogen, sondern 
setzt sich aus acidophilen Bindegewebstibrillen zusammen, die 
von indifterenten Bindegewebszellen gebildet werden. Nach der 
Fibrillenbildung wandeln sich die Fibroblasten in Vorknorpel- und 
Knorpelzellen um. Zwischen den Vorknorpelzellen bilden die Binde- 
gewebsfibrillen ein Gerüstwerk sich durchflechtender acidophiler 
Fibrillenzüge, das prochondrale intercelluläre Gerüstwerk des 
Knorpels, das unter Vermehrung der Fibrillen an Masse zunimmt. 
Die Maschenräume oder die Fächer der sich durchflechtenden 
Fibrillenzüge sind die primären Knorpelhöhlen, die sich beim 
Grösserwerden der Vorknorpel- resp. Knorpelzellen erweitern. 
Gleichzeitig mit der Erweiterung der Knorpelhöhlen findet eine 
Verschiebung oder Umlagerung der Fibrillen des Gerüstwerkes 
der prochondralen Grundsubstanz statt. Dies ist das erste fibrilläre 
Stadium der Knorpelanlage. 

Durch die Ablagerung einer homogenen Kittsubstanz von 
Seiten der Knorpelzellen werden die Grundsubstanzfibrillen des 
Hyalinknorpels „maskiert“; die Grundsubstanz erscheint homogen, 
wird basophil. Dies ist das zweite basophile Stadium des Hyalin- 
knorpels.. Beim Faserknorpel und elastischen Netzknorpel findet 
keine Maskierung der Grundsubstanzfasern durch die Interfibrillar- 
substanz statt; sie bleiben histogenetisch auf dem ersten fibrillären 
Stadium des Hyalinknorpels stehen. 

Die typischen Knorpelzellen finden sich in dem ersten Stadium 
der Histogenese überhaupt nicht, sondern erst im letzten, ihre 
Funktion ist nicht erkennbar, doch liefern sie wahrscheinlich die 


Uber die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 259 


Kittsubstanz oder auch die Chondroitinschwefelsäure. Zellteilungen 
finden sich nur bei jungen eben differenzierten Knorpelzellen, bei 
perichondraler Chondrogenese trifft man sie nur am Rande des 
Knorpelgewebes. Aus diesen Teilungen gehen die Zellterritorien 
der Knorpelgrundsubstanz hervor, die mit der Histogenese des 
Knorpels nichts zu tun haben und bei Knochen- und Elfenbein- 
zellen überhaupt nicht vorkommen. 


VI. Über die Analogie 
in der Entwicklung der Knorpel-, Knochen- und 
Zahnbeingrundsubstanz und das Verhalten der 
Zellen zur Intercellularsubstanz. 


Naturgemäss werden die Bindegewebsarten, welche sich 
durch Festigkeit oder Widerstandsfähigkeit gegen Druck und 
Zug oder aber auch bei nur geringer Festigkeit durch einen 
hohen Grad von Elastizität auszeichnen, in eine besondere Klasse 
des Bindegewebes, in die der bindegewebigen Stützsubstanzen 
zusammengefasst. Indessen nicht nur ihrer Funktion, sondern 
auch der Struktur nach, haben die hierher gehörigen Gewebe 
des Knorpels, Knochens und Zahnbeins viel Gemeinsames. Wenn 
wir von den feinsten histologischen Strukturen absehen, so liegt 
die Übereinstimmung ihrer Bauart in dem Gefüge der Intercellular- 
substanz. Diese Intercellularsubstanz oder Grundsubstanz der 
Autoren bildet ein Geflecht oder ein Balkenwerk von sich durch- 
flechtenden oder überkreuzenden Bindegewebsfibrillen und Fibrillen- 
bündeln. Die gegenseitige Durchflechtung der Grundsubstanz- 
fibrillen garantiert die Widerstandsfähigkeit gegen Druck und Zug; 
das Balkenwerk der Grundsubstanzfibrillen erhält durch die Kitt- 
substanz oder homogene Interfibrillarsubstanz eine Versteifung, 
die durch die Kalksalzeinlagerung noch bedeutend erhöht werden 
kann. In Anbetracht der funktionellen Bedeutung der Grund- 
substanz oder Intercellularsubstanz werden diese Gewebe auch 
Grundsubstanzgewebe genannt. 

Aus meinen Arbeiten über die Histogenese der Zahnbein- 
und Knochengrundsubstanzen (Arch. f. mikr. Anat., Bd. 67 und 
Bd. 69) geht hervor, dass sie nach demselben Prinzip angelegt 
werden wie der Knorpel Das Gemeinsame ihres Aufbaues liegt 
darin, dass die erste Anlage fibrillär ist, dass sich in dem immer 
dichter werdenden fibrillären Geflecht die Bindegewebszellen zu 


290 KV onSR or fr: 


den Grundsubstanzzellen differenzieren, dass erst nach der Ent- 
wicklung dieser Zellen auf das erste fibrilläre, acidophile das 
zweite homogene basophile Stadium folgt, dass das Wachstum der 
Grundsubstanzen in die Dicke der Hauptsache nach durch Apposition 
neuer Fibrillen erfolgt, wobei sich (Knochen, Knorpel) neue Binde- 
gewebszellen in typische Grundsubstanzzellen umwandeln, was bei 
Elfenbeinzellen nicht nötig ist. 

Bezüglich der Einzelheiten in der Histogenese der binde- 
gewebigen Stützsubstanzen bedürfen noch manche Punkte der 
Aufklärung: doch über den grossen Plan ihres Aufbaues dürfte 
nach den von mir gemachten Untersuchungen kaum noch Un- 
gewissheit bestehen. Ich möchte glauben, dass vor allem ver- 
gleichend anatomische Studien noch weiter Klarheit auf dem 
etwas schwierigen Gebiete der Histogenese der Stützsubstanzen 
bringen. Es wird sich immer mehr zeigen, dass bei einseitiger 
Verfolgung von Anschauungen, wie sie der Odontoblasten- und 
Osteoblasten- und Chondroblastentheorie zugrunde liegen, unser 
Erkennen um nichts weiter kommt, sondern dass sich eine Theorie 
auf der anderen aufbauen muss. 

Welcher Art die Funktion der definitiven Grundsubstanz- 
zellen ist, darüber sagen meine Untersuchungen nichts aus. Nur 
soviel lässt sich mit Bestimmtheit sagen, dass sie nicht im Sinne 
der Autoren Grundsubstanz bilden können, d. h. sie secernieren 
nicht eine primäre homogene Grundsubstanz. Immerhin wäre es 
nun möglich, — ich musste es sogar als wahrscheinlich hinstellen — 
dass die Knorpel-, Knochen- und Elfenbeinzellen den nicht fibrillären, 
sondern homogenen Teil der Grundsubstanz, die Kittsubstanz bilden, 
danach wären sie also doch als Grundsubstanzbildner im be- 
schränkten Sinne, wenn man so will, anzusehen. 

Die hier wiedergegebenen Figuren meiner Arbeit „über die 
Analogie in der Entwicklung der Knochen- und Zahnbeingrund- 
substanz der Säugetiere nebst kritischen Bemerkungen über die 
Osteoblasten- und Odontoblastentheorie“ (1906) zeigen die fibrillären 
Anlagen der Grundsubstanzen von Knochen und Zahnbein in ganz 
ähnlicher Weise, wie ich es jetzt beim Knorpel beschrieben habe. 

Bezüglich des Verhaltens der Grundsubstanzzellen zur 
fibrillären Intercellularsubstanz weisen meine Untersuchungen mit 
Bestimmtheit darauf hin, dass die Grundsubstanzfibrillen ebenso- 
gut wie die Zellen als selbständige Gebilde angesehen werden 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 291 


müssen, die eigenen Stoffwechsel haben und aus eigener Kraft 
wachsen und sich vermehren. Nicht nur den Zellen, sondern 
auch den Intercellularsubstanzen der Stützgewebe müssen wir ein 
eigenes, nicht etwa von den Zellen erborgtes Leben zuschreiben. 
Die Intensität des Lebensprozesses muss sich bei den Zellen wie 


Fig. 6. 
Zahnbeingrundsubstanzanlage aus 
v. Korff (ds. Arch., Bd. 69, 1906, 


Bie:. Taf. 19,.Fig.9). 
Knochenanlage aus v. Korff (ds. Arch, F.d.P. = Fibrillen der Pulpa: 
Bd. 69, 1906, Taf. 19, Fig. 2). I.F. = Intercelluläre Fasern; 
O0. —= Östeoblasten; f.Str. — fibrilläre Z. unv. — Zahnbein unverkalkt; 
Stränge; F. — Fibroplasten. Z.v. — Zahnbein verkalkt. 


bei den Intercellularsubstanzen nach den verschiedenen Stadien 
ihrer Entwicklung ändern. So besitzen zweifellos die heran- 
wachsenden Knochen-, Knorpel- und Elfenbeinzellen einen hohen 
Grad der Lebenskraft, ebenso die jungen sich stark vermehrenden 
Bindegewebsfibrillen der ersten Anlage der Intercellularsubstanz, da- 
gegen nimmt im definitiven Zustande dieser (Gewebe die Intensität des 
Lebens in den sehr unscheinbar werdenden Zellen sichtbar ab, auch 
den Grundsubstanzfibrillen der verkalkten Intercellularsubstanzen 
können wir jetzt keinen hohen Grad der lebendigen Kraft mehr bei- 
messen; Zellen wie Fibrillen verlieren in der definitiven (verkalkten) 
Grundsubstanz das Vermögen der Regeneration durch Teilung, was 
die Transplantationen dieser Gewebe beweisen (Marchand 1901) 


/ 


292 KEY omMERSOTTIEE 


(regenüber der von R. Virchow vertretenen Anschauung, 
dass der Stoffwechsel der Intercellularsubstanz hauptsächlich von 
den Grundsubstanzzellen abhängig sei und jede Zelle mit ihrem 
Stoffwechsel ein Territorium der Grundsubstanz beherrsche, weist 
M. Heidenhain in „Plasma und Zelle“ (I. Abt., 1907, S. 32) auf 
folgendes hin: „Das Leben selbst ist seinem Begriffe nach überall 
etwas Aktives und bedeutet, dass der lebendige Teil auf 
Grund allgemeiner Vorbedingungen. welche aus der 
Umgebung stammen, seine Struktur und seine 
Funktion selbsttätig erhält (Automatie des Lebens). Ein 
passives, eingeblasenes oder eingehauchtes Leben gibt es nicht, 
denn die speziellen Bedingungen des Lebensprozesses liegen nicht 
in der Umgebung, sondern in den Dingen selbst. Lebt also 
etwas, so lebt es schlechthin wie die Zelle selbst. Da nun aber 
Leben immer nur direkt von Leben stammen kann, so kann 
auch die Intercellularsubstanz durchaus nicht etwa primär in 
einen zwischen den Zellen befindlichen Raum hinein abgelagert 
oder abgeschieden und hinterdrein erst organisiert und mit 
Leben durchdrungen worden sein, sondern die lebendige 
Intercellularsubstanz muss in direkter Weise von 
dem lebendigen Leibe der Zellen sich ableiten. Sie 
kann als lebende Masse nur Teil von lebenden Teilen sein. wobei 
sie freilich aus dem Leibe der Zellen herausgetreten, durch 
weiteres Wachstum dem Volumen nach vermehrt und durch be- 
sondere Differenzierung der Struktur nach umgestaltet wird.“ 


VII. Über die Ergebnisse 
der Untersuchungen F. Marchands über den Knorpel- 
und Knochenneubildungsprozess bei der Heilung der 
Knorpel- und Knochenwunden. 


(tenaue Angaben über den Knorpelentwicklungsprozess bei 
der Heilung von Knorpelwunden verdanken wir F. Marchand 
(1901); ich gebe hier die Fig. 75b aus F. Marchands Werk 
„Der Prozess der Wundheilung mit Einschluss der Transplantation“ 
(Deutsche Chirurgie) wieder, an welcher das erste fibrilläre und das 
zweite homogenaussehende Stadium der Knorpelgenese zu sehen ist. 
Das regenerierende Knorpelgewebe geht hervor, wie wir gleich nach 
F. Marchands exakten Beschreibungen sehen werden, aus dem 
Bindegewebe des Perichondriums, nicht von den Knorpelrändern 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelerundsubstanz. 298 


der klaffenden Knorpelwunde. Der Wundspalt ist vollständig von 
Bindegewebe ausgefüllt, das unmittelbar mit dem des Perichon- 
driums zusammenhängt, nicht aber mit dem benachbarten Knorpel- 
gewebe, von dem es sich sehr deutlich unterscheidet. Im Binde- 
gewebe der klatfenden Knorpelwunde sind zahlreiche Faserzüge 
(Fibrillenbündel) zur Entwicklung gekommen, deren Anordnung 
verschieden ist, viele „spannen sich quer oder schräg durch die 


Fig. 7 aus F. Marchand (1901). 
— fibröses Narbengewebe einer 31 Tage alten Schnittwunde eines Rippen- 
knorpels vom Hunde, das sich bei c in den unteren (älteren) bereits hyalin- 
knorpligen Teil der Narbe umwandelt. 


Wunde, von einer Seite zur anderen“. „Von besonderem Interesse 
ist das Verhalten dieser Fasern zur Knorpelsubstanz:; sie bilden 


meist Büschel, die pinselförmig in vollkommen gerade gestreckte 


Fasern auslaufen und mit ihren Enden ohne Grenze in die homo- 
gene Grundsubstanz des Knorpels übergehen. In den zwischen 
den einzelnen Büscheln frei bleibenden Lücken liegen ziemlich 
zerstreute rundliche Zellen; öfters ziehen die Fasern über die 


294 Re vionaksor:tit: 


Zellen hinweg, wodurch die Lücken verdeckt werden.“ „Obwohl 
die Fasern an dem meist ganz scharfen Rande des Wundspaltes 
mit der Grundsubstanz des Knorpels zusammenhängen, gelingt es 
doch kaum an einer Stelle, sie in diese hinein zu verfolgen. Bei 
der oben angegebenen Färbung (Hämatoxylin-Pikrofuchsin) sind 
die Fasern ebenso wie die Knorpelsubstanz intensiv rot gefärbt, 
letztere nur in der Nähe der Knorpelzellen etwas bläulich. Man 
sieht nun häufig zwischen den roten Fasern in der Nähe des 
Knorpels eine ganz schwach bläulich gefärbte homogene Substanz 
auftreten, welche die Stelle, wo Zellen eingelagert sind, frei lässt. 
An etwas weiter vorgeschrittenen Stellen sind die Fasern in der 
Nachbarschaft des Knorpelrandes nicht mehr als solche erkennbar, 
mit der erwähnten Zwischensubstanz zu einer homogenen Masse 
verschmolzen, in welcher kleine rundliche helle Hohlräume mit 
den darin eingelagerten Zellen sichtbar sind. Diese homogene 
Substanz hat bereits vollständig die Beschaffenheit und Färbung 
wie die Grundsubstanz des benachbarten Knorpels. In derselben 
Weise verhält sich die den Grund der Wundspalte einnehmende 
hyalin-knorpelige Masse, die sich nur durch einen geringen Unter- 
schied in der Färbung und etwas kleinere, dichter gedrängte 
Zellen von dem alten Knorpel unterscheiden. Deutliche Proli- 
ferationserscheinungen sind am letzteren nicht vorhanden. Die 
spärlich abgestorbenen Knorpelzellen am Rande der Spalte sind 
verschwunden.“ 

Über den Knochenbildungsprozess äussert sich F. Marchand 
(l. e., S. 250, 281) auf Grund von Präparaten der neugebildeten 
Knochensubstanz in den Markräumen eines implantierten Schädel- 
knochens: „Wir sehen zunächst aus den gewucherten jungen 
Spindelzellen Fibrillen hervorgehen, die immer mehr an Masse 
zunehmen und sich stellenweise zu einer anfangs noch deutlich 
faserigen. später mehr homogenen Masse in Gestalt schmaler oft 
schon frühzeitig netzförmig angeordneter Bälkchen verdichten. 
Inzwischen sind die Zellkörper von der fibrillären Substanz voll- 
kommen abgelöst und bleiben als unregelmässige eckige, rundliche, 
langgestreckte Gebilde, teilweise in Lücken des Bälkchens, teil- 
weise an seinen Rändern, sichtbar. Die ersteren würden schon 
als Knochenkörperchen zu bezeichnen sein, obwohl sie noch keine 
eigentliche Sternform mit feinen Ausläufern besitzen. Eine Unter- 
scheidung dieser Zellen von den noch freiliegenden Osteoplasten 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 295 


ist nicht möglich.“ „Da, wo die junge Knochensubstanz sich 
an bereits vorhandene (z. B. abgestorbene) Knochenbälkchen an- 
lagert, ist sie ebenfalls faserig, von derselben Beschaftenheit, wie 
an den freiliegenden Bälkchen. An der subduralen neugebildeten 
Osteophytschicht ist die junge Knochensubstanz ebenfalls, wenn 
auch nicht so deutlich, faserig.“ | 

Die Ergebnisse der Untersuchungen F. Marchands, welche 
mir leider erst jetzt bekannt geworden sind — ich hätte sie 
sonst früher in meinen Arbeiten erwähnt — stimmen durchaus 
mit dem, was ich in meinen früheren Arbeiten über die Bildung 
der Elfenbein- und Knochengrundsubstanz und in dieser über die 
des Knorpels hervorgehoben habe, überein, nämlich in der fibrillären 
Anlage der Grundsubstanzen, die erst später homogen erscheint 
(homogenisiert wird). 

F. Marchand (l. ec.) bemerkt schliesslich: „Der ganze 
Prozess der Knochenbildung aus Bindegewebe erinnert im hohen 
Grade an die Neubildung des hyalinen Knorpels aus gewuchertem 
Perichondrium; auch hier sehen wir die collagenen Fibrillen durch 
eine homogene Substanz vereinigt.“ 

Dass die endochondrale Knochenbildung nach demselben 
Prinzip wie die periostale vor sich geht, lässt sich leicht bei der 
Ossification der (reweihstangen verfolgen. Hierüber werde ich später 
berichten. Erwähnen will ich noch, dass nach Transplantationen 
Knorpelstücke ohne Perichondrium (vergl. F. Marchand, I. c., 
S. 451 ff.) nicht einheilen oder weiterwachsen, sondern resorbiert 
werden, da offenbar die typischen (definitiven) Knorpelzellen keine 
Proliferationsfähigkeit haben: die Transplantation der mit Peri- 
chondrium versehenen Knorpelstücke führt dagegen zur Neu- 
bildung von Knorpelgewebe vom Bindegewebe des Perichondriums, 
nicht aber von den Knorpelzellen aus; auch hier geht das alte 
Knorpelgewebe zugrunde, wird resorbiert. Prinzipiell dieselben 
tesultate haben Transplantationen frischer (lebender) Knochen- 
stücke. Nur mit Periost, das in der Zusammensetzung durchaus 
dem Perichondrium gleicht, überzogene Knochenstücke, auch 
ganze Knochen, bilden neuen Knochen von Periost aus, der alte 
Knochen dagegen wird vollkommen resorbiert, was natürlich nicht 
nötig wäre, wenn die alten Knochenzellen oder auch die soge- 
nannten Osteoblasten Knochensubstanz bilden könnten. Hiermit 


ist aber eine natürliche Erklärung gefunden für die vergeblichen 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.84. Abt.1. 20 


296 K. von’KRorff: 


Versuche, Knochen- oder Knorpelwunden durch Transplantationen 
von frischen Knorpel- und Knochenstücken schnell zur Heilung 
zu bringen, etwa so, wie es bei Hautwunden oder Hautdefekten 
durch Transplantation von Hautlappen möglich ist, wobei nach 
baldiger Abstossung der oberflächlichen Lagen der Epidermiszellen 
die Epithelzellen des Stratum germinativum durch Zellwucherung 
neue Zellschichten produzieren und auch im Bindegewebe der 
transplantierten Cutis keimende (in mitotischer Teilung begriffene) 
Bindegewebszellen und gut erhaltene collagene und elastische 
Bindegewebsfasern konstatiert wurden (F. Marchand, le, 
S. 420 ff.). 


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Derselbe: Chemische Studien über den Trachealknorpel. Skandin. Arch. f. 
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Schleicher, W.: Die Knorpelzellteilung. Arch. f. mikr. Anat., Bd. 16, 1879. 

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Jenaischen Ges. f. Med. u. Naturw., Jahrg. 1878. 

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Spuler, Arnold: Über Bau und Entstehung des elastischen Netzknorpels. 
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Derselbe: Beiträge zur Histologie und Histogenese der Binde- und Stütz- 
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Derselbe: Weitere Bemerkungen über das Knorpelgewebe der Uyclostomen 

und seine Histogenese. Arch. f. mikr. Anat., Bd. 51, 1898. 

Derselbe: Histologische und histogenetische Untersuchungen über das Knorpel-, 
Vorknorpel- und Chordagewebe. Anat. Hefte, 21. Bd. (66. u. 67. Heft), 
1903. 

Tillmanns, H.: Über die fibrilläre Struktur des Hyalinknorpels. Arch. 
f. mikr. Anat. u. Phys., Anat. Abt., 1877. 


20* 


K. von Korff: 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel XI. 


a — Perichondrium: b —= Vorknorpel; ce = Knorpel; F = Fibroblasten; 
VK — Vorknorpelzellen: K = Knorpelzellen: FL = fibrilläre Lamellen. 


Fig. 


Fig. 


Fig. 


Fig. 


Oo 


1: 


Äussere Schicht des Perichondriums des Hyalinknorpels der Sala- 
manderlarve (Kiemenknorpel). Flachschnitt. Grosse, meist lang- 
gestreckte Fibroblasten. Zelleib blass, hat zahlreiche Körner und 
Körnerketten und Plasmafibrillen differenziert. Zwischen den Zellen 
präcollagene Bindegewebsfibrillen. Zenkersche Flüssigkeit. Eisen- 
alaunhämatoxylin. Obj. Zeiss D, Ocul. 4. L = Leucocyt. 
Hyalinknorpel des Schädels der Salamanderlarve. 

a) Zone des Perichondriums. Fibroblasten nach der Fibrillen- 
bildung. Kerne plasmaarm oder „nackt“. Die Fibrillen sich ge- 
flechtartig durchsetzend sind zur prochondralen Substanz geworden. 

b) Zone des Vorknorpels. Zunahme der Intercellularsubstanz. 
In den Lücken zwischen den sich durchflechtenden Bindegewebs- 
fibrillenzügen der prochondralen Substanz differenzieren sich die 
Bindegewebszellen zu Vorknorpelzeilen. Übergang der Fibrillen des 
Perichondriums in die des Vorknorpels. 

c) Zone des Knorpels mit Knorpelhöhlen, Knorpelzellen und 
einer mehr homogen aussehenden Intercellularsubstanz. Übergang 
der prochondralen Substanz in den Knorpel. Zenkersche Flüssig- 
keit. Malloryfärbung. Obj. Zeiss D, Ocul. 4. 

Schrägschnitt des Kiemenknorpels der Salamanderlarve. Zenker- 
sche Flüssigkeit. Malloryfärbung. Das Perichondrium auf der 
einen Seite flach geschnitten, zeigt eine Zusammensetzung aus 
fibrillären, der Oberfläche mehr oder weniger parallel laufenden 
Lamellen. Zwischen den Lamellen die plasmaarmen Bindegewebs- 
zellen nach der Fibrillenbildung. Auf der anderen Seite sind die 
fibrillären Lamellen quer geschnitten. Am Knorpelrande Übergan« 
der Bindegewebsfibrillen des Perichondriums in die Knorpelgrund 
substanz. Vorknorpelzellen mit grossem Kern, der immer kleine: 
wird und schmalem Plasmastreif, der grösser wird. Obj. Zeiss D, 
Oeul. 4. 

Flachschnitt durch den Knorpelrand der Scapula einer Salamander- 
larve. Zenkersche Flüssigkeit. Eisenalaunhämatoxylin. Über- 
einander liegende fibrilläre Lamellen des Perichondriums, die in die 
Grundsubstanz des Knorpels verfolgbar sind, wo ihre fibrilläre 
Struktur mehr und mehr verschwindet. Die zwischen den Lamellen 
liegenden Vorknorpelzellen in mitotischer Teilung. (Stadium des 
lockeren Knäuels und des Muttersterns.) Obj. Zeiss D, Ocul. 4. 
Schrägschnitt durch die Randpartie des Hyalinknorpels der Selachier 
(Acanthias vulgaris ca. 15 cm lang), Schädeldach. Zenkersche 
Flüssigkeit. Malloryfärbung. FL — Lamellenbildung der Fibrillen 
des Perichondriums. Hauptlamellen und sich abzweigende oder 
durchsetzende Nebenlamellen. Die Fibrillen der Lamellen sind beim 


Fig. 6. 


ER | 


Über die Histogenese und Struktur der Knorpelgrundsubstanz. 294 


Übergang in die Knorpelgrundsubstanz weniger färbbar. Die plasma- 
armen Bindegewebszellen zwischen den Lamellen regenerieren ihren 
Zelleib, der allmählich an Grösse zunimmt; sie werden zu Knorpel- 
zellen. Obj. Zeiss D, Ocul. 4. 

Hyalinknorpel. Selachier. Acanthias vulgaris ca. 10 cm lang. 
Zenkersche Flüssigkeit. Hämalaun. Benzolichtbordeaux. In den 
oberflächlichen Schichten zwischen den Bindegewebszellen das erste 
Stadium der Chondrogenese als ein Geflecht von acidophilen Binde- 
gewebsfibrillen, fibrilläre prochondrale Substanz. Am Knorpelrande 
zwischen den Vorknorpel- bezw. Knorpelzellen das zweite Stadium 
der Chondrogenese. Hyalinwerden der Intercellularsubstanz durch 
die basophile Kittsubstanz. Maskierung der Bindegewebsfibrillen. 
Obj. Zeiss D, Ocul. 4. 

Gelenkknorpel; neugeborener Hund. Flemmingsche Flüssigkeit. 
Malloryfärbung. Kontinuierlicher Übergang der inneren Schichten 
des faserigen Perichondriums in die Grundsubstanz des Knorpels. 
Aussen lamelläre Anordnung der Bindegewebsfibrillen des Perichon- 
driums (Hauptlamellen der Oberfläche, parallel dazwischen Neben- 
lamellen), Verbreiterung der lamellenartigen Intercellularsubstanz 
am Knorpelrande. Lamelläre Anordnung der Fibrillen verschwindet 
beim Übergang der Fibrillen in die Knorpelgrundsubstanz. Objekt 
Zeiss D, Ocul. 4. 


300 


Über Regenerationserscheinungen 
des Muskelgewebes bei der Metamorphose von 
Rana temporaria. 


Von 


W. Smirnowa (St. Petersburg). 


Hierzu Tafel XII. 


Zur Metamorphose der Froschlarven, die durch die Ver- 
änderung der Lebensweise, den Übergang aus dem Wasser an 
das Land hervorgerufen wird, gesellt sich eine ganze Reihe innerer 
histologischer Prozesse. Diese Prozesse werden dadurch charak- 
terisiert, dass ein Teil des Tiergewebes zugrunde geht, während 
ein anderer Teil sich den neuen Bedingungen anpasst. Dabei 
zeigt sich als besonders plastisch das Muskelgewebe; es geht in 
neue Kombinationen über, die für den erwachsenen Organismus 
nützlich sind. 

Muskelschwund. 

Bei der fischähnlichen Froschlarve sind fast alle Muskeln vom 
Kopfe bis zum Schwanzende segmental angeordnet. Im Beginn 
der Metamorphose, beim Auftreten der Extremitätenanhänge, 
beobachtet man zwischen der Schwanz- und Rumpfmuskulatur 
Bündel von Muskelfasern mit Degenerationserscheinungen. Die 
Degeneration beginnt mit teilweisem Verschwinden der (@uer- 
streifung, wobei an Stelle der Streifen kleine Körnchen auftreten 
(Fig. 4). die Muskeln selbst zerfallen in kernhaltige Bruchstücke. 
Diese Muskelbruchstücke wurden von verschiedenen Autoren unter 
dem Namen von Sarkoplasten (Paneth, Margo) oder Sarkolyten 
(Mayer, Looss) beschrieben. 

Looss meint, dass „die ganze Substanz des Muskels in 
Sarkolyten zerfällt und mit diesen der Auflösung in der Körper- 
tlüssigkeit entgegen geht“. Nach seiner Meinung ist es möglich, 
dass die Sarkolyten auch keine Kerne enthalten. Metschnikoff 
nennt die kernhaltigen Sarkoplasmastücke „Muskelphagocyten‘“, 
weil in ihnen die vollständige Auflösung der Muskelzerfallsprodukte 
geschieht und als Resultat dieses Prozesses nur runde Zellen 


.. 3 F. in} 
Uber Regenerationserscheinungen des Muskelgewebes ete. 301 


bleiben, die von vielen Autoren irrtümlich für Leukozyten gehalten 
werden. „L’etude des conpes et des muscles dissocies nous apprend 
d’une facon tout a fait preeise que le faisceau musculaire entier 
se transforme en une masse de phagocytes, renferment dans leur 
interieur la substance striee du muscle. Ces phagocytes musculaires 
derivent done du sarkoplasma avec les noyaux musculaires, mis en 
etat de suractivite considerable et ne proviennent nullement des 
leucocytes.“ 

Bei der Metamorphose beobachtet man Muskelzerfall sowohl 
im Schwanze, wie im Rumpfe der Larve. Während alle Schwanz- 
muskeln und ein Teil der Rumpfmuskeln der Phagocytose und der 
vollständigen Degeneration unterworfen werden, bleibt ein anderer 
Teil der Rumpfmuskeln bestehen und passt sich der neuen Rolle 
der Skelettmuskeln des Frosches an. 


Muskelregeneration. 


Während nach vielen Autoren die Insektenmuskeln bei der 
Metamorphose sich aus Mvoblasten — embryonalen Muskelzellen — 
oder aus Imaginalscheiben — entwickeln, beobachtet man bei der 
Froschlarve einen anderen Vorgang, eine Regeneration des alten 
Muskelgewebes, eine Umwandlung der früher bestandenen Muskeln 
in eine neue Anordnung, die dem erwachsenen Tiere unent- 
behrlich ist. 

Der Prozess beginnt mit einem Muskelzerfall, der mehr 
oder weniger weiter fortschreitet, worauf dann die Regenerations- 
erscheinungen einsetzen. 

Drei Hauptfälle sollen hier beschrieben werden. Erstens: 
das teilweise Verschwinden der (uerstreifung der alten Muskeln 
und die Teilung der Kerne noch unter dem Sarkolemma des alten 
Muskels (Fig. 3). Zweitens: Erhaltenbleiben von kernhaltigen 
Sarkoplasmasträngen und das Auftreten von Mitosen in diesen 
Kernen (Fig. 4). Drittens: die Teilung der Muskelphagocyten und 
die Bildung junger Muskelfasern (Fig. 5). 

Fall 1. Während der Metamorphose beobachtet man auf 
Larvenlängsschnitten neben altem und degenerierendem Rumpf- 
gewebe Bündel neuer Muskelfasern. Neue Muskelfasern sind leicht 
zu erkennen an der Intensität der Kernfärbung. Bei gelungenen 
Schnitten findet man längs getroffene junge Muskelfasern, die als 
Fortsetzung der alten zu betrachten sind (Fig. 1). Das erste Bündel 


302 W.Smirnowa: 


des segmentalen Muskels (neben dem Steissbein) (siehe die Fig. 1) 
ist ganz aus Jungen Fasern gebildet, das zweite und dritte Bündel 
bestehen zur Hälfte aus jungen, zur Hälfte aus alten Muskelfasern 
und die übrigen Bündel gehören noch dem alten Gewebe an. 
Der histologische Prozess besteht in teilweiser Auflösung der 
(Juerstreifung des alten Muskels und Teilung der Kerne, worauf 
dieselben von neuen Fibrillen umgeben werden. Das alte Bündel 
spaltet sich in eine Anzahl junger Fibrillen in der Richtung der 
Wirbelknorpel. An der Grenze des alten und des neuen Gewebes 
befindet sich immer eine Menge sich teilender alter Kerne (Fig. 3). 

Dieser Prozess ist der Regeneration des Muskelgewebes 
nach Verletzungen ähnlich. Nach der Beschreibung von Harms 
beginnt die Muskelregeneration bei Tritonen an der Grenze der 
verletzten Partie mit Kernteilung. Das Sarkoplasma bildet eine 
Art Knospe, in die die Kerne hineinragen, welche von neuen 
Fibrillen umgeben werden. Daraus folgt, dass neue Froschmuskeln 
durch Jegenerationsprozesse aus dem Sarkoplasma und Kernen 
der alten Muskeln gebildet werden. 

Fall 2. Der Prozess der unmittelbaren Verwandlung der 
alten Muskeln in neue wird nicht immer beobachtet. Sehr oft 
unterliegt das alte Muskelgewebe einer tiefen Degeneration, es bleibt 
nur das Sarkoplasma mit Kernen übrig, die differenzierte Substanz 
verschwindet vollständig. Bei starker Vergrösserung bemerkt 
man im Sarkoplasma eine Menge Körnchen (Fig. 4), die die Reste 
der früheren Streifen der kontraktilen Substanz darstellen; trotz 
dem vollständigen Faserzerfall behalten die Kerne ihr normales 
Aussehen ; einer der letzteren beginnt sich zu teilen (Fig. 4). 

Fall 3. Vom alten Muskelgewebe bleiben nur phagocytierende 
Zellen übrig. Wenn diese Muskelphagocvten an der Stelle des 
zukünftigen Skelettmuskels des erwachsenen Tieres liegen, so sind 
zahlreiche Mitosen und eine Reihe von jungen Muskelzellen zu 
beobachten. Auf Präparaten mit Flemmingscher Lösung fixiert, 
sieht man in den Phagocyten schwarze Fettropfen und solche 
schwarze Tropfen findet man auch in jungen Muskelfasern (Fig. 5). 
Wahrscheinlich behalten diese Zellen nach dem Verdauen der 
Zerfallsprodukte die Fähigkeit, sich zu teilen und sich in neue 
Muskeln umzuwandeln. Ein solcher Vorgang ist nach Typhus 
im Muskelgewebe des Menschen zu beobachten. Volkmann 
beschreibt diesen Prozess folgendermassen: 


Über Regenerationserscheinungen des Muskelgewebes etc. 305 


.1. „Die Muskelregeneration im Typhus geht ausschliesslich 
von den Kernen der degenerierten Fasern und dem sie umgebenden 
Protoplasma aus. 

3. Diese mit Protoplasma umgebenen Kerne entwickeln sich 
innerhalb des Sarkolemms zu muskulären Bildungszellen. 

3. Die Muskelzellen haben eine zweifache Funktion. Die 
erste ist die Resorption und weitere Verarbeitung der wachsartigen 
teste der zerfallenen Muskelfasern. Die zweite ist die Weiter- 
entwicklung zu jungen Muskelfasern.“ 

Die Regeneration des Muskelgewebes bei der Metamorphose 
unterscheidet sich von dem gewöhnlichen Regenerationsprozesse 
dadurch, dass die alten Muskeln, sich der neuen Funktion anpassend, 
die Richtung ändern und neue Befestigungspunkte bekommen. 
Wenn man die Fig. 1 und 2 vergleicht, welch letztere ein späteres 
Stadium darstellt, so sieht man an der Stelle des alten segmen- 
talen Muskels (auf der Höhe des Nervenknotens) einen neuen 
Skelettmuskel. dessen Befestigungspunkte einerseits das Steissbein 
und andererseits der Steisswirbel (9. Wirbel) sind. Von den alten 
segmentalen Muskeln sind nur Septa zwischen den Segmenten 
und Stücke der Muskelsubstanz in den letzten Degenerations- 
stadien geblieben. 

Es wäre von Interesse, zu bestimmen: 1. welche chemischen 
teize den Muskelzerfall hervorrufen und 2. ob eine Regeneration 
der Muskelphagoeyten des Schwanzes unter günstigen Verhältnissen 
möglich ist. Um diese Frage zu verfolgen, beabsichtige ich Ver- 
suche mit Muskelgewebekulturen in vitro anzustellen. 


Zusammenfassung. 


1. Nach den Untersuchungen von Metschnikoff zerfallen 
bei der Metamorphose die Schwanzmuskeln der Frosch- 
larven in Zellen, die aus Sarkoplasma mit Muskelkernen 
bestehen. Diese Zellen verdauen die Muskelzerfallsprodukte 
und werden dadurch zu Muskelphagocyten. 


[6] 


Ein Teil der Rumpfmuskulatur der Larve ist auch der 
Phagoeytose und der vollständigen Degeneration unter- 
worfen. Der andere Teil passt sich der neuen Funktion 
der Skelettmuskeln an: der Prozess beginnt mit einem 
Zerfall der alten Muskeln, aber auf verschiedenen Stadien 


2 


04 W. Smirnowa: 


hört dieser Zerfall auf und die Regeneration des Muskel- 

gewebes setzt ein. 

Die jungen Froschmuskeln entwickeln sich aus den Kernen 

und dem Sarkoplasma alter Muskeln. 

4. Sich der neuen Funktion anpassend, wechseln die Muskeln 
die Richtung und bekommen neue Insertionspunkte. 


> 


Psa,rısı 263:-JJunı 1913: 


Technik. 


Flemmingsche und Carnoysche Fixierlösungen. Die Larven 


wurden ohne Narkose in die Fixierlösung eingetaucht. Carnoys Lösung —= 
6 Teile Alcohol abs., 3 Teile Chloroform, 1 Teil Eisessig. 


In dieser Lösung bleiben die Larven 5 Stunden. Dann 24 Stunden 


in Alcohol abs., 24 Stunden in Xylol, 2—6 Stunden in Paraffin. Färbung: 
Toluidin und Eosin oder Hämatoxylin und Rubin nach Carnoy. 


Nach Fixation mit Flemmingscher Lösung Färbung mit Safranin 


und Lichterün. 


ot 


Literaturverzeichnis. 


Looss, A.: Über Degenerationserscheinungen im Tierreich. Gekrönte 
Preisschritt der Fürstl. Jablon. Ges. zu Leipzig 1889. 

Metschnikoff: Atrophie des muscles pendant la transformation des 
Batraciens. Annales de l’Institut Pasteur, 1892. 

Volkmann, R.: Über die Regeneration des quergestreiften Muskel- 
gewebes beim Menschen und Säugetier. Zieglers Beiträge zur path. 
Anat., 1892, 12. Bd., II. Heft. 

Schaffer: Histologie der quergestreiften Muskelfasern. Sitzungsber. 
d. Kaiserl. Akad. d. Wiss. zu Wien 1893, 102, II. 

Mercier: Phagocytose et Metamorphose. Arch. de Zo0l. Exper., 1906, V. 
Harms, W.: Über funktionelle Anpassung bei Regenerationsvorgängen. 
Regeneration des Schwanzes bei jungen und erwachsenen Urodelen und 
den Larven von Anuren. Arch. f. d. ges. Phys., 1910. 132. 


u 


Uber Regenerationserscheinungen des Muskelgewebes etc. 305 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel XII. 


Stelle des Überganges des alten Muskels in neue Fasern. Längs- 
schnitt. IX W = Neunter Wirbel; NMF — Neue Muskelfäsern ; 
AMF = Alte Muskelfasern; Stb — Steissbein. 

Insertionspunkte des neuen Muskels. Längsschnitt, Ggl = Nerven- 
knoten ; IX W = Neunter Wirbel; NM — Neuer Muskel; DgM — 
Alte, degenerierte Muskeln: Spt — Muskelsepta; Stb — Steissbein. 
Kernmitose unter dem Sarkolemma des alten Muskels. Färbung 
Tol.-Eos. 

Mitose eines Muskelkernes im Sarkoplasma. Körnchenzerfall. Mt — 
Mitose: K — Körnchen. 

Muskelphagocyten und Bildung neuer Muskelfasern. MPh — Muskel- 
phagocyten; Mt — Mitose; NMF — Neue Muskelfasern. 


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Aus dem Neurologischen Institut zu Frankfurt a. M. 


Untersuchungen 
über den Bau und die Innervierung des Dentins. 
Von 


Dr. phil. C. Fritsch, Zahnarzt. 


Hierzu Tafel XIII und XIV. 


Es gibt wohl wenig Fragen der normalen Histologie, die 
so viel umstritten und trotzdem immer noch keiner endgültigen 
Lösung entgegengebracht sind, als die des feineren Baues des 
Dentins und seiner Innervierung. Es sei mir daher gestattet, im 
folgenden über Untersuchungen, die ich seit März 1912 in dieser 
Richtung mache, zu berichten. 


Material und Methode. 


Als Material für die Untersuchungen wurden durchweg intakte, d.h. 
keine pathologisch veränderten Zähne von Homo sapiens, sowie auch von 
Säugetieren (Kalb, Hund, Igel) benutzt. Bei den ersteren wurde Wert darauf 
gelegt, solche junger Individuen, die man ja gelegentlich bei Stellungs- 
anomalien extrahieren muss, zu verarbeiten. Bei den Tierpräparaten zeigte 
sich, dass die Zähne des Igels besonders vorteilhafte Bilder gaben. 

Das gesamte Material wurde in Formol konserviert, was für die an- 
zuwendenden Silberfärbemethoden zwecks Darstellung der Nerven erforderlich 
war (mindestens 4 Wochen). Sodann wurden die Zähne entkalkt nach der 
von Schaffer emptohlenen Methode, über die ausführlich Reich berichtet. 
sowie vor allem eine weitere genaue Darstellung für die Herstellung von 
Gefrierschnitten gibt, denn nur solche konnten in Anwendung kommen, da 
der Hauptwert darauf zu legen war, das Dentin mit dem Pulpengewebe zu- 
sammen als dünnen Schnitt zu erhalten. Technisch ist dies insofern schwierig, 
als bei der Weiterbehandlung der Schnitte, und es sei vorausbemerkt, dass 
sehr komplizierte Färbemethoden angewandt werden mussten, leicht das 
zarte Pulpengewebe sich von dem Dentin, mit dem es doch nur durch feine 
protoplasmatische Fortsätze verbunden ist, losreisst, und natürlich ist so der 
Prozentsatz der wirklich brauchbaren Präparate kein günstiger. 

Dazu kommen nun noch, wenn man so sagen darf, die launischen 
Färbemethoden, denn das sind alle Silbermethoden mehr oder weniger und 
solche kamen meist zur Anwendung. 

Selbstverständlich sind auch alle anderen gebräuchlichen Färbemethoden 
versucht worden, zumal um den normalen Aufbau des Dentins zu studieren, 
da es sich dabei meist um eine elektive Färbung von bestimmten Binde- 


gewebsfasern und protoplasmatischen Fortsätzen handelte. 
Archiv f.mikr. Anat. Bd.84. Abt. I. 21 


308 BaRTIGSs ch: 


Als spezifische Nervenfärbungen wurden versucht eine neue Methode 
nach Münch (Methylenblau), ferner die Öajalsche und Bielschowsky- 
sche Silbermethode. 

Letztere gab mit einigen Modifikationen die besten Resultate. so dass 
dieselbe hier nochmals ausführlich angeführt sei: Die Schnitte kommen von 
Aqua dest. auf 24 Stunden in reines Pyridin. Danach gründliches Aus- 
waschen in Aqua dest., um Niederschläge zu vermeiden, am besten 24 Stunden 
mit öfterem Wechsel des Aqua dest. Sodann werden die Schnitte auf 5—8 Tage 
in 3-Dproz. Argentum nitricum gebracht (im Dunklen aufzubewahren) und 
dann nach kurzem Abspülen in folgender Silberoxydammoniaklösung gefärbt. 
/u 5 ccm 20proz. Argentum nitricum fügt man 5 Tropfen 40 proz. Natron- 
lauge; es erfolgt ein dunkler Niederschlag, der durch tropfenweises Zusetzen 
von reinem Ammoniak zur Klärung gebracht wird (gut umschütteln, auf jeden 
Fall darf kein Ammoniaküberschuss vorhanden sein). 

Diese ammoniakalische Silberlösung wird dann mit Aqua dest. aufs 
vierfache Volumen gebracht und in diese Lösung kommen die Schnitte zu- 
erst 4—5 Minuten. Danach in angesäuertes Aqua dest. (1 Tropfen Eisessig) 
nach Abspülen in 20 proz. Formol zur Reduktion. Nunmehr gründliches Aus- 
waschen in Aqua dest. und die Prozedur von vorne beginnen: jedoch immer 
kürzer im ammoniakalischen Silber lassen. Die besten Resultate wurden 
erzielt nach 10—12maligem Wiederholen dieser Färbung. 

Die Schnitte wurden dann des besseren Aufbewahrens halber vergoldet 
und neuerdings mittels Gelatine zugedeckt. Da sich gerade diese neue 
Zradeckmethode auch für Zahnpräparate sehr gut bewährt, abgesehen von 
ihrer wesentlichen Ersparnis (kein Verbrauch von Alkohol, Xylol und Deck- 
gläser), durch den Umstand, dass es einem besser gelingt, das Pulpengewebe 
nit dem Dentin, soweit es noch nach diesen komplizierten Färbemethoden 
zusammenhängt, zu erhalten; so seien kurz noch einige Worte über diese 
Methode gesagt: Die Schnitte kommen vom Wasser in eine Gelatinelösung, 
von da direkt auf den Objektträger und werden dann nochmals mit dieser 
Gelatinelösung übergossen. Die Gelatinelösung wird hergestellt aus reiner 
(telatine, indem man 10 or derselben mit 100 Aqua dest. zum Quellen bringt, 
sodann im Wasserbade bei etwa 50° verflüssigt, die Lösung im Brutofen 
filtriert. Diese Gelatinelösung hält sich allerdings nur 1--2 Tage. Die über- 
sossenen Objektträger lässt man 24 Stunden trocknen und erhält dann ganz 
einwandfreie Präparate, die man sehr gut mit Ölimmersion betrachten kann. 

Wenn auch aus diesen Ausführungen hervorgeht, dass für die Her- 
stellung der Präparate grosse technische Schwierigkeiten vorhanden sind 
und die Prozentzahl der brauchbaren Präparate eine sehr schlechte ist, so 
muss doch hervorgehoben werden, dass wenn aber auch das Präparat gelingt, 
die Methode so Vorzügliches leistet, dass ich dieselbe nicht missen möchte, 
denn ein Zweifel über die Natur einer Faser kann dann nicht entstehen, 
da die Nervenfaser sich als feiner, scharf markierter, glattrandiger, schwarzer 
Faden gegenüber den Bindegewebsfasern abhebt. Gerade dieser Umstand 
ist, wie die späteren Ausführungen noch zeigen werden, von sehr grosser 
Bedeutung, so dass man die oft vergeblich gemachte Mühe in Kauf 
nehmen muss. 


Untersuchungen über den Bau und die Innervierung des Dentins. 309 


Der Aufbau des Dentins. 

Das Dentin, das die Hauptmasse des Zahnes bildet und im 
Kronenteil von dem Schmelz. im Wurzelteil von dem Zement 
bedeckt wird, besteht aus einer stark verkalkten Grundsubstanz, 
die von den Zahnbeinröhrchen durchzogen wird. Die Grundsubstanz 
hat fibrillären Charakter und zwar stehen die Fibrillen senk- 
recht zu den Röhrchen. Der Verlauf der Röhrchen ist ein sehr 
komplizierter. Nicht allein, dass jedes Röhrchen zwei grosse 
Ausbiegungen, welche zusammen eine Sförmige Linie bilden, 
deren erste Konvexität wurzelwärts, deren zweite kronenwärts 
gerichtet ist, zeigt: sondern auch noch auf diesem Verlaufe zahl- 
reiche kleine Krümmungen, die bald stärker bald schwächer aus- 
gesprochen sind und fast durchgehends Schraubenwindungen dar- 
stellen, aufweisen. Es ist daher nicht wunderzunehmen, dass 
bei der mikroskopischen Untersuchung dieses Gewebes sich so- 
viel Schwierigkeiten bieten, zumal auch durch die Anordnung der 
Röhrchen sich schon leicht optische Trugbilder ergeben. 

Jedenfalls muss aber festgestellt werden, dass jedes dieser 
Röhrchen von einer Membran begrenzt wird. die normalerweise 
der Wand des Röhrchens fest anliegt und sich bei den meisten 
Färbemethoden mehr oder weniger stark färbt. Diese Membran, 
die leider falscherweise in der Literatur als Neumann sche 
Scheide bezeichnet wird, obwohl sie Kölliker bereits 1852 be- 
schrieben hat, scheint mir identisch mit der von Römer durch 
Mazerationsversuche dargestellten Membran, der er nur eine 
falsche Deutung gibt, indem er sie als Begrenzung der Odonto- 
blastenfortsätze, die er auf Grund von @uerschnittsbildern für 
Hohlfasern hält, anspricht. 

Um diese membranöse Scheide herum ist allerdings. wie 
Römer sehr richtig beobachtet hat. eine Zone anscheinend nicht 
stark verkalkter Grundsubstanz, die man aber nur bei gut er- 
haltenen @Querschnittsbildern sehen kann. Im Längssehnitt lässt 
dieselbe sich schwer erkennen, wohl durch das Übereinander- 
lagern verschiedener Zonen, denn man hat bei. einem 10 u 
Schnitt mehrere Röhrchen übereinander im Schnitt erhalten. 
Diese Zone, die von jetzt ab als Römersche bezeichnet werden 
soll, zeigt sehr schön Fig. 1. Dieselbe ist aber nun bei der 
Konservierung sehr leicht Schrumpfungen zugänglich, so dass 


man oft schwer zu deutende Bilder erhält, wie Fig. 2 erkennen 
21* 


310 C. Fritsch: 


lässt. Dieses Präparat zeigt beinahe alle Übergänge, bei a erkennt 
man ein ganz normales Röhrchen. Der innere Ring stellt die 
Scheide des Dentinröhrchens dar. Die darum liegende Römersche 
Zone ist hier gar nicht gefärbt. 

An vielen Stellen jedoch ist durch Schrumpfungserscheinungen 
der Grundsubstanz der Römerschen Zone einerseits und durch 
(uellungserscheinungen der membranösen Scheide des Dentin- 
röhrchens andererseits das Bild so verschoben, dass Stellen wie 
bei b und e nur auf diese Weise zu deuten sind. 

Es besteht also mit Recht die Römersche Ansicht, dass 
um einen sich intensiv färbenden Ring herum erst eine Zone 
Grundsubstanz sich befindet, die der der dentinogenen Schicht 
gleicht, insofern als dieselbe auch auf Farbstoffe wenig, ja bei 
vielen Färbungen fast gar nicht reagiert. 

Der elektiv gefärbte Ring, der die membranöse Auskleidung 
des Dentinröhrchens darstellt, hat eine lichte Weite von etwas 
mehr als 1 «. Zu diesem Messungsresultat kam auch Römer, 
nur deutet er diesen Ring falsch, indem er in ihm die Be- 
grenzung des Odontoblastenfortsatzes sieht, der sich also seiner 
Meinung nach als eine Hohlfaser darstellt. 

Dies ist nun keineswegs der Fall, sondern dieser Odonto- 
blastenfortsatz, der leider auch falsch als Tomessche Faser 
bezeichnet wird, obwohl ihn Neumann zuerst gesehen hat, ver- 
läuft als ein massives (Gebilde innerhalb dieses bis jetzt be- 
schriebenen Dentinröhrchens, wie Fig. 1 und 2 auch an vielen 
Stellen erkennen lassen. Nur sieht man ihn nicht immer, ob 
dies nun daran liegt, dass er sich schwer färbt oder ob er in 
diesen Fällen herausgefallen ist, lässt sich schwer entscheiden. 
Jedenfalls in Längsschnittbildern ist er sozusagen an jedem 
Röhrchen zu sehen und stellt sich immer als ein feiner Faden 
dar, der aber nicht den ganzen Raum des Röhrchens ausfüllt. 
Fleischmann, der auf dieses Verhalten zuerst hingewiesen hat, 
glaubt, dass dieses Bild durch Schrumpfung des Odontoblasten- 
fortsatzes zustande kommt und dass normalerweise das Röhrchen 
vollständig von der protoplasmatischen Faser erfüllt sei. 

Dieser Meinung kann ich mich nicht anschliessen. Natürlich 
soll gerne zugegeben werden, dass derartige Schrumpfungs- 
erscheinungen eintreten; aber nicht in dem Maße. Es muss aber 
auch intra vitam ein Raum zwischen Scheide des Dentinröhrchens 


Untersuchungen über den Bau und die Innervierung des Dentins. 311 


und Odontoblastenfortsatz bestehen, denn ich konnte ihn von der 
Zahnhöhle aus durch folgenden Versuch injizieren. Einem frisch 
extrahierten Zahn wurde nach Trepanation vermittels der Pravaz- 
spritze chinesische Tusche sowie auch Asphaltlösung injiziert, 
der Zahn fixiert und geschnitten. Wie nun Abbildung 3 zeigt. 
gelang es auf diese Weise selbst noch an der Wurzelspitze diesen 
Raum zwischen Odontoblastenfortsatz und Dentinröhrchen zu 
injizieren. also doch ein Beweis, dass wir es hier normalerweise 
mit einem vorhandenen Raum zu tun haben, der nach theoretischen 
Erwägungen nichts anderes sein kann, als ein Lymphraum. Dafür 
spricht die bekannte Tatsache, dass das durch einen Bluterguss 
verfärbte Dentin, falls die Pulpa am Leben erhalten bleibt, wieder 
seine normale Farbe erhält. 

(Wuerschnittsbilder, die von derartig injizierten Zähnen an- 
gefertigt sind, bestätigen, wie Fig. 4 zeigt, nur das bisher Gesagte. 
Man erkennt deutlich überall die Scheide des Dentinröhrchens, 
allerdings ist meist eine Quellung derselben eingetreten auf 
Kosten der Römerschen Zone, die nur selten gut erhalten ge- 
blieben ist. 

Man sieht deutlich, dass nur innerhalb der Scheide die 
Tusche resp. die Asphaltlösung sich niedergeschlagen hat. Die 
Odontoblastenfortsätze sind meist nicht zu erkennen, zumal an 
vielen Stellen die Injektionsmassen das ganze Röhrchen erfüllen. 

Nach diesen Ausführungen über den Bau des Zahnbein- 
röhrchens und seine Beziehungen zum Odontoblastenfortsatz 
müssen nun noch zwei Gebilde ausserhalb des Dentins an seiner 
(‚renze zur Pulpa Erwähnung finden, da gerade das letztere von 
ihnen leicht zu Verwechselungen mit nervösen Elementen Anlass 
geben kann. Es sind dies die bereits 1852 von Kölliker be- 
schriebene Basalmembran und senkrecht zu ihr verlaufende Binde- 
gewebsfasern, die im engsten Zusammenhange mit derselben 
stehen. 

Was die Basalmembran anbelangt, die als perforierte 
Membran das Dentin nach der Pulpa abschliesst und von der 
die Scheiden der Dentinröhrchen ihren Ursprung nehmen, so ist 
dieselbe für die ganze Auffassung der Genese der Scheiden von 
fundamentaler Bedeutung. Trotzdem geriet der Befund dieser 
Membran, die auch als Köllikersches Häutchen bezeichnet 
wurde, 40 Jahre in Vergessenheit, bis dann Fleischmann 1905 


312 @.Rritsch: 


erneut darauf hinwies und sie mit dem Namen Lamina terminalis 
interna belegte. Diese Membran lässt sich durch Mazeration 
mittels Kalilauge mit den von ihr ausgehenden Scheiden der 
Dentinröhrehen ziemlich leicht isolieren, sowie auch mit der 
31elschowsky-Methode färben. Sie stellt sich als ein stark 
fibrilläres Häutchen dar, mitunter von ganz bedeutender Stärke. 
Von der Pulpa her treten Bindegewebsfasern an dieselbe heran, 
die für die Histogenese von weitgehendster Bedeutung sind. 

Es ist mir gelungen, bei eigentlich für Nervenfärbung ver- 
unglückten Bielschowsky-Präparaten Bindegewebsfasern dar- 
zustellen, die korkenzieherartig sich durch die Odontoblasten- 
schicht hindurchschlängeln, sich dann trichterartig auflösen, um 
mit den Enden in die Lamina terminalis resp. die von ihr aus- 
gehenden Scheiden der Dentinröhrchen überzugehen. 

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass wir es hier mit 
den in der Literatur von Ebner während der ersten Entwick- 
lung des Dentins beschriebenen Korffschen Fasern zu tun haben, 
die ja allerdings bereits von Hoehl beschrieben waren. Zwar 
wird ja nun hauptsächlich durch von Ebner sowie von anderen 
Autoren behauptet, dass diese Fasern nach einer gewissen Stärke 
der Dentinbildung (SO «) nicht mehr nachweisbar, also etwas 
vergängliches, embryonales seien und nur Studnicka hat sie 
vereinzelt in noch älteren Stadien gefunden. Kantorowicz hat 
sie allerdings an pathologisch veränderten Zähnen bei der Ersatz- 
dentinbildung auch gesehen und schreibt ihnen eine wichtige 
kolle zu, jedoch konnte er dieselben bei ganz normaler Dentin- 
bildung nicht nachweisen, obwohl er ihre Existenz dabei nicht 
bezweifelt. Dass solche Fasern aber weiterhin in grossem Maße 
bei ganz normalen Zähnen vorkommen, lässt sich mit der 
Bielschowsky-Färbung zeigen. Man erhält Bilder wie Fig. 5. 

Zusammenfassend gebe ich in Fig. 6 eine schematische Dar- 
stellung des Dentins, wie es sich nach den vorstehenden Unter- 
suchungen gestaltet. Man sieht, wie aus dem Bindegewebe der 
Pulpa die Trichterfasern zur Lamina terminalis interna strömen 
und wie aus deren (reflecht sich die Wandscheiden der Dentin- 
röhrchen erheben und jene auskleiden. Nach aussen ist jede 
dieser Scheiden von der Römerschen Substanz umgeben. 

In dem Röhrchen liegt, von der Wandscheide durch einen 
injizierbaren Lymphraum getrennt, der massive Ausläufer der 


Untersuchungen über den Bau und die Innervierung des Dentins. 313 


Odontoblastenzelle, der Odontoblastenfortsatz. In dem Lymphraum 
liegt auch ein grosser Teil der Zahnnerven. 


Die Innervierung des Dentins. 

Das Dentin muss, weil es sehr empfindlich ist, ausser- 
ordentlich reich innerviert sein: über seine Nerven ist deshalb 
sehr viel gearbeitet worden. Wenn diese Studien bisher zu 
keinem sicheren Abschluss geführt haben, so ist der Grund 
darin zu suchen, dass wir bisher keine Methode besassen, die in 
entkalktem Gewebe mit einiger Sicherheit Nerven nachzuweisen 
gestattete. 

Die ersten Angaben über den Verlauf und die Endigung 
der Nerven des Zahnes verdanken wir Boll, der ım Jahre 1868 
eine grundlegende Arbeit über diese Frage veröffentlichte. Boll 
hat auf Grund von Chromsäurepräparaten festgestellt. dass zahl- 
reiche mit Mark versehene Nervenfasern in Bündel von sechs 
bis acht meist in der Längsachse des Zahnes aufsteigen allmählich 
in marklose Fasern übergehen, die besonders unter den Odonto- 
blasten ein dichtes Netzwerk bilden. Vom demselben aus war 
er imstande, den Verlauf von feinen Fibrillen zwischen den 
Odontoblasten zu verfolgen, die er für Nervenfasern hält und 
von denen er annimmt, dass sie in die Zahnbeinröhrchen ein- 
treten, obwohl es ihm nicht gelang, dies nachzuweisen. 

Auf diese Ausführungen Bolls wurde im den kommenden 
Jahren nur immer wieder verwiesen, so von Wedl (1870), 
Waldeyer (1871), Salter (1874), Tomes (1877), Baume 
(1555), bis dann von Weil 1888 dieselben stark angegriffen 
wurden. 

Weil sieht absolut keinen Beweis erbracht, dass es sich bei 
>olls Fibrillen um Nervenfasern handelt, denn sonst hätte er 
dieselben bei seinen gut gelungenen Präparaten, an denen er 
zeigen konnte, dass nach innen von den Odontoblasten sich eine 
Schicht, die er als Basalschicht der Membrana eboris bezeichnete 
und die heutzutage den Namen Weilsche Schicht trägt, die 
aus feinsten durchsichtigen Fibrillen sich zusammensetzt. beob- 
achten müssen. Er konnte jedoch Nervenfasern oder gar Bündel von 
solchen über die Kortikalschicht der Pulpa hinaus nicht feststellen. 

Im Jahre 1891 machte dann Morgenstern seine erste 
Mitteilung über Nerven des Zahnbeins. denen 1895 und 1896 aus- 


314 GAR TA Ssıch: 


führliche Publikationen über diese Frage folgten. Morgenstern 
hat mit allen damals zur Verfügung stehenden Methoden ver- 
sucht, den Verlauf und die Endigung der Zahnnerven klar zu 
stellen und dafür gebührt ihm doch ein Verdienst. Es ist daher 
nicht zu verstehen, dass seine Arbeiten nach kurzen heftigen 
Angrifien einfach in der Literatur keine Erwähnung mehr finden, 
wenn er ja auch sicher bei der Deutung seiner gewonnenen 
Präparate über das Ziel hinausgeschossen ist. Morgenstern 
sah in seinen Präparaten Nerven, die teilweise in den Dentin- 
kanälchen (intratubuläre Fasern), sowie solche. die in der Zahn- 
beingrundsubstanz ausserhalb der Röhrchen (intertubuläre Fasern). 
Die Endigungen verlegt er an die Schmelzdentingrenze, ja sogar 
in den Schmelz hinein. 

Diese Ausführungen wurden von Röse. Walkhoff und 
Römer heftig angegriffen und alle drei Autoren behaupteten, 
dass Morgenstern sich bei der Deutung seiner Bilder Trug- 
schlüssen hingegeben hat, da sich bei den angewandten Silber- 
färbemethoden zu leicht auch andere Fasern elektiv färben. 

Wenig bekannt in der zahnärztlichen Literatur sind merk- 
würdigerweise die Untersuchungen von Ketzius geworden. 
Er hat an Mäusezähnen mit der Chromsilbermethode sicher ge- 
zeigt, dass feine Nervenfibrillen zwischen den Odontoblasten 
verlaufen und hie und da mit ihnen sowie dem Dentin tangieren. 
Ein Eintreten in das Dentin konnte er allerdings nicht fest- 
stellen. 

Diese Befunde konnte Huber 1899 vollauf bestätigen auf 
Grund von intravitalen Methylenblau-Färbungen bei den Pulpen 
von Kaninchen, an denen er auch zeigen konnte, dass die Nerven 
innerhalb der Odontoblastenzone mit verhältnismässig einfachen 
Nervenendigungen in Gestalt von langen Strahlenbündeln von 
langen varicösen Fibrillen endigen. welche unter den Odonto- 
blasten gefunden werden. 

In demselben Jahre berichtet Römer von seinen aus- 
sedehnten Untersuchungen über diese Frage und glaubt feine 
Nervenfasern gefunden zu haben, die in die Zahnbeinröhrchen 
vereinzelt eintreten, während ihres Verlaufes aber im Innern der 
nur 1 « dicken Zahnbeinröhrchen nicht erkennbar sind und erst 
wieder teilweise sichtbar werden in den kolben- und spindel- 
förmigen Erweiterungen der Zahnbeinröhrchen in der untersten 


Untersuchungen über den Bau und die Innervierung des Dentins. 315 


Schmelzpartie. Dort finden sich kleine rundliche und ovale 
Körperchen vor, die seiner Ansicht nach als Endkörperchen der 
sensiblen Nerven angesprochen werden können. Diese Befunde 
hält Römer 1909 selbst für zweifelhaft, da dieselben auf Grund 
der vitalen Methylenblau-Färbung gewonnen sind und man sich 
dabei zu leicht Täuschungen hingibt. Theoretisch hält er es für 
keineswegs zweifelhaft, nur musste noch der histologische Nach- 
weis erfolgen. 

Da nun die Frage nach den Nerven des Dentins bis vor 
kurzem im wesentlichen, wie man sieht, eine offene geblieben 
war, die Empfindlichkeit desselben nicht geleugnet werden konnte, 
so hat man sich vielfach auch nach einer anderen Lösung des 
Problems umgesehen. 

Einige Autoren (Colemann, Hopewell, Smith, Legros, 
Magitöt, Bödecker) halten es für sehr möglich, dass die 
weithin in das Dentin ausstrahlenden Odontoblastenfortsätze die 
Träger der Sensibilität seien. Bis an die Odontoblasten sind ja 
von Retzius und Huber Nerven verfolgt und auch von früheren 
Autoren hat niemand das Vorkommen von Nerven bis an das 
Zahnbein bestritten. Wäre dem aber so, dann hätte man bei 
dem ungeheueren Reichtum von Pulpanerven irgendwelche Ge- 
flechte um die Odontoblasten zu erwarten. Weil dem nicht so 
ist, zahlreiche Nerven an der Grenze des Dentins geradezu ver- 
schwinden, ist man weiter bestrebt. nachzusehen, wohin diese 
gelangen. Meine eigenen Untersuchungen, über die im folgenden 
berichtet werden soll, haben bereits im April 1912 zweifellos 
Nerven in den Zahnbeinröhrchen auffinden lassen. Nerven, die ich 
damals und später wiederholt mit anatomischen Autoritäten, die 
das Neurologische Institut besichtigten, am Präparat diskutieren 
konnte. Ich darf diese Gelegenheit benutzen, den Herren Nageotte, 
Erick Müller, Holmgren, Waldeyer und O. Schulze 
meinen besten Dank zu sagen. 

Gleichzeitig mit mir haben Mummerv und auch Dependort 
auf dem gleichen Gebiet gearbeitet. Dezember 1912 hat Mummery 
eine Arbeit über Nerven im Zahnbein veröffentlicht, die er mittels 
des Beckwirthschen Chlorgold- Verfahrens zur Darstellung 
brachte. Er zeigte, dass die Nervenbündel sich pinselförmig in 
Nervenfibrillen auflösen, die schliesslich nach teilweisem seitlichen 
Ausbiegen in die Zahnbeinröhrchen eintreten. 


316 Ce. Fritsch: 


Schliesslich ist noch im Juni dieses Jahres eine Arbeit von 
Dependorf erschienen, der auch Nerven im Zahnbein nach- 
weisen konnte und zwar mittels Färbungen nach der Methode 
von Löwitz, Bielschowsky und Held. Auf diese Arbeit 
werde ich bei meinen eigenen Befunden noch des öfteren zu 
sprechen kommen, um so mehr als ich Gelegenheit hatte, die 
Präparate selbst einzusehen und mich von ihrer zweifelsohne 
richtigen Deutung zu überzeugen. 


Ich selbst habe mit der oben erwähnten Bielschowsky- 
Technik gearbeitet. Als Nervenfasern wurden nur solche Gebilde 
angesprochen, die sich als glattrandiger gestreckter Faden, an 
dem gelegentlich kleine Varikositäten sind, von der immer mehr 
oder weniger gewellten und unregelmässig gerandeten Binde- 
gewebsfaser wohl unterscheiden liessen. Wenn die letzteren ge- 
legentlich sich ebenfalls mit Silber intensiv imprägniert hatten, 
war die Unterscheidung so schwer, dass von der Benutzung 
solcher Präparate abgesehen werden musste. Aber das Glück 
wollte es öfter, dass sich nur Nervenfasern imprägnierten, das 
Bindegewebe sich nur schwach und viel heller färbte. 

An solchen Präparaten war es dann auch oft 
möglich, das, was ich für Nerven halte, pulpawärts 
direkt bis in die markhaltigen Nervenfasern zu ver- 
folgen. Damit ist der sichere Beweis für die Richtig- 
keit meiner Auffassung gegeben. 

Fig. 7 lässt deutlich erkennen, dass von den parallel zu 
dem Dentin verlaufenden Hauptnervenstämmen aus feine mark- 
lose Fasern horizontal durch die Odontoblastenschicht hindurch- 
treten und in die sogenannte dentinogene Schicht eindringen: 
in derselben meist in den präformierten Dentinröhrchen neben 
dem Odontoblasten verlaufen. also in dem bereits beschriebenen 
Lvmphraum. ‚Jedoch sind die Fasern nur immer bis zur nicht 
stark verkalkten Schicht zu verfolgen, ein Umstand, der leicht 
erklärt wird durch das übermässige Färben dieser Zone. In 
diesem so tief gefärbten (Gewebe lässt sich natürlich kein solelı 
feiner schwarzer Faden, wie sich der Nervenfaden charakterisiert, 
mehr erkennen. Andererseits ist es aber auch nicht möglich, 
weniger stark zu färben, da meist erst nach dem achten bis 


2 


Untersuchungen über den Bau und die Innervierung des Dentins. 317 
zehnten Male wiederholten Färben sich die feinsten Fasern er- 
kennen lassen. 

Es ist somit natürlich auch gar nichts über die Zahl der 
eintretenden Fasern auszusagen, denn wenn man dieselben auch 
nicht sieht. so ist es kein Beweis, dass sie etwa nicht vor- 
handen sind. Es ist gar nicht abzustreiten, ob nicht vielleicht 
in jedes Dentinröhrchen eine solche Faser eintritt, obwohl dies 
nicht anzunehmen ist und zwar aus gleich zu besprechenden 
Gründen. 

Wie nämlich schon Fig. 7 an einer Stelle und Fig. S an 
mehreren Stellen zeigt, verlaufen nicht alle Nervenfasern, die 
durch die Odontoblastenschicht hindurchgetreten sind, in den 
Lymphräumen der Dentinröhrchen, sondern auch quer durch die 
Grundsubstanz, ja manche biegen sogar direkt in ihr um. Diese 
Befunde stimmen nun vollkommen mit denen von Dependortf 
überein. Derselbe hat solche Querfasern allerdings. wie ich mich 
an seinen eigenen Präparaten überzeugen konnte, sogar überall in 
der stark verkalkten Grundsubstanz gefunden. was mir bis jetzt 
noch nicht möglich war. Nur in der dentinogenen Schicht habe 
ich Bilder, wie er sie zeigen konnte, auch gesehen. Gründe dafür 
anzugeben, warum es mir nicht gelang, in stark verkalkter 
Grundsubstanz solche Fasern darzustellen, ist einfach unmöglich. 
denn warum sich bei diesen Silbermethoden das eine oder das 
andere Mal die Nervenfasern sich nicht oder wenigstens nur ganz 
wenig färben, lässt sich nicht sagen. So zeigen Fig. 9 und 10 
beispielsweise zwei Nervenfasern, die ganz besonders stark er- 
scheinen, centripedal sich an den Hauptstamm verfolgen lassen. 
aber in beiden Präparaten die einzigen Fasern sind, die sich ım 
der Odontoblasten- sowie dentinogenen Schicht tingiert haben. Es 
ist dies allerdings verwunderlich. aber in der Nervenhistologie eine 
bekannte Erscheinung. 

Es steht somit also sicher fest, dass das Dentin mit Nerven 
versorgt wird und findet seine Sensibilität eine leichte Erklärung. 
Ja es zeigt sich sogar, dass die Morgensternsche Anschauung. 
es gäbe zwei Systeme von Nervenfasern, richtig ist. Ob aller- 
dings Morgenstern dieselben bereits gesehen hat, wenigstens 
die wirklichen. bleibt dahin gestellt. Jedenfalls muss man nun- 
mehr zwischen Nervenfasern unterscheiden, die in der Grund- 
substanz des Dentins verlaufen, gegenüber solchen, die in die 


318 CaRratsch: 


Dentinröhrchen eintreten und dort in dem von mir jetzt auf- 
gefundenen Lymphraum verlaufen. 

Es bleibt nunmehr nur noch die Frage often, wo haben 
wir die Endigungen zu suchen und zwar von beiden Systemen. 
Bleiben die ersteren in der Grundsubstanz und endigen in der- 
selben und verlaufen die letzteren durch das ganze Röhrchen 
und treten etwa gar in den Schmelz ein. Das sind beides offene 
Fragen, deren Lösung einzig und allein von der mikroskopischen 
Technik jabhängt. Sollte diese sich für derartig schwer zu be- 
handelnde Objekte bald weiter vervollkommnen, so werden auch 
diese Fragen sicher bald einer wirklichen Lösung entgegen- 
gebracht. 

Jedenfalls ist von grossem Werte, dass nunmehr alle 
Theorien über die Sensibilität des Zahnbeins hinfällig sind, 
nachdem der sichere Beweis der Nervenversorgung desselben er- 
bracht ist. Somit kann natürlich den Odontoblasten bei der 
Bildung des Dentins eine grössere Rolle wieder zugesprochen 
werden, wie weit jedoch, darüber müssen erst weitere Arbeiten 
Aufschluss geben, denn die mit Nervenfasern so leicht zu ver- 
wechselnden Trichterfasern (Korffsche), deren Nachweis mir auch 
bei ausgebildeten Zähnen gelungen ist, sprechen sicher bei diesen 
Bildungsprozessen eine nicht wenig bedeutende Rolle. 

Herrn Prof. Edinger, Herrn Dr. Doinikow und Herrn 
Dr. Stendell. die laufend meine Präparate kontrolliert haben, 
danke ich für ihr freundliches Interesse. 


Literaturverzeichnis. 


Boll, F.: Untersuchungen über die Zahnpulpa. Arch. f. mikr. Anat., IV, 1868. 

Dependorf: Ergebnisse eigener Untersuchungen über Innervierung des 
menschlichen Zahnes mit Berücksichtigung der Hartsubstanzen. Deutsch. 
Monatsschr. f. Zahnheilk., 31. Jahrg., H. 6, 1913. 

v. Ebner: Über scheinbare und wirkliche Radiärfasern des Zahnbeines. 
Anat. Anz., Bd. 34. 

Fleischmann, L.: Histologie und Histogenese der Zähne. Ergebn. d. 
ges. Zahnheilk., I. Jahrg., H. 1, 1911. 

Huber, G. ©.: Die Innervation der Zahnpulpa. Correspondenzbl. f. Zahn- 
ärzte, Bd. XXVIII, 1899, H. 1. 

Kantorowiez, A.: Zur Histogenese des Dentins, insbesondere des Ersatz- 
dentins. Deutsche Monatsschr. f. Zahnheilk., 1910, H. 8. 


Untersuchungen über den Bau und die Innervierung des Dentins. 319 


v. Korff: Die Entwicklung der Zahnbeingrundsubstanz der Säugetiere. 
Arch. f. mikr. Anat. u. Entwicklungsgesch., Bd. 67. 

Derselbe: Entgegnung auf die v. Ebnersche Abhandlung „Über scheinbare 
und wirkliche Radiärfasern des Zahnbeins“. Anat. Anz., Bd. 55. 
Morgenstern, M.: Vorläufige Mitteilung von Nerven im Dentin. Deutsche 

Monatsschr. f. Zahnheilk., 1892, H. i0. 

Derselbe: Vorkommen von Nerven in harten Zahnsubstanzen und eine 
Methode, sie aufzufinden. Deutsche Monatsschr. f. Zahnheilk., 1895, H.3. 

Derselbe: Über die Innervation des Zahnbeins. Arch. f. Anat. u. Phys., 1896. 

Derselbe: Der gegenwärtige Standpunkt unserer Kenntnis der Zahnbein- 
nerven. Correspondenzbl. f. Zahnärzte, 1899, H. 2. 

Mummery, H.: A short Supplementary Note on the Nerves of the Dentine. 
Proceedings of the Royal Society of Medizine, 1912, Dezember. 
Reich, P.: Das irreguläre Dentin der Gebrauchsperiode. Marburg 1906. 
Retzius: Zur Kenntnis der Nervenendigungen in den Zähnen. Biologe. 

Untersuchungen, 1892. 

Derselbe: Über die Nervenendigungen in den Zähnen von Amphibien. Biolog 
Untersuchungen, 1893. 

Derselbe: Zur Kenntnis der Endigungsweise der Nerven in den Zähnen der 
Säugetiere. Biolog. Untersuchungen, 1894. 

Römer, ©.: Über Sensibilität des Zahnbeins. Deutsche Monatsschr. f. 
Zahnheilk., 1899, H. 9. 

Derselbe: Über die Pathologie der Zahnpulpa. Verh.d. V. Intern. Zahnärztl. 
Kongresses, Berlin 1909. 

Derselbe: Veränderungen der Dentinkanälchen bei der Zahnkaries. Verh. 
d. V. Intern. Zahnärztl. Kongresses, Berlin 1909. 

Derselbe: Atlas der pathologisch-anatomischen Veränderungen der Zahnpulpa 
nebst Beiträgen zur normalen Anatomie von Zahnbein und Pulpa beim 
Menschen. Freiburg 1909. 

Röse: Über Nervenendigungen in den Zähnen. Deutsche Monatsschr. f. 
Zahnheilk., 1893, H. 2. 

Studniäka: Die radialen Fibrillensysteme bei der Dentinentwicklung und 
im entwickelten Dentin der Säugetiere. Anat. Anz., Bd. 30. 

Walkhoff: Abwehr des Herrn Morgenstern. Deutsche Monatsschr. 
f. Zahnheilk., 1902, H. 9. 

Weil: Zur Histologie der Zahnpulpa. Deutsche Monatsschr. f. Zahnheilk., 
1887, H..9; 1888, H..1. 


320 


©. Fritsch: Untersuchungen über den Bau etc. 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel XIII und XIV. 


Dent. 
D.-Grasbst. 
Dentinog. Sch. 
Inj. Lymphr. 
Lam. ter. int. 
Lymphr. 
markhalt. N. 
marklos. N. 
Odont.-Frts. 
Odont.-Z. 
Röm. Z. 


Scheid. Dröhr. — 


Trieht.-fas. 
verkalkt. Dent. 


Dentin. 

Dentin-Grundsubstanz. 

Dentinogene Schicht. 

Injizierter Lymphraum. 

Lamina terminalis interna. 
Lymphraum. 

markhaltige Nervenfaser. 

marklose Nervenfaser. 
Odontoblasten-Fortsatz. 
Odontoblasten-Zelle. 

Römersche Zone der Dentingrundsubstanz. 
Scheide des Dentinröhrchens. 
Triehterfasern (Korffsche Fasern). 
verkalktes Dentin. 


Querschnitt durch das Dentin eines Molaren. Gut erhalten. Biel- 
schowsky- Färbung. 
Fie. 2. Querschnitt durch das Dentin eines Molaren. 


Hämatoxylin-Färbung. 


Schlecht erhalten. 


Fig. 3. Längsschnitt durch das Dentin eines mit Tusche injizierten Eck- 
zahnes. Hämatoxylin-Färbung. 

Fig. 4. Querschnitt durch das Dentin eines mit Asphaltlösung injizierten 
Molaren. Hämatoxylin-Färbung. 

Fig. 5. Längsschnitt durch das Dentin einrs Prämolaren. Bieschowsky- 
Färbung. 

Fig. 6. Schematische Darstellung des Baues eines Dentinröhrchens. 

Fig. 7. Längsschnitt durch einen Prämolaren. Dentin mit Pulpa. Biel- 
schowsky- Färbung. 

Fig. 8. Längsschnitt eines Eekzahnes. Dentin mit Pulpa. Bielschowsky- 
Färbung. 

Fie. 9. Längsschnitt eines Eckzahnes. Dentin mit Pulpa. Bielschowsky- 
Färbung. 

Fig. 10. Längsschnitt eines Eckzahnes. Dentin mit Pulpa. Bielschowsky- 


Färbung. 


321 


Aus dem Histologisch-embryologischen Institut der Universität München. 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse in der 
embryonalen Leber des Huhns. 
Von 


R. Haff. 


Hierzu Tafel XV und XVI. 


Inhalt: Seite 
eMaterialsund Methoden =... .. rast ee a 
Biberaturübersicht „4% wine as Are A msela 2323 
Dmlintersuchungen 2 2 un er 331 
4. Zusammenfassung der Ergebnisse . . .........346 
Dselnderatumg nn. ee er ee AT 
6. Erklärung der Abbildungen auf Tafel XV und XVI . 349 


1. Material und Methoden. 

Zur Untersuchung kamen Embryonen des Hühnchens vom 
3. Bebrütungstag an bis zum Abschluss der embryonalen Epoche. 
Als Fixierungstlüssigkeiten benutzte ich die Zenkersche Lösung, 
Zenker-Formol in der von Helly angegebenen Modifikation, 
Formalin-Müller-Lösung nach Orth, 96prozentigen Alkohol 
(Fixierungsdauer bis zu 6 Stunden, öfteres Wechseln der Flüssig- 
keit), Carnoy, Flemmingsche Flüssigkeit. Die Fixierungs- 
dauer richtete sich nach dem Alter und der Grösse des Objektes. 
Als Einbettungsmittel verwendete ich Paraffin. Diese verschiedenen 
Fixierungsmethoden kamen für Embryonen der gleichen Bebrütungs- 
dauer in Anwendung, um dadurch die Möglichkeit einer einseitigen 
Darstellung der (Gewebselemente auszuschliessen. Maximow (15) 
betrachtet Zenker-Formol als vorzügliches Fixierungsmittel aller 
embryonalen Gewebe und vornehmlich des Hämoglobins und hat 
es auch in seinen verschiedenen Arbeiten fast ausschliesslich 
angewandt. Ich habe bei meinen Präparaten beobachtet, dass 
Zenker-Formol das Protoplasma aller Zellen, besonders der Blut- 
stammzellen und ihrer Differenzierungsprodukte. durchschnittlich 
gut und gleichmässig fixiert. Für die Darstellung des Kernes 
hat es sich aber nicht immer als ganz einwandfrei erwiesen. 


322 R:sHahfr 


Zum Vergleich kamen deshalb auch andere Fällungsmittel in 
Anwendung, um so eventuelle Irrtümer auszuschalten. 

Färbungsmittel: Giemsa-Lösung (Grübler), zwei Tropfen 
auf 1 ccm destilliertes Wasser. Färbungsdauer 20—40 Minuten 
und auch länger. Eine dauerhaftere, doch ebenso schöne Färbungs- 
methode ist die mit Eosin-Azur II (Grübler), nähere Angaben 
siehe Maximow (18). Die Differenzierung erfolgt in 96 proz. 
Alkohol, bis keine Farbwolken mehr abgehen, dann kurz in abso- 
lutem Alkohol und darauf durch drei Portionen reinsten Alkohols 
in Toluol. Des weiteren verwandte ich die Eosin-Orange-Toluidin- 
blaufärbung nach Dominici und die Mallorysche Bindegewebs- 
färbung. 

Durch die Art der Bebrütung sind grosse Unterschiede in 
der Entwicklung der Embryonen gegeben. Ungleiche Resultate 
werden erzielt in den verschiedenen Jahreszeiten, bei Änderungen 
der Temperatur des Brutschrankes, bei mangelhafter oder fehlender 
zeitweiser Abkühlung der Eier usw. Von der Henne bebrütete 
Eier lieferten weiterentwickelte Objekte. Für jedes einzelne 
Stadium kamen deshalb vier bis fünf Embryonen verschiedener 
Serien, auch von verschiedenen Jahreszeiten, zur Untersuchung 
und nur so gelang es mir, einwandfreie Angaben über die Dauer 
der blutbildenden Prozesse zu geben. 


Literaturübersicht. 


Die Literatur gibt uns nur geringe Anhaltspunkte über die 
blutbildende Fähigkeit der embryonalen Vogelleber, resp. deren 
Endothelien oder Bindegewebe, wie dieselbe z. B. für die Säuge- 
tiere festgestellt ist. \an der Stricht (27) bringt einige 
bemerkenswerte Angaben über hämatopoetische Prozesse in der 
Hühnerleber. Er schreibt derselben von einem bestimmten Zeit- 
punkt der Bebrütung an blutreifende Funktionen zu. Stadien 
vom 3., 4. und 5. Bebrütungstage bieten, daraufhin betrachtet, 
noch wenig Interesse. Das Leberblut verhält sich in seiner 
Zusammensetzung wie das anderer Organe. Vom 5.—6. Tag an 
vermindert sich aber die Zahl der Erythroblasten in dem im 
Umlauf befindlichen Blut und vermehrt sich dementsprechend in 
der Leber. Die Leberkapillaren dehnen sich aus, die Zahl der 
jungen Blutkörperchen wird beträchtlicher. Man findet grosse 
(refässe, vergleichbar den zu- und abführenden Blutwegen und 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse ete. 32: 


Kapillaren, die enger sind. Beide Arten von Gefässen unter- 
scheiden sich sehr wesentlich. In ersteren befinden sich haupt- 
sächlich fertige Blutelemente, Erythroblasten bis zu 30°/o. In 
den Kapillaren sind vornehmlich an der Peripherie des Organs 
kleine Blutinselchen, die gebildet werden von etwa 10—15 Ery- 
throblasten an Stelle von einem oder zwei fertigen roten Blut- 
körperchen. Vermehrung dieser jungen Blutelemente durch in- 
direkte Teilung. Van der Stricht findet, dass die Erythroblasten 
des strömenden Blutes an den Übergangsstellen der zuführenden 
in die abführenden Leberkapillaren anhalten und sich dort nach 
und nach durch indirekte Teilung in fertig entwickelte Blut- 
körperchen differenzieren. Diese Blutbildungsherde liegen dem- 
entsprechend intrakapillär, vom Leberparenchym durch eine ein- 
fache endotheliale Scheidewand getrennt. Aus dem Gefüge der 
Scheidewand kann kein Schluss auf die Art des Gefässes gezogen 
werden, nur der Inhalt berechtigt zur Entscheidung, ob es sich 
um ein zuführendes oder abführendes handelt. Der die Kapillaren 
passierende Blutstrom reisst junge Blutkörperchen mit und so 
finden sich anscheinend in den ausführenden Gefässen immer 
mehr Erythroblasten wie in den zuführenden. Die embryonale 
Hühnerleber hat also nach van der Stricht von einem ge- 
wissen Zeitpunkt ab blutreifende Funktion, geschlossene Gefäss- 
wände und kein retikuläres Gewebe zwischen diesen und den 
Drüsenschläuchen. Der Prozess dieser Blutreifung spielt sich 
innerhalb der Gefässe ab und gewinnt keine besondere Bedeutung. 
In den Arbeiten Bizzozeros sind solche untergeordnete intra- 
kapilläre Blutbildungsprozesse in der Leber gleichfalls erwähnt. 
Um so zahlreicher und erschöpfender sind die Angaben über die 
Entwicklung des Blutes im Dottersack, im Bindegewebe und 
Knochenmark des Embryö. Besondere Beachtung verdienen 
mehrere Arbeiten neueren Datums von W. Dantschakoff (2. 
3, 4 und 5), welche diese Kapitel bei vollkommener Berück- 
sichtigung der vorhandenen Literatur und mit Zuhilfenahme 
moderner Untersuchungsmittel behandelt. Das Ergebnis dieser 
Forschungen ist, kurz zusammengefasst, dass die Blutbildung 
beim embryonalen Vogel von einer aus dem indifferenten Mesen- 
chym entstandenen Mutterzelle als gemeinsamer Stammform für 
die verschiedenen Elemente des kreisenden Blutes ausgeht, dass 


aber Leukopoese und Erythropoese streng topographisch getrennt 
Archiv f.mikr. Anat. Bd.84. Abt. 1. 22 


324 R. Haff: 


vor sich gehen, erstere extravaskulär, letztere aber intravaskulär. 

Ich werde im speziellen Teil eingehender auf diese Abhandlungen 

zurückkommen müssen, da in der embryonalen Vogelleber auch 

wieder nichts anderes als Bindegewebe und Endothelien die 

Grundlage für eine Hämatopoese bilden, allerdings unter anderen 

Bedingungen wie im übrigen Körper, was aus der Beschaffenheit 

des Organs an und für sich schon hervorgeht. Es besteht eine 

gewisse Ähnlichkeit mit der Blutbildung in der Säugetierleber. 
wenn wir von der dort konstatierten Stärke und Dauer des 

Prozesses absehen wollen. Deshalb möchte ich die darauf sich 

beziehende Literatur hier kurz berücksichtigen. 

Eine einheitliche. übereinstimmende Bearbeitung hat die 
Frage über die Herkunft der jungen Blutelemente und über 
die Dauer der Blutbildung in der embryonalen Säugetierleber 
nieht erfahren. Darin stimmen jedoch fast alle Autoren über- 
ein, dass die Blutzellen sich nicht aus dem Parenchym ableiten. 
Nur Janosik glaubt, dass Leberzellen durch Wucherung junge 
rote Blutkörperchen liefern können. 

Es wird eine Blutzellenbildung angenommen: 

1. intravaskulär. 

a) Durch den Blutstrom eingeschwemmte Stammzellen liefern 
auf dem Wege der indirekten Teilung die fertigen Blut- 
elemente. 

b) Die Hämatopoese geschieht durch Teilung von Endothel- 
zellen ins Gefässlumen hinein. 

extravaskulär. 

a) Durch Teilung von Endothelzellen nach aussen. 

b) Durch schon von Anfang vorhandenes indifterentes Binde- 
gewebe. 

Van der Stricht bringt die Blutzellenbildung in Zu- 

sammenhang mit der Gefässneubildung. Er schreibt jedoch dem 

endothelialen Zwischengewebe primär nicht die Funktion der 

Hämatopoese zu. sondern leitet im (Gegenteil die Entstehung 

der Gefäßsprossung von den sesshaft gewordenen Zellen des 

strömenden Blutes ab. Er unterscheidet zwei Stadien der Blut- 
bildung während der embryonalen Entwicklungszeit. Das erste 
entspricht genau dem eben für das Huhn geschilderten: eine 
einfache geschlossene endotheliale Membran als Wand der Leber- 
kapillaren. dem Leberparenchym dicht anliegend. Die Leber hat 


ID 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse etc. 325 


eine blutreifende Funktion insofern. als zu dieser Zeit jugend- 
liche Elemente des Blutes und deren Teilungsformen in den 
Lebergefässen in grösserer Anzahl zu finden sind wie in dem in 
Umlauf befindlichen Blut der anderen embryonalen Organe. Ein 
Unterschied besteht nach seinen Angaben schon hier. Beim Huhn 
nämlich findet er unter den jugendlichen Blutzellen nur Erythro- 
blasten, beim Säugetier aber gibt er zwei Formen von Vorstufen 
an. Es sind dies: 

l. Erythroblasten, kernhaltige rote Biutkörperchen: 

2. Leukoblasten,. fein granulierte, basophile, hämoglobinfreie 

Zellen mit rundem, selten irregulärem Kern. 

Im zweiten Stadium hat die Leber insofern Anteil an der 
Blutbildung, als an manchen Stellen das Endothel verschwindet 
und die jugendlichen Elemente des strömenden Blutes sich eng 
an das Parenchym anlegen können. sogar in Ausbuchtungen 
zwischen die Leberzellen zu liegen kommen, oder dass das 
Kapillarendothel blind endigende Sprossen in das Drüsengewebe 
hineintreibt. in denen sich dann die Stammzellen als Häufchen 
ansammeln. Das Endothel schwindet hier ebenfalls vorübergehend, 
später wird es aus den peripher gelegenen Stammzellen wieder 
gebildet. 

Er verleiht also für dieses Stadium den Stammzellen des 
kreisenden Blutes neben der Fähigkeit, fertige Blutelemente zu 
bilden, auch die der Endothelbildung. 

Für eine spätere Stufe der Entwicklung schildert van der 
Stricht ein zwischen dem Leberparenchym gelegenes adenoides 
(Gewebe als Grundlage für die Entstehung von Blutinseln, seine 
Herkunft ist für ihn nicht ganz sichergestellt. Er glaubt, dass 
dasselbe aus den Leukoblasten hervorgeht. Die Endothelbildung 
seht hier Hand in Hand mit der Blutzellenbildung. In beiden 
Fällen schreibt van der Stricht den zirkulierenden jugendlichen 
Blutelementen die Fähigkeit der Gefässbildung zu, den im inter- 
parenchymatösen (sewebe gelegenen Blutzellen sowohl, als auch 
den aus Leukoblasten entstandenen Elementen der Blutinseln des 
adenoiden (sewebes. 

Fast 20 Jahre früher wie dieser Autor hat Neumann (23) 
auf die eigentümliche Lage der jungen Blutelemente in der 
embryonalen Säugetierleber hingewiesen. Sie finden sich als Inseln 


in Erweiterungen der Kapillaren, welche in die Leberzellen 
22* 


326 R. Haff: 


blindsackähnliche Ausbuchtungen hineintreiben. Zwischen Leber- 
parenchym und Blutelementen ist ein endotheliales Zwischengewebe 
eingelagert, das nach seiner Ansicht blutbildende Funktion hat. 
Neumann bringt die Entstehung der jungen Blutelemente 
in Zusammenhang mit einer während der ganzen Dauer des 
embryonalen Lebens zu konstatierenden Neubildung des kapillären 
Gefäßsystems. Auch Kostanecki (16) nimmt für die ganze 
embryonale Entwicklungszeit eine intravaskuläre Blutbildung an. 
Übereinstimmend mit Neumann findet auch er diese in Aus- 
buchtungen des Lebergewebes gelegenen Blutinseln. Der Prozess 
der Blutbildung ist seiner Ansicht nach abhängig von der Gefäss- 
neubildung, und er lokalisiert sich dementsprechend ausschliesslich 
auf das Gebiet der neugebildeten Kapillaren, die der Autor 
Blutbildungskapillaren nennt. Letztere sind geschlossen. Wie 
van der Stricht, so nimmt auch er an, dass die Blutstammzellen 
in die Lebergefässe eingeschwemmt werden und sich erst dort 
weiterdifferenzieren, ohne dass das Gefässendothel sich an der 
Blutbildung mit beteiligt. Während aber ersterer Autor für die 
roten und weissen Blutkörperchen zwei verschiedene Stamm- 
zellen anführt, die Erythroblasten und die Leukoblasten, gibt 
Kostanecki für beide Arten eine gemeinschaftliche Stammform 
an. M. B. Schmidt (25) wendet sich gegen die Anschauung, 
dass jugendliche Blutzellen vom Blutstrom eingeschwemmt werden 
und in der Leber sich dann weiterdifferenzieren. Er nimmt 
eine extra- und intravaskuläre Blutbildung an. Muttergewebe 
sind die Endothelien der Kapillaren. Auch er findet die in dem 
Lebergewebe in Form von Buchten liegenden Blutinseln. Die 
Stammzellen sind hämoglobinlos, ähneln Leukozyten und liefern die 
roten Blutkörperchen. Ganz neue Gesichtspunkte gibt Saxer (24). 
Er bringt das Mesenchym des Septum transversum in Zusammen- 
hang mit der Blutbildung insofern, als frühzeitig aus diesem 
Gewebe sich loslösende wandernde Elemente, „primäre Wander- 
zellen“, zwischen die wuchernden Leberzellen gelangen. Von 
diesen Wanderzellen nun geht die Blutbildung aus, extravaskulär 
und unabhängig von den sich entwickelnden Gefäßsprossen. Solche 
Wanderzellen gelangen aber auch, vom Blutstrom eingeschwemmt, 
durch die Kapillarwand in das Lebergewebe, sie teilen sich 
extravaskulär, bilden die schon von früheren Autoren beobachteten 
Blutinseln und fungieren als gemeinschaftliche Stammform für 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse etc. 327 


Erythrozyten und Leukozyten. Über die Bewegung dieser Blut- 
elemente in die Gefässräume werden keine bestimmten Anhalts- 
punkte gegeben. Ein Teil der neueren Arbeiten hat die Frage 
über den Ausgangspunkt der Blutbildung in der embryonalen 
Säugetierleber nicht erheblich gefördert. So wiederholen Schridde 
(26) und Lobenhoftfer (17) im grossen und ganzen die Darlegung 
Neumanns und M. B. Schmidts. Schridde findet erst in 
späteren Stadien bei einem menschlichen Embryo von 12,5 und 
13 mm Länge extravaskulär gelegene Blutbildungsinseln, deren 
Entstehung er mit dem Gefässendothel in Zusammenhang bringt. 
Die Stammzellen der Erythrozyten- und Granulozytenreihe sind 
seiner Ansicht nach nicht identisch. Sie stammen von Endothelien, 
den gemeinsamen Mutterzellen der extravaskulären Myeloblasten, 
Erythroblasten und Riesenzellen. Die ganze embryonale Epoche 
teilt er in zwei Abschnitte, im ersten Abschnitt findet er nur 
intravaskuläre Blutbildung, der zweite beginnt mit der eben 
erwähnten extravaskulären Blutbildung bei Embryonen von 
12,5 mm Länge. 

Nägeli und Wain verlegen den Prozess der Leukopoese 
in das perivaskuläre Gewebe. Die Bildungszellen der Gefässanlage 
liefern nach ihrer Ansicht Endothelzellen und rote Blutkörperchen, 
letztere liegen ausschliesslich intrakapillär. In neuester Zeit hat 
Maximow (15) in seinen Untersuchungen über Blut und Binde- 
gewebe auch die Hämatopoese in der embryonalen Säugetierleber 
beschrieben. Als Untersuchungsmaterial dienten ihm Embryonen 
des Kaninchens, der Katze, Ratte und Maus. Seine Angaben 
decken sich. was die Erythropoese anlangt, hauptsächlich mit 
den Saxerschen Anschauungen. Vor dem 12. Tag der Ent- 
wicklung bemerkt der Autor beim Kaninchen noch keine Blut- 
bildungsherde. Das Mesenchym des Septum transversum ist das 
grundlegende Gewebe für die Blutbildung. Die wachsenden 
Leberzellenstränge schieben sich in kompakten Gruppen in die 
Maschen des Septum hinein, teilweise finden sie sich aber auch 
in Häufchen von nur zwei oder drei Zellen oder sogar einzeln 
von den übrigen abgetrennt oder isoliert im lockeren Mesenchym 
liegend. Es entstehen so, entsprechend dem Wachstum der 
Drüsenschläuche, schmälere oder breitere Mesenchymstreifen, in 
welche zugleich auch die präexistierenden Leberkapillaren als hohle 
Sprossen hineingreifen. Das Mesenchymgewebe ist kleinzellig, 


328 R. Hafsf: 


die Ausläufer bilden ein dichtes Netz, in dem sich häufig kleine 
Zellen mit hellem Protoplasma und dunklem, unregelmässigem 
Kern finden. Nach der Ansicht Maximows entstehen diese 
Elemente — er nennt sie Wanderzellen — aus dem indifferenten 
Mesenchym. Sie bilden die Vorstufen seiner „grossen Lympho- 
zyten“. Bei den durch das weitere Wachstum des Lebergewebes 
bedingten Verschiebungen des Drüsenparenchyms und der Gefässe 
finden sich die ursprünglich durch Protoplasmafortsätze unter- 
einander verbundenen Mesenchymzellen einzeln zerstreut zwischen 
Endothel und Lebergewebe, daneben auch die oben erwähnten 
Wanderzellen. Der Blutbildungsprozess beginnt in den mehr 
zentral gelegenen Partien, wo der eben beschriebene Zustand 
— Lebergewebe, Mesenchym und Endothel — schon hergestellt 
ist. In den peripheren Partien des Organs werden die Leber- 
zellenstränge und (refäßsprossen weiter, und hier behält das 
Mesenchym dementsprechend noch seinen indifferenten Charakter 
bei. Die zwischen Endothel und Leberzellen liegenden kleinen 
mesenchymatischen Elemente verwandeln sich ebenfalls zu Wander- 
zellen und diese durch Vergrösserung des Protoplasmas und des 
Kernes zu den grossen Lymphozyten. Letztere produzieren nun 
durch „differenzierende Wucherung“ die Zellen der Erythrozyten- 
stammreihe, Megaloblasten, Normoblasten und Erythroblasten. 
Dass diese Blutelemente an Ort und Stelle sich entwickeln, steht 
für den Autor ohne allen Zweifel fest. Die Lymphozyten liefern 
auch die Riesenzellen und die gekörnten Leukozyten. Über die 
Art des Austretens der Blutelemente in die Gefässlumina spricht 
sich der Autor unbestimmt aus. Das Gefäßsystem hat sich seiner 
Ansicht nach in Form von hohlen Sprossen mit geschlossener 
Endothelwand entwickelt. Diese wachsen von den präexistierenden 
Leberkapillaren aus in das Mesenchym hinein. Er findet nun 
die Blutstammzellen und ihre Differenzierungsprodukte nicht nur 
extra-, sondern auch intravaskulär und nimmt an, dass sie durch 
aufgelockertes Endothel in die Gefässlumina gelangen. Es ist für 
ihn aber auch sichergestellt, dass vom Blutstrom eingeschwemmte 
Lymphozyten und primitve Erythroblasten sich in den Leber- 
kapillaren anhäufen — wahrscheinlich wegen verlangsamter 
Strömung — und dort weiterentwickeln (siehe die Ansichten 
van der Strichts). Dieser Prozess tritt allerdings in den 
Hintergrund. Maximow gibt auch die Möglichkeit zu, dass 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse etc. 329 


Lymphozyten aus dem Gefäßlumen durch das aufgelockerte Endothel 
in das perivaskuläre Gewebe auswandern können. 

Nene Gesichtspunkte. besonders über das Verhältnis von 
Retikulum zu Endothelien, finden wir in einer Arbeit von 
S. Mollier (20) vertreten. Zur Untersuchung kamen Embryonen 
der verschiedensten Säugetiergattungen. Nach seinen Angaben 
erstreckt sich die Blutbildung über die ganze embryonale Epoche. 
Grundlage für die Hämatopoese bildet ein offenes jugendliches 
Mesenchymgewebe. dessen Zellen kurze protoplasmatische Ausläufer 
haben. Dieses Material wird vom visceralen Blatt des Mesoderms 
eebildet — er nennt es Retikulum — und differenziert sich zu 
Endothelien, Blutzellen und Stützgewebe. Zwischen Peritoneum 
und Retikulum besteht ein enger Zusammenhang. Wir begegnen 
hier zum erstenmal der Ansicht, dass die Gefässanlagen fast 
ausnahmslos offene retikuläre Wand besitzen. die unvermittelt 
in das anliegende mesenchvmatische Gewebe übergeht. Durch 
die durchbrochene Wand dieser blutbildenden (Gefässanlagen 
gelangen die Blutelemente in die Gefässlichtung. Der Autor 
schreibt über das Lagerungsverhältnis von Lebergewebe und 
tetikulum: „Das Leberzellenbalkennetz, zentrifugal auswachsend. 
dringt mit sich gabelnden Sprossen in das Retikulum ein und 
erhält dadurch an seiner Oberfläche einen dicht anliegenden 
Überzug desselben. Dieser Überzug ist aber wieder nichts 
anderes als die retikuläre Kapillarwand. von der wir eben 
gesprochen haben.“ An manchen Stellen grenzt die Gefässlichtung 
direkt an diesen eng anliegenden mesenchymatischen Überzug 
des Lebergewebes und solche Stellen täuschen geschlossene 
Kapillarwände vor. Mollier bringt nun verschiedene Schnitte 
zur Darstellung, in denen anscheinend geschlossenes Endothel 
mit anliegenden Blutinseln in ein offenes retikuläres Gewebe 
übergeht. Es ist so die schon von früheren Autoren beobachtete 
eigentümliche Lage der Blutzellen in verständlicher Weise geklärt 
und in einen Zusammenhang mit dem Muttergewebe gebracht. 
Der Prozess der Erythropoese ist in der embryonalen Säugetier- 
leber vorherrschend. Die Elemente des indifferenten Retikulums 
liefern die Stammzellen — er nennt sie Hämogonien — die auf 
dem Wege ihrer Umgestaltung eine Veränderung in dem Sinne 
erfahren, dass die starke Basophilie des Protoplasmas immer mehr 
abnimmt und der ursprünglich helle Kern entsprechend der 


330 RBaTTE 


weiteren Differenzierung sich immer dunkier färbt. Diese 
Beobachtungen stimmen mit den Angaben anderer Autoren 
überein. Das Leberbindegewebe ist während der Embryonalzeit 
zugleich auch der Ausgangspunkt für eine Leukopoese, bei der 
als gemeinsame Stammzelle wiederum dieselbe „Hämogonie“ wie 
bei der Erythropoese mit allen ihren morphologischen Charakte- 
ristika funktioniert. 

Die vielseitige Bearbeitung dieses wichtigen Kapitels der 
Hämatologie hat die verschiedensten Gegensätze in der Auffassung 
über die Beschaffenheit der Gefässwände, über die Art des 
Muttergewebes, über die Lage der jungen Blutzellen und über 
deren Stammbaum gezeitigt; nicht anders verhält es sich natür- 
lich mit der Frage der Nomenklatur. Alle diese Punkte sind 
in den einschlägigen Arbeiten einer zusammenfassenden Kritik 
unterzogen. 

Wiehtig ist auf Grund neuer einwandfreier Beobachtungen 
die Tatsache, dass das Leberbindegewebe bei den Säugetieren 
fast während der ganzen embryonalen Zeit eine differenzierende 
Tätigkeit entfaltet und so das Muttergewebe für die roten und 
weissen Blutelemente bildet. Die zwei Zellenstämme werden hier 
ohne strenge topographische Trennung nebeneinander entwickelt. 
Der hämatopoetische Prozess gewinnt rasch an Mächtigkeit und 
übernimmt frühzeitig die Funktionen des ersten Blutbildungs- 
organs, des Dottersacks, der dann verödet. Van der Stricht 
und Bizzozeros Beobachtungen über intravaskuläre blutreifende 
Funktionen der embryonalen Vogelleber treten im Vergleich mit 
den eben angeführten Prozessen bei den Säugetieren vollkommen 
in den Hintergrund. Welche Organe übernehmen nun hier die 
Blutbildung? Nach den neuesten Forschungsergebnissen ist es 
das Knochenmark, das spät, erst in der zweiten Hälfte der 
Bebrütungszeit, eine hämatopoetische Tätigkeit entfaltet und gegen 
Ende der embryonalen Epoche den Dottersack, der bis dahin als 
hauptsächliches Blutbildungsorgan funktionierte, endgültig ablöst 
(Dantschakoff:[7, 9)). 

Bei den Vögeln ist nach übereinstimmenden Beobachtungen 
die Bildung der hämoglobinhaltigen und hämoglobinlosen Zellen 
im Gegensatz zu den oben konstatierten Befunden streng 
topographisch in intravaskuläre und extravaskuläre Gebiete ge- 
schieden. 


es] 
(eb) 
ea 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse ete. 


3. Untersuchungen. 

Die embrvonale Leber des Huhns bietet, auf eine blut- 
bildende Funktion hin betrachtet, bis ungefähr zur Mitte des 
7. Bebrütungstages nichts Bemerkenswertes. Es wäre zwar 
dureh das Vorhandensein von retikulärem Gewebe frühzeitig die 
Bedingung für eine Entwicklung von Blutelementen gegeben, 
doch wird dieses zweifellos vorerst zur lokalen Gefässbildung ver- 
wendet. ohne irgendwelche Modifikationen nach hämatopoetischer 
Riehtung hin zu erfahren, wie wir es für die embryonale Säuge- 
tierleber schon in frühesten Stadien bewiesen finden. Die Fragen 
über die erste Anlage der Vogelleber liegen ausserhalb des 
Bereiches meiner Untersuchungen. Es würde mich zu weit 
führen, über die hierin im Grunde stark auseinandergehenden 
Ansichten der Autoren eingehender zu referieren, und ich verweise 
deshalb auf eine neuere Arbeit von W. Hildebrandt (14), der 
wohlgesichtete und erschöpfende Literaturangaben zugrunde liegen. 
Die mit der Entstehung und dem weiteren Wachstum des Organs 
zusammenhängende Entwicklung der Blutgefässe fand in den oben 
angeführten Abhandlungen grossenteils keine Erwähnung. Nur 
einige Autoren streifen gelegentlich dieses Thema. So vertritt 
CGhoronshitzky (5) den Standpunkt. dass der Sinus venosus in 
Form von Ausbuchtungen, bedingt durch die Art des Wachstums 
des Organs, die einzige Grundlage für die Gefässbildung der 
Leber ist. Er glaubt, dass durch die schlauch- und balkenförmigen 
Verzweigungen der Sinus venosus gewissermassen zerteilt und 
entsprechend der Vergrösserung immer mehr aufgelöst wird. Für 
die peripheren Gefässe gibt er allerdings die Möglichkeit einer 
aktiven Tätigkeit des Auswachsens zu. Frobeen (13) gibt an. 
dass gleichzeitig mit der Ausbildung des Leberbalkennetzes die 
umschlossene Vene Sprossen in dieLücken oder Maschen des Netzes 
treibt, und dass daraus die späteren Gefässe entstehen. Er bringt 
das mikroskopische Bild einer Hühnerleber (Alter des Embryo 
96 Stunden) in starker Vergrösserung, und wir sehen da Leber- 
gewebe und Endothel in innigem Zusammenhang ohne retikuläres 
/wischengewebe. Dass (efässendothel ist ohne allen Zweifel 
geschlossen. Auch van der Stricht (27) findet in der embryo- 
nalen Hühnerleber von Anfang an geschlossenes, dem Drüsen- 
sewebe unvermittelt anliegendes Kapillarendothel. Es tritt in 
der Tat die Ausbildung des retikulären (Gewebes während des 


332 R. Haff: 


ersten Drittels des embryonalen Lebens stark in den Hintergrund. 
so dass man bei Betrachtung mit schwachen Systemen wenigstens 
für die zentralen Partien der Leber die eben angeführten Befunde 
van der Strichts u. a. bestätigen möchte. Und doch finden 
wir bei genauerem Studium häufig auch hier frühzeitig am Ende 
des vierten, Anfang des fünften Bebrütungstages, besonders zwischen 
dem Endothel der grösseren (sefässe und dem anliegenden Drüsen- 
parenchym, ein ziemlich weitmaschiges Bindegewebe. das mit den 
Zellen der Kapillaren durch Fortsätze verbunden auf das Leber- 
gewebe übergeht. Die Gefässwände sind um diese Zeit geschlossen. 
Mollier (20) hat bei Vogelembryonen ungefähr der gleichen 
Entwicklungsdauer auf dieses „spärliche zellige Retikulum“ 
hingewiesen. 

Es bedürfte auf Grund dieser Angaben noch eingehender 
Untersuchungen, wie sich die Vogelleber von ihrer ersten Ent- 
wicklung an zu dem sie umgebenden Mesenchym verhält, ob 
tatsächlich die präexistierenden Kapillaren des Sinus venosus 
allein die (Gefässbildung übernehmen, oder ob nicht auch das 
Bindegewebe damit in Zusammenhang zu bringen ist. 

Wir sehen bei Embryonen der oben angeführten Bebrütungs- 
dauer an der Peripherie des Organs zwischen die Leberschläuche 
eingelagertes lockeres Mesenchym, das nur spärlich vaskularisiert 
ist. Die Leberbalken wachsen dem Bindegewebe entgegen. Die 
anliegenden Kapillaren mit ihren geschlossenen Wandungen setzen 
sich nicht unmittelbar ins angrenzende Mesenchym fort, so dass 
man ihren Elementen hier eine aktive unabhängige Tätigkeit 
zuschreiben könnte, indem sie dann in Form hohler Sprossen 
dort eindringen. Der Übergang ist im Gegenteil ein allmählicher. 
Das Endothel beginnt mit der Annäherung an die Peripherie 
sich aufzulockern und dem Charakter des oben erwähnten in- 
differenten zwischen Endothel und Epithel liegenden Gewebes zu 
nähern. das morphologisch identisch ist mit dem angrenzenden 
lockeren Mesenchym. Es beteiligt sich so letzteres an der 
Bildung der grossen Kapillarräume in der Leber und liefert die 
Elemente. welche als Überzug der Leberschläuche wohl durch 
die starke Vergrösserung des Organs und dessen Wachstums- 
richtung, dann auch als Wandung der unter Druck stehenden 
Bluträume ihre ursprüngliche indifferente Form ändern und sich 
abplatten. Zwischen Endothelien und Lebergewebe bleiben Partien 


BU) 
oo 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse etc. 


des jugendlichen Mesenchyms, die wir auch in den zentralen Ge- 
bieten finden, wo ein direkter Zusammenhang mit dem peripheren 
Bindegewebe in oben beschriebener Form längst aufgehoben ist. 
Wie verhält sich nun das Peritoneum zum angrenzenden Binde- 
sewebe und zum wachsenden Organ ? 

Ich möchte von vornherein betonen, dass der ganzen morpho- 
logischen Beschaffenheit und auch der Funktion nach die peri- 
tonealen Deckzellen sich in nichts Wesentlichem unterscheiden 
von den gewöhnlichen Bindegewebselementen. Um die Zeit des 
5. Bebrütungstages, wo der bindegewebige Anteil des Organs in 
der Peripherie im Vergleich mit späteren Stadien noch ein relativ 
grosser ist, gehen die Zellen des Peritoneums unvermittelt ın 
die des Bindegewebes über. Es ist nicht möglich. irgendeinen 
nennenswerten Gegensatz um diese Zeit zu finden, der innige Zu- 
sammenhang beider (rewebsarten, die übereinstimmenden Formen 
ihrer Teilungsfiguren, dann auch. die Teilungsriehtung der Peri- 
tonealzellen sprechen nicht für eine einseitige Differenzierung. 
sondern für eine Mitbeteiligung an der Lieferung indifferenten 
Bindegewebes. der ich aber jetzt keine besondere Bedeutung 
beimessen möchte. Typisch für die Elemente des Mesenchyms 
und Peritoneums ist der grosse chromatinarme Kern mit einem 
grossen Nukleolus, der ständig vorhanden ist. daneben mehrere 
kleine. Die Bindegewebszellen zeigen eine besonders in der 
Umgebung des Kernes relativ stark ausgeprägte Basophilie des 
Protoplasmas, die nach der Peripherie zu abnimmt und den Aus- 
läufern ein charakteristisches blasses Aussehen gibt. Diese Baso- 
philie erstreckt sich bei den peritonealen Deckzellen auf den 
ganzen Protoplasmaleib. Die zahlreichen Zellenfortsätze der 
mesenchymatischen Elemente verbinden sich untereinander zu 
einem feinen Netzwerk, in dessen Maschen das Parenchym ein- 
gelagert ist. Ich werde im folgenden noch eingehender über die 
Modifikationen sprechen müssen, die unter gewissen Umständen 
Peritonealzellen durchmachen und dann auch die Beziehungen zum 
Bindegewebe wegen gemeinschaftlicher kongruierender Wachstums- 
äusserungen darstellen. 

Dem Organ kommt um die angegebene Zeit, Ende des 
4. bis Beginn des 6. Bebrütungstages, keine spezifisch hämato- 
poetische Funktion zu. weder dem um die (Gefässe der inneren 
Örganpartien gelagerten spärlichen Retikulum, noch dem peri- 


354 ReHaft: 


pheren Leberbindegewebe. Doch hat durch die in diesen Stadien 
allerdings selten auftretenden Wanderzellen in ihren verschiedenen 
Entwicklungsstufen das Mesenchym wohl schon einen Differen- 
zierungsmodus erfahren, der seinen Höhepunkt in der Lieferung 
stark basophiler Zellen als schon vom Grundgewebe freigewordener 
Elemente erreicht. Weiter aber schreitet der Prozess nicht, und 
das ist auch verständlich, wenn wir das Organ von Embryonen 
des 6. Bebrütungstages untersuchen. Um diese Zeit verschwindet 
nämlich langsam das Mesenchym und mit ihm diese integrierenden 
Elemente. Ende des 6. Tages zeigt sich uns das Lebergewebe 
schon zu beträchtlicher Grösse entwickelt (vergl. Fig. 1). Die 
Leberbalken liegen fast überall dem Peritoneum dicht an, letzteres 
präsentiert sich meist nur in einer Lage von länglichen Zellen, 
mit hellem, chromatinarmem Kern. Das spärliche extrakapilläre 
Bindegewebe ist nun verschwunden und an dessen Stelle eine 
einfache endotheliale Wand getreten, die mit dem Drüsengewebe 
in innigem Zusammenhang steht. So gewinnt die Leber schon 
frühzeitig eine gewisse Ähnlichkeit mit dem fertigen Organ, wenn 
wir die Kapillarbezirke in ihrem Verhältnis zum Parenchym ins 
Auge fassen. Wir sehen dasselbe durchweg in Form von soliden 
Schläuchen angeordnet, gegen die Umgebung scharf abgegrenzt, 
mit einem Lumen, das schon früh, um die Mitte des 4. Bebrütungs- 
tages, deutlich zu sehen ist. Es besteht hier eine Übereinstimmung 
mit den früheren Stadien, was den Inhalt der Blutgefässe anlangt. 
Man findet hauptsächlich Erythrozyten, daneben, wenn auch selten, 
srosse Zellen mit stark basophilem ungranulierten Protoplasma- 
leib, nach Dantschakoffs Nomenklatur „grosse Lymphozyten“ 
und dann auch spärliche Übergangsformen, die zum Teil ihrem 
morphologischen Charakter nach den fertigen roten Blutkörperchen 
gleichen, deren Plasma aber noch hämoglobinarm ist. Bizzozero 
(1, 2) hat die Zellen des strömenden Blutes in der embryonalen 
Hühnerleber untersucht und dabei eine mit dem fortschreitenden 
Organwachstum Hand in Hand gehende Abnahme der Mitosen 
von roten Blutkörperchen konstatiert. Er leitet die Regeneration 
der roten Blutelemente von präexistierenden hämoglobinhaltigen 
Zellen ab, die auf dem Wege der indirekten Teilung sich ver- 
mehren und ersetzen. Da nach seinen Angaben, wie eingangs 
erwähnt, die Leber nur eine untergeordnete Rolle in der Blut- 
bildung spielen soll, die Mitosen der Erythroblasten als Zeichen 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse etc. 335 


von Blutneubildung in den Leberkapillaren immer mehr abnehmen. 
so muss dieser Regenerationsprozess in einem anderen Organ sich 
abspielen, da das Knochenmark erst mit dem 14. Tage die Tätig- 
keit einer Hämatopoese übernimmt. In Zupfpräparaten der Milz 
fand nun der Autor um die Zeit des 8. und 9. Tages zahlreiche 
Karyokinesen von Erythroblasten und folgerte daraus, dass sie 
vorübergehend die Bildung der Erythrozyten übernimmt. Ich 
kann auf Grund meiner Untersuchungen an Schnittpräparaten 
diese Ansicht nicht unwidersprochen lassen. Schon allein die 
Kleinheit des Organs würde auch bei positivem Befunde seine 
ausreichenden reparatorischen Funktionen in Frage stellen. Nun 
hat aber die Milz um die angegebene Zeit in Wirklichkeit gar 
keine blutbildenden Funktionen im Sinne Bizzozeros. Ich 
finde auch bei Durchsicht der Literatur nirgends eine Über- 
einstimmung mit seinen Angaben (siehe die Arbeiten von Götte. 
Woit, Janosik, Tonkoff usw.). Dantschakoff (7,9) kommt 
ausführlich auf Bizzozeros Ansichten zu sprechen: „Der Autor 
sah in der Milz den vermeintlichen Herd der Blutbildung. Ich 
glaube nun, dass dies nur eine Folge der Auffassung des Prozesses 
der Blutbildung, wie sie Bizzozero sich konstruierte, und der 
von ihm gebrauchten Untersuchungsmethodik war. Es genügte 
ihm, in einem Zupfpräparat der Milz mehrere Mitosen in roten 
Blutkörperchen zu finden, um ihr eine besondere Bedeutung in 
der Blutbildung beizumessen. Wenn wir aber heutzutage von 
einem Herd der Erythropoese verlangen, dass er besondere Jugend- 
formen von roten Blutkörperchen enthalte, so ist es eine Leichtig- 
keit, an passenden Präparaten zu beweisen, dass gerade die Milz 
vom Hühnchen für die Erythropoese keine Bedeutung hat. Wir 
müssen nach einem anderen Herd der Blutbildung suchen.“ Nicht 
anders verhält es sich nach ihren Angaben mit der Leber, auch 
die im Bindegewebe des Embryo zu konstatierenden Blutbildungs- 
prozesse treten in den Hintergrund. Es findet dort allerdings 
eine relativ starke Erythropoese statt, die sich in Form von zahl- 
reichen grösseren und kleineren extravaskulären, im Mesenchym 
selbst gelegenen Blutbildungsherden geltend macht, so dass das 
für die Vögel sonst zu Recht bestehende Gesetz der Blutbildung 
in- und ausserhalb der Gefässe hier nicht zutrifft. Doch hat das 
Auftreten dieser im Bindegewebe gelegenen Herde für den Kreis- 
lauf keine Bedeutung. Sie werden zum grossen Teil vom Mesen- 


336 R. Haff: 


chym und von den integrierenden Bestandteilen desselben, von 
Wanderzellen, phagozvtiert oder verfallen der regressiven Meta- 
morphose. Man kann diese Stellen der früheren Blutbildungs- 
herde im Mesenchym noch während langer Zeit an der Anwesenheit 
solcher Phagozyten erkennen. Die schon von van der Stricht 
für eine Reihe von Körperteilen angegebenen intravaskulären 
erythropoetischen Blutbildungsherde bestätigt Dantschakoft (8), 
doch reifen nach ihren Ansichten die Blutzellen nicht, sondern 
ihr Ausgangspunkt sind die Endothelien. die wuchern, frei werden 
und den morphologischen Charakter der Lymphozyten erhalten. 
Sie gelangen dann ins zirkulierende Blut. wo sie als Stammzellen 
für die Erythrozyten funktionieren. Neben dieser Tätigkeit intra- 
embryonaler Gefässe gibt sie als Hauptblutbildungsorgan den 
Dottersack an. 

Van der Stricht, der für die Erythrozyten basophile 
Vorstufen annimmt. beobachtet nun im Gegensatz zu Bizzozero 
in der Leber um den 7. Bebrütungstag und auch später noch 
intravaskuläre Blutbildungsherde: er schreibt dem Organ oder 
besser den Blutelementen der Kapillaren eine gesteigerte Ver- 
mehrungsfähigkeit zu und bezeichnet es als Blutreifungsorgan, 
das aber keine besondere Bedeutung gewinnt. Übereinstimmend 
mit van der Stricht möchte ich betonen. dass mit dem fort- 
schreitenden Wachstum der Leber das Bild sich allmählich ändert, 
und wir schon um die Mitte des 7. Bebrütungstages solche intra- 
vaskuläre Herde finden, die kurze Zeit später dann massenhaft 
in den Gefässlichtungen erscheinen. Es ist vor allem zu konsta- 
tieren einmal eine starke Zunahme grosser, stark basophiler, 
Ivmphozytenähnlicher Zellen, die ich zunächst als Stammzellen 
bezeichnen möchte, und basophiler Vorstufen der roten bBlut- 
körperchen, dann aber auch eine gesteigerte Teilungsfähigkeit 
von hämoglobinhaltigen Elementen. Ich habe es vermieden, aus 
dem Inhalt der Leberblutgefässe einen Schluss auf die Funktionen 
des Organs zu ziehen oder zwischen den Blutkörperchen selbst 
einen Zusammenhang zu konstruieren. Diese Elemente befinden 
sich einmal im strömenden Blute, und wir müssen die grosse 
Wahrscheinlichkeit einer Einschwemmung im Auge behalten, die 
Entstehung ihrer Vorstufen in das eigentliche Blutbildungsorgan. 
den Dottersack, verlegen oder aber den Endothelien der Leber- 
sefässe eine blutbildende Tätigkeit zuerkennen. Die intravasku- 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse etc. 337 


lären ervthropoetischen Herde verschwinden langsam ungefähr um 
die Mitte des 9. Bebrütungstages. Wie verhalten sich nun die 
Endothelien und peritonealen Deckzellen des Organs, sind sie 
mit diesen intravaskulären Erscheinungen in Zusammenhang zu 
bringen. ändert das Organ sein bisheriges Aussehen ? 

Wir haben gesehen, dass die Leber sich ihrem fertigen 
Zustande mehr und mehr nähert und das Mensenchym auf Grund 
der Organvergrösserung rasch verschwunden ist. Im Protoplasma 
der Endothelien findet man am Ende des 6. Tages eine faser- 
ähnliche Struktur deutlich ausgeprägt. Wir können sie schon mit 
gewöhnlichen Färbungsmitteln, Hämalaun -Eosin, Dominici dar- 
stellen. Hand in Hand mit diesen Veränderungen der Gefässwand- 
zellen gehen auch solche der peritonealen Elemente. Es ändert 
sich nun nach ganz kurzer Zeit zu Beginn des 7. Bebrütungstages 
das Bild insofern. als in der Peripherie des Organs eine ziemlich 
starke Entwicklung von jugendlichem lockeren Bindegewebe zu 
konstatieren ist (vgl. Fig. 2). Die Lieferung dieses indifferenten 
Materials gewinnt am Ende des 7.. Beginn des S. Bebrütungs- 
tages an Ausdehnung. und wir finden auch an verschiedenen 
Stellen der zentralen Partien solche Bindegewebsgruppen. 
Mit diesen Prozessen stehen nun die oben erwähnten intra- 
vaskulären Blutbildungsherde in zeitlichem Zusammenhang. 
Ich werde später darauf eingehender zu sprechen kommen. 
Woher stammt nun dieses retikuläre Gewebe?” Es sind die 
Peritonealzellen und Endothelien. die sich durch eine starke 
Differenzierungstätigkeit auszeichnen und dessen Lieferung über- 
nehmen. 

Dieses neugebildete Mesenchym ist weitmaschig und hat 
zunächst den indifferenten Charakter des für die Stadien des 
4. und 5. Tages beschriebenen perivaskulären und peripheren 
Leberbindegewebes. Der verhältnismässig grosse. blasse chromatin- 
arme Kern steht in einem gewissen Gegensatz zu dem besonders 
in den zentralen Partien dunklen basophilen Protoplasma. Die 
Uhromatinstränge sind äusserst zart und nur an Stellen, wo sie 
sich zu Knoten verdichten, deutlich zu sehen. Von ihnen heben 
sich die relativ grossen Kernkörperchen. die einzeln oder auch 
zu mehreren dort vorkommen. charakteristisch ab. Die Färb- 
barkeit des meist rundlichen Kernes und auch des Protoplasmas 
ist einem ständigen Wechsel unterworfen. Wir sehen Retikulum- 


338 BICHRatt: 


zellen mit einem relativ dunklen chromatinreichen Kern in 
schwach basophilem Protoplasma und umgekehrt, ein Befund, 
der wohl von Färbung und Fixierung unabhängig ist, da sich 
diese Differenzen an einem und demselben Präparat konstatieren 
lassen. Es sind aber auch die Grössenverhältnisse von Zelleib 
und Kern keine konstanten. Dies trifft für die fixen retikulären 
Elemente in gleichem Maße zu wie für deren Differenzierungs- 
produkte, die kurze Zeit später das Maschenwerk ausfüllen. 

Die Kapillaren haben nun grossenteils keine ausgesprochenen 
Wandungen mehr, sie sind durch retikuläres Gewebe ersetzt. 
Es ist dadurch eine offene Kommunikation zwischen Binde- 
sewebe und Bluträumen hergestellt, ein Befund. der den für 
die embryonale Säugetierleber von Mollier beschriebenen Ver- 
hältnissen entspricht. Hier erstreckt sich die Ausbildung des 
retikulären Gewebes auf das ganze Organ und fast über die 
sanze embryonale Epoche. während beim Huhn ein Teil der 
Gefässbezirke seine geschlossenen Wandungen beibehält und der 
oben angedeutete Differenzierungsprozess am Ende der ersten 
Hälfte der Entwicklungszeit beginnt, nur kurze Zeit dauert, um 
dann in der zweiten Hälfte etwas modifiziert wieder einzusetzen. 
Das neugebildete Retikulum hat mit den unveränderten Gefäss- 
wandzellen, wie wir sie in den zentralen Partien sehen, die 
faserartige Differenzierung des Protoplasmas gemeinsam. 

Wir finden die verschiedensten Formen in den Begrenzungs- 
zellen der Gefässräume, rein retikuläres Gewebe, Übergänge von 
endothelialen Elementen zu Mesenchymzellen,. dann auch in den 
zentralen Teilen Kapillarbezirke mit geschlossenen Wandungen 
ohne retikuläres Zwischengewebe. Wenn nun an vielen Stellen 
die Endothelien sich auflockern, ihren Zellcharakter verlieren 
und zu Bindegewebselementen werden, so kann es nicht auf- 
fallen, wenn um dieselbe Zeit die Wandungselemente der Gefässe 
auch noch eine andere Differenzierungsrichtung einschlagen. Sie 
haben die Fähigkeit, sich in grosse Zellen mit stark basophilem 
Protoplasmaleib zu verwandeln, die den früher schon be- 
schriebenen intravaskulären als Stammzellen bezeichneten Ele- 
menten vollkommen gleichen. Die Umwandlung von Endothelien 
zu Stammzellen geht langsam vor sich, und wir können diesen 
Prozess zu Beginn der ersten Lieferung von neuem Leberbinde- 
gewebe überall im ganzen Organ beobachten, auch an Stellen, 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse etc. 339 
wo der geschlossene endotheliale Charakter der Kapillaren er- 
halten bleibt. Mit einer zunehmenden Basophilie und Ver- 
grösserung des Protoplasmas ändert sich auch der Kern in 
entsprechender Weise, ohne dass vorerst die Zellen den morpho- 
logischen Habitus einer Endothelzelle verloren hätten. Mit der 
weiterschreitenden Differenzierung wölben sie sich ins Gefäss- 
lumen vor, um ihren endothelialen Charakter dann endgültig zu 
verlieren. Sie haben die morphologischen und chemischen Eigen- 
schaften von Stammzellen bekommen, funktionieren aber noch 
als Wandungselemente — ihre breite Basis steht in fester Ver- 
bindung mit den anliegenden unveränderten Endothelien (Fig. 6). 
Sie vermehren sich lebhaft durch indirekte Teilung und runden 
sich dabei immer ab, werden kleiner, wobei das Protoplasma 
etwas an Basophilie einbüsst und homogen wird (Fig. 4 und 5). 
Diese ins Gefässlumen vorgewölbten Elemente vom Charakter 
typischer Blutstammzellen gelangen nun selbstverständlich durch 
Ablösung ins strömende Blut, wo uns eine Weiterverfolgung ihrer 
Differenzierungsrichtung aus bereits angeführten Gründen nicht 
möglich erscheint. 

Die Endothelien haben die Fähigkeit zur Abrundung in 
Stammzellen des Blutes, noch mehr, sie liefern Bindegewebe, 
das seinerseits wiederum den Ausgangspunkt für eine wirksame 
Hämatopoese bildet. Dies berechtigt uns zu der Annahme, dass 
nicht spezifische Elemente es sind, die Stammzellen produzieren 
und wieder andere, die nur Stützgewebe liefern. 

An Stellen, wo das Bindegewebe von Bluträumen durch 
typische Endothelien abgegrenzt ist, sehen wir auf Grund von 
geeigneten Anschnittsbildern, dass durch langsame Ausarbeitung 
Stammzellen entstehen, nicht ins Lumen der Gefässe hinein, 
sondern nach aussen ins Retikulum. Wir finden diese Elemente 
dann in einer oder mehreren Lagen im Mesenchym, unverändertem 
Endothel anliegend, von den Bluträumen durch letztere getrennt. 
Diese Umwandlung geht ebenfalls langsam und ganz in derselben 
Weise vor sich, wie wir es eben für die intravaskuläre Differen- 
zierungsrichtung beschrieben haben; es sind Zellen mit plattem 
langgestreckten Protoplasmaleib und länglich-ovalem Kern, durch 
Ausläufer mit den Nachbarzellen verbunden, ihrer Gestalt nach 
richtige Endothelien, sie haben aber tinktoriell die charakteristischen 


Eigenschaften von Stammzellen. Daneben finden wir dann auch 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.S4. Abt.1I. 23 


340 Rı Blatt: 


die schon isolierten abgerundeten Mutterformen selbst (Fig. 8). 
Dieser Polymorphismus von Endothelien tritt also in der embryo- 
nalen Vogelleber an einem und demselben Organ in der oben 
beschriebenen Form zu Tage. Sie haben die Fähigkeit, Binde- 
gewebe zu liefern, sie differenzieren sich aber auch zu Blut- 
stammzellen, die dann wiederum intra- und extravaskulär sich 
weiterentwickeln. 

Ich bin in der Literaturübersicht auf die Frage der 
hämatologischen Terminologie nicht näher eingegangen. Neuere 
Arbeiten geben auf Grund eingehender embryonaler und ver- 
gleichend histologischer Untersuchungen über die Entstehung der 
Blutzellen klare Begriffe. Die dort vertretene rein unitaristische 
Anschauung, welche in der aus indifferentem (Gewebe frei 
sewordenen, stark basophilen Zelle die gemeinsame Mutterform 
der roten und weissen Blutkörperchen sieht, ist wohl unwider- 
legbar und die notwendige Folge wird auch die Vereinfachung 
der Nomenklatur sein. Ich habe es vorgezogen, für diese stark 
basophilen Elemente, die beim Vogel von Anfang an überein- 
stimmende Eigenschaften als Stammformen für die Reihe der 
roten und ‚weissen Blutkörperchen besitzen, den einfachen Namen 
Stammzellen anzuwenden. Es gilt diese Bezeichnung, wie gesagt, 
nur für die undifferenzierten Mutterzellen, die von den Hämatologen 
als „grosse Lymphozyten“, „Iymphoide Hämoblasten“, „Hämogonien“ 
usw. bezeichnet werden. Das neuentstandene retikuläre Gewebe 
bildet nın um die angeführte Zeit zum Teil die direkte 
Begrenzung der Bluträume, umgibt die Leberzellbalken und ist 
in der Peripherie in innigem Zusammenhang mit den peritonealen 
Deckzellen. In ihm finden wir ebenfalls die stark basophilen 
Stammformen der Blutkörperchen. Sie differenzieren sich langsam 
aus den blassen Retikulumzellen. Die bei Z.-F.-D. besonders 
stark ins Auge fallende Basophilie ihres Protoplasmas ermöglicht 
schon mit schwacher Vergrösserung leicht eine Unterscheidung von 
den gewöhnlichen Bindegewebselementen und drüsigen Partien 
(Fig. 7, 13). Seine amöboiden Eigenschaften geben den Zellen 
immer wieder ein anderes Aussehen und sind auch die Ursache 
der stets wechselnden Kernformen (Fig. 7, 8). Trotzdem behalten 
diese Elemente auf Grund ihrer übereinstimmenden chemischen 
Bigenschaften ein unverkennbares typisches Aussehen. Die ruhen- 
den Formen zeigen in dem schollig bis feinretikulär angeordneten 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse etc. 341 
Protoplasma, das leicht vakuolisiert ist, einen grossen, runden, 
etwas exzentrisch gelegenen Kern, in dem die Chromatin- 
teilchen nur spärlich vorhanden sind. Daraus resultiert sein 
helles Aussehen. das sich in einen starken Gegensatz zu dem 
dunklen basophilen Zelleib stellt. Wir finden manchmal nach 
E.-A.- und D.-Färbung auf der dem breiten Protoplasmateile 
zugekehrten Seite eine leichte Einbuchtung des Kernes, die durch 
die in diesem befindliche rötliche Sphäre bedingt erscheint. Die 
Färbbarkeit der Nukleolarsubstanz ist bei den verschiedenen 
Methoden eine verschiedene, immer aber steht sie im Gegensatz 
zu den sie umgebenden Chromatinteilchen. Man beobachtet 
meist einen grossen, kolbigen Nukleolus, der manchmal mit der 
Kernmembran in Zusammenhang zu stehen scheint und eine 
leichte Einziehung desselben bedingt. Dann sehen wir auch 
Stammzellen, deren Kern ein oder zwei grosse rundliche Kern- 
körperchen zeigt, daneben mehrere kleine. Der Wechsel ihrer 
Zahl und Gestalt ist wohl ın Zusammenhang mit dem jeweiligen 
Funktionszustand der Zellen zu bringen, der auch in dem ständig 
wechselnden “rrössenverhältnis von Plasma zu Kern seinen Aus- 
druck findet. Die Stammzellen vermehren sich durch Karyo- 
kinese. Ihre Teilungsformen stimmen mit den oben erwähnten 
Mitosen der aus Endothelien differenzierten Mutterzellen natürlich 
vollkommen überein. Die bei Z.-F. immer zu konstatierende, 
ziemlich starke Verdickung der Chromosomen führte ich auf die 
Art der Fixierung zurück und kontrollierte deshalb mit anderen 
Fällungsmitteln. Es besteht jedoch nur ein ganz geringer Unter- 
schied, wie wir an den entsprechenden Abbildungen erkennen 
können (Fig. 3, 4 und 5). 

Die Stammzellen des extravaskulären Retikulums differen- 
zieren sich nun hauptsächlich in einer Richtung. Es sind die 
Zellen der Erythrozytenreihe, die wir häufig in den Maschen 
des Bindegewebes liegend finden. Erythroblasten und die ver- 
schiedenen Übergänge von diesen zu fertigen Erythrozyten. Die 
Erythroblasten heben sich ebenfalls deutlich von dem blassen 
retikulären Gewebe ab. Sie unterscheiden sich morphologisch 
und chemisch von ihren Mutterzellen, sind kleiner wie diese und 
ohne Pseudopodien, doch hat das Protoplasma noch in ziemlich 
hohem Maße die Fähigkeit der passiven Gestaltveränderung 


(Fig. 7 und 10). Man erkennt dies an Zellen, die in enge 
23* 


342 R.AHat Te 


Maschenräume des retikulären Grundgewebes zu liegen kommen. 
Die ruhenden Formen dieser Tochterzellen — ich ziehe hier zum 
Vergleich die um diese Zeit häufig in den Bluträumen vor- 
kommenden übereinstimmenden Elemente herbei — haben in 
Schnittpräparaten ebenfalls typische Konturen. Für die noch 
stark basophilen,. den Mutterzellen am nächsten stehenden Formen 
finde ich übereinstimmend mit Dantschakoff (7, 9) am 
häufigsten die ovale bis runde Form. Solche Generationen haben 
den retikulären Bau und die Vakuolen, wie sie die Stammzellen 
in ihrem Protoplasma aufweisen, verloren. Es wird homogen und 
weniger basophil. Auch die Kerne zeigen geringe Veränderungen, 
die bedingt sind durch eine Abnahme des Volumens, deutlichere 
Zeichnung des Chromatinnetzes und Reduzierung der Nukleolar- 
substanz. Dantschakoff hat bei Erythroblasten und auch 
Stammzellen, den „grossen Lymphozyten* ihrer Nomenklatur, 
Linsenform beobachtet. Es bestätigten sich mir diese Angaben 
für die rein basophilen, den Mutterzellen am nächsten stehenden 
Elemente. Die Stammformen des extravaskulären Leberbinde- 
gewebes haben zu dieser Zeit auch die Fähigkeit zur Weiter- 
entwicklung in der Richtung der weissen Blutkörperchen und 
zwar speziell der acidophilen Granulozyten. Ihr Differenzierungsweg 
ist um diese Zeit ein einseitiger im Gegensatz zu späteren Stadien, 
wie wir sehen werden. Sie nehmen ihren Ausgang von denselben 
basophilen Elementen, die mit den Mutterformen der roten -Blut- 
körperchen identisch sind. Trotz ausgiebiger Einlagerung von 
runden Granula mit spezifischem Färbevermögen haben solche 
relativ schon junge Generationen noch das charakteristische Aus- 
sehen der Stammzellen, was Konturen, Tingierbarkeit des Plasmas 
und auch Beschaffenheit des Kernes anlangt (wir finden um diese 
Zeit acidophile Granulozyten intravaskulär, auch ältere Formen 
mit noch deutlichem Stammzellencharakter). Ihr Entwicklungs: 
gang ist so langsamer und einfacher wie bei der Erythrozytenreihe, 
derZusammenhang mit den Stammformen durch ihre Beschaffenheit 
selbst gegeben. Nun sehen wir nie acidophile Granulozyten, 
deren Plasma Linsenform zeigt. Ich habe gefunden, dass dadurch 
immer einer spezifischen Veränderung der Stammzellen in die 
tiehtung der Erythrozyten Ausdruck gegeben ist. Kern und 
Plasma haben wohl noch die ursprünglichen chemischen Eigen- 
schaften beibehalten, die Konturen der Zelle sind aber andere. 


vr 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse ete. 94: 


Sie hat sich dadurch von ihrer Stammform entfernt und ist 
Erythroblast geworden. Nach Dantschakoff spielt sich die 
Erythropoese in den eigentlichen blutbildenden Organen, Dottersack 
und Knochenmark, nur intravaskulär ab, und ihre Angaben beziehen 
sich, glaube ich, nur auf diese Gebiete. In der Leber aber 
treffen die Prozesse der Erythro- und Leukopoese im Bindegewebe 
zusammen, und deshalb halte ich es für wichtig, auf diese schon 
differenzierte Zellform und deren Zusammenhang mit den eigent- 
lichen Mutterzellen hinzuweisen. Die Erythroblasten machen 
nun auf dem Wege ihrer Umgestaltung zu fertigen Erythro- 
zyten eine Reihe von ganz typischen Veränderungen durch. 
Der Kern wird mit der weiteren Differenzierung und der 
Entfernung von der Mutterzelle kleiner und dunkler, letzteres 
wohl hauptsächlich auf Grund der Anreicherung an Chromatin- 
teilchen. Diese bilden ein scharf gezeichnetes Netz, in dessen 
Maschenwerk die Knotenpunkte verdickt erscheinen. Bei den 
älteren, schon weiter differenzierten Zellformen ist von Nukleolar- 
substanz nichts mehr zu sehen. Auf Grund einer fortschreitenden 
Abnahme von Basophilie des Protoplasmas und einer entsprechenden 
Ausarbeitung von Hämoglobin können die einzelnen Erythroblasten- 
formen voneinander geschieden werden. Wir bekommen dann 
die Übergänge von Blau in Violett und endlich in das Rosa der 
reiferen Elemente. Mitosen dieser gemischt farbigen Zellen sind 
häufig. Ihre Zellkonturen werden dann rund und sie unter- 
scheiden sich abgesehen von der Plasmafärbung und kleineren 
Form von den Mutterzellen auch durch feinere und kürzere 
Chromosomen. Neben ihnen finden wir im extravaskulären Leber- 
bindegewebe auch fertige Erythrozyten, die sich auf Grund 
ihres starken Hämoglobingehaltes, der grösseren Zellform und 
des deutlich sichtbaren Randreifen von den Vorstufen sicher 
unterscheiden lassen (Fig. 9). Die Konturen sind oval, im Profil 
erscheinen sie als langgestreckte, flache, bikonvexe Linsen. Das 
Protoplasma der reiferen Erythroblasten und das der Erythrozyten 
erscheint homogen. Die einzelnen Entwicklungsphasen von älteren 
Erythroblastenformen, die auf Grund ihrer Protoplasmatinktion 
unschwer zu erkennen sind, und die als kleinste Zellen mit noch 
schwach basophilem Ton die eigentlichen Übergangszellen bilden, 
zu fertigen Erythrozyten festzuhalten und mit Sicherheit zu 
entscheiden, ob es sich bei den wieder an Volumen und nun 


344 REIS: 


auch an Hämoglobingehalt stark zunehmenden Zellen nicht schon 
um fertige rote Blutkörperchen handelt, ist mir nicht möglich 
geworden. Über die in diesen Stadien hauptsächlich intravaskulär 
vorkommenden Thrombozyten und deren Abstammung gedenke 
ich später zu berichten. Zu Beginn des 9. Bebrütungstages 
verschwindet das Lebergebinde rasch und mit ihm diese Prozesse. 
Wir finden noch kurze Zeit intravaskulär grosse Herde von 
Stammzellen, Erythroblasten und Thrombozyten, die wohl als 
letzte Produkte der extravaskulären Blutbildung aufzufassen sind. 
Nach Abschluss dieser kurzdauernden hämatopoetischen Periode 
gleicht das Organ dem für das Ende des 6. Bebrütungstages 
beschriebenen (Fig. 13 und 1). Es befindet sich im Stadium 
vollkommener Ruhe, ohne Retikulum, mit geschlossenen, weiten 
Gefässräumen und dem Drüsengewebe eng anliegenden Peritoneal- 
zellen. Bald darauf ändert sich nun das Bild wiederum, zu 
einer Zeit. wo das Knochenmark (Dantschakoff) seine blut- 
bildende Tätigkeit noch nicht begonnen hat. Um den 11. Tag 
ungefährt setzt in der Leber eine kräftige Leukopoese, haupt- 
sächlich Granulopoese, ein, die in einem sich rasch entwickelnden 
perivaskulären retikulären Gewebe ihren Ursprung findet. Ich ver- 
weise vorerst auf ein in den Beginn der leukopoetischen Periode 
fallendes Übersichtsbild (Fig. 14) vom Ende des 11. Bebrütungstages. 
Dieser Prozess erreicht durchschnittlich am 14. bis 15. Tage seinen 
Höhepunkt, um dann gegen das Ende der embryonalen Epoche 
langsam abzuklingen. 

Die dualistische Anschauung, wie sie Bizzozero, Denys 
und van der Stricht, hauptsächlich auf der Tatsache einer 
strengen topographischen Trennung von Erythro- und Leukopoese 
basierend, vertreten, ist auf Grund eingehender Untersuchungen 
Dantschakoffs auch für die Vögel als nicht zutreffend ver- 
lassen worden. Nach Dantschakoff (7) hat in frühesten Stadien 
der Bebrütung das Gefässnetz der Area vasculosa, später das 
venöse Kapillarsystem in der Dottersackwand blutbildende 
Funktionen. Die Erythropoese steht nun in keinem Zusammen- 
hang mit den extravaskulären Elementen der Substanzinseln. Es 
unterscheiden sich dieselben in nichts von den intravaskulären 
Stammzellen, sie sind identisch mit ihnen und entwickeln sich 
aus den ausserhalb der Gefässe liegen gebliebenen Blutinseln, 
zum Teil sind es aus den Gefässen emigrierte oder sekundär 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse etc. 345 


aus Endothelien entstandene Mutterzellen, die sich aber nur in 
der Richtung der weissen Blutkörperchen weiter differenzieren. 
Ich finde nun in den Aufzeichnungen Dantschakoffs keine 
Angaben, auf Grund deren den extravaskulär entstehenden 
Lymphozyten die Funktion einer indirekten Erythropoese zukäme 
insofern, als sie durch Immigration durch die Wandungen der 
Gefässe ins Lumen der Kapillaren hinein so sekundär an ihren 
eigentlichen Bestimmungsort unter den einzig günstigen Be- 
dingungen in der Richtung der Erythropoese sich entwickeln 
würde. Im Dottersack ist also die Leuko- und Erythropoese 
streng topographisch geschieden und letztere auch vollkommen 
unabhängig von den extravaskulären Gebieten. Dies ist nun. 
glaube ich, auch der einzige wichtige Unterschied, der nach den 
Beobachtungen des Autors zwischen der Blutbildung im Dotter- 
sack und der im Knochenmark besteht. Hier beteiligen sich die 
extravaskulär gebildeten Stammzellen an der intravaskulären 
Erythropoese, indem sie durch die blossen Wandungen in die 
(rewebe permigrieren, um dort als Urformen der roten Blut- 
körperchen zu funktionieren. In der Leber aber sehen wir den 
Prozess der Erythro- und Leukopoese nebeneinander hergehen. 
Dantschakoff hat wohl für das Bindegewebe des Embryo 
auch eine extravaskuläre Erythopoese beschrieben; sie verliert 
aber vollkommen ihre Bedeutung dadurch, dass diese Zellen alle 
entweder phagozitiert werden oder auf dem Wege der regressiven 
Metamorphose zugrunde gehen. Wie in jedem blutbildenden 
(zewebe so finden wir auch in der Leber zahlreiche Phagozyten, 
die eosinophile Leukozyten, rote Blutkörperchen usw. zerstören, 
auch einzelne Zellformen, die sich auf dem Wege regressiver 
Metamorphose befinden, doch der grösste Teil der neugebildeten 
Zellen gelangt ins strömende Blut. Wir wissen, dass Peritoneum 
und geschlossene Endothelien ein blutbildendes indifterentes 
retikuläres Gewebe liefern, das mit den Bluträumen zum Teil 
in offener Verbindung steht. Dadurch allein sind schon ganz 
andere Bedingungen für die Entwicklung und Weiterbeförderung 
der Blutelemente gegeben. Dann beteiligen sich auch die Endo- 
thelien selbst nach zwei Richtungen an dieser Blutbildung, ein- 
mal ins Lumen der Gefässe und dann auch ins Bindegewebe 
hinein. Es ist uns des weiteren bekannt, dass um die fragliche 
Zeit die scharfen Gegensätze zwischen Endothelien und Binde- 


346 R.Hatr: 


gewebszellen aufgehoben sind; ebensowenig tritt auch das Peri- 
toneum als Gewebsart sui generis auf. Es liefert Bindegewebe 
und hat sogar die Fähigkeit, sich in loco in Stammzellen zu ver- 
wandeln (Fig. p. P. und St.), die auf dem Wege durch die Maschen 
des Retikulums sich weiter zu den Elementen der Erythrozyten- 
reihe differenzieren können. Dann sprechen auch die zahlreichen 
Permigrationsbilder und das zeitliche Zusammentreffen der intra- 
vaskulären Blutbildungsherde mit der Bindegewebslieferung und 
dessen Differenzierungstätigkeit für eine wirksame extravaskuläre 
Erythropoese. 


4. Zusammenfassung der Ergebnisse. 


Die Leber ‘des Huhns weist während ihrer embryonalen 
Entwicklungszeit zwei Blutbildungsperioden auf. Die erste beginnt 
um die Mitte des 7. Bebrütungstages und dauert bis zum Beginn 
des 9. Tages. Wir finden um diese Zeit neben einer spärlichen 
(ranulopoese zahlreiche erythropoetische Herde in dem Organ. 
Die vorher geschlossenen Kapillarendothelien und die peritonealen 
Deckzellen liefern ein retikuläres Gewebe, das den Ausgangs- 
punkt für die Hämatopoese bildet. Aus den indifferenten Binde- 
gewebszellen entwickeln sich die Mutterformen der Blutelemente, 
und aus ihnen wiederum nach Ablauf verschiedener Differenzierungs- 
stadien die fertigen roten und weissen Blutkörperchen. Die 
Elemente der Erythrozytenreihe entstehen in einem extravasku- 
lären Retikulum, dessen offenes Maschenwerk die (Gefässräume 
begrenzt, und sie gelangen durch letzteres in die Blutbahn. 
Das neugebildete Bindegewebe erstreckt sich auch zur Zeit der 
stärksten blutbildenden Tätigkeit nicht über das ganze Organ; 
es behalten vornehmlich in den zentralen Partien die Gefäss- 
bezirke ihren ursprünglichen geschlossenen Charakter bei. Endo- 
thelien und Peritonealzellen liefern- retikuläres Gewebe, sie haben 
aber auch die Fähigkeit, sich in loco in Stammzellen zu ver- 
wandeln. 

Um die Mitte des 9. Tages bekommt das Organ wieder 
sein ursprüngliches indifferentes Aussehen, es hat geschlossene 
Kapillarendothelien ohne angrenzendes Bindegewebe und den 
Leberschläuchen eng anliegende Peritonealzellen. 

Ungefähr am 11. Bebrütungstage beginnt in einem sich 
rasch entwickelnden perivaskulären Bindegewebe eine kräftige 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse etc. 347 


(Grranulopoese, die am 14. bis 15. Tage ihren Höhepunkt erreicht, 
um dann gegen das Ende der embryonalen Epoche langsam ab- 
zuklingen. 


Herrn Professor Dr. Mollier bin ich für die liebens- 
würdige Überlassung eines Arbeitsplatzes und für das mir stets 
erwiesene freundliche Entgegenkommen zu ergebenstem Dank 
verpflichtet. 


Literaturverzeichnis. 


1. Bizzozero: Formation des corpuscules sanguins rouges. Arch. Ital. 
de Biologie, T. IV, 1883. 

2. Derselbe: Neue Untersuchungen über den Bau des Knochenmarks bei 
den Vögeln. Arch. f. mikr. Anat., 1890, Bd. 55. 

3. Bizzozero et Torre: De l’origine des corpuscules sanguins dans les 
differents classes des vertebres. Arch. Ital. de Biologie, 1883, T. IV. 

4. Bizzozero: Über die Entstehung der roten Blutkörperchen bei den 

verschiedenen Wirbeltierklassen. Arch. f. path. Anat. u. Phys. u. f. klin. 

Medizin, 1884, Bd. 65. 

Choronshitzky: Die Entstehung der Milz, Leber usw. Anat. Hefte, 

13. Bd., 42. u. 43. Heft, 1900. 

6. Dantschakoff: Über das erste Auftreten der Blutelemente im Hühner- 

embryo. Folia hämatoloeica, 4. Jahrg., Suppl., Nr. 2, 190%. 

Derselbe: Untersuchungen über die Entwicklung des Blutes und Binde- 

gewebes bei Vögeln. Anat. Hefte, 37. Bd., H. 3. 1908. 

8. Derselbe: Untersuchungen über die Entwicklung von Blut und Binde- 
gewebe bei Vögeln. Arch. f. mikr. Anat., Bd. 73, 1909. 

9. Derselbe: Über die Entwicklung des Knochenmarks bei den Vögeln usw. 
Arch. f. mikr. Anat., Bd. 74, 1909. 

10. Dehler: Beitrag zur Kenntnis des feineren Baues der roten Blut- 
körperchen beim Hühnerembryo. Arch. f. mikr. Anat., Bd. 46, 1895. 

11. Denys: Sur la structure de la moelle des os et la genese du sang 
chez les oiseaux. La Cellule, T.IV. 

12. Disse: Die Entstehung des Blutes und der ersten Gefässe im Hühnerei. 
Arch. f. mikr. Anat., 1879, Bd. 16. 

13. Frobeen: Zur Entwicklung der Vogelleber. Anat. Hefte, Bd. 1, 5. Heft, 
1892. 

14. Hildebrandt: Die erste Leberentwicklung beim Vogel. Anat. Hette, 
20. Bd., 1902. 

15. Janosik: Le developpement des globules sanguins chez les amniotes. 
Bibliographie anatomique, 7. X. 1902. 

16. Kostanecki: Die embryonale Leber in ihrer Beziehung zur Blut- 
bildung. Anat. Hefte, Bd. 3. 


Oo 


-] 


348 


1 


EL 


1%, JebelarıeS 


Lobenhoffer: Über extravaskuläre Erythropoese in der Leber unter 
pathologischen und normalen Verhältnissen. Zieglers Beiträge für 
path. Anat. u. allg. Path., Bd. 43, 1908. 

Maximow: Untersuchungen über Blut und Bindegewebe 1. Die 
frühesten Entwicklungsstadien der Blut- und Bindegewebszellen usw. 
Arch. f. mikr. Anat., Bd. 73, 1909. 

Derselbe: Untersuchungen über Blut und Bindegewebe. 2. Über die 
Histiogenese der Thymus bei Säugetieren. Arch. f. mikr. Anat., Bd. 74, 
1909. 

Mollier: Die Blutbildung in der embryonalen Leber des Menschen 
und der Säugetiere. Arch. f. mikr. Anat., Bd. 74, 1909. 

Müller: Deutsches Archiv für klin. Medizin, Bd. 48. 

Nägeli: Blutuntersuchungen und Blutdiagnostik. Leipzig 1908. 
Neumann: Neue Beiträge zur Kenntnis der Blutbildung. Arch. f. 
Heilk., Bd. 15, 1874. 

Saxer: Über die Entwicklung und den Bau der normalen Lymph- 
drüsen usw. Anat. Hefte, Bd. 75. 

Sehmidt: Über Blutzellenbildung in Leber und Milz usw. Zieglers 
Beiträge, Bd. 11, 1892. 

Schridde: Über die Myeloblasten und Lymphoblasten. Verhandl. des 
Kongresses für innere Medizin, 23. Vers., München 1906. 

Van der Stricht: Le developpement du sang dans le foe embryonaire. 
Archives de Biologie, T. XI. 

Derselbe: Nouvelles recherches de la genese des globules rouges etc. 
Archives de Biologie, T. XI. 

Wain: Über die Bildung der roten und weissen Blutzellen in der 
embryonalen menschlichen Leber Inaug.-Diss., Zürich 1906 


Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse etc. 349 
Erklärung der Abbildungen auf Tafel XV und XVI. 


Die Abbildungen der Taf. XV und XVI sind mit Ausnahme der Übersichts- 
bilder 1, 2, 13 und 14 alle mit Zeiss-Apochromat 2 mm gezeichnet worden; 
Ökulargrösse ist bei den einzelnen Tafelfiguren vermerkt. 


Allgemeine Bezeichnungen: 


Erbl = Erythroblast; Ed = Endothel:; End. Stz = endotheliale Stammzelle; 

Erz — Erythrozyt; K = Kapillare; Lz = Leberzellen; Per — Peritoneum; 

Phz — Phagozyt; R — Retikulum; Stz = Stammzelle; Trbl = Thrombo- 
blast; Trz — Thrombozyt. 

Alle Abbildungen stammen von Präparaten, die mit Dominici oder Eosin- 
Azur gefärbt sind. Als Fixierungsmittel wurde mit Ausnahme von Fig. 4 
und 5 Z.-F. angewandt. 

Fig. 1. Übersichtsbild eines Leberschnittes vom Ende des 6. Bebrütungs- 

tages. 

Fig. 2. Bindegewebsneubildung am Ende des 7. Tages; Beginn der ersten 
Blutbildungsperiode. 

Fig. 3. Beginn des 8. Bebrütungstages. Karyokinese einer Stammzelle — 
Stz. Ok. 8. 

Fig. 4. Beginn des 8. Bebrütungstages. Karyokinese einer endothelialen 
Stammzelle: Fixierung mit Sublimat-Eisessig. Ok. 8. 

Fis. 5. Beginn des 8. Bebrütungstages. Karyokinese einer endothelialen 
Stammzelle ; Fixierung in 96 proz. Alkohol. Ok. 6. 

Fig. 6. Ende des 7. Bebrütungstages. Eine in die Gefässlichtung vorgewölbte 
Stammzelle, die mit den anschliessenden Endothelien durch Proto- 
plasmafortsätze noch in fester Verbindung steht — End. Stz. Erbl — 
Erythroblast im Gefässlumen. Ok. 6. 

Fig. 7. Mitte des 8. Bebrütungstages. Stammzellen und ein Erythroblast 
in den Maschen eines den Leberzellen aufliegenden retikulären 
Gewebes. Ok. 6. 

Fig. 8. Mitte des 8. Bebrütungstages. Entwicklung von Stammzellen bei 
noch geschlossenen Gefässwandungen nach aussen ins Lebergewebe 
hinein. Stz’ = fertige Stammzelle; Stz'' — Entwicklungsstadien 
von Stammzellen. In den Gefässlichtungen sind Stammformen, 
Erythroblasten und Erythrozyten zu sehen. Phz — Phagozytieren 
der Endothelzellen. Ok. 8: 

Fig. 9. Das gleiche Stadium wie in Fig.8. Randpartie der Leber. Per. Stz = 
aus Peritoneum entwickelte Stammzellen mit den anschliessenden 
nicht differenzierten festen Elementen in fester Verbindung. Stamm- 
zellen, Erythroblasten, Erythrozyten, Thromboblasten und Thrombo- 
zyten in einem retikulären Grundgewebe. G — Gefässlichtung. 
Ok. 6. 

Fig. 10. Ende des 8. Bebrütungstages. Erbl = Erythroblasten, die in einem 
über die Leberzellbalken gespannten, offenen retikulären Gewebe 
liegen. Ok. 6. 


350 


Fig. 


all 


413: 


ig. 14. 


R. Haff: Bindegewebs- und Blutbildungsprozesse etc. 


Mitte des 8. Bebrütungstages. Stz — Stammzelle im Retikulum, 
den Leberzellen anliegend; G — Gefässlichtung; Übergang in ein 
offenes retikuläres Gewebe: Trz — Thrombozyten. Ok. 8. 

Mitte des 8. Bebrütungstages. Peritoneum und Randretikulum mit 
‚anschliessenden Leberzellenbalken. Stz — Stammzellen im Leber- 
gewebe wie in Fig. 7. Ok. 6. 

Übersichtsbild aus einem Leberschnitt vom Ende des 9. Tages. 
Geschlossene Gefässlichtungen, kein retikuläres Gewebe, dem Leber- 
balken dicht anliegende Peritonealzellen. 


Übersichtsbild vom Beginn des 12. Tages; Anfang der leuko- 
poetischen Periode. 


os 
oO 
En 


Aus dem Patholog.-Anatomischen Kabinett des Prof. Moiseeff in der 
Militär-Medizinischen Akademie in Petersburg. 


Zur Frage über die Entwicklung der grossen Gefässe 
(der Aorta und der Art. brachialis) beim mensch= 
lichen Embryo. 


Von 
Dr. M. S. Masloff. 


Hierzu Tafel XV. 


Ich schicke meiner Darstellung keinen Literaturbericht 
voraus, da solche in den Arbeiten Aschoffs, Thomas, in den 
Dissertationen Dobrowolskvys, Westphalens u. a. zur Ge- 
nüge gegeben sind. Das Ziel meiner Arbeit ist die Untersuchung 
neuen Materials, um ein vollständiges Urteil über die Entwicklung 
der grossen (refässe zu erlangen. 

Als Material dienten mir die Kinderleichen der Militär- 
Medizinischen Akademie und auch die frischen Aborte aus dem 
OÖbuchoffschen Krankenhaus zu St. Petersburg. Im ganzen 
hatte ich zu meiner Verfügung 44 Fälle: 

1. 15jähriges Mädchen, 158 cm Grösse; 2. 5jähriges Mädchen, 110 cm; 
3. 2jähriger Knabe, 82 cm; 4. 1jähriger Knabe, 71 cm; 5. 6monatlicher 
Knabe, 60 em; 6. neugeborener Knabe, 53 cm; 7. 7monatlicher Abortus. 
40 cm; 8. 7monatlicher Abortus, 36 cm; 9. und 10. zwei Aborten, 6 monatlich, 
34 cm und 28 cm; 11.—19. neun Aborten, 5monatlich, von 27 cm, 26 cm. 
24 cm, 22 cm, 21,5 cm, zwei von 20,5 cm, 19,5 cm, 185 cm; 20.33. 
14 Aborten, 4monatlich, von 17,5 cm, drei Fälle von 17 cm, 16 cm; zwei 
Fälle von 15 cm, vier Fälle von 14 cm, 13,5 cm, 12,5 cm und 11,5 cm; 
34.—58. fünf Aborten, 3monatlich, von 9,5 cm, 9,25 cm, zwei Fälle von 
85 cm und 7,5 em: 39.—44. sechs Aborten, 2monatlich, 6,5 cm, 5,8 cm, 
5,5 em, 5 cm, 3,1 cm und 1 cm. 

Zur Untersuchung wurden kleine Stückchen der Aorta und der Art. 
brachialis genommen. Bei sehr kleinen Embryonen wurden Schnitte durch 
den ganzen Körperteil gemacht. Die Stückchen wurden in Formalin und 
Spiritus fixiert und in Celloidin eingelegt. Färbung mit Hämatoxylin-Eosin. 
Van Gieson, Hart und Fränkel. Als Ausgangspunkt dienten mir die 
Aorta eines 15 jährigen Mädchens und eines 2jährigen Knaben. Von da 
ging ich zu den früheren Stadien über. 


352 Dr. M.S.Masloff: 


Den allgemein angenommenen Daten gemäss unterscheide 
ich: 1. die Intima, die aus der Schicht der Endothelialzellen, 
aus der Subendothelialschicht und der Membrana elastica interna 
besteht; 2. die Tunica media mit der subintimalen Schicht und 
3. die Adventitia. 

Beim 6monatlichen Kinde hat die Aorta ascendens 
alle Schichten. In der Subendothelialschicht der Intima ist hier 
und da eine Anhäufung von Zellen auffallend, deren Kerne runde 
oder ovale Form haben. Das Protoplasma der Zellen, die nach 
innen liegen, wird nach Van Gieson gelb gefärbt, die übrige 
Masse des Protoplasmas trägt den Charakter der Bindegewebs- 
zellen. Der Bau der Media und der Adventitia ist ganz gleich 
dem Verhalten bei Erwachsenen. Die Subendothelialschicht ist in 
der Aorta abdominalis nicht gleichmässig: bald ist sie ziemlich 
breit, bald schmal. Sie besteht aus Bindegewebe, enthält aber 
auch Muskelfasern in geringer Zahl; ausserdem kommen noch 
sternförmige Zellen und sehr feine, kurze, elastische Fasern vor. 
Eine deutliche Membrana elastica interna teilt die Intima von 
der Media ab. Die elastischen Fasern der Media, die in den 
Z/wischenräumen Muskelzellen und Bindegewebe enthalten, nehmen 
bei. der Adventitia ihr Ende. Die Zahl der elastischen Fasern 
in der Adventitia ist wenig bedeutend. 

Die Aortaeines Neugeborenen zeigt nichts Neues. Bei einer 
Y9monatlichen Abortfrucht (45 cm) war die Intima der Aorta lockerer 
sebaut, die Subendothelialschicht noch schmäler; sie enthielt feine elastische 
Fasern; die Membrana elastica interna war nur teilweise ausgesprochen, 
teilweise zerfiel sie in ein Netz von kleinen Fasern. Näher zur Adventitia 
wurden die elastischen Fasern der Media immer grösser und dicker; zwischen 
den Fasern fanden sich ausser den Muskelkernen noch dünne Schichten von 
Bindegewebe. In der Adventitia waren die elastischen Fasern nicht in 
grosser Zahl vorhanden. Im unteren Teil der Aorta (Aorta abdom.) enthielt 
die Subendothelialschicht kleine Netzchen von elastischen Fasern und auch 
noch Bindegewebe; Muskelzellen und sternförmige Zellen gab es hier 
nieht. Beim Smonatlichen Embryo ist die Subendothelialschicht noch 
schwächer, ein schmaler Reif aus Bindegewebe, eine geringe Zahl von 
feinen elastischen Fasern enthaltend. Die Membrana elastica interna ist 
in dieser Periode nicht stark ausgesprochen. Im allgemeinen werden die 
Schichten schmäler, und die Fasern, aus denen sie gebildet sind, werden 
immer feiner. In den noch früheren Stadien verschwinden einige Elemente 
sanz. Beim Embryo von 40 cm Länge besteht die Intima nur aus der 
Schicht der Endothelialzellen und aus der Membrana elastica interna, die 
nicht überall deutlich ausgedrückt ist und in einzelne Fasern zerfällt; auf 


Die Entwicklung der grossen Gefässe beim menschlichen Embryo. 393 


einigen Strecken gibt es eine Subendothelialschicht, bestehend aus Bindegewebe 
mit elastischen Fasern und Muskelzellen. Die Media und die Adventitia 
sind noch feiner gebaut. In der Gefässwand der Vasa vasorum kommen 
noch elastische Fasern vor. Bei der Aorta abdominalis ist die Subendothelial- 
schicht noch schwächer und besteht nur aus Bindegewebe ohne elastische 
Fasern. Die elastischen Fasern der Media werden feiner und sind ganz 
locker gelagert. Die Zwischenräume (zwischen den Fasern) sind mit Muskel- 
zellen ausgefüllt, das Bindegewebe ist gering entwickelt. 

Ein Embryo von 27 cm Länge zeigt folgendes. Die 
Intima der Aorta ascendens besteht aus flachen Endothelialzellen., 
die dicht aneinander liegen und runde Kerne haben, ferner aus 
einer ganz schmalen Subendothelialschicht (Muskel- und Binde- 
gewebe enthaltend) und aus der nicht scharf ausgeprägten 
Membrana elastica interna. Im unteren Abschnitt der Aorta 
sind die Zellen des Endotheliums lockerer gelagert: sie stellen 
platte Zellen dar, die sich durch Fortsätze vereinigen und sich 
in die Media einschieben. Die Schicht des Bindegewebes unter 
dem Endothelium ist hier dünner und enthält einige kleine 
sternförmige Zellen; elastische Fasern gibt es hier keine. Die 
Membrana elastica interna ist deutlich. Die elastischen Fasern 
der Media schlängeln sich stark, zwischen ihnen befinden sich 
ovale oder stäbehenförmige Muskelkerne und zarte Schichten von 
Bindegewebe. In der Adventitia kommen Muskelfasern, elastische 
Fasern und Vasa vasorum vor. 

Ich gehe gleich zur Analyse des Baues der Aorta eines Embryo 
von 19,5 em Länge über, und ich werde mich nur bei den Schichten auf- 
halten, die einiges Besondere haben. Die Subendothelialschicht ist hier noch 
vorhanden, aber sehr schmal und enthält elastische Fasern und Muskelfasern. 
Die Membrana elastica interna ist nicht deutlich. Der Charakter der Muskel- 
kerne der Media ist derselbe wie bei den vorhergehenden Stadien. Das 
Bindegewebe ist nicht bedeutend, die elastischen Fasern anastomosieren mit- 
einander. In der Adventitia sind noch elastische Fasern und Vasa vasorum 
vorhanden, diese aber ohne elastisches Gewebe. Die Aorta abdominalis 
unterscheidet sich darin von der Aorta ascendens, dass die Subendothelial- 
schicht fehlt und die Endothelialzellen direkt auf der sehr deutlichen 
Membrana elastica interna liegen. In der Adventitia gibt es keine Vasa 
vasorum Die Arteria brachialis ist zu dieser Periode völlig differen- 
ziert. Sie besteht aus der Schicht der Endothelialzellen mit regel- 
mässigen runden Kernen, aus der deutlichen Membrana elastica interna, aus 
zwei bis drei Schichten von feinen, kurzen, elastischen Fasern, aus einer 
wenig ausgesprochenen Membrana elastica externa und der Adventitia. 
Die Muskelkerne der Media sind in zwei Reihen regelmässig kreisförmig 
angeordnet. 


354 Dr. M.S. Masloff: 


Die Struktur der Aorta eines Embryo von 17 cm Länge 
bietet wieder etwas Eigenartiges dar. Die Intima der Aorta 
ascendens besteht aus einer Schicht kolbenförmiger Endothelial- 
zellen mit Fortsätzen und runden Kernen und aus einer klaren 
Membrana elastica interna, welche in jüngeren Stadien in der oberen 
Abteilung der Aorta nicht existiert. Nur an einem Bezirk des 
(refässes ist die Subendothelialschicht vorhanden, die sehr locker 
ist und regellos liegende Zellelemente enthält, die sich mit ihren 
Fortsätzen in die Media einsenken. Bei der Färbung nach 
Fränkel kann man die Anwesenheit feiner elastischer Fasern 
feststellen, deren Zahl aber gering ist. Die Kerne der Media 
haben stäbchenförmige Gestalt, sind kreisförmig angeordnet, zu- 
weilen sind sie winkelförmig gekrümmt; die elastischen Fasern 
schlängeln sich stark, das Bindegewebe ist wenig bedeutend. In 
der Adventitia sind keine elastischen Fasern vorhanden, wohl 
aber Muskelfasern; die Vasa vasorum befinden sich noch im 
Embryonalzustand. Die Adventitia geht ohne scharfe Grenze ins 
umgebende Gewebe über. Bei der Aorta abdominalis fehlt die 
Subendothelialschicht ganz. Die Arteria brachialis hat dieselbe 
Struktur wie im vorhergehenden Stadium. Wir sehen, dass die 
Subendothelialschicht langsam verschwindet, zuerst verschwindet 
sie in der Aorta abdominalis, dann in der Aorta ascendens. 

Bei einem Embryo von 14 cm Länge ist diese Schicht 
schon nieht mehr vorhanden, und die Intima besteht aus einer 
Schieht dieht aneinander liegender Endothelialzellen und einer 
Membrana elastica interna, die an einigen Orten aus zwei bis drei 
einzelnen elastischen Fasern besteht. In der Media sind die Fasern 
weniger gekrümmt und sind bedeutend schmäler. In der Adventitia 
gibt es keine Vasa vasorum und keine elastischen Fasern. Bei der 
Aorta abdominalis tritt die Membrana elastica interna scharf hervor, 
die elastischen Fasern der Media schlängeln sich vielfältig und sind 
schmäler. Bindegewebe findet sich hier nur wenig. Die Schichten 
der Arteria brachialis sind in diesem Stadium schon differenziert. 


Die Intima der Aorta ascendens eines Embryo von 12,5 cm Länge 
besteht aus einer Schicht vieleckiger Endothelzellen mit langen Fortsätzen 
und mit eiförmigen Kernen, welche zentrale Lage haben. Die Membrana 
elastica interna ist nicht der ganzen Länge nach vorhanden. Die elastischen 
Fasern sind in der Intima lockerer angeordnet und anastomosieren miteinander. 
Die Muskelkerne liegen regellos. Es findet sich nur wenig Bindegewebe In 
der Adventitia bemerkt man die Embryonalentwicklung der Vasa vasorum. 


R 
Du 


w. 


Die Entwicklung der grossen (efässe beim menschlichen Embryo. 


Embryo von 925 cm Länge. Hier sind die Elemente, welche die 
Gefässwand der Aorta bilden, noch feiner, sie liegen noch lockerer und 
treten deshalb deutlicher hervor. Die Endothelialschicht stösst unmittelbar 
an die Membrana elastica interna an, die an einigen Orten aus dünnen 
einzelnen Fasern besteht. Die Kerne der Media haben unbestimmte Gestalt, 
sind gekrümmt und sind in unregelmässigen Reihen angeordnet, welche 
zwischen den Schichten der dünnen, aber noch reichlichen elastischen Fasern 
liegen. Nach Van Gieson ist die Färbung der Media nicht so typisch, 
jedenfalls trägt sie den Charakter der Muskelfärbung. Das Wiedererscheinen 
der Subendothelialschicht an einigen Stellen in der oberen Abteilung der 
Aorta ist hier auffallend. Es ist keine zufällige Erscheinung, denn dasselbe 
wird an den folgenden noch jungen Embryonen bestätigt. In der Adventitia 
sind einige elastische Fasern vorhanden. 

Beim Embryo von 7,5 em Länge liegen die faserigen 
Elemente noch lockerer. Die Endothelialzellen haben lange Fort- 
sätze, ein blassgefärbtes Protoplasma und runde oder eiförmige 
Kerne. Die Membrana elastica interna spaltet sich an einigen 
Stellen in einzelne elastische Fasern. In der Media liegen die 
Kerne unregelmässig. besonders in der Intima und etwas regel- 
mässiger kreisförmig in der Adventitia. Die elastischen Fasern 
sind dünn und gekrümmt. Die Adventitia besteht aus Binde- 
gewebe mit einer geringen Zahl von Zellen, welche runde Kerne 
tragen. In der Adventitia finden wir an einigen Orten eine 
Ansammlung von zwei bis drei bis fünf roten Blutkörperchen 
(Embryonalstadium der Vasa vasorum), die von Zellen umgeben 
sind, welche von den umgebenden Gewebszellen sich gar nicht 
unterscheiden. In der Adventitia gibt es keine elastischen Elemente. 
In der Aorta abdominalis ist an einigen Stellen unter dem Endo- 
thelium ein feinfaseriges Gewebe vor handen, welches sich un- 
sefähr auf einen Viertelkreis ausdehnt und eiförmige oder runde 
Kerne enthält. Diese Bindegewebs schicht (nach Van Gieson) 
ist ziemlich locker, lässt Zwischenräume erkennen und wird nicht 
stark gefärbt, obgleich das Bindegewebe des umgebenden Gewebes 
ganz intensiv rosa gefärbt wird. Der Charakter der Media und 
der Adventitia ist derselbe wie in der Aorta ascendens. 


Die Arteria brachialis unterscheidet sich darin vom vorhergehenden 
Stadium, dass sie weniger elastische Fasern hat. Die Kerne der Media sind 
in zwei bis drei Reihen angeordnet, sie sind eiförmig oder stark gedehnt. 
Nach Van Gieson bekommen die Mediazellen leichte rosa Färbung, die- 
selbe Färbung, welche das umgebende Gewebe hat, obgleich die Mediazellen 
im vorhergehenden Stadium die Muskelfärbung aufnahmen. Die Arteria 
brachialis eines Embryo von 6,5 cm Länge hat all diese charakteristischen 

Archiv f.mikr Anat. Bd.84. Abt.L 24 


356 Dr.M.S.Masloff: 


Zeichen, die aber noch mehr ausgeprägt sind. Das Protoplasma der Media- 
zellen ist zweifellos rosa gefärbt (nach Van Gieson) und grün nach 
Fränkel (d.h. es hat den Charakter von Bindegewebe). Die elastischen 
Fasern sind sehr fein und kurz und umfassen nur einen Teil des Lumens. 
Die Membrana elastica interna ist nicht scharf ausgeprägt, wir finden schon 
ein Anzeichen der Bildung einer Membrana elastica interna, die an einigen 
Orten als eine Reihe von Punkten erscheint. Es ist unmöglich, eine Adventitia 
zu unterscheiden. 

Den nächsten Embryo der Grösse nach (5.8 em Länge) 
werde ich ausführlicher beschreiben. In der Aorta ascendens 
besteht die Intima aus einer Reihe kolbenförmiger Endothelial- 
zellen mit grossen runden oder eiförmigen Kernen; der äussere 
Teil dieser Zellen erscheint als stark gezogene Linie, während 
der innere Teil unregelmässig ist. Unter dem Endothelium be- 
finden sich an einigen Orten rote und weisse Blutkörperchen, 
welche Kerne enthalten und einzeln oder in kleinen Gruppen 
liegen: ferner gibt es hier noch ein wenig Fasergewebe. Ohne 
eine deutliche Membrana elastica interna geht die Intima in die 
Media über. In dieser sind die elastischen Elemente sehr dünn 
und in grosser Zahl vorhanden, sie sind unregelmässig angeordnet, 
kreisförmig und bilden Schlingen. Nach aussen sind die elastischen 
Fasern grösser und liegen regelmässiger; in der Nähe der Adven- 
titia haben sie ihr Ende. Die Mediakerne sind grösstenteils rund 
oder eiförmig; nach Van Gieson wird die Media in unbestimmt 
gelber Farbe gefärbt, und man kann kein bestimmtes Urteil über 
den Charakter der Mediazellen abgeben. Die Adventitia ist faserig, 
enthält rote Blutkörperchen, die noch nicht ganz von Zellen um- 
schlossen sind. Sie besteht aus Bindegewebe (die Färbung ist 
hier aber nicht charakteristisch). 

In der Bauchaorta desselben Embryo liegen die Endothelial- 
zellen noch lockerer. Zwischen den Zellen und der klaren Mem- 
brana elastica interna kommen rote und weisse Blutkörperchen vor. 
Die Mediakerne liegen regellos und sind ungefähr in 20 Reihen 
angeordnet. Die Arteria brachialis erscheint als ein Lumen, das 
von roten Blutkörperchen ausgefüllt ist und ums Lumen herum 
sind ringförmig Kerne ausgelegt von eiförmiger oder runder 
Gestalt in zwei bis drei Reihen, die sich sehr wenig, nur der 
Lage nach, vom umgebenden Gewebe unterscheiden. Dieses Ge- 
webe trägt den Charakter von Bindegewebe (wird nach Van 
Gieson rot. nach Fränkel grün gefärbt). Zwischen den ein- 


Die Entwicklung der grossen Gefässe beim menschlichen Embryo. 397 


zelnen Reihen von Zellen kann man die Anfangsbildung der 
elastischen Fasern (Färbung nach Hart) bemerken, die als punkt- 
törmige Bildungen erscheinen (im Querschnitt). 

Nun sind wir zum Stadium der unvollständigen Differen- 
zierung der Arteria brachialis gekommen, die Mediazellen tragen 
noch den Charakter des Bindegewebes und unterscheiden sich 
wenig vom umgebenden (sewebe, wo das elastische Gewebe sich 
erst zu bilden anfängt. Wir gehen jetzt zu den früheren Ent- 
wicklungsstadien der Aorta über. Bei einem Embryo von 
5 em Länge ist der Bau der Gefässwand der Aorta derselbe 
wie in der vorhergehenden Periode. 

Einfacher ist der Bau der Aorta bei einem Embryo 
von3,lemLänge. Hier fängt die Differenzierung der Elemente 
an, und so möchte ich dies Stadium eingehender schildern. 

Das Lumen der Aorta ascendens ist von kernhaltigen roten 
Blutkörperchen ausgefüllt. Die Intima besteht aus Zellen, welche 
dem Scheine nach sich wenig von den Mediazellen unterscheiden: 
nur ihre Lage zwingt sie für Endothelialzellen zu halten. Die 
Endothelialkerne sind grösstenteils eiförmig, werden gut gefärbt: 
das Protoplasma ist nicht reichlich, es umgibt den Kern wie ein 
Reif. Die Umrisse der Zellen sind nicht scharf: einige Zellen, 
die zum Gefässlumen gerückt sind, sind eiförmig, haben Fort- 
sätze, mit welchen sich die Zellen vereinigen und sich in die 
Media einsenken. Es folgen ohne scharfe Grenze einige Reihen 
von Zellen, welche Kerne von verschiedener Grösse und Form 
haben und ohne bestimmte Ordnung liegen; der grösste Teil 
dieser Zellen liegt kreisförmig: zwischen den einzelnen Zellen 
bleiben Spalten. Es gelingt nicht, hier die Grenzen gegen die 
Adventitia zu bestimmen. Es ist auffallend, dass nach aussen 
hin die Kerne länger werden und die Zwischensubstanz schwächer 
gefärbt wird. Nach Van Gieson nimmt dieses ganze (Gewebe 
unbestimmt grau-gelbe Farbe an; das schwach rosa gefärbte 
Bindegewebe kommt nur an der Peripherie des (Gefässes in dem 
umgebenden Gewebe vor. Bei der Färbung nach Fränkel be- 
kommt man auch unbestimmte Tönung. Schon in diesem Stadium 
kann man die Anwesenheit elastischer Fasern konstatieren, die 
sehr fein sind. Sie verlaufen als geschlängelte Fäden zwischen 
den Zellelementen der künftigen Media. Man kann ihrer bis 


acht Zellen zählen: sie teilen alle Reihen der Kerne voneinander 
24* 


358 Dr. M.S. Masilott: 


ab. Sie sind noch sehr fein und kurz; einige erreichen die 
Länge von einem Viertelkreis. Die Fasern, die näher zur Intima 
liegen, sind feiner, an einigen Stellen sind nur Reihen von Punkten 
sichtbar. Dank der Anwesenheit dieser primitiven elastischen 
Fasern kann man ungefähr die Grenzen der Media bestimmen. 
Die Adventitia kann man nicht gut vom umgebenden Gewebe 
trennen. Der Bau der Lungenarterie ist derselbe, nur ist 
die Zahl der elastischen Fasern kleiner. Um die Bauchaorta 
untersuchen zu können, musste ich Schnitte durch den ganzen 
Embryo machen. 

Dort, wo nach bestimmten topographischen Daten wir die 
Aorta zu sehen erwarten, sehen wir ein unregelmässiges Lumen, 
sanz ausgefüllt von kernhaltigen roten Blutkörperchen. Das 
Lumen ist von einigen Zellenlagen umgeben, die Kerne ent- 
halten. Es gelingt nicht, einzelne Schichten zu unterscheiden, 
denn die Kerne sind nicht charakteristisch und sind alle einander 
ähnlich. Die Blutkörperchen, welche Kerne enthalten (es sind 
Erythrozyten, denn sie haben gelben Farbenton), haben unregel- 
mässige, vieleckige oder eiförmige Gestalt. An diese Blut- 
körperchen stossen Reihen von Zellen an, welche unregelmässig 
angeordnet sind und vieleckige oder eiförmige Gestalt und auch 
Fortsätze haben, ihr Protoplasma färbt sich schwach und der 
Kern ist gross und eiförmig: diese Zellen vereinigen sich mit- 
einander. Einige von ihnen sehen aus, als ob sie sich in die 
Masse der Blutkörperchen vorschieben, so dass es hier keinen 
dichten endothelialen Ring gibt. Die nächsten Zellenreihen liegen 
regelmässiger; sie gehen ohne jegliche Grenze ins umgebende 
(zewebe über. Nach Van Gieson wird dieses Gewebe unbestimmt 
gefärbt und auf dem Schnitt durch den ganzen Embryo finden 
wir nur sehr wenig rosa gefärbtes Bindegewebe. Bei der Färbung 
nach Hart und Fränkel kann man schon zweifellos elastische 
Fasern konstatieren, die noch im Embryonalzustand sind. Man 
kann einige Reihen von diesen Fasern unterscheiden. Die Fasern 
sind sehr fein; grösstenteils sehen wir nur eine Reihe von Punkten, 
so dass wir einen Eindruck bekommen, als ob die Fäserchen aus 
dem Zusammenfluss einzelner Punkte, die zwischen den Zellen 
liegen, entstehen. Die ersten elastischen Fasern und Punkte 
sehen wir nicht an dem Orte, wo die Membrana elast. int. ist. 
sondern weit vom Lumen entfernt. durch 2 bis 3 Reihen von 


Die Entwicklung der grossen Gefässe beim menschlichen Embryo. 399 


Kernen getrennt. Die ersten elastischen Fasern sind sehr fein 
und erst nach aussen hin liegen sie dicht und werden länger. 
Die Fäserchen folgen den Windungen der Zellen und umgeben 
das Gefässlumen. An einigen Orten sehen sie aus, als ob sie 
sich spalten: zur Peripherie hin werden sie wieder kleiner und 
feiner, und sie haben ihren Anfang wahrscheinlich im Zentrum der 
künftigen Media. In dem Gewebe, wo die Anordnung der Kerne 
regelmässig kreisförmig ist, kommen die elastischen Fäserchen 
nicht mehr vor. Es ist zweifellos, dass auf dem Querschnitt die 
Fäserchen sich aus dem Zusammenfluss einzelner elastischer 
Körnchen bilden. Im nächsten Stadium, dem eines Embryo von 
l em Länge finden wir keine Gefässe, denn auf dem Querschnitt 
gibt es nur Embryonalgewebe, das Kerne enthält. 

Im Jahre 1911 hat Bjorling mitgeteilt, dass er in der 
Aorta eines Erwachsenen ein Gewebe gefunden habe, das er 
„mucoides Gewebe“ nannte. Bjorling hat die Färbung mit 
polvchromischem Methylenblau (veränderte Methode von Ippa) mit 
der Differenzierung in Anilinöl, dann mit Alaun gesättigt, an- 
gewandt, und er hat gefunden, dass es in der Media hauptsächlich 
in ihrem inneren Teil, ein dünnes faseriges, locker liegendes 
(sewebe gibt, das die rote Farbe aufnimmt, während das gewöhn- 
liche Bindegewebe blau gefärbt wird. Da dieses (Gewebe der 
Färbung nach dem Schleimgewebe nahestand, so nannte er es 
mucoides Bindegewebe. So besteht das intramusculare (Gewebe 
aus dem gewöhnlichen Bindegewebe und aus dem mukoiden Binde- 
gewebe. das als sehr feine Netzchen auf der homogenen Substanz 
zwischen den Muskelzellen, besonders in der Nähe der Intima, liegt. 
Dieses (rewebe fand der Autor in allen grossen und mittelgrossen 
Gefässen. Bei Arteriosclerosis und Syphilis ist dieses Gewebe ver- 
mehrt. Es erschien interessant, die Entwicklung dieses eigen- 
tümlichen Gewebes in den Gefässwänden von Embryonen zu 
untersuchen. Zu diesem Behufe wurde ein Teil von Embryonen 
in Sublimat fixiert und unter Paraffin gesetzt. Bei dieser 
Fixierung bekam man eine starke Polychromasie. Parallel der 
Färbung mit dem polychromischen Methylenblau wurde ein Teil 
von Schnitten mit T'hionin und Toluidin gefärbt. Im postfötalen 
Leben ist das mukoide Gewebe in der Aorta bedeutend. Das 
mukoide Gewebe lieet in der Media in ziemlich dieken roten 
Schichten zwischen den elastischen Fasern: die grösste Masse 


360 Dr. M.S. Masloff: 


befindet sich in der Nähe der Intima; es findet sich auch selbst 
in der Intima als ein schmaler Streifen nahe dem Lumen. Diese 
Schichten folgen der Reihe der blauen Schichten, die aus ein- 
fachem Bindegewebe gebildet sind. In der Adventitia ist das 
mukoide Gewebe gering. Bei der Aorta abdominalis ist es etwas 
weniger entwickelt. Interessant erscheint die Menge dieses Gre- 
webes bei einem Embryo von 28 em Länge. Hier haben die 
(Gefässwände der Aorta an zwei Stellen Verdickungen, und an 
diesen Stellen ist das mukoide Gewebe stark vergrössert: es liegt 
als grosses faseriges Netz in der Media zwischen den einzelnen 
elastischen Fasern. Das einfache Bindegewebe ist hier gering. 
In den früheren Stadien ist sein Vorkommen dasselbe. Dieses 
(Gewebe ist auch in der Subendothelialschicht der Aorta abdominalis 
als eine dünne faserige Schicht zu finden. In der Media liegt es 
hauptsächlich näher zur Intima, in der Adventitia kommt es nicht 
vor. Es ist auffallend, dass in den Serien desselben Alters die 
Masse des mukoiden (rewebes dort wächst, wo es eine Verdickung 
der Schicht in der Intima oder der Media gibt. Beim Embryo 
von 20 cm Länge gibt es mukoides (rewebe in der Intima nur 
teilweise, in der unteren Abteilung der Aorta ist es gar nicht 
vorhanden. 

Beim Embryo von 15 em Länge ist dies (Gewebe an der 
Stelle der Verdickung der Subendothelialschieht und auch als 
eine Subintimalschieht vorhanden: in der Media gibt es nur 
feine dünne Schichtehen desselben. In der Aorta ascendens eines 
Embıyo von 13 cm Länge liegt dieses (Gewebe als eine dünne 
Schicht in der Media ganz nahe der Intima, in der Bauchaorta 
ist es gering. 

Beim Embryo von 9,5 em Länge gibt die Färbung nicht 
mehr eine sichere Reaktion, nur in der Aorta ascendens bekommen 
einzelne feine Fäserchen unbestimmt rote Farbe. 

Ehe ich zum Überblick der bekommenen Daten übergehe, 
gebe ich die Dicke der Gefässwände und der einzelnen Schichten 
in Millimetern an: 

Da meine Untersuchungen auf ein ziemlich grosses Material 
sich erstrecken, und ich verschiedenartige Färbungen anwandte, 
ist es mir gelungen festzustellen, dass die Differenzierung der 
einzelnen Schichten und Elemente viel früher eintritt, als es 
bisher bekannt war. Schon beim Embryo von 3,1 cm Länge 


- « een . r - 9fp 
Die Entwicklung der grossen Gefässe beim menschlichen Embryo. bl 


————————————————— 


| Aorta ascendens | Aorta abdominalis 

Länge des - er 

Embryo Alter Die aanze ; RN ‚Die ganze ' R 

" Gefäss- Intima Media Adventitia | Gefägg- Intima Media | Adventitia 

cm | wand wand 

Sl 2 Mon. 0,166 

58 |3 0.249 0,016 0,166 \ 0.058 0.016 | 0,116 

8) 0,266 0,182 0,085 

92513 0,308 0,241 | 0,066 | 0,233 0,143 | 0,066 
Ion] R3 0,299 0,216 | 0,092 || 0,233 0,166 , 0,067 
12,5 | 3 0,416 0,333 | 0,092 || 0,249 0,166 | 0,058 
1.0) 1 0,427 0,316 | 0,083 || 0,299 0,183 | 0.066 
7023 0,416 0,316 | 0,099 | 0,299 0,233 | 0,066 
oma 3r 0,466 0,383 | 0,099 || 0,299 0,166 | 0,133 
Al) 2 © | 0,833 0,566 | 0,249 | 0,666 0.499 | 0,166 
36,07 1,083 0.751 | 0,333 || 0,649 0,366 | 0,266 
AO HS, 0,449 0,249 | 0,182 || 0,299 0,1997) 0.133 
45,0 lage; 0,783 0,566 | 0,233 | 0,666 0,499°| 0,199 
600 |6 „ 10,883 0,783 | 0,101 |) 0,749 0,325 | 0,350 
82,0 2J.1M.) 0,866 0,649 | 0,166 | 0,833 0,1483 | 0,333 


kann man dem Aussehen nach die Zellen des Endotheliums von 
dem umgebenden Gewebe unterscheiden, in den späteren Stadien 
jedoch, von 5 cm Länge an und mehr, sondern sich die Zellen des 
Endotheliums vom übrigen Gewebe ab und werden charakteristisch. 
Es ist auffallend. dass in der Intima schon in den früheren Stadien 
der Entwicklung Blutkörperchen vorhanden sind. Es ist dies kein 
Zufall; dafür spricht, dass man die Blutkörperchen in allen früheren 
Stadien bis zum Embryo von 12,5 cm Länge finden kann. 

Es gibt viele Meinungen in bezug auf die Subendothelial- 
schicht. Einige Autoren (Thoma) schreiben die Erscheinung 
dieser Schicht dem postfötalen Leben zu. Andere (Aschoff) 
fanden diese Schicht auch früher, aber nicht früher als im 
6. Monat (28 cm). In bezug auf den Bau dieser Schicht und 
ihre Bedeutung stimmen ebenso die Meinungen nicht überein. 
Unsere Beobachtungen haben gezeigt, dass diese Schicht bereits 
während des fötalen Lebens sich zeigt. anfänglich natürlich 
schwächer entwickelt. 

Es ist erforderlich zu sagen. dass die Gefässentwicklung 
bei den einzelnen Embryonen unregelmässig verläuft, so dass 
die Aorten zweier Embryonen, welche dieselbe Grösse haben, ein 
etwas verschiedenes Bild geben können. Die Subendothelialschicht 


362 Dr. M.S.Masloff: 


ist hauptsächlich eine Bindegewebsschicht, zu welcher sich in den 
späteren Stadien elastische Fasern, Muskelfasern und Kernbildungen 
gesellen. Die elastischen Fasern sind dort in grosser Zahl vor- 
handen, wo die Membrana elastica interna nicht ausgeprägt ist. 
In den früheren Perioden ist diese Schicht schmäler, oder sie 
umgibt nur einen Teil des Lumens. Am allerersten verschwindet 
sie in der Aorta abdominalis eines Embryo von 17,0 cm Länge 
und in der Aorta ascendens verschwindet sie beim Embryo von 
14,0 cm Länge. Es ist interessant, dass in der früheren Periode 
der Entwicklung in dieser Schicht schon die Muskelfasern 
dominieren. 

Bemerkenswert ist ferner, dass bei den noch jüngeren Embry- 
onen die Subendothelialschicht wieder erscheint (siehe die Aorta 
abdom. eines Embryo von 7,5 cm Länge), aber die Möglichkeit ist 
nicht ausgeschlossen, dass in diesem Fall eine frühere individuelle 
Entwicklung stattgefunden hat. Jedenfalls spricht dieses Faktum 
dafür, dass die Subendothelialschicht sehr früh erscheinen kann, 
schon im 2. Monat. Es ist ferner interessant, dass dort, wo 
diese Schicht stärker ausgeprägt ist und eine Verdickung der 
Grefässwand bildet, in ıhr das mucoide Gewebe prädominiert. 
Die meisten Autoren finden, dass die Membrana elastica interna 
zur Intima gehöre. Bis jetzt dachte man, dass ihre elastischen 
Elemente früher als alle anderen elastischen Fasern der Media 
erscheinen. Aschoff, der mit den jüngsten Embryonen zu 
tun hatte (von 5,6 cm Länge an) erklärt es folgenderweise: 
schon bei einer Frucht von 5,6 em Länge ist vom Endothelium 
nach aussen hin eine glasähnliche klare zarte Haut vorhanden, — 
ein Anfang der Membrana elastica interna — sie trägt aber 
noch nicht den Charakter eines elastischen Elementes. Im weiteren 
verschwindet sie, und erscheint erst im 4. Monat wieder (beim 
Embryo von 16,7 cm Länge) als eine typische Membran, welche 
charakteristische Färbungen annimmt. Ferner wird sie nach und 
nach immer dicker. Nach der Meinung Aschoffs und anderer 
ist die Membrana elastica interna das erste elastische Gebilde; 
die anderen elastischen Fasern entwickeln sich später, und ihre 
Entwicklung geht von innen nach aussen. Diese Meinung 
Aschoffs, die auch andere angenommen haben, kann durch 
meine Beobachtungen nicht bestätigt werden. Zunächst muss ich 
wieder hervorheben, dass die individuelle Entwicklung der Aorta 


Die Entwicklung der grossen Gefässe beim menschlichen Embryo. 363 


bei den einzelnen Embryonen nicht immer eine gleiche ist. Ielı 
hatte (relegenheit. Beobachtungen über einige Embryonen des- 
selben Alters (derselben Länge) anzustellen. und ich konnte konsta- 
tieren, dass in einigen Fällen die Entwicklung der einzelnen 
Elemente viel früher eintreten kann, als in anderen Fällen. Ich 
konnte die Membrana elastica interna schon bei Embryonen sehr 
frühen Alters konstatieren: bei einem Embryo von 5,0 cm Länge 
war die Membrana elastica interna der Bauchaorta zweifellos stark 
ausgeprägt — in der Aorta ascendens ist die Membrana elastica 
interna zu dieser Zeit gewöhnlich noch nicht erkennbar — es 
existieren nur einzelne feine Fäserchen. In diesem Falle trug 
die Membrana elastica interna von Anfang an zweifellos den 
Charakter des elastischen Gewebes. 

In den jungen Stadien muss man stärker färben, um die 
nötige Farbenstufe zu bekommen. Ungeachtet der grossen Zahl 
von Fällen habe ich nie jene glasähnliche, aber unelastische 
Membran bemerkt, welche Aschoff erwähnt. Die Unvollkommen- 
heit des Verfahrens von Manchot,. welches Aschoff angewandt 
hat, erklärt dieses. Zweifelhaft ist es, zu denken, dass diese 
unelastische Membrana verschwinde, um später wieder, aber 
jetzt als eine elastische Membrana, zu erscheinen. Die Sache 
muss man sich so vorstellen, dass in einigen Fällen, die Aschoff 
zu seiner Verfügung hatte, die Entwicklung des elastischen 
(rewebes später eintrat, und ausserdem konnte das feine elastische 
(Gewebe, welches die Färbung schwach aufnimmt, bei seiner 
Färbungsmethode unbemerkt bleiben. Ich stelle mir die Sache 
so vor: die Membrana elastica interna oder das Netz von 
Fäserchen, welche der Membrana elastica interna entspricht, 
entwickelt sich gewöhnlich sehr früh, im 2. Monat (Embryo von 
5.0 em Länge). Von Anfang an trägt die Membrana elastica 
interna zweifellos einen elastischen Charakter. Im weiteren tritt 
nach und nach ihre Verdickung ein. In einigen Fällen kann 
die Entwicklung der Membran und des ganzen elastischen 
(sewebes ein wenig später eintreten. Am stärksten ist die 
Membrana elastica interna in der Aorta abdominalis; in der 
Aorta ascendens fehlt sie gewöhnlich, und dort ist die Grenze 
der Intima gegen die Media nicht scharf ausgesprochen, da an der 
Stelle der Membrana elastica interna nur kleine einzelne Fäserchen 
gelagert sind. Noch in der Periode des fötalen Lebens tritt zu- 


364 Dr2 MS Ma SlomE: 


weilen die Zerspaltung der Membrana elastica interna in zwei 
bis drei Fäserchen oder auch in ein Netz von Fäserchen ein 
(Embryo von 7,5 em); aber das ist keine beständige Erscheinung 
und bezieht sich nur auf einen kleinen Teil der Membran. 

An meinen Fällen kann ich die Meinung nicht bestätigen, 
dass die Membrana elastica interna das erste elastische Gewebe 
ist, und dass die Entwicklung der elastischen Fasern von innen 
nach aussen geht. Zu meiner Verfügung hatte ich die Aorta 
abdominalis und die Aorta ascendens eines Embryo von 3.1 cm 
Länge. Auf diesen Präparaten, die nach Hart und Fränkel 
gefärbt waren, tritt die Entwicklung der elastischen Fasern 
deutlich hervor. Wir sehen, dass die ersten vollständig gebildeten 
elastischen Fasern weit von der Intima in der Mitte der künftigen 
Media erscheinen: näher zur Intima und zur Adventitia bemerkt 
man eine Reihe von Punkten an der Stelle der künftigen Faser 
oder der Membran: jedenfalls erscheinen die ersten elastischen 
Fasern und Punkte nicht an der Stelle der Membrana elastica 
interna. Die Beobachtung erlaubt uns, anzunehmen, dass die 
Entwicklung des elastischen (Gewebes von der Peripherie zum 
Zentrum geht, oder richtiger gesagt. von der Mitte der Schicht. 
welche der Media entspricht, aus. Zu meinem Bedauern muss 
ich sagen, dass ich keine Längsschnitte machen konnte und des- 
halb nicht bestimmt sagen kann, ob diese Punkte nur Quer- 
schnitte der Länge nach verlaufender Fäserchen oder punktförmige 
elastische Bildungen sind, welche an der Peripherie der Zellen 
erscheinen; jedenfalls ist es zweifellos, dass die Fasern und die 
Membran, welche wir auf den (Juerschnitten sehen, an dem 
Zusammenfluss einzelner Punkte entstehen. Von diesem Stand- 
punkt aus erscheint die Meinung Aschoffs über die glasähnliche 
Membrana irrig. Unsere Meinung betreffs des Befundes bei dem 
Embryo von 3,1 cm Länge wird auch an den nächst älteren 
Embryonen bestätigt, wo es viele elastische Fasern gibt; dort 
sehen wir, dass die grössten Fasern in der Mitte der Media vor- 
kommen. in der Intima sind sie bedeutend schmäler, kürzer und 
schlängeln sich mehr. 

Je mehr sich der Embryo entwickelt, desto grösser wird 
die Zahl und die Stärke der Fasern, und sie beginnen die 
zwischen ihnen liegenden Elemente zusammenzupressen. Die 
Fasern sind in der Intima sehr gekrümmt und können mit- 


Die Entwicklung der grossen (refässe beim menschlichen Embryo. 365 


einander anastomosieren, indem sie Netze bilden, in deren Spalten 
Muskelkerne und das Bindegewebe liegen. 

Nach Morpurgo und anderen Autoren entwickelt sich 
die Media von innen nach aussen, denn man beobachtet zuerst die 
Vermehrung der Kerne nahe bei der Intima. Anfänglich ist sie 
aus Bindegewebe gebildet. Es gelang bisher Niemandem, die 
Anfangsbildung der Muskelzellen zu beobachten: bei Morpurgo 
fehlen die Zwischenstadien. Aschoff beschäftigte sich gar nicht 
mit der Differenzierung der Gewebe. Nach meinen Beobachtungen 
entwickelt sich die Media aus dem Embryonalgewebe,. welches 
dem Aussehen nach sich vom Bindegewebe gar nicht unter- 
scheidet. Dieses Gewebe nimmt in den frühen Stadien bei der 
Aorta die Färbung mit Fuchsin (nach Van Gieson) nicht an, 
erhält nur eine unbestimmt gelbgraue Tönung. Die Arteria 
brachialis hat in derselben Periode die Farbe des Bindegewebes, 
und der Charakter der Kerne ist ganz gleich dem Charakter 
der Kerne des umgebenden (rewebes: so können wir annehmen, 
dass die Media der Aorta auch den Charakter des Bindegewebes 
trägt. Im weiteren haben wir zweifellos Muskelfasern. Ausser 
dem Muskel- und elastischen Gewebe treten als beständiges 
Eigentum der Media von den allerfrühesten Perioden an (12.5 cm 
Länge) dünne Schichten des typischen Bindegewebes und des 
mukoiden (rewebes hervor, die Menge dieses Gewebes wächst mit 
dem Alter des Embryo. Die Grenze zwischen der Media und 
der Adventitia ist nicht scharf und wird durch das Unterbrechen 
der grossen elastischen Platten bezeichnet; diese Grenze kann 
man schon beim Embryo von 5,5 cm Länge erkennen. 

Was die Adventitia betrifft, so kann man sie vom um- 
sebenden Gewebe in frühen Perioden gar nicht abgrenzen, und 
erst vom 3. Monat an beginnt diese Abgrenzung. Die Adventitia 
trägt bindegewebigen Charakter, obgleich sie in den frühen 
Stadien die Fuchsinfärbung schwach aufnimmt. Die Vasa vasorum 
erscheinen sehr früh: den Anfang kann man schon im 4. Monat 
sehen (12,5 cm Länge). Sie stellen anfangs nur eine Anhäufung 
von Blutkörperchen dar, im weiteren werden sie von regelmässigen 
Zellenreihen umgeben, welche die Gefässwände der Vasa vasorum 
bilden. Im 6. Monat erscheinen in ihren Gefässwänden elastische 
Fäserchen. Was die elastischen Elemente der Adventitia anbetrifft, 
so erscheinen sie, Aschoffs Meinung entgegen, schon sehr früh 


366 Dr. M.S. Masloff: 


in der Aorta, im 3.—4. Monat (9,5 cm), sind aber eine un- 
beständige Erscheinung, denn bei anderen Embryonen, in späteren 
Stadien sogar, sind sie in der Adventitia nicht vorhanden, aber 
vom 5. Monat an ist ihre Anwesenheit eine beständige. Was die 
Muskelfasern der Adventitia betrifft, so ist ihre Anwesenheit auch 
zweifellos, doch nicht beständig. Zum erstenmal sahen wir sie 
beim Embryo von 17 cm Länge (4 Monate). 

Die Entwicklung der Arteria brachialis ist einfacher. 
Noch beim Embryo von 5,5 em Länge können wir bloss nach 
dem Aussehen der Zellenelemente nicht von einer Endothelial- 
schicht reden, denn alle Zellen, welche das mit Blutkörperchen 
gefüllte Lumen umgeben, und auch ihre Kerne sind einander 
ähnlich. Der Unterschied ist nur der, dass die ersten drei Reihen 
regelmässiger kreisförmig liegen. Sie haben ohne Zweifel den 
Charakter von Bindegewebe (nach Van Gieson). In diesem 
Stadium schon haben wir (relegenheit, elastische Fasern zu be- 
obachten, welche auf den Querschnitten als feine schwarze Punkte 
dargestellt sind (nach Hart), und die ersten elastischen Elemente 
erscheinen weit von der Intima entfernt. In den nächsten Perioden 
tritt die Differenzierung deutlicher hervor: es erscheinen die 
Membrana elastica interna, die unklare Membrana elastica externa 
und drei Reihen von feinen elastischen Fasern zwischen den 
Reihen der Mediaelemente, welche bis zum 4. Monat den Charakter 
von Bindegewebe behalten. Wieder muss gesagt werden, dass 
zuweilen die Erscheinung der elastischen Fasern später eintritt 
(Embryo von 7,5 cm Länge). Im weiteren nehmen die Media- 
zellen die Muskelfärbung an, die Membrana elastica interna und 
externa treten deutlicher hervor. Die Mediakerne dehnen sich, 
die Zahl der Schichten wird nach und nach grösser. Dieser 
Charakter der Media bleibt auch nach der Geburt derselbe. Die 
Differenzierung der Adventitia in der Arteria brachialis tritt am 
Ende des 3. Monats ein. In der Adventitia unterscheidet man 
eine äussere und eine innere Schicht, in der inneren erscheinen 
vom 6. Monat an die elastischen Fäserchen. 

Herrn Professor Moiseeff sage ich für die Stellung der 
Aufgabe und für seine beständige Leitung bei deren Bearbeitung 
verbindlichsten Dank. 


Die Entwicklung der grossen Gefässe beim menschlichen Embryo. 367 
Literaturverzeichnis. 


1 Aschoff: Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der Arterien beim 
menschlichen Embryo. Morph. Arb., herausgeg. v. Schwalbe. Jena 1893, 
Bd. I. 

2. Derselbe: Über die Entwicklung, Wachstums- und Altersvorgänge an 
den Gefässen von elastischem und muskulärem Typus. Jena, Fischer, 1908. 

3. Bjorling: Über mukoides Bindegewebe. Virchows Arch. 205, 1911. 

4. Bory: De l’edific. elast. dans les art&res de l’embryon. Comp. r. Soc. 
biol. 67, emp. 644. 

5. Bonnet: Über den Bau der Arterienwand. Ref. Jahresber. d. Anat. u. 
Entwickl., N. F., 13. März 1907, S. 240. 

6. Dobrowolsky. N.: Über die Veränderungen der Arterien nach dem 
Alter. Diss., St. Petersburg 1902. 

7. Grunstein: Über den Bau der grösseren menschlichen Arterien in 
verschiedenen Altersstufen. Arch. f mikr. Anat., Bd. 47, 1896. 

8. Morpurgo: Über die Entwicklung der Arterienwand. Sitzungsber. 
d. Mathem.-Naturw. Kl d. Kaiserl. Akad. d. Wissensch., Bd. XC, 1885 (eit 
nach Dobrowolsky). 

9. Kohle: Wachstum und Altern der grossen Gefässe und ihre Beziehungen 
zur Pathologie des Gefäbsystems. Jahresber. d. Anat. u. Entwicklungs- 
geschichte, N. F., 13. März 1907, emp. 213. 

10. Schmor]: Die pathologisch-anatomischen Untersuchungsmethoden. 1905. 

11. Soboleff: Die Gründe d. pathologisch-histologischen Technik. St. Peters- 
burg 1910. 

12. Thoma: Über die Abhängigkeit der Bindegewebsneubildung in der 
Arterienintima von den mechanischen Bedingungen des Blutumlaufes. 
Virchows Arch., Bd. 93, 1883. 

13. Westphalen: Histologische Untersuchungen über den Bau einiger 
Arterien. Diss., Dorpat 1886. 


arg 
9bS 


Fig. 


Dr. M.S. Masloff: Die Entwicklung der grossen Gefässe etc. 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel XVI. 


wS) 


Aorta abdominalis eines Embryo von 31cm Länge. 
Zeiss, Obj. D, Komp.-Okul. 12. Färbung nach Hart. 1. Eine 
Reihe von Zellen, die dem Endothelium entsprechen. 2. Blut- 
körperchen, welche Kerne enthalten. 3. Die elastischen Fasern im 
Embryonalzustand. 4. Die Zellen der Media. 5. Die Adventitia 
und das umgebende (sewebe. 
AortaascendenseinesEmbryovond,lcmLänge. Zeiss, 
Obj. D, Komp.-Okul. 4. Färbung nach Fränkel. 1. Endothelium. 
2. Tunica media. 3. Adventitia. 4. Elastische Fasern. 
AortaascendenseinesEmbryovond5Scm Länge. Zeiss, 
Obj. D. Komp -Okul. 4. Färbung mit Hämatoxylin-Eosin. 1. Die 
Endothelialschicht. 2. Blutkörperchen. 3. Tunica media. (Die 
Adventitia ist nicht dargestellt.) 

Aorta abdominalis eines Embryo von 7,5 cm Länge. 
Zeiss, Obj. D, Komp.-Okul. 4, Färbung mit Hämatoxylin - Eosin. 
1. Die Schicht der Endothelialzellen. 2. Feinfaserige Subendothelial- 
schicht. 5. Die Membrana elastica interna. 4. Rote Blutkörperchen 
Aortaascendens einesEmbryovon1l?7cmLänge. Zeiss, 
Obj. D, Komp.-Okul. 4. Färbung nach Hart. 1. Das Endothelium. 
2 Die Subendothelialschicht. 3. Elastische Fasern. 4 Membrana 
elastica interna. 5. Tunica media. 6. Adventitia. 7. Vasa vasorum. 


369 


Aus dem Zoologischen Institut der Universität Halle 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur auf den 
Kernteilungsmodus von Cyclops. 


Von 
Alfred Tobias. 


Hierzu Tatel XVIIl und 53 Textfiguren. 


Inhalt: Seite 
Einleitung i 369 
I. Die Benenenie 372 
1. Technisches at 372 
2. Allgemeines über die W Arnewinkene = \ 373 
3. Dieim Wasser durch die Wärme bedingten Zustangsärdernngen a IL) 
4. Über das Amputieren von Eiballen . 381 
II. Cytologische Ergebnisse Duett 354 
1. Befunde an normal behandelten. Tieren 384 

2. Einfluss der Wärme auf 
al.dıe Teilunosseschwindiekeit >) mes Sarg 
b) die Ovidukteier . . . . SER Re 330 
c) die Reifungs- und Kopnlatans den a es 
d) die Furchungsstadien . . . . sale NS) 
3. Wirkung der Zurückversetzung in normale Te inet sd 
AnhanesrAlkohol und Gocainversuche: 7 ar Eee 
SEHIHBESE ZUSATIMENFASSUNG: nie ne ae ee re A 
DIberakunyerzeichnise ee N DT 
Brklarınaader Abbildungen ... ._. . „mas. we Se a AN 


Einleitung. 

Die vorliegende Untersuchung ist im Anschluss an die Arbeit 
V. Haeckers „Mitosen im Gefolge amitosenähnlicher Vorgänge“ 
und die daran anknüpfende I. Schillers „Über künstliche Er- 
zeugung primitiver Kernteilungsfiguren bei Cyclops“ unternommen 
worden. Die beiden Arbeiten hatten gezeigt, dass durch den 
Einfluss von Äther und Chloroform der Kernteilungstypus derart 
verändert werden konnte, dass er grosse Ähnlichkeit mit primi- 
tiven Teilungsbildern zeigte; so mit Amitosen und Teilungstypen, 
wie sie bei der Eireifung und bei Protozoen vorkommen. Ich 


370 Alfred Tobias: 


werde im Laufe meiner Arbeit noch öfter auf diese Befunde zu 
sprechen kommen. 

Es sollte nun der Einfluss anderer Narcotica studiert werden. 
und zwar wurden Versuche mit Alkohol und Cocain angestellt. 
Die bei allerdings nur 100 Tieren gemachten Ergebnisse dieser 
Versuche sollen am Schlusse der Arbeit kurz besprochen werden: 
sie waren wenig zufriedenstellend: teilweise traten gar keine 
Abnormitäten ein, teilweise solche mit so verschiedener Intensität. 
dass, abgesehen von der individuellen Empfindlichkeit der Tiere, 
neben der Alkohol- oder Cocainwirkung offenbar noch andere 
zunächst unkontrollierbare Faktoren in Betracht kamen. 

Ich änderte daher meinen Plan und wandte mich der Unter- 
suchung über die Beeinflussung des Teilungsmodus durch elemen- 
tarere Faktoren zu, die vielleicht schon bei diesen ersten Versuchen 
eine Rolle gespielt hatten. Solche elementare Faktoren wären die 
Menge und Art der Nahrung, Beleuchtung, Druck und Temperatur- 
schwankungen, Veränderungen im (Gasgehalt des Wassers und 
mechanische Reizungen. 

Von all diesen Fragen konnte ich aber nur den Einfluss 
der Temperatur studieren, und zwar musste ich mich auch da noch 
darauf beschränken, Versuche mit erhöhter Temperatur anzustellen, 
da schon hier so viele Einzelfragen auftauchten, die die Unter- 
suchung ausserordentlich verwickelten. So hatte die Erhöhung 
der Temperatur eine Herabminderung der Absorptionsfähigkeit 
des Wassers für Gase im Gefolge. Fanden sich nun bei der Ein- 
wirkung erhöhter Temperatur Abnormitäten, so konnte diese s0- 
wohl direkt von der Wärme als auch indirekt von den durch sie 
geänderten Zustandsbedingungen abhängig sein. Daher musste 
erst einmal untersucht werden, ob ein beträchtlicher Unterschied 
im Gasgehalt des warmen Wassers von dem des normalen zu 
verzeichnen war. War dies der Fall, so musste die Wirkung der 
veränderten Gasmenge allein, also mit Ausschluss des Wärme- 
faktors, auf die Eier untersucht werden. 

Nachdem nun diese Fragen entschieden waren und sich 
herausgestellt hatte, dass Wärme vollständig im Vordergrund 
stand. musste ich mich, bevor die Art des Einflusses auf den 
Teilungsmodus studiert werden konnte, zuerst darüber orientieren, 
in welchen Fällen überhaupt eine Wärmewirkung eintrat. Da 
waren einerseits äussere Faktoren zu beachten, erstens die Höhe 


o> 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur ete. 71 
der Temperatur, bezw. die Temperaturdifferenz, zweitens die Dauer 
der Einwirkung und schliesslich das Temperaturgefälle, d. h. die 
Geschwindigkeit, mit der das Versuchsobjekt aus der normalen 
Temperatur in die höbere übergeführt wurde. Andererseits waren 
noch innere, der Konstitution der Eier zuzuschreibende Faktoren 
zu berücksichtigen, so das Stadium, in dem sie sich während der 
Überführung in die Wärme befanden, ob Oviduktei, ob reif, ob 
im tieferen oder höheren Furchungsstadium, vielleicht auch die 
Phase der Mitose und schliesslich noch die Widerstandsfähigkeit 
der Art und des Individuums gegen die Wärme. 

Diese mehr physiologischen Fragen habe ich nur soweit unter- 
sucht, als sie für die Erledigung der Hauptfrage: Wie wirkt 
die erhöhte Temperatur auf den Teilungsmodus? 
von Bedeutung waren. Diese Art der Wärmewirkung wurde 
durch Vergleich mit dem normalen festgestellt; fanden sich etwa 
bei normalen Tieren auch manchmal derartige Abnormitäten, so 
hätten wir natürlich keine spezifische Wärmewirkung gehabt. 

Es könnte höchstens der Fall eintreten, dass die Bildung solcher 
Abnormitäten durch die Wärme noch begünstigt würde, so dass also die 
Addition zweier verschiedener aber gleichwirkender Ursachen eine erhöhte 
Wirkung erzielte, und infolgedessen die beeinflussten Eier eine grössere 
Anzahl der Abnormitäten zeigten: dies wäre aber nur ein quantitativer 
Unterschied. 

Als weiteres Kriterium dafür, ob wir es tatsächlich mit 
einer Wärmewirkung zu tun hatten, musste festgestellt werden, 
ob die Abnormitäten auch in genügender prozentischer Anzahl 
vorhanden waren, sowohl in den einzelnen Eiballen, als auch bei 
allen behandelten Tieren. Musste die erste Forderung verneint 
werden, zeigten also nur wenige Eier eines Eiballens Abnormi- 
täten, wenn auch bei vielen Tieren, so war dafür wohl kaum die 
auf alle Eier gleichmässig wirkende Wärme verantwortlich zu 
machen, sondern irgend ein lokaler Reiz. Traten andererseits 
zwar in allen Eiern eines Tieres Abweichungen auf, jedoch nur 
bei wenigen Individuen, so konnte dies nur auf eine besondere 
Konstitution des Tieres und seiner Eier zurückgeführt werden. 
Oder wenn sich derartiges häufiger fand, aber nur zu gewissen 
Zeiten, so konnten auch Saisonerscheinungen oder epidemische 
Erkrankungen mitspielen. 

Auf diese Erwägungen hin wurden nun folgende Versuchs- 


reihen angestellt: es wurde zuerst konstatiert, dass bei gewisser 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.84. Abt.L 95 


St) 
—ı 
DD 


Alfred Tobıas; 


Temperatur gewisse Abweichungen vom Normalen auftraten. Darauf 
wurden die durch die erhöhte Temperatur im Wasser geänderten 
Zustandsbedingungen festgestellt, und ihre Wirkung auf die Eier 
mit Ausschluss des Wärmefaktors untersucht. Nachdem dann 
diese Faktoren ausgeschaltet waren, konnte der Einfluss der Wärme 
auf die verschiedenen Stadien der Eier untersucht werden. Einige 
wenige Versuche wurden schliesslich noch über die Wirkung der 
Zurückversetzung der Eier in normale Verhältnisse angestellt. 


I. Die Experimente. 


1. Technisches. 

Das Material bestand hauptsächlich aus Cyclops viridis Jurine, der 
während der wärmeren Jahreszeit stets reichlich zu haben war und wegen 
seiner relativ geringen Chromosomenzahl (12 somatische) und der bedeutenden 
(irösse seiner Eier gut analysierbare Bilder zeigte. In der kalten Jahreszeit 
wurde aber diese Art von den in grossen Mengen auftretenden Ü. strenuus 
Fischer fast gänzlich verdrängt, und ich musste dann mit dieser für die 
Untersuchung weniger günstigen Art (er besitzt 22 Chromosomen und kleinere 
Eier) vorlieb nehmen. Ausserdem wurden noch C. albidus Jurine, ©. fuscus 
Jurine, C. fuscus var. distinetus Richard und €. insienis Claus benutzt. 
Die Bezeichnungen der Arten entsprechen den von Schmeil angegebenen. 
Beschafft wurde das Material aus verschiedenen Tümpeln der Umgebung 
Halles; es wurde stets in dem ursprünglichen Wasser mit Pflanzen (Elodea) 
und Detritus gehalten. Zur Erleichterung des Aussuchens benutzte ich weisse 
Näpfe, diese wurden vor einem nach Norden gelegenen Fenster aufgestellt, um 
die Tiere nur engbegrenzten normalen Temperaturschwankungen auszusetzen. 
Zur Kontrolle. ob wir es hier auch mit natürlichen Bedingungen zu tun 
hatten, wurden häufig Tiere aus diesen Becken konserviert und untersucht. Es 
wurden stets normale Bilder gefunden bis auf die weiter unten besprochenen, 
auch sonst bei normalen Tieren gelegentlich auftretenden Abweichungen. 

Als Konservierungsflüssigkeiten benutzte ich hauptsächlich 
das Apathysche Sublimatgemisch (100 cem 50°o Alkohol, 3—4 g Sublimat, 
!, © Kochsalz), es wurde vor dem Gebrauch auf 40° erwärmt, nach dem 
Auskühlen wurden die Objekte mit Jodalkohol nachbehandelt. Die Resultate 
waren im allgemeinen gut, manchmal traten aber auch Schrumpfungen ein, 
die vielleicht darauf zurückzuführen sind, dass die Lösung nicht frisch genug 
war. Ausserdem wurden auch einigemal das Gilsonsche Sublimatgemisch 
(Salpetersäure, Eisessig, Sublimat und Alkohol), die Flemmingsche Flüssig- 
keit (Uhromosmiumessigsäure) und das vom Rathsche Gemisch (Pikrin- 
osmiumessigsäure) angewandt. Zum Färben benutzte ich hauptsächlich 
Delafieldsches Hämatoxylin. Die Färbung mit Heidenhainschem 
Eisenhämatoxylin machte insofern Schwierigkeiten, als der Dotter sich stets 
sehr stark mitfärbte und beim Differenzieren den Farbstoff fast ebenso fest- 
hielt, wie das Uhromatin. 


ww 
—1 
3% 


Uber den Einfluss erhöhter Temperatur ete. 


Die Wärmeversuche wurden folgendermassen ausgeführt: In ein 
mit Wasser gefülltes Heizaquarium wurden mehrere kleinere Glasgefässe von 
ungefähr 180 cem Inhalt gestellt. Sie waren mit dem entsprechenden Teich- 
wasser gefüllt, und möglichst gleichlange Stücke Elodea sorgten für die 
Sauerstoftzufuhr. Eine kleine Gasflamme hielt das Wasser auf einer be- 
stimmten, möglichst konstanten Temperatur. (Schwankungen waren nur bei 
mehrstündigen Versuchen zu beobachten und hielten sich in den Grenzen 
von 2—3°). Die zu behandelnden Tiere wurden nun den Zuchtbecken ent- 
nommen. in die kleinen Glasgefässe übergeführt und dort bestimmte Zeit der 
Einwirkung der Wärme ausgesetzt. Später wurde die Versuchsanordnung 
insofern abgeändert, als statt der oben beschriebenen Gefässe kleinere Glas- 
tuben benutzt wurden, natürlich auch mit Teichwasser und Elodea. Für die 
Ergebnisse war dies nicht von Einfluss, dafür erleichterte es aber ausser- 
ordentlich das Wiederauffinden der abgetrennten Eiballen. 


2. Allgemeines über die Wärmewirkung. 

Es soll nun zuerst die in der Einleitung aufgeworfene Frage 
beantwortet werden. in welchen Fällen treten überhaupt 
Wärmewirkungen auf? Es waren, wie wir sahen, verschiedene 
Faktoren zu beachten, nämlich äussere, die im Experiment 
willkürlich abgeändert werden konnten, und innere im Ei ent- 
haltene Dispositionen. In der ersten Gruppe käme vor allem die 
angewandte Temperaturhöhe in Betracht. Es zeigte sich 
bald. dass Temperaturen, wie sie noch in der Natur vorkommen, 
bis ungefähr 25°, nur selten einen Einfluss auf die Eier ausübten,') 
selbst wenn eine starke Temperaturdifferenz, wie bei Überführung 
von 5° auf 25°, in Anwendung kam. Erst bei Temperaturen von 
30—35° konnte man auf den Eintritt von Abnormitäten mit 
grösserer Sicherheit rechnen. Diese Wärmegrade wirkten nun 
aber oft schon tötlich auf die Tiere, besonders wenn sie aus 
relativ niedriger Temperatur in die höhere übergeführt wurden. 
Dagegen zeigten die abgelegten Eier eine viel grössere Lebens- 
fähigkeit als ihre Muttertiere. So konnte ich öfters beobachten, 
dass die Eier sich unbeschadet weiter furchten, während das Tier 
selbst, auch in normale Temperatur wieder zurückgebracht, sich 
nicht mehr erholte. Infolgedessen wurden zur Untersuchung der 
Furchungsstadien nur noch die amputierten Eiballen behandelt, 
die, wie wir weiter unten sehen werden, sich trotz ihrer Trennung 


') Es handelte sich hier stets um eine sofort morphologisch hervor- 
tretende Wärmewirkung: nicht um eine solche, die erst bei der späteren 
embryonalen Entwicklung eventuell noch auftreten konnte. 

25* 


374 Alfred Tobias: 


vom Muttertier normal entwickeln. Diese Methode konnte aller- 
dings bei Behandlung der Ovidukteier nicht angewendet werden. 
Denn hier war natürlich das Überleben des Muttertieres, mit dem 
ja die Ovidukteier noch organisch verbunden waren, sehr wichtig 
für ihre Entwicklung. Da aber, wie wir schon sahen, diese hohen 
Temperaturen auf die Tiere schon tötlich wirkten, so haben wir 
die Ergebnisse nur einigen verhältnismässig lebenskräftigen Tieren 
zu verdanken. Dasselbe gilt auch für die Stadien der Eireifung. 
denn wenn man diese verhältnismässig schnell verlaufenden Phasen 
erlangen wollte, konnte man nicht warten, bis das Tier die Eier 
in normaler Temperatur abgelegt hatte, und es erst dann in die 
Wärme überführen, sondern man musste das Tier in der Wärme 
ablegen lassen; also auch hier war man vom Überleben des Tieres 
abhängig. 

Die Einwirkungsdauer schwankte zwischen 20 Minuten 
und 3 Stunden; im allgemeinen traten schon nach 1 Stunde 
die Abnormitäten ein, dies ist ja ungefähr die Zeit, die zwischen 
zwei Mitosen liegt. Meine Untersuchungen beschränkten sich 
hauptsächlich auf die Einwirkung einer schroften Temperatur- 
steigerung, d. h. die plötzliche Überführung in die höhere Tempe- 
ratur. Dagegen wurde die Wirkung einer allmählichen 
Erwärmung nicht untersucht, vor allem deshalb, weil dies eine 
längere Behandlungszeit erforderte, hierbei schreitet aber die 
Furchung weiter und kommt dann schliesslich in Stadien, bei 
denen die Abnormitäten nicht mehr analysierbar sind. 

Es hatte sich nämlich gezeigt, und damit kämen wir zu den 
inneren Faktoren, dass bei den ausgetretenen Eiern die 
jüngsten Stadien am meisten den Einflüssen der Temperatur 
unterworfen waren. Während im Embryonal- und Gastrulastadium 
gar keine Beeinflussung zu erkennen war, im Blastulastadium nur 
selten und bei relativ hoher Temperatur (37°), so fand ich häufig. 
dass im Stadium der Reifungsteilung schon relativ niedere Tempe- 
raturen starke Schädigungen hervorriefen, was oft so weit ging, 
dass die Eier ganz zerfielen. 

Zur Untersuchung der Frage, ob einbestimmtesStadium 
der Mitose von Bedeutung für die eintretenden Anomalien war, 
wurde der eine Eiballen im Augenblick der Überführung des 
anderen in die Wärme konserviert, da ja die beiden Eiballen 
stets Eier von gleichen Stadien enthielten. Ich kann aber leider 


SS) 
—1 
un 


Über den Einfluss erhöhter: Temperatur etc. 


über die Ergebnisse dieser Untersuchung kein bestimmtes Urteil 
fällen, da nicht genug Versuche angestellt worden waren und hier 
noch Hunderte zu wenig gewesen wären; denn wir haben ja in 
diesem Falle die beiden kombinierten inneren Faktoren in ihrer 
Wirkung zu isolieren: erstens die Höhe des Furchungsstadiums 
und zweitens die jeweilige Phase der Kernteilung im Augenblick 
der Überführung in die Wärme. 

Schliesslich wären noch als innere Faktoren die Empfind- 
lichkeit des Individuums und der Art zu erwähnen. 
Während ich von dem ersten nur sagen kann, dass eben bei dem 
einen Tier die Abnormitäten stärker als bei dem anderen auf- 
traten, teilweise auch in anderer Form, so habe ich im zweiten 
Falle gefunden, dass die verschiedenen Arten auch verschiedene 
Widerstandsfähigkeit gegen die Wärme zeigten. So war vor allem 
C. albidus imstande, höhere Temperaturen zu ertragen, sowohl das 
Tier selbst. als auch seine Eier, daher stammen die meisten Befunde 
über abnorme Reifungsteilungen und Ovidukteier von dieser Art, 
während diese Stadien anderer Arten meist gänzlich zerfallen waren, 
wenn nicht gar das Tier selbst schon zugrunde gegangen war. 


3. Die im Wasser durch die Wärme bedingten 
Zustandsänderungen und deren Einfluss auf die Eier. 

Es wäre nun weiter die andere in der Einleitung gestellte 
Frage zu untersuchen, ob die Abnormitäten, wie sie unter dem 
Eintluss der erhöhten Temperatur auftraten, unmittelbar von der 
Wärme abhingen, oder erst mittelbar von der durch sie im Wasser 
hervorgerufenen Zustandsänderung. 

Hier käme vor allem die verminderte Absorptions- 
fähigkeit des Wassers für Sauerstoff, der ja für die 
Entwicklung so nötig ist, in Frage. Es existieren nun genaue 
Tabellen über den Absorptionskoeffizienten für Sauerstoff im 
Wasser: diese sind aber entweder für reinen oder für den atmo- 
sphärischen Sauerstoff berechnet und konnten für meine Unter- 
suchungen nicht benutzt werden, da hier noch besondere Kom- 
plikationen zu beachten waren: bei meinen Experimenten wurde 
nämlich das Wasser nicht allein mit atmosphärischem Sauerstoff, 
sondern auch mit dem durch die Assimilation der Pflanzen er- 
zeugten versorgt. Die Assimilation ist nun aber wiederum ab- 
hängig von der Stärke der Beleuchtung, und nur bei intensivem 


376 ANISTeRSTOhHRarsE 


Sonnenlicht, das längere Zeit einwirkte, konnte der Sättigungs- 
punkt annähernd erreicht werden. der also dann dem in der 
Tabelle für reinen Sauerstoff angegebenen Absorptionskoeffizienten 
entsprechen würde. Ausserdem wird noch die Assimilation. wenn 
auch in geringerem Maße, durch Erhöhung der Temperatur 
gesteigert. Dieselbe Ursache wirkt also bezüglich des Sauerstoft- 
gehaltes des Wassers in zwei entgegengesetzten Richtungen: Sie 
mindert seine Absorption herab, erhöht aber seine Produktion 
durch die Pflanzen. 

Diese Verwicklungen machten es nötig, dass der Sauerstofi- 
gehalt im Wasser für jeden einzelnen Fall bestimmt werden musste. 
Es wurde hierzu die Winklersche Titrationsmethode benutzt; 
sie ergab sehr zufriedenstellende Resultate. Von dem zu unter- 
suchenden Wasser wurden immer zwei Proben in gut verschliess- 
bare ungefähr 150 ccm fassende Flaschen gefüllt, dann !/s ccm 
jodkaliumhaltige Natriumhydroxydlösung und !/s cem Mangano- 
chloridlösung zugesetzt. Darauf wurde umgeschüttelt, und nachdem 
sich der Niederschlag zu Boden gesetzt hatte, wurde er wieder 
durch Zusatz von 5 cem konzentrierter Salzsäure gelöst. Es 
wurden nun einige Kubikzentimeter Stärkelösung zugesetzt und 
gegen n/100 Thiosulfatlösung titriert. Man kann dann die aus- 
geschiedene Menge Jod als Äquivalent für den im Wasser ent- 
halten gewesenen freien Sauerstoff berechnen. 


Normal | | Wärme 
I E III IV IN VI 
Temp. OeGehal ar Tageszeit Wetter | Temp.  O»-Gehalt 
140 1146 | 10h Vorm. | ? 30° 4.92 
211/20 9,14 || 9h Vorm. klar Ba! 6.00 
211720 795 | 9h Vorm. klar 33.2 5:95 
161° | 11,82 |3'/: Nachm. ? sa: 8,30 
210 12,022 |6'.« Nachm.\| wechselnd || 31!/2° 7,78 
21°: | 10,775 |6!/« Nachm.j| bewölkt || 31!/2° 6.49 


In der Tabelle sind zunächst in den ersten beiden Vertikal- 
reihen einige Messungen des Sauerstotigehaltes angegeben. die 
an dem Wasser verschiedener Aquarien unter normalen (natür- 
lichen) Bedingungen gemacht wurden. Die letzten beiden Reihen 
zeben Messungen, die bei anderen (refässen bei erhöhter Temperatur 
zur gleichen Tageszeit angefertigt wurden. Die unter Sauerstofl- 


—ı 
—] 


Uber den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 


gehalt angeführte Zahl gibt jeweils an, wieviel Kubikzentimeter 
Sauerstoff im Liter enthalten sind. Ganz genau können diese 
Zahlen einander nicht entsprechen, da, abgesehen von unver- 
meidlichen Beobachtungsfehlern. es nicht möglich war, den ein- 
zelnen (Grefässen Pflanzenstücke beizugeben, die für die Assimilation 
vollständig gleichwertig waren. Jedenfalls ist aber aus der Tabelle, 
Vertikalreihe II und VI, ganz deutlich zu erkennen, dass die 
Temperaturerhöhung eine ganz erhebliche Herab- 
minderung des Sauerstoffgehaltes im Gefolge hatte. 
Doch noch etwas anderes zeigt uns die Tabelle: der Sauerstoff- 
gehalt war vormittags niedriger als nachmittags: dies ist natür- 
lich der längeren Assimilationstätigkeit der Pflanzen zuzuschreiben, 
wodurch der Sauerstoffgehalt des Wassers allmählich dem Sättigungs- 
punkte genähert wird, um dann über Nacht durch das Atmen der 
Pflanze wieder zurückzugehen. 

Die Frage, ob dieser Unterschied im Sauerstoftgehalt von 
9—6 cem pro Liter für die Entwicklung der Eier von Einfluss 
war, wurde, um sicherer zu gehen, auf doppelte Weise zu lösen 
gesucht. Es wurden folgende zwei Versuchsreihen angestellt: 
die Tiere wurden 

1. mit normaler Temperatur und weniger als nor- 

malen Sauerstoffgehalt., 

2. mit erhöhter Temperatur und normalem Sauer- 

stoffgehalt 
behandelt. 

Die für die erste Versuchsreihe nötigen Bedingungen wurden 
dadurch erzielt, dass Wasser ohne Pflanzen auf 35—40° erwärmt, 
luftdicht zugedeckt und dann auf die normale Temperatur ab- 
gekühlt wurde. Darauf wurde das Versuchstier hineingebracht, 
1—5 Stunden darin gelassen und dann konserviert. Das Wasser 
wurde sofort titriert. und es ergaben sich bei den 12 angestellten 
Versuchen folgende Werte für den Sauerstoftgehalt pro Liter: 
AG 702822 7102#471.:72,57:3::2,60,0 3.925 ADD A NDEE3: 
4,56: 4,65 cem: also eher noch weniger wie die für die Wärme- 
versuche bestimmten Mengen. Die Untersuchung der Eier von 
S7 Tieren, die in diesen Bedingungen gehalten worden waren, zeigte 
nun aber durchweg eine ganz normale Entwicklung. 

Bei der zweiten Versuchsreihe wurden die in er- 
höhter Temperatur gehaltenen Aquarien mit viel Pflanzen ver- 


378 AleTe da obHas: 


sehen und starker Beleuchtung ausgesetzt. so dass der Sauerstoft- 
gehalt trotz einer Temperatur von 34° bis auf über 10 cem pro 
Liter stieg, was dem gewöhnlichen Sauerstoftgehalt bei normaler 
Temperatur annähernd entspricht. Dennoch konnte ich hier die 
für die Wärmewirkung typischen Abnormitäten finden. 
Allerdings war die zweite Versuchsreihe nicht in dem Umfange 
wie die erste angesetzt worden. 

Jedenfalls zeigen diese beiden Versuchsreihen : 

Norm. Temp. — wenig 0, = keine Abnormitäten. 

Erhöhte Temp. — norm. 0, = Abnormitäten vorhanden, 
ganz deutlich, dass der Sauerstoff bei der Hervorrufung der 
Abnormitäten keine Rolle spielt, d.h. natürlich nur in den 
Grenzen, in denen sein Gehalt im Wasser infolge der Temperatur- 
veränderung schwankt; dass ein stärkerer Mangel für die Ent- 
wicklung schädlich ist, ist ja schon oft gezeigt worden. 

Auch in der Natur sind die Tiere solchen Schwankungen 
im Sauerstoffgehalt, verursacht durch den Wechsel von Tag und 
Nacht. von trübem und klarem Wetter, unterworfen. Ich habe 
hierüber einige Untersuchungen angestellt, indem ich Teichwasser 
an Ort und Stelle in gut verschliessbare Flaschen füllte und dieses 
dann im Laboratorium titrierte. So fand ich am 13. Juni 1912 
bei trübem, nebligem Wetter und einer Temperatur von 15° an 
der Oberfläche eines Teiches, der am Grunde mit Pflanzen be- 
wachsen war, an verschiedenen Proben 3,61: 3,65: 3,80; 3,90 ccm 
Sauerstoff pro Liter. Bei einem anderen stark mit Pflanzen be- 
wachsenen Teiche fand ich am 18. Juni 1912 nachmittags 3 Uhr 
bei trübem Wetter (Landregen) und einer Temperatur von 12° 
5,34 und 5,33 ccm Sauerstoff pro Liter. Dies sind also Werte, 
welche teilweise noch unter denen liegen, die für die Temperatur- 
experimente gefunden worden waren. Bei klarem Sonnenwetter wird 
aber bei längere Zeit anhaltender Assimilation eine Sättigung des 
Wassers mit Sauerstoff eintreten können, was bei 15° ungefähr 
34 cem pro Liter beträgt. Wir haben also in der freien Natur noch 
grössere Schwankungen wie bei unseren Versuchen. Nur ist dort 
der Übergang sehr allmählich, während wir die Tiere plötzlich 
in ganz andere Verhältnisse brachten, doch auch dies ist, wie 
die soeben angezeigten Versuchsreihen zeigen, nicht von Einfluss. 

Weiter hätten wir uns zu fragen, ob die erhöhte Temperatur 
vielleicht den Kohlensäuregehalt so änderte, dass hier der 


Uber den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 319 


Grund für die Abweichungen vom Normalen zu suchen wäre.') 
Nun löst ja warmes Wasser viel weniger Kohlensäure als kaltes, 
und da bisher nur ein Übermass, nicht aber der Mangel an 
Kohlensäure für schädlich befunden wurde, so hätte sich ja 
eigentlich ein weiteres Eingehen auf diesen Punkt erübrigt. Da 
aber wiederum durch erhöhte Temperatur die Respiration der 
Pilanzen in viel stärkerem Maße begünstigt wird, als die Assi- 
milation, war es denkbar, dass trotz des oben angegebenen Sach- 
verhaltes durch diese indirekte Temperaturwirkung eine stärkere 
Anhäufung von Kohlensäure stattfand, und auch schon aus dem 
‘runde die Möglichkeit einer derartigen Steigerung bestand, weil 
das angewandte Aquarienwasser niemals mit Kohlensäure voll- 
kommen gesättigt war. 

Daher mussten auch hier Titrationsversuche angestellt werden 
und zwar wurden Titrierungen mit n/10 Natriumhydroxyd be- 
nutzt und ausserdem zur Kontrolle n/100 Caleiumhydroxyd, als 
Indikator diente Phenolphthalein. Die 1/10 Normallösung erwies 
sich als zu stark, und auch bei der 1/100 Normallösung trat 
der Umschlag schon nach 1--2 Tropfen ein. ‚Jedenfalls zeigte 
sich. dass das kalte Wasser etwas mehr Caleiumhydroxyd als das 
warme zur Neutralisation brauchte, also auch mehr Kohlensäure 
enthielt. Meistens aber reagierte das Wasser infolge des (mit 
Hilfe von Nesslers Reagens”?) nachweisbaren) Ammoniak- 
gehaltes schon von vornherein alkalisch, so dass gleich beim 
Zusatze von Phenolphthalöin eine Rötung eintrat, der Umschlag 
für Kohlensäure also nicht mehr zu messen war. Hieraus lässt 
sich schliessen, dass im alkalischen (speziell ammoniakalischen) 
Wasser überhaupt keine freie Kohlensäure vorhanden war, da 
sie mit dem Ammoniak zu Ammoniumcarbonat verbunden sein 
musste, es könnte höchstens von UOs-Ionen die Rhede sein. 
Knauthe gibt an, man solle in diesem Falle das Wasser kochen 

', Amma hat bei seiner Untersuchung über die Natur der für die 
Keimbahnzellen charakteristischen Ektosomen die Cyclopseier mit viel Kohlen- 
säure und Stickstoff behandelt. Es hatte sich gezeigt, dass dann die Ekto- 
somen bedeutend stärker auftraten und bei Stickstoff häufig die Zellteilung 
unterblieh. 


”, „Dargestellt durch Zusatz von Quecksilberchloridlösung zu 5 ccm 
Jodkaliumlösung, bis eben ein bleibender Niederschlag entsteht; nach einiger 
Zeit wird filtriert und das Filtrat mit etwa 10 ccm Kalilauge versetzt.“ 


(Volhards Anleitung zur qualitativen chemischen Analyse. München 1912.) 


3S0 ASIETZerdn Nor biIKarsı: 


und dann wie oben angegeben titrieren. Da aber hierbei nicht 
nur das Ammoniak, sondern auch die Kohlensäure ausgetrieben 
wird. habe ich selbstverständlich auf diese Prozedur verzichtet. 

Haben nun meine Untersuchungen zwar keinen zahlen- 
mässigen Wert für den Kohlensäuregehalt ergeben, so haben sie 
doch gezeigt, dass unter allen Versuchsbedingungen nur ganz 
geringe Spuren davon vorhanden waren und zwar bei erhöhter 
Temperatur eher noch weniger als bei normaler. Dass aber ein 
unter dem Normalen bleibender Kohlensäuregehalt für die Ent- 
wicklung nachteilig sein könnte, ist, wie schon oben erwähnt, 
sehr unwahrscheinlich. Dafür sprechen auch meine Sauerstofi- 
versuche, wo ja durch das Erwärmen nicht nur Sauerstofi. 
sondern auch die anderen (Gase, also auch Kohlensäure. ausge- 
trieben worden waren, ohne dass dies für die Entwicklung irgend- 
welche Folgen gehabt hatte. So können wir also bei unseren 
Experimenten auch die Kohlensäure als die Ursache der 
Abnormitäten ausschliessen. 

Die starke ammoniakalische heaktion des Wassers 
erregte nun in mir den Verdacht, dass hier vielleicht die Ur- 
sache der Abweichung zu suchen wäre; besonders da Ammoniak 
als starkes Fischgift bekannt ist. Nun setzt ja zwar die Temperatur- 
erhöhung die Absorptionsfähigkeit des Wassers auch für Ammoniak 
stark herab, doch, da wir noch Pflanzen und Spuren von Detritus 
darin hatten, konnten möglicherweise Fäulnisprozesse, die ja bei 
erhöhter Temperatur rascher vonstatten gehen. einen stärkeren 
Ammoniakgehalt im Gefolge haben. Um nun dies zu untersuchen, 
wandte ich die kolorimetrische Methode mit Nesslers Reagens 
an. Ich benutzte hierzu zwei vollständig gleiche Zylinder von 
150 cem Inhalt. In den einen wurde das normale. in den anderen 
das erwärmte Wasser gegossen, zu jedem wurden 10 cem von dem 
Nesslerschen Reagens zugesetzt und dann gut umgeschüttelt. Das 
normale Wasser zeigte stets eine dunklere Färbung, also auch eine 
stärkere Fällung von Oxydimerkuriammoniumjodid, während das 
erwärmte Wasser einen geringeren (ehalt an Ammonium 
verriet. Ein geringerer Ammoniakgehalt kann aber ebensowenig wie 
ein unternormaler Kohlensäuregehalt auf die Entwicklung einen 
störenden Einfluss ausüben, wie die wiederholt zitierten Versuche, 
Austreibung von Sauerstoff und damit aller Gase zeigen. Also 
auch Ammoniak spielt bei unseren Versuchen keine Rolle. 


Uber den Einfluss erhöhter Temperatur ete. 3sl 


Eine Umkehrung der Verhältnisse fand allerdings statt, wenn das 
Wasser mehrere Tage warm gehalten worden war, dann waren oft starke. 
durch die Wärme begünstigte Fäulnisprozesse eingetreten, und die Unter- 
suchung zeigte dann auch einen höheren Gehalt an Ammoniak als bei nor- 
malem Wasser. Aus diesem Grunde wurde immer das Wasser nur kurze 
Zeit benutzt und stets mit gesunden, frischen Pflanzen versehen. 

Von sonstigen durch die Wärme im Wasser hervorgerufenen 
Änderungen im Gasgehalt käme noch vielleicht Stickstoff und 
Schwefelwasserstoff in Betracht, doch auch diese beiden 
Gase treten erst bei längerer Fäulnis auf. Diese war aber, wie 
bereits erwähnt, bei meiner Versuchsanordnung ausgeschlossen. 

Schliesslich könnte man noch vermuten, dass durch die 
Wärme mehr Salze im Wasser selöst worden wären, wodurch 
vielleicht eine hypertonische Reizwirkung auf die Eier ausgeübt 
werden konnte. Die Salze könnten aber nur aus den Glasgefässen 
selbst herstammen, da Sand oder dergleichen nicht hinzugefügt 
wurde. Nun löst sich allerdings das Glas im Wasser etwas, aber 
in sehr geringen Spuren, die erfahrungsgemäss gleich Null werden, 
wenn die (refässe längere Zeit schon mit Wasser benetzt waren, 
und dies war bei meinen Versuchen der Fall. Auch eine erhöhte 
Konzentration durch die stärkere Verdunstung bei der Wärme 
war bei der relativ grossen Menge des Wassers im Verhältnis zu 
seiner Oberfläche und der kurzen Dauer der Einwirkung nicht zu 
berücksichtigen. Also auch diese Faktoren waren für unsere Frage 
auszuschalten. 

So haben wir denn gefunden, dass alle die Bedingungen, 
die durch die Erhöhung der Temperatur verändert werden konnten, 
und die für die Entwicklung der Eier entweder in positiver oder 
negativer Richtung in Betracht kamen, nicht für die Entstehung 
der Abnormitäten verantwortlich gemacht werden dürfen.') Die 
Wärme ist also die alleinige Ursache. 


4, Über das Amputieren der Eiballen. 
Da es mir nun darauf ankam, möglichst gleichwertige Eier, 
d. h. also solche, die in gleichem Stadium waren und von Tieren mit 
gleicher Konstitution abstammten, gleichzeitig unter den normalen 
und abgeänderten Bedingungen beobachten und vergleichen zu 
können, benutzte ich die auch von Haecker bereits angewandte 


') Selbstverständlich ist dies nur für die Grenzen gemeint, in denen 
diese Faktoren infolge der hier angewandten Temperaturänderung schwanken. 


382 Alfred Tobias: 


Methode, die Zwillingseiballen eines und desselben Muttertieres, 
die ja diese Bedingungen am besten erfüllen, unter der Wirkung 
verschiedener Einflüsse zu betrachten. Auf diese Weise hatte 
man doch wenigstens zwei Serien von Objekten, die in allen 
Voraussetzungen bis auf den experimentell abgeänderten Faktor 
übereinstimmten. Um dies nun aber ausführen zu können. musste 
mindestens ein Eiballen vom Muttertier getrennt werden, und es 
war nun die Frage. ob dies nicht für seine Entwicklung nach- 
teilige Folgen haben könnte. 

Hierfür schienen sehr die Befunde Schillers zu sprechen. 
Er beschreibt, dass beim Anschneiden des hinteren Abschnittes 
eines Eiballens vermittels eines sehr scharfen Messers, einer 
feinen Holz- oder Glasnadel, „nicht nur in der zurückgebliebenen 
Hälfte des amputierten Eisackes, sondern oft auch in dem 
intakten Eisack Abnormitäten aller Art“ auftraten. 

Über die Art des hier wirkenden Reizes hat er noch nichts 
feststellen können. Diesen Ergebnissen möchte ich die Ansicht 
Schmeils über die Konstitution der Eisäcke gegenüberstellen : 
„Wir haben es hier doch tatsächlich nicht mit Säcken zu tun, 
welche die Eier enthalten, sondern mit einer Anzahl Eier, welche 
durch ein Sekret, das die Eier vollkommen umgibt und durch 
den Einfluss des Wassers erhärtet ist, zusammengehalten werden: 
also mit Eiballen.“ Die Eier stehen also mit dem Muttertier 
nur vermittelst der Kittsubstanz in Verbindung: irgend eine 
Nahrungs- oder Reizvermittelung ist bisher noch nicht gefunden 
worden und wäre auch bei den vollkommen ausgebildeten, reichlich 
mit Dottermaterial versehenen Eiern überflüssig. Diese Eiballen 
sind demnach eine ganz analoge Bildung, wie die Eipakete oder 
Cocons anderer Tiere, nur dass sie mit dem Muttertier in aller- 
dings ganz äusserlicher Verbindung stehen. Man könnte sich ja 
zur Not noch vorstellen, dass das Ausschneiden des einen Eisackes 
in dem zurückbleibenden Teile vielleicht durch Eindringen von 
Wasser irgendwelche Wirkungen hervorbrächte. Dass die vom 
Schnitte selbst getroffenen Eier und die ihnen zunächstliegenden, 
bei der Operation sicher stark gepressten, geschädigt werden 
müssen, ist ja natürlich. Wie nun aber eine Beeinflussung des 
anderen Eiballens zustande kommen soll, erscheint mir sehr 
dunkel. Höchstens könnte man noch an eine Gleichgewichts- 
störung denken. Jedoch auch dies ist, wie wir unten sehen werden, 


o 


Uber den Einfluss erhöhter Temperatur etc. Bley: 


auszuschalten, auch spricht hiergegen die oft ganz ungleichmässige 
Belastung der Eiballen durch Vorticellen- und Diatomeenkolonien, 
die von keinerlei Wirkung auf die Eier ist. 

Wenn nun wirklich genügend Belege für die Angaben 
Schillers vorhanden waren, so müsste nach einer anderen 
Ursache gesucht werden, die gleichmässig auf beide Eiballen ein- 
gewirkt hatte. Da wäre dann wohl das Nächstliegende, die starken 
mechanischen Reize dafür verantwortlich zu machen, denen die 
zarten Eier ausgesetzt sind beim Einfangen mit der Pipette, beim 
Auflegen auf den Objektträger oder dergleichen, wobei die Tiere 
meist sehr stark zappeln, dann bei der Operation selbst und 
schliesslich beim Zurückführen ins Wasser. Für diese Annahme 
spricht auch die Art der gefundenen Anomalien, so die mehrfach 
beschriebenen Synkaryen, die sich häufig in multipolarer Teilung 
befanden, wenn wir hiermit die Angaben Boveris und Wilsons 
vergleichen, wonach das Unterbleiben der Zellteilungen und die 
Bildung mehrpoliger Mitosen durch Pressung und Schütteln 
experimentell hervorgerufen werden kann. 

Ich habe nun einige Versuche angestellt, teils um die Befunde 
Schillers, die ja für die Anordnung meiner weiteren Experimente 
von Wichtigkeit waren, zu kontrollieren, teils um zu untersuchen, 
ob auch der vom Tiere völlig getrennte Eiballen sich normal 
entwickelte; denn da dieser im Gegensatze zu dem vom Mutter- 
tiere umhergetragenen wahrscheinlich weniger reichlich mit Sauer- 
stoff versorgt wird, lag der Gedanke nahe, dass er vielleicht in 
der Teilungsgeschwindigkeit gegen den anderen zurückbleiben, 
wenn nicht gar erheblich geschädigt würde. Um nun dies zu 
untersuchen, wurde einer Anzahl von Tieren der eine Eiballen 
direkt am Körper mit einer Lanzette amputiert und in möglichst 
reinem Teichwasser mit Elodea in einem kleinen Gefäss gehalten, 
während das Tier mit dem anderen Eiballen in ein anderes Gefäss 
gebracht wurde und dort unbeschadet durch die Operation umher- 
schwamm. Die beiden Eiballen wurden nun gleichzeitig konser- 
viert und zeigten in jedem Falle ganz gleiche normale 
Bilder. Ich begnügte mich hier mit der Konstatierung dieser 
Tatsache bei acht Exemplaren in verschiedenen Stadien und 
Trennungszeiten der beiden Eiballen von 2—30 Stunden, da erstens 
bei so ausnahmslos normalem Verlauf ein Zufall ausgeschlossen 
erscheint und zweitens, weil ich später bei meinen Versuchen noch 


>s4 Alfred Tobias: 


oft (Gelegenheit hatte, die Entwicklung aus einem amputierten 
Eiballen zu beobachten und zwar einige Male bis zum Nauplius- 
stadium. 

Für den Gang der Entwicklung kann also das Umhertragen 
der Eiballen nicht von Bedeutung sein. So haben wir hierin 
wohl nur eine Schutzeinrichtung zu sehen: Das Muttertier kann 
sich und damit auch die Eiballen eventuellen Verfolgungen ent- 
ziehen, während die auf dem Boden liegenden Eier allen Angriffen 
schutzlos preisgegeben sind. Hierher gehört auch wohl das 
Befallenwerden von Bakterien, was bei den auf schlammigem 
Boden ruhenden Eiern bedeutend erleichtert wird gegenüber 
bewegten Eiern. Da bei unseren Versuchen diese Feinde fern 
gehalten wurden, war die Bedingung für die normale Entwicklung 
der amputierten Eiballen erfüllt. Zieht man nun noch in Betracht. 
dass die sofort abgelegten Eier von Heterocope mit besonderen 
Gallert- oder erhärteten Plasmahüllen umgeben sind (Matscheck), 
wodurch wahrscheinlich ein Eindringen von Bakterien sehr er- 
schwert wird, so gewinnt die Annahme, dass wir es in dem 
Umhertragen der Eiballen nur mit einer spezifischen Schutz- 
einrichtung zu tun haben, noch mehr an Wahrscheinlichkeit. 

Alles in allem glaube ich sicher zu sein, dass beim Ampu- 
tieren eines Eiballens weder die Eier des letzteren noch die des 
zurückbleibenden durch die Amputation eine Veränderung er- 
fahren, dass vielmehr amputierte Eiballen sich, falls nicht besondere 
Verhältnisse vorliegen, normal weiter entwickeln können und die 
von Schiller beschriebenen Abnormitäten nicht auf die Ampu- 
tation selber, sondern auf zufällige Insulte während der Operation 
zurückzuführen sind. 


II. Cytologische Ergebnisse. 
1. Befunde an normal behandelten Tieren. 


Es sollen nun zuerst Befunde beschrieben werden, die ausser 
bei Wärmetieren auch bei normalen oft in gleichem Prozentsatz 
vorkamen. Sie waren teilweise sicher pathologisch, andere von 
traglicher Natur, alle aber nicht der Wärme zuzuschreiben. 

So konnte ich einige Befunde machen, die vielleicht gar nichts 
Abnormes vorstellten, sondern wahrscheinlich der normalen Ent- 
wicklung der Cyelopseier angehörten, jedoch ihrer kurzen Dauer 
wegen noch nicht beobachtet worden sind. Bei mehreren Exem- 


Uber den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 335 


plaren konnte ich im Stadium der biserialen Anordnung ') der 
Chromosomen in den Ovidukteiern in der Seitenansicht einen 
deutlichen, relativ breiten, hellen Streifen erkennen. dem die quer- 
gekerbten Chromosomen dicht auflagen und zwar immer paar- 
weise einander gegenüber (Tatelfig. 1, Textfig. 1). Dieser Streifen 
hob sich scharf gegen das übrige körnige Plasma ab durch seine 
homogene, manchmal auch fein in der Längsrichtung gefaserte 
Struktur und vor allem durch seine sehr distinkten Begrenzungs- 
linien. An den Stellen, wo die Chromosomen anlagen, zeigte 
dieser Streifen häufig eine Anschwellung. Ob wir es hier nun 
mit einem Strang, der die Tetraden miteinander verbindet oder 
mit einer kontinuierlichen Platte, der die Chromosomenpartner 
auf den entgegengesetzten Flächen aufliegen, zu tun haben, kann 
ich nicht entscheiden. da ich diese Bilder nur in der Seitenansicht 
so deutlich zu Gesicht bekommen habe. Wahrscheinlich stehen 
diese (sebilde in genetischem Zusammenhange mit der von 
Haecker (1895a) beschriebenen Platte bei den späteren Stadien 
der ersten Reifungsteilung, die auch ich häufig beobachten konnte. 
Ich glaube nicht, dass es sich hier um ein Kunstprodukt handelt, 
sondern eher gerade um eine gut geglückte Konservierung, da 
das übrige Plasma, der Dotter und die meist sehr deutlich quer- 
sekerbten Chromosomen einen guten Eindruck machten. Das 
seltene Auftreten dieser Gebilde deutet vielleicht darauf hin, dass 
sie normalerweise erst kurze Zeit vor dem Austreten der Eier 
entstehen. besonders da, wie schon bemerkt, bei den Reifungs- 
teilungen entsprechende Bildungen beobachtet worden sind. 
Dann konnte ich bei mehreren Tieren, dann aber fast 
in jedem Ei, im Stadium der biserialen Anordnung sehr gut aus- 
gebildete Sphären beobachten, ähnlich wie sie schon Haecker 
in seiner ersten Mitteilung für Uyelops strenuus dargestellt hat?) 
(Tafeltig. 1, Textfig. 1). Am deutlichsten traten sie bei zwei 
Cvclops viridis auf, jedoch auch bei einem Cvclops strenuus und 
en | Diese Bezeichnung ist von Haecker (1895b) für die in den Ovidukt- 
eiern von Üyelops unmittelbar vor ihrer Ablage auftretende relativ lange Zeit 
bestehende Anaphase der ersten Reifungsteilung eingeführt. Sie ist charak- 
terisiert dadurch, dass die stäbchenförmigen Chromosomen der beiden Tochter- 
gruppen in zwei parallelen Ebenen angeordnet sind, derart, dass je zwei 
zusammengehörige (primäre) Tochterchromosomen einander genau gegen- 


über liegen. 
?) Zool. Anz., 1890 („Stad. D*). 


>86 ART edamsorhTais: 


einem Uvclops albidus waren ähnliche (Gebilde zu finden. Sie 
besassen eine unregelmässige (restalt und zeigten ein viel grob- 
körnigeres Protoplasma als dasjenige, welches die Insel bildete, 
in der die Chromosomen lagen. Von irgend einer Strahlung 
oder von Spindelfasern war nichts zu sehen. In den Fällen, wo 
diese Sphären auftraten, war auch meist der oben beschriebene 


Streifen zu finden. 

In diesen Sphären und ihrem Verschwinden haben wir möglicherweise 
ein Analogon zu den Befunden Selenkas bei Thysanozoon Diesingi. Er 
beschreibt auch vor der ersten Reifungsteilung eine deutliche Metaphase mit 
den beiden Tochterplatten und Sphären, dies bildet sich jedoch alles wieder 
zurück bis zum ruhenden Kern und erst beim Austreten aus dem Mutter- 
leibe werden die Richtungskörper gebildet. Da nun bei Üyclops während der 
Reifungsteilung nur Spuren von Sphären beobachtet worden sind (Haecker, 
1895 a), und sie in den Ovidukteiern so selten gefunden worden sind, so glaube 
ich, dass auch sie nur kurze Zeit bestehen und wieder zurückgebildet werden; 
nur geht die Rückbildung nicht so weit bis zum ruhenden Kern, sondern 
die Tochterplatten werden sogleich zur Richtungskörperbildung benutzt. 


Ausser diesen höchst wahrscheinlich der normalen Ent- 
wicklung angehörigen Bildungen fanden sich aber auch ver- 
schiedene Abnormitäten bei Tieren, die unter natürlichen Be- 
dingungen gehalten worden waren. Diese Abweichungen kamen 
nun allerdings ebenfalls bei Wärmetieren vor, jedoch eben ihr 
Auftreten bei Normalen und der geringe Prozentsatz der Fälle 
bei Wärmetieren zeigen deutlich, dass wir es hier mit keiner 
Wärmewirkung zu tun haben. 

So konnte ich häufig in den ersten Furchungsstadien Syn- 
karyen beobachten, und zwar fanden sich unter 167 Wärme- 
tieren bei 20 diese Bildungen, unter 150 in normaler 
Temperatur gehaltenen Tieren bei 14, also rund 12°/o und 9°/o. 
Diese Zahlen würden noch bedeutend kleiner sein, wenn ich nicht 
die Zahl der Tiere, bei denen Synkaryen überhaupt vorkamen, 
verglichen hätte, sondern die Zahl der einzelnen Eier, da in dem 
Gelege eines Tieres durchschnittlich nur ein bis zwei Synkaryen- 
eier auftraten, während die Zahl der Eier eines Cvelopsweibchens 
wesentlich höher ist.!) 

Diese Synkaryen zeigten sehr verschiedene Stadien und 
Strukturverhältnisse: sehr grosse ruhende Kerne, ferner das 
Prophasestadium, häufig auch multipolare, aber stets sehr unregel- 

) Von Haecker wurden in einem Fall bei Cyclops viridis in beiden 
Eiballen zusammen 48 Eier gezählt. 


—I 


Uber den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 98 


mässige Mitosen (Textfig. 2). Meist waren alle Kerne eines Eies 
an der Synkaryenbildung beteiligt: bei einigen Eiern habe ich 
aber neben Zellen mit normalen Kernen ganz bedeutend grössere 
mit entsprechend grossem Kern gefunden, so dass also hier an- 
scheinend nur einige Blastomeren an der Synkaryenbildung Anteil 
hatten; dem würde Textfig. 3 entsprechen, wo neben den normalen 
Zellen eine sehr grosse liegt mit einer mehrpoligen Teilungsfigur. 
Zufälligerweise ist hier gerade die durch ihre Ektosomen gekenn- 
zeichnete Keimbahnzelle mit beteiligt. 

Man konnte dann auch alle Stufen des Zerfalls sowohl der 
Synkarven, als auch des ganzen Eies verfolgen. Dies wird wohl 
das Schicksal aller Synkarveneier sein, wenn nicht zufälligerweise 
bei der multipolaren Mitose die normale Chromosomenverteilung 
wieder hergestellt wurde (Boveri, 1907), worauf dann noch normale 
Kernbildung und Zellteilung eintreten musste, ein wohl nicht sehr 
häufiges Zusammentreffen glücklicher Zufälle. 

Was nun die Entstehungsursache anbelangt, so vermute ich, 
wie ich schon oben erwähnte, dass es sich hier um mechanische 
teize handelt. Hierfür spricht auch, dass die wenigen Eier eines 
Eiballens, die diese Abnormitäten zeigten, meist dicht benachbart 
waren, der Reiz also nur ganz lokal gewirkt hatte, wie dies ja 
bei mechanischen Insulten der Fall ist. 

Auch die von Haecker (1594), Schiller und Amma bei 
Ovelops beobachteten, der Diminution ähnlichen Erscheinungen 
habe ich einigemal gefunden, sowohl bei Cyelops viridis, als auch 
bei Üyvelops strenuus. Textfig. 4 zeigt einen Fall von „Diminution* 
in der Telophase, in Textfig. 5 liegen die abgestossenen Chromo- 
somenbrocken unregelmässig in der Zelle umher, während die 
Kerne sich im Ruhestadium befinden. Schiller vermutet, dass 
die Diminution eine Folge der Wärmewirkung sei, dies hat sich 
aber bei meinen Versuchen nicht bestätigen lassen: die Erscheinung 
fand sich sowohl bei normalen, als auch bei Wärmetieren, und 
zwar auch. bei diesen sehr selten. 

Hierher gehört vielleicht auch das Auftreten „nach- 
hinkender* Chromosomen oder Chromosomenbruch- 
stücken, was ebenfalls sowohl bei normalen, als auch bei 
beeinflussten Tieren vorkam (Textfig. 6 und 7). 

Von Interesse dürfte noch sein, dass bei einem Individuum 
von Cyelops viridis in vielen (vielleicht in allen) Ovidukteiern 

Archiv f. mikr. Anat. Bd.S4. Abt.I BIN 


Alfred Tobias: 


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Fie. 6. 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 3859 
ein sehr grosses „accessorisches* Uhromosom Sich fand 
(Textfig. 1): während die sechs normalen Tetraden mit ihrer 
Längsseite dem Streifen auflagen. „hing“ das „accessorische“ 
Chromosom mit seinem schmalen Ende daran und hatte keinen 
Partner. Zwei Mikrochromosomen sind schon von Haecker bei 
COyelops viridis beschrieben worden, konnten aber von Braun 
bei seinen Untersuchungen nicht wieder gefunden werden; und 
auch ich habe dieses Heterochromosom nur bei diesem einen Tier 
finden können. 

Schliesslich soll hier noch eine pathologische Erscheinung 
kurz besprochen werden, die epidemisch auftrat und meist die 
Eiballen sämtlicher Tiere befiel. Es konnte schon makroskopisch 
ein weisses Aussehen der Eiballen wahrgenommen werden, und 
die Schnitte zeigten dann, dass sich die Eier in gänzlichem Zer- 
fall befanden: die Zellgrenzen und die Kernmembranen waren 
aufgelöst. das Chromatin lag unregelmässig umher, oft zu Klumpen 
zusammengeballt. so dass es den Eindruck eines Synkaryons er- 
weckte. der Dotter zeigte eine ganz homogene Struktur, von 
einzelnen Körnchen war kaum noch etwas zu sehen. Worin 
diese Krankheit bestand, weiss ich nicht, sie schien sich auf die 
Tiere selbst nicht zu erstrecken. Selbstverständlich wurden diese 
Zuchten vernichtet. 


2. Der Einfluss der Wärme auf: 

a) die Teilungsgeschwindigkeit und den Furchungsrhythmus. 

Um. wie schon erwähnt. möglichst äquivalente Eier ver- 
gleichen zu können, hielt ich den einen Eiballen in normaler, 
den anderen desselben Tieres bei erhöhter Temperatur. Leider 
war es mir aber nicht möglich, bei gleichzeitiger Konservierung 
der beiden Eiballen einen Vergleich anzustellen, da die Temperatur 
eine Veränderung der Teilungsgeschwindigkeit hervorgerufen hatte, 
so dass sich die beiden Eiballen in verschiedenen Stadien befanden. 
Dies setzte. mich aber dafür instand, die Einwirkung der Trempe- 
ratur auf die Teilungsgeschwindigkeit zu studieren. Es 
zeigte sich, dass bei einer Temperaturerhöhung bis ungefähr 34° 
die Geschwindigkeit vergrössert wurde. Eine weitere Temperatur- 
erhöhung. bei der sich dann meist schon stark schädigende 
Wirkungen zeigten, hatte aber eine Verminderung der Teilungs- 


geschwindigkeit im Gefolge. Wo das Optimum liegt, kann ich 
26* 


390 Alfred Tobias: 


mit Bestimmtheit nicht angeben, da die nur nebenbei ausgeführten 
Versuche. an 20 Tieren nicht genügen, um eine genaue Kurve 
aufzustellen. 

War so die Furchungsgeschwindiekeit durch die Wärme 
veränderbar, so zeigte sich, dass der Furchungsrhythmus in 
normalen Grenzen blieb. Es war von Haecker (1597) und 
später von Amma gezeigt worden, dass die Keimbahnzelle, die 
ja schon von Beginn der ersten Furchungsteilung durch die 
Ektosomen charakterisiert ist, stets eine Verzögerung im Teilungs- 
rhythmus gegenüber den somatischen Zellen aufwies. Diese Ver- 
zögerung war, wie ich dies oft beobachten konnte, durch "die 
Temperaturerhöhung nicht verändert worden. 


b) Die Ovidukteier. 

Bei der Beschreibung der gefundenen Abnormitäten soll nach 
Möglichkeit eine chronologische Reihenfolge innegehalten werden, 
also mit den Ovidukteiern beginnend über die Reifungsteilungen 
bis zur Blastula; auf höhere Stadien habe ich meine Untersuchungen 
aus den schon oben angegebenen Gründen nicht ausgedehnt. 

Die in den Ovidukteiern gemachten Befunde habe ich, 
wie bereits erwähnt, einigen Tieren, besonders der Art Cvelops 
albidus. zu verdanken, die noch eine Temperatur von 27—50° 
aushielten. Die Beobachtungen erstrecken sich ausschliesslich aut 
das Stadium der „biserialen Anordnung“. 

Mehrere Male traten pathologische Zerfallserscheinungen anf: 
die Anordnung der Chromosomen wurde unregelmässig (Textfig. S), 
sie flossen zusammen, so dass sie wie Nukleolen in der Plasmainsel 
lagen (Textfig. 10 und 11). Textfig. 9 zeigt eine perlschnurartige 
Aneinanderreihung zusammengeflossener, bläschen- oder klumpen- 
förmiger Chromosomen, was wahrscheinlich noch die biseriale 
Anordnung verrät, es war mir auch möglich, elf solcher ver- 
klumpter Chromosomen zu zählen, das ist die für Uvelops strenuus 
charakteristische Tetradenzahl. Mit dem Zerfall der Chromosomen 
ging auch eine Zerklüftung der ganzen Eier Hand in Hand 
(Textfig. 10 und 11). Es traten Einkerbungen am Rande der Eier 
auf, wodurch immer mehr Brocken vom Ei abgeschnürt wurden, 
bis schliesslich ihr gänzlicher Zerfall eintrat. So konnten häufig 
ganze Ovidukte mit derartigen Eitrümmern angefüllt gefunden 
werden. Der Dotter machte hier aber stets einen normalen Eindruck. 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur etc 


391 


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Fig. 12. 


392 AUlFETerdaYorh ars: 


Diese Anomalien führten offenbar dazu, dass eine weitere 
Entwicklung der Eier ausgeschlossen war, dagegen habe ich zwei 
Arten der Beeinflussung zu beschreiben, die für die späteren 
Stadien der Eier noch von Bedeutung sein sollten. 

Während bei normalen Eiern die Chromosomeninsel im 
Stadium der biserialen Anordnung im Zentrum des Eies lag, 
konnte ich bei Wärmetieren häufig finden, dass sie schon in den 
Ovidukteiern an die Peripherie des Eies herangetreten war und 
zwar so, dass die Trennungsebene der beiden Uhromosomenplatten 
radial, und die eventuell auftretende Spindel demnach tangential 
gestellt war, wie dies Textfig. 12 zeigt. Diese Abweichung ist 
vielleicht auf einen Entmischungsvorgang durch die Wärme zurück- 
zuführen, wodurch die Spindel an dem Ort der geringsten Ober- 
tlächenspannung getrieben wird: es spräche dies für einen flüssigen 
Zustand oder dessen Erzeugung. Hier ist noch. auffällig ein 
bläschenförmiges Gebilde von homogenem, dem Plasma des oben 
beschriebenen Streifens ähnlichem Inhalt, es liegt in der Ver- 
längerung des Streifens und zwar dicht am Rande des Eies, 
wodurch dieser sogar etwas ausgebuchtet wurde. Derartige (rebilde 
konnte ich im Falle der abnormen Stellung der biserialen An- 
ordnung öfters beobachten, wie dies auch Textfig. 10 zeigt und 
zwar hier in Polansicht. Wie man sich die Entstehung dieser 
Bläschen zu denken hat, ist mir unklar, vielleicht sind es künstliche, 
durch die Konservierung hervorgerufene Ausflüsse des „Streifens“, 
was durch die Lage zu ihm und die übereinstimmende Plasma- 
struktur beider sehr wahrscheinlich gemacht wird. 

Eine andere, viel bedeutsamere und verhältnismässig häufig 
auftretende Abweichung zeigen die Chromosomenpaare der frühen 
Anaphase. Sie lagen dann nicht wie in normalen Fällen in zwei 
Ebenen innerhalb einer gemeinsamen Plasmainsel, sondern ver- 
sprengt im Ei umher, jedoch blieben stets die beiden Chromo- 
somenpartner zusammen und behielten ihre parallele Stellung bei. 
Die Zahl der Chromosomen war unverändert geblieben, man konnte 
infolgedessen die normale Zahl der Paare trotz ihrer Versprengung 
im Ei durch Rekonstruktion feststellen. Da es sich meist um 
Cyelops albidus handelte, fanden sich sieben Chromosomenpaare. 
Manchmal war nur ein Paar von den übrigen, die noch normal 
zusammenlagen, getrennt (Textfig. 13). Häufiger zeigte sich aber 
eine weitergehende Versprengung der Tetraden (Tafelfig. 2, Text- 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur ete. 395 


figuren 14 und 15), wobei es oft erschien, als ob je zwei Paare 
die Neigung hatten, zusammenzuliegen (Textfig. 15). Jedes Paar 
war stets von einer dunkel färbbaren Plasmainsel umgeben, auf- 
fälliger waren aber noch die Bilder (Tafelfig. 2), in welchen die 
Chromosomenpaare zunächst von einer wohlkonturierten 
Zone körnigen Plasmas und ausserhalb dieser von einer grösseren 
Plasmainsel umgeben war. 

Nun befinden sich die Ovidukteier normalerweise entweder 
im Stadium der biserialen Anordnung oder des Keimbläschens. 
Das Übergangsstadium dauert, wie dies auch von Matscheck 
angegeben wird, nur kurze Zeit. Es war also wohl möglich, dass 
sich die beschriebenen Eier bereits im Stadium der biserialen 
Anordnung befanden, als sie in die Wärme übergeführt wurden ; 
die Chromosomenversprengung hätte dann also erst in diesem 
Stadium einsetzen können, und man würde vielleicht daran denken 
können, dass die innere konturierte, die Ühromosomenpaare um- 
sebende Plasmazone als anachronistische, schon in der frühen 
Anaphase der ersten Reifungsteilung auftretende Idiomerenbildung 
anzusehen ist. 

Zum ersten Male wäre damit gezeigt, dass Idiomerenbildung, 
das heisst doch, die Bedingung für Kernbildung aus Chromosomen, 
in mittleren Teilungsphasen vorkommen kann. Dies kann sehr 
wichtig werden bei der Beurteilung des physiologischen Vorgangs 
der Mitose. 

Die Annahme, dass in diesem Stadium eine Trennung der 
Chromosomenpaare erfolgen könnte, macht ja insofern keine 
Schwierigkeit, als ein allen Chromosomen übergeordnetes, richten- 
des Zentrum meist fehlt. Schiller konnte sogar nachweisen, 
dass bei Behandlung der Ovidukteier mit Äther jedes Chromo- 
somenpaar für sich in einer kleinen Spindel lag, es waren dann 
ebenso viele parallel zueinander gelagerte Einzelspindeln wie 
Chromosomenpaare vorhanden. Man könnte sich dann leicht vor- 
stellen. dass nun die so in dieser Weise selbständigen Teil- 
spindeln etwa durch Abstossung oder dergleichen eine Ver- 
sprengung der Chromosomenpaare herbeiführen könnten. 

Eine andere Entstehungsmöglichkeit für diese Abweichungen 
wäre vielleicht darin zu sehen, dass bereits das Keimbläschen 
durch die Wärmewirkung zerklüftet worden war, und dann 
aus den Teilbläschen auch die getrennten Chromosomengruppen 


5394 Alfred Tobias: 


entstanden sind. Zugunsten dieser Ansicht könnte ein Befund 
herangezogen werden, der an einer grossen Anzahl von Eiern, 
allerdings aber nur bei einem Tiere, gemacht wurde, das ausser- 
dem noch sehr wechselnden Einflüssen ausgesetzt worden war: 
es handelte sich um einen Uyelops strenuus, der 5 Tage lang in 
einer Temperatur von 27°, dann aber 2 Tage normal (damals 
ungefähr 0°) gehalten worden war. Hier war in vielen Eiern 
nicht ein einheitliches Keimbläschen vorhanden, sondern viele 
Einzelbläschen (Textfig. 16—1S), die aber ganz den Charakter 
des Keimbläschens trugen: deutliche Kernmembran, ein schwach- 
füärbbares, homogenes Karyosoma, sehr dunkel gefärbte grosse 
Nukleoli und die diesen anliegenden Chromosomenpaare (Textfig. 17 
und 18). Leider war es mir nicht möglich, die Zahl der Teil- 
bläschen festzustellen, manchmal erschien es aber, als ob die der 
reduzierten Chromosomenzahl entsprechende Anzahl der Bläschen 
vorhanden war, dann zeigte jedes Teilbläschen einen Nukleolus 
mit nur einem Chromosomenpaar; dies würde der vollkommenen 
Chromosomenversprengung in Textfig. 15 entsprechen. Solche 
Keimbläschen „I. Ordnung“, wie man im Anschluss an die 
Reutersche Bezeichnung „Idiomeren I. Ordnung“ sagen könnte, 
zeigt Textfig. 18; nur bei zwei Bläschen sind die Nukleolen und 
die Chromosomenpaare zu sehen, während sie in den anderen 
Bläschen in diesem Schnitt nicht getroffen worden sind. War 
die Zerklüftung nicht so weit gegangen, so hatten wir Bläschen 
„höherer Ordnung“ (Textfig. 17). Hier zeigt sich aber auch die 
Neigung zur Trennung darin, dass der sonst fast stets nur in 
der Einzahl vorhandene Nukleolus durch mehrere kleinere ersetzt 
ist, denen dann die (auf diesem Schnitt quergetroftenen) Chromo- 
somenpaare zugeordnet sind. Der Textfig. 13 würde dann die 
Textfig. 17 entsprechen; hier liegt in beiden ein Bläschen höherer 
Ordnung neben einem solchen erster. 


c) Die Reifungsteilungen und Kopulationsstadien. 

Auch in diesen Stadien haben wir die meisten Ergebnisse 
dem verhältnismässig widerstandsfähigeren Cyelops albidus zu 
verdanken. Auffällig war, dass bei einem im Winter gemachten 
Versuche mit Cyelops strenuus bei einer Temperatur von 22—30° 
gar keine Eiablage erfolgte, obgleich die Tiere S Tage lang 
stark gefüllte Ovidukte aufwiesen. Ich habe nachher mehrere 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur ete. 


>96 AltzerdEoibsars: 


dieser Tiere konserviert, die Eier befanden sich sämtlich im 
normalen Keimbläschenstadium. Der Ovidukt war häufig ganz 
prall gefüllt. Später habe ich diese Erscheinung nicht mehr be- 
obachtet. Die Befruchtung verlief stets normal: ich habe 
immer einen und nur einen Spermakern in den Eiern finden 
können, selbst bei einem Tiere, bei dem eine sehr grosse Anzahl 
überzähliger Spermatozoen im Eiballen verstreut lagen. 

Unter normalen Verhältnissen wandert die biseriale An- 
ordnung gleich nach der Befruchtung sehr rasch nach der Peripherie 
des Eies zur Bildung des ersten Richtungskörpers. Im Gegensatze 
hierzu konnte ich bei Wärmeversuchen verhältnismässig häufig 
die biseriale Anordnung bei befruchteten Eiern noch in der Mitte 
liegend finden, was darauf schliessen lässt, dass hier eine Ver- 
zögerung der Wanderung stattgefunden hatte. Dies ging soweit, 
dass es sogar bei einem Ei zur Ausbildung der Richtungskörper- 
spindel mitten im Ei kam (Textfig. 19). Vorstadien dazu sind 
jedenfalls die bei demselben Tier gefundenen Bilder in Textfig. 20 
und 21. In der ersten zeigt sich eine starke Auflockerung der 
Ditetraden (Matscheck), wodurch die von Matscheck näher 
charakterisierte Achtwertigkeit deutlich zum Ausdruck kommt. 
In Textfig. 21 entspricht je einer Tetrade ein Teilbläschen. (In 
diesem Schnitt sind allerdings nur vier getroffen.) 

Es scheint hier, als ob die Wärme eine Verzögerung des 
normalen Geschehens bewirkte, während sie doch sonst stets 
einen beschleunigenden Einfluss hat. Dies sind jedoch nur relative 
Begriffe, denn man könnte hier ebensogut von einer Beschleunigung 
durch die Wärme reden, wenn man annimmt, dass vielleicht die 
Eiablage zu früh erfolgte, während die biseriale Anordnung noch 
nicht zur peripheren Wanderung bereit war. Das letzte Geschehen 
hätte demnach seinen normalen Zeitraum innegehalten, während nur 
die Ablage und Befruchtung infolge der beschleunigenden Wirkung 
der Wärme eher erfolgt war. 

Ebenfalls auf eine Verschiebung zeitlichen (reschehens lassen 
sich die bei einem Uyelops viridis während der Reifungsteilungen 
gefundenen pluripolaren Mitosen zurückführen, von denen 
zwei vierpolige in Tafelfig. 3, Textfig. 22 gegeben sind. Ähnliches 
hat auch Schiller durch Behandlung mit Äther erzeugt. In 
Tafelfig. 3 sieht man deutlich zwei senkrecht zueinander orien- 
tierte Fasersysteme, auch in Textfig. 22 ist die Vierpoligkeit 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 


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Fig. 20. 


398 AurerdElorbutanse 


deutlich zu sehen. Die Zahl der Chromosomen betrug hier 24, 
es war also offenbar die Abschnürung des ersten Richtungskörpers 
noch nicht erfolgt, als schon die Chromosomenteilung für den 
zweiten Richtungskörper einsetzte. Dies kommt wohl auch in der 
Vierpoligkeit der Mitose zum Ausdruck, ausserdem erinnert die 
\-förmige (Gestalt der Chromosomen an die der Anaphase bei 
der zweiten Reifungsteilung. Hier hätte sich zuerst die radiale 
Spindel der ersten Reifungsteilung ausgebildet und darauf die 
tangentiale, der zweiten Reifungsteilung entsprechende. Dass die 
beiden Reifungsspindeln senkrecht zueinander orientiert sind, hat 
Boveri für Ascaris nachgewiesen und auch bei Uyclops spricht 
vieles dafür, dass eine solche Orientierung vorhanden ist. Sehr 
auffällig ist nun aber die Überkreuzung der Verbindungsfasern, 
wodurch es sehr wahrscheinlich gemacht wird, dass sie nicht bloss, 
der Ausdruck einer Strömungsrichtung sind, sondern einigermassen 
resistente Stränge. Zufällig ist wohl die gleiche Uhromosomen- 
verteilung in den beiden Figuren: an jedem linken Pol’ befinden 
sich 4, am rechten 2 und an den oberen und unteren ungefähr 
je 9 Chromosomen. Dies Zahlenverhältnis konnte aber nur bei 
diesen beiden vierpoligen Mitosen festgestellt werden, bei den 
anderen, viel unregelmässigeren Teilungen war dies nicht der Fall. 

Das Schicksal dieser abnormen Reifungsteilungen habe ich 
mit Sicherheit nicht verfolgen können. Vielleicht lassen sich 
aber hiermit die Befunde in Einklang bringen, wo Eier neben 
dem Spermakern noch mehrere Kerne enthielten, die möglicher- 
weise auf die multipolare Reifungsteilung zurückzuführen sind 
(Textfig. 23 und 24). Der Spermakern war oft an seiner Grösse 
und an der Sphäre erkenntlich, und zwar fand sich stets nur 
ein Kern von diesen Eigenschaften in einem Ei, wodurch die 
Annahme, hier eine Polyspermieerscheinung vor uns zu haben, 
sehr unwahrscheinlich gemacht wird. Diese Bilder lassen aber, 
wie wir später sehen werden, noch eine andere Deutung zu. 

Da die biseriale Anordnung die Anaphase der ersten heifungs- 
teilung ist, war zu vermuten, dass sich zu den oben beschriebenen 
Abweichungen in jenen Stadien auch Entsprechendes bei den 
Reifungsteilungen selber finden müsste. Dies traf auch zu, und 
ich konnte sogar oft an einem Tier die einander entsprechenden 
Abweichungen sowohl in den Ovidukteiern, als auch bei den ab- 
gelegten beobachten. Hierher gehört vor allem die bereits be- 


Über den Einfluss e 399 


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schriebene Chromosomenversprengung. Es war ja von vornherein 
schon sehr unwahrscheinlich, dass die Chromosomenpaare sich 
nach der Befruchtung wieder normal anordnen sollten. Es fanden 
sich daher ganz ähnliche Bilder bei abgelegten Eiern wie bei 
den bereits besprochenen Ovidukteiern (Textfig. 13—15). 

Wie erfolgte nun aber in solchen Fällen die Richtungs- 
körperbildung? Hier zeigte sich eine stark ausgeprägte 
Selbständigkeit der Ühromosomen: trotz ihrer Trennung 
waren einige imstande, nach der Peripherie des Eies zu wandern 
und teilweise sogar die Bildung eines Richtungskörpers einzuleiten. 
So sehen wir in Textfig. 25, wie das eine Chromosomenpaar bereits 
am Rande des Eies liegt und jedes einzelne von einem besonderen 
Bläschen umgeben ist. Ein ähnliches Bild zeigt Textfig. 26, wo 
sich ein Teil der Chromosomenpaare zusammengefunden hat, nur 
eins liegt abseits; während nun noch einige Tetraden in der 
Anaphase verharren, ist bei dreien bereits die Telophase ein- 
getreten: je ein Uhromosom ist am Rande des Eies verblieben 
und hat nicht die Kraft gefunden. sich vom Ei abzuschnüren, 
das andere aber hat sich zum Idiomer umgebildet und wandert 
nun, obgleich es sich hier, so viel ich feststellen konnte, erst 
um die Bildung des ersten Richtungskörpers handelte, selbständig 
auf den Spermakern zu. Wichtig ist auch, dass die beiden dicht 
aneinander liegenden Idiomeren nicht miteinander ver- 
schmolzen sind, was bei normaler Bildung des weiblichen 
Vorkernes sehr rasch vor sich geht. 

Die Abschnürung des zweiten Richtungskörpers konnte ich 
in den abnormen Fällen der Chromosomenversprengung nicht wahr- 
nehmen. Die nach .dem Spermakern selbständig hinwandernden 
Idiomeren (Textfig. 26 und 27) waren also vermutlich „bivalent“, 
insofern sie noch die anaphasischen Chromosomen der zweiten 
Reifungsteilung enthielten. Hierin wird man noch bestärkt, wenn 
man die Textfig. 25 und 29 betrachtet: die Idiomeren machen 
offenbar den Versuch zu einer zweiten Teilung, das Chromatin 
zieht sich an zwei gegenüber liegenden Polen des Idiomers zu- 
sammen, die Mitte wird heller. so dass schliesslich Bilder zustande 
kommen, die grosse Ähnlichkeit teils mit Amitosen, teils mit 
normalen Anaphasen auseinander weichender Chromosomen zeigen. 

War nun aber die Bildung des ersten und zweiten Richtungs- 
körpers normal vor sich gegangen, so zeigte sich in der Telophase 


401 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur ete. 


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Fig. 25 Fig. 26. 
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Fig. 27 Fig. 28 Fig. 29. 


Fig. 30. 


402 MITedeaTIoihnrar se 


der zweiten Reifungsteilung aufs neue die Neigung der Idio- 
meren, selbständig zu bleiben. Während in normalen 
Fällen die Umwandlung der Chromosomen zu den Idiomeren und 
deren Zusammentfliessen gleich an der Eiperipherie und zwar so 
rasch vonstatten geht, dass dieser Vorgang in den Schnitten fast 
nie beobachtet werden konnte, zeigte sich bei Wärmetieren häufig, 
dass die Idiomeren entweder gar nicht oder nur teilweise zusammen- 
tlossen. Dies zeigt (Textfig. 30), wir sehen den abgeschnürten 
ersten Richtungskörper und den am Rande des Eies liegenden 
zweiten; die sieben Idiomeren (wir haben es hier mit Cvelops 
albidus, der 14 somatische Chromosomen hat. zu tun) sind voll- 
kommen selbständig geblieben und wandern auch selbständig dem 
Eiinnern zu. Dabei beginnen sie zu wachsen und zwar sind die 
am weitesten ins Eiinnere vorgerückten auch am stärksten ge- 
wachsen. 

Wenn es nun überhaupt nicht zur Bildung eines einheitlichen 
mütterlichen Vorkernes kommen sollte, so müssten wir Bilder 
erhalten, wo der Spermakern mit mehreren kleineren Kernen 
kopuliert. Inwieweit nun die tatsächlich vorhandenen, schon be- 
sprochenen Bilder dieser Art (Fig. 23, 24. 27, 29) hierher zu rechnen 
sind, kann ich aus Mangel an genügendem Material nicht ent- 
scheiden. Die Verhältnisse sind ja hier ausserordentlich verwickelt, 
denn dieselbe Wirkung, nämlich die Kopnlation des Spermakernes 
mit mehreren Teilkernen, könnte auf drei verschiedene Ursachen 
zurückgeführt werden: 1. auf multipolare Reifungsteilung, 2. auf 
selbständig gebliebene Idiomeren von der ersten und 3. auf selb- 
ständig gebliebene Idiomeren von der zweiten Reifungsteilung. Ich 
selbst bin deshalb geneigt, speziell für die Fig. 27—29 nicht den 
Fall 3, sondern den Fall 2 anzunehmen, weil hier die Idiomeren ohne 
zu wachsen ins Eiinnere gewandert sind und hier einen Teilungs- 
versuch machen, während sie im Fall 3 ein typisches Wachstums- 
stadium mit deutlicher Ausbildung der Nukleolen durchzumachen 
pflegen. Ist also die Deutung dieser Ergebnisse noch recht un- 
sicher, so tritt doch bei all diesen Abnormitäten eins stets deutlich 
hervor: die Selbständigkeit der Chromosomen, die sich 
ausspricht in ihrer Neigung zur Versprengung, ihrem getrennten 
Wandern nach der Eiperipherie, in der eigenen Fähigkeit, die erste, 
vielleicht auch die zweite Reifungsteilung durchzumachen, sich 
dann in Idiomeren umzuwandeln und selbständig zur Kopulation 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 405 


ins Eiinnere nach dem Spermakern hinzuwandern. Ich glaube, 
dass ein eingehenderes Studium gerade dieser Erscheinungen recht 
interessante Ausblicke gewähren würde. 

Der Aufbau der beiden Vorkerne aus mehreren Teilbläschen 
ist für einige Plattwürmer als normal beschrieben worden, so von 
Halkin für Polystomum integerrimum und von v. Klinckow- 
ström für Prostheceraeus vittatus. Auch hier wird der idiomere 
Bau des weiblichen Vorkernes von den Chromosomen der ersten 
Reifungsteilung abgeleitet. Die Teilbläschen enthielten bei Prost- 
heceraeus stets nur einen Nukleolus. „Nach der Anzahl und Grösse 
der Bläschen zu urteilen, scheint gewöhnlich eine Blase und ein 
Nukleolus auf jede Kernschleife zu kommen, manchmal scheinen 
doch aus einer Kernschleife zwei Bläschen mit entsprechend 
kleineren Nukleolen zu entstehen.“ Auffällig ist bei diesen 
beiden Tieren aber, dass der männliche Vorkern eine „unregel- 
mässige blasige Gestalt“ annimmt, die allerdings „sehr an die 
des weiblichen Vorkernes erinnert“. Während hier das Bestehen 
des Vorkernes aus einzelnen Teilbläschen dem normalen Geschehen 
angehört, konnte Boveri bei Ascaris einen Fall beobachten, wo 
in der Telophase der zweiten Reifungsteilung die beiden Chromo- 
somen so weit auseinander lagen, dass sie nicht zu einem ein- 
heitlichen Kern zusammenflossen, sondern jedes für sich ein 
Teilbläschen bildete. 

Noch eine andere, schon bei den Ovidukteiern beschriebene 
Abnormität liess sich manchmal in den abgelegten Eiern wieder- 
finden, nämlich die radiale Einstellung der biserialen Anordnung 
an der Eiperipherie, bezw. die tangentiale Lage der Spindel. 
Hieraus lässt sich dann auch leicht die tangentiale Lage der 
Richtungskörperspindel ableiten, wie dies Textfig. 31 zeigt. Ob 
wir es hier aber mit einer spezifischen Wärmewirkung zu tun 
haben, ist noch zweifelhaft. Nach Haecker (1890) kann bei 
Uyelops dies auch in normalen Fällen vorkommen und Boveri 
(1887) beschreibt Ähnliches bei Ascaris, wo dann die Abschnürung 
des ersten Richtungskörpers überhaupt nicht stattfindet, wohl aber 
die des zweiten. 

Schliesslich habe ich noch bei mehreren Tieren, und zwar 
bei einem in sämtlichen Eiern tripolare Mitosen gefunden, 
wie dies Textfig. 32 zeigt. Hier ist die Ektosomenerscheinung 


deutlich zu erkennen und zwar auch nur dem einen Pol zugeordnet. 
Archiv f. mikr. Anat. Bd.S4. Abt.1. 27 


404 Alfred Tobias: 


Uber den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 405 


Bei einigen dieser Mitosen war es möglich, die Chromosomen zu 
Zählen, ich fand 49, 51 und 51 Stück. Da es sich um Ovyelops 
viridis handelte mit der Chromosomenzahl 12, so liegt es nahe, 
dass wir es hier mit dem Vierfachen von 12, also 48, zu tun 
haben: ganz genau liess sich die Zahl nicht feststellen, da immer 
drei Schnitte kombiniert werden mussten. 


Das Zustandekommen dieser tripolaren Mitosen lässt sich auf ver- 
schiedene Ursachen zurückführen. Man könnte einfach annehmen, dass es 
sich um den Übergang vom II- zum IV-Zellenstadium handelt, die Zell- 
teilung ist ausgeblieben und zwei Sphären haben sich vereinigt, dann müssten 
aber gerade an diesem einen Pol bedeutend mehr Chromosomen liegen, wie 
an den beiden anderen. Dagegen fand ich, dass gerade an zwei Polen je 
eine relativ grössere Zahl lag als an dem dritten, nämlich 22, 18 und 11; 
24, 18 und 7; 18, 18 und 13 (12?). Gerade das letzte Zahlenverhältnis 
brachte mich auf den Gedanken, dass wir es hier nicht mit dem Übergang 
vom II- zum IV-Zellenstadium zu tun haben, sondern dass in diesem Falle 
an der ersten Furchungsteilung der aus den oben beschriebenen Ursachen 
(der tangentialen Lage der Spindel des ersten Richtungskörpers) im Ei ge- 
bliebene erste Richtungskörper sich beteiligte. Er enthält ja die normale 
Chromosomenzahl 12. Die beiden Vorkerne nur je 6, so dass also bei der 
Teilung jedes Kernes auch die Zahl 48 herauskommen würde. Betrachten 
wir nun die zuletzt angegebene Uhromosomenverteilung 18:18:12, so lässt 
das beigegebene Schema (Texttig. 33) diesen Gedanken noch mehr an Wahr- 
scheinlichkeit gewinnen: die 12 Chromosomen stammten dann von den 
6 Tochter-Chromosomen der beiden Vorkerne ab und würden die normale 
Zahl repräsentieren. Die 15 Chromosomen der beiden anderen Pole wären 
dann auf die 6 übrigen Tochter-Chromosomen der Vorkerne und die 12 des 
ersten Richtungskörpers zurückzuführen. Eine weitere Stütze erfährt diese 
Annahme noch durch Befunde, wo drei Kerne im Ei kopulieren, wie dies 
Textfig. 34 zeigt. Der oben gelegene, noch einen deutlich idiomeren Bau 
zeigende Kern ist offenbar der weibliche, der links liegende der männliche 
Vorkern und der rechte der erste Richtungskörper, da er, wie die Rekon- 
struktion aus den folgenden Schnitten ergab, die beiden anderen bedeutend 
an Grösse übertraf. Diesen Befunden darf aber nicht allzuviel Bedeutung 
zugemessen werden, da, wie wir oben gesehen haben, das Kopulieren 
mehrerer Kerne im Ei schon mehrere verschiedene Ursachen haben konnte. 
Auch die eben beschriebene verführerische Anordnung der Chromosomen 
darf man nicht zu hoch bewerten: so gibt Boveri') für multipolare Mitosen 
an, „dass zunächst jeder der vorhandenen Pole die Fähigkeit besitzt, mit 
jeder Seite eines Elementes eine Verbindung einzugehen ..... „Die 
Konstitution einer mehrpoligen Teilungsfigur ist also Sache des Zufalls.*“ 

Die von Haecker (1595a) beschriebene Wiederaufnahme 


des zweiten Richtungskörpers konnte auch ich häufig beobachten. 


', Zellstudien, Bd. II, S. 183 und 184. 
27% 


406 AKTIE obere 


Bei einem Üyelops strenuus, der 2 Stunden lang in einer Tempe- 
ratur von 26° gehalten worden war, fand ich, dass dieser son$t 
nur als ein kleines dunkel gefärbtes Klümpchen erscheinende 
Richtungskörper zu einem relativ grossen Bläschen angewachsen 
war und chromosomenähnliche Gebilde enthielt. Textfig. 35 zeigt 
ein Ei in der Telophase des II-Zellenstadiums, unten liegt der 
erste Richtungskörper ausserhalb des Eies; ein sehr grosses, 


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Fig. 33. Fig. 36. 


einen Spiremfaden enthaltendes Kernbläschen, welches zweifellos 
als zweiter Richtungskörper zu deuten ist, liegt dicht neben den 
Idiomeren der Telophase, von denen er aber deutlich unterschieden 
ist. Textfig. 36 zeigt einen ähnlichen Richtungskörper in stärkerer 
Vergrösserung. Vielleicht haben wir es hier mit einem durch 
die Wärme angeregten Versuch zur Teilung zu tun. 


ad) Die Furchungsstadien. 

Während ich bei der Untersuchung der eben beschriebenen 
niederen Stadien der Eier mit zwei Schwierigkeiten zu kämpfen 
hatte: erstens mit der Rücksichtnahme auf das Überleben des 
Muttertieres und zweitens mit der grossen Empfindlichkeit der Eier 
selbst, fiel dies bei der Untersuchung der Furchungsstadien weg. 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 407 


Da, wie oben gezeigt. das Muttertier von keinerlei Eintluss auf 
die abgelegten Eier ist, brauchte auch auf dieses keine Rück- 
sicht mehr genommen zu werden. Die beiden Eiballen wurden 
dann einfach ampnutiert und in die Wärme übergeführt. Auch 
mit der anderen Schwierigkeit, der starken Empfindlichkeit der 
Eier, hatte ich nicht mehr zu kämpfen: zwar zerfielen noch 
manchmal Eier, die gerade im Stadium der Reifungsteilung über- 
geführt worden waren. In späteren Stadien zeigten sie sich jedoch 
bedeutend widerstandsfähiger; das ging so weit, dass im Gastrula- 
stadium überhaupt keine Abnormitäten bei der angewandten 
Temperatur zu bemerken waren, was ja allerdings hier infolge 
der Kleinheit der Verhältnisse weniger gut zu kontrollieren war. 

Die starke Empfindlichkeit der früheren Stadien ist oftenbar 
auf eime geringere Fähigkeit der Selbstregulation zurückzuführen. 
Welches Organ wäre nun aber für diese Regulation verantwort- 
lieh zu machen ? Eine stärkere Umhüllung, die vielleicht eine 
Isolierung gegen die Wärme bilden könnte, besitzt das Ei nicht 
in den höheren Furchungsstadien, der Dotter ist abgesehen von 
seinem allmählichen Verbrauch derselbe. So bleibt schliesslich 
nur noch übrig. den Kern als den Regulator anzusehen. Da ist 
es denn klar, dass in den niederen Stadien, wo nur ein Kern 
das grosse (iebiet des Eies beherrscht, eine Regulation viel 
schwieriger durchführbar ist als später, wo Hunderte von Kernen 
sich in dasselbe Gebiet teilen. Hierzu kommt noch, dass Ab- 
normitäten bei der Mitose, wie z.B. unregelmässige Chromosom- 
verteilung in den grossen Zellen der ersten Stadien, viel schwerer 
wieder in die richtigen Bahnen gelenkt werden können, als in den 
kleinen, wo die Sphären einen viel kleineren Wirkungskreis haben. 

Den günstigen Verhältnissen der Furchungs-Stadien ist es 
nun zu verdanken, dass ich hier ein bedeutend grösseres Tat- 
sachenmaterial zusammentragen konnte, als bezüglich der Ovidukt- 
eier und Reifungsstadien. Um so erfreulicher war es mir, dass 
die nun mit: grösserer Sicherheit gewonnenen Ergebnisse das 
bestätigten, was ich als Hauptresultat der im ersten Teil ge- 
machten Untersuchungen betonte: eine weitgehende Auto- 
nomie der einzelnen Öhromosomen undder aus ihnen 
entstehenden Idiomeren. 

Ehe ich nun auf die Beschreibung meiner Befunde eingehe, 
möchte ich erst noch kurz erörtern, wie man sich ungefähr die 


405 FO er a WO I 


Umbildung eines Chromosoms in ein Idiomer zu denken hat. 
Dies ist leider für Cyelops noch nicht genauer untersucht worden, 
und es lag eigentlich nicht im Rahmen meiner Arbeit, diese 
Frage zu diskutieren; da sie jedoch später für die Beurteilung 
gewisser Dinge sehr wichtig ist, sehe ich mich genötigt, ihr doch 
etwas näher zu treten. Auf intimere Feinheiten will ich aber 
nicht eingehen, da erstens meine Konservierungsmethode dafür 
vielleicht nieht die geeignete und die Schnitte zu dick waren: 
vielmehr will ich nur so viel zeigen, als zur Behandlung der 
späteren Fragen nötig ist. Das in Tafelfig. 4 gegebene Bild 
stammt zwar von einem Wärmetier. doch bei einem Vergleich 
mit dem Normalen habe ich keinen Unterschied in bezug auf 
diese Umbildungsvorgänge gefunden. Was mich bewogen hat. 
gerade dieses Bild zu geben, ist vor allem der Umstand, dass 
hier alle Übergänge vom Chromosom zum Idiomer zu beobachten 
sind. Das Bild zeigt uns unten rechts noch zwei typische huf- 
eisenförmige Chromosomen (a) der Anaphase. Innerhalb dieser 
Hufeisen sammelt. sich nun eine feine durchsichtige Substanz. 
die ich vorläufig als Enchylema bezeichnen will, an. Es wird 
also gewissermassen eine Scheibe gebildet, deren Rand von dem 
Chromosom begrenzt wird. Dies wird in dieser Figur durch einige 
Seitenansichten deutlich erkennbar (b). Über den mit dem 
Enchylema erfüllten Raum hin werden nun von den ihn um- 
schliessenden Chromosomen feine Fortsätze ausgesendet, die 
einander schliesslich begegnen. Hierbei löst sich das vorher 
kompakte Chromatin in feine Körnchen auf, die sich dann all- 
mählich über den grössten Teil der Oberfläche des inzwischen 
zum Bläschen gewordenen Idiomers ausbreiten. Der Verlauf dieser 
Umbildung ist ganz ähnlich dem von Bonnevie (1909) für 
die Furchungsteilungen von Nereis limbrata Ehlers beschriebenen. 
Ob wir es nun mit einer spiraligen Auflockerung des ursprüng- 
lichen Chromosoms, wie dies von anderen Autoren beschrieben 
wird, zu tun haben, kann ich bei der Dicke der Schnitte nicht 
entscheiden. Eins der Idiomeren (ce) zeigt allerdings eine An- 
deutung eines Spiralfadens in Gestalt feiner Zacken. Wie dem 
auch sei, jedenfalls stellte sich der Vorgang im allgemeinen so 
dar. dass die Chromosomen und ihr Chromatin einen wahrscheinlich 
aus Enchylem bestehenden Substanztropfen von aussen umfassen 
oder umspinnen und diesen zum Idiomer ausbauen. indem sie 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur ete. +09 


selber sehr schnell in feine Chromatinkörnchen zerfallen, die sich 
an der Oberfläche des Idiomers verteilen. Jedenfalls sprechen die 
Bilder dagegen, dass die Chromosomen in ihrer Umgegend ein 
bestimmtes Plasmagebiet abgliedern. und innerhalb dieses, sich 
schliesslich mit einer Membran umgebenden Bezirks noch längere 
Zeit bestehen bleiben. 

Normalerweise fliessen nun diese Idiomeren verhältnismässig 
rasch zusammen, bis auf zwei Bläschen, die Gonomeren, die, 
wie Rückert und Haecker für die ersten Teilungen mit 
Sicherheit nachgewiesen haben, die Bestandteile der väterlichen 
und mütterlichen Kernanteile repräsentieren. Nach einiger Zeit 
vereinigen sich aber auch diese und nur zwei Nukleolen zeigen 
noch häufig die Abstammung des jetzt einheitlichen Kernes von 
zwei Hauptelementen an. 

Bei den durch Wärme beeinflussten Eiern zeigte sich nun, 
dass die Idiomeren viel länger selbständig blieben, 
was soweit ging, dass sie überhaupt nicht zusammen- 
flossen. Für das lange Selbständigbleiben spricht erstens, dass 
ich oft Eiballen fand, deren sämtliche Eier sich in dem 
Idiomerenstadium befanden. Bei normalen Tieren zeigte sich 
stets, dass die proximal liegenden Eier, die also etwas später 
abgelegt worden waren, infolgedessen auch etwas niedere Teilungs- 
phasen wie die distal gelegenen aufwiesen. Infolgedessen findet 
man dann normalerweise neben den Idiomerenstadien auch die 
kurz vorausgehenden oder folgenden Phasen in einem Eiballen. 
Das ausschliessliche Auftreten der Idiomeren bei den Wärme- 
tieren in sämtlichen Eiern ein und desselben Eiballens lässt also 
auf eine sehr lange Dauer dieses Stadiums schliessen. Einen 
zweiten Beweis liefert die Zählung der Tiere, bei denen die 
Idiomeren auftraten. Es ergab sich, dass bei höherer Temperatur 
ein viel grösserer Prozentsatz dieses Stadium aufwies, und zwar 
über SO ’/o gegenüber 20°/o und weniger bei niederer Temperatur. 

Dieses hänfige Auftreten des Idiomerenstadiums könnte man 
sich vielleicht so erklären. dass durch die Wärme all die anderen 
Phasen der Mitose im Verhältnis zu dieser stark beschleunigt, 
bezw. das Idiomerenstadium stark verlängert würde. Danach 
könnte man annehmen, dass die Idiomeren sich sehr schneli zu 
einem Kern vereinigten, dass dann sehr schnell die Pro-, Meta- 
und Anaphase abläuft und die Kernsubstanzen in der nächsten 


410 Altvwed Tobias: 


Teilungsperiode wieder längere Zeit im Telophasestadium ver- 
harren. Wir hätten hier also gewissermassen nur einen quanti- 
tativen Unterschied gegenüber dem Normalen. Nun finden sich 
aber interessante qualitative Unterschiede der Idiomeren, die als 
aufeinander folgende Phasen zu deuten sind, wodurch die oben 
versuchte Erklärung hinfällig wird. Die Idiomeren verbleiben 
nämlich nicht in dem anfänglichen, vorher beschriebenen Telo- 
phasestadium, sondern sie machen ein typisches Wachstums- und 
Prophasestadium durch, wie dies sonst nur der ganze Kern 
tut. Wir haben hier also nur ein Unterbleiben der Verschmelzung 
der Idiomeren, nicht aber eine Veränderung im Teilunesrhythmus 
der Mitose. 

Diese Verhältnisse sollen nun an der Hand der beigegebenen 
Abbildungen näher erörtert werden. Wie schon gesagt, zeigt die 
Tatelfig. 4, obgleich sie von einem Wärmetier (CUyelops viridis) 
stammt, soweit ich es durch Vergleich erkennen konnte, einen 
normalen Verlauf der Umbildung der Chromosomen zu den Idio- 
meren. Nur fällt hier ein deutlicher Grössenunterschied der 
Idiomeren auf. Man könnte dies vielleicht auf einen „essentiellen“ 
(„physiologischen“) Unterschied der Chromosomen und der daraus 
entstandenen Idiomeren zurückführen, jedoch glaube ich in diesem 
Falle nicht daran, da bei normalen Tieren bei den Copepoden 
bisher noch nie Grössenunterschiede der Chromosomen oder Idio- 
meren gefunden worden sind. Nun zeigt aber diese Figur wie 
gesagt alle Stadien der Umwandlung, also auch ganz ver- 
schiedene Altersstadien der Idiomeren. Es ist deutlich zu sehen, 
dass diejenigen Idiomeren, die von den noch nicht umgewandelten 
Kernschleifen räumlich am meisten entfernt liegen und besonders 
diejenigen, die am weitesten polwärts gewandert sind und dem- 
nach offenbar die ältesten Stadien darstellen, auch sichtlich 
grösser sind und zwar mit allen Übergängen: ein sicheres 
Zeichen dafür, dass ein allmähliches Wachstum der einzelnen, 
noch nicht verschmolzenen Idiomeren erfolgt ist. Betrachten 
wir nun weiter Textfig. 37, die eine Teilungsfigur ebenfalls 
von Cyelops viridis in Polansicht und zwar auch eine voll- 
ständige Trennung der Idiomeren zeigt: die dunkel umrandeten 
Teilkerne stellen die zwölf Idiomeren der einen Tochterplatte, 
die helleren diejenigen der anderen dar (letztere liegen nicht 
mehr alle in diesem Schnitt). Wir haben hier wie in Tafel- 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 411 


figur 4 das beginnende II-Zellenstadium, es ist aber schon ein 
bedeutender (rrössenunterschied der Idiomeren zu erkennen (die 
beiden Bilder sind natürlich mit derselben Vergrösserung und 
der Camera gezeichnet), vor allem fällt aber auf, dass sich 
in Textfig. 37 bereits deutliche Nukleolen ausbilden! Die Text- 


Rio 37. 


figuren 35a—d stammen von dem gleichen Tier wie Texttig. 37: 
die Zellteilung ist vollendet, dennoch sind die Idiomeren, im 
(regensatz zu normalen Tieren, noch nicht zusammengeflossen. 
Die Rekonstruktion ergab in jedem Blastomer zwölf Bläschen 
und zwar waren diese wiederum in zwei Haufen zu je sechs an- 
geordnet, wodurch die Gonomerie deutlich zutage tritt. Noch 
deutlicher zeigt sich dies in Textfig. 39, hier haben die den 
beiden (ionomeren entsprechenden Idiomeren einen deutlichen 
Phasenunterschied, was sich durch die verschiedene Färbbarkeit 
kundgibt, ähnliche Bilder, wie sie Haecker (1895a, Fig. 59) 
zeigt. Die ausserordentliche (Grösse zweier von ihnen ist wahr- 
scheinlich auf ein teilweises Zusammenfliessen, nicht nur auf 
Wachstum zurückzuführen.) Eine genaue Zählung liess sich hier 
nicht durchführen, da wir es in diesem Falle mit Uyclops strenuus 
(mit 22 Chromosomen) zu tun haben. 

Ein teilweises Verschmelzen der Idiomeren zeigt sich bei 
den öfters gefundenen Lochkernen (Tafeltig. 5): hier haben 


', Es ist hier eine schwächere Vergrösserung als in Textfig. 37 
angewandt. 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur ete. 415 


414 Alfred TohrTas: 


die erst kranzförmig benachbart liegenden Idiomeren die aneinander 
stossenden Wände abgeplattet. um an diesen Stellen dann mehr 
oder weniger innig zu verschmelzen. Der von ihnen umschlossene 
xaum bleibt aber frei und bildet somit ein regelrechtes Loch im 
Kern. Es war mir nicht möglich, sicher zu entscheiden, ob wir 
es hier nun mit einem Kranze oder einer Hohlkugel zu tun hatten. 

Mit Beendigung des Wachstumsstadiums geben nun aber 
die Idiomeren ihre Selbständigkeit noch nicht auf, sondern sie 
machen häufig jedes für sich eintypisches Prophasestadium 
durch, wie dies die Tafelfig. 6—8, Textfig. 40 zeigen. Tafelfig. 6 


Fie. 39. Fiv. 40. 


und 7 stammen aus zwei aufeinander folgenden Schnitten der- 
selben Idiomerengruppe, obwohl sie einen geringen Phasen- 
unterschied aufweisen, was vielleicht auf einer Verschiedenheit 
der gonomer zusammen gehörigen Gruppen beruht. In Tafel- 
figur 6 sieht man noch deutliche Nukleolen und die etwas 
feineren Chromosomen. In Tafeltig. 7 sind die Nukleolen mit 
Ausnahme eines Idiomers (links) verschwunden, und man sieht 
nur noch die starken Chromosomen in den deutlich voneinander 
abgegrenzten Idiomeren liegen. Hier liessen sich auch mit 
ziemlicher Sicherheit zwölf Idiomeren nachweisen. Leider war 
es nicht möglich, die Zahl der in einem Idiomer liegenden 
Chromosomen festzustellen, da diese immer sehr stark gewunden 
waren. Jedoch glaube ich, dass wir es hier in jedem einzelnen 
Idiomer mit einem kontinuierlichen Band zu tun haben. In 
Tafelfig. S haben sich die Idiomeren schon dicht aneinander 
gelegt. man kann jedoch ihre Grenzen noch deutlich erkennen. 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 415 


Ich habe vor allem dies Bild gegeben, um den deutlichen Längs- 
spalt der Chromosomen und die spiraligen Überkreuzungen der 
Spalthälften, wie sie besonders aus den Prophasen der ersten 
teifungsteilungen bekannt sind, zu zeigen. Auch in Tafelfig. S 
ist besonders an dem rechten Chromosom des unteren Idiomers 
ein deutlicher Längsspalt zu erkennen. 

In Tafeltig. 9 haben sich nun die Membranen der Idiomeren 
aufgelöst, ihre einzelnen Bereiche sind aber noch deutlich er- 
kennbar. Während normalerweise bei der Auflösung der Kern- 
membranen die einzelnen Chromosomenschleifen dieht gedrängt 
aneinander liegen und dann zur Mittelplatte zusammentreten, 
wird dies für unsere abnormen Fälle sehr erschwert: die nicht 
zusammengeflossenen Idiomeren nehmen ein weit grösseres (rebiet 
ein als ein normaler einheitlicher Kern, infolgedessen kommen 
dann auch die aus ihnen entstehenden Chromosomen weiter aus- 
einander zu liegen. Dadurch wird es aber offenhar den richtenden 
Zentren ausserordentlich erschwert, aus diesen verstreuten Chromo- 
somen die für je einen Tochterkern bestimmten zusammen- 
zuschliessen. Es kommt infolgedessen sehr häufig eine ganz 
abnorme Verteilung der Chromosomen zustande, wie dies die 
Tafelfig. 10 veranschaulicht. Diese Anomalien führen wahr- 
scheinlich dazu, dass hier keine normale Kernbildung mehr statt- 
findet, wodurch dann die Eier dauernd geschädigt werden, während 
die vorher gefundenen Abweichungen vom Normalen noch nicht 
direkt einen ungünstigen Einfluss auf die Entwicklung haben. 

Nun könnte man ja leicht beim Betrachten der Tafelfig. 6 
bis S und Textfig. 40 auf den Gedanken kommen, dass man es 
hier nicht mit Idiomeren im Prophasestadium zu tun habe, 
sondern mit einer frühen Telophase, wo die Chromosomen gerade 
im Begriff wären, sich zu Idiomeren umzuwandeln, ähnlich wie 
dies Bilder von Vejdowskv zeigen. ‚Jedoch sprechen mehrere 
Gründe dafür, dass dies nicht der Fall ist. So habe ich schon 
oben gezeigt, dass die Umwandlung der Chromosomen zu Idio- 
meren sowohl bei normalen als auch bei Wärmetieren nach einem 
ganz anderen Modus verläuft. Die hufeisenförmigen Chromosomen 
begrenzen ein feines durchsichtiges Plasma und lockern sich in 
feine Chromatinkörnchen auf, die dann dieses feine Plasma nach 
aussen hin umgeben. Von einem längeren Bestehenbleiben der 
Chromosomen innerhalb des Enchvlems kann keine Rede sein. 


416 ASETIe de Worbitais: 


Weiter hat sich gezeigt, dass die Idiomeren ein deutliches 
Wachstumsstadium durchmachen. Schon in Tafelfig. 4 haben wir 
gesehen, dass die älteren Idiomeren grösser sind als die jüngeren. 
Textfig. 57 zeigt sie in noch älteren Stadien mit deutlich aus- 
gebildeten Nukleolen, und der Vergleich mit Tafelfig. 4 beweist, 
dass sie hier noch bedeutend weiter gewachsen sind. Betrachten 
wir nun die Tafelfig. 6 und 7, so zeigt sich, dass die Idiomeren 
mit ihren gut ausgebildeten Chromosomen eher noch grösser sind 
als die in Textfig. 37. Sie müssen also schon das Wachstums- 
stadium durchgemacht haben und können daher nicht der frühen 
Telophase angehören. 

Ferner sieht man bei normalen Teilungen im Stadium der 
frühen Telophase, wo also die Chromosomen zu Idiomeren um- 
gebildet werden, stets noch deutlich die Teilungsspindel und 
kaum eine Spur von Zellteilung. Bei unseren „prophasischen“ 
Idiomeren dagegen ist die Zellteilung stets ganz deutlich durch- 
geführt, aber keine Spindel mehr zu erkennen, wieder ein Zeichen 
dafür, dass sich die Idiomeren in einem späteren Entwicklungs- 
stadium befinden müssen. Dazu kommt noch, dass die Chromo- 
somen, verglichen mit der normalen Telophase, ausserordentlich 
viel länger, verschlungen und schleifenförmig sind, während sie 
dort relativ kurz und hufeisenförmig waren. 

In vielen Fällen, wo die Idiomeren nicht mehr völlig selb- 
ständig geblieben waren, war dafür recht deutlich die Gonomerie 
zu erkennen, selbst in höheren Blastulastadien, in denen sie bei 
normalen Tieren meist schon stark zurücktritt. Auch die Gonomeren 
machen dieselben Stadien wie die Idiomeren selbständig durch: sie 
wachsen unter Bildung von Nukleolen heran und treten in ein 
Prophasestadium ein, dies zeigt Textfig. 41, und auch in Textfig. 42 
kann man trotz aufgelöster Kernmembranen noch die Zugehörigkeit 
der Chromosomenschleifen zu den einzelnen Gonomeren erkennen. 

Was nun die direkte Ursache für das stark hervortretende 
Selbständigbleiben der Idiomeren anbelangt, so gibt es hierfür 
verschiedene Erklärungsmöglichkeiten. Man könnte annehmen, 
dass durch die Wärme die Tätigkeit der richtenden Zentren 
gelähmt würde, so dass sie ihre Fähigkeit verlören, die Idiomeren 
stark genug anzuziehen, infolgedessen würden diese weit aus- 
einander zu liegen kommen und ein Zusammentliessen wäre damit 
ausgeschlossen. Dagegen spricht aber, dass ich häufig ganz eng 


Uber den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 417 


aneinander geschmiegte Idiomeren fand, die trotzdem ihre Mem- 
branen nicht aufgelöst hatten. 

Weiter könnte man annehmen. dass die Membranen der 
Idiomeren durch die Wärme derart verändert würden, dass sie 
ein Zusammentfliessen der Schwesteridiomeren unmöglich machten. 

Auch könnte man sich die Kombination der beiden eben 
genannten Möglichkeiten vorstellen. Zu Anfang sind vielleicht 
die Membranen noch zum Zusammentliessen fähig, die Idiomeren 
liegen da aber noch zu weit voneinander entfernt, wenn sie 
jedoch dann schliesslich zusammenkommen, hat sich die Membran 
so verfestigt, dass sie nun selbständig bleiben müssen. 

Bei diesen Erklärungsmöglichkeiten würde gewissermassen 
die Wärme einen mechanischen Reiz ausüben. Ich glaube aber 
eher, dass es sich hier nur um eine zeitliche Verschiebung der 
Verhältnisse handelt. Wir haben ja schon gesehen, und es ist 
auch von anderer Seite für die Wärme vielfach gezeigt worden, 
dass sie beschleunigend auf die Teilungsgeschwindigkeit wirkt. Nun 
brauchte dies allerdings morphologisch gar nicht zum Ausdruck zu 
kommen, es könnte einfach jedes Stadium der Mitose etwas weniger 
Zeit brauchen. Wir sehen jedoch, dass in unserem Falle ein Stadium 
übersprungen wird, nämlich das des einheitlichen Kernes. 

Ähnliche Befunde hat Conklin durch Temperaturwirkung 
auf die Eier von Crepidula gemacht: „indeed by sligh increase 
of temperature almost every chromosome may be caused to remain 
distinet from every other one, and to give rise to a separate 
chromosomal vesieule“. Ob nun in diesen Teilbläschen wieder 
Chromosomen ausgebildet werden, gibt er nicht an. Ein solches 
weitgehendes Selbständigbleiben der Idiomeren wird aber von 
Reuter für die normale Entwicklung von Pedieulopsis beschrieben. 
Hier wird von jedem Chromosom ein Idiomer ausgebildet, in dem 
das ursprüngliche Gebiet des Chromosoms, wenn auch nur noch 
schwach gefärbt, erkennbar ist. Aus diesen Gebilden entwickeln 
sich dann zwei Chromosomen für die nächste Teilung. 

Auch für die ersten Furchungsstadien der Forelleneier wird 
ähnliches von Henneguy beschrieben: „Dans les grandes spheres 
de segmentation, dont les divisions se succ@edent rapidement, 
la reedification des noyaux-filles est generalement incomplete. Les 
noyaux commencent deja a entrer en division avant d’etre revenus 
a l’etat de repos. ..... Le noyau est alors constitu& par une 


Alfred Tobias: 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur ete. 419 


reunion de petits novaux elementaires. formes chacun par une 
vesicule contenant un ou deux chromosomes independants.* 

wückert knüpft an diese Befunde, die er ebenfalls für 
eine Abkürzung des Vorgangs der Mitose ansieht, die Betrachtung 
an: „Es wäre nicht ohne Interesse, experimentell festzustellen, 
ob sich diese verschiedenen Stufen der Abkürzung des Teilungs- 
verfahrens etwa künstlich hervorrufen lassen durch Beschleunigung 
der Entwicklung vermittelst Temperaturerhöhung des umgebenden 
Mediums.“ Diese Vermutung Rückerts hat durch meine Ver- 
suche ihre volle Bestätigung gefunden. 

Neben den eben beschriebenen beinahe als Regel auf- 
tretenden Abnormitäten fand sich noch öfter das Ausbleiben der 
Zellteilung, und zwar schienen die Eier einzelner Tiere besonders 
dazu disponiert zu sein, denn wenn einmal diese Abweichungen 
auftraten, so fanden sie sich fast in jedem Ei. Textfig. 43 zeigt, 
wie in einem Ei nur zwei Zellen eine Grenze besitzen. Hier 
liegt der Gedanke nahe, dass wir es mit den Keimbahnzellen zu 
tun haben, die durch ihren langsameren Teilungsrhythmus eher 
befähigt sind, eine Zellgrenze auszubilden. Dass die Erscheinung 
der Ektosomen auch bei Ausbleiben der Zellteilung nur dem 
einen Pol zugeordnet ist, zeigt Textfig. 44. 


3. Wirkung der Zurückversetzung in normale Temperatur. 

Nur wenige Versuche wurden angestellt über die Einwirkung 
der Zurückversetzung der Eier aus der Wärme in normale 
Temperatur. Es zeigte sich dann stets, dass die Teilungs- 
geschwindigkeit, besonders wenn die neue Temperatur sehr niedrig 
war, sich stark verminderte. Infolgedessen konnten die durch 
die Wärme erzeugten Abweichungen noch längere Zeit beob- 
achtet werden, sowohl die selbständigen Idiomeren, als auch die 
sich davon herleitende unregelmässige Verteilung der Chromo- 
somen. Dies zeigt z. B. Textfig. 45a, b. Es sind dies zwei auf- 
einander folgende Schnitte einer Zelle: grob schematisch könnte 
man die Anordnung der Chromosomen so deuten, als ob zwei 
Mitosen hintereinander gelegen wären, ähnlich wie bei der Reifung 
z. B. des Eies von Canthocamptus. Dies liesse sich auf die 
Gonomerenanordnung der Idiomeren, wie dies die Textfig. 38 
zeigt, zurückführen, indem anzunehmen wäre, dass die beiden 


räumlich getrennten (je einer Gonomere entsprechenden) Idiomeren- 
Archiv f.mikr. Anat. Bd.84. Abt.]I. 28 


AyTrie de Bohnrase 


c 


420 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur ete. 421 


gruppen je eine dieser Teilungsfiguren bilden. Dabei bewegen 
sich nun aber die inneren Tochterplatten aufeinander zu, die 
äusseren voneinander weg. Freilich wäre da anzunehmen, dass 
bereits mehr als zwei Zentren (drei oder vier) vorhanden sind, 
dagegen spricht aber erstens. dass einzelne Chromosomenpaare 
quer zur kichtung der übrigen auseinanderweichen (Textfig. 45a) |x|, 
und zweitens, dass in den höheren Furchungsstadien überhaupt keine 
Sphären mehr gefunden werden, sondern die Mitosen stets nur eine 
tonnenförmige, intranukleäre Spindel ohne jede Strahlung aufweisen, 
also anscheinend ein von Zentren unabhängiger Teilungsmodus 
vorliegt. In unserem Falle würde, wie sonst der ganze Kern, jedes 
Idiomer selbständig eine solche „intranukleäre* Einzel- 
spindel ausbilden können, wodurch die beiden Tochter- 
chromosomen zum selbständigen Auseinanderweichen veranlasst 
würden. Die Spindeln eines Haufens würden sich dann ungefähr 
parallel einstellen, so dass unser Bild zustande käme. Ich habe 
im übrigen derartige Bilder auch bei Wärmetieren öfter gefunden. 

bei zwei Tieren, die ebenfalls aus der erhöhten Temperatur 
in die normale zurückversetzt worden waren, traten in mehreren 
Eiern regelrechte intranukleäre Mitosen (Textfig. 46) auf, wie sie 
für die Protozoen beschrieben sind. Die Kernmembran war noch 
völlig intakt, während die fertig ausgebildeten Chromosomen sich 
bereits zu den Tochterplatten angeordnet hatten, nur eins ist in 
der Mitte zurückgeblieben. Eine Sphäre war nicht ausgebildet. 

Noch einige auffallende Bilder möchte ich hier besprechen. 
Die Textfig. 47 und 48 stellen ein Il-Zellenstadium von Uyclops 
strenuus dar, der 30 Minuten in 33° gehalten worden war. Nach 
dieser Zeit wurde der eine Eiballen konserviert, der andere in 
die normale Temperatur zurückgebracht und dann nach 24 Stunden 
bei 31/2” konserviert. Die Bilder stammen von Eiern des zweiten 
Eiballens. In Textfig. 47 liegt in der Mitte des Eies ein kern- 
artiges (Gebilde anscheinend im Prophasestadium. Ein Telophase- 
stadium kann es nicht sein. da, wie schon oben erwähnt. die 
Umwandlung der Chromosomen ganz anders vor sich geht, und 
auch der Vergleich mit den anderen Eiern dieses Eiballens 
lässt dies unwahrscheinlich erscheinen. Dieses Gebilde zeigt in 
der Mitte eine Einschnürung, wo auch die Chromosomen stark 
zusammengedrängt sind. In der oberen Zelle sieht man rechts 


eine wohlausgebildete Sphäre, der im nächsten Schnitt eine ent- 
28* 


422 ARTE Nob are 


sprechende (dem gleichen Blastomer zugehörige) Sphäre links oben 
segenüberliegt. In der anderen Zelle liegen dagegen die Sphären 
bei dieser Orientierung des Schnittes nicht wie oben rechts und 
links, sondern oben und unten, so dass also die Verbindungs- 
linien der entsprechenden Sphären senkrecht aufeinander stehen 
würden, während sie bei normaler Furchung einander parallel 
sind. Vielleicht spricht sich hier schon die dann später auch in 
normalen Fällen auftretende Tetraederstellung der ersten vier 
Blastomeren aus. Ein entsprechendes Bild zeigt Textfig. 48, aber 
in höherem Stadium, und zwar in der Anaphase, wie dies die 
obere Zelle deutlich zeigt. Auch. hier kann man erkennen, dass 
die beiden Mitosen senkrecht zueinander orientiert sind: in der 
oberen Zelle ist die Teilungsspindel ungefähr längs getroffen. 
man sieht hier die beiden Chromosomengruppen wie gesagt in 
der Anaphase: in der unteren Zelle ist offenbar die Spindel quer 
getroffen, wie dies aus den quergeschnittenen Chromosomen er- 
sichtlich ist. Da in jedem Blastomer die Anzahl der Chromo- 
somen annähernd 44 betrug, so haben wir es hier nicht mit der 
ersten Furchungsteilung, sondern, wie ausserdem auch noch die 
vier Sphären verraten, mit dem Übergang vom Il- zum IV-Zellen- 
stadium zu tun. 

Wie ist nun diese Erscheinung zu erklären? Es sind vor 
allem drei Möglichkeiten vorhanden. Erstens könnte in der 
Zelle ein Synkaryon bestanden haben, das sich nun in der Prophase 
bezw. Anaphase zur Teilung in vier Kerne befindet. Die Zelle 
hätte sich dann früher geteilt als der Kern, und man müsste 
sich die Einschnürung der Kernfigur als eine Wirkung der gegen 
die Mitte fortschreitenden Zellfragmentierung entstanden denken. 
eine sehr gewagte Annahme, die die ganze Entstehungsmöglichkeit 
recht hinfällig erscheinen lässt. Zweitens könnten wir an eine 
noch nicht vollkommen durchgeschnürte Amitose denken, deren 
Tochterkerne sich nun aber auf eine mitotische Teilung vor- 
bereiten. Hier ist aber wiederum schwer zu erklären, wie in 
dem eingeschnürten Teile so viele Chromosomen zusammen zu 
liegen kommen. Es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass bei einer 
Amitose ein grosser Teil des Chromatins in dem Verbindungs- 
strang liegen bleiben sollte. So halte ich die dritte Erklärung 
für die wahrscheinlichste: Wir haben es hier mit einer typischen 
Haeckerschen Pseudoamitose zu tun, und zwar wäre an- 


(ber den Einfluss erhöhter Temperatur etc. 423 


zunehmen, dass der durch die Pseudoamitose entstandene hantel- 
förmige Kern bereits wieder in das Stadium der Prophase ein- 
getreten ist. Nun ist der Verbindungsstrang der beiden Teilkerne 
nach Haecker auf die Erscheinung zurückzuführen, dass die 
auseinander weichenden Tochterchromosomen durch Verbindungs- 
fäden noch im Zusammenhang bleiben, während sie bereits in das 
Stadium der Telophase und in die Bildung. des Ruhekernes ein- 
traten. (Geht nun ein derartiger durch Pseudoamitose entstandener 
hantelförmiger Doppelkern in das Prophasestadium über, so würde 
vom Boden der Individualitätslehre der Uhromosomen verständlich 
sein, wie gerade im Stiel der Hantel eine besondere Menge von 
Chromosomenanteilen zum Vorschein kommt. 

Auch die anscheinend gleiche Zahl der Chromosomen in den 
beiden Kerngebieten liesse sich mit dieser Annahme besser als 
mit den beiden ersten vereinbaren. 

Eine weitere Stütze erhält diese Annahme schliesslich noch 
dadurch, dass ich tatsächlich bei ähnlicher Behandlung eines 
Tieres typische Pseudoamitosen gefunden habe, bei welchen an- 
scheinend sämtliche Tochterchromosomen noch durch Stiele zu- 
sammenhängen. Die Zellgrenze konnte ich in dieser Figur nur 
andeuten, da sie sehr schräg zur Schnittebene verlief (Textfig. 49). 


Anhang. 
Alkohol- und Cocainversuche. 


Zum Schlusse will ich noch auf einige Befunde eingehen, 
die ich bei den bereits erwähnten Alkohol- und Cocain- 
versuchen gemacht habe. Wie schon gesagt, fanden sich diese 
Abnormitäten nicht als Regel; sie sind jedoch interessant genug, 
um noch erörtert zu werden. Da treten vor allem oft die von 
Haecker beschriebenen Pseudoamitosen auf. Sie sind, wie 
gesagt, darauf zurückzuführen, dass bei einer sonst ziemlich 
normal verlaufenden Mitose die Tochterchromosomen relativ lange 
mit ihren Enden zusammenhängen bleiben, während die entgegen- 
gesetzten Enden sich schon zum Idiomer umwandeln. Dies wird 
z. B. durch Textfig. 50 veranschaulicht. Man sieht noch die Ver- 
bindungsbrücken der Uhromosomen, die hier allerdings schon teil- 
weise auseinander gerissen sind. Die Enden der Chromosomen 
haben sich bereits zu Idiomeren umgebildet, deren homogene 
Struktur mir allerdings nicht ganz normal erscheint. Das Bild 


A24 Alfred Tobras: 


Fie. 49. 


Fie. 50. 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur ete. 425 


erinnert stark an das vom „nachhinkenden“ Chromosom (Textfig. 7). 
Während wohl dieses Bild noch von jedem für eine typische Mitose 
gehalten werden wird, ist dies für Textfig. 51 nicht so klar. und 
man könnte, wenn man nicht alle Zwischenglieder sähe, sehr 
leicht in die Versuchung kommen, sie für eine wirkliche Amitose zu 
halten, da die Idiomeren, die man ja zwar noch gut unterscheiden 
kann, sehr dicht aneinander gelagert sind. Ein fortgeschritteneres 
Stadium solcher Psendoamitosen zeigt Textfig. 52; hier befinden sich 
die beiden Tochterkerne bereits im Wachstumsstadium mit zahl- 
reichen Nukleolen, sie hängen aber immer noch deutlich zusammen. 

Sehr instruktiv ist noch Textfig. 55. Es handelt sich hier 
um die Kernteilung zum II-Zellenstadium. Bei normalen Tieren 
ist es ja schon lange bekannt, dass die väterlichen und mütter- 
lichen Kernanteile in diesem Stadium vollkommen selbständig 
bleiben, und Haecker hat auch gezeigt, dass sich oft zwischen 
beiden eine deutliche Phasendifferenz erkennen lässt. Das wird 
in diesem, bei einem Cocainversuche entstandenen Bilde noch 
besonders klar: während von einem Kernanteil die Idiomeren 
ganz normal ausgebildet sind. hängen bei dem anderen die 
Chromosomen noch zusammen, nur ihre Enden beginnen sich zu 
Idiomeren umzuwandeln, ein ähnliches Bild wie Textfig. 50 und 51. 


. 


Zusammenfassung. 

1. Bei der Behandlung der Cyelopseier mit erhöhter Tempe- 
ratur kam nur die Temperatur selbst als ein den 
Teilungsmodus beeintlussender Faktor in Betracht: die 
Wirkung der durch die Temperaturerhöhung hervor- 
gerufenen Änderungen des Gehalts an O2. UOs, N, H»S, 
NH, und Salzen konnte als unwesentlich eliminiert werden. 

2. Es zeigte sich, dass die vom Muttertier abgelösten Ei- 
ballen sich normal entwickelten. 

3. Die Wirkung erhöhter Temperatur auf die Ovidukteier 
äusserte sich neben Zerfallserscheinungen und verfrühter 
dizentrischer Wanderung der Spindel vor allem darin, 
dass die Chromosomenpaare der biserialen Anordnung die 
Tendenz zeigten, sich voneinander zu trennen, jedes Paar 
für sich ein idiomerenähnliches Gebilde darstellend. 

4. bei den Reifungsteilungen behielten diese Gebilde 
ihre Selbständigkeit bei: sie wanderten einzeln nach der 


426 Almeida N oibrra'se 


Eiperipherie und waren teilweise sogar imstande, selb- 
ständig eine Reifungsteilung durchzuführen. Die Chromo- 
somen des weiblichen Vorkernes bildeten keinen einheit- 
lichen Kern, sondern die aus ihnen entstandenen Idiomeren 
blieben selbständig und wanderten so auf den Spermakern 
zu zur Kopulation. Ausserdem wurden einige Male multi- 
polare Reifungsteilungen und tangentiale Richtungskörper- 
spindeln gefunden. 

Öfters konnten tripolare Mitosen im ungefurchten 
Ei beobachtet werden. 
Auch in den Furchungsstadien zeigte sich die Neigung 
der Idiomeren, selbständig zu bleiben: das ging so weit. 
dass sie überhaupt nicht zusammenflossen, sondern jedes 
einzelne für sich ein typisches Wachstums- und Prophase- 
stadium durchmachte mit wohlausgebildeten Nukleolen 
und deutlichen Chromosomen. Die darauf eintretende 
Anaphase war dann oft infolge des weiten Auseinander- 
liegens der Uhromosomen mehr oder weniger unregel- 
mässig. Ähnliche Verhältnisse zeigten auch die Gonomeren. 
6. Bei Zurückversetzung der Eier in normale Tempe- 
ratur zeigten sich manchmal typische Pseudoamitosen, 
die bei vielen Eiern eines Tieres immer noch durch 
ihren Verbindungsstrang zusammen blieben, obgleich sie 
sich schon auf die nächste Teilung vorbereiteten. 
Bei einigen Alkohol- und Cocainversuchen wurden 
ähnliche Pseudoamitosen erzielt, wie sie Haecker und 
Schiller für Äther- und Chloroformbehandlung be- 
schrieben haben. 


(el 


/um Schluss möchte ich Herrn Professor Dr. Haecker für 
die Überlassung des Themas und seine Hilfe, desgleichen Herrn 
Professor Dr. Brüel für die wertvollen Ratschläge zur kritischen 
Behandlung der Fragen meinen herzlichsten Dank aussprechen. Für 
die chemischen Untersuchungen haben Herr Professor Dr. Vor- 
länder und Herr Professor Dr. Tubandt mir ihre Laboratorien 
bereitwilliest zur Verfügung gestellt und mich mit ihrem Rate 
unterstützt, auch ihnen sowie ihren Herren Assistenten Dr. Riedel 
und Hellthaler bin ich zu grossem Danke verpflichtet. 


| 


Über den Einfluss erhöhter Temperatur ete. 42 


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rs A 


Uber den Eintluss erhöhter Temperatur etc. 429 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel XVII. 


Sämtliche Zeichnungen sind mit Zeichenapparat und Reichert Immers. 1Sc 
und Kompens.-Okul. 12 angefertigt. ausser Fig. 8, bei der en Reichert- 
Apochromat 1.5 benutzt wurde. 


Fig. 1. Cyelops viridis, Oviduktei, biseriale Anordnung mit „Streifen“ und 
Sphären. 

Fig. 2. Cycelops albidus, Oviduktei, 4h bis 25°, biseriale Anordnung mit 
Uhromosomenversprenzung. 

Fig. 3. Uyclops viridis, Reifung. Ih bis 24°, vierpolige Mitose, 

Fig. 4. Cyelops viridis, Furchung, Ih 31°, Umwandlung der Chromosomen 
zu Idiomeren. 

Fig. 5. Cyelops viridis, Furchung, 2h 35°, Lochkern. 

Fig. 6 und 7. ÜUyelops viridis, Furchung,. Ih 12° 34°, Idiomeren in Prophase. 

Fig. 8. Cyelops viridis, Furchung, 1h 35°, Idiomeren mit spiralig gewundenen 
Doppelehromosomen. 

Fig. 9. Cyelops viridis, Furchung, Ih 12’ 34°, die Membranen der Idiomeren 
haben sich autgelöst. 

Fig. 10. Cyelops viridis, Furchung, 1h 12° 34°, unregelmässige Anaphase. 


Aus dem histoloeischen Laboratorium der medizinischen Hochschule für Frauen 
in St. Petersburg. 


Die Nervenendapparate 
im Pericardium des Menschen und der Säugetiere. 


Von 
Prosektor Dr. W. Martynoff. 


Hierzu Tafel XIX und XX. 


Die Frage über die Nervenendapparate im Herzbeutel der 
Säugetiere und des Menschen ist noch relativ wenig studiert 
worden. wenngleich in der Literatur bereits Untersuchungen 
einiger Forscher. hauptsächlich von J. Skworzoff (1) und 
J. Jantsehitsch (2) vorliegen. Die Untersuchungen von 
Skworzoff stammen aus dem Jahre 1574 und sind am Peri- 
cardium der Katze und des Hundes vermittelst der Vergoldungs- 
methode von Cohnheim ausgeführt. Skworzoff kommt zum 
Schluss, dass der Herzbeutel arm an Nerven ist. Nervenstämmcehen 
sind in ihm fast ausschliesslich entlang den Gefässen angeordnet, 
nur in seltenen Fällen gehen von einem Nervenstämmchen ein- 
zelne Nervenfasern zum Gewebe des Herzbeutels selber ab, in 
dem sie sich verlieren. 

/u anderen Resultaten gelangte Jantschitsch, der fast 
gleichzeitig mit Skworzoff mit derselben Methode an Katzen 
und Fröschen gearbeitet hat. Nach ihm ist das Pericard sehr 
reich an Nerven: es können zwei Arten von Nervenstämmchen 
unterschieden werden, die einen verlaufen zu den Gefässen, die 
anderen verzweigen sich im Gewebe des Pericardiums selber. 
Im Verlauf der Nervenstämmchen finden sich Gruppen von Zellen, 
die den Charakter von Nervenzellen haben sollen. 

Diese Angaben sind fast alles. was bisher über die sensiblen 
Nervenfasern im Herzbeutel der Säugetiere bekannt ist. Ich 
entschloss mich daher in Anbetracht der geringen und zum 
Teil unvollkommenen Angaben. diese Frage einer Untersuchung 
zu unterziehen und wenn möglich die vorhandenen Befunde zu 
vervollständigen. 


2 r . « - 15) 
Die Nervenendapparate im Pericardium des Menschen etc. 431 


Als Untersuchungsobjekt diente mir das Pericard vom 
Menschen, vom Affen, vom Pferde. von der Kuh, vom Hunde 
und von der Katze. 

Der Herzbeutel besteht, wie bekannt, aus zwei eng mit- 
einander verbundenen Membranen, einer äusseren fibrösen und einer 
inneren serösen. Letztere zerfällt in zwei Blätter, ein parietales 
und ein viscerales, mit dem Herzmuskel eng verbundenes. Die 
fibröse Membran verwächst bloss an der Basis des Herzbeutels, 
nicht mit dem parietalen Blatte der serösen Membran: sonst sind 
diese beiden Gebilde überall dicht miteinander verschmolzen. 
Eine scharfe Grenze zwischen der fibrösen und serösen Membran 
ist nicht erkennbar, da die Fibrillenbündel der einen unmittelbar 
in die andere übergehen. Die Oberfläche der serösen Membran 
wird von einem einreihigen, flachen Epithel ausgekleidet. 


Zur Untersuchung benutzte ich nur die fibröse Schicht des 
Herzbeutels und das parietale Blatt ihrer serösen Schicht: die 
pericardiale Pleura löste ich ab. 


Die Färbung der Nerven mit Methylenblau führte ich folgendermassen 
aus: der Herzbeutel wurde zunächst sorgfältig in erwärmter physiologischer 
Kochsalzlösung ausgewaschen. Von der Oberfläche des Herzens schnitt ich 
dünne Muskelplättchen, die vom Epicard bekleidet waren, ab, wusch sie aus 
und legte sie mit dem Epicard nach oben in tiefe Petrischalen ein; die Ober- 
fläche dieser Schnitte wurde mit 'sproz. Methylenblaulösung befeuchtet und 
auf diese der Herzbeutel mit seiner vom Epithel bekleideten Oberfläche nach 
unten gerichtet aufgelegt. Die Aussenfläche feuchtete ich desgleichen mit 
''sproz. Methylenblaulösung an. Die Schalen mit den Präparaten wurden 
darauf für 2—2'/» Stunden in den T'hermostaten bei einer Temperatur von 
37° C. eingestellt. Im Verlaufe dieser Zeit wurde die Oberfläche des Präparates 
zweimal mit derselben Methylenblaulösung befeuchtet: das erste Mal nach 
einer Stunde und nicht früher, da sich in diesem Falle die Nervenapparate 
nicht färbten, das zweite Mal 1'» Stunden nach der ersten Färbung. Nach 
der Färbung wurden die Präparate für 24 Stunden in eine Sproz. Lösung 
von molybdänsaurem Ammon, dem bisweilen eine geringe Menge Formalin 
zugesetzt war, eingelegt: darnach wurden sie 3—4 Stunden in einer grossen 
Menge destillierten Wassers ausgewaschen, entwässert, aufgehellt und in 
gewöhnlicher. Weise in Xyloldamarlack eingeschlossen. 

Durch dieses Verfahren war die Möglichkeit gegeben, die Verteilung 
der Nervenfasern und deren Endapparate auf arossen Abschnitten des Herz- 
beutels zu untersuchen. 


In der Wand des Herzbeutels sind die Nervenstämmchen 
verschieden verteilt: ein Teil verläuft entlang den Gefässen, der 
andere unabhängig von ihnen. Beide Arten von Nervenstämmechen 


432 W. Martynoft: 


geben Astehen ab, die in benachbarte Stämmcehen übergehen, so 
dass in der fibrösen Schicht des Herzbeutels ein weitmaschiges 
(reflecht entsteht. Die Mehrzahl der Fasern sind marklos: fast 
in jedem Stämmehen sind jedoch, wenn auch in geringer Zahl, 
verschieden dicke markhaltige Fasern vorhanden. Viele der 
letzteren teilen sich an den Ranvierschen Schnürringen: die 
Teiläste sind bald marklos, bald markhaltig: die ersteren teilen 
sich auf ihrem weiteren Verlauf noch mehrfach. Dieser Befund 
weist somit darauf hin, dass viele von den in den Bestand eines 
Nervenstämmchens eingehenden marklosen Fasern ursprünglich 
markhaltigen angehören. Stellenweise liegen im Verlauf der 
Nervenstämmcehen bald einzelne, bald Gruppen (zu 15—20) von 
Nervenzellen. Von diesem Geflecht wehen Äste zur serösen 
Schicht. in welcher sie ein zweites (Geflecht bilden, das viel 
schwächer ausgebildet ist und hauptsächlich aus marklosen Fasern 
besteht. Von letzterem (reflechte entspringen feinste Nervenfasern, 
die fast unmittelbar unter dem Epithel in varıköse Nervenästchen 
zerfallen. die wiederum miteinander anastomosieren und ein recht 
dichtes Netz bilden — das subepitheliale Netz (Fig. 13). 

Im Verlaufe der Nervenstämmechen sondern sich von den- 
selben stellenweise sowohl markhaltige als auch bereits marklos 
gewordene Fasern ab. die nach einem gewissen Verlauf sensible 
Apparate bilden: die marklosen (sympathischen) Fasern verlaufen 
ausschliesslich zu den Blutgefässen. 

Hinsichtlich der Nervenendapparate des Menschen und der 
Säugetiere ist der Unterschied zu vermerken, dass eingekapselte 
Nervenapparate ausschliesslich im Herzbeutel des Menschen an- 
getroffen werden. während die uneingekapselten sowohl beim 
Menschen als bei Tieren vorhanden sind. 


Eingekapselte Nervenapparate. 

/u den eingekapselten Nervenapparaten gehören die 
Körperchen von Golgi-Mazzoni, die sowohl in der fibrösen 
als auch in der serösen Schicht des Herzbeutels liegen (Fig. 1. 2). 
Diese Apparate werden in einer recht grossen Zahl angetroften: 
an den Verzweigungen einer markhaltigen Faser können 4—S 
derselben vorhanden sein. Da sich dieselben in ihrem Bau gar 
nicht von den an anderen Stellen beschriebenen unterscheiden, 
so gehe ich auf eine weitere Schilderung nicht ein und will 


Die Nervenendapparate im Pericardium des Menschen etc. 433 


nur bemerken, dass die an diese Körperehen herantretende feine 
Faser sich sehr schwer färbt. 


Uneingekapselte Nervenapparate. 


Zu diesen Apparaten gehören, soweit ich nach meinen 
Beobachtungen beurteilen kann: 1. die uneingekapselten Knäuel: 
2. baumförmige Apparate: 3. modifizierte baumförmige Apparate. 

l. Die uneingekapselten Knäuel (Fig. 3. 4) sind bereits im 
Epicard beschrieben worden (A. S. Dogiel[4]). In ihnen endigen 
sowohl dünne wie auch dickere markhaltige Nervenfasern. Die 
Knäuel werden bald nur von einer Nervenfaser, bald von mehreren 
(2—3) gebildet. Im ersteren Falle sind die Knäuel in Gruppen 
angeordnet, wobei sie von Teilästen einer einzigen Nervenfaser 
gebildet werden: im zweiten Falle werden nur vereinzelte Knäuel 
angetroffen. Die zum Knäuel ziehende Nervenfaser verliert in 
einer verschiedenen Entfernung von ihm ihre Markscheide. worauf 
der nackte Achsenzylinder sich verzweigt und rasch in eine grosse 
Anzahl feiner Fädchen zerfällt: letztere verzweigen sich mehr- 
fach, winden sich mannigfach in verschiedenen Ebenen, durch- 
tlechten sich untereinander. anastomosieren miteinander und 
bilden einen ungemein dichten Knäuel. Die Fäden desselben sind 
stets sehr fein und bald mit kleineren. bald mit grösseren, ver- 
schieden gestalteten (runden, spindelförmigen, vieleckigen) Vari- 
kositäten besetzt. Die Form der Knäuel ist sehr mannigfach: 
eiförmig,. rund, am häufigsten unregelmässig: sie hängt offenbar 
von der Struktur des umgebenden Gewebes ab. Die Knäuel 
liegen sowohl in der fibrösen als auch der serösen Schicht des 
Herzbenutels. 

2. Baumförmige Endverzweigungen (Fig. 5). Dieselben sind 
bekanntlich in verschiedenen Bindegewebsgebilden vorhanden und 
am Herzen bereits von verschiedenen Forschern beschrieben worden. 
so im Epicardium (A. S.Dogiel [4], im Endocardium (A. Smirnoff 
5]. V.Schmidt [6], A.S.Dogiel [4| und andere). Auch ich habe 
sie häufig auf meinen Präparaten gesehen. Auf ihre Beschreibung 
werde ich nicht weiter eingehen, ich weise nur auf einige Modifi- 
kationen hin, die ich Gelegenheit hatte, zu beobachten. 

a) Die erste in der fibrösen Schicht des Herzbeutels anzu- 
treffende Modifikation ist folgende: eine feine, markhaltige Faser 
durchläuft nach Verlust ihrer Markscheide eine beträchtliche 


434 W. Martynoff: 


Strecke, teilt sich darauf reichlich und zerfällt in eine recht 
grosse Anzahl feiner, varıköser, sich ihrerseits mehrfach teilender 
und miteinander anastomosierender Fäden. Infolge der Anasto- 
mosen erhält der Apparat das Aussehen eines Netzes, was offen- 
bar einigen Forschern die Veranlassung gab, derartige Endver- 
zweigungen als besondere Nervenapparate zu beschreiben. Die 
Form und Grösse ist sehr mannigfach: bald sind sie getrennt 
blattförmig. bald in Gestalt von vieleckigen und eiförmigen 
Plättehen usw. Gewöhnlich sondern sich von einer der Endver- 
zweigungen ein oder mehrere feine, variköse Ästchen ab, die 
nach kurzem Verlauf sich abermals rasch teilen und einen neuen 
ähnlichen Apparat bilden, aus dem dann wiederum feine Ästchen 
zur Bildung eines 3., 4. usw. Apparates entspringen. Sämtliche, 
in den Bestand eines derartigen zusammengesetzten Körperchens 
eingehenden Endverzweigungen liegen den Bindegewebsfibrillen- 
bündeln an und nehmen ein recht beträchtliches Gebiet ein (Fig. 6, 
7 und 8). 

b) Die zweite Modifikation baumförmiger Endverzweigungen: 
erinnert an die zuerst von A. Dogiel (4) an der Übergangs- 
stelle der Muskein in die Sehnen beschriebenen Apparate. In 
dieser Weise endigen gewöhnlich Fasern mit einer dicken Mark- 
scheide und Schwannschen Scheide. In der Mehrzahl der Fälle 
verläuft eine derartige Faser, nach ihrer Abzweigung vom Nerven- 
stämmchen, in schlangenförmigen Windungen zur Oberfläche eines 
Bindegewebsfibrillenbündels, bildet darauf einen Bogen und teilt 
sich alsbald in 2—3 dicke markhaltige Äste. Letztere bilden 
einige schlingenförmige Windungen, verlaufen in umgekehrter 
Richtung zum Verlauf der dieken markhaltigen Faser zurück, wobei 
jeder Ast an den Ran vierschen Schnürringen in 2—3 ähnlich 
gewundene Äste zerfällt; diese verlieren schliesslich ihre Mark- 
scheide. Die marklos gewordenen Fasern teilen sich abermals und 
anastomosieren miteinander, infolgedessen schliesslich ein ganzes 
Bündel von marklosen feinen Fibrillen entsteht, die die Bindegewebs- 
fibrillen umflechten. Diese Endfibrillen sind sowohl auf ihrem Ver- 
laufe als auch am Ende mit verschieden gestalteten Varikositäten 
besetzt. Derartige Apparate werden in den tieferen Lagen der 
serösen Schicht des Herzbeutels angetroffen (Fig. 9). 

c) Zu den modifizierten baumförmigen Endapparaten müssen 
auch diejenigen gezählt werden, die von markhaltigen Fasern 


Die Nervenendapparate im Pericardium des Menschen ete. 435 


gebildet werden, welche von den in dem Herzbeutelgewebe an- 
geordneten Nervenstämmcehen abgehen. Recht häufig verlieren die 
Fasern ihre Markscheide noch innerhalb des Nervenstämmchens 
und ziehen nach dem Austritt aus demselben eine weite Strecke 
als marklose Fasern: diese verlaufen senkrecht zur Längsachse 
der Bindegewebsfibrillenbündel. In gewisser Entfernung von- 
einander entspringen von der Faser alsdann mehr oder weniger 
feine Ästchen, die nach mehrfacher Teilung in eine grosse An- 
zahl feiner Fädchen zerfallen. Diese anastomosieren stellenweise 
miteinander und bilden Schleifen, die in der Mehrzahl der Fälle 
parallel der Längsachse der Bindegewebsfibrillenbündel ausgezogen 
sind. Nach Abgabe auf einer relativ kurzen Strecke einiger 
(4—6) Ästehen endigt die Nervenfaser selber ebenso wie ihre 
Teiläste (Fig. 10 und 11). Diese Apparate liegen sowohl in der 
fibrösen als auch der serösen Schicht des Herzbeutels. 

Zum Schluss will ich noch auf Apparate hinweisen. wie 
einer derselben auf Fig. 12 abgebildet ist. Diese Apparate werden 
eewöhnlich von dicken markhaltigen Fasern gebildet, welche von 
den in der fibrösen Schicht des Herzbeutels gelegenen Stämmchen 
abgehen. Nach dem Austritt aus dem Nervenstämmchen windet 
sich die Faser stark und teilt sich hierbei mehrfach. Die mark- 
losen Teiläste verlaufen zur Oberfläche des Epicards. teilen sich 
hier rasch, infolgedessen eine grosse Anzahl feinster Nerven- 
fäden entsteht, die auf einem kleinen Gebiet zusammengedrängt 
sind. Diese feinsten Nervenfädchen anastomosieren miteinander 
und bilden ein Nervenendnetz, das unter dem Epithel gelegen 
ist. Ob von diesem Netze Ästchen zum Epithel abgehen, habe 
ich nicht beobachtet. 


Nervenendigungen im Epithel. 

Hinsichtlich der Frage über die Endigung der Nerven im 
einschichtigen platten Epithel sind die Ansichten der Forscher 
widersprechend: die einen (Heymans[7]. Demoor [S] nehmen 
an, dass von dem unterhalb des Epithels gelegenen Getlechte 
feinste Fasern abgehen, die an die Epithelzellen herantreten 
und unmittelbar unterhalb derselben endigen; die anderen 
(Smirnow [5], Schmidt [6] beschreiben intraepitheliale Nerven, 
die vom subepithelialen Geflecht abgehen und in Gestalt von 


varikösen Fäden ins Epithel eindringen, wo sie zwischen seinen 
Archiv f.mikr. Anat. Bd.8S4. Abt.I. 29 


456 W. Martynoff: 


Zellen endigen. Ich selbst habe ungeachtet einer vollständigen 
Färbung der Nervenverzweigungen niemals intraepitheliale Nerven 
gesehen. Auf meinen Präparaten habe ich bloss feststellen können. 
dass von dem subepithelialen Getlechte feine Fasern abgehen. 
die sich unmittelbar unter den Epithelzellen erstrecken und auf 
ihrem Verlaufe kurze Fädchen abgeben, welche in knopfförmigen, 
den Basen der Epithelzellen anliegenden Verdiekungen endigen. 


Die mitgeteilten Beobachtungen ergeben somit. dass hin- 
sichtlich der Nervenendapparate der Herzbeutel grosse Ähnlich- 
keit mit dem Peritoneum und der Pleura hat, deren Endapparate 
ausführlich von A. S. Dogiel untersucht worden sind. 


Literaturverzeichnis. 

1. Skworzoff, J.: Material zur Anatomie und Histologie des Herzens und 
seiner Hüllen, St. Petersburg, 1874. 

2. Jantschitsch, J.: Material zur Anatomie der Nerven des Pericards. 
Journal für normale und path. Histologie und für klin. Medizin, herausgeg. 
von Rudneff, Bd. VIII, 1874. 

3. Dogiel, A.: Die sensiblen Nervenendigungen im Herzen und in den 
Blutgefässen der Säugetiere. Arch. f. mikr. Anat., Bd. 52, 1898. 

4. Derselbe: Endigungen sensibler Nerven in den Augenmuskeln und ihren 
Sehnen beim Mensciien und bei den Säugetieren. Bulletin de l’Acad&mie 
Imp. des Sciences, St. Petersburg, T. 20, 1907. 

5. Derselbe: Nervenendigungen in der Pleura des Menschen und der Säuge- 
tiere. Arch. f. mikr. Anat., Bd. 62, 1903. 

6. Smirnow, A.: Über die sensiblen Nervenendigungen im Herzen bei 
Amphibien und Säugetieren. Anat. Anz., Bd. 16. 1899. 

7. Schmidt, V.: Zur Innervation des Herzens. Sitzungsber. der Dorp. 
Naturforscher-Gesellsch., 1895. 

8. Demoor et Heymans: Etude sur l’innervation du coeur des vertebres 
aA l’aide de la methode de Golgi. Arch. de Biologie, T. 13, 1893—1894. 


37 


Die Nervenendapparate im Pericardium des Menschen ete. 45 
Erklärung der Abbildungen auf Tafel XIX und XX. 


Fig. 1. Körperchen von Golgi-Mazzoni aus dem Pericard des Menschen. 
Zeiss, Obj. II, Ok. I; doppelt vergrössert. 

Fig. 2. Körperchen von Golgi-Mazzoni aus dem Pericard vom Menschen. 

a = dicke, markhaltige Nervenfaser. Zeiss, Obj. DD., Ok. II. 

Uneingekapselte Knäuel aus dem Perikard des Pferdes. Zeiss, 

Obj. A, ORT. 

Fig. 4. Uneingekapselte Knäuel aus dem Pericard des Pferdes. Zeiss, 
Obj. DD, Ok. 1. 

Fig. 5. Baumförmiger Apparat aus dem Pericard des Menschen. a = mark- 
haltige Nervenfaser, die in weiter Entfernung vom Apparat die 
Markscheide verloren hat. Zeiss, Obj. A, Ok. II. 

Fig. 6. Modifizierter baumförmiger Apparat aus dem Pericard des Pferdes. 

a — eine an den Apparat herantretende Nervenfaser; b — eine 

aus dem Apparat austretende Faser. Zeiss, Obj. A, Ok. II. 

Ein Teil eines gleichen Apparates bei stärkerer Vergrösserung. 

Zeiss, Obj. DD, Ok. I. 

Fig. 8. Ein modifizierter baumförmiger Apparat aus dem Pericard eines 
Ochsen. a — markhaltige, an den Apparat herantretende Faser. 
Zeiss, Obj. DD, Ok. 1. 

Fig. 9. Ein modifizierter baumförmiger Apparat aus dem Pericard eines 
Ochsen. Zeiss, Obj. A, Ok. II. 

Fig. 10. Ein modifizierter baumförmiger Apparat aus dem Pericard eines 


Fie. 


ws 


e 
ne 
1 


Ochsen. a — markhaltige Nervenfaser, die in weiter Entfernung 
vom Apparat die Markscheide verloren hat. Zeiss, Obj. DD, 
Ok. 11. 


Fig. 11. Ein modifizierter baumförmiger Apparat aus dem Pericard des 
Menschen. a —= markhaltige, an den Apparat herantretende Faser. 
Zeuss, Ob. A, Ok. II. 

Fig. 12. Unterhalb des Epithels angeordnete Nervenfäden (b), hervorge- 
gangen aus der Teilung einer markhaltigen Nervenfaser (a), Peri- 
card eines Ochsen. Zeiss, Obj. A, Ok. II. 

Fig. 13. Subepitheliales Nervengeflecht aus dem Pericard eines Pferdes. 
Zeiss, Obj. DD, Ok. II. 


29* 


435 


Das zweite Fächertracheenpaar der mygalomorphen 
Spinnen. 


Von 
B. Haller. 


Mit 3 Textfiguren. 


Von alters her sind wir gewöhnt, das zweite Fächertracheen- 
paar der Mygalomorphen als dem ersten völlig gleichwertig im 
Bau zu betrachten, etwa so, wie die beiden Fächertracheenpaare 
der Pedipalpen. Diese Auffassung stammt noch von Cuviers 
Zeiten her und an ihr ist bisher auch nicht gerührt worden. 

In meiner vor 3 Jahren erschienenen Arbeit über die 
Atmungsorgane der Arachnoiden (4) habe ich die Araneen je 
nach dem Orte der Büscheltracheen in Protracheata (Dysderiden, 
Argyroneta), Opisthotracheaten und Urspinnen (OÖnopsiden, 
Caponiden) eingeteilt, wobei ich die Mygalomorphen mit den 
Protracheaten zwar nicht vereinigte, doch ihnen direkt anreihte. 
da ich jene von diesen ableite. Damit war also indirekt die An- 
nahme ausgesprochen, dass ich das zweite Fächertracheenpaar der 
Mygalomorphen von dem Büscheltracheenpaar der Protracheaten 
ableite.e Beweise lagen mir zwar dafür damals keine vor, doch 
sprach die gleiche Lage des Büscheltracheenpaares der Protra- 
cheaten mit der des zweiten Fächertracheenpaares der Mygalo- 
morphen sehr für meine Annahme. Dieser Umstand war wohl 
auch Bertkau massgebend. der wenigstens die Dysderiden unter 
meinen Protracheaten mit den Mygalomorphen in die Gruppe der 
„Tetrasticta“ vereinigt hatte (1). 

Es lag somit nur zu sehr auf der Tagesordnung die Frage 
nach dem Bau des zweiten Fächertracheenpaares der Mygalo- 
morphen. Um diese Frage zu lösen, bemühte ich mich in den 
3esitz von Atypus zu gelangen, allein weder an der Bergstrasse, 
wo er doch nach Koch (3) vorkommt, noch bei Bonn, wo Geheim- 
rat Ludwig die Güte hatte, für mich suchen zu lassen, und 
auch nicht bei Berlin war diese Mvgalomorphe dieses Jahr auf- 
zutreiben. Wohl der nasskalte Sommer war es, der diese sonnen- 


Das zweite Fächertracheenpaar der mygalomorphen Spinnen. 43) 


liebende Spinne sehr zurückdrängte — wenigstens an der Berg- 
strasse — sehr zugunsten des gleiche Lebensweise führenden, 
doch Kälte und niedrige Temperatur gut ertragenden Opistho- 
tracheaten (oelotes atropos Walck. Kein einziges Exemplar 
konnte ich von Atypus erhalten. 

Ein einziges, für histologische Zwecke völlig ungeeignetes 
Exemplar von Mygale avicularia diente mir zur Untersuchung, 
gerade noch genügend konserviert, um die gröberen Zustände 
der Atmungsorgane erkennen zu lassen. Damit bleibt die Frage 
unbeantwortet: wie weit sich das zweite Tracheenpaar der 
Mygalomorphen zur Fächertrachee umgeformt hat. Diese Frage 
zu erledigen, wird Atypus ein zweckmässigeres Material liefern, 
da geringere Grössenverhältnisse nicht nur, sondern auch die ge- 
ringere Widerstandsfähigkeit der dünneren Chitinhülle bei der 
mikroskopischen Technik in Frage kommen. 

Bei Mygale lagern die beiden Fächertracheenpaare jederseits 
der Genitalpapille an, wobei diese (Fig. 1A, gp) jedoch nur von den 
beiden vorderen Paaren seitwärts begrenzt wird (L). Die beiden 
hinteren Fächertracheen (L‘) überragen analwärts fast mit ihrer 
ganzen Länge die Genitalpapille.. Alle Fächertracheen, sowohl 
die vorderen als auch die hinteren, haben eine viereckige Form, 
wobei die beiden Längsseiten länger als die beiden Breitseiten 
sind. Mit ihrer hinteren Breitseite berührt die jederseitige 
vordere Fächertrachee die vordere bBreitseite der jeweiligen 
Hintertrachee. Entlang der ganzen hinteren Breitseite jeder 
der vier Fächertracheen befindet sich das Stigma oder die 
Trachealöfinung nach aussen. Es ist diese somit eine sehr lange 
Spalte und durchaus nicht eine kleine Öffnung, wie Cuvier (2) 
sie zeichnet. Die vier Fächertracheen sind durchaus gleich gross 
und haben die relative Grösse der Fächertracheen der Arani- 
morphen. 

Schon an dem noch nicht zerlegten Tiere war es mir auf- 
gefallen, dass im Stielchen jederseits vom Darme je eine Luft- 
 blase sich befand. Es war dies genauestens so, wie ich dies für 
diejenigen opisthotracheaten Spinnen berichtet habe, deren Hinter- 
trachee jederseits durch das Stielchen einen Tracheenast in den 
Cephalothorax entsendet. Auf einen Druck in die Gegend der 
Fächertracheen konnte dann diese Luftblase nach oral- oder 
analwärts verschoben werden. Nachdem ich dann aber das 


+40 BeHtanller: 


Stielehen durchschnitten und den Cephalothorax auf diese Weise 
vom Abdomen getrennt hatte, konnte ich durch einen Druck 
auf das hintere Fächertracheenpaar aus dem unter Wasser ge- 
legenen Abdomen fünf bis sechs grosse Luftblasen jederseits an 
dem Stielchen ausdrücken. doch immer auf jeder Seite auf 
einmal nur eine grössere Luftblase und nie viele kleine auf 


ar if 1 


iD; L 


sp 


Fig. 1A und B. 


Myzgale. A. Das ganze Abdomen von unten, nachdem das Stielchen quer 

durchschnitten wurde. B. Die vordere Hälfte des Abdomens von innen ge- 

sehen, nach Wegnahme des Darmapparates und der Genitaldrüse und nach 

Abtragen der ganzen dorsalen Seite. L = vordere, L' = hintere Fächer- 

trachee; q — Querverbindung zwischen den beiden hinteren Fächertracheen; 

T = Röhrentrachee aus dem hinteren Tracheenpaar in den Cephalothorax: 
gp — Genitalpapille. 


einmal. was ja nur aus vielen nebeneinander gelegenen höhrchen 
möglich gewesen wäre. Dementsprechend zeigte es sich auch 
bei Lupenbesichtigung, dass jederseits am Darme im Stielchen 
nur je eine weite Tracheenröhre sich befand (Fig. 1A, T, T’). 

Nachdem nach vorheriger Abtragung der dorsalen Körper- 
wand der Darm und die Geschlechtsdrüse aus dem Abdomen entfernt 
und das so erhaltene Präparat in Xylol aufgehellt wurde (Fig. 1b). 
konnte ich jederseits am Abdomen diese weite Röhre (T., T’) bis 
in die hintere Fächertrachee (L‘) verfolgen. Am hinteren äusseren 
hande der hinteren Fächertrachee mündete diese einheitliche 
weite Tracheenröhre in die Fächertrachee. Ausserdem waren 


Das zweite Fächertracheenpaar der mygalomorphen Spinnen. 


441 


die beiden hinteren Fächertracheen untereinander 


durch einen 
(uergang verbunden (4). 


Selbstverständlich war mein erstes daraufhin, den Cephalo- 
thorax auf die Tracheeisierung zu untersuchen und da zeigte es 
sich denn auch, dass, nachdem die jederseitige Tracheenröhre 
das Stielchen passiert und so in den Üephalothorax gelangt, sie 
ventralwärts in nach aussen gebogenem Verlaufe am inneren 
Rande der beinpaare nach oralwärts zu zog, um dann hinter den 


Cheliceren etwas nach innen zu biegen (Fig. 2, T). Jedes bein 


r 


Fig. 2. 


Mygale, von der ventralen Seite die Atmungsorgane eingetragen. 


erhält von der gleichseitigen Trachee einen Ast, ebenso gelangt 
ein Ast in die Chelicere und der Endast in die Kiefer. 


Vergleichen wir nun das hintere Fächertracheenpaar der 


Mygale mit dem Tracheenbüschel der Protracheaten. da am 


besten bekannt mit dem der Dysdera, so ergibt sich folgendes. 
Die bei den Dysderiden aus einer zueinander parallel gestellten 


442 B. Haller: 


und so übereinander liegenden Lagen von Röhrensystem gebildete 
Vordertrachee hat sich bei den Mygaloformen noch weiter kon- 
zentriert und ist auf diese Weise zu einem hinteren Fächer- 
tracheenpaar geworden. Dabei ist der Werdegang so vorzu- 
stellen — zukünftige histologische Untersuchungen möchten 
darüber entscheiden — wie ich dies bereits früher erörtert 
habe (4) und wonach die übereinander gelagerten Röhrenschichten 
miteinander verwachsen, wobei zwischen den Röhren in der- 
selben Schichtenlage die Seitenwände der Röhren bis auf ihr 
Fasersystem schwanden, die Interzellularmasse nämlich. Es ist 
dies aus der Struktur der Fächertrachee, wie sie nın zur Genüge 
bekannt ist, leicht verständlich und ich möchte diesbezüglich 
besonders auf meine Abbildung Fig. 20, Taf. III meiner zitierten 
Arbeit (4) verweisen. 

Wie bekannt, sendet jedes Tracheenbündel je ein Bündel 
Tracheen bei den Protracheaten in den Üephalotorax, das dann 
zum Teil in die Extremitäten gelangt. Dieser Zustand ist nun 
bei den Mygalomorphen überwunden, denn bei ihnen hat sich nur 
eine einzige Tracheenröhre aus jedem der beiderseitigen Tracheen- 
büschel für die Tracheeisierung des Cephalothorax erhalten, dafür 
sich aber mächtig entfaltet. 

Zeigen diese Zustände nun deutlich die Abstammung des 
zweiten oder hinteren Fächertracheenpaares aus je einer Büschel- 
trachee, so steht dafür gleichzeitig auch die Querverbindung 
zwischen den beiden hinteren Fächertracheen ein, die im Falle, 
dass die Vordertracheen sich rückbilden, bei den Aranomorphen, 
den Opisthotracheaten nämlich, noch als Rest erhalten bleibt (4). 
Andererseits möchte ich noch darauf hinweisen, dass die einfache 
Tracheeisierung des Gephalotorax vom zweiten Fächertracheenpaar 
aus ein Fingerzeig ist dahin, dass Ähnliches auch am ersten Fächer- 
tracheenpaar der Opisthotracheaten einstens sich fand, zu jener 
Zeit nämlich, als das Analtracheenpaar die Tracheeisierung des 
Cephalothorax noch nicht übernommen hatte und welche Längs- 
trachee ontogenetisch nach Jaworowski (5) sich noch zeigt. 
Dies habe ich schon früher ausführlicher erörtert. 

In dem hier für Mygale vorgetragenen Befund sehe ich 
gleichzeitig den Beweis dafür, dass die Mygaliformen von Proto- 
tracheaten direkt abstammen, wie ich dies bereits früher er- 
örtert habe (4). 


Das zweite Fächertracheenpaar der mygalomorphen Spinnen. 445 

Zum Schlusse mögen hier noch zur Bekräftigung jener 
obigen Auffassung über die Umbildung einer Büscheltrachee 
zur Fächertrachee die Zustände der Fächertrachee bei reifen 
Embryonen von Coelotes atropos besprochen werden. Es handelt 
sich um solche Embryonen, die völlig entfaltet sind und dem 
Ausschlüpfen nahe stehen (Anfang Juli). 

sekanntlich entfalten sich bei jungen Tieren mit dem Altern 
bei allen Spinnen noch neue Atemlamellen, weshalb es durchaus 
nichts Überraschendes ist, wenn bei manchen Formen wenigstens 
mit dem Endstadium der Eientwicklung des Embryo die Fächer- 
tracheenbildung noch keinen völligen Abschluss fand. 

Wie ein Querschnitt aus der Mitte der Fächertrachee zeigt, 
ist diese ihrem Bau nach noch keine vollendete Fächertrachee 
(Fig. 3). Vor allem ist da die noch sehr geringe Atemhöhle (ah) 
nicht nur durch ihren geringen Umfang, sondern auch durch 
ihre fast runde Begrenzung auffällig. Sie wird nach hinten der 
äusseren Mündung zu noch enger. Ferner ist es auffallend, dass 
obgleich medianwärts zu (z) die Atemlamellen bereits gut ent- 
faltet sind, dies lateralwärts zu noch nicht der Fall ist. Da 
finden sich vielmehr noch viele Tracheenröhren (z‘), die sich 
noch durchaus nicht zu Lamellen gruppiert haben, obgleich sie 
eine schichtenweise Übereinanderlagerung inne hatten. Von 
diesen Röhren reichen einige bis in das Stielchen hinein, doch 
sind sie dort schon ohne Lumen. Es sind dies jene höhren. 
die Jaworowskı bei Trochosa beschrieben hat. Auffallend 
ist es ferner auch, dass der peritracheale Blutraum (br) noch 
überall gleich mächtig ist und zu einer medianen Verlagerung 
desselben noch nicht gekommen ist. Das ganze Bild ist somit 
sehr ähnlich einer Büscheltrachee, etwa so wie die Vordertrachee 
der Dysdera. Bei jungen, das Ei verlassenen Tieren legen sich 
dann die lateralen losen Trachealröhren sich verkürzend in dichtere 
Schichten übereinander, so wie früher schon medianwärts an der 
äusseren Seite und indem die Atemhöhle von unten und lateral nach 
dorsalwärts sich ausdehnt, gelangen sämtliche laterale Atemröhren 
(z') nach medianwärts zu, wobei der frühere laterale Blutraum (br) 
durch die Ausdehnung der Atemhöhle nach lateralwärts zu von 
hier verdrängt wird, wodurch die Gefässräume der Fächertrachee 
in ihre definitive Lage nach medianwärts zu gelangen (4). Damit ist 
dann die definitive Fächertracheenentfaltung auch abgeschlossen. 


444 B- Hasen: 


Hierin zeigt sich aber auch deutlich genug die Entfaltung der 
Fächertracheen aus Büscheltracheen. nicht aber aus Ürustaceen- 
kiemen. 


Coelotes atropos, Walck. Querschnitt durch die Mitte der rechten 
Fächertrachee (sogenannte Lunge) eines fertigen, doch noch in der Eihülle 


gewesenen Tierchens. ah — Atemhöhle: ep = Hautepithel; br = lateraler 
Blutraum; z — mediale, z° — laterale Atemröhren; r = Quergang der 


rudimentären Vordertrachee. 


Damit glaube ich auch in dieser kleinen Schrift einen 
weiteren Beweis für die Abstammung der Arachnoiden von 
Tracheaten erbracht zu haben, womit die unrichtige Auffassung 
von der Abstammung der Arachnoiden von Xyphosuren wohl als 
erledigt betrachtet werden kann. 


Heidelberg, im Oktober 19135. 


Si} 


Das zweite Fächertracheenpaar der mygalomorphen Spinnen. 445 
Literaturverzeichnis. 


Bertkau, Ph.: Versuch einer natürlichen Anordnung der Spinnen. 
Troschels Arch., Bd. XLIV, 1. 

Cuviers: Lecons d’anatomie comp. 

Koch, ©.: Lebensweise und Vorkommen einer zentraleuropäischen Würg- 
spinne, Atypus Sulzerii, Latr. Zool. Garten, Jahrg. XII, 1871. 
Haller, B.: Über die Atmungsorgane der Arachnoiden etc. Arch. f. 
mikr. Anat., Bd. LXXINX, Abt. 1. 

Jaworowski, A.: Die Entwicklung der sogenannten Lungen bei den 
Arachnoiden etc. Zeitschr. f. wiss. Zool.. Bd. LVII. 


446 


Über die Abstammung der Ossa supracleithralia von 
der Epidermis bei der Forelle. 
Von 
B. Haller. 


Hierzu Tafel XXI. 


Nachdem Goronowitsch (1) und Julia Platt ©) 
vorgearbeitet, indem besonders ersterer das Einwandern von 
Mesenchymzellen vom Ektoderm aus bei Vögeln nachwies, war es 
bekanntlich Klaatsch (4), der in seiner meiner Ansicht nach 
höchst wertvollen Schrift den ursprünglichen Bildner des Knochen- 
gewebes im Ektoderm, das ist in der Epidermis, erkannte. Kaum 
war aber diese Schrift veröffentlicht, so trat schon der neuen 
Lehre C. Rabl (6) auf das Entschiedenste entgegen, indem er 
Klaatschs Befunde auf einen unerklärlichen Irrtum zurück- 
führen zu müssen meinte. 

Damit schien die Sache einschlafen zu wollen, denn obgleich 
Klaatsch an seinen Befunden festhält, hat er später die Ver- 
teidigung der Lehre nicht mehr aufgenommen. Da dann die 
gleichlautenden Befunde eines anderen Forschers von ihm selbst 
widerrufen wurden, so schien die Abstammung des Knochen- 
gewebes oder besser des Skelettgewebes von der Epidermis einst- 
weilen beseitigt. Ich habe- indessen die Befunde Klaatschs für 
Selachier und Amphibien kontrolliert und mich nicht gescheut. 
die bestätigten Befunde sogar in ein Lehrbuch (2) aufzunehmen, 
besonders aber war es die Entwicklung der von mir als Ossa supra- 
cleithralia bezeichneten zwei Paar Knochen bei Salmo aus der 
Epidermis, die ich nebenbei verfolgt hatte (3). 

Klaatsch nennt diese Anlage die Clavieulaanlage und sagt 
darüber (l. ec. S. 202): „Auf Fig. 7 habe ich einen Teil der 
Clavieularanlage vom 1,5 cm langen Salmo ‘salar dargestellt. Wer 
an solchem Objekt gesehen hat, dass dasselbe nichts anderes dar- 
stellt, als eine enorme Wucherung der Epidermis, der wird wohl 
den letzten Zweifel an der Richtigkeit meiner Annahme aufgeben. 
Das Bild spricht für sich, und ich brauche ihm nichts hinzuzu- 
fügen.“ Und doch wäre es gut gewesen, wenn Klaatsch gerade 


Uber die Abstammung der Ossa supracleithralia etc. 447 


dies ungemein beweiskräftige Objekt ausführlicher verfolgt und 
darauf als Beweismaterial das Hauptgewicht gelegt hätte. 

Ich habe über diese Ossifikation folgendes berichtet (3): 
„Es legen sich unterhalb der Seitenlinie gleich hinter dem 
Opeceularapparat, aus einer epithelialen Einsenkung, zwei knöcherne 
Spangen an, die dann nach ventralwärts wachsen bis zu dem 
primären Schultergürtel. Hier angelangt, kreuzen sie sich und 
die früher laterale Spange wird zur medianen, erreicht den 
primären Schulterbogen und legt sich ihm fest an seinem oral- 
wärtigen Rande an. In gleicher Lage wächst diese Spange ventral- 
wärts bis zum Ende des primären Schulterbogens. Indem dann 
diese Spange die Osteoblasten für den auf dem primären Schulter- 
bogen sich entfaltenden Coracoid abgibt, entfaltet sich die Spange 
zum Oleithrum und besitzt das Uleithrum selbst somit nie eine 
knorpelige Unterlage.“ Dann sagte ich: „Es findet eine Unter- 
brechung der Basalmembran am Boden der Grube (der Epidermis- 
srube, welche die Anlage der Supracleithralia darstellt) statt, doch 
erstreckt sich diese Unterbrechung nicht auf den ganzen Boden- 
teil der Grube, sondern nur auf das Zentrum des Bodens. Dies 
möchte ich ausdrücklich betonen, denn schon auf dem zweiten 
oder dritten Schnitte der Serie kann die Membran sich über die 
Grube hinwegsetzen und fehlt dann auf dem Schnitte die Unter- 
brecehung. . . . Über dieser Durchbrechung findet eine lebhafte 
Vermehrung der Epithelzellen der Keimlage statt, obgleich ja 
diese Lage noch lange nicht so ausgesprochen von den oberen 
Zellen des Epithels sich abhebt, wie bei dem entwickelten Tiere. 
Es entsteht dann als Teilungsprodukt jener Zellen eine grosse 
Zahl von Skelettoblasten, welche zapfenartig in das Unterhaut- 
gewebe hineinragen. Unter dem Zapfen befindet sich das ver- 
breiterte obere Ende der inneren Spange. Der Skelettoblasten- 
zapfen liegt fest der Spange nach aussen an: an den beiden dem 
Zapfen angrenzenden Rändern aber greifen die Skelettoblasten, 
im Gefüge locker werdend, auf die innere Seite der Spange über. 
Sie bilden dann um die Spange eine periostale Hülle und inner- 
halb der Hülle liegen Osteoblasten, von denen eine Lage der 
inneren Spangenseite fest anlagert. Die zwischen dieser und dem 
Perioste gelegenen haben bereits auch spärliche Zwischensubstanz 
abgeschieden. ..... Es bildet dann die Osteoblastanlage eine 
Scheide um die oberen Enden der Spangen, welche dann nach 


448 Beerbanklerz 


ventralwärts in das anliegende Gewebe allmählich übergeht und 
dann um das Periost die Spangen nach ventralwärts im Wachs- 
tum begleitet.“ 

Diese Angaben bezogen sich auf etwa 3 Wochen alte Tiere 
von Salmo irideus. Da ich mir nun zur Aufgabe gemacht habe, 
in vorliegender Schrift diesen Ossifikationsprozess aus der Epidermis 
ausführlicher zu verfolgen, als dies durch Klaatsch und mich 
geschah, um auf diese Weise diese Lehre von der ursprünglichen 
Abstammung des Knochenskelettes von dem Ektoderm nicht ein- 
schlafen zu lassen, so habe ich gleich mit beginnenden Zu- 
ständen angefangen. 

Bei Embryonen, bei denen das knorpelige Skelett zwar schon 
fertig, die beiden Supracleithralia aber erst angelegt werden, bildet 
das Epithel über dieser Anlage keine Grube wie bei jungen Forellen, 
sondern das Epithel bildet über dieser Anlage einen geringen 
Hügel, der dann nach allen Seiten sanft abfällt. Auch auf 
Horizontalschnitten gelangt dieser Hügel noch zum Ausdruck. 
Es zieht dann die Ossifikationsanlage nach ventralwärts, wie aus 
Fig. 1 auf einem Sagittalschnitte ersichtlich ist. Ich habe durch 
diese Anlage an den oben genannten Embryonen ein Horizontal- 
schnittserie von sechs Schnitten angefertigt. da ich auf diese 
Weise weit besser die ersten Anlagen zu erkennen hoftte, als auf 
Serien einer anderen Schnittrichtung. So war es denn auch. Der 
dorsalste Schnitt (Fig. 4) zeigt im Epithel gelegen, doch nach 
der Cutis zu vorgebuchtet, vier zu einem Ring vereinigte 
Zellen (b), die auf diese Weise ein Lumen umfassen, das keine 
irgend welche Füllung besass und darum auch nicht durch- 
tingiert war. Die äusserste der vier Epithelzellen des Ringes 
reicht bis an die Oberfläche der Epidermis, indessen ihre zwei 
unteren Fortsätze mit je einer Zelle sich verbinden. Der Ring wird 
dann auf die Weise der Cutis zu geschlossen, dass eine vierte Zelle 
mit den zwei oben genannten sich verbindet. Die kaudalwärtigste 
der vier Zellen unterscheidet sich jetzt schon dadurch von den 
drei anderrn, dass ihr Zelleib tiefer tingiert ist. Immerhin ist 
dieser Vierzellenring noch im Epithel gelegen und die Basilar- 
membran, allerdings sehr verdünnt, schliesst den Ring der Cutis zu 
ab. Schon der nächstfolgende Schnitt der Serie zeigt die Verhältnisse 
insofern anders, als der Ring weiter und seine innere Wand mehr- 
schichtig ist und der Ring als solcher schon, aus dem Epithel 


Über die Abstammung der Ossa supracleithralia etc. 449 


in die Cutis herausrückt. Der zweitfolgende Schnitt zeigt das- 
selbe in erhöhtem Maße (Fig. 5). Da ist der Ring schon ganz 
aus dem Epithel (e) in die Cutis gerückt und hängt mit ihm 
nur durch einen Epithelisthmus zusammen, webei selbstverständlich 
die Basilarmembran eben durch jenen Zusammenhang zwischen 
Epithel und dem Ossifikationsring da unterbrochen ist. Der 
Epithelring besteht jetzt aus einer äusseren zwei- bis drei- 
schichtigen Lage (a), welche eine innere nur einschichtige Lage (b) 
umschliesst. Diese innerste einschichtige Lage ihrerseits umfasst 
noch immer ein leeres Lumen und ihre Zellen unterscheiden sich 
von jenen der äusseren hingwand gleich wie die kaudalwärtige 
Zelle auf Fig. 4 durch eine tiefere Tinktion. 

Die nächstfolgenden Schnitte der Serie zeigen dann den 
Ossitikationsring ausser Zusammenhang mit dem Epithel, dieses 
ist dem Ringe gegenüber durch die tieftingierte Basilarmembran 
abgeschlossen. Dabei ist der ganze Ring diekwandiger, doch 
die einzellschichtige innere Hälfte des Ringes zeigt noch immer 
dasselbe wie früher, mit dem Unterschiede, dass das Ringlumen 
bereits Hartsubstanz ist, bis auf einen dünnen Spalt. der aber 
weiter nach ventralwärts auch ausgefüllt wird. Dabei sitzt jetzt 
noch die Hartsubstanz den freien Zellenden jeder Zelle so auf, 
dass ihre Zugehörigkeit zu je einer Zelle jetzt noch deutlich ist. 

Bei einem älteren Embryo, als der obige, erkannte man 
auch die Anlage des vorderen Supracleithralknochens, denn die 
beschriebene bezog sich auf den kaudalwärtigen. Die Anlage ist 
ganz genau so wie die beschriebene. 

Von einem dann noch etwas älteren, schon alten Embryo 
zeigte sich die ganze Ossifikation in stark vorgeschrittenem 
Stadium. Davon besitze ich Sagittalschnitte. Noch immer ist die 
Ossifikationsanlage ein Hügel (Fig. 1).. Man sieht die beiden 
Knochenanlagen, jene des kaudalen und oralen Supracleithrale (s s‘) 
schon stark vorgeschritten, doch auf den Schnitten immerhin 
nicht in ganzer Länge. Viel Hartsubstanz liegt schon zwischen 
den sich verästelnden und mit ihren Fortsätzen untereinander 
anastomosierenden Knochenzellen, indessen die äusseren Lagen 
der Osteoblasten mehrschichtig die Knochenanlagen umhüllen (ps). 
Beide Supracleithralanlagen hängen indessen mit ihrem Mutter- 
boden, dem Epithel (ep) des Hügels (b) durch die geradezu aus 
dem Epithel ausströmenden Osteoblasten ganz innig zusammen, 


450 B. Haller: 


genauestens so, wie ich das schon früher abgebildet habe. Hier 
auf diesem Schnitte ist dieser Osteoblastenisthmus (z) für die 
beiden Knochenanlagen eine gemeinsame, allein auf den nächst- 
folgenden Schnitten, auf mehr lateralwärtigeren, sieht man noch 
einen Zusammenhang zwischen der kopfwärtigen Seite des Epithel- 
hügels und der oralen Supracleithralanlage (s), von welchem Zu- 
sammenhang auf dem zu behandelnden Schnitte aber nur noch 
wenige Zellen sich hier zeigen (b). Dort auf jenem Schnitte war 
die Basilarmembran an der angegebenen Stelle völlig durch- 
brochen, zeigt hier aber nur noch einige siebförmige 
Öffnungen, durch die je ein Osteoblast auszutreten vermag. 
Dies wäre ein neuer Befund, denn wie gesagt ist an solchen 
Stellen, wo der Zusammenhang zwischen dem Epithel und der 
Skelettanlage ein kräftiger ist, die sonst gut tingierte Membran 
(mb), die „wie mit der Feder ausgezogen“ sich zeigt, völlig 
geschwunden. Die anliegenden Teile zeigen schon jenes obige 
Verhalten nicht mehr, doch schliesst sich die Basilarmembran nur 
allmählich, so dass man auch hier noch kleinere Öffnungen erkennt 
(Fig. 2), durch welche Sklettoblasten (z) in die Cutis austreten. 

Ich habe danach gesucht ob es denn ausschliesslich die 
Keimschichte des Epithels ist, weiche Skelettoblasten liefert, und 
tatsächlich macht der auf Fig. 1 abgebildete Schnitt an der Kuppe 
des Hügels jenen Eindruck, als wie wenn dem so wäre. ‚Jeden- 
falls sind die austretenden Epithelzellen, die Skelettoblasten, sehr 
nachgiebig und unter Umständen bei der Wanderung zusammen- 
drückbar, worauf der Umstand ja direkt hinweist, dass an solchen 
Stellen, an denen Verengung eintritt, Zellkerne der Druckrichtung 
entsprechend stark zusammengedrückt sein können (Fig. 1 ober- 
halb b\. 

Es ziehen ja die Osteoblasten entlang der ganzen Skelett- 
anlage, nach ventralwärts fortwährend die Hartsubstanz abscheidend, 
soweit sie aber zu Knochenzellen werden. bleiben sie stabil. nur 
die weiteren Nachschübe machen die Reise mit. Allein nicht alle 
diese Osteoblasten entstanden in der Epidermis, ein Teil sind 
Tochterkerne der von dort stammenden Osteoblasten selbst und 
die Zahl solcher sekundärer Bildner darf man keineswegs zu 
gering schätzen. In allen Fällen sind aber diese, ich möchte sagen. 
mitreisenden Osteoblasten mehr weniger spindelförmig und nur, 
wenn sie zu Knochenzellen werden, also stets jene der innersten 


Uber die Abstammung der Ossa supracleithralia ete. 451 


Zellschiehte, senden sie Fortsätze aus. Darum sind sie auch, soweit 
sie lose von aussen der Knochenanlage anlagern, zu unterscheiden 
von Zellen des embryonalen Bindegewebes (bz), die ja stets ver- 
zweigt sind und untereinander anastomosieren. 

Ein Querschnitt durch eine ausgeschlüpfte, noch mit Dotter- 
sack versehenen Forelle (Fig. 3) zeigt uns die Verhältnisse der 
Knochenanlagen insofern etwas anders, als der Hügel, wohl in- 
folge des starken Zuges, welche die Supracleithralanlagen nun auf 
das Epithel infolge ihrer Schwere ausüben, nicht nur verstrichen 
ist, sondern statt seiner eine wenig tiefe Mulde entsteht. wie 
ich dies schon früher beschrieben und abgebildet habe. Bei solchen 
jungen Tierchen sind schon zahlreiche subepitheliale Chromato- 
phoren vorhanden, die stellenweise schon eine Schichte unter der 
Basilarmembran bilden (pz). 

Die Fortsätze solcher Zellen bilden bekanntlich dadurch, 
dass sie entlang der Basilarmembran hinziehen, unter dieser eine 
dünne Schichte. Nie findet sich eine solche Schichte zwischen 
Epithel und dem Osteoblastenisthmus (z) der Skelettanlage, da 
Osteoblasten und Epithel eben zusammenhängen und an solchen 
Stellen auch die Basilarmembran durchbrochen ist. 

Wie ich schon in meiner zitierten Arbeit mitgeteilt habe, 
ist die Stelle, an der Skelettanlage (s, s‘) und Epithel miteinander 
zusammenhängen eine sehr beschränkte. Hinzuzufügen hätte ich 
noch, dass jene Austrittsstelle von Skelettoblasten,. die beim 
Embryo oralwärts für die oralwärtige Skelettanlage bestand 
(Fig. 1b), bei ausgeschlüpften Forellen sich nicht mehr findet, 
obgleich der Hauptzusammenhang (Fig. 32) ebenso mächtig ist 
als ehedem. 

Nach diesen Angaben und der Besichtigung der beigegebenen 
Tafel möchte man aber doch annehmen, dass von nun an diese 
Ossifikationsstelle sachlich genau geprüft wird, um die Klaatschsche 
Lehre neuerdings und mit mehr Ruhe wie bisher zu diskutieren 
und es nicht darauf ankommen zu lassen, dass die Sache ganz 
einschlafe und vielleicht nach langen Jahren die Befunde wieder 
entdeckt würden. So etwas bezeichnet ja immer eine Befangen- 
heit für jene Zeit, in der die Lehre zuerst ausgesprochen ward. 

Heute freilich dürfte man ja auch der Auffassung, wonach 
Mesenchymzellen auch bei den Ammnioten aus dem Ektoderm 


austreten. ohne direkt zu Skelettoblasten zu werden und welche 
Archiv f.mjikr. Anat. Bd.84. Abt.I. 30 


452 B. Haller: Über die Abstammung der Ossa supracleithralia etc. 


Zustände seinerzeit für die Vögel Goronowitsch geschildert 
hatte, vertrauensvoller entgegentreten, obgleich scharfe Gegner 
in grösserer Zahl auch heute nicht fehlen werden. Von Seiten 
solcher wird aber diese Lehre auch nicht sofort anerkannt werden. 
Sicher treten Skelettoblasten aber entgegen Klaatsch aus dem 
Epithel oder Ektoderm bei den Amnioten nicht mehr heraus, 
sondern bloss Mesenchymzellen, deren Nachkommen oder besser 
Tochterzellen erst zu solchen werden, denn jener primäre 
Zustand der direkten Beteiligung des Ectodermes an 
der Skelettbildung, wie sie Ichthyden und Amphibien 
heute noch zeigen, hat bei jenen aufgehört. 


Heidelberg, im Dezember 1913. 


Literaturverzeichnis. 


1. Goronowitsch, N.: Untersuchungen über die Entwicklung der soge- 

nannten Ganglienleisten ete. Morphol. Jahrb., Bd. XX, 189. 

Haller, B.: Lehrbuch der vergleichenden Anatomie. Jena, 1904. 

Derselbe: Der Schultergürtel der Teleostier. Arch. f. mikr. Anat,, 

Bd. LXVI, 1903. 

4. Klaatsch, H.: Über die Herkunft der Skleroblasten. Morphol. Jahrb., 
Bd. XXI, 1894. 

5. Platt, J.: Ectodermis Origin of the Cartilages of the Head. Anat. 
Anz., Bd. VIII, 1893. 

6. Rabl, ©.: Verhandl. d. Anatom. Gesellschaft. 8. Versammlung, 1894. 


mw 


Erklärung der Abbildungen auf Tafel XXI. 


Bezieht sich alles auf Salmo irideus. Vergrösserung °s. 


Fig. 1. Alter Embryo. Sagittalschnitt. Reichert. ep= Epithel; h = 


Hügelkuppe: mb — Basilarmembran; z — aus dem Epithel aus- 
tretende Osteoblasten; s, s' — Skelettanlagen; bz — Bindegewebs- 
zellen; b — austretende Zellen. 

Fig. 2. Schnitt folgt bald auf den vorigen. 

Fig. 3. Junge Forelle mit Dottersack. Querschnitt. m — Mulde; pr = 
Pigmentzellen. Sonst wie zuvor. 

Fig. 4. Junger Embryo. Horizontalschnitt. e —= Epithel; b = Skelett- 
anlage. 


ee 


Physikalische Behandlung biologischer Probleme. 


Von 


Richard Geigel. 
Hierzu 2 Textfiguren. 


„Mathematics and Mitosis“ ist ein Aufsatz von Prof. Marcus 
Hartog betitelt,') in dem der Autor die Darlegungen bekämpft, 
die ich unter der Aufschrift „Zur Mechanik der Kernteilung und 
der Befruchtung“ in diesem Archiv?) gegeben habe. In einer 
Angelegenheit. der nur wenige mit eigener Kritik folgen können 
oder zu folgen Lust haben, pflegt der Recht zu behalten, der 
das letzte Wort spricht, und damit es nicht den Anschein hat, 
dass ich mich für widerlegt halte, bin ich genötigt, auf die Aus- 
führungen von Hartog zu erwidern. 

Zunächst muss festgestellt werden, dass der „zytologische 
Freund“, der mich irregeleitet hat (misled him), nicht existiert. 
Wohl gibt es Histiologen von Fach und Ruf, die ich Freund 
nennen darf, aber keiner hat an meiner Arbeit irgend einen 
Anteil, nur dass, wie ich schon erwähnte, Sobotta mir schöne 
Präparate von Mitosis zum eigenen Studium freundlichst über- 
liess. Ziel und Zweck meiner Arbeit hat auch er erst nach 
deren Druck erfahren, und ich bin, wie ich ausdrücklich erkläre, 
für diese meine Arbeit ganz allein verantwortlich, und wenn ich 
mich geirrt haben sollte, will ich nicht auch noch andere, ganz 
Unschuldige, mit ins Verderben reissen. Ich habe aber nicht geirrt. 

Ich habe versucht, unter den Bewegungsvorgängen, die sich 
bei der Karyokinese abspielen, einen der mathematischen Analyse 
zu unterziehen, der die Phase betrifft, in der die Tochterchromo- 
somen sich vom Äquator weg gegen die Zentrosomen hin bewegen. 
Hartog bestreitet mir die Berechtigung, dabei überhaupt genaue 
Gleichungen aufzustellen, sie kämen in so verwickelten Verhält- 
nissen überhaupt nicht in Frage (in such complexe case equitations 
are quite out of the question). Man müsse sich mit dem Nach- 


!, Arch. f. mikr. Anat., Bd. 83, Abt. II, S. 370 ff. 
?, Ebenda, Bd. 80, Abt. II, S. 171 ff. 


454 Richard Geigel: 


weis begnügen, dass ein Faktor eine Funktion eines anderen sei, 
mehr könne man nicht verlangen. Das bestreite ich und glaube 
auch gezeigt zu haben, dass man wirklich mehr kann, und 
dass es gelingt, diesen in der Tat relativ einfachen Bewegungs- 
vorgang mathematisch zu behandeln. Ich weiss freilich wohl, 
wenn unser einer die Hilfsmittel der Infinitesimalrechnung auch 
auf seinem eigenen Arbeitsgebiet. dem medizinisch-biologischen, 
anwendet, so hat er eigentlich zweierlei Leute um Verzeihung 
zu bitten: die Physiker und Mathematiker im besten Fall wegen 
der Ausführlichkeit und Mühseligkeit der Entwicklungen, auf 
jeden Fall aber seine eigenen Fachgenossen dafür, dass er solches 
überhaupt kann. 

Weiter macht Hartog den Einwurf, dass meine Gleichungen 
nur ein Zentrum annehmen, während wirklich zwei, die beiden 
Zentrosomen, im Kalkul berücksichtigt werden müssten. Wenn 
damit gesagt werden soll, dass die beiden Chromosomenreihen 
von beiden Zentren aus angezogen werden, ist der Einwurf sicher 
falsch. Es sind zwar zwei Kraftzentren da (eigentlich leugne ich 
ja, dass überhaupt eines da sei), d. h. es sind zwei Zentrosomen 
während der Anaphase zu sehen, von denen man glaubt, dass 
sie als Kraftzentren auf die Chromosomen wirken. Aber es ist 
nicht anzunehmen, dass jedes Zentrosoma auf die beiden Reihen 
der äquatorial gestellten Chromosomen anziehend wirke, und wie 
ich glaube, hat dies bis jetzt auch wirklich niemand angenommen. 
Mit Recht, denn gar nichts spricht dafür. Wäre es der Fall, so 
müsste es doch ab und zu vorkommen, dass die Anziehung des 
einen Zentrums auf die Chromosomenreihen die des anderen 
Zentrums überträfe, sei es, dass die anziehende Kraft grösser 
oder der Abstand kleiner wäre als gegen das andere Zentrum 
hin. Und dann müssten die Chromosomen alle zusammen gegen 
das eine Zentrosoma hin wandern, das andere bekäme gar keine. 
Aber auch angenommen, die Anordnung der Teile wäre allemal 
Pi PD: 
X Ta 
wäre (wenn p die beschleunigende Kraft und h den Abstand von 
der äquatorialen Ebene bezeichnet, auf deren beiden Seiten sich 
die Tochterchromosomen befinden), dann müsste notwendig ein 
Bewegungsvorgang sich vollziehen, der, soviel ich weiss, niemals 
bei der Anaphase gesehen worden ist. 


mit mathematischer Genauigkeit so getroffen, dass stets - 


Physikalische Behandlung biologischer Probleme. 455 


Ich will mich nur der allereinfachsten Hülfsmittel bedienen 
und nur eine geometrische Anschauung davon geben, welche Be- 
wegung ein Chromosoma (Ch, Fig. 1) einschlagen muss, das von 
beiden Zentrosomen (C, und (C,) zugleich angezogen wird. Wir 
wollen als einfachsten Fall annehmen, jedes Zentrosoma ziehe 
mit der gleichen Kraft das Chromosoma an, wenn es gleichweit 
von Ihnen entfernt ist. Beide Zentrosomen sollen auch gleichweit 
vom Aquator AB entfernt sein. die Achse werde durch den 
Aquator wirklich halbiert. Der Abstand beider Zentrosomen 
voneinander betrage 10 u. das Chromosoma stehe von der Achse 
5 « entfernt und wie alle seine Genossen in Äquatorstellung um 
1 « vom Aquator entfernt. Die ganze Reihe der Chromosomen 
sei also vom einen Zentrosoma um 9 «u, vom anderen um 11 u 
entfernt. Die Voraussetzung, dass die Anziehungskraft von den 
Zentrosomen aus mit dem (Quadrat der Entfernung abnimmt, sei 
gegeben. Dann wirken im ersten Zeitteil auf das Chromosoma 
zwei Zugkräfte, die (Fig. 1) als Strecken im richtigen Verhältnis 
aufgetragen sind, das Chromosoma muss also den Weg zurück- 
legen, den die Resultante des konstruierten Parallelogramms 
darstellt. Man sieht deutlich, dass die Bewegung der Chromo- 
somen zuerst vielmehr gegen die Achse zu als vom Äquator 
weg stattfmden muss. Das ist auch selbstverständlich, denn zer- 
legt man die Vecoren der Kräfte in zwei zueinander senkrechte 
Komponenten entsprechend der Richtung der Achse und der des 
Aquators, so ergibt sich, dass die axialen Komponenten einander 
entgegensetzt, die äquatorialen aber im gleichen Sinne wirken. 
Die Summe der letzteren also verringert den Abstand von der 
Achse, die Differenz der ersteren den vom Äquator. Eine weitere 
Betrachtung ergibt leicht, dass unter diesen Verhältnissen jedes 
Chromosoma einen Weg gegen das Zentrosoma zurücklegen wird 
entlang einer nach oben konkaven Kurve, die anfangs ganz flach, 
später steiler und im allerletzten Augenblick, im Zentrosoma 
selbst, der Achse parallel verläuft, hier also ins Unendliche geht. 
Worauf es hier ankommt, ist dies. dass die Anziehung von beiden 
Zentrosomen aus eine rasche Annäherung aller Chromosomen 
gegen die Achse zu herbeiführen muss, sie müssen sich bedeutend 
zusammendrängen, bevor sie nur in erheblicherem Maße vom 
AÄquator gegen das nähere Zentrosoma vorrücken. Ich glaube 
nicht, dass dieser Vorgang den beobachteten Tatsachen entspricht, 


456 Richard Geigel: 


ich habe solches weder je im Mikroskop noch in Abbildungen 
gesehen. Ich halte diese theoretisch geforderte Annäherung gegen 
die Achse aber für einen wichtigen Punkt für oder gegen die 
Annahme einer Attraktion vom Zentrosoma aus überhaupt, denn 
auch bei der Anziehung von nur einem Zentrum aus muss sie 
sich, wenn auch in nicht so starkem Maße, geltend machen. Wir 
werden später noch einmal darauf zurückkommen. 


[, 


_ th 


MM 


Rosie 


Auf S. 372 spricht Hartog von meinen Gleichungen als 
„unmöglich oder unsicher“ (impossible or uncertain equalities); 
„und eine ungerechtfertigte Genauigkeit der Schlussfolgerung ist 
eine der schlimmsten Formen der Ungenauigkeit“ (and an unjusti- 
tiable preeision of statement is one of the worst forms of inaccuracy. 


Physikalische Behandlung biologischer Probleme. 457 


So lange mir nicht nachgewiesen wird, dass meine Gleichungen 
unmöglich oder unsicher sind und dass ich aus ihnen unberechtigte 
Schlüsse gezogen habe, kann ich diesen Vorwurf kalt ablehnen. 
Hartog glaubt übrigens in viel genauerer Form zum nämlichen 
Resultat wie ich gekommen zu sein. dass die axialen Chromosomen 
bei ihrem Marsch anführen, die peripherischen zurückbleiben und 
zwar durch die Betrachtung seiner beiden Fig. 1 und 2. 


C, 


Ch 


[, 


Fig. 2. 


Auf den ersten Blick erkennt man in ihnen äquiponentiale 
Kurven um zwei Zentren, die in seiner Fig. 1 elektrostatisch 
ungleichnamig, in Fig. 2 gleichnamig geladen sind. Leider sind in 
seiner Fig. 2 die orthogonalen Trajektorien nicht auch gezeichnet, 
wie in Fig. 1, sonst würde man leicht eine Bestätigung dessen 


455 Richard Geigel: 


erkennen, was ich weiter oben ausgeführt habe für den Fall, dass 
die Chromosomen von beiden Zentren aus angezogen werden. 
Zieht man durch die äquiponentialen Kurven seiner Fig. 2 senk- 
rechte Linien auf die Tangenten, so ergibt sich in der Tat, dass 
in der Nähe des Äquators die Richtung dieser Kraftlinien unver- 
gleichlich mehr gegen die Achse als gegen den Pol hinweist, und 
dass im weiteren Verlauf die Kraftlinien eine konkave, immer 
steiler werdende Kurve gegen das Attraktionszentrum darstellen 
werden, ist augenscheinlich. Diese Einschnürung des Chromosomen- 
bündels müsste erst noch einmal nachgewiesen werden, wenn die 
Lehre von den zwei attraktiven Zentren zu Recht bestehen sollte. 

Wenn ich die Hypothese, dass die Chromosomen von den 
Zentrosomen angezogen werden, auf Grund meiner Unter- 
suchungen verwerfen musste, so legte ich die mir aus eigener 
Anschauung und noch mehr aus der Literatur bekannten Bilder 
der Anaphase zuerunde und verglich sie mit dem, wie es 
theoretisch gefordert werden muss, wenn wirklich Attraktion vom 
Zentrosoma aus die Ursache für die Bewegung der Chromosomen 
abgibt. Ausdrücklich habe ich auch die Möglichkeit offen ge- 
lassen und berücksichtigt, dass die Bilder, die anscheinend konkav 
angeordnete Chromosomenreihen zeigen, perspektivisch gezeichnet 
und die Chromosomen in einer Ebene angeordnet sein könnten. 
Auch das erwies sich als der Theorie entgegen. Nun bringt aber 
Hartog in seiner Fig. 5 (nach Vejdowsky) ein ganz anderes 
Bild. in dem wirklich die zentralen Chromosomen den peripheri- 
schen gegen das Zentrosoma hin vorauseilen, sehr deutlich vor- 
auseilen. Hartog behauptet ferner, dass dies immer zutreffe, 
wenn die Zahl der Chromosomen eine grosse sei. Seien es aber 
nur wenige, so ordneten sie sich alle als ein Kranz oder eine 
Krone in der Peripherie an, und dann werden sie natürlich in 
ungefähr dem gleichen Maße vorrücken. Damit ist für mich 
die Sache wesentlich verschoben und zunächst muss von den 
/ytologen ausgemacht werden, ob dies zutrifft. Wenn ja, so fällt 
ein wichtiges Argument meiner Darlegungen, weil ihm die 
Prämisse entzogen wird, aber es fallen nicht alle meine Argu- 
mente. Nicht nur, dass die axialen Uhromosomen den peripheri- 
schen vorauseilen, wird nach der Attraktionshypothese zu fordern 
sein, wie es aus meiner theoretisch konstruierten Fig. 5 deutlich 
zu sehen ist. sondern auch ein immer näher Aneinanderrücken 


Physikalische Behandlung biologischer Probleme. 459 


der Chromosomen gegeneinander, je mehr sie sich vom AÄquator 
entfernen. Wenn vielleicht das auch von den Autoren eben 
nur nicht abgebildet worden ist („Oytologists naturally prefer 
such figures as are clear to decipher, and demonstrative for their 
purpose“), nun dann muss ich sagen, hört eben alles auf und 
ein redlicher Naturforscher muss es sich wohl überlegen, einen 
so trügerischen Boden zu betreten, auch wenn er mit so freund- 
lichen Worten dazu eingeladen wird, wie von Hartog. 

Die einzige Möglichkeit, wie das Zusammenwirken zweier 
Kraftzentren allenfalls die Bewegung der Chromosomen bewirken 
könne, scheint Hartog auch beim Anblick seiner Fig. 1 nicht 
erkannt zu haben. Nimmt man nämlich an, dass ein Chromosoma 
in der Tat von zwei Kraftzentren beeinflusst wird, zwar nicht 
von beiden angezogen, sondern von einem angezogen, vom anderen 
abgestossen, dann fällt die Schwierigkeit wegen der Annäherung 
gegen die Achse für einen Teil des Weges zum guten Teil fort. 
Dann summieren sich die axialen Komponenten beider Kräfte 
und nur die Ditferenz der äquatorialen Komponenten treibt die 
Chromosomen gegen die Achse, wie dies aus obenstehender Fig. 2 
ohne weiteres zu erkennen ist. Die orthogonalen Trajektorien in 
Hartogs Fig. 1 würden bei dieser Annahme ein recht gutes 
sild tür den Weg der Chromosonen abgeben. Allerdings ist auch 
unter dieser Annahme noch nicht alles erklärt. Am Ende ihres 
Weges müssten die Chromosomen doch näher aneinander stehen, 
und schliesslich warum treffen sie denn überhaupt das Zentro- 
- soma nie, von dem sie doch um so stärker angezogen werden 
müssen, je näher sie ihm kommen? Erlischt da zur rechten Zeit 
die Attraktion oder ist sonst ein Hindernis vorhanden ? 

Wie dem auch sei, jedenfalls muss. wer die Bewegung der 
Chromosomen der Kraftwirkung der Zentrosomen zuschreibt, 
notwendig wenigstens Anziehung vom einen und gleichzeitig 
Abstossung vom anderen annehmen. Zur Fernkraft kommt dann 
noch die Annahme der Polarität. Bleiben wir bei dem Beispiel 
elektrisch geladener Körper, nur um die Sache anschaulich zu 
machen, obwohl ich schon in meiner früheren Arbeit nachge- 
wiesen habe, dass von elektrostatischer Ladung in der Zelle 
nirgends die Rede sein kann. Dann wären die Zentrosomen un- 
gleichnamig geladen und die beiden Chromosomenreihen ebenfalls 
und zwar müssten sie so angeordnet sein, dass jedem Zentrosoma 


+50 Richard Geigel: 


die Reihe mit Ladung von entgegengesetztem Vorzeichen gegen- 
überstünde. Freilich käme dann eine neue Schwierigkeit. Jede 
Reihe von Tochterchromosomen wäre für sich gleichnamig geladen 
und die einzelnen Ühromosomen müssten bestrebt sein, auseinander 
zu weichen. 

Man bemerke aber wohl: Wenn die Sache sich wirklich so 
verhält. dass bei der Mitose eine Fernkraft und zwar eine von 
polarer Wirkung in der Zelle wirksam ist, dann liegt hier auch 
ganz sicher ein Fall vor, wo keine der bisher bekannten Fern- 
kräfte in Frage kommen kann, dann handelt es sich hier um ein 
weiteres Beispiel von Existenz einer neuen Fernkraft, die ich „vitale 
Attraktion“ getauft habe und unsere Kenntnisse davon wären durch 
den neu hinzugekommenen Begriff der Polarität höchst wesentlich 
erweitert. So angenehm mir persönlich dies auch sein müsste, 
kann ich den Beweis noch nicht für erbracht ansehen, dass Fernkraft, 
und nicht. wie ich angenommen habe, ein einfacher Wachstums- 
vorgang die Bewegung der Tochterchromosomen herbeiführt. 
Vielleicht aber gibt dieser Streit den Zytologen Veranlassung, 
die Mitose, speziell die Anaphase, von diesem Gesichtspunkt aus 
einer erneuten Untersuchung zu unterziehen. Wenn dann ganz 
authentische Bestimmungen von Ort und Zeit vorliegen, könnte man 
ja einen neuen Versuch mit der mathematischen Analysis machen. 

Wenn ich schon einmal beim Bitten bin, möchte ich gleich 
noch eine aussprechen. Nach dem, was ich gelesen, und nach 
dem wenigen, was ich selbst gesehen habe, kommt es mir so vor, 
als wenn das Zentrosoma, das ja nicht nur bei der Mitose, sondern 
auch sonst in vielen, namentlich jungen Zellen beobachtet wird. 
eine ganz andere biologische Rolle spielt, als man sie ihm bis 
jetzt zugetraut hat. Wenn man sich einmal von der Vorstellung 
frei gemacht hat, dass das Zentrosoma ein Attraktionszentrum 
darstellt, muss man, meine ich, eher den Eindruck gewinnen, 
dass es Bewegungsvorgänge hemmt. speziell die Kernsubstanz sich 
vom Leibe hält. Ich denke hier beispielsweise an die Bewegung 
des Kerns in Zellen des Zylinderepithels. Ich bemerke ausdrück- 
lich, dass ich hier keine Behauptung ausspreche, dazu halte ich 
mich nicht für berechtigt, sondern nur eine Vermutung, die sich 
ja auch als falsch erweisen kann. 

Jetzt kommen wir aber zum zweiten Teil meiner Arbeit 
und den Angriffen Hartogs auf denselben. Hier habe ich aus 


Physikalische Behandlung biologischer Probleme. 461 


Gründen, die ich nicht wiederholen will, die Bildung des eigen- 
tümlichen Empfängnishügels auf die Wirkung einer Fernkraft 
zurückgeführt, die vom ersten anrückenden Spermatozoon aus- 
geht und habe geradezu die Existenz einer neuen Fernkraft, der 
„Vvitalen Attraktion“, postuliert. Hier habe ich nebenbei auch von 
chemotaktischen Vorgängen gesprochen. Dabei macht es mir ja 
nichts aus, dass mir Hartog den Vorwurf der Unwissenheit 
macht, indem Chemotaxis meist nicht positive Annäherung, sondern 
negative, Vermeidung bewirke. Um so weniger kommt, dünkt 
mich, Chemotaxis bei der Bildung des Fol’schen Hügels in 
Betracht. 

Niemand darf, ohne gegen den Satz vom zureichenden 
Grunde zu verstossen, eine Wirkung ohne Ursache annehmen. 
Die Ursache für jeden Bewegungsvorgang heissen wir aber Kratt. 
Die Bildung des Fol’schen Hügels ist ein Bewegungsvorgang, 
und ich habe nach einer möglichen Kraft gesucht, der man nach 
unseren heutigen Kenntnissen eine solehe Wirkung zuschreiben 
dürfte, habe sie aber nach sorgfältiger Prüfung aller ausschliessen 
müssen und darauf die Annahme einer „neuen Fernkraft“ der 
vitalen Attraktion gegründet, immer unter der Voraussetzung, wie 
ich nochmals betone, dass der Bewegungsvorgang sich wirklich so 
vollzieht, wie er von den allerbesten Beobachtern beschrieben wird. 
Und nun verweist Hartog auf die Pseudopodien der Amöben usw. 
Da müsste erst noch nachgewiesen werden, dass die Pseudopodien 
auch die (Gestalt eines Rotationskörpers annehmen können, dessen 
Erzeugende eine Kurve der dritten Ordnung ist. Natürlich dürfen 
dann nicht äussere Umstände bestimmend mitwirken, wie wenn 
z. B. beim berühmten Cohnheim schen Versuch ein weisses 
Blutkörperchen sich durch die Gefässwand hindurchdrängt. Aller- 
dings gebe ich zu, dass die physikalische Behandlung der Tätig- 
keit von Amöben noch aussteht, sie muss aber vom physikalisch- 
mathematischen Standpunkt aus erfolgen. Übrigens ist das Ei 
zwar eine einzige Zelle wie eine Amöbe, aber entbehrt der 
amoeboiden Bewegungen, nur dem Spermatozoon schickt sie den 
Empfängnishügel entgegen, nur einmal und nur einem einzigen. 
Hartog verlangt eine physiologische Antwort, keine physikalische 
von mir. Der Schwellenwert komme in Betracht. Ein Reiz kann, 
sobald er den Schwellenwert überschritten hat, freilich m Orga- 
nismen und in Organen einen Vorgang, die Umsetzung potentieller 


462 Richard Geigel: 


Energie in kinetische, auslösen. Dann aber gehört der Vor- 
gang der Physik oder der Molekularphvsik, der Chemie. 

In meinen Untersuchungen spreche ich von Fernkräften, 
deren Wirkung mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt. Hartog 
verlangt die Berücksichtigung des Weber-Fechner’schen Ge- 
setzes, wonach die Wirkung arithmetisch zunimmt bei geometrischem 
Wachsen des Reizes, oder wie man diesseits des Kanals gewöhnlich 
sagt, wo die Wirkung proportional dem Logarithmus des Reizes 
wächst. Allein das Weber-Fechner’sche Gesetz ist ein Gesetz 
der Psychophysik, behandelt die Stärke der Empfindung bei 
wachsendem Reiz und hat mit Kräften und Bewegungen nicht 
das allermindeste zu tun. 

Unzählbar sind die Bewegungsvorgänge mannigfacher Art, 
die genau beobachtet und beschrieben worden sind. Man täte 
gut, nun endlich auch an die wichtige Aufgabe heranzutreten, 
die Ursache für diese Bewegungsvorgänge aufzudecken. Die 
Ursache kann allemal nur eine Kraft sein. 

(sewiss gibt es eine Menge von Bewegungsvorgängen, die 
viel zu kompliziert sind, als dass man sie einer mathematischen 
Analvse unterziehen könnte, es gibt aber auch einfachere, bei 
denen man solches wagen und durchführen kann. Auf alle Fälle 
sind wir aber durch das, was die Physik bis jetzt geleistet hat, 
schon fähig, unter den uns bekannten Naturkräften wenigstens 
eine ausfindig zu machen, auf deren Wirkung der beobachtete 
Bewegungsvorgang im allgemeinen zurückgeführt werden kann. 
Ob es eine auf molekularen Abstand nur wirkende Kraft, ob es 
Osmose, Imbibition, Obertlächenspannung usw., oder ob es eine 
Fernkraft ist, was überhaupt in Frage kommen kann, das muss 
jetzt schon herausgebracht werden können. Derartige Unter- 
suchungen sollten, wie ich meine, schon in der nächsten Zeit 
eine wichtige Rolle spielen. Freilich gehört dazu wenigstens 
ein gewisses Maass physikalischer Vorbildung, und speziell auf 
den Missbrauch möchte ich hinweisen, der mit der Annahme 
„elektrischer Ladung“, „magnetischer Anziehung“ u. dergl. von 
manchen Forschern vielleicht deswegen getrieben wird, weil gerade 
Elektrizität und Magnetismus zufällig für den Autor das aller- 
dunkelste Gebiet der Physik darstellen. 

Begnügt man sich nicht damit, Bewegungen in der organischen 
Welt als Lebensäusserung aufzufassen und zu bezeichnen, sondern 


Physikalische Behandlung biologischer Probleme. 463 


verlangt nach einer Ursache, also nach einer Kraft, und zeigt es 
sich dann, dass wir mit der Zahl der uns bisher bekannten Kräfte 
nicht auskommen, um den Bewegungsvorgang darauf zurück- 
zuführen, wird vielmehr nachgewiesen, dass keine derselben in 
Betracht kommen kann, nach allem, was von ihrer Wirksamkeit 
bisher erforscht wurde, dann und dann erst darf oder vielmehr 
muss eben eine „neue Kraft“ als tätig angenommen werden. Von 
der aber muss gezeigt werden, dass sie den Bewegungsvorgang 
wirklich so gestalten kann, wie es den Beobachtungen entspricht. 
Der erste, der nachweist, dass die „neue Kraft“ unnötig zur 
Erklärung ist, dass irgendeine der bisher bekannten auch nur in 
Frage kommen kann, wirft damit die Annahme einer neuen Kraft 
völlig über den Haufen. Deswegen sträube ich mich selbst immer 
noch gegen die Annahme einer Fernkraft bei der Karyokinese, 
weil immer noch Apposition neuer Teile, nach vorgegebenem 
geometrischen Plan, Wachstum, die nämlichen Bewegungsvorgänge 
herbeiführen könnte. obwohl ja manches recht gut mit der An- 
nahme verträglich wäre, dass anziehende, zugleich aber auch 
abstossende Fernkräfte dabei im Spiel sind. Ich glaube aber selbst 
fest, dass ich zu der Annahme einer vitalen Attraktion bei der Be- 
fruchtung, wie ich sie in meiner früheren Arbeit aufgestellt habe. 
durchaus berechtigt war und bin. Nach der negativen Seite hin, indem 
ich alle bisher bekannten physikalischen Kräfte ausschliessen konnte. 
nach der positiven wegen der überraschenden Übereinstimmung 
der Beobachtung mit der Theorie, der die Wirkung einer Fernkraft 
zugrunde gelegt war. Auf solche merkwürdige Rotationskörper wie 
der Empfängnishügel, deren Erzeugende eine Kurve der dritten 
Ordnung ist, mag man vielleicht in Zukunft sein besonderes Augen- 
merk richten. Es ist nicht unmöglich, sollte ich denken, dass sich 
das Wirken einer solchen vitalen Kraft an noch mehr Beispielen 
nachweisen lassen wird. Diese Beispiele können nur die Beobachter 
beibringen, also die Vertreter der beschreibenden Naturwissen- 
schaften. Wie wichtig es ist, dass auch ihnen die nötigen Kennt- 
nisse der exakten Wissenschaften nicht fremd sind, liegt auf der Hand. 

„Vitale Attraktion“ habe ich die neue Fernkraft genannt. 
Besser wohl heisst sie „vitale Fernkraft“, weil ein polarer Gegen- 
satz dabei wohl möglich ist, auch um anzudeuten, dass es sich 
nicht um Attraktion auf molekulare Entfernungen, chemische 
Affinität, handelt. 


464 Richard Geigel: Physikalische Behandlung ete. 


Nachdem ich, keck vielleicht, aber nicht leichten Herzens, 
sondern kühlen Kopfes, das Walten einer Kraft angenommen 
habe, die nur der lebenden Materie eigen ist, im Gegensatz zu 
den Kräften, die lebende und leblose Massen in ganz gleicher 
Weise beeinflussen, habe ich eigentlich auch keinen unerhörteren 
Gegensatz aufgestellt, als er zwischen Leben und Tod überhaupt 
und doch unleugbar besteht. 


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Tafelfigur CC. (Serie 3) 
Querschnitt durch die beiden Partes ventralis 
in der Höhe der Columna fornicis (c.f.). Man 
vergleiche etwa Textfigur H linke Hemisphaere. 


Habennla 


Sulcus dorsalis 
= Diencephali 


Primordium hippocanıpi 


-Stria mednllaris 
Herrick 


di-telencephale- 
Furche 


Sulens medius 
Diencephali 


Tracius corlico- 
habenularis 
(marklos) 


Tractns habenulo- 
--—thalamicus 
(markhaltig) 


=.-- Sulcus limit. hippoc. 


Nucleus 


Tractus corlico- 
__thalamicus 
(markhaltig) 


-medialis-— 


Tr. cortico- 
thalamicus 
(markhaltig) 


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= -Diencephali 


Suleus limitans 


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Tractus bulbocortic. 


Tafelfigur AAı. 


Gehirn eines ca 1jährigen Tieres 
von oben. 


Tafelfigur EE. Serie 2, AN 
Schnitt durch den Polus posterior med. Vhb. 
und den oralen Teil des Diencephalon 
(etwas combiniert). 


Fa ER 
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Tafelfigur AAa. 
Gehirn eines erwachsenen Tieres .--? Tractus cortico-habenularis 


medialis eruciatus Bulbulus 


Dame 


von oben. „ 
SSCOREITERER Comm. hippocampi r} seen 
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Kreuzung des lateralen % / 
nz Forderhirnbilndels 4 i 
Kreuzung des 4 ‚mp 
medialen Vorder-- p ap 2 


hirnblindels 


SI N 


SCH 


Tafelfigur Jd. 


Mitraliszelle (1) und nicht nervöse reg 

Zelle (2). Haematoxylinfärbung. Tafelfigur 66. 50% \ 

(Serie 23) Ventrikelependymzellen aus dem Pri- N 

N mordium hippocampi, darüber eine VAN 

i Ganglienzelle (Serie 52). Links eine ZOGH! 
Al gleiche Zelle golgificiert in bedeutend reazi } 

schwächerer Vergrösserung (Serie 23) 

/ 


A 


Nervus 
olfactorius 


„_Chiasma 


Recessus prae- 
optieus 


Tafelfigur FF 2 Tafelfigur HH 


B t Moosformige Gliazellen: \ 27 i pn 
a Tafelfigur DD. Serie 18, Transversalschnitt Schema der sscundhran Rischhahnen 2." 
[E Angulus ventralis (cf. Fig J1,2;S) (Serie52) 2 Weigertpraeparat (Ser. 7) urch die Lamina terminalis 


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